Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Christina P.:
Über Brieffreundschaften und Liebesprobleme
Der Briefladen, in dem ich dich fand von Baek Seungyeon
Willkommen zurück in Kang Sonhos wunderbarem Briefladen. Mittlerweile hat er seine zweite Filiale in einem deutlich moderneren Stadtteil Seouls eröffnet, in welchem Woo Hyoyeong (Protagonistin aus Band 1) nun hauptberuflich tätig ist.
Auch diesmal ist die Handlung wieder thematisch zweigeteilt: Natürlich geht es wieder rund ums Briefescheiben und den besonderen PenPal-Service, durch welchen anonyme Brieffreundschaften entstehen können.
Hinzu kommt diesmal das Thema Liebe sowie verschiedene Hürden und Stolpersteine, welche diese mit sich bringen kann.
„Den perfekten Moment gibt es nicht.“ (Zitat S. 172)
Was den Briefladen betrifft ging mir diesmal einiges an Charme dadurch verloren, dass die neue, im Fokus liegende Filiale in einer Art modernem Szeneviertel liegt mit mehr Laufkundschaft statt festem Kundenstamm. Kunden sowie Umfeld sind hier einfach unpersönlicher, was mir umso mehr auffiel, da ich Band 1 direkt vorweg gelesen habe. Die ganze Atmosphäre ist diesmal weniger greifbar, hinterließ bei mir den Eindruck eines zu einem Einkaufsviertel umstrukturierten Industrieviertels ohne wirklichen Wohlfühlcharakter.
Das Thema Liebe wird hier auf mehreren Ebenen behandelt. Der Inhaber der Briefläden hat gerade Streit mit seiner Frau, welchen er zu einem gewissen Teil selbst verschuldet hat, jetzt jedoch nicht die Kurve kriegt, um die Wogen zu glätten. Protagonistin Hyoyeong hat sich vor einigen Monaten von ihrem Freund getrennt (welcher allen bekannt sein wird, die Band 1 gelesen haben), und nun kommen beide nicht so wirklich darüber hinweg, hängen irgendwie doch noch aneinander, doch an der Kommunikation hapert es auch hier gewaltig. Hinzu kommen noch ein paar weitere Charaktere, mal mehr, mal weniger glücklich verliebt. Bei diesem Thema hat mir insbesondere die Charakterentwicklung des Exfreundes entscheidend gefehlt, um das Ende emotional wirklich mitfühlen zu können, wodurch es einen unangenehm faden Beigeschmack bekam.
Als zweiter Band schließt dieser Roman zwar locker und mit einigem Zeitversatz an Band 1 an und es gibt auch ein paar schöne Bezüge zu Band 1 wie die Idee der Jahresvorsatz-Briefaktion, welche nun umgesetzt wurde. Ebenso gibt es einige weitere Aktionen rund um das Briefeschreiben, welche sich thematisch gut einfügen und überzeugend gestaltet sind. Als störend empfand ich leider wieder die persönlichen Probleme der Protagonistin, bei welcher in Band 1 zumindest beide betroffenen Personen (sie und ihre Schwester) eine spürbare Charakterentwicklung durchmachten, während es diesmal doch zu einseitig und langatmig ausfällt, um mich überzeugen zu können. Atmosphärisch kommt Band 2 nicht ganz an den ersten Band heran.
Spannung pur in und unter Paris
Das tödliche Artefakt von Andreas Suchanek
Nach dem Abenteuer ist vor dem Abenteuer: Liam Relish ist jetzt der neue Siegelwahrer des magischen Museums in London. Mit einem gefährlichen Einsatz startet auch gleich der zweite Band. Danach bleibt kaum Zeit zum Luftholen (weder für Liam noch für die Leserschaft), denn mit seiner Kollegin Julia wird er in Paris benötigt: im Louvre wurde eine Leiche gefunden, buchstäblich kopflos, nebst magischen Spuren.
