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Rezensionen von Manfred Fürst:

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Romane sind besser

Eifersucht von Jo Nesbø

Nesbøs neuestes Elaborat, ein Schnellschuss mit einem Sammelsurium an handelnden Personen, uneinheitlichen Charakteren, noch dazu mit einem von Ullstein verpassten Titel „Eifersucht“, der ganz gewiss nicht das Grundthema der sieben Kurzgeschichten ist. Das übersetzte norwegische Original heißt „Eifersucht und andere Geschichten“ und trifft die unterschiedlich langen Geschichten viele treffender.

Wer sich also abgründige Geschichten zum Thema Eifersucht erwartet hat wird sehr enttäuscht sein.

Aber als Fan von Nesbø sehe ich darüber hinweg, vor allem nach „Messer“, das ich für den besten Nesbø „ever“ halte. Wahrlich eine Zwischenmahlzeit, die Geschichten konsumieren, verdauen, ohne dass sie nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Einzig ODD, eine der längsten Geschichte mit etwas mehr als 40 Seiten hat mich gefesselt und sehr berührt. Ein Schriftsteller, der sich für den leuchtesten Stern am Autorenhimmel wähnt und doch erkennen muss, dass auch er der Schwerkraft der Erde unterliegt, sprich auf den Boden der harten Realität zurückgeholt wird. Nesbø hat sicher genug Ahnung von der Scheinwelt hinter den Kulissen der schreibenden Zunft und deren Verlage.

Alle Geschichten, kurz oder lang, haben ihre Pointe. Für mich sind aber immer noch die Geschichten von Roald Dahl „Küsschen, Küsschen“ das „non plus ultra“ in diesem Genre unerreicht.

Bleibt nur zu hoffen, dass Nesbø wieder zurück zu HARRY HOLE findet, zur #13, wenn er nicht gerade unter einer Schreibblockade leiden sollte.

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Romane sind besser
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Zum schreiben dieses Tagebuches gehört Mut, und zum Überleben der Pandemie ebenso

Geschlossene Gesellschaft von Verena Stauffer

Ganz offensichtlich ist für Verena Stauffer die "Geschlossene Gesellschaft" die Pandemie in Österreich Ende 2020/Anfang 2021 gemeint. Gleichzeitig ist es aber ihr Wunsch Zutritt zu einer Geschlossene Gesellschaft zu gelangen. Worin liegt nun das Paradoxon einer „Geschlossenen Gesellschaft“? Sieht man im Surrealen die Pandemie besser?

Keine Matratze? Dann helfen Kaffee und Hühnerkrallen.

Die bestellte Matratze kommt nicht, Lieferschwierigkeiten wegen Corona. Verena Stauffer tritt in „Geschlossene Gesellschaft“ als Ich-Erzählerin auf. Sie würde so gern in der neuen Wohnung schlafen. Sie kauft deshalb Unmengen von Kaffeebohnen. Denn sie will – die Jutesäcke. Und die füllt sie – mit Schlachtabfällen aus einem Mistcontainer. Schweinefüße, Hühnerkrallen. Die Säcke überzieht sie mit Leintüchern. Ihr Lager stinkt. Blut rinnt aus. Gute Nacht. Wenn dann ein weißer Esel die Matratze liefert, schwappt die Schilderung von tatsächlichen Erlebten ins Imaginäre.

Eigentlich ist Stauffers Erzählung ihr Tagebuch zwischen November 2020 und Februar 2021 während des Lockdowns in Wien. Noch lebt sie in einer Übergangswohnung. Mit dem zuvorkommenden Vermieter F, der nach Kolumbien ausgewandert ist, entwickelt sich eine E-Mail-Freundschaft. Diese Unterhaltungen sind für sie das Fenster in die nicht geschlossene Welt. In Wien streift sie mit ihrem Freund H bei Nacht durch die leere Stadt. Doch auch er flieht auf eine Insel, um dem Lockdown zu entkommen und schiebt seine Rückkehr ständig hinaus. Wird er überhaupt zurückkehren?

