Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Lilli33:
Klasse!
Inhalt:
Rita Dalek ist 53 Jahre alt und arbeitet in einem Supermarkt. Das Leben hat ihr übel mitgespielt. Als sie in einer Bananenkiste einen außerordentlichen Fund macht, beschließt sie, dass sich von nun alles ändern wird. In welche Gefahr sie sich und ihre Nächsten bringt, ist ihr dabei nicht bewusst …
Meine Meinung:
Man muss ihn mögen, Aichners knappen, prägnanten Schreibstil, sonst wird man die Lektüre nicht richtig genießen können.
Und ich mag ihn sehr! Dass er lang rumschwafelt, kann man diesem Autor wirklich nicht vorwerfen. Sehr viele Kapitel bestehen nur aus Dialogen zwischen einem Polizisten und verschiedenen involvierten Personen - ohne einleitende oder ausschmückende Worte. Aber auch die normalen Erzählabschnitte - Rückblicke aus Ritas Sicht - sind eher einfach und schmucklos gehalten, die Sätze kurz und treffend. Und doch wird alles gesagt, was man wissen muss. Bernhard Aichner versteht es, auf diese Art sehr spannend zu erzählen. Praktisch in jedem Satz fühlt man die Gefahr, die auf Rita zurollt, später ihre Ängste, ihr Getriebensein, aber auch die Zuneigung zu ihrer Freundin Gerda.
Die Handlung entwickelt sich schnell und fesselnd. Mit häufigen Wendungen wird der Leser immer wieder überrascht. Trotz der knappen Worte erhalten die Figuren eine ausreichende Tiefe. Die Story ist haarsträubend, aber nicht unrealistisch. Und die Protagonistin Rita ist eine ganz wunderbare warmherzige Frau, der man ein bisschen Glück gönnen würde.
Fazit:
Wer bereits Aichner-Fan ist, darf diesen Thriller auf keinen Fall verpassen. Alle anderen können damit zum Fan werden, wenn sie bereit sind, sich auf den außergewöhnlichen Schreibstil des Autors einzulassen.
Ein verzwickter alter Fall
Der Verein der Linkshänder
Inhalt:
Van Veeteren geht auf seinen 75. Geburtstag zu, er fühlt sich alt. Da tut sich ein alter Fall neu auf, und Van Veeteren macht sich zusammen mit seiner Frau Ulrike Fremdli daran, die verknoteten Fäden zu entwirren.
Kurz danach wird in Schweden die Leiche eines Mannes gefunden. Hier ermittelt Inspektor Barbarotti.
Bald erkennt man eine Verbindung zwischen den beiden Fällen.
Meine Meinung:
Nessers neuestes Werk ist Teil seiner beiden Krimi-Reihen: Band 11 der Van Veeteren-Serie und Band 6 der Barbarotti-Reihe, denn beide Ermittler arbeiten hier zumindest teilweise in einem Fall zusammen. Für mich war es das erste Buch aus diesen Reihen; ich hatte aber nicht das Gefühl, dass mir Vorkenntnisse fehlten. Man kann es also ganz gut als Stand alone lesen.
Håkan Nesser versteht es, unaufgeregt und mit einem leichten, unterschwelligen Anflug von Humor zu erzählen. Auch wenn der Kriminalfall nicht besonders spektakulär und hochspannend daher kommt, ist das Buch doch literarisch ein Genuss.
Es gibt im Großen und Ganzen drei Erzählzeiten, zwischen denen hin- und hergesprungen wird. Da ist zum einen die Gründungszeit des Vereins der Linkshänder in den 1960er Jahren, dann ein Verbrechen im Jahr 1991 und schließlich die Ermittlungen in der Gegenwart 2012,
Der Fall entpuppt sich als sehr verzwickt, nachdem der vermeintliche Mörder von einst selbst als Opfer aufgefunden wurde. Mittlerweile ist sehr viel Zeit vergangen und die Spurenlage entsprechend dünn. So ziehen sich die Ermittlungen etwas hin. Als Leser ist man den Ermittlern dabei ein bisschen voraus, da man durch die Rückblicke mehr Informationen bekommt. So hatte ich dann leider auch schon recht früh einen Hauptverdächtigen, mit dem ich dann auch richtiglag.
Insgesamt konnte mich Nesser gut unterhalten, der Roman ist logisch und interessant aufgebaut und auch sprachlich ein Lesevergnügen.
