Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Manfred Fürst:
Pränatales Trauma einer Psychopatin
Verity von Colleen Hoover
Was gibt es treffenderes als sich mit einer einsamen Ameise auf seinem Zeh zu vergleichen. „Vielleicht war sie wie ich und mochte andere Artgenossen einfach nicht“, denkt Lowen. Manhattan, ein Paradies für Sozialphobiker.
Sie wird auf jemanden treffen, der noch eine viel größere psychische Delle hat.
Lowen Ashleigh, eine mittelmäßige Schriftstellerin am Rande des finanziellen Ruins, erhält das Jobangebot ihres Lebens, lukrativ, sie nimmt es an. Jeremy Crawford, Ehemann der Bestsellerautorin Verity Crawford hat Lowen beauftragt, die restlichen 3 Bände einer erfolgreichen Serie fertigzustellen. Verity ist seit einem schweren Unfall so beeinträchtigt, dass sie nicht mehr schreiben, bzw. sich überhaupt nicht mehr bewegen kann; ähnlich einem Wachkoma.
Lowen wird von Jeremy eingeladen, einige Zeit im Haus der Crawfords zu verbringen - zwecks Sichtung von Veritys Notizen und Handlungsskizzen für die noch zu schreibenden Bände. Sie entdeckt ein augenscheinlich autobiografisches Manuskript mit verstörenden Enthüllungen und glaubt bald, dass Verity ihre Bewegungsunfähigkeit nur vortäuscht. Das Haus gleicht einer Burg und verströmt eine unheimliche Atmosphäre, Lowens Aufenthalt entwickelt sich zum Horror. Die vermeintlich wahre Autobiographie Veritys ist teuflisch beängstigend.
Colleen Hoover ist mit „Verity“ einen sehr zügig zu lesender packender Spannungsroman mit unerwarteten Wendungen gelungen. Lowen Ashleigh als Ich-Erzählerin schwankt zwischen den Realitäten, was sie liest und der Realität, die sie wahrnimmt.
Das Ende ist unvorhersehbar und es stellt sich die spannende Frage nach der Wahrheit.
Es fällt schwer das Buch zur Seite zulegen, ein echter Pageturner.
Das Chalet von Ruth Ware
Zehn kleine Negerlein…
Zehn stimmt zwar, aber es sind keine Negerlein, obwohl ein Schwarzer dabei ist und der Abzählreim ist zumindest anfangs richtig.
Neun coole Hipster eines Social-Media-Start-up und ein fast unsichtbares Mauerblümchen namens Liz treffen sich in den französischen Alpen weit über der Baumgrenze zu einem Retreat; In einem Luxus-Chalet „Perce neige“, zu deutsch niedlich „Schneeglöckchen“.
Die Gastgeber sind der Koch Danny und das Mädchen für Alles Erin. Damit sind die zwei wichtigsten Personen Liz und Erin genannt, die in unzähligen Kapiteln als Ich-Erzählerinnen den Thriller dominieren.
Das Team ist gespalten in der Frage, ob ihre einst erfolgreiche App „Snoop“ an einen Investor um viel Geld verkauft werden oder ob das Unternehmen eigenständig bleiben soll. Die zwei Gründer von „Snoop“ Topher St. Clair-Bridges und Eva van den Berg sind gegensätzlicher Meinung – Konfliktpotenzial vorprogammiert.
Trotz Lawinengefahr besteht Topher, leidenschaftlicher Snowboarder darauf, dass sich alle auf die Piste begeben - zum Skifahren. Eva fährt auf einer sehr schweren Piste und kehrt von der Skitabfahrt nicht mehr zurück. Der erste Abgang und es sollte nicht der letzte sein. Eine Lawine erreicht das Chalet und zerstört Teile davon und schneidet es von der Umwelt völlig ab. Während noch genug Lebensmittel und Holzvorräte vorhanden sind, nimmt die Zahl der Gäste durch Todesfälle stetig ab. Der Originaltitel „One by One“ ist diesbezüglich viel treffender als der Deutsche.
Ruth Ware charakterisiert die Hipstertypen in sehr überzeugender und treffender Weise, es scheint ihr ein besonderes Anliegen zu sein, diese zu demaskieren. Herausragend jedoch die Darstellung der Liz. Als ob sie nicht bereits als Aschenputtel gezeichnet ist, legt Ware mit jedem Kapitel noch ein Schäufelchen nach bis Liz völlig „arm“-selig scheint. Bis zum Showdown.