Gemeinsam mit dem Pariser Kurator des dortigen magischen Museums lernt Liam beim Verfolgen des Falles weitere magische Geheimnisse kennen wie den dortigen Schattenmarkt und trifft auf mächtige Gegner sowie gefährliche Artefakte, die thematisch bis zum Blutvergießen der Französischen Revolution reichen. Und sein bester Freund Harry wäre nicht Harry, wenn er mit ein paar neuen Erfindungen nicht ebenfalls für erstaunliche Überraschungen sorgen würde.
„Erneut mutete die Welt für mich an wie eine dünne Schicht aus Ordnung, unter der das Chaos lauerte. Magie, Macht und überraschend viel Dunkelheit.“ (Zitat S. 95)
Der zweite Band ist wie ein fantastischer, wilder Ritt durch Paris, gespickt mit Gefahren und Geheimnissen. Der Spannungsbogen ist gleichbleibend hoch, der Gegner skrupellos und die magischen Details faszinierend bis schockierend. Als Extra werden nebenbei weitere Geheimnisse rund um Julia und Liam gelöst, wodurch sich allerdings wiederum neue Fragen ergeben. Es bleibt also spannend auf allen Ebenen. Mit Liam als Ich-Erzähler kommen zudem Humor und Emotionen nicht zu kurz. Und als Extra enthält die Print-Ausgabe in der vorderen Buchklappe ein Portrait des Londoner Museums-Teams, Hund Shakespeare inklusive.
Auch der zweite Band steckt wieder voller Action, Spannung und Überraschungen, die einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen lassen. Paris, definitiv diese Reise wert!
Britischer Küstenkrimi mit nicht zu unterschätzenden älteren Ladies
Abbie Barrett's Tea Time Murder - Die tote Assistentin von Kate Connery
Kann ein Urlaub in Candlewood gegen Prüfungsangst helfen? Nach ihrem vermasselten Anwaltsexamen laden Tante Rose und Onkel Rupert ihre Nichte zu sich in den kleinen Küstenort ein. Dort kann Abbie Barrett sich den Kopf von der Meeresluft freipusten lassen und auf andere Gedanken kommen. Die einzige Abwechslung in Aussicht ist, drei ältere Ladies in ihrer gemeinsamen Villa täglich mit frischem Gebäck zu versorgen.
Doch tatsächlich macht die Langeweile ihr schnell einen Strich durch die Rechnung: an der Klippen wird eine Frau tot aufgefunden. Sie war die PR-Beraterin des Starautors, welcher gerade im Ort zu Gast ist. Und die drei krimi-erprobten Ladies wittern sofort einen Mord.
Auf charmante Weise entführt die Autorin ihre Leserschaft in einen kleinen Küstenort mit übersichtlicher Personenzahl und täglich wechselndem Gebäck. Kleines Highlight sind die drei Ladies, charakterlich völlig unterschiedlich und sich dennoch (oder gerade deswegen) ergänzend. Als belesene Krimifans lassen sie es sich nicht entgehen, das Rätsel um den Todesfall zu lösen. Dabei überzeugen sie Abbie, ihnen zu helfen, denn so gut zu Fuß wie früher sind die Damen eben nicht mehr. Dafür haben sie andere Stärken. In weiteren Rollen wären da u.a. der Dorfpolizist, der vielleicht nicht der Cleverste ist, ein Enkel der Ladies, der sich für Abbie zu interessieren scheint, oder besagter Starautor, von dessen Fähigkeiten längst nicht alle überzeugt sind.
Verschiedene Hinweise und Details laden beim Lesen dazu ein, zwischen all den Spuren die richtige Fährte zum Täter zu finden.
Mein Highlight des Buches waren hier definitiv die drei Ladies, welche Abbie durch ihre Art ein wenig in den Schatten stellten und für den ein oder anderen Schmunzler sorgten. Insgesamt bleibt das Buch durchgehend spannend auf eher gemütliche Weise und der Fall in sich stimmig; und am Schluss wird man mit ein paar leckeren Rezepten belohnt.