Der bisher beste Band der Reihe
Der Verein der Linkshänder
Inhalt:
Nick Wahler tritt seinen Job als neuer Chef der Mordkommission in Itzehoe an. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit bekommt er es mit zwei verzwickten Fällen zu tun. An einer Tankstelle wurde nachts der Tankwart ermordet, und der alte Josef Hader ist in seiner Mühle zu Tode gekommen. Bald ergibt sich zudem eine Verbindung zu einem Cold case.
Der Fall der vor etwa zehn Jahren verschwundenen Anneke Jung wurde nie aufgeklärt. Frida Paulsen, Bjarne Haverkorn und ihre Kollegen haben alle Hände voll zu tun.
Meine Meinung:
Schon die ersten beiden Bände dieser Reihe haben mir gut gefallen, aber dieser übertrifft sie noch. Romy Fölck erzählt eine spannende Geschichte mit überwiegend sympathischen Figuren (zumindest auf Seiten der Polizei), wobei sie auch das Privatleben stark miteinbezieht. Hier ist es natürlich schön, wenn man die Protagonisten aus den Vorgängerbänden schon kennt, es ist aber nicht unbedingt notwendig. Den Hauptteil der Handlung nehmen die Kriminalfälle ein, die auch in diesem Band abgeschlossen werden.
Besonders schockierend empfand ich die Einschübe, die die Gedanken einer entführten Frau enthalten. Ohne wirklich groß ins Detail zu gehen, schafft die Autorin es hier, das Grauen für den Leser erlebbar zu machen. Das ist show, don*t tell auf hohem Niveau.
Ansonsten begleitet man als Leser die Ermittler bei ihrer mühseligen Arbeit, die insgesamt recht authentisch erscheint. Sie ist ausgezeichnet durch falsche Fährten, Rückschläge und bürokratische Hürden. Es gibt aber auch etliche sehr spannende Szenen, bei denen man das Buch unmöglich aus der Hand legen kann. Überhaupt versteht die Autorin es, durch geschickt platzierte Cliffhanger, den Leser bei der Stange zu halten.
Die Beschreibungen der Marschlandschaft sind wieder sehr gelungen. Auch ich als Süddeutsche kann mir diese Gegend dadurch sehr gut vorstellen.
Fazit:
Für Krimiliebhaber sehr zu empfehlen. Ein rundum gelungenes Leseerlebnis!
Die Reihe:
1. Totenweg
2. Bluthaus
3. Sterbekammer
Drama in drei Akten
Drei von Dror Mishani
Inhalt:
Orna sehnt sich nach der Scheidung wieder nach etwas Wärme und lernt über ein Dating-Portal Gil kennen. Emilia ist als lettische Pflegekraft nach Israel gekommen. Als ihr Pflegling stirbt, hängt sie in der Luft. Sie sucht ein Zuhause und wendet sich auf dem Weg dorthin Gott zu. Auch Ella ist auf der Suche nach einem Mann …
Meine Meinung:
Der Roman lässt sich nur schwer in eine Genreschublade pressen.
Das ist gerade das Besondere daran. Er ist aus drei Teilen aufgebaut, jeweils aus der Sicht einer der drei Frauen. Diesen kommt man dadurch recht nahe. Man erlebt ihre Gedanken und Gefühle hautnah und kann ihre Handlungsweisen gut verstehen. Sie wirken unspektakulär und authentisch. Der Mann blieb mir dagegen seltsam fremd, obwohl er eine große Rolle spielt und ich gerne mehr über ihn erfahren hätte.
Die Geschichte ist auf jeden Fall gut komponiert, wenngleich ich den Hype, den der Verlag darum macht, nicht ganz nachvollziehen kann. So absolut außergewöhnlich ist das Buch nun auch wieder nicht. Der Schreibstil ist gut und einfach lesbar, aber keineswegs trivial. Gerade im ersten Teil war ich noch nicht allzu sehr gefesselt, die Handlung fließt hier sachte vor sich hin. Doch immer mehr baut sich eine unterschwellige Spannung auf, die dafür sorgt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will.