Der Schreibstil (die Übersetzung) fördert den Lesefluss, dieser wird durch die atemraubende Spannung und die realitätsnahen Schilderungen gefördert. Es fällt schwer das Buch zur Seite zulegen, ein echter Pageturner.
Ruth Ware kennt sicher die Meisterkrimis von Agatha Christie „Mord im Orientexpress“ und „Tod auf dem Nil“ und wandelt damit auf den Spuren einer unerreichten Krimiikone.
Zur Coverabbildung: Laut Verlagsangaben stammt das Umschlagmotiv von Paul Scheen mit dem Titel „man standing on road with icy mountains“. Es zeigt diese Gebirgslandschaft mit einem Mann, der auf der Straße steht ohne Gebäude. Das gleiche Sujet gibt es von Volodymyr Vaksman mit folgender aufschlussreicher Information: „Typical Norwegian landscape with snowy mountains and clear lake near the famous Aurlandsvegen Bjorgavegen, mountain road, Aurland, Norway;“ ohne Mädchen im gelben Anorak und ohne Gebäude. Die für die Umschlaggestaltung verantwortliche Agentur hat den Mann aus Sheens Bild entfernt und durch das gelbe Mädchen (könnte von Sheen sein) ersetzt und ein Pseudochalet in die Gebirgslandschaft eingesetzt, völlig gegen jede richtige Perspektive. Das Originalcover ist viel realistischer.
Unpassend der banale Untertitel: „Mit dem Schnee kommt der Tod.“
Die Liebe ist ein Rätsel
Das helle Licht des Tages von Graham Swift
Graham Swift lässt in seinem Roman "Das helle Licht des Tages" den Privatdetektiv George Webb von seinem verzwickten Leben erzählen. Und was für eines. Plot-Mittelpunkt ist ein Mord, dazu die Liebe des Detektivs zu seiner Klientin, die zugleich die Mörderin ist. Einzelheiten erfahren wir nach und nach, wenn überhaupt.
Es geht nicht um die Aufklärung des Falles, noch um die Mordmotive, sondern schlicht und einfach um die Frage, ‚was den in George gefahren ist‘ wie Rita, Georges Sekretärin zu Anfang treffend ausdrückt: "Irgendwas ist über dich gekommen."
In Anspielung auf das phantastische Coverbild resümiert George, der sich anfangs noch nicht weiß, dass er bald in den Fängen einer problematischen Liebe wähnt: „Das Sonnenlicht berührte noch gerade ihre Knie, so dass sie aussahen, als könnten sie sich nicht verstecken“. „Ein Lächeln, so schutzlos wie ihre Knie“. "Der Sonnenstreifen zwischen uns erfasste ihre Knie und ließ sie beinahe goldfarben glänzen“. Goerge übernimmt von Sarah einen simplen Beschattungsauftrag: Es soll ihren Mann Rob und seine Geliebte Kristina bis zum Flughafen folgen und ihr den Abflug von Kristina melden. Damit beginnt Georges Liebesdilemma. „Vielleicht lag es an ihren Knien“, versucht sich George an einer Selbstrechtfertigung.
Manchmal ergibt die Handlung keinen Sinn, aber vielleicht liegt gerade darin der Sinn. George Webb, der Ehemann, der von seiner Frau Rachel verlassen wird: „Leb wohl, Bob“, aus dem Polizeidienst entlassen, einst von seiner Tochter Helen gehasst, nun monatlich besucht – George, der Superkoch, der Detektiv, der einer Mörderin verfällt.
Einmal im Jahr besucht George das Grab des Ermordeten und legt Blumen auf die Grabplatte, vierzehntägig besucht er Sarah im Gefängnis, bis sie in acht Jahren entlassen wird. Ein Rätsel reiht sich an das nächste. Swift hat nicht im Sinn, letzte und restlose Klarheit zu schaffen, das überlässt er dem Leser, der wiederum sollte das angestrengte Lesen als Genuss empfinden.
In der Unterwelt begegnet Oxen dem Charon
Oxen. Noctis von Jens Henrik Jensen
OXEN #5
Niels Oxen ist nicht totzukriegen. Warum auch. Der höchstdekorierte Veteran des Königreichs DK, der einzige. Mit allen Wassern gewaschen. Hat ein Sensorium wie niemand anderer, spürt jede Bedrohung.