Dämonischer Freund oder Feind?
Drowning Sorrows in Raging Fire 1 von Priest
Viel Geld für wenig Aufwand, das erhofft sich Xuan Ji von seinem neuen Job, welchen ihm sein einflussreicher Freund Xiao Zheng organisiert hat. In einer Behörde, welche für paranormale Phänomene zuständig ist, soll er hinter den Einsatzkräften aufräumen, Entschädigungen regeln oder die Geschehnisse mit irgendwelchen nicht-magischen Ursachen erklären wie z.
B. einem Gasleck. Klingt also alles recht unspektakulär. Mit noch druckfrischem Mitarbeiter-Ausweis gerät er bei seinem ersten Einsatz an einen mächtigen Dämon mit einer Vergangenheit voller Gewalt und somit in ein Abenteuer, welches in Zusammenhang mit seinen eigenen magischen Fähigkeiten stehen könnte: er ist ein Fähiger des Feuers.
Was als Urban Fantasy beginnt, vermischt sich gekonnt mit fantastischen Szenen im (fiktiven) alten China. Neben magiebegabten Menschen liest man von Yao-Wesen und Dämonen, von Freundschaft und Verrat und einem blutigen Krieg, dessen Ende zugleich der Anfang dieser Geschichte ist. Die Perspektiven wechseln sich ab, wobei Xuan Ji zunächst wie ein Lebemann daherkommt, der sich für Arbeit zu schade ist, aber leider seine Rechnungen bezahlen muss. Die Story wartet allerdings mit so einigen Überraschungen auf, sowohl die Charaktere als auch deren Hintergründe betreffend. Und so undurchschaubar wie die Charaktere ist auch der Verlauf der Handlung; sobald man meint, sich ein Bild gemacht zu haben, wirft die Autorin einen Teil davon über den Haufen und streut neue Hinweise. Amüsant hierbei ist auch Xuan Jis Buch der Tausend Yao, so eine Art Gedanken-Handbuch, welches immer mal aufpoppt und ihm Hinweise liefert, die ihn manchmal mehr verwirren als wirklich hilfreich sind.
Mir hat diese Undurchschaubarkeit der Geheimnisse sehr gefallen, nicht nur die Personen betreffend, sondern auch rund um die Geschehnisse damals sowie heute. Von der beworbenen SlowBurn Gay-Romance (Danmei) konnte ich im ersten Teil der Buchreihe noch nichts spüren, behaupte aber mal, die Weichen hierfür sind geschickt in Stellung gebracht. Es hätte hier auch einfach noch nicht reingepasst. Der teils freche Humor sowie die fantastischen Ideen und Intrigen haben für unterhaltsame Spannung gesorgt. Das Buch enthält mehrere s/w-Illustrationen im Webtoon-Stil sowie ein Glossar mit Personenregister und einigen Erläuterungen.
Wer Lust hat auf Urban Fantasy mit Bezug zu historischen Elementen, ein perfides Verwirrspiel mit gefährlichem Dämon sowie aussergewöhnliche Ideen, wird hier auf seine Kosten kommen.
Roman mit Blick nach vorn statt zurück
Au revoir und tschüss von Gudrun Lochte
Seit Jahren im Alltagstrott zwischen Job, Haushalt und Kindererziehung gefangen erfüllt sich Caro ihren Herzenswunsch: ein mehrwöchiger Sprachurlaub in Frankreich. Ein Urlaub, in welchem sie nicht nur die Sprache lernt, sondern vor allem auch erkennt, was sie wirklich will, um in Zukunft glücklich zu sein.
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie, dass etwas Neues begann. (Zitat S. 111)
Bevor man mit Caro ins wunderschöne Frankreich reist, erfährt man anhand eines Extrembeispiels, wie ihr aktuelles Leben aussieht: nach dem Job Haushalt und Garten in Schuss halten, den Familienhund versorgen und alles möglich machen, wenn ihr Ehemann spontan seinen Chef samt Partnerin zum Abendessen einlädt. Alles bleibt an ihr hängen, alles ist hektisch, Partner und Söhne halten ihre Arbeit für selbstverständlich. Und zu allem Überfluss reagiert ihr Gatte regelrecht abweisend, als sie mit dem Urlaub endlich was für sich tun will.