Mit fortschreitender Zeit werden die Zustände beklemmender und die existenziellen Ängste immer dramatischer.

Sie schaukelt in ihrer Barke auf der Donau dem Horizont entgegen, der kein Horizont ist, sondern ein Raum aus Licht (S. 156).

Das Cover ist der skelettierte Stadtplan des Zentrums der Stadt Wien.

Verena Stauffer geboren 1978 in Kirchdorf an der Krems/Oberösterreich, Studium der Philosophie an der Universität Wien, Absolventin der Leondinger Akademie für Literatur und der Lyrikkritikakademie Berlin.
Veröffentlichte 2018 ihren Debütroman Orchis, der für den Literaturpreis Alpha, die Hotlist der Independents und den Blogger-Debütpreis nominiert war. Zuletzt erschien ihr Gedichtband Ousia bei Kookbooks, der für den Österreichischen Buchpreis nominiert wurde.
Verena Stauffer lebt in Wien und Moskau.

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Die Krokodile in den Mangroven zu Greifen nahe

Missing Boy von Candice Fox

Dritter Fall für das ungewöhnlichste Ermittlerduo Australiens.

Sara Farrow macht mit ihrem achtjährigen Sohn Richie und zwei weiteren Elternpaaren Urlaub im White Caps Hotel. Sie schaut stündlich nach den vier Kindern, während die Eltern im nahen Restaurant abendessen. Bei ihrer Kontrolle um Mitternacht ist ihr Sohn Richie verschwunden.

Alle Überwachungskameras des Hotels dokumentieren, dass Richie das Hotel nicht verlassen hat. Die Suche beginnt.

Die Suche nach dem Jungen ist nur eine Rahmenhandlung im wahrsten Sinn des Wortes. Vielmehr stehen im Mittelpunkt die beiden Gründer und einzigen Mitarbeiter der Conkaffy&Pharrell Detektei: Ted Conkaffy und Amanda Pharrell, beide Außenseiter mit Knasterfahrung und privaten Nackenschlägen. Und wenn einem die Mitmenschen nichts Gutes tun, dann eben Tiere, Amanda mit großer Katzenschar, Ted mit Hund und Gänsen. Sara Farrow will eben diese zwei als Ermittler in der Suche nach ihrem Sohn haben. Damit sind atmosphärische Störungen mit der örtlichen Polizei vorprogrammiert.

Amanda „mit ihrem jugendhaften Körper und dem verfilzten Köterfell auf dem Kopf. Keine Titten und einen Arsch wie zwei Eier im Taschentuch (Zitat S. 99), („No tits, an arse like two eggs in a hanky“ englischer Originaltext), von Kopf bis Fuß tätowiert. Sie ist ein Reibebaum für ihre Umgebung, hat dafür ein ausgeprägtes Sensorium für treffsichere Schlüsse bei ihren Ermittlungen. Konventionslos, panische Angst vor Kindern, steigt in kein Auto, fährt daher das von ihr restaurierte Wehrmachtsmotorrat BMW R75.

Ted, vor zwei Jahren als Unschuldiger von der Öffentlichkeit eines Verbrechens verurteilt ist in den Norden geflohen. Ehe zerbrochen und keinen Kontakt zu seiner kleinen Tochter. Als Expolizist ist er für die hiesige Polizei ein Unmensch, doch er kennt ihre Methoden.

Candice Fox weiß wie sie ihre Leser auch mit dem dritten Teil fesseln kann. Die Spannung ist spürbar, die Krokodile in den Mangroven zu Greifen nahe. Geschickte Winkelzüge geben dem Leser immer wieder neue Rätsel, ich hätte nie und nimmer das gleichen Showdown erwartet. Ein echter Pageturner, nur leider endet die Story von Amanda&Ted.

Jeder Band ist einzeln zu lesen, alle drei zusammen versprechen dreifachen Lesegenuss.