Einst gejagt vom PET, dem Dänischen Inlandsgeheimdienst; zu Unrecht des Mordes angeklagt, düpierte er die gesamte dänischen Polizei – inklusive PET-Chef Mossman.
Dieser ist nun in Pension und frönt der Kunst – widerwillig und der Fischerei.
In NOCTIS wird Oxen hofiert, man braucht ihn als Spezialermittler mit umfassenden Vollmachten, sehr zum Ärgernis der örtlichen Polizei und Kripo.
Dazu noch die weibliche Inkarnation eines „WonderWoman“: Margarethe Franck. Das Ass des PET. Am Anfang der OXEN-Reihe von Niels verächtlich als „die einbeinige Lara Croft“ tituliert. Zu Beginn spinnefeind und ablehnend gegenüber Niels. In der Zwischenzeit hat sich viel geändert. In NOCTIS ermitteln beide zu Veteranenmorde. Zur Begrüßung umarmen sie sich. Niels nimmt ihren Knackarsch anerkennend zur Kenntnis, wie das Baumeln an ihren weiblichen Rippen.
Sieben Leichen werden an Land gefunden, erschossen von einem Scharfschützen, allesamt Veteranen. Eine achte Leiche, ebenfalls erschossen wird im Wasser entdeckt. An allen Tatorten taucht Sally Finnsen vom Fahndungsdezernat der Kripo Kopenhagen auf. Sie hat keinen dienstlichen Auftrag. Was hat sie an den Tatorten zu suchen? Noch viel dringender die Frage: Wer hat die Veteranen erschossen und was war das Motiv? Jensen hat genügend Zeit, um auf über 570 dem Leser die Motivlage darzulegen und dehnt dementsprechend den Plot aus.
Der erste Teil spielt über der Erde und wird entsprechend „Die Welt“ betitelt. Die Ermittlungen stecken fest und die große Stunde schlägt dem PET-Pensionisten Mossman, der sich als Geheimdienstler profilieren möchte und durch ganz Europa tingelt und „Nachforschungen“ anstellt. Der zweite Teil führt uns unter die Erde in „Die Unterwelt“. Ab der Hälfte des Thrillers nimmt die Spannung zu und entwickelt sich zu einem Pageturner: Niels Oxen wird vermisst und für die über der Erde ist es ungewiss, ob sie ihn finden können, bzw. ob er überhaupt noch lebt. Jensen lässt uns in eine Welt voller menschlicher Abgründe eintauchen.
Mossman hält sich für unentbehrlich und ist sehr enervierend. Franck bekommt mit Sally eine junge Kollegin, die über herausragende Fähigkeiten verfügt. Sie ist eine Superschützin, denkt analytisch und körperlich voll austrainiert und kann demnach „viel besser laufen“ als Franck. Oxen hat sich sozialisiert, vom Waldmenschen mit PTBS zu einem fast zu netten Menschen, der für seinen Sohn Magnus ein Daddy sein will.
Sprachwitz ohne Ende und dazu noch einen Brenner
Müll von Wolf Haas
Das Warten hat ein Ende. Nach achtjähriger Pause kehrt Simon Brenner zurück. In Müll gibt Wolf Haas seinem einzigartigen Anti-Helden wieder einen Auftritt. Und das Warten hat sich gelohnt: Der Mann mit der ökonomischen Sprechweise läuft wieder zur Hochform auf. Er ist besser denn je.
Endlich hat der Brenner seine wahre Bestimmung gefunden.
Nach Kriminalkommissar, Privatermittler, Rettungsfahrer, ist er der geborene Wiener Mistler: Stolz, lässig, souverän, eine Vision in Orange. Haas kann Brenners Gedanken lesen: „Für den Brenner war es der beste Job, den er jemals gehabt hat. Gesellschaftlich ja auch viel anerkannter. Das war vielleicht früher einmal so, dass die Müllarbeit nur für das Wegräumen der Vergangenheit gestanden ist. Aber heute: Recycling hin, Kreislauf her, sprich Zukunft gestalten. Darum war die Arbeit auf einmal so gut angeschrieben. Zehnmal besser als Kriminalpolizei.“
Mit seinem stark entwickelten Sinn für Ordnung werkt Brenner am Müllplatz am richtigen Ort. Als „Empfangschef“ gibt er Anweisungen wohin welches alte Ding gehört. Dafür gibt es Wannen, bis zu 33 Stück davon. Aber wenn in Wanne 4 ein menschliches Knie gefunden wird, steht bald die Kripo auf dem Mistplatz. Weitere Leichenteile werden gefunden, nur das Herz wird im Kühlschrank der Witwe. Diese Ereignisse lassen ein Grüppchen von auffälligen Charakteren auftreten. Iris, die hübsche Tochter des Opfers, die die Mafia des Organhandels verdächtigt, die flüchtige betrogene Ehefrau, nun Witwe, der smarte „Praktikanten“, genannt Coco, der Transportunternehmer TOBIAS und dessen ausgefuchster persönlicher Fahrer Nguyen. Dazu die Mistler in Orange, der schöne Udo und der schwerhörigen Schmid, aber gekonnter Lippenleser.