Caros Reise liest sich anschließend sehr angenehm, sie erlebt Einiges und es wird einfach nicht langweilig. Im Austausch mit anderen Frauen sowie ihrer besten Freundin wächst sie während dieser Zeit in ihre Entscheidung hinein, etwas in ihrem Leben zu verändern.
Was mir dabei sehr gefallen hat: das Buch kommt ohne Schuldzuweisungen und erhobenem Zeigefinger aus. Statt zu grübeln, wer an ihrer unglücklichen Situation die Schuld tragen könnte, hat die Autorin sich entschieden, Caro nach vorn statt zurück blicken zu lassen. Das nimmt dem Thema den emotionalen Ballast und ersetzt diesen durch die Freude, Neues zu planen und zu wagen.
Das Buch hat mich positiv überraschen können, insbesondere durch Gudrun Lochtes Erzählstil, der emotional und lebhaft, dabei jedoch sehr zielorientiert ist. Wie bereits erwähnt verzichtet sie darauf, nach Fehlern in der Vergangenheit zu graben, sondern lässt die Protagonistin mit Mut auf neue Sichtweisen und Veränderungen aus dem sich drehenden Hamsterrad ausbrechen. Auch die Aufmachng des Hardcovers ist wunderschön mit bedrucktem Cover, hellblauem Farbschnitt, Leseband und einer Farbillustration im Buch, welche den Marktplatz des französischen Urlaubsortes zeigt.
Das Buch ist hervorragend geeignet für alle, die Mut sammeln, den Absprung aus dem Hamsterrad des Alltags zu schaffen; oder für alle, die einfach ein paar schöne Momente in Frankreich erleben möchten.
Chronologie der Manipulation
Most Hated Girl von Kirsty Lockwood
Die 19-jährige Odette wird verhaftet, weil sie während eines TikTok-Livestreams Amos getötet haben soll. Den liebenswürdigen 80-jährigen, der sie bei sich aufnahm, als sie keine Bleibe hatte. Und mit dem sie zuvor bereits ein paar herzliche, gemeinsame Videos gepostet hatte, die auf große Resonanz stießen.
Für die vielen Follower sowie die Presse ist der Fall klar, der Ermittelnde hält die Sachlage auch für eindeutig: Odette ist schuldig! Ist sie das?
YummyMummyMe sagt: Du bist eine Zierde Schottlands, Odette. Weiter so, Sweetie. (Zitat S. 130)
Odette ist eine aussergewöhnliche Jugendliche, die bedingt durch ihre Mutter lange Zeit durch das System gerutscht ist; soziale Interaktionen sind ihr dadurch größtenteils fremd. Und doch wird beim Lesen schnell klar, welch liebenswerter Mensch hinter dem unscheinbaren, einsamen Mädchen steckt. Bei einem ihrer Museumsbesuche trifft sie auf Amos und versucht, ihr neu erworbenes Wissen, Freundschaften zu schließen, an ihm auszuprobieren. Der Wendepunkt, als der frühere Psychologe plötzlich verstärktes Interesse an ihr zeigt, sie sogar bei sich wohnen lässt, hinterlässt beim Lesen ein mulmiges Gefühl, ohne dies zunächst genauer benennen zu können. Tatsächlich freut sich Odette riesig, endlich einen guten Freund gefunden zu haben, mit dem sie auch auf Social Media zu einer unerwartet hohen Follower-Zahl gelangt. Geschickt baut die Autorin auf diesem Fundament eine Chronologie der Manipulation auf, welche für Aussenstehende größtenteils unter dem Radar abläuft.
