Kunden em pfehlungen
Rezensionen von La Calavera Catrina:
Wunderschön illustriertes Bilderbuch über einen hektischen Hasen
Eilig, so unglaublich eilig! von Christian Merveille
Das französische Bilderbuch dreht sich um einen anthropomorpher Hasen, der zügig an sein Ziel kommen will. Er saust durch das kleine britisch angehauchte Städtchen, immer auf dem Sprung, um geschwind anzukommen, vorbei an Geschäften, Cafés und Häusern und nimmt nichts um sich herum wahr.
Auf dem Buchrücken steht, er wäre ein Bilderbuch zum Innehalten und Immer-wieder-Anschauen.
Das trifft es auf den Punkt. Ich werde es immer zur Hand nehmen, wenn ich in dieses Gefühl eintauchen möchte, das ich sofort hatte, als mich schon beim Aufschlagen das Vorsatzpapier einladend in diese Welt zog, und ich dachte, wow, ist das wunderschön. Der wenige Text und die Wiederholungen schaffen einen angenehmen Rhythmus, der das Vorlesen lebendig und spannend macht. Wo will der Hase nur so schnell hin? Die seitenfüllenden Illustration sind kunstvoll, atmosphärisch und strahlen eine Ruhe aus, die man spürt, und die einen sanften Kontrast zur Eile des Hasen bildet. Die lebhaften Grüntöne und die malerische Landschaft lassen vom Frühling träumen, sodass man sich ganz ins idyllische Gemeinschaftsgefühl des wimmelnden Treibens träumen darf. Hier gibt es viel zu entdecken. Besonders amüsant fand ich die spielerischen Wiederholungen der Charaktere, die einem das Gefühl geben, der Hase würde viel länger brauchen, obwohl er so schnell ist. Ich würde am liebsten in dieses kleine Städtchen ziehen und dort leben.
Das Bilderbuch erinnert daran, das Tempo runterzuschrauben und innezuhalten. Es ist eine Einladung zur Ruhe zu kommen und ein bisschen in dieser Idylle zu verweilen. Ich finde es besonders wertvoll für Kinder und Erwachsene, die sich ausschließlich auf das Ziel konzentrieren und vergessen, eine Verschnaufpause einzulegen, um die Aussicht zu genießen.
Großartig verrückt
Die Enthusiasten von Markus Orths
„Für dieses Buch würden sie töten! Sie alle drei!“
Dem vierundvierzigjährigen Vincent Bär fiel das Erzählen schon immer leichter als das Schreiben. Deswegen lässt er als Ich-Erzähler daran teilhaben, wie im März 2018 sein Leben zu kippen begann. Als großer Bewunderer des irischen Schriftstellers Laurence Sterne reist Vincent jedes Jahr nach Coxwold und trifft dort seine Kollegin Bianca und Ole.
Zusammen sind sie große Anhänger des meisterlichen Pioniers der modernen Literatur, denen ein ungeahntes Wunder begegnet: ein Mann namens Morton Minelli behauptet, ein unbezahlbares Manuskript des zehnten Buches zu besitzen, von dessen Existenz niemand wusste – es gab nur Gerüchte. Er will den Inhalt von ihnen auf Echtheit prüfen lassen. Vincent ist Feuer und Flamme. „Sie hatten nicht die geringste Ahnung, wozu ich fähig und was ich zu riskieren bereit wäre…“
In den Rückblicken erfährt man viel über Vincents Familie, die lese- und wortverrückte Kindheit der drei Geschwister und wie einschneidend es die Familie verändert hat, als die Mutter spurlos verschwand. So manche bezaubernde Erinnerung wird mir wohl immer im Gedächtnis bleiben. Der letzte Auftrag vor dem Ruhestand des ‚Wiederholungsphobikers‘ und ‚Herrn der Kommas‘ schenkte mir ein inneres Lächeln, ebenso wie die verrückte Europameisterschaftsgeschichte oder der erste Film von Vincents Bruder Marcellus. Jedes Familienmitglied bekommt seinen Moment, eingebetet in einfallsreiche Sprachgemälde für unvergleichliches Kopfkino. „Er nebelte wie ein Gespenst durch sein Leben. Die Traurigkeit legte sich wie ein klebriger Film auf sein Gemüt.“ Erfundenes trifft auf Wahres und offene Fragen treffen auf Dazu-später-mehr-Vertröstungen, die es spannend machen und ins Konzept passen. Gewoben wird ein spielerisches Kunstwerk um Laurence Sterne, das im Stil und der leicht ausschweifenden Erzählweise gewollte Verknüpfungen aufweist.