„Man hat nicht sagen können, welcher von beiden der Chef war, weil der sportliche Friseurweltmeister fast zu jung für Chef, und der Ältere wieder zu mollig für Chef, also nicht einfach chefmäßig fett, sondern von der ganzen Dings her zu weich, ein molliger Typus mit breiten Hüften, an dem sich beim Beruferaten alle die Zähne ausgebissen hätten“, heißt es über die zwei Kripobeamten.
„Müll“ ist ein brillantes Buch – lustig, spannend, tragisch. Wolf Haas spielt nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit den Konventionen, Motiven und Klischees des Krimi-Genres.
Am Ende segelt ein Altglaslaster über die Kaimauer in den wunderschönen flaschengrünen See, verwandelt sich in ein Altglasschiff und versinkt langsamer als vermutet in den Fluten. Noch heute schwärmen die Leute von dieser glitzernden Fontäne, die sich über den See ergossen hat, Regenbogen nichts dagegen.
Nicht immer glücken die simplen Eingriffe
Ein simpler Eingriff von Inokai, Yael
Ein simpler Eingriff erschien 2022 in Berlin im Carl Hanser Verlag. Inokai erzählt darin aus der Perspektive von Maret, einer Krankenschwester von lesbischer Liebe und einer Gesellschaft die Menschen krank macht und mittels operativer Eingriffe meint, heilen zu können.
Ein Roman über einige Patienten und das medizinische Personal in einer psychiatrischen Klinik.
Der Doktor wählt Maret zu seiner Assistentin während er die psychischen Störungen operativ entfernen soll. Die Patientin Marianne soll von ihrer Wut geheilt werden. Die Operation misslingt, Marianne befindet sich vorläufig im Wachkoma. Meret kommen Zweifel an der Operationsmethode des Doktors. „Es ist zu einem Zwischenfall gekommen. Zu einer Entgleisung meinerseits. Seither habe ich meine Zweifel daran, wer oder was ich bin,“ sagt Maret. Marianne erholt sich, der Doktor will eine nächste Operation, doch Maret und Sarah haben einen Plan.
Inokais Roman bietet dem Leser trotz des scheinbar leicht dahinfließenden Schreibstils mehrere Betrachtungsebenen. Ohne Zeit- und Ortsbezug spielt der Roman auf eine dunkle experimententhemmte menschenverachtende Vergangenheit in psychiatrischen Kliniken an. Beginnend in den 1930er- bis 1970er-Jahre, ein düsteres Kapitel der Medizingeschichte. Als man noch glaubte den Menschen mit einer Operation (Lobotomie) heilen zu können, oder um ihn vielmehr „ruhig zu stellen“.
Es ist mehr als ein historischer Roman. Fast gleichwichtig ist die feinfühlig erzählte Liebesgeschichte zwischen Maret und Sarah. Es hilft Maret, sich aus dem starren Spitalsystem zu befreien, sich nicht nur als funktionierende Uniformierte zu fühlen.
Yael Inokai (* 1989 in Basel als Yael Pieren) ist eine Schweizer Schriftstellerin. Sie ist die Tochter einer Deutschen und eines Ungarn. Ab 2011 studierte sie Philosophie in Basel und Wien, ab 2014 Drehbuch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. 2012 erschien ihr erster Roman, Storchenbiss, 2017 ihr zweiter Roman Mahlstrom wurde 2018 mit einem der hochdotierten Schweizer Literaturpreise ausgezeichnet. Inokai ist Leiterin von TextTransit des Studierendenwerks Berlin und lebt in Berlin.
Die Vorlage für das Covermotiv stammt von Helena Parada Kim, entstanden 2017 mit dem Titel Nurse at a window, Öl auf Karton, 30 x 20 cm. Nurse at a window stammt aus einer umfangreichen Serie von Schwesternbildern, die wie der Roman von Inokai einen sehr weiten Interpretationsspielraum gewähren.