„Er ist mein Freund, glaube ich“, erwiderte Odette und strich sich die Haare glatt. (Zitat S. 225)
Most Hated Girl ist eines dieser Bücher, welches mich innerhalb weniger Seiten derart in seinen Bann zog, dass ich gefühlt nur so durch die rund 400 Seiten flog. Der Aufbau des Romans ist von der Autorin überaus geschickt gewählt: während die Vergangenheit bis hin zur Tat primär aus Odettes Sicht erzählt wird, wird parallel hierzu die Zeit danach ausschließlich aus der Perspektive anderer Personen geschildert, die über Odette urteilen. Und ja, die meisten verurteilen sie, ohne Odette oder die Geschehnisse überhaupt zu kennen, geschweige denn zu hinterfragen. Tatsächlich gibt es einige wenige Stimmen, die darauf verweisen, doch mal genauer hinzusehen, doch die werden überhört oder ignoriert. Zunächst jedenfalls.
Ich muss sagen, mich wundert es nicht, dass die Warnsignale ausschließlich von Frauen als solche erkannt wurden. Die Blindheit der Ermittelnden auf diesem Auge empfand ich als erschreckend realistisch und beschämend zugleich. Die Spannungkurve nach der Tat entwickelte sich für mich dadurch langsamer als Odettes Perspektive: Die Polizei ruht sich bequem auf Vorurteilen aus und kommt nur langsam in die Gänge, während man Odettes Entwicklung ab dem Zeitpunkt der Einäscherung ihrer verstorbenen Mutter mitverfolgt, neugierig darauf, wie es zu diesem tödlichen Höhepunkt mit Amos kommen konnte; stets auf der Suche nach kleinen Hinweisen, die irgendwann die Grenzen der Subtilität überschreiten.
Kirsty Lockwood versteht es, geschickt Sympathien aufzubauen und zu verschieben, subtile Hinweise zu streuen und ein Phänomen zu beschreiben, welches umso verstörender wirkt, da es für Aussenstehende kaum zu erkennen ist. Auch emotional hat mich der Roman alles andere als kalt gelassen; mit fortschreitender Seitenzahl habe ich verstärkt mitgefiebert, Odette aus ihrer Situation retten zu können, sowohl vor als auch nach dem tödichen Ereignis.
Du möchtest einen Roman mit emotionaler Wucht? Eine Protagonistin mit aussergewöhnlicher Vorgeschichte? Die Wahrheit ist dir wichtiger als Täterschutz? Dann ist dieses Buch bestimmt das Richtige für dich.
Das Böse wohnt zwischen den Ziegelsteinen
Die Villa von Markus Heitz
Bei einer Zwangsversteigerung ergattert Doreen eine alte Leipziger Villa, von der sie schon seit Jahren schwärmt. Für den Spottpreis von 100 Euro. Zufall? Schicksal? Oder hatten da irgendwelche Mächte ihr Klauen im Spiel?
Sie besaß nun eine renovierungsbedürftige, denkmalgeschützte Bruchbude (Zitat S.
15)
Ihre 15-jährige Tochter ist zunächst wenig begeistert. Doch wie auf magische Weise scheint ihr Traum von einer Karriere als Sängerin plötzlich in griffbarer Reichweite, seitdem sie in die Villa eingezogen sind. Und auch privat sowie finanziell scheint den beiden das Glück in die Hände zu spielen.
Parallel versucht der Londoner Musiker Ethan den gewaltsamen Tod seiner Mutter aufzuklären und kommt dabei einer alten Loge auf die Spur, welche ihren Ursprung in besagter Leipziger Villa hatte.
Zwei Erzählstränge, die aufeinander zulaufen und jeweils eine Spur der Gewalt hinter sich herziehen. Das Geheimnis der Villa wird langsam enthüllt, während es zunächst unerkannt seine Eigenschaft als Horror-Haus auslebt. Die Horror- und Gewalteelemente sind kurz und schonungslos, die Hintergründe spannend konstruiert. Man weiß nie, wen es als Nächsten trifft, was das Haus im nächsten Moment unternimmt. Oder warum die Auswirkungen der Villa so weitreichend ausfallen.