Für eine Verfilmung kann ich mir Amanda nur Rooney Mara als Lisbeth Salander in Verblendung (Originaltitel: The Girl with the Dragon Tattoo) vorstellen.

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Die Krokodile in den Mangroven zu Greifen nahe
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Passen Sie auf ihre Nackenhaare auf

Die Aufdrängung von Ariane Koch

Im schmalen, 177 Seiten umfassenden Debütroman der Schweizer Autorin Ariane Koch erzählt eine namenlose Frau von ihrem Leben mit DEM Gast, den sie zufällig am Bahnsteig trifft und einlädt, in ihrem Haus zu wohnen. In einer schweizerischen Kleinstadt nahe dem Elsass im Schatten eines großen Berges, der einer Pyramide ähnelt.

Den zu besteigen sich nicht lohnte, denn die Landschaft "ist schön, aber dumpf, ist schön, aber dumm". "Ich bin das allerälteste Fossil und hasse diese Kleinstadt so sehr, dass ich mich an ihr rächen werde, indem ich nie wirklich von hier weggehe, auch wenn ich ständig so tue, als ginge ich weg."
Sie fühlt sich in diesem Haus als Statthalterin ihrer verachteten Familie, nichts fürchtet sie mehr als deren Auftauchen und Anspruch Erhebung einerseits und sitzt auf Umzugskartons, jedoch unfähig das Haus zu verlassen andrerseits.
„Vielleicht sollte ich ihnen sagen, dass sie Unmenschen sind und sich schämen sollten, ihre luxuriösen und unangebrachten Gelüste zugunsten ihrer kinderartigen Verdoppelung anzumelden, denke ich auf dem Sofa, mich genüsslich ausstreckend.“ (s. S. 50)

Der Gast liegt auf dem Bett, zieht langsam den Reißverschluss seines Schlafsackes auf, im Unterhemd - und nicht viel mehr. „Lieber lege ich mich in die Küche, wo Minusgrade herrschen, als zum nackten Gast, dessen potentielle Nachkommen ich nicht auszubrüten gedenke.“ (s. S. 54)

Auf die gleiche Weise wie die Aspekte-Jury ihre Entscheidung der Preisverleihung an Ariane Koch begründet hat, zieht sich diese wie ein roter Faden durch den Roman. „Dieses hochdiffizile Sprachbild ergebe erst überhaupt keinen und dann sehr viel Sinn.“

Am Ende fragt sich die Erzählerin an einem Ort der Extreme, ‚ob sie eine Person der Extreme sei, oder ob es erstrebenswert wäre, eine Person der Extreme zu werden.‘

Bizarr die Geschichte, ungewöhnlich der Schreibstil. Wenn der richtige Schauspieler (denn nur diese KÖNNEN richtig lesen) den Roman liest, stellen sich beim Zuhörer die Nackenhaare auf.

Ariane Koch, geboren 1988 in Basel, studierte u. a. Bildende Kunst und Interdisziplinarität. Sie schreibt – auch in Kollaboration – Theater- und Performancetexte, Hörspiele und Prosa. Die entstandenen Texte wurden vielfach aufgeführt und ausgezeichnet.
Koch hat für "Die Aufdrängung" 2021 den Aspekte-Literaturpreis des ZDF erhalten.

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Schmerzhafte Suche nach vermisster Schwester

Eingeholt von David Baldacci

Die Rahmenbedingungen sind die gleichen wie in den beiden Vorläuferthrillern. FBI Special Agent Atlee Pine ist nach wie vor auf der Suche nach ihrer Schwester Mercy. Vor dreißig Jahren wurden sie und ihre Zwillingsschwester zu Hause überfallen, Atlee bewusstlos geschlagen und Mercy entführt und seitdem spurlos verschwunden.

Hartnäckig verfolgt sie eine heiße Spur in New Jersey. Sie hat sich von ihrem FBI-Vorgesetzten eine Auszeit für die Suche geben lassen. Hat quasi ihr Büro in Arizona aufgelöst und ihre 60jährige Assistentin Carol Blum mitgenommen. Atlees obsessive Suche.

