Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Der Unfall
Arctic Mirage von Terhi Kokkonen
Terhi Kokkonen ist eine neue Autorin aus Finnland, die mit Arctic Mirage ihren ersten Roman vorlegt.
Die Handlung wird stark vom ersten Satz geprägt. „Nachdem Karo Risto umgebracht hat, steht sie auf“.Danach zeigen die folgenden Kapitel, die je mit Wochentagesnamen (Sonntag bis Freitag) bezeichnet sind, wie es dazu kommen konnte.
Karo und Ristos hatten im Urlaub einen Autounfall und mussten leicht verletzt im Hotel Arctic Mirage absteigen. Die Stimmung ist gereizt. Auch die Umstände des Autounfalls erinnern beide anders.
Die meiste Zeit ist man als Leser an der Seite von Karo, gelegentlich bei dem Hotelpersonal. Hinzu kommen Rückblenden.
Man erkennt zunehmend eine toxische Beziehung.
Das Buch ist lange geheimnisvoll und atmosphärisch sowie geschickt gemacht.
Nachbarn und andere Geschichten
Nachbarn von Diane Oliver
Nachbarn und andere Geschichten
Diane Oliver ist eine amerikanische Schriftstellerin (1943 - 1966), die schon im Alter von 22 Jahren durch Unfall ums Leben kam.
Dieses Buch versammelt Kurzgeschichten von ihr. Angesiedelt sind die Geschichten in den sechziger Jahren, in einer Zeit des möglichen Umbruchs, die Hoffnung auf Inklusion und aber auch der Widerstände.
Die erste Geschichte ist die Titelgeschichte.
Tommy, ein schwarzer Junge, soll morgen zum ersten mal auf eine rein weiße Schule gehen. Das wird schwer. Wichtige Figur der Geschichte ist Tommys ältere Schwester Ellie.
Unerwartet kurz, aber kompakt zeigt die Geschichte einen besonderen, schicksalsträchtigen Moment und eine Familie in einer moralischen, verantwortungsvollen Entscheidungsfindung. Man spürt die Anspannung.
Diane Oliver zeigt die Situation der Charaktere in großer Tiefe, das ist beeindruckend. Spätere Geschichten haben mich weniger erreicht.
Daher würde ich die Autorin auch keineswegs in die Nähe von Gigantinnen wie Toni Morrison oder Ann Petry rücken. Die Geschichten können auch ohne so einen Vergleich lesenswert sein.
Jack Unterweger
Austrian Psycho Jack Unterweger von Malte Herwig
Austrian Psycho ist ein True Crime Buch von Malte Herwig, der mir als Handke-Biograph positiv aufgefallen war. Mit True Crime kenne ich mich nicht besonders aus, daher kannte ich den Mörder jack Unterweger auch nicht und lese hier zum ersten Mal von ihm, seinem Taten, seinem (angeblichen) Schreiben.
Nach anfänglichen lireraischen Erfolgen setzten sich bekannte Schriftsteller für ihn ein und sein Lebenslang endet nach 16 Jahren.
Man erfährt, wie er nach seiner Freilassung durch seine Bücher Deckung fand und weiter morden konnte.
Der Kulturbetrieb hatte Jack Unterweger als Häfen-Poet gefeiert. Ich verstehe das als Warnung vor kritiklosen Akzeptieren und Großmachen von Blendern.
Malte Herwig hat eine etwas umständlichen Schreibstil gewählt, aber ansonsten mehr als ordentliche Arbeit geleistet. Das kurze Buch ist schnell durchgelesen.
Der Fund der Urnen
Der Aschenmensch von Buchenwald von Ivan Ivanji
Der 1929 geborene Ivan Ivanji ist Zeitzeuge. 1944 war er in Buchenwald, überlebte und hat viele Romane geschrieben.
Der Aschenmensch ist ein Roman, der 1999 bereits erschienen war und jetzt wiederveröffentlicht wurde.
1997 wurden über 700 Urnen mit der Asche ermordeter Menschen gefunden.
Ivanji lässt sie als Stimmen auferstehen, die ihre Geschichten erzählen.
Man erfährt viel über das Leben in Buchenwald, aber insbesondere über das Sterben.
Zwischendurch lässt Ivanji auch Menschen unserer Zeit zu Worte kommen, z.B. der Dachdecker, der die Urnen fand oder Schüler, die die Gedenkstätte besuchen. Einiges an leichtfertigen Reden ist unter ihnen, auch Unkenntnis. Die Erinnerung, wie es wirklich war, können nur die vermitteln, die da waren.
Aus der Asche der Urnen entsteht ein Aschenmensch. Das Kollektiv der Erinnerungen.
Ivan Ivanjis literarische Leichtigkeit beim Umgang mit dem Stoff ist bewundernswert.
originell erzählt
Die Rassistin von Jana Scheerer
Schon der Vorbau zu dem Roman deutet auf die spielerische Art des Stils und dem Humor der Autorin hin.Immer wieder wird das Erzählte von unterschiedlichen Personen kommentiert.
Es geht um einen Vorfall bei einer Vorlesung in einer Uni als chinesische Studierende brüskiert werden. Es beginnt sofort eine Kontroverse.
Neben Rassismus werden auch andere Themen diskutiert,
Jana Scheerer erfindet einen angebliche Autor dieses Romans. Das führt zur Spiegelung der Handlung bzw. der verschiedenen Erzähler, die auftreten werden.Es werden verschiedene Sichtweisen und Verhaltensweisen abgehandelt.
Die Autorin spielt mit dem Leser und dessen Erwartungshaltung. Es wird auch gezeigt, auf welche absurde Art etwas eskalieren kann. Man kann sich ggf. in der einen oder anderen, überspitzt gezeichneten Figur, ansatzweise wiedererkennen. Das ist keine schlechte literarische Methode.
Kompakt
Warum die Welt keinen Frieden findet von Carlo Masala
Ein Essay aus der Reihe Auf dem Punkt.
Carlo Masala ist als Autor des Buches Weltunordnung und als Militärexperte in zahlreichen Politiktalkshows zur Zeit sehr bekannt.
In wenigen Kapiteln fasst der Autor Aspekte zur Entstehung von Krieg zusammen. Auch Verminderungsstrategien werden thematisiert.
Er schreibt sachlich und Ideologiefrei, aber nicht trocken über das Thema.
Und er ist dem Realismus verpflichtet, alos illusionslos.
Carlo Masala steckt viel in sein Essay, dadurch wird es zu einem kompakten Buch.
Vor der Wahl
Die zerrissenen Staaten von Amerika von Arthur Landwehr
Die zerrissenen Staaten von Amerika ist ein hochaktuelles Sachbuch, das einen Blick auf den Zustand der USA in der momentanen Vorwahlsituation wirft.
Arthur Landwehr, von dem ich auch ein spannendes Interview zu diesem Buch gehört habe, ist ein USA-Experte, der die USA kennt und sich Gedanken gemacht hat.
Sein Ansatz ist, ein Verstehen zu ermöglichen. Damit kann man dann besser die Situation einschätzen und besser damit umgehen.
Außerdem scheut Landwehr es auch nicht, Vergleiche der USA zu Deutschland zu nennen.
Das Buch passt auch vom Umfang. An manchen Stellen ausführlich, aber nie geschwätzig. Die Kapitel werden nicht zu lang.
Es ist ein Kluges Sachbuch, erzählerisch gut gestaltet.
Vor Schuld kann man nicht weglaufen
Die Schuld von Samuel W. Gailey
Eine junge Frau wacht verkatert neben einem toten Mann und dessen Drogengeld auf. Das gibt Ärger und so gibt es schon früh im Buch Action. Später wird es ruhiger, aber eine latente Bedrohung bleibt.
Dieser Plot ist nicht neu, aber funktioniert ein weiteres mal. Es fehlt ein wenig das Überraschende.
Man bekommt, was man erwarten kann.
Hinzu kommt aber das Trauma der Protagonistin Alice, die vor einigen Jahren als Babysitter nicht auf ihren kleinen Bruder aufpasste, der dann ums Leben kam.
Die Kombination der Themen Schuld und Überlebenskampf machen den Plot aus.
Die Handlung wechselt zwischen 2005 und 2011.
Dann begegnet Alice der jugendlichen Delilah, die weggelaufen ist. Alice erkennt sich in ihr wieder und hilft ihr. Gemeinsam reise sie in Alice alte Heimat.
Gleichzeitig kommen die Verfolger, die ihr Geld zurückwollen, immer näher.
Es wird ein spannendes Buch und ich mag die Figuren, insbesondere Alice, die mit ihren Schuldgefühlen mutig kämpft.
Samuel W.Gailey schreibt geradlinig und kommt schnell auf den Punkt. Ich schätze das.
Meditativ
Die Verletzlichen von Sigrid Nunez
Der Plot von Sigrid Nunez neuen Roman erinnert leicht an ihr wunderbares Buch Der Freund. Da hatte sie einen Hund gesittet. In Die Verletzlichen ist es ein Papagei.
Außerdem ist es die Zeit der Pandemie in New York. Und die Zeit der Präsidentschaft von Donald Trump.
Diese Zeit in den USA hat etwas befremdendes.
In der Handlung kommt ein junger Student hinzu, der zeitweise ebenfalls in der Wohnung des zu betreuenden Papageis lebt. Er ist ein Freund der Familie.
Trotz gewisser Vorbehalte gehen die Gedanken der Protagonistin oft zu dem viel jüngeren Mann, der gelegentlich Wutausbrüche hat und sich über den Zustand der Welt chauffiert.
Sowohl der Papagei Eureka als auch der junge Student sind wirklich lebendige Charaktere.
Die Protagonistin ist sehr nachdenklich und reflektierend. Dabei ist ihr oft die Welt der Literatur nahe. Zum Beispiel nimmt sie einmal ausführlich Bezug zu einem Essay von Joan Didion.
Insgesamt hat das Buch etwas meditatives. Auch das ist typisch für Sigrid Nunez Prosa.
Helles Gebell
Seit er sein Leben mit einem Tier teilt von Bodo Kirchhoff
Bodo Kirchhoff ist nach dem Tod von Walser und Grass wohl einer der letzten weißen, alten Männer unter den Schriftstellern, dem muss man sich bewusst sein. Aber für ihn spricht die Gelassenheit und Routine sowie das Können.
Sein neuer Roman Seit er sein Leben mit einem Tier teilt wird durch die Hauptfigur dominiert.
Louis Arthur Schongauer, ehemaliger deutscher Schauspieler in Hollywood, lebt zurückgezogen mit seiner Hündin. Die Ruhe wird gestört, als mit Frida eine junge Frau auftaucht.
Die Dialoge zwischen den beiden sind sehr amüsant gemacht.
Mit Almut kommt eine zweite Frau ins Spiel.
Der verwitwete und körperlich angeschlagene Schongauer lebt auf.
Was mir auch ganz gut gefällt, sind die Geschichten über Hollywood-Filme und Stars, die gerne eingeflochten werden.
Mit diesem Buch hat Bodo Kirchhoff bewiesen, dass er immer noch eine kraftvolle Sprache hat und eine gehaltvolle Handlung gestalten kann.
Sofort habe ich mir noch ein Buch von ihm bestellt.