Insgesamt eine außergewöhnliche Geschichte, bei der ich mich auf vielen Ebenen abgeholt gefühlt habe - vor allem vom Ende. Mein Buch ist voller Markierungen. Ich könnte es irgendwo aufschlagen und garantiert einen Satz finden, der mir Freude macht. Nicht nur durch die unvorhersehbare Handlung und prägnante Botschaft, sondern auch wegen des ironischen Humors, der reflektierenden Ebene, der wunderbaren Bär-Familie, der Intertextualität und dem experimentellen Sprachcharakter, der dem Roman eine besondere Note verleiht.
Ein uferloses Vergnügen und ein spaßiges Ereignis, bei dem man nie so genau weiß, was man findet und wie irrsinnig es sein wird. Wer sich einmal auf den „frohlockenden Stil“ von Markus Orths eingelassen hat, wird mehr wollen. Dazu gehört sicher ein bisschen Begeisterung für den Sprachwahnsinn und eine Liebe zu unkonventionellen Geschichten, die Brücken zwischen Menschen bauen. Ich fand es großartig und kann es jedem empfehlen, der sich für literarische Vielfalt und ihre Kunst begeistert.
«Möget Ihr tausend Jahre leben» - Ein gnadenloses Machtspiel
The Poet Empress von Shen Tao
Das schöne Cover und der passende Farbschnitt sehen fantastisch aus und verleihen der außergewöhnlichen Geschichte eine angemessene Erscheinung. Ich war von Beginn an fasziniert von der Bauerntochter Yin Wei und überrascht, wohin das alles führte, denn das hätte ich ihr nie zugetraut. Für mich war es ein frischer Ansatz und eine Abwechslung im Fantasy-Genre.
Der warnende Hinweis ist angemessen, denn die Handlung ist düster und enthält brutale Szenen, die an einen Thriller erinnern: „Ich hatte nie zuvor solche Menschen getroffen. Menschen, die so grausam waren wie die Bösewichte in Geschichten.“
Yin Wei erzählt, abgesehen von ein paar Ausnahmen, nachvollziehbar aus ihrer Sicht. Ihr Dorf, ihre hungernde Familie und ganz besonders ihr kleiner Bruder Bao liegen ihr so am Herzen, dass sie, trotz des grausamen Rufes des Prinzen, alles riskiert, um seine Konkubine zu werden, obwohl die Chancen beinahe aussichtslos sind, da sie vom Dorf kommt. Ihr schlägt nur Verachtung entgegen, alles ist neu und fremd, und trotzdem gibt sie nicht auf: „…egal, wenn mich keiner mochte, denn ich war nicht für sie hier, sondern einzig und allein für Bao.“ Die Konkurrenz ist erbarmungslos, die Chance, Macht zu erlangen, verlockend. „Merk dir meine Worte, Dorftöle: Du wirst sterben. Und wenn du tot bist, dann werde ich deinen Platz einnehmen.“ Sie lernt nicht nur die Kunst der Verführung der Schlage, sondern verbotenerweise Literomantie, was es ihr ermöglicht, an ihrem Herzseelengedicht zu arbeiten. Es ist die einzige Möglichkeit den grausamen Thronfolger zu töten, der von einem mächtigen Schutzzauber geschützt wird, und so das Land vor einem tyrannischen Herrscher zu bewahren, der das Volk der Hungersnot überlässt. "Wie ungerecht es doch war, musste ich unwillkürlich denken, dass der Böseste unter uns zugleich der Unbesiegbarste war.“ Diese starke und kluge Heldin hat mich in vieler Hinsicht beeindruckt, wie sie klaglos leidet, was sie durchstehen muss, und wie sie ihre unerwünschte Rolle anerkennt, in der alle auf sie zählen. Die Bewunderung gilt nicht nur ihrem vorausschauendem Denken, sondern auch ihrer gesamten Entwicklung, die so bedacht und eindringlich geschildert wird, dass Shen Tao und den Übersetzerinnen Sybille Uplegger und Alicia Rein ein großes Lob gebührt.