„Der Weg zu Mercy war lang und verschlungen, an manchen Tagen schien Pine das Ziel so unerreichbar wie der Mond.“ (S. 13)

Ein Bekannter darf nicht fehlen: John Puller, Spezialermittler der Militärpolizei. Er ist nahe daran ein kriminelles Netzwerk auszuheben, von dem er noch nicht die gesamte Dimension erahnt.

Auf den ersten Blick hat die Such von Atlee nach ihrer Schwester nichts mit den Ermittlungen Pullers zu tun, doch überraschender Weise ergeben sich Verbindungen zwischen ihren beiden Fällen.

Am Beginn scheint es eine vergnügliche unkomplizierte Reise der drei zu werden, doch bald fallen Schüsse und es gibt reihenweise Tote. Das Bemerkenswerte daran ist, dass die Ermittlungen von Puller von allen Seiten boykottiert werden. Wenn das einen Ermittler nicht stutzig macht und besonders anspornt.

Baldaccis literarisches Herz hängt an Atlee, einer kompromisslosen FBI-Agentin, die mit offenem Visier kämpft und der selbst die fiesesten Killer und korrupten Politker nicht gewachsen sind. Unbezwingbar, denn sie wird noch im vierten Band gebraucht. Den Gegenpol stellt die „mütterliche“ Carol Blum dar, sie könnte vom Alter fast die Mutter von Atlee, 36 Jahre alt, sein. Den männlichen Part spielt John Puller, ein smarter Typ, das Backup für Atlee, es scheint nur ganz leicht zwischen den beiden zu knistern.

Baldacci ist routiniert genug, um zu wissen was seine Leser lesen wollen, und er bekommt millionenfach recht. Der Thriller ist keine literarische Offenbarung, jedoch in der Thriller Szene steht Baldacci weit oben. Die Spannung steigt stetig an, der Leser hat verschiedene Vermutungen, die alle über den Haufen geworfen werden. Ein Pageturner, trotz über 500 Seiten. So ist das bei Baldacci.

Und jetzt warten wir auf das (bittere/versöhnliche/überraschende) Ende, beziehungsweise auf das Zusammentreffen von Atlee und Mercy. Baldacci hat sich sicher etwas Besonderes einfallen lassen.

Der Abschluss der Erfolgsserie um FBI-Ermittlerin Atlee Pine ABGERECHNET erscheint am 23. Mai 2022.

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Schmerzhafte Suche nach vermisster Schwester
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Vater Tim gibt nicht auf

Das dunkle Herz von Palma von Mons Kallentoft

Für Tim Blanck ist das Verschwinden seiner damals 16jährigen Tochter Emme DAS Trauma. Seit fünf Jahren - solange sucht er vergebens. Doch er glaubt nicht an ihren Tod. Sie lebt? Inzwischen ist er Vater einer Tochter Aina geworden. Doch wieder verlässt Blanck Schweden und kehrt zurück nach Palma.

Es gibt Anzeichen, dass er sich getäuscht hat, dass Emme noch am Leben ist.

Tim, der „verrückte“ Schwede, der unablässig nach seiner Tochter sucht, ist vielen auf Palma bekannt und nicht alle meinen es gut mit ihm und bemitleiden ihn. Sein psychischer Ausnahmezustand lässt ihn zum Spielball, sowohl der mallorquinischen Polizei, als auch der bulgarischen Verbrecherclique werden. Aber diesmal scheint es kein Zurück zu geben, denn gerade die Mafia bietet ihm neue Hinweise an und verlangt dafür eine Gegenleistung von Tim, die ihn zwischen die Fronten der organisierten Kriminalität geraten lässt. Eine atemlose Jagd beginnt, denn Tim muss nicht nur Emme finden, sondern auch brutalen Mafiabanden entkommen, die es auf ihn und seine Familie abgesehen haben.

Hat sich Tims Leben auf eine endlose Reihe von Verlusten reduziert?