Tick-Tack, Tick-Tack
Durchzogen ist der Roman vom Ticken einer großen Standuhr, die nicht nur Teil der Villa, sondern auch des Horror-Romans ist. Ein kleines, aber feines Stilmittel, welches effektiv das Grauen ankündigt. Und dennoch kann das Grauen, welches mit Gewalt begann, nur Gewalt beendet werden.
Wer Lust auf einen Gothic-Horror-Roman hat, selbst ein Horrorhaus besitzt oder in Erwägung zieht, sich in Kürze eines zuzulegen: Dann ist dieser Roman definitiv das Richtige für euch!
Tödliche Lügen
Weil sie lügt von Caroline Seibt
Seitdem Annas Schwester Juli spurlos verschwunden ist, bricht ihre Familie unaufhaltsam auseinander. Der Vater sitzt als Hauptverdächtiger im Gefängnis, wobei selbst Anna von seiner Unschuld überzeugt ist. Die Mutter ist seitdem ein seelisches Wrack. Und Anna versucht, sich und ihren kleinen Bruder mit Gelegenheits-Jobs über Wasser zu halten.
Der Thriller bietet mehrere zunächst undurchschaubare Handlungszweige sowie einige Überraschungen, bis sich langsam herauskristallisiert, was in der Vergangenheit geschah und wer wem was angetan hat. Der Weg zur Auflösung ist spannend konstruiert, potentielle Irrwege beim Miträtseln inklusive. Zudem ist das Schicksal von Annas Familie emotional bewegend geschildert, werden sie doch im Ort von einigen als Mörderfamilie gesehen.
Einen gewichtigen Kritikpunkt habe ich leider: Wiederholt wurden Indizien von den Ermittelnden nicht neutral gewertet bzw. ausreichend hinterfragt, sondern bequem so interpretiert, dass sie zu einem bestehenden Verdacht passten. Ich hoffe sehr, das ist nur aus dramaturgischen Gründen dem Roman geschuldet und keine gängige Vorgehensweise bei Kriminaluntersuchungen. Gestört hat es mich beim Lesen trotzdem.
Der Thriller ist größtenteils gut konstruiert und bietet bis zum Ende einen hohen Spannungsbogen und viel Potential zum Miträtseln.
Neue bewegende Aufträge für Kyotos Food Detectives
Eine Prise Glück im Restaurant der verlorenen Rezepte von Hisashi Kashiwai
Dies ist der dritte und in meinen Augen beste Band der Reihe (Die Food Detectives von Kyoto) rund um das Restaurant der verlorenen Rezepte.
Aufgebaut als Asian Healing Episodenroman, führen der ehemalige Polizist und Witwer Nagare Kamogawa sowie seine erwachsene Tochter Koichi ihr besonderes Restaurant in Kyoto mit zugehöriger Detektei.
Auch diesmal kommen verschiedene Leute zu ihnen mit der Bitte, ein Gericht aus ihrer Vergangenheit nachzukochen, zu welchem sie eine besondere Verbindung haben. Woraufhin Nagare beginnt zu recherchieren, um das gewünschte Gericht geschmacklich und optisch genau so servieren zu können, woran seine Gäste sich erinnern.
Zu jedem Gericht gibt es wieder einen emotionalen Hintergrund, welcher den Auftraggebern wichtig ist. So manches Mal muss Koichi sich diesmal zusammenreißen, während sie Hintergründe zum gesuchten Gericht von der Kundschaft erfragt. Wobei im Buch versucht wird, die Schicksale nicht wertend zu betrachten. Hier ergänzen sich Vater und Tochter wirklich sehr geschickt vom Charakter her. Und natürlich werden die einzelnen Gerichte auch wieder von Nagare ausreichend erläutert (seine Recherchen selbst werden hierbei nicht beschrieben, höchstens beim Servieren des Gerichts von ihm darüber berichtet).