Ich war gebannt, fand es sehr spannend und bin begeistert, weil diese Geschichte beweist, dass es nicht immer nach dem gleichen Schema ablaufen muss, es auch ohne großes Worldbuilding und schablonenhafte Charaktere funktioniert. Spicy wird es übrigens auch nicht. Das Ende ist grandios.
Ein Highlight voller Tragik, Schmerz, Leid, gnadenloser Machtspieler und einem Hauch Magie. Sehr empfehlenswert für alle, die Lust auf was anderes haben und die Brutalität nicht abschreckt.
Fokus Hochbeet – einfacher gehts kaum!
Hochbeet für Ahnungslose von Anja Klein; Véro (Veronika) Mischitz
Völlig ahnungslos, aber Lust auf eine leckere Ernte? Dann ist dieser Ratgeber der ideale Einstieg, weil er beweist, wie empfehlenswert und easy das Hochbeet für Anfänger ist. Hier geht es auch ausschließlich um das Hochbeet, keine überfordernden Auswahlmöglichkeiten und alles wichtige über das Bepflanzen, Pflegen und Ernten in einem Buch.
Viele Tipps und Infos, die man nicht mehr extra nachschlagen muss, und alles leicht verständlich in vielen bunten Illustrationen von Véro Mischitz, die nicht nur toll aussehen und den Spaß nicht zu kurz kommen lassen, sondern auch ein bisschen den Kopf entlasten, weil man nicht nur lesen muss und alles schnell erfassen kann. Das finde ich besonders motivierend und ansprechend.
Die vielen tolle DIY-Ideen, wie Erdmiete im Hochbeet oder eine selbstgebaute Rankhilfe, fand ich besonders interessant. Dabei wäre es perfekt gewesen, wenn eine Anleitung für den selbstgebauten Frühbeet-Aufsatz noch dabei gewesen wäre. Die detaillierte Einkaufsliste und DIY-Anleitung für das Holz-Hochbeet machen einen wunschlos glücklich. Damit kann man super planen, einkaufen und loslegen – ideal für alle, die es ganz genau brauchen. Einfacher gehts kaum! Anja Klein setzt dabei vor allem auf Holz, dabei fand ich die Stein-Variante auch interessant und hätte darüber gern noch mehr erfahren. Erste Inspirationen und konkrete Ideen bekommt man aber direkt und wird mit allem versorgt, was man wissen sollte.
Sehr empfehlenswert für Einsteiger, die sich eine kompetente und visuell ansprechende Beratung mit dem Fokus aufs Hochbeet wünschen, aber nicht mit Infos erschlagen werden wollen.
Warmherzige Bilderbuch-Geschichte über einen niedlichen Roboter
Was fehlt dir, kleiner Roboter? von Przemyslaw Wechterowicz
In diesem polnischen Bilderbuch geht es um einen kleinen Roboter, der traurig ist, weil er seine Lieblingsschraube verloren hat. Bär, Hase, Krokodil, Fruchtfliege, Eule und die Enten helfen ihm beim Suchen, spenden ihm aber keinen Trost. Erst der Biber kann ihm wirklich helfen.
Große sowie kleine bunte Illustrationen von Emilia Dziubak sorgen für Spannung beim Lesen.
Die große Illustration füllt eine Seite aus, ist kunstvoll und detailreich, in einem animierten Stil wie das Cover, dem gegenüber steht eine kleine, schlichte, kindliche Variante, eine Art Was-wäre-wenn-Version, die verdeutlicht, das die Annahmen nicht stimmen. Die großen Illustrationen sind aussagekräftig, können auch für sich allein stehen und erzählen eine eigene kleine Geschichte. Sehr interessant fand ich auch die vielen durchschimmernden Kritzeleien, die zum Entdecken einladen. Auf dem Nachsatzpapier befindet sich ein Fingerlabyrinth, welches das Buchthemen noch einmal aufgreift – eine süße Spielidee zum Ende.
Die gleiche Satzstruktur fördert durch die kurzen Sätze und die verständlichen Wörter das Sprachgefühl. Der wenige Text und die Wiederholungen schaffen einen angenehmen Rhythmus, der das Vorlesen lebendig und spannend macht.