Ein spritziges Märchenabenteuer
Drei von Dror Mishani
Inhalt:
Flora ist 16, als sie erfährt, dass sie eine Nachfahrin von Dornröschen ist und in ihr selbst Magie schlummert. Mit anderen Märchenfiguren, z.B. dem Schneewittchen Neva oder dem Rapunzel Val soll sie für eine seltsame Agentur arbeiten, die die Welt vor schwarzer Magie schützt. Dann werden auch noch alte Damen vom sogenannten Rosenkavalier entführt und nebenbei spielt Floras Herz verrückt, wenn sie in Hektors Nähe kommt.
Meine Meinung:
Von der ersten Seite an konnte Claudia Siegmann mich mit ihrer märchenhaften Geschichte packen. Als Leser ist man zunächst genauso ahnungslos wie die Protagonistin Flora, die einen mysteriösen Brief erhalten hat, der sie zu einer alten Mühle bestellt, um dort sogenannte Pflichtjahre abzuleisten. Erst nach und nach erfährt man, wer die verschiedenen Charaktere sind und was hinter der Agentur steckt. Und ich kann sagen, vieles scheint auf den ersten Blick ganz anders, als es wirklich ist. So konnte mich die Autorin immer wieder überraschen.
Flora war mir von Beginn an unheimlich sympathisch. Sie ist sehr warmherzig und hat das Herz am rechten Fleck. Dabei lässt sie sich aber nicht die Butter vom Brot nehmen, sondern versteht sich in gewissem Rahmen auch durchzusetzen.
Der Schreibstil ist locker und dynamisch. Manche Szenen sind zum Schmunzeln, andere zum Gruseln. Man fliegt geradezu durch das Buch und mag es zwischendurch kaum aus der Hand legen. Denn es ist auch total spannend. Mal ist es gefährlich, mal romantisch. Dann wiederum lernt man Märchenfiguren von einer ganz neuen Seite kennen. Eins steht fest: Langweilig wird es hier nie. Und deshalb warte ich schon gespannt auf den 2. Band, der glücklicherweise nur etwa ein halbes Jahr auf sich warten lässt.
Die Trilogie:
1. Das letzte Dornröschen
2. Die Rache der Fee (Frühjahr 2020)
3. Der Kuss der Wahrheit (Herbst 2020)
Ein Hauch von Ostalgie
Wie Frau Krause die DDR erfand von Kathrin Aehnlich
Inhalt:
Isabella Krause verdient sich mit der Schauspielerei mehr schlecht als recht ihre Brötchen. Bei einem Casting wird man auf sie aufmerksam, aber ganz anders als beabsichtigt. Isabella erhält den Auftrag, für die Fernsehserie „Wild Ost“ Menschen zu finden, die vor der Kamera von ihrem Leben in der DDR erzählen.
Isabella muss sich dabei mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Ein Problem ergibt sich dadurch, dass ihr Auftraggeber genaue Vorstellungen vom Leben in der DDR hat, die leider mit dem der Protagonisten gar nicht übereinstimmen wollen. Hier ist Isabellas Kreativität gefragt …
Meine Meinung:
Mit leichter Hand, locker und humorvoll stellt Kathrin Aehnlich uns die DDR vor. Sie erzählt von Menschen, die feierten und lachten und stolz auf ihre Arbeit waren. Von Menschen, die sich über ein Paket aus dem Westen freuten, aber auch von Menschen, die mit ihrem Leben einfach zufrieden waren. Die Autorin greift sämtliche Vorurteile auf, die der Westen vom Osten hat und der Osten vom Westen.
Ob man nun im Osten oder im Westen aufgewachsen ist, ich denke, dieses Buch wird alle Leser ein wenig berühren und Verständnis für den jeweils anderen Landesteil fördern. Im Großen und Ganzen zeigt es, dass die Menschen hüben wie drüben gar nicht so verschieden sind.
Ich habe das Buch sehr gern gelesen und mich gut unterhalten gefühlt. Der letzte Pepp hat mir allerdings gefehlt. Nichtsdestotrotz gibt es von mir eine klare Leseempfehlung.
Interessante Einblicke, locker aufbereitet
Tagebuch eines Buchhändlers von Shaun Bythell
Shaun Bythell ist der Besitzer des größten Buchladens in Schottland, wo er an die 100.000 Gebrauchtbücher führt. In seinem (fiktiven?) Tagebuch erzählt er von seinen alltäglichen Sorgen, Ärger mit Angestellten und Kunden, aber auch von den schönen Seiten seines Berufs.