Helena Parada Kim wurde 1982 als Tochter einer koreanischen Krankenschwester und einem spanischen Gastarbeiter geboren. Sie ist in Köln aufgewachsen und studierte Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf, wo ihr künstlerisches Können als Schülerin von Professor Peter Doig, einem weltberühmten Künstler, anerkannt wurde.
Häusliche Gewalt, toxische Freundschaften und familiäre Konflikte
Wenn du mir gehörst von Michael Robotham
Als deklarierter Robotham-Fan warte ich auf den dritten Teil der Haven-Cormac-Reihe. Zur Überbrückung den Stand-Alone-Thriller Wenn du mir gehörst, erschienen 2021.
Robotham hat ein Faible für exzentrische Frauencharaktere. In der Cyrus Haven-Reihe ist es Evie, hier sind es gleich zwei besondere Typen: Philomena „Phil“ McCarthy, PC der London Metropolitan Police und Tempe, Opfer und Täterin zugleich.
Die 27-jährige McCarthy hat es trotz des kriminellen Hintergrunds ihrer Familie in den Polizeidienst geschafft. Freunde oder gar Anerkennung im beruflichen Umfeld gibt es nicht. Dafür gibt es Henry - in ein paar Monaten soll Hochzeit gefeiert werden.
McCarthy wird zu einem Einsatz gerufen: Eine junge Frau wir in ihrer Wohnung brutal zusammengeschlagen. Der Täter ist der hochdekorierte Detective Sergeant Darren Goodall, der seine Geliebte Tempe misshandelt hat. Als Godall McCarthy angreift ringt sie ihn zu Boden. McCarthy checkt weitere Gewalttaten von Goodall, ohne dass es je zur Anklage kam. Zufall? Oder hält jemand die schützende Hand über ihn? McCarthy wird suspendiert. Ist das das Ende ihrer Polizeikarriere?
Goodalls letztes Opfer Tempe zeigt sich ihrer Retterin Phil gegenüber äußerst dankbar. Die beiden Frauen werden sogar enge Freundinnen. Doch Phil wird zunehmend misstrauisch: Etwas an der Geschichte der jungen Frau scheint nicht zu stimmen. Ist Tempe wirklich ein unschuldiges Opfer? Spätestens, als eine erste Leiche in Phils Umfeld auftaucht, weiß sie nicht mehr, wem sie trauen kann.
Es ist ein Roman über häusliche Gewalt, toxische Freundschaften und familiäre Konflikte. Tempe ist eine Frau, die um jeden Preis Anerkennung erheischen will, zuvorkommend und zu jeder Gelegenheit um die Phils Freundschaft buhlt. Sie ist eine Turbo-Klette, sie baucht Liebe und glaubt in Phil die ideale Person gefunden zu haben. Tempe leidet unter dem Weißer-Ritter- oder auch Helden-Syndrom. Ihr Selbstwertgefühl gründet sich auf ihrer Fähigkeit, die Probleme anderer Menschen zu lösen. In zunehmend verstörende Weise wird sie Teil von Phils Leben und plant sogar deren Hochzeit mit ihrem Verlobten Henry.
Ein weiterer Schwerpunkt im Roman sind die korrupten Polizisten, die das Gesetz gerne in die eigenen Hände nehmen, genau wie Vater McCarthy und seine Brüder.
Mit diesem cleveren Plot steigert sich die Spannung bis zum Schluss, und hat sich der Leser für eine Lösung entschieden, gibt eine weitere überraschende Wendung, bis sich zum starken Ende die Ereignisse überschlagen. Der effektive Schreibstil fördert das Lesevergnügen und damit liefert Robotham einen weiteren Thriller der Extraklasse.
Der amerikanische Traum wird zum Alptraum; für eine Frau, die jung, allein, arm und schwarz ist.
Hitze von Raven Leilani
Die Geliebte des Ehemannes als Familienerweiterung.
Sie zieht bei dessen Familie ein. Aber nicht der Ehemann bringt sie als Mitbringsel in die sehr offene Ehe und in eine noch viel liberalere; nein, die Ehefrau lädt Daddys Betthäschen Edie ins traute Heim ein.
Wie es dazu kam, das erzählt uns die dreiundzwanzige Edie in Leilanis Roman.