Eine sehr berührende Geschichte voller Emotionen, die mit ihrer tiefgründigen Botschaft direkt ins Herz trifft. Ich finde es großartig, wie kindgerecht und leicht verständlich das Thema präsentiert wird, und welche bereichernden Gespräche und Reaktionen sich daraus ergeben. Besonders wertvoll ist es für leise und sensible Kinder, die sich nicht gesehen fühlen. Es ist eine Einladung für Groß und Klein, aufmerksam nachzufragen, ernsthaftes Interesse zeigen, statt von sich auf andere zu schließen und wiederum seine Bedürfnisse offen zu äußern. Ein verständnisvoller Bilderbuchschatz mit einer stillen und gleichzeitig kraftvollen Geschichte zum Immer-wieder-Anschauen und Einfühlen.
Wunderschön und grausam zugleich
Tale of Sun and Night 1: Tale of Sun and Night von Magdalena Gammel
»Sie wird niemals mehr sein als eine Sklavin. Eine Gefangene. Deine, meine, ihre eigene. Wem ihr Leben gehört, ist völlig egal, aber dass sie niemals frei sein wird, ist todsicher.«
Erzählt wird ausschließlich aus der Perspektive von Lio. Sie ist mutig, entschlossen, aber auch verletzlich – nur hat sie gelernt, diese Seite niemals zu zeigen.
Im Besitz eines Sklavenhändlers, als heimatlose Waise ohne Erinnerung an ihre Vergangenheit, ist sie den mächtigen Männer dieser Welt ausgeliefert und seit Jahren gefangen. Gerade zu Beginn zeigt sie sich als eine geschickte, schlaue Kämpferin, die sich jedoch ihrem Schicksal ergeben hat. Umso spannender wird es, als sich ihr ein Ausweg bietet, der dann doch ganz anders verläuft, als ein unverschämter Bandit ihre Fluchtmöglichkeit vernichtet. Gerade die dynamischen Anfänge und die ersten dreihundert Seiten haben mir besonders gefallen, bevor sich eine Vertrautheit in der Gruppe einstellt. Magdalena Gammel schreibt so flüssig und zugänglich, dass man sich in den bildreichen und atmosphärischen Beschreibungen verlieren kann. In jeder freien Minute habe ich weitergelesen, weil es amüsant und spannend geschrieben ist, und ich immer wieder dabei sein wollte, wenn sich neue Schauplätze auftun.
Der Auftakt von «Tale of Sun and Night» hebt sich besonders durch klassische Elemente wie den erbarmungslosen Krieg in Aurikalos und die Heldenreise hervor. Die Reisegruppe durchquert Wüsten, Wälder und Gebirge, wird gejagt, voneinander getrennt und muss bedrohliche Gefahren überwinden, was alle zusammenschweißt. Aus den Verbündeten werden Freunde und die anfängliche Abneigung von Lio und Izan verwandelt sich in starke Anziehung, die auch immer wieder von den Freunden humorvoll kommentiert wird. Die sarkastischen Bemerkungen von Nyxan sind besonders auflockernd, wobei sein Beitrag überhaupt ein echter Gewinn ist. Er wird viele Fans finden. Vertrauen ist ein wichtiges Thema, denn das Paar weiß eigentlich nichts voneinander. »Ich wusste nicht, wer er wirklich war, was er vorhatte, gegen was oder für wen er überhaupt kämpfte und warum.« Romantik, körperliche Nähe und episch gehauchte Versprechen statt Ehrlichkeit und Kommunikation. Dadurch bleibt es spannend, aber meinem Empfinden nach machte das die Charaktere umauthentisch und schablonenhaft für das Romantsy Genre, in der es kaum noch Abweichungen gibt, um den gewünschten Tropes zu entsprechen. Allerdings kann man Lio´s persönliche Entwicklung gut nachvollziehen, die sich immer wieder verloren fühlt angesichts ihres Gedächtnisverlustes und ihrer schmerzhaften Gefangenschaft. »Nichts von dem, was uns angetan wurde, lässt sich rückgängig machen. Doch wer wir einst waren, wird uns nicht helfen, zu werden, wer wir sein könnten.«
Darüberhinaus gab es ein paar Längen, die die Handlung nicht weitergebracht haben, die man aber verzeihen kann.