Kallentofts Schreibstil ist eigen, ruht nie, lässt dem Leser keine Zeit zum Durchatmen, eine Geschichte, die den Leser psychisch an seine Schmerzgrenze bringt. Ein herausragendes Charakteristikum sind die verschiedenen Perspektivenwechsel: Abwechseln „flüstert“ ihm seine Frau Rebecka und seine Tochter Emme zu. Das Zeitkontinuum wird durchbrochen, so wie in Tims Gedanken Gegenwart mit Vergangenheit und Zukunft vermischt werden.

Kein Buch der Belletristik im Sinne von „schöner“ Literatur, sondern ein Roman, der weniger von der kriminalistischen Handlung lebt, dafür aber ungeheure Empathie beim Leser erzeugt. Tim Blanck, ein moderner Don Quijote.

Der schwedische Originalitel „Hör mig viska“, zu deutsch „Hör mich flüstern“ beschreibt treffender den selbstzerstörerischen Trieb des Vaters, seine Tochter zu finden als „Das dunkle Herz von Palma“.

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Vater Tim gibt nicht auf
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Spannung ja, aber das ist alles

Parceval - Spiel mit dem Feuer von Chris Landow

Parceval zum Dritten.
Ja ja, ist schon klar; es geht um seine Schwester Birgit und Nichte Miray. Sie sind vermisst – wurden wahrscheinlich vom IS in Afghanistan verschleppt. Er will sich mit dem Gouverneur Majib „unterhalten“, in dessen Provinz Parceval die beiden Frauen vermutet.

Die Elbphilharmonie in Hamburg wird während eines Konzerts von Duzenden IS-Kriegern, eigentlich alles Terroristen überfallen.

Der OberIS Walau, richtig ein Deutscher, stellt Forderungen und lässt ein paar Geiseln töten. Nicht gerechnet hat er mit Parceval, der sich „zufällig“ in der Elbphilharmonie aufhält. „Olympus has fallen“ hatte Landow dabei sicher im Kopf.

Dramaturgie routiniert aufgebaut, rasanter, recht einfacher Schreibstil. Plattitüden gefällig: „Die Würfel sind gefallen, die Dinge waren in Bewegung“, „…das Beste aus Allem machen.“

Das einzig bemerkenswerte ist der ambivalente Charakter von Parceval. Auf der einen Seite trägt er die Einkaufstaschen von alten Damen und auf der anderen Seite eiskalter Killer.

Das Gegenteil von hochwertiger Thriller Literatur ist die Domäne des Autors. Das ist nicht negativ gemeint. Wo immer es Käufer/Leser gibt, sind solche Bücher gerechtfertigt.

Parceval 4 wartet bereits auf seine Leser.

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Spannung ja, aber das ist alles
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Kein Hoch Lied auf die Familie, sondern er legt ihre strukturellen Probleme offen.

Crossroads von Jonathan Franzen

Wann ist CROSSROADS zu lesen? Im Advent? Ja, dann beginnen Sie auf Seite 9.Und noch weitere 817 Seiten warten auf Sie.

Der Roman, ein unbarmherziges Brennglas auf die Pfarrersfamilie Hildebrandt, die 1971 in New Prospect, einem fiktiven Vorort von Chicago lebt, erzählt in einem Dickicht aus Erinnerungen und Fantasien, grenzenlosem Fabulieren und wilden Lügen.

So geht die Geschichte der Hildebrandts: Vater Russ, 47, ist der Pastor einer protestantischen Gemeinde namens „First Reformed" in der er von Rick Ambrose, einem nachrückenden, jüngeren Geistlichen zum Stellvertreter degradiert wird - auch, weil er angeblich ein junges Mädchen belästigt haben soll, was Russ dementiert.