Eric ist doppelt so alt wie Edie, er ist wohlhabend und verheiratet, und vor allem ist er weiß und er hat ein schwarzes Kind adoptiert. Edie ist schwarz, Lektorin in einem Verlag, hasst ihre Arbeit, fickt sich durch die komplette männliche Belegschaft. Endstation Eric? „Bin ich eine Nymphomanin“, fragt sich Edie.
Eine Liebesgeschichte bahnt sich wider aller Erwartung nicht an. Von einem Moment auf den anderen verändert sich Edies Leben drastisch. Sie verliert ihren Job und ihre Wohnung, finanziell am Ende, wird sie jedoch von Erics Frau Rebecca in das Haus der Familie eingeladen. Rebecca hat einen Hintergedanken, Erics amouröses Abenteuer zu kontrollieren und einen Buddy für ihre schwarze Adoptivtochter Akila zu finden.
Die schwarze Edie erlebt das Leben der weißen amerikanischen Oberschicht. Sie kümmert sich um Akila, den Haushalt, schläft weiterhin mit Eric und geht scheinbar eine freundschaftliche Beziehung zu Rebecca ein. Sie pflegt ihr Hobby, zeichnet wieder, doch alle Versuche scheitern, sie kann sich nicht in die Familie integrieren, bleibt sie außen vor. Der amerikanische Traum wird zum Alptraum; für eine Frau, die jung, allein, arm und schwarz ist.
Leilanis Hitze ist eine scharfe Sozialanalyse mit einem kritischen und entlarvenden Blick auf die amerikanische Gesellschaft. Ein spannendes und überraschendes Buch mit direkter und authentischer Sprache. In manchen Absätzen sind die Nebensätze ineinander verschoben, Leilani will damit verhindern, dass ihr Roman ein literarisches Leichtgewicht wird. 2020 das meistbesprochene Debüt in den USA. Der Originaltitel Luster (deutsch: der Glanz) verzückt das linke liberale amerikanische Leseestablishment, angeführt von Barack Obama.
Spannung allemal
Parceval - Zwischen den Fronten von Chris Landow
Parceval, 4. (und letzter) Akt.
Afghanistan ist Parcevals Schicksal und lässt ihn nicht los; im vierten Teil dieser Tetralogie harren wir der Katastrophe oder Lösung. Parceval verurteilt als vermeintlicher Vielfachmörder (in Afghanistan), nun als entsprungener Häftling in ganz Deutschland zur Fahndung ausgeschrieben, ist in seiner Bewegungsfreiheit sehr eingeschränkt.
Seine Obsession ist die Suche nach seiner Schwester Birgit - inzwischen Mutter geworden - und seiner Nichte Miray. Dafür ergreift er jede Gelegenheit, um den Aufenthalt der drei zu erfahren – sie sollen sich in einer afghanischen Provinz befinden und eben dorthin zu gelangen. Parceval wird zum Spielball als er sich mit dem dubiosen „Transportunternehmer“ Martin Gerhardt einlässt. Dieser wird ihn nach Afghanistan fliegen, aber nur wenn er den inhaftierten Terroristen und IS-Kommandeur Nils Walau (s. Parceval 3) aus dem Gefängnis befreit und als „Morgengabe“ nach Afghanistan verfrachtet.
Erschwerend kommt hinzu, dass sich Karin Feldmann, die ehemalige Leiterin des Mannheimer Polizeipräsidium an Parcevals Fersen geheftet hat. Nach dem Desaster (s. Parceval 2) wurde sie zwangspensioniert (51 Jahre alt) und hat nur eines im Sinn: Rache und Parcevals Tod.
Unverzichtbar ist der Schutzengel Ksenia – „tausendmal berührt, tausendmal is nix passiert, tausend und eine Nacht und es hat zoom gemacht“ (Klaus Lage Band) und sein afghanischer Freund Ustad. Immerhin liegen Parceval und Ksenia auf einer Matratze und bestaunen den Sternenhimmel.
Landow arbeitet hartnäckig am menschenfreundlichen Charakter Parcevals: Bei der Befreiungsaktion dürfen keine begleitenden Polizisten/Beamte getötet, im äußersten Fall mit einem Teaser unschädlich gemacht werden. „Parceval, ein Freund von allen Menschen“ (lt. Landow).
Anspruchslos, jedoch routiniert verfasst Landow die 477 Seiten seines Thrillers mit einem flüssigen Schreibstil, Spannung allemal. Rasantes Popcornkino für Aktionfans.