Auf der Karte im hinteren Vorsatz ist die Reise gut nachvollziehbar und auch das Glossar war hilfreich, um die orientalisch angehauchte Welt und ihre Fantasiewesen besser zu überblicken. Generell ist die Buchgestaltung ein Highlight. Die Geschichte spielt in einer Welt, reich an magischen Elementen und Legenden, in der kein Lebewesen ohne Traumstaub existieren kann und Zeit ein dehnbares Konzept darstellt. Ich hoffe, dass der Traummagie und dem Worldbuilding in der Fortsetzung noch mehr Raum gegeben wird, denn die hat mich besondres fasziniert.
Im Buch befindet sich ein QR-Code, der zu einem spicy Bonuskapitel weiterleitet. Die Idee finde ich richtig toll, denn ich brauche keine expliziten Beschreibungen, aber mir hätte es besser gefallen, wenn das Kapitel abgedruckt gewesen wäre, sodass es für immer zugänglich und nutzbar ist. Bei einer Kennzeichnung, die ich sehr sinnvoll finde, ist es dann jedem selbst überlassen, ob man das Bonuskapitel überspringt.
Der Cliffhanger ist schon etwas gemein und würde mich definitiv dazu bringen, die Fortsetzung zu lesen. Nach dem, im Auftakt vor allem Geheimnisse angedeutet, spannend ausgebaut und schlussendlich aufgelöst wurden, bietet ein zweiter Teil, der darauf aufbauen wird, viel Potenzial, und ich bin zumindest neugierig, wie es weitergeht.
Wichtiges Thema, spannend verpackt
This Story Might Save Your Life von Tiffany Crum
„Ist er ihr bester Freund? Oder ihr Mörder?“ gibt eine Richtung vor, in die man sich verlaufen könnte. Welches Thema der Thriller dann behandelt, kam unerwartet und wird nicht verraten. Autorin Tiffany Crum greift in ihrem Debüt ernste gesellschaftliche Probleme auf und bildet aus den bekannten Fakten eine, bis zur letzten Seite, rätselhafte Geschichte.
Außerdem sensibilisiert sie für die chronische neurologische Erkrankung Narkolepsie, und gibt einen kleinen Einblick in die Symptome und den Alltag mit einer gestörten Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmus. Ich fand die Ausgangslage sofort spannend und es beginnt ohne Umschweife: Joy und ihr Mann Xander sind verschwunden, während ihr bester Freund Benny Detektivarbeit betreibt, um sie zu finden. Hilfreich dabei ist das geschriebene Manuskript von Joy, das man noch vor Benny abschnittsweise zu lesen bekommt – wodurch man ihm irgendwann einen Schritt voraus ist.
Im zweiten Teil des Thrillers herrscht eine andere Dynamik, und ein bedeutendes Geheimnis wird gelüftet, wodurch die Spannungskurve meinem Empfinden nach etwas abflacht, auch wenn eine entscheidende Enthüllung noch bevorsteht. Stetig gleichbleibend sind die Bemühen von Benny, Licht ins Dunkle zu bringen, um Joy zu finden. Mit ihm fiebert man mit, sieht seine Verzweiflung, weil die emotionale Wirkung einen nicht kalt lässt. Diese Verbindung möchte Tiffany Crum übergreifend auch im zweiten Teil schaffen, was nicht so galant gelungen ist. Daneben fand ich aber auch das unveröffentlichte Manuskript von Joy stark, weil die Puzzleteile langsam freigegeben werden und man viel über die Anfänge, dem Kennenlernen von Joy und Benny, ihren Umgang mit Narkolepsie und dreizehn Jahren Freundschaft erfährt. Manches wirkt konstruiert, um die Vorhersehbarkeit zu verschleiern, was den Thriller eher ruhig in seiner Erzählweise werden lässt.
Fazit: Eine bedrohliche Atmosphäre mit schwankender Spannungskurve, Geheimnissen, die nach und nach enthüllt werden, und inneren Konflikten, Ängsten und Manipulationen. Dazu zwei Charaktere, die menschlich und glaubwürdig wirken. Kein Thriller, der mir im Kopf bleiben wird, aber insgesamt gute Unterhaltung.