Russ wünscht sich nichts so sehr, als endlich in die junge Witwe Frances Cottrell, 36 eindringen zu können. „Er erwog, sie noch einmal anzurufen, und sei es nur um seinen Vorrat an Scham wiederaufzufüllen, aber die Reinheit des Schmerzes, den ihr Verlust ihm bereitete, passt perfekt zu den dunklen Nachmittagen und den langen Nächten der Jahreszeit.“ (S. 24) – „Als er (Pastor Hildebrandt) kurz zu Becky aufschaute, verblasste sein Lächeln. Als er ihn wieder auf die Frau (Frances Cottrell) richtete, erwachte es zu neuem Leben.“ (S. 126). So geht es weiter: „Russ war ein Wrack am Steuer eines Wracks, aber er hatte Mrs. Cottrell, die vor ein paar Stunden mit gespreizten Beinen vor ihm saß und ihn an die Nase stupste." (S. 515). Britzelig, abwarten…
„Gebote waren zwar wichtig, die Stimme einem höheren Recht gleichkam“ (Russ). Naja, der Pastor ist eben nur ein Mensch, wenn auch ein Heuchler. „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein…“ (Johannes Kap. 8,7).
Seine Ehefrau Marion, für ihren Mann und die Kinder längst unsichtbar geworden, veredelt Russ' Predigten, was niemand in New Prospect wissen darf. Die Hassliebe von Eheleuten, im Schweigen und Schönreden verbunden. Sohn Perry, 15, und Tochter Becky, 18, sowie Nachzügler Judson, 9 leben noch im Pfarrhaus; Clem, der älteste Sohn der Hildebrandts, schmeißt sein Studium hin und meldet sich zum Militär.

CROSSROADS? Eine kirchliche Jugendgruppe, typisch amerikanisch, rund 120 Mitglieder mit vollem Erlebnisprogramm. Und seinen vertrauensbildenden Übungen, dem ganzen Gerede über persönliches Wachstum und mit den heuchlerischen Umarmungszeremonien - „Es tut so verdammt gut“-, jeder liebt jeden, jeder sagt jedem die Wahrheit. Alle sind Engel? Nein, die Teufel werden erst später erkannt. Elvis Presleys „The devil in disguise“ könnte von Crossroads das musikalische Leitmotiv sein:
You look like an angel
Walk like an angel
Talk like an angel
But I got wise
You're the devil in disguise
Oh yes you are
The devil in disguise

Der Leiter, Rick Ambrose, ein Kerl mit strähnigem Haar und glitzernd schwarzem Fu-Man-Chu-Schnauzbart, den Russ aus tiefem Herzen hasst. Perry und Becky sind bei Crossroads.

Franzes orchestriert grandios und gnadenlos das Leben der Pastorenfamile Hildebrandt. Daß es eine Familie mit einem Priester als Oberhaupt sein muss ist nur die Spitze seiner zynischen Ironie. Der Großteil des Romans spielt im Advent, mit Höhepunkt zu Weihnachten und zu Ostern. Die Mitglieder der Familie sind derart mit sich selbst beschäftigt, dass sie die Welt um sich herum kaum wahrnehmen. Alle, nicht alle wollen Gott gefallen und beten zu ihm, aber bessere Menschen werden sie nicht. Die Familie ist ein Scherbenhaufen. Es ist kein Hoch Lied auf die Familie, sondern er legt ihre strukturellen Probleme offen.

CROSSROADS ist der Auftakt zu einer geplanten, etwas großspurig betitelten Trilogie „Ein Schlüssel zu allen Mythologien“.

Das genussvolles Lesevergnügen beinhaltet auch spirituelle Erfahrungen, denen man sich nicht entziehen kann. Für mich das Highlight des Jahres.

Die Fotografie auf dem Buchumschlag ist ein privates Foto von Franzen und ein Hinweis auf seine frühere Mitgliedschaft in der Jugendgruppe Fellowship.

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Kein Hoch Lied auf die Familie, sondern er legt ihre strukturellen Probleme offen.
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Bleibt dein Fenster unverschlossen, hörst du ihn gleich daran klopfen…

Der Kinderflüsterer von Alex North

„Wenn die Tür halb offensteht, ein Flüstern zu dir rüber weht“…

DI Pete Willis, Gefangener in seiner Vergangenheit und Gegenwart, ein zwanzig Jahre vermisstes Kind konnte er nicht finden, jetzt kämpft er mit seinem Polizeijob, Alleinsein und Alkoholproblem: „…so eine Flasche geöffnet hatte, trotzdem konnte er sich noch gut an das tröstliche Klack erinnern, als er den Deckel aufgeschraubt und das Siegel aufgebrochen hatte.