Jagen sie einen Serienkiller, oder jagt er sie?
Sus und Katz von Liesa Buch
Sus und Katz von Liesa Buch, am Cover ein Kriminalroman, ein Thriller, der Leser kann es sich aussuchen – wahlweise. Es ist ein „Book on Demand“ das bedeutet, dass kein Verlag das Manuskript übernehmen wollte oder dass Liesa Buch bewusst das Buch in Eigenregie herausgebracht hat.
Ein kongeniales Duo, Sus und Katz, von der Polizei für Mordermittlungen hinzugezogen, alle gewünschten Sonderbedingungen erfüllt – wegen unübertroffener Aufklärungsquote.
Katz, der übersinnliche Seher, der geniale Profiler. Ich denke sofort an Lincoln Rhyme in „Der Knochenjäger“, Professor T oder Patrick Jane in „The Mentalist“.
Katz vertreibt die Zeit, um dann endlos zu sehen. Er hatte sich diese Erfahrung zu seiner Methode der Erkenntnisgewinnung gemacht. Zeitüberwindung als Grundlage der Analyse. Keine schnellen Schlüsse, sondern das langsame Beobachten aller Möglichkeiten, das wiederholte Gedankenspiel, die ruhige, stressfreie Bewegung, das langsame Atmen, der offene Blick.
Sus war nicht nur schön, „sonderschön“ (laut Katz), sie war auch schlau, superschlau. Sie war mit allen Sinnen Fotografin. Ihre Fotos waren nicht nur technisch perfekt, sie waren durchkomponiert wie Kunstwerke, der goldene Schnitt, die Tiefenschärfe, das Licht. Für sie zählte nur der künstlerische Aspekt. Aber als Tatortfotografin wollte sie mit ihren Fotos Aufzeichnungen, Abbilder, Erinnerungsstützen und Tatszenen schaffe. Eine große, kreative Anstrengung, ihre Bilder stellten eine stete Quelle für den Erkenntnisgewinn dar.
Sus und Katz nicht allein ein berufliches Paar, sondern auch ein privates, sehr intimes. Liesa Buch nimmt sich sehr viel Zeit und zelebriert seitenlang das erotische Sexleben der beiden in allen Einzelheiten und einer sehr taktvollen, jedoch direkten Art und Weise; wie es sich Autorinnen nur im BoD leisten können.
Ein Liebespaar, beruflich erfolgreich, keine finanziellen Probleme und doch müssen sie einen Serienkiller jagen, oder jagt er sie.
Im letzten Kapitel leistet sich Liesa Buch einen literarischen Kunstgriff: Sie tritt in ihrem Buch auf, etwas so wie jemand durch die Kinoleinwand hindurchtritt und im Film mitspielt.
Liesa Buch hat auch einen Seitenhieb für die Verlage parat: „Gehypte Bücher bedeuten Katz gar nichts. Er vertrat den Standpunkt, dass etwas, das alle plötzlich gut fanden, irgendwo den Makel des Modischen, des Gefälligen, des Erfolg Suchenden und des Aufmerksamkeit Heischenden haben musste.“
Liesa Buch, Jahrgang 1977, hat in Tübingen und Berlin Philosophie und Musikwissenschaften studiert, arbeitete für verschiedene Fernsehstationen und ist heute als freie Autorin tätig. Sie schreibt seit ihrer Kindheit. Ihre frühen Tagebücher amüsieren sie noch heute. Doch inzwischen ist sie so erwachsen geworden, dass sie selbst Kinder hat, die Tagebücher schreiben. Und auch die sind lustig, wenn sie auch nicht immer alles lesen darf. Die Autorin lebt mit ihrer Familie auf einem Bauernhof in der Eifel und denkt manchmal, dass sie ein unverschämtes Glück hat. Und das ist der Grund, warum sie Sus und Katz zum Leben erweckt.
Originalausgabe September 2020, 2. Auflage 2021, ISBN: 9783750498570, bei allen Buchhändlern gelistet. Zusätzliche Infos auf „sus-und-katz.de“. Professionell gestaltete Webseite, sogar mit einem Buch-Trailer, Fotos von Liesa Buch – phantomgleich. Nun kommt der Verdacht auf, Liesa Buch sei ein Fake, „Lies a Buch“.
Eine letzte Frage sei gestattet: „Wo ist Katz?“