Mystische Kreaturen und uralte Mächte
Lightfall 1: Das verlorene Licht von Tim Probert
Der große Nordwald auf dem Planeten Irpa ist die Heimat von Beatrice und ihrem Großvater, einem vergesslichen Eber und Besitzer des Zauber-Eber-Ladens. Eines Tages sammelt Bea im Wald alle Zutaten für einen Zaubertrank zusammen, als sie den Galdurier Cad kennenlernt - ohne zu wissen, dass sie bald dringend seine Hilfe benötigt.
Autor Tim Probert hat ein gutes Gefühl für Worldbuilding und präsentiert eine von spektakulären Landschaften und warmen Farben geprägte Welt, die trotzdem frisch und lebendig wirkt. Ich wurde regelrecht eingesogen, unterstützt durch die beiden sehr unterschiedlichen aber großartigen Helden der Geschichte und die ausdrucksstarken Illustrationen. Bea fühlt sich in ihrer vertrauten Umgebung am wohlsten, ist selbstkritisch und talentiert im Zubereiten von Zaubertränken. Ihre Unsicherheit und sorgenvolle Gedanken lassen sie vor Angst erstarren, was bildlich eindrucksvoll dargestellt wird, während der einsame Held Cad es liebt, anderen zu helfen, sich mutig ins Abenteuer zu stürzt und dabei nie die Zuversicht verliert. Sie ergänzen und bereichern sich hervorragend und es macht Spaß, ihnen dabei Gesellschaft zu leisten.
Der große, narrative Faden kündigt sich schon auf den ersten Seiten an, bevor wir überhaupt die Figuren kennenlernen, und verliert sein Ziel nicht aus den Augen. Erst später erfahren wir, dass der mystische Vogel Kest Ke Belenus – nun erwacht aus einem unruhigen Schlaf – droht, alle Lichter von Irpa zu zerstören. In diesem leuchtendem Auftakt geht es aber vor allem um die beiden Weggefährten, die
auf ihrer gemeinsamen Suche Freundschaft schließen und sich ins große Abenteuer stürzen. Dabei schafft Tim Probert eine gute Balance aus actionreicher Spannung, bei der man unweigerlich mitfiebert und intensiven Momenten, bei denen man den Charakteren näher kommt. Die faszinierenden Welt von Irpa, die von mystischen Kreaturen und uralten Mächten geprägt ist, hatte ebenso eine Anziehungskraft auf mich, wie die (geheimnisvollen) Wesen, denen Bea und Cad begegnen.
Bereits im ersten Band ist eine Figurenentwicklung bei Bea spürbar, die an Mut und Selbstbewusstsein gewinnt, und die fantastischen Illustrationen und wechselnden Settings machen „Das verlorene Licht“ zu einer atemberaubenden Reise in die magische Welt von Irpa, die man nicht verpassen sollte, wenn man eindrucksvolle Illustrationen und ein fesselndes Abenteuer mag. Ich kann die Fortsetzung kaum erwarten und bin total begeistert von dieser abenteuerlichen Graphic-Novel-Serie, die nun endlich auch auf Deutsch erschienen ist. Große Empfehlung!
Schwächer als «Love, Mom»
Der Boss - Ist er ein Monster oder ein Genie? von Iliana Xander
Natalies Freundin Cara liegt im Koma. Natalie hat einen Verdacht und will so viele belastende Informationen über den reichen Rosenberg sammeln, wie möglich. Deshalb nimmt sie das Jobangebot von Nick an, der Rosenbergs Chauffeur, Assistent und Lakai ist und der ihr einen Gefallen schuldet. Somit hilft sie kurzfristig als Putzkraft in der Villa aus und erfährt Ablehnung von den Angestellten, überall sind Kameras und es herrschen strenge Regeln.
Hat sie die Gefahr falsch eingeschätzt?