Tag für Tag (außer Sonntag) begleiten wir den antiquarischen Buchhändler Shaun Bythell ein ganzes Jahr lang und erleben dabei Höhen und Tiefen dieses Berufs.
Die Eintragungen für jeden Tag beginnen mit der Anzahl der Online-Bestellungen und der dafür gefundenen Bücher. Oft bleiben die Bücher unauffindbar, da sie falsch einsortiert wurden - die Angestellte Nicky hat dafür immer eine ausgefallene Begründung parat - oder vielleicht gestohlen wurden.
Nach einigen herausragenden Ereignissen des jeweiligen Tages, ein besonderes Kundengespräch, Ankauf einer Büchersammlung, Schwierigkeiten mit dem Online-Bestell-System oder Ähnliches, endet der Tageseintrag mit den Tageseinnahmen und der Anzahl der Kunden, was in der Regel leider recht deprimierend ist.
Jedem Monat ist ein Zitat aus George Orwells „Erinnerungen an eine Buchhandlung“ aus dem Jahr 1936 vorangestellt, das von Bythell kurz kommentiert wird, indem er es mit seiner gegenwärtigen Situation vergleicht.
Bei allen Schwierigkeiten mit dem Konkurrenten Amazon und geizigen Kunden lässt Shaun Bythell aber auch immer wieder eine Begeisterung für den Beruf des Buchhändlers und für Bücher an sich durchblicken. Dies alles ist sehr interessant und gibt Einblicke in die Branche. Dabei lässt sich das Buch aber sehr locker lesen. Shaun Bythell schreibt oft sehr sarkastisch, manchmal geradezu böse, aber man muss auch immer wieder schmunzeln.
Ein bisschen öde fand ich die ständigen Wiederholungen. Andererseits macht gerade dies die Tagebucheinträge auch authentisch.
Unterhaltsamer Auftakt einer neuen Krimi-Reihe
Tod am Aphroditefelsen von Yanis Kostas
Inhalt:
Die junge Sofia Perikles kehrt aus London in ihre Heimat Zypern zurück. Hier kommt sie zu einem Job bei der Polizei wie die Jungfrau zum Kind. In dem heruntergekommenen Dorf Kato Koutrafas muss sie sich mit einem versoffenen Chief Inspector, ihren eigenen wirren Gefühlen und einem Todesfall herumschlagen.
Meine Meinung:
Yanis Kostas ist das Pseudonym des Autors Alexander Oetker, das er für diese Krimi-Reihe, die auf Zypern spielt, benutzt. Da sein Vater griechischer Zypriot ist und Oetker die Insel bereist hat, kennt er sich dort aus, was man meiner Meinung nach seiner Erzählung auch anmerkt.
Mich konnte dieser nette Krimi gut unterhalten, schon allein deshalb, weil die Protagonisten alle etwas skurril sind. So wurde ich immer wieder davon überrascht, was ihnen nun wieder einfiel. Dabei bedient der Autor auch sämtliche Klischees und Vorurteile, die man als Deutscher von Zyprioten hat, was aber nicht weiter stört, denn so ganz ernst sollte man diesen Roman wohl sowieso nicht nehmen. Dafür gibt es etliche Szenen, die zum Schmunzeln einladen.
Die Geschichte entwickelt sich langsam. Land und Leute werden den Lesenden nahe gebracht. Hierzu passt auch immer gut die Beschreibung verschiedener Gerichte oder Getränke bzw. Sitten.
Der Kriminalfall wirkt zunächst unspektakulär. Doch nach und nach kommt Spannung in die Handlung, und der Schluss gefiel mir richtig gut.
Fazit:
Für eingefleischte Hardcore-Krimileser ist diese Krimi-Reihe sicher nicht das Nonplusultra. Wer cosy Krimis mag, ist hier aber ganz gut aufgehoben.
Zu viel gewollt
Die Welt in allen Farben von Yanis Kostas
Inhalt:
Nova ist von Geburt an blind. Durch eine OP kann sie sehen. Doch muss sie es erst mühsam lernen. Und manchmal wäre sie lieber wieder blind.
Kate landet nach einem Streit mit ihrem Mann im Krankenhaus. Hier lernt sie Nova kennen. Die beiden ungleichen Frauen freunden sich an und helfen sich gegenseitig.