Jedes Gericht erhält seine eigene Episode, jeder Kunde und jede Kundin die Möglichkeit, mit seinem/ihrem Thema ins Reine zu kommen. Und Straßenkatze Hirune hat auch wieder in jeder Episode ihren kleinen Auftritt.
Auch diesmal wieder wunderschöne Episoden mit mal mehr, mal weniger ergreifenden Themen und interessanten Food-Details zum spontanen Abschalten und Genießen.
Misogynie, romantisch verpackt, zu wenig hinterfragt
Keine Angst, Darling von Vera Buck
Paulas Arbeitskollege macht sie darauf aufmerksam, dass ihre in die USA ausgewanderte Schwester Lea keine Beiträge mehr in ihrem Tradwife-Account postet. Da Lea auch auf keine Nachrichten ihrer Schwester reagiert, reist Paula kurzerhand in die USA, wo Leas Ehemann behauptet, Lea befände sich auf Retreat-Urlaub mit digital detox.
Das als Thriller vermarktete Buch befasst sich mit dem Tradwife-Trend, einem eher US-amerikanischen Phänomen, in dem Frauen romantisieren, den Haushalt zu führen und ihren geldverdienenden Ehemann zu verwöhnen. Wobei ich mich gleich zu Beginn gefragt habe, warum ein deutscher Mann verfolgt, wie eine amerikanische Frau im 60er-Jahre-Kleid leidenschaftlich Teig knetet und Blumengestecke arrangiert? Und warum muss er seine Kollegin kurz vor einem Vortrag damit überfallen, für den sie sich konzentrieren muss?! Kollegial geht anders, wird hier nur leider nicht weiter hinterfragt (für mich ein Kritikpunkt).
Die von anderen Lesenden hochgelobte Spannung des Romans kann ich leider nicht bestätigen. Der Hintergrund war sehr schnell klar: Lea lebt in einem Wohndorf mit sektenähnlichen Verhaltensregeln. Wobei das Romantisieren des Hausfrauenlebens an sich schon mehr als fragwürdig, um nicht zu sagen hochgradig falsch ist. Wem das nicht klar ist, wird das spätestens im Buch erkennen. Im Grunde genommen dreht sich der Großteil des Romans darum, dass Paula anfängt, endlich das zu hinterfragen, was anderen längst klar ist. Was ihr hätte auffallen können, hätte sie den Kontakt zu Schwester nicht abgebrochen. Oder vor ihrem Abflug sich Leas Videos mal genauer angesehen.
Ihre Vorgehensweise ist dabei unüberlegt und planlos. Und leider bleibt sie mit dem Thema auch alleine. Ihr Ehemann ist ihr keine Hilfe, blockt das Thema jedesmal ab, schiebt wiederholt die Kinder vor, grad keine Zeit für sie am Telefon zu haben; bietet aber nie an, später in Ruhe zu reden und Hilfe anzubieten, was für sie zu recherchieren oder Behörden zu informieren. Aber ein schlechtes Gewissen kann er ihr einreden, nicht für die Kinder da zu sein. Vielen Dank für nichts! So gesehen hilft hier mal wieder nur eine Frau einer anderen Frau in Nöten, während der Mann aktiv wegsieht.
Zwar gibt es noch Perspektivenwechsel zu früheren Szenen mit Lea sowie sowas wie Tagebucheinträge, und ein, zwei (wenig überraschende) Wendungen hat die Autorin auch eingebaut. Da gewisse Manipulationen von vornherein absehbar waren empfand ich den Roman leider nur als zäh und voller misogyner Männer (sympathisch war nur ein einziger Mann in einer Nebenrolle und, nein, das war nicht Paulas Ehemann).
Wichtiges Thema, für meinen Geschmack zäh und vorhersehbar umgesetzt und an gewissen Stellen nicht ausreichend hinterfragt.











