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Rezensionen von Ruth:

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Spielerisch die Welt entdecken

Mein erstes Sachen suchen Wimmelbuch: Meine Welt von Maria Höck




Dieses Wimmelbuch richtet sich an Kinder ab einem Jahr. Auf 7 Doppelseiten begleiten wir das Geschwisterpaar Paul und Susa durch den Tag. Dabei gibt es viel zum Entdecken, z. B. in der Kita, auf dem Spielplatz, beim Einkaufen