„Die meisten Opfer wissen nicht, dass sie es mit einem Sexualstraftäter zu tun haben. Ich hingegen weiß das. Was soll schon Schlimmes passieren?“
Erzählt wird überwiegend aus Natalies Perspektive. Dabei kommt auch mal eine anonyme Person zu Wort, die über die Kameras jeden ihrer Schritte verfolgt und kommentiert. Der Schreibstil ließt sich schnell weg, sodass man sich ganz auf die angespannte Stimmung und bedrohliche Atmosphäre einlassen kann, die vom Boss und der Villa ausgeht. Der Anfang ist vielversprechend. Die meisten Figuren bleiben geheimnisvoll und undurchschaubar. Danach entwickelt sich die Story in eine Richtung, die mir zu konstruiert und unstimmig war, weshalb mich der Spannungsbau nicht so überzeugen konnte wie bei «Love, Mom». Der Aufbau ähnelte dem Vorgänger, und vielleicht konnten mich die Plotttwists auch deshalb nicht überraschen. Leider rauschte der Thriller an mir vorbei und hinterließ weder beim Lesen noch danach einen bleibenden Eindruck. Punkte gibt es für den flüssigen Schreibstil und den starken Anfang, aber eine Empfehlung würde ich nicht aussprechen, da mir der Überraschungseffekt und das fesselnde Element fehlt.
Wohlfühllektüre für Büchermenschen mit einem Herz für die Natur
Mathilde und Marie von Torsten Woywod
Ein kleines Bücherdorf mit einem ganz anderen Zeitgefühl, traditionellen Herstellungswerten, überdurchschnittlichen vielen Buchhandlungen und einer Gemeinschaftslabradordame. Ein ungewöhnlicher Ort in der modernen Welt, an dem man „einen Gegenpol zur allgemeinen Rastlosigkeit“ findet. Keine bloße Wunschvorstellung, sondern ein zauberhafter Ort, den es (beinahe) tatsächlich gibt.
Ich war anfangs irritiert und es ging mir wie der ahnungslosen Marie, die sich als Großstädterin auf dem Land wiederfindet, plötzlich weit weg von Lärm und Tourismus, in einem Dorf, das völlig aus der Zeit fällt und so unwirklich scheint. Ein bisschen zu drüber, auch was die Dialoge angeht aber dann erlag ich dem Charme.
Auf ihrer unvorbereiteten Flucht aus Paris trifft Marie die intuitive Jónína, die einen Buchladen führt und den kurzsilbigen Bäcker Thomas aus dem französischem Dörfchen Redu. Aus dieser Begegnung ergeben sich Gespräche, die Marie dazu verleiten, bei Jónína im Gästehaus unterzukommen. Dort entdeckt sie die Natur für sich, das Lesen und auch ich war eingenommen von der Herzlichkeit der Bewohner und der utopischen Abgeschiedenheit und Ruhe dieser Idylle.
Spätestens beim zweiten Teil war ich hingerissen, wie Marie und die mürrische Mathilde sich kennenlernen und was daraus entsteht. Das bringt auch eine angenehme Spannung mit sich, denn das Geheimnis um Mathilde muss Marie erst lösen. Dadurch angekommen im Schreibstil las es sich immer besser. Diese unaufgeregte Geschichte wird mit viel Wärme und Herz erzählt und es passiert zumindest soviel bei der Figuren-Entwicklung, um gern weiterzulesen. Ich mochte Jónínas Klarheit, Offenheit und ihr aufrichtiges Interesse an Marie, deren aufblühende Sinneswahrnehmungen in der Natur ein lebendiges und achtsames Kopfkino erzeugen. Es sind einige integrierte Lebensweisheiten, die weitergegeben werden, ob die Kunst des Wartens oder die Fähigkeit, „den Dingen erst einmal Raum zu geben, sie zu reflektieren und zu verstehen, bevor man in den Austausch geht.“ Generell sind viele Dialoge von Wahrhaftigkeit, Toleranz und sanfter Aufmerksamkeit geprägt. Wenn man sich erstmal darauf eingelassen hat, versprüht es seinen Charme.
Wenn man das mag und selbst gern in einem Bücherdorf Entschleunigung finden würde, während man mit allen Sinnen die Natur entdeckt, dann ist der Roman genau die Einladung, die man gerade braucht. Jedenfalls hat der Verlag nicht zu viel versprochen, denn es ist eine berührende Hommage an einen besonderen Ort der Bücher und ein „mehr an Miteinander“. Dazu passen auch die schönen Abschlussworte des Autors. Alles zusammen hinterließ bei mir ein warmes Gefühl und ruhevolle Lesefreude.