Meine Meinung:
Aus persönlichen Gründen interessieren mich Romane, in denen Blinde eine Rolle spielen, sehr. Deshalb habe ich auch zu diesem gegriffen. Was mit Novas Blindheit bzw. dem Prozess des Sehenlernens zu tun hat, hat mir auch recht gut gefallen. Man kann sich hier schön in die Protagonistin hineinversetzen und ihre Empfindungen, ihre Verwirrtheit ob der vielen neuen Eindrücke gut nachvollziehen.
Mehr Schwierigkeiten hatte ich mit Kate. Ihr Verhalten habe ich in den seltensten Momenten verstanden. Es wird auch nicht wirklich erklärt, warum sie so handelt, warum sie sich alles Mögliche gefallen lässt. Denn eigentlich wirkt sie anfangs gar nicht so verhuscht. Mir war es auch etwas zu viel an Problematik, was Joe Heap in diese Geschichte gepackt hat. Die Story artet gegen Ende sogar in einen Thriller aus. Der Autor hätte sich besser auf ein Thema konzentrieren und dies noch intensiver und emotionaler ausarbeiten sollen. Meiner Meinung nach hat er mehr gewollt, als dem Roman guttut.
Auch der Schreibstil war nicht ganz nach meinem Geschmack. Die Sätze sind meist kurz und emotionslos, obwohl die Geschichte eigentlich vor Emotionen nur so überlaufen müsste. Wenn die Protagonistinnen dann noch als „die Dolmetscherin“ oder „die Architektin“ oder gar „die andere Frau“ bezeichnet werden anstatt mit ihrem Namen, dann hält mich das total auf Distanz und verwehrt mir ein tiefes Eintauchen in die Handlung.
Fazit:
Der Roman hat gute Seiten, aber auch noch viel Verbesserungspotenzial.
Ein wunderbares Kleinod
Der Sprung von Simone Lappert
Schon mit ihrem Debütroman „Wurfschatten“ konnte mich die Schweizer Autorin Simone Lappert überzeugen. Mit „Der Sprung“ hat sie sich noch um Etliches gesteigert. Lappert erzählt mit einer unglaublichen Leichtigkeit von einem Viertel in einer Kleinstadt, wo sich die Wege der Bewohner kreuzen, manchmal nicht direkt, sondern über Eck, aber irgendwie hängt doch alles zusammen.
Nach und nach wird ein Netz der Beziehungen aufgebaut. Dabei bringt die Autorin die verschiedensten Themen auf den Punkt und lässt immer wieder auch philosophische Ansätze einfließen. Mit der Zeit entsteht ein vielschichtiges Bild einer Stadtgemeinschaft, wobei aber der einzelne Mensch sichtbar bleibt. Simone Lappert besticht durch eine feinsinnige Beobachtungsgabe, anhand derer sie uns die Protagonisten nahe bringt. Die einzelnen Episoden sind fesselnd und berührend. Sie machen traurig und wütend. Manche Sätze bringen einen aber auch zum Schmunzeln.
Aus der Perspektive von verschiedenen Personen erleben wir drei schicksalsträchtige Tage. Da wäre zum einen der Polizist Felix, der mit seiner schwangeren Freundin eigentlich glücklich sein sollte, es aber nicht kann. Oder Finn, der eigentlich eine Weltreise machen wollte, nun aber wegen Manu, in die er sich verliebt hat, zögert. In Marens Ehe steht es nicht mehr zum Besten, seit ihr Mann auf dem Gesundheitstrip ist. Auch die Geschichte des Obdachlosen Henry ist sehr berührend, ebenso wie die von Winnie, die von ihren Schulkameraden übel gemobbt wird. Diese Figuren und noch einige mehr spielen eine große Rolle in diesem tiefgründigen Roman. Sie alle werden beeinflusst von dieser Frau auf dem Dach, die in den Tod zu stürzen droht, warum auch immer.
Am Ende wissen wir mehr, aber nicht alles. Nur eins ist sicher:
„Nichts war wie vorher. Absolut gar nichts.“ (S. 317)
Fazit:
„Der Sprung“ ist eins meiner Jahres-Highlights. Mit viel Empathie und Gespür für Sprache lässt Simone Lappert die Leser*innen drei schicksalhafte Tage erleben, die so manches Leben umkrempeln.