Tom mit Sohn Jake ziehen in ein neues Haus. Steven King lässt grüßen: „…er macht mich nervös. Mein empfindsamer Sohn, der schlafwandelte und eingebildete Freunde hatte, der mit Leuten sprach, die gar nicht da waren, die ihm Abzählreime vorsagten und versuchten, ihm Angst einzujagen…“

Bis zur Hälfte eine Vater-Sohn-Geschichte, bei der ich mich fragen muss, hat er noch alle emotionalen Tassen im Schrank. Na klar, seine Rebecca gibt es nicht mehr, dann soll er sich halt von Karen küssen lassen. Küssen hat er sich lassen, offenbleibt ob er ihren Kuss erwidert hat. Für mich zu viel Gesülze.

Ab der Hälfte nimmt der Krimi Fahrt auf. Das Ende lässt mich völlig unbefriedigt zurück.

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Von Kojoten und Tigern

Wie viel von diesen Hügeln ist Gold von C Pam Zhang

Was macht ein Zuhause zum Zuhause?

Wer die ersten hundert Seiten geschafft hat, liest weiter, die anderen haben das Buch früher beiseitegelegt.

Die chinesisch-amerikanische Schriftstellerin C Pam Zhangs erzählt mit ihrem teilautobiographischen Debütroman „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ von der Geschichte einer chinesischen Einwandererfamilie auf Goldsuche in Amerika Mitte des 19.

JH.

Es ist die Geschichte von zwei Geschwistern, der zwölfjährigen, schlauen Lucy und der elfjährigen, trotzigen Sam (eigentlich Samantha), die aus ihrer Hütte, einem ehemaligen Hühnerstall fliehen und sich auf die Suche nach einem Zuhause und einer geeigneten Begräbnisstelle für ihren verstorbenen Vater Ba begeben. Ihre Mutter Ma, eine chinesische Immigrantin, ist schon ein paar Jahre tot. Mit Nellie, einem dem Lehrer gestohlenen Pferd und der Leiche des Vaters in einer Kiste begeben sie sich auf eine abenteuerliche Reise durch die Weiten Kaliforniens. Ohne „Wild Wild West“-Romantik.

In einer Rückblende wird das Leben drei Jahre zuvor, als die Mutter noch bei ihnen war, als Lucy noch zur Schule ging und Sam als Bub getarnt mit dem Vater in das Kohlenbergwerk ging, aufgerollt. Als chinesische Immigranten – obwohl nur Mutter Ma aus China stammt, Vater und Kinder sind in Amerika geboren – haben sie es schwerer als andere Bergarbeiterfamilien, ihr Leben in der engen Hütte ist geprägt von Entbehrungen.

In einer dritten Ebene erzählt Lucy von der Zeit, da sie in Sweetwater eine neue Heimat gefunden hat. Die rebellische Sam ist nicht mehr da, irgendwann ist sie Lucy abhandengekommen, weil sie einen anderen Weg eingeschlagen hatte.

Im letzten Teil werden Sam und Lucy bewusst, dass nur noch die Indianer unter ihnen „geschichtet“ sind.

Die Geschichte der Chinesen im US-amerikanischen Westen der Pionierjahre ist aus dem kollektiven Gedächtnis der USA weitgehend ausgeklammert. Der vergessenen Präsenz der Migranten aus China, die für den Bau der ersten interkontinentalen Eisenbahnstrecke schufteten setzt Zhang im weißgewaschenen Wilden Westen ein literarisches Denkmal.

Der Roman hat es auf Barack Obamas Leseliste geschafft, sicher nicht auf die aus Trumps Kosmos.

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