Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Stierle Kelten

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Ruth:

voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Eine lesenswerte Wiederentdeckung

Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens von Gabriele Reuter

Gabriele Reuter „ Aus guter Familie“ (1895/2024 )

Aufmerksam gemacht auf diesen Roman hat mich Nicole Seifert mit ihrem Buch „ Frauenliteratur Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“ ( 2021 ).
Darin zieht sie eine Analogie zu Theodor Fontanes „ Effi Briest“. Beide Romane sind im selben Jahr erschienen, beide waren große Erfolge, wurden von der Leserschaft und von den Kritikern gefeiert.

Trotzdem geriet die Autorin und ihr Roman in Vergessenheit, während „ Effi Briest“ zum Kanon der deutschen Literatur gehört und seit Jahrzehnten Schullektüre ist.
Dass „ Aus guter Familie“ der breiten Öffentlichkeit zugänglich wird, ist dem Reclam Verlag zu danken, der es in einer schön aufgemachten Ausgabe in seiner Reihe „ Reclams Klassikerinnen“ herausgebracht hat.
Wer war Gabriele Reuter? Geboren 1859 in Alexandria, als Tochter eines deutschen Kaufmanns, begann sie aus finanziellen Gründen früh mit dem Schreiben; zuerst kleinere Beiträge für Zeitungen, später Novellen und Romane. Um die Jahrhundertwende zählte sie zu den meistgelesenen deutschen Schriftstellerinnen. 1941 starb sie , nahezu vergessen.
Es gibt eine weitere Parallele zu Fontane. Beide Protagonistinnen, Effi Briest und Agathe Heidling, gehen „ letztendlich an der Unmenschlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse“ zugrunde. ( Zitat: Nicole Seifert)
Der Roman setzt ein mit der Konfirmation der beinahe siebzehnjährigen Agathe. Der Pastor und ihr Vater, der Herr Regierungsrat, machen in ihren Tischreden deutlich, welche Erwartungen an das Mädchen gestellt werden. Spricht der Vertreter der Kirche von ihrer Verantwortung als Christin, so hält der Vater ihr die Pflichten einer Frau und Mutter vor. Dazu passt, dass Agathe anstelle Herweghs Gedichten, die sie sich gewünscht hat, der Prachtband „ Des Weibes Leben und Wirken als Jungfrau, Gattin und Mutter“ geschenkt wird.
Agathe möchte gerne den Anforderungen genügen, möchte ein liebenswertes Mädchen und eine brave Tochter sein. Gleichzeitig aber träumt sie von Freiheit und Liebe.
Ist anfangs noch ein Aufbegehren gegen die ihr zugewiesene Rolle zu spüren, so legt sich dies bald. In ihrem Umfeld gibt es niemand, der sie darin unterstützt. Im Gegenteil! Ihre Wissbegierde, ihr Interesse an neuen Ideen und aufklärerischen Schriften sind bei einer Frau nicht gerne gesehen.
Dann, eine erste schwärmerische Liebe zu einem Maler, die unerwidert bleibt und Agathe desillusioniert zurücklässt. Selbst als sie ihre Ansprüche an einen Ehemann herunterschraubt, kommt eine Ehe nicht zustande, da ihr älterer Bruder ihre Mitgift verspielt hat.
Als unverheiratete Frau gibt es für Agathe kaum mehr Möglichkeiten, ihr Leben sinnvoll zu gestalten. Sie wendet sich der Kirche zu, doch das Heuchlerische dort stößt sie ab. Die Rolle als treusorgende Tochter, die sich um die Eltern kümmert und nach dem Tod der Mutter dem Vater Gesellschaft leistet, kann auch nicht die Erfüllung bringen. Agathe versinkt in tiefe Resignation, wird krank . In einem sog. „ Frauenbad“ soll sie, wie unzählige andere Frauen, geheilt werden. „ Frauen - Frauen- nichts als Frauen. Zu Hunderten strömten sie aus allen Teilen des Vaterlandes hier…zusammen,…Fast alle waren sie jung,…Und sie teilten sich in zwei ungefähr gleiche Teile: die von den Anforderungen des Gatten, von den Pflichten der Geselligkeit und den Geburten der Kinder erschöpften Ehefrauen und die bleichen, vom Nichtstun, von Sehnsucht und Enttäuschung verzehrten Mädchen.“
Aber Agathe kann hier nicht geholfen werden, sie endet als Dreißigjährige, in einer Nervenheilanstalt.
Dieser Roman berührt und macht zugleich wütend. Weil hier eine junge, sensible und kluge Frau an den Ansprüchen der Gesellschaft zugrunde geht. Weil es keinen Platz gibt für ihre Träume und Wünsche, weil die Gesellschaft genaue Vorstellungen hat, was einer Frau zusteht und was nicht. Immer wieder wird von anderen über sie entschieden, ohne dass sie ein Mitspracherecht hätte. Und Agathe ist keine Rebellin, die eigenständig ihren Weg geht. Dazu fehlt ihr der Mut. Nein, sie möchte sich anpassen, ist bereit, den Erwartungen zu genügen. Das macht ihr Schicksal doppelt tragisch.
Es finden sich im Roman auch keine anderen Frauenfiguren, die sich als Vorbild eignen würden. Agathes Mutter, eine schwache, ständig kränkelnde Frau, hat die Vorstellungen der damaligen Gesellschaft verinnerlicht. Eugenie, eine Freundin aus Kindertagen, findet zwar ihren Platz an der Seite von Agathes Bruder. Doch sie ist eine zutiefst unsympathische Frau, berechnend und manipulativ. Eine erfolgreiche und bewunderte Schauspielerin muss ein Doppelleben führen, weil niemand von ihrem unehelichen Kind wissen darf. Und besonders bedauernswert ist ein früheres Dienstmädchen im Elternhaus von Agathe, die, vom Sohn des Hauses geschwängert, im Elend versinkt.
Es sind v.a. die Männer, die Frauen keine Entwicklungsmöglichkeiten zugestehen, weil sie von der Rollenverteilung profitieren. Besonders enttäuschend hat sich Agathes Cousin Martin entwickelt. Er, der als junger Mensch für revolutionäre und sozialistische Ideale einsteht, ist ihr auch keine Hilfe.
Gabriele Reuter beschreibt dies alles sehr eindringlich und anschaulich. Sie bietet keine Lösungen an und endet nicht versöhnlich, im Gegensatz zu Fontane. Dabei überrascht sie immer wieder mit unerwarteten Wendungen.
Der Roman ist nicht nur die „ Leidensgeschichte eines Mädchens“, wie er im Untertitel heißt, sondern auch ein Zeitdokument.
Hervorzuheben ist noch das informative Nachwort von Tobias Schwartz, das Autorin und Roman einordnet. Es ist nun zu wünschen, dass das Buch viele Leser und seinen Platz im Literaturkanon findet.










Aufmerksam gemacht auf diesen Roman hat mich Nicole Seifert mit ihrem Buch „ Frauenliteratur Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“ ( 2021 ).
Darin zieht sie eine Analogie zu Theodor Fontanes „ Effi Briest“. Beide Romane sind im selben Jahr erschienen, beide waren große Erfolge, wurden von der Leserschaft und von den Kritikern gefeiert. Trotzdem geriet die Autorin und ihr Roman in Vergessenheit, während „ Effi Briest“ zum Kanon der deutschen Literatur gehört und seit Jahrzehnten Schullektüre ist.
Dass „ Aus guter Familie“ der breiten Öffentlichkeit zugänglich wird, ist dem Reclam Verlag zu danken, der es in einer schön aufgemachten Ausgabe in seiner Reihe „ Reclams Klassikerinnen“ herausgebracht hat.
Wer war Gabriele Reuter? Geboren 1859 in Alexandria, als Tochter eines deutschen Kaufmanns, begann sie aus finanziellen Gründen früh mit dem Schreiben; zuerst kleinere Beiträge für Zeitungen, später Novellen und Romane. Um die Jahrhundertwende zählte sie zu den meistgelesenen deutschen Schriftstellerinnen. 1941 starb sie , nahezu vergessen.
Es gibt eine weitere Parallele zu Fontane. Beide Protagonistinnen, Effi Briest und Agathe Heidling, gehen „ letztendlich an der Unmenschlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse“ zugrunde. ( Zitat: Nicole Seifert)
Der Roman setzt ein mit der Konfirmation der beinahe siebzehnjährigen Agathe. Der Pastor und ihr Vater, der Herr Regierungsrat, machen in ihren Tischreden deutlich, welche Erwartungen an das Mädchen gestellt werden. Spricht der Vertreter der Kirche von ihrer Verantwortung als Christin, so hält der Vater ihr die Pflichten einer Frau und Mutter vor. Dazu passt, dass Agathe anstelle Herweghs Gedichten, die sie sich gewünscht hat, der Prachtband „ Des Weibes Leben und Wirken als Jungfrau, Gattin und Mutter“ geschenkt wird.
Agathe möchte gerne den Anforderungen genügen, möchte ein liebenswertes Mädchen und eine brave Tochter sein. Gleichzeitig aber träumt sie von Freiheit und Liebe.
Ist anfangs noch ein Aufbegehren gegen die ihr zugewiesene Rolle zu spüren, so legt sich dies bald. In ihrem Umfeld gibt es niemand, der sie darin unterstützt. Im Gegenteil! Ihre Wissbegierde, ihr Interesse an neuen Ideen und aufklärerischen Schriften sind bei einer Frau nicht gerne gesehen.
Dann, eine erste schwärmerische Liebe zu einem Maler, die unerwidert bleibt und Agathe desillusioniert zurücklässt. Selbst als sie ihre Ansprüche an einen Ehemann herunterschraubt, kommt eine Ehe nicht zustande, da ihr älterer Bruder ihre Mitgift verspielt hat.
Als unverheiratete Frau gibt es für Agathe kaum mehr Möglichkeiten, ihr Leben sinnvoll zu gestalten. Sie wendet sich der Kirche zu, doch das Heuchlerische dort stößt sie ab. Die Rolle als treusorgende Tochter, die sich um die Eltern kümmert und nach dem Tod der Mutter dem Vater Gesellschaft leistet, kann auch nicht die Erfüllung bringen. Agathe versinkt in tiefe Resignation, wird krank . In einem sog. „ Frauenbad“ soll sie, wie unzählige andere Frauen, geheilt werden. „ Frauen - Frauen- nichts als Frauen. Zu Hunderten strömten sie aus allen Teilen des Vaterlandes hier…zusammen,…Fast alle waren sie jung,…Und sie teilten sich in zwei ungefähr gleiche Teile: die von den Anforderungen des Gatten, von den Pflichten der Geselligkeit und den Geburten der Kinder erschöpften Ehefrauen und die bleichen, vom Nichtstun, von Sehnsucht und Enttäuschung verzehrten Mädchen.“
Aber Agathe kann hier nicht geholfen werden, sie endet als Dreißigjährige, in einer Nervenheilanstalt.
Dieser Roman berührt und macht zugleich wütend. Weil hier eine junge, sensible und kluge Frau an den Ansprüchen der Gesellschaft zugrunde geht. Weil es keinen Platz gibt für ihre Träume und Wünsche, weil die Gesellschaft genaue Vorstellungen hat, was einer Frau zusteht und was nicht. Immer wieder wird von anderen über sie entschieden, ohne dass sie ein Mitspracherecht hätte. Und Agathe ist keine Rebellin, die eigenständig ihren Weg geht. Dazu fehlt ihr der Mut. Nein, sie möchte sich anpassen, ist bereit, den Erwartungen zu genügen. Das macht ihr Schicksal doppelt tragisch.
Es finden sich im Roman auch keine anderen Frauenfiguren, die sich als Vorbild eignen würden. Agathes Mutter, eine schwache, ständig kränkelnde Frau, hat die Vorstellungen der damaligen Gesellschaft verinnerlicht. Eugenie, eine Freundin aus Kindertagen, findet zwar ihren Platz an der Seite von Agathes Bruder. Doch sie ist eine zutiefst unsympathische Frau, berechnend und manipulativ. Eine erfolgreiche und bewunderte Schauspielerin muss ein Doppelleben führen, weil niemand von ihrem unehelichen Kind wissen darf. Und besonders bedauernswert ist ein früheres Dienstmädchen im Elternhaus von Agathe, die, vom Sohn des Hauses geschwängert, im Elend versinkt.
Es sind v.a. die Männer, die Frauen keine Entwicklungsmöglichkeiten zugestehen, weil sie von der Rollenverteilung profitieren. Besonders enttäuschend hat sich Agathes Cousin Martin entwickelt. Er, der als junger Mensch für revolutionäre und sozialistische Ideale einsteht, ist ihr auch keine Hilfe.
Gabriele Reuter beschreibt dies alles sehr eindringlich und anschaulich. Sie bietet keine Lösungen an und endet nicht versöhnlich, im Gegensatz zu Fontane. Dabei überrascht sie immer wieder mit unerwarteten Wendungen.
Der Roman ist nicht nur die „ Leidensgeschichte eines Mädchens“, wie er im Untertitel heißt, sondern auch ein Zeitdokument.
Hervorzuheben ist noch das informative Nachwort von Tobias Schwartz, das Autorin und Roman einordnet. Es ist nun zu wünschen, dass das Buch viele Leser und seinen Platz im Literaturkanon findet.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth
Eine lesenswerte Wiederentdeckung
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Perfektes Lesevergnügen - klug und unterhaltsam

Die englische Scheidung von Margaret Kennedy



Erfreulicherweise machen es sich immer mehr Verlage zur Aufgabe, unbekannte oder zu Unrecht vergessene Schätze zu heben. So auch der Schöffling- Verlag, der nach „ Das Fest“ nun einen weiteren Roman der englischen Schriftstellerin Margaret Kennedy veröffentlicht hat. Zur Freude des Lesers.

Die 1896 in London geborene und 1967 verstorbene Autorin war zu ihrer Zeit äußerst erfolgreich mit zahlreichen Romanen,
Theaterstücken und Drehbüchern.
Alec und Betsy sind ein gut situiertes Ehepaar im England Mitte der 1930er Jahre. Sie haben drei Kinder und Alec, ein ehemaliger Beamter, nun erfolgreicher Autor von Libretti, hat es zu Ruhm und Geld gebracht. Eigentlich könnte alles bestens sein. Doch Betsy fühlt sich nach siebzehn Ehejahren gelangweilt und unzufrieden. Sie möchte die Scheidung. Alec dagegen wünscht keine Veränderung und kurz scheint es so, als könne er seine Frau nochmals umstimmen. Aber zu spät! Die Schwiegermütter, von Betsy über ihr Vorhaben informiert, eilen herbei, um die Katastrophale aufzuhalten.
Deren Einmischung bewirkt allerdings das Gegenteil. Plötzlich scheinen die Fronten klar und es entwickelt sich ein Rosenkrieg, den ursprünglich keiner wollte.
Margaret Kennedy beginnt ihren Roman wie eine typisch englische Komödie, mit Sommerfrische am See, mit Dienstboten und Kindermädchen usw. Vor allem die beiden Schwiegermütter mit ihren Macken und Allüren werden vortrefflich gezeichnet.
Doch dann wird aus der Komödie eine Tragödie. Alec stürzt sich aus gekränkter Eitelkeit in eine Affäre mit dem Kindermädchen, das unglückseligerweise sofort schwanger wird. Betsy weiß garnicht mehr, was sie sich eigentlich von einer Trennung versprochen hat.
Auch der Freundes- und Bekanntenkreis äußert seine Meinung ( „ Du kannst keine Frau in Betsys Alter verlassen. Das ist nicht gerade ermutigend für uns, die wir die Zähne zusammenbeißen und bei der Stange bleiben.“) und ergreift Partei für die eine oder andere Seite.
Aber vor allem die Kinder leiden unter der neuen Situation. Langsam beginnen sie zu begreifen, dass damit das vertraute Familiengefüge zusammenbricht. „ Ihre gemeinsame behütete Kindheit war vorbei.“ An ihnen zeigt die Autorin exemplarisch, wie unterschiedlich Kinder auf eine Scheidung reagieren können.
Das alles gestaltet Margaret Kennedy souverän, mit sehr viel Witz und auch mit Seitenhieben auf diese englische Gesellschaft. Dabei stellt sie keinen Protagonisten bloß, sondern begegnet allen mit sehr viel Verständnis für ihre Schwächen und Eigenheiten.
Die Autorin versteht ihr Metier. Sie verwendet gekonnt verschiedene Textsorten, baut eine leise Spannung auf und überrascht mit unerwarteten Wendungen. Ihre Erfahrung als Schreiberin von Theaterstücken und Drehbüchern zeigt sich in pointierten Dialogen und prägnanten Szenen.
Der auktoriale Erzählstil wird heute nur noch selten verwendet, doch hier passt er bestens. Damit erlaubt uns die Autorin einen Blick in die Gedanken- und Gefühlswelt aller Charaktere. Dadurch ist der Leser oft schlauer als die Akteure, was für zusätzliche Komik sorgt.
Der englische Titel „ Together and apart“ ist weitaus passender als „ Die englische Scheidung“. Denn das Leben geht für alle Beteiligten auch nach der Scheidung weiter, möglicherweise nicht ganz so, wie anfangs gedacht und geplant, doch mit Bedingungen, mit denen man sich arrangieren kann.
Es ist nicht nur das Paar, das sich trennt. Es gibt auch andere Konstellationen, die sich voneinander entfernen und wieder annähern, so z.B. die Freunde des Paares, die Beziehungen der Kinder untereinander, die Beziehung zwischen Eltern und Kinder, das Verhältnis Schwiegertochter und Schwiegermutter. Alle durchlaufen einen Prozess der Veränderung. Alle wachsen an den Herausforderungen, nicht sofort, aber mit der Zeit. Dass dabei die einzelnen Figuren unterschiedlich gestärkt hervorgehen, ist nur realistisch. Von einer Scheidung sind immer mehr als zwei Menschen betroffen und das fängt die Autorin sehr gut ein.
Neben dieser klugen Betrachtung über Ehe, Familie und Trennung finden sich zahlreiche allgemein gültige Lebensweisheiten, wie z.B. folgende Sentenz: „ Menschen wurden nicht über Nacht netter. Oft steckte eine bittere Erfahrung dahinter. Es war mühsam und kostete viel Kraft, sich zu verändern. Trotzdem war es besser, sich auf schmerzenden Füßen auf einen Berg hinaufzuquälen, als ein Leben lang im Morast aus Apathie und Selbstmitleid festzustecken.“
Der Roman bietet kein Happy-End ( das hätte auch nicht gepasst ), aber ein Ende, das den Leser zufrieden zurücklässt.
Für mich war „ Die englische Scheidung“ ein perfektes Lesevergnügen, klug und unterhaltsam. Und es ist zu wünschen, dass der Schöffling- Verlag noch weitere Romane der Autorin folgen lässt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth
Perfektes Lesevergnügen - klug und unterhaltsam
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Malayische Familiengeschichte

Nach uns der Sturm von Vanessa Chan

Nicht nur wir Deutsche kennen das Schweigen unserer Eltern- und Großelterngeneration über ihre Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs. Auch die malayische Schriftstellerin Vanessa Chan stieß bei ihren Großeltern auf ausweichende Antworten, wenn sie nach deren Vergangenheit fragte. Nur nach und nach erfuhr sie von ihrer Großmutter Details über die Jahre 1941 - 1945, wie sie im Vorwort schreibt.

1941 marschierte die Kaiserlich Japanische Armee in Malaya ein ( so hieß Malaysia vor der Unabhängigkeit) und vertrieb die britischen Kolonialherren, die das Land seit über 150 Jahren besetzt hielten. Doch mit den Japanern kamen keine Befreier. Im Gegenteil, mit brutaler Gewalt herrschten sie über das Land.
Vor diesem historischen Hintergrund siedelt die Autorin ihren Debutroman an. Dabei erzählt sie abwechselnd auf zwei Zeitebenen.
Cecily lebt mit ihrem Mann Gordon und den beiden Kindern Jujube und Abel im britischen Malaya der 1930er Jahre. Gordon arbeitet als Beamter im Dienst der englischen Kolonialherren, Cecily ist mit ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter zutiefst unzufrieden. Da begegnet sie bei einem offiziellen Essen einem charmanten Hongkonger Kaufmann, der sich ihr bald als hochrangiger japanischer Offizier namens Fujiwara zu erkennen gibt. Ein Wendepunkt in ihrem Leben. Bereitwillig beginnt Cecily für Fujiwara zu spionieren. Sie stiehlt geheime Unterlagen vom Arbeitsplatz ihres Mannes und verhilft so den Japanern zu wertvollem Geheimwissen. Dabei wird Cecily von zwei Dingen angetrieben.
Zum einen teilt sie die Ideologie des Japaners, der von einem „ Asien für die Asiaten“ träumt. Zu oft war sie dem alltäglichen Rassismus der Engländer ausgesetzt, musste sich von den Weißen demütigen lassen. Dabei fühlte sie sich mit ihrer eurasischen Herkunft, als Nachkommen von Portugiesen, den Malaien oder Indern und Chinesen im Land überlegen. Aber das galt innerhalb der weißen Kolonialgesellschaft nichts. „ Es war nichts Neues, dass die Briten die Einheimischen wie lästigen Schorf behandelten, mit dem sie leben mussten, bis sie ihn abkratzen und entsorgen konnten.“ Cecily träumt von einer besseren Zukunft für ihre Kinder, von einer Zukunft ohne Engländer im Land.
Aber noch stärker ist ihre Motivation, dem Japaner zu gefallen. In obsessiver Liebe tut sie alles für ihn, verachtet sich aber gleichzeitig für ihre emotionale Bedürftigkeit.
Der zweite Erzählstrang führt ins Jahr 1945. Cecily wird von Schuldgefühlen geplagt, denn ihre Spionagetätigkeit hat mit dazu beigetragen, die schlimmste Besatzung in ihrem Land zu installieren. Und ihre Familie muss nun mit den Folgen leben.
Ihr Mann hat seinen angesehenen Posten verloren und schuftet nun in einer Metallfabrik. Die älteste Tochter Jujube arbeitet in einem Teehaus, wo sie aufdringlichen japanischen Soldaten Tee einschenkt. Nicht einmal die leise Freundschaft zu einem älteren Japaner, der sie und ihre Familie unterstützt, kann ihren Groll auf die Lebensumstände beseitigen.
Jasmin, die siebenjährige Tochter, wird mit kurzgeschorenem Haar und in Jungenskleidung im Keller versteckt, damit sie dem drohenden Schicksal einer Trostfrau entkommen kann.
Aber am schlimmsten hat es den fünfzehnjährigen Abel getroffen. Er war eines Tages einfach verschwunden wie viele Jungen in seinem Alter. Er wird Gefangener in einem Arbeitslager und ist dort täglicher Gewalt und Demütigungen ausgesetzt.
Vanessa Chan erzählt aus vier Blickwinkeln. Während der erste Erzählstrang sich völlig auf die Figur der Mutter konzentriert, wird im zweiten vermehrt die Perspektive der Kinder eingenommen. So bekommt man nicht nur einen umfassenden Blick auf die verschiedenen Lebensumstände, sondern kommt auch den einzelnen Figuren sehr nahe. Das Leid, das jeder Einzelne erfährt, wird erfahrbar, besonders das Schicksal von Abel ist kaum erträglich. Dabei eignet sich keiner der Charaktere als Identifikationsfigur. Es sind keine Helden, die uns Vanessa Chan präsentiert, sondern Menschen, die widersprüchlich sind, die falsche Entscheidungen treffen, die befremdlich reagieren. Vor allem die Hauptfigur Cecily und ihre komplexe Beziehung zu dem undurchschaubaren Japaner ist ein rätselhafter Charakter. Auch Nebenfiguren werden differenziert gezeichnet.
Leider überschlagen sich am Ende die Ereignisse und manche unglaubwürdige Wendung bringen eine Dramatik in die Geschichte, der es nicht bedurft hätte.
Der englische Titel „The Storm We Made“ trifft die Aussage des Buches weitaus besser als der deutsche, bringt er doch die Eigenverantwortung der Protagonisten mit ins Spiel.
Trotzdem habe ich den Roman gerne und voller Spannung gelesen.
Dieses Buch ist gerade auch für uns deutsche Leser interessant, die wir den Zweiten Weltkrieg vor allem aus der Perspektive Nazi-Deutschlands kennen. Wir wissen zwar von den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, doch wenig über den Krieg im Pazifik. Vanessa Chan gibt uns in ihrem Debut einen tiefen Einblick in die leidvolle Geschichte ihrer Heimat und füllt damit eine Lücke in unserem Geschichtsbild. Allein deshalb kann ich über einige literarische Mängel hinwegsehen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth
Malayische Familiengeschichte
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Randnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Schnitzeljagd durch Georgien

Vor einem großen Walde von Leo Vardiashvili

Leo Vardiashvili, 1983 in Georgien geboren, lebt seit seinem zwölften Lebensjahr in England. Er ist Steuerberater und hat nun seinen ersten Roman veröffentlicht, in dem er viel aus seiner eigenen Biographie verarbeitet hat.
Der Ich-Erzähler Saba ist noch ein Kind, als er 1992 mit seinem Vater und dem zwei Jahre älteren Bruder Sandro vor dem Bürgerkrieg Georgien nach London flieht.

Die Mutter bleibt vorerst zurück, denn das Ersparte reicht nicht für ihr Visum.
Der Vater Irakli arbeitet hart, um sie nachkommen zu lassen. Endlich hat er das Geld beisammen, doch der freundliche Landsmann, der sie aus Georgien holen soll, erweist sich als Betrüger.
Letztendlich stirbt die Mutter, ohne ihre Familie jemals wieder gesehen zu haben.
Elf Jahre nach dem Tod seiner Frau, die Söhne sind längst erwachsen, reist Irakli zurück in die alte Heimat, um seine toten und lebenden Verwandten zu besuchen. Doch dann hören die Brüder nichts mehr von ihm. So macht sich Sandro auf den Weg nach Georgien, aber auch er scheint dort zu verschwinden. Nun reist Saba ihm nach.
Schon kurz nach seiner Landung gerät Saba ins Visier der Polizei. Aber er findet auch im Taxifahrer Nodar einen verlässlichen Freund. Gemeinsam mit ihm macht sich Saba auf die Jagd nach den geheimen Botschaften, die Sandro ihm hinterlassen hat. Es ist ein lebensgefährliches Abenteuer, das die beiden Männer quer durch die Viertel von Tbilissi führt und schließlich zu einem Kloster im Kaukasus und am Ende bis über die Grenze nach Ossetien vor einem großen Walde.
Immer dabei sind auch die Geister der verstorbenen Familienmitglieder und Freunde, als ermutigende Stimmen im Kopf von Saba.
Es gibt aber noch weitere surreale und märchenhafte Elemente in diesem Roman. So irren beispielsweise Nilpferde, ein Tiger und andere wilde Tiere durch die Straßen und Wälder von Tbilissi. Dabei greift Leo Vardiashvili auf ein tatsächliches Ereignis zurück, das in Wirklichkeit erst später stattfand. 2015 sind aus dem Zoo von Tbilissi Tiere ausgebrochen.
Auch der Titel „ Vor einem großen Walde“ verweist auf ein Märchen der Gebrüder Grimm. „ Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern,…“ so beginnt „ Hänsel und Gretel“. Und so wie diese Kinder Brotkrumen auf den Weg streuen, um wieder nach Hause zu finden, so verteilt Sandro überall seine rätselhaften Botschaften, die nur sein Bruder verstehen kann.
Leo Vardiashvili erzählt von Georgien und dessen unheilvoller Geschichte. Ein Land, das an der Schnittstelle von Europa und Asien liegt, und das schon immer die Begehrlichkeiten anderer Mächte geweckt hat. Georgien war auch eine der ersten Sowjetrepubliken, die nach Unabhängigkeit strebten. Doch damit kamen Gewalt und Krieg ins Land.
Der Roman beschreibt die Auswirkungen von Krieg und Gewalt, Flucht und Vertreibung am Beispiel einer Familie. Er zeigt auch , was der Verlust der Heimat bedeutet.
Dabei scheint immer wieder die Liebe zu Land und Leuten durch. So entstehen vor den Augen des Lesers die alten malerischen Viertel der Hauptstadt und die wilde Landschaft abseits der Zivilisation. Auch erfährt man viel über georgische Bräuche und die Kultur des Landes, so z.B. die legendäre Gastfreundschaft. „ Jeder Gast ist ein Geschenk Gottes“, so lautet ein georgisches Sprichwort. Doch der Autor verschweigt auch nicht die weniger schönen Seiten des Landes, so z.B. die allgegenwärtige Korruption.
„ Vor einem großen Walde“ ist ein spannender Roadtrip durch ein mir unbekanntes Land und gleichzeitig eine anrührende Familiengeschichte.
Doch die überbordende Fabulierfreude des Autors hat leider zu einigen Längen im Buch geführt. Auch hätte ich auf die vielen märchenhaften Elemente verzichten können und hätte weniger skurrile Momente und kauzige Figuren gebraucht.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth
Schnitzeljagd durch Georgien
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Zwischen- Welten

Das Jahr ohne Sommer von Constanze Neumann

Während Constanze Neumann in ihrem 2021 erschienenen Roman
„ Wellenflug“ das Leben ihrer Urgroßmutter und deren Schwiegermutter verarbeitet hat, geht es in ihrem neuesten Buch wohl um ihre eigene Geschichte. „ Das Jahr ohne Sommer“ kommt ohne Gattungsbezeichnung
„ Roman“ aus und wird streng aus der Ich- Perspektive erzählt.

Die namenlose Ich- Erzählerin ist noch ein kleines Kind, als ihre Eltern 1977 die Flucht aus der DDR wagen. Doch durch den Verrat eines der beteiligten Fluchthelfer werden sie entdeckt. Beide Eltern kommen ins Gefängnis und das kleine Mädchen wird nach ein paar Tagen Kinderheim von den Großeltern nach Leipzig geholt. Anderthalb Jahre später werden die Eltern vom Westen freigekauft und sie dürfen ausreisen. Und danach darf auch die Tochter Ostdeutschland verlassen. Wieder ein Einschnitt, denn der Abschied von der geliebten Großmutter fällt ihr schwer.
Nach ersten Anlaufschwierigkeiten findet der Vater eine Stelle als Leiter einer großen Musikschule in Aachen. Kein leichter Neuanfang für einen Mann Anfang Fünfzig. Doch mit dem unbedingten Willen, alles richtig zu machen, gelingt ihm dieser.
Für die wesentlich jüngere Mutter gestaltet sich das Ankommen in der neuen Heimat schwieriger. Im Gefängnis war sie sehr krank geworden und ist nun immer noch körperlich und psychisch angeschlagen. Ihr Ziel, wieder so wie zuvor Geige spielen zu können und einen Platz in einem Orchester einzunehmen, wird sie nie mehr erreichen. Ihre Arme und Finger verweigern den Dienst; da hilft auch das stundenlange Üben nichts.
Die Familie hat Schulden. Die Flucht hatte Geld gekostet, neue Möbel mussten angeschafft werden. Doch an Büchern wurde nie gespart. Endlich konnten sie sich all die Bücher kaufen, die in der DDR verboten oder nicht erhältlich waren.
Schön und schmerzhaft zugleich sind die Treffen mit der in Leipzig gebliebenen Großmutter. Möglich sind die nur in den Sommerferien in getrennten Unterkünften in der Tschechoslowakei, wohin alle Beteiligten reisen durften. Mit zehn Jahren kann die Ich- Erzählerin auch allein die Oma besuchen. Dabei aber immer die Ermahnung des Vaters im Ohr, nie den Pass, der sie als Bundesbürgerin auswies, aus den Händen zu lassen.
Nüchtern und unsentimental berichtet die Ich- Erzählerin vom Aufwachsen im Westen. In der Grundschule freundet sie sich mit dem einzigen Mädchen an, das wie sie eine Außenseiterin ist, ein Mädchen aus Korea.
Und sie verspürt bald die Trennung, die zwischen der Welt daheim und der Welt draußen besteht. Die Leichtigkeit draußen und drinnen „ die Angespanntheit meines Vaters, alles richtig zu machen, es zu schaffen in dem Land, das ihn und uns aufgenommen und Chancen gegeben hatte. Drinnen waren die DDR, …, und die Angst meines Vaters, dass die westdeutschen Politiker die Gefahr, die von der UdSSR ausging, nicht ernst nahmen.“ Die Wünsche der Westdeutschen nach Abrüstung und Frieden waren ihm fremd.
„ Die beiden Welten draußen und drinnen berührten sich, sie existierten nebeneinander, ich konnte von einer in die andere schlüpfen, aber ich konnte sie nicht zusammenfügen.“
Das Gefühl der Zerrissenheit sollte bleiben. Und eine Verständigung mit den Westdeutschen sollte nicht möglich sein. Zu unterschiedlich waren die jeweiligen Erfahrungen und das Interesse am Osten im Rheinland kaum vorhanden.
Die Friedensbewegung im Westen gewinnt an Zulauf, der Vater beobachtet Glasnost und Perestroika mit Unglauben und Misstrauen.
Als die Mauer fällt ist die jugendliche Ich- Erzählerin in den USA zum Schüleraustausch. Aber nun entfremdet sich der Vater auch von seinen früheren Leipziger Freunden. Die träumen vom dritten Weg als Chance einer Veränderung und der Vater vertritt die Position der Westdeutschen, die sich auf der richtigen Seite fühlen.
Die Ich- Erzählerin muss sich Vorwürfe von einer ostdeutschen Studentin gefallen lassen, die vehement die Flucht ihrer Eltern verurteilt. „ Da hätten sie die paar Jahre auch noch warten können,…“
Constanze Neumann erzählt in einer schnörkellosen und klaren Sprache. Gerade in der kindlichen Perspektive zeigt sich ein unbelasteter, aber deshalb genauer Blick auf die Geschehnisse. In prägnanten Szenen wird eindrucksvoll beschrieben, wie schwierig ein Neuanfang in einem fremden Land sein kann. Auch wenn man dieselbe Sprache spricht, heißt das noch lange nicht, dass man verstanden wird. Aber das Leben im Dazwischen hinterlässt seine Spuren. Davon erzählt Constanze Neumann im Epilog.
„ Das Jahr ohne Sommer“ ist eine eindringliche Lektüre über den Verlust von Heimat und einem Neuanfang, über das Leben im Dazwischensein; ein lesenswerter Beitrag zur deutsch-deutschen Geschichte.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth
Zwischen- Welten
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Ein weiteres dunkles Kapitel DDR- Geschichte

Maifliegenzeit von Matthias Jügler



Matthias Jügler, noch in der DDR geboren, und zwar 1984 in Halle, hat sich schon in seinem zweiten Roman „ Die Verlassenen“ mit der Vergangenheit seines Landes beschäftigt. Und das, obwohl er das DDR- Regime kaum bewusst erlebt hat; schließlich war er zur Wendezeit noch ein Kindergartenkind.

Trotzdem lässt ihn das Thema nicht los. Bei Recherchen zum unrühmlichen Kapitel der Zwangsadoptionen, bei denen man Eltern, die als „ Staatsfeinde“ galten, ihre Kinder weggenommen und zur Adoption freigegeben hatte, stieß er auf eine noch unglaublichere Geschichte. Ein realer Fall wurde dann zur Grundlage seines neuen Romans .
Der 65jährige Rentner Hans wird nach seiner Heimkehr vom Angeln von seiner Lebensgefährtin Anne mit einer Nachricht überrascht. Sein Sohn Daniel habe angerufen. Dabei ist Daniel doch vor vierzig Jahren schon gestorben, gleich nach seiner Geburt. Eigenhändig hatte Hans das Grab für sein Kind ausgehoben.
Wie glücklich waren Hans und Katrin, beides Lehramtsstudenten, über die Schwangerschaft. Sie machten Pläne für die Zukunft, Heirat, ein gemeinsames Haus, ein zweites Kind. Doch dann, als Katrin 1978 nach einem Kaiserschnitt einen Jungen zur Welt bringt, zerbrechen alle Wünsche und Hoffnungen. Das Baby wird der Mutter sofort weggenommen, es müsse dringend behandelt werden. Und dann der Schock: das Kind ist tot.
So ein Schicksalsschlag kann Paare noch fester aneinander binden, wenn beide sich in ihrer Trauer Trost und Stütze sind. Nicht aber hier. Während Hans wie erstarrt sich in das Unabänderliche fügt, zweifelt Katrin an den Aussagen der Ärzte. Sie ist überzeugt, dass ihr Kind gesund ist, dass es lebt. Hans erträgt ihre Zweifel nicht, er will, dass Katrin den Verlust akzeptiert. Die Beziehung zerbricht.
Die beiden sehen sich erst wieder neun Jahre später, Katrin ist an Krebs erkrankt. Vor ihrem Tod nimmt sie Hans noch das Versprechen ab, er möge die Augen offenhalten, falls sich irgendwann eine Möglichkeit ergibt, Genaueres zu erfahren.
Nach dem Mauerfall unternimmt Hans mehrere Versuche, Einblicke in die alten Krankenhausakten zu erhalten. Dabei stößt er zunächst auf erheblichen Widerstand, doch später erhält er geschwärzte Dokumente. Etwas scheint tatsächlich vertuscht worden zu sein.
Und dann kommt der Anruf von seinem Sohn.
Nur knapp 160 Seiten braucht Matthias Jügler um diese unwahrscheinliche Geschichte zu erzählen. Aus Hans‘ Perspektive und in der Rückschau erfahren wir vom Geschehen. Ohne Pathos und ohne Sentimentalitäten, beinahe nüchtern schildert Hans das Erlebte. Dabei lernen wir einen stillen, introvertierten Menschen kennen. Kraft und Trost findet Hans beim Angeln, ein Hobby, das schon sein Vater pflegte. Hier, in der Einsamkeit der Natur, kann er seinen Gedanken nachgehen. Lange hatte er die Erinnerung an Katrin und seinen Sohn verdrängt. „ Heute weiß ich, dass der Versuch, die Ereignisse der Vergangenheit unter den Teppich zu kehren, um das zu führen, was man ein normales Leben nennt, von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.“
Schuldgefühle plagen ihn. Katrin gegenüber, weil er sich damals so empathielos verhalten und ihre Zweifel nicht ernstgenommen hat und auch, weil seine Versuche, die Wahrheit herauszufinden, anfangs nur halbherzig waren. Fragen quälen ihn. Wie wäre sein Leben verlaufen ohne dieses Verbrechen? Wie das von Katrin und seinem Sohn?
Wie der Autor Vergangenes und Gegenwart, Reflexionen und Erlebnisse miteinander verknüpft, spricht für sein literarisches Können. Ruhe verströmen die zahlreichen Passagen übers Angeln. Jügler versteht es durch leise Andeutungen und viele Metaphern aus dem Naturbereich Stimmungen und Gefühlslagen spürbar zu machen.
Die titelgebenden Maifliegen verharren monatelang auf dem Grund der Flüsse und Bäche und steigen nur zur Paarung nach oben. „ Aber nur, weil sich etwas dem Blick so konsequent entzieht, heißt das nicht, dass es nicht existiert.“
Das Angeln lehrt auch Geduld und das Loslassen - Können, beides Eigenschaften, die Hans brauchen kann.
Jügler lässt vieles im Ungefähren, in der Schwebe, lässt Raum für eigene Gedanken, und trotzdem ergibt das eine runde, stimmige Geschichte.
In der Nachbemerkung lesen wir, dass so etwas kein Einzelfall war. „ Aufgeklärt sind bis zum heutigen Zeitpunkt drei solcher Verbrechen, die Zahl der Verdachtsfälle liegt jedoch bei 2000.“ Die „Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR“ kümmert sich um diese.
Der Leipziger Autor hat unlängst für diesen Roman den Rheingau- Literaturpreis erhalten, völlig zu Recht.
Dieses stille, aber umso eindringlichere Buch verdient alle Aufmerksamkeit, weil es jeglicher Ostalgie entgegenwirkt, in dem es ein weiteres Kapitel des Unrechtsstaates DDR aufzeigt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth
Ein weiteres dunkles Kapitel DDR- Geschichte
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Ein Teppich aus Bildern und Geschichten

Astrids Vermächtnis - Roman (Schwesterglocken-Trilogie 3) von Lars Mytting

Alle, die wie ich voller Begeisterung die ersten beiden Bände der Schwesternglockentrilogie gelesen haben, erwarteten sehnsüchtig das neue Buch des norwegischen Autors Lars Mytting, mit dem er seine Reihe um die Hekne - Schwestern und ihre Nachkommen beendet hat.
Es beginnt wie immer mit einem Rückblick ins frühe 17.

Jahrhundert, zu jener Zeit, als die beiden Hekne- Schwestern lebten. Dabei wiederholt Mytting nicht nur Bekanntes, sondern fügt dem damaligen Geschehen neue Facetten hinzu. Dieses Mal geraten die Schwestern ins Visier der Kirche, die sie als „ Monstrum“ mit dem Teufel im Bunde wähnen.
Denn das Besondere an den Zwillingstöchtern Halfried und Gunhild war, dass sie an der Hüfte zusammengewachsen waren. Sie zählten zu den besten Weberinnen des ganzen Gudbrandstals und ihr Hauptwerk war jener legendäre Wandteppich, in den Prophezeiungen und das Ende des letzten Gemeindepfarrers hineingewebt wurden.
Dieser Pfarrer Kai Schweigaard tritt in allen drei Bänden auf und wird so zur zentralen Figur der Geschichte. Er kommt im ersten Band als junger fortschrittsgläubiger Pfarrer nach Butangen und verfügt, dass eine neue Kirche gebaut werden soll und lässt die alte Stabkirche von einem deutschen Architekturstudenten abbauen und nach Dresden versetzen. Aber schlimmer noch. Er veranlasst, dass die beiden Glocken, die den Schwestern zu Ehren gegossen wurden, getrennt werden. Dabei sollten sie zusammenbleiben, wie die beiden Schwestern, ansonsten drohe Unheil. Diese Schuld lastet schwer auf Kai Schweigaard.
Mittlerweile, wir sind im Jahr 1936, ist er ein alter Mann, der sich aber immer noch um seine Schäfchen kümmert. Eine besondere Verbindung besteht zum Hekne -Hof und hier vor allem zu Astrid. Sie ist die Enkelin jener Astrid, der großen, aber unerfüllten Liebe des Pfarrers.
Wie ihre Großmutter ist auch die junge Astrid eine selbstbewusste, starke Frau. Sie will genauso wenig wie ihr Bruder das väterliche Erbe antreten. Dabei haben es ihre Eltern mit sehr viel Pioniergeist und harter Arbeit zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Doch während ihr Bruder seine künstlerische Begabung entfalten möchte, strebt Astrid eine Ausbildung als Lehrerin an.
Allerdings werden die Pläne der Geschwister durch historische Umwälzungen zunichte gemacht. Im April 1940 marschieren deutsche Truppen in Norwegen ein und besetzen das Land.
Der Krieg kommt damit auch in das abgelegene Gudbrandstal. Und die SS-Organisation „ Deutsches Ahnenerbe“ interessiert sich für den mythischen Wandteppich und die in Butangen verbliebene zweite Glocke.
Astrid, die denselben Kampfgeist hat wie ihre Großmutter, engagiert sich schnell im Widerstand gegen die Besatzungsmacht. Sie setzt ihr Leben und das ihrer Familie aufs Spiel, indem sie Informationen sammelt und weiterleitet. Bis die Nazis ihr auf die Spur kommen. Um sie zu retten, greift der Pfarrer zu drastischen Maßnahmen. Das fällt ihm nicht leicht, verstößt er damit doch gegen seine Glaubensgrundsätze und riskiert nicht nur sein irdisches Leben.
Wieder verwebt Lars Mytting persönliche Schicksale mit historischen Gegebenheiten. Ist es am Anfang noch der Konflikt zwischen Tradition und Moderne, wie auch in den letzten beiden Romanen, so steht hier vor allem die Besatzungszeit und ihre Auswirkungen auf die Bevölkerung im Vordergrund. Mit Härte und Brutalität sorgen sie für eine Stimmung voller Misstrauen und Angst. Der frühere Zusammenhalt im Dorf ist dahin. Die einen schlagen sich auf die Seite der Besatzer, während andere voller Neid auf etwaige Günstlinge schauen. Wer sich auf die Seite des Widerstands stellt, muss sich permanent verstellen, muss auch seine Nächsten belügen, um diese nicht noch mehr in Gefahr zu bringen. Außerdem war niemand sicher, ob kein Verräter in den eigenen Reihen zu finden war. „ Der Krieg währte erst wenige Wochen, und wer im April noch ein Patriot war, war möglicherweise im Mai schon ein Verräter.“
Es gibt auch noch andere, die sich in den Dienst der Nazis stellen. Nicht weil sie deren Ideologie teilen, sondern weil sie vereint mit den Deutschen gegen die Bolschewiken kämpfen.
Lars Mytting hat auch in diesem Roman wieder glaubwürdige und komplexe Charaktere geschaffen. Es sind Menschen, die an den Herausforderungen, die das Leben an sie stellt, wachsen und reifen. „ Eins hat mich der Krieg gelehrt. Schwerter werden im Feuer geschmiedet und im Wasser gehärtet. Helden werden aus gewöhnlichen Menschen geschmiedet und härten tut sie das Unrecht.“ Andere wiederum sind voller Widersprüche, kämpfen mit sich und den Umständen, wie z. B. Tarald, Astrids Zwillingsbruder. Und der Leser lebt und leidet mit ihnen mit.
Doch neben der zeitgeschichtlichen Realität nimmt auch wieder der große Mythos um die Schwesternglocken und dem sagenhaften Wandteppich breiten Raum ein.
All das entfaltet Mytting mit seiner großen Sprachmacht. Bilderreich und detailliert entwirft er Szenen voller Atmosphäre und zieht so den Leser in seinen Bann.
Hat der Roman in der Mitte einige Längen, so gewinnt er gegen Ende hin wieder an Tempo und Spannung. Gekonnt führt der Autor die meisten Fäden am Ende zusammen. Dass hier ein paar Lücken bleiben müssen, ist der Fülle an Personen und Geschehnissen geschuldet.
Lobenswert ist der mehrere Seiten umfassende Überblick über die wichtigsten Figuren, Tiere und Gegenstände, die in allen drei Romanen eine wesentliche Rolle spielen. Ebenso die kurze Zusammenfassung über die historischen Hintergründe der deutschen Besatzung Norwegens; beides am Ende des Buches zu finden.
Auch wenn sich der Roman ohne Vorkenntnisse lesen lässt, empfehle ich die Bücher in ihrer Reihenfolge zu lesen. Erst dann wird man alle Zusammenhänge verstehen und kann völlig in diese Welt eintauchen.
Trotz kleiner Kritikpunkte halte ich „ Astrids Vermächtnis“ für einen würdigen Abschluss der Trilogie; Lars Mytting hat einen gewaltigen Teppich voller Bilder und Geschichten gewebt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth
Ein Teppich aus Bildern und Geschichten
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Gesellschaftsportrait und Entwicklungsgeschichte

Die Tage des Wals von Elizabeth O'Connor



Die junge englische Autorin Elizabeth O‘ Connor hat bisher Gedichte und Kurzgeschichten veröffentlicht. Ihr erster Roman „ Die Tage des Wals“ wurde als bestes Debut ausgezeichnet.
Schauplatz ist eine fiktive kleine Insel vor der walisischen Küste. Hier lebt die achtzehnjährige Manod mit ihrer sechs Jahre jüngeren Schwester und ihrem Vater, einem Hummerfischer.

Die Mutter ist seit vielen Jahren tot. Mittlerweile wohnen neben dem Pfarrer und dem polnischen Leuchtturmwärter nur noch zwölf Familien auf der Insel. Viele Häuser sind verwaist, zum Teil weil einige junge Männer im letzten Krieg umgekommen sind, aber auch weil viele aufs Festland gezogen sind, in der Hoffnung auf Arbeit und ein leichteres Leben.
Manod erzählt von den letzten vier Monaten des Jahres 1938, die von zwei einschneidenden Ereignissen geprägt waren. Im September strandet ein Wal am Ufer, für manche Inselbewohner ein schlechtes Omen.
Einen Monat später kommen zwei Ethnografen aus Oxford hier an, Edward und Joan. Manod wird bald zur Assistentin der beiden, übersetzt walisische Texte und führt sie herum.
Für die junge Frau sind die zwei Forscher eine Brücke zu der Welt da draußen und eine Chance, von hier wegzukommen. Denn sie träumt von einem anderen Leben, als die Insel bieten kann. Dem traditionellen Los aller Frauen hier möchte sie entkommen. „ Ich hatte Mädchen erlebt, die mit sechzehn heirateten, mit zwanzig mehrere Kinder hatten, mit fünfundzwanzig vom Meer verwitwet wurden, ausgelaugt und verloren.“ Manod ist klug und möchte Lehrerin werden. Aber bisher hält sie die Verantwortung für ihre Schwester noch hier.
Doch Edward und Joan nutzen Manod für ihre Zwecke aus. Am Ende bleibt ihr nur das Vertrauen in die eigene Stärke.
Was beim Lesen sofort auffällt und für den Roman einnimmt, ist die Sprache. Die Autorin findet sehr poetische Bilder für die Natur und die Landschaft , wie z.B. „ Nach dem Sommer kreist die Kälte, stürzt dann herab wie ein Stein.“ Aber auch für die seelische Verfassung der Ich- Erzählerin: „ All meine Entscheidungen kamen mir vor, als versuche ich, einen Fisch zu fangen, den es nicht gab, bis ich ihn fing.“
Dabei beschreibt sie gleichzeitig äußerst realistisch den Arbeitsalltag der Bewohner, die hauptsächlich vom Meer leben.
Mit mal sehr kurzen, dann wieder längeren Kapiteln hat der Roman eine eigenwillige Erzählstruktur. Dazwischen gesetzt sind Berichte der Ethnografen sowie Transkriptionen von Volksmärchen, die man sich hier erzählt, und altem Aberglauben.
Sprache und Erzählstil passen sehr gut zum Schauplatz, spröde, karg und gleichzeitig sehr schön. Auch die Kommunikation zwischen den Menschen ist kurz und knapp und aufs Wesentliche reduziert.
Elizabeth O‘ Connor beschreibt eine Gesellschaft, die zum Untergang verurteilt ist. Es sind nur noch wenige, die hier leben wie Generationen vor ihnen. Sie kennen noch die alten Mythen, sprechen ihre eigene Sprache. Aber bald werden die letzten von ihnen auch fortgegangen sein.
Dabei arbeitet sie sehr gut den Kontrast heraus, der sich aus dem Zusammentreffen zwischen den Engländern und den Inselbewohnern ergibt. Edward und Joan kommen mit dem Wunsch hierher, das archaische Leben zu dokumentieren, doch sie unterliegen ihren eigenen Vorstellungen. Während Joan das Meer romantisch verklärt, weiß Manod, wie gnadenlos und unerbittlich die See sein kann. In ihrer Forschungsarbeit geht es ihnen nicht um Authentizität, sondern um Wirkung und Effekte.
In einer vorangestellten Anmerkung zum Text erwähnt die Autorin einen Dokumentarfilm aus dem Jahr 1934, „ Die Männer von Aran“. Dem Regisseur Robert J. Flaherty wurden sachliche Fehler und inszenierte Szenen vorgeworfen. Möglicherweise ist dieser Roman eine Antwort auf diesen Film. Die Literatur vermag einen authentischen Blick auf dieses vergangene Leben zu werfen.
Gleichzeitig haben wir es hier mit einer klassischen Entwicklungsgeschichte zu tun. Der Leser folgt der jungen Protagonistin in ihrem Bestreben, ihren eigenen Weg zu finden, sich zu emanzipieren.
Der historische Hintergrund wird nur ganz dezent in das Geschehen eingebaut. Man hört im Radio vom Münchner Abkommen, ein Flugblatt kursiert und ein Boot mit jüdischen Kindern auf dem Weg nach Irland wird gesichtet.
Die Autorin lässt manches in der Schwebe, vieles wird nur angedeutet und der Phantasie des Lesers überlassen, das Ende bleibt offen.

„ Die Tage des Wals“ ist ein ruhiger, ein melancholischer und atmosphärischer Roman, der langsam gelesen werden will.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth
Gesellschaftsportrait und Entwicklungsgeschichte
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Bewährtes System

tiptoi® Mein Wimmelbuch von Anja Kiel

„ Mein Wimmelbuch“ ist ein neues Bilderbuch für Drei- bis Fünfjährige, das durch den tiptoi- Stift ( nicht im Buch enthalten) zum interaktiven Leseerlebnis wird.
Auf sieben großformatigen Doppelseiten gibt es Wimmelbilder aus der Alltagswelt der Kleinen, angefangen beim quirligen Leben in der Stadt, über einzelne Spielbereiche im Kindergarten bis zum vergnüglichen Badespaß im Schwimmbad oder den bunten Attraktionen auf dem Stadtfest.

Es empfiehlt sich, dass Eltern zuerst einmal mit ihrem Kind gemeinsam das Buch anschauen, den kurzen Text auf jeder Seite vorlesen und die verschiedenen Aktionen ausprobieren. Später kann das Kind sich eigenständig mit dem Buch beschäftigen. Und dafür wird viel Stoff für Auge und Ohr geboten. So müssen Geräusche zugeordnet oder Reime ergänzt werden. Sehr oft gilt es bestimmte Dinge zu entdecken, farbliche Gegenstände, einzelne Szenen und Abläufe. Durch die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade ist das Buch tatsächlich für jüngere und etwas ältere Kinder geeignet. Drei Lieder lockern das Ganze noch auf.
Ansprechende und detailreiche Illustrationen laden zum genauen Hinsehen ein. Ebenfalls positiv zu bewerten ist, dass bei den Figuren auf Diversität geachtet wurde.
So ist „ Mein Wimmelbuch“ wieder ein gelungenes Buch aus der tiptoi- Welt, abwechslungsreich, spannend und lehrhaft.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth
Bewährtes System
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Aus Jim wird James

James von Percival Everett

Percival Everett ist einer der renommiertesten schwarzen Schriftsteller der USA. Er hat über dreißig Bücher verfasst, darunter dreiundzwanzig Romane, von denen bisher nur wenige ins Deutsche übersetzt wurden. Doch spätestens seit seinem letzten Buch „ Die Bäume“ ist er auch bei uns mehr als ein Geheimtipp.

Mit dem Roman „ James“ ist er ein Wagnis eingegangen. Hat er doch einen Klassiker der amerikanischen Literatur, ja der Weltliteratur, genommen und seinen Fokus auf eine andere Figur gerichtet.
Bei Mark Twains „ Die Abenteuer des Huckleberry Finn“, 1884 erstmals erschienen, spielt der Sklave Jim eine wesentliche Rolle . Everett nennt ihn nun „ James“ und macht ihn zur Hauptfigur seines Romans. Und zeigt uns so durch dessen Perspektive, wie anders sich hier die Geschichte liest.
Anfangs ist Everett noch sehr nah am Original. Jim und Huck treffen sich auf einer Insel im Mississippi. Beide sind hierher geflohen, Huck vor seinem gewalttätigen Vater und Jim, weil er verkauft werden soll. Mit einem Floß versuchen sie Richtung Süden zu kommen, in einen jener Staaten, in denen die Sklaverei schon abgeschafft worden ist. Dabei erleben sie viele gefährliche Situationen und treffen auf einige Gauner und Betrüger. Doch was sich bei Twain als vergnügliches Abenteuer liest, bekommt bei Everett, bei allem Witz, den der Roman hat, eine bittere, ernste Note. Denn für James ist das alles kein Spiel, sondern lebensbedrohend.
Wenn sich die Wege der beiden ungleichen Flüchtenden trennen, gibt das Everett die Möglichkeit, völlig neue Episoden dieser Geschichte hinzuzufügen. James wird Teil einer Minstrel-Show, wo er zwischen lauter schwarz geschminkten Sängern auftritt; er wird verkauft und muss in einem Sägewerk schuften. Dabei muss er ständig um sein Leben fürchten. Hier zeigt Everett das ganze Ausmaß und die Brutalität des Rassismus und erspart uns dabei keine Grausamkeit. So wird z. B. ein Sklave, der James einen Bleistiftstummel zukommen lässt, erst gefoltert, dann gelyncht.
Schon von Beginn an aber ist die Figur Jim/ James anders, wesentlich komplexer angelegt. Das zeigt sich schon in der Eingangsszene. Wie bei Twain wird Jim hier Opfer eines Streiches von Tom und Huck. Doch bei Everett durchschaut der Sklave das Spiel und stellt sich nur dumm, denn „ Es lohnt sich immer, Weißen zu geben, was sie wollen,…“
So ist James höchst gebildet, hat in Richter Thatchers Bibliothek die großen Philosophen studiert und führt in seinen Träumen Diskussionen mit Voltaire und Locke. Dabei entlarvt er sie als nicht die großen Freiheitsdenker, sondern als Kinder ihrer Zeit.
Auch lässt Everett seinen James zweisprachig auftreten. Unter seinesgleichen sprechen die Schwarzen ein gepflegtes Englisch. Erst in der Begegnung mit Weißen verfallen sie in ihren Südstaatenslang. „ Die Weißen erwarten, dass wir auf eine bestimmte Weise klingen, und es kann nur nützlich sein, sie nicht zu enttäuschen…. Wenn sie sich unterlegen fühlen, haben nur wir darunter zu leiden.“ Da ist es nur folgerichtig, wenn James Kinder unterrichtet, wie sie mit Weißen zu sprechen haben. „ Sie genießen es, euch zu verbessern und zu glauben, dass ihr dumm seid.“ Hiermit entlarvt der Autor gar nicht subtil die Dummheit der Sklavenhaltergesellschaft. Und gleichzeitig wirft er einen Blick auf unsere Gegenwart, in denen schwarze Eltern ihren Kindern Verhaltensregeln im Umgang mit weißen Polizisten auf den Weg geben.
Everett verweist nicht nur auf die subversive Kraft des Lesens und von Bildung, sondern lässt James seine Geschichte aufschreiben. „ Mit meinem Bleistift schrieb ich mich ins Dasein. Ich schrieb mich ins Hier.“
James‘ Geschichte steht stellvertretend für die vieler. Es ist wichtig und notwendig, die Geschichte der Schwarzen im ( literarischen ) Gedächtnis zu behalten, deshalb schreibt James, deshalb schreibt Everett.
Ein weiterer Unterschied zu Twain liegt in der zeitlichen Verortung. Spielte „ Huckleberry Finn“ in den 1840er Jahren, so verlegt Everett seinen „ James“ ins Jahr 1861, rund um den Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs. Aber auch hier macht sich die Hauptfigur keine Illusionen. „ Eins wusste ich: Was auch immer zu diesem Krieg geführt hatte, die Befreiung der Sklaven war ein Nebenmotiv und würde ein Nebenergebnis sein.“
Am Ende sieht James keine andere Lösung, als sich mit Gewalt sein Recht zu verschaffen.
Im Verlaufe der Handlung wird Jim zu seinem eigenen Herr; er legt seinen alten Sklavennamen ab und nennt sich fortan James. „ Mein Name gehörte endlich mir.“
Mit viel Phantasie und großer Sprachmacht hat Percival Everett einen Roman geschaffen, der zwar in der Vergangenheit spielt, aber aktuelle Debatten aufgreift und auf die Gegenwart verweist.
Lobenswert ist die Leistung des Übersetzers Nikolaus Stingl. Denn es war kein Leichtes, die spezielle Sprache, derer sich James bedient, in ein glaubwürdiges Deutsch zu transportieren. Diese Aufgabe hat er bravourös gemeistert.
Zwei Fragen stellen sich manche bei diesem Buch:
Die eine ist die nach der Legitimation. Darf Percival Everett das? Ja, denn Literatur darf alles. Außerdem ging es dem Autor nicht darum, Mark Twain zu demontieren. Mark Twain war kein Rassist, aber natürlich ein Kind seiner Zeit. Wie Everett in seiner Danksagung schreibt, sei der Roman eine Referenz vor Mark Twain. „ Sein Humor und seine Menschlichkeit haben mich beeinflusst, lange bevor ich Schriftsteller wurde.“
Die zweite Frage ist, ob es überhaupt eine Neu- Erzählung dieses Klassiker braucht? Ja, denn es ist ein Buch für Schwarze und weiße Leser gleichermaßen. Den einen bietet er als Identifikationsfigur statt eines dümmlich- naiven Sklaven einen intelligenten, mutigen und selbstbewussten Mann, der für seine Freiheit und die seiner Familie kämpft und die anderen lässt er miterleben, wie sich die Welt einem Schwarzen zeigt.
„ James ist ein kluges, ein wichtiges Buch; eine fesselnde und bedrückende Lektüre.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth
Aus Jim wird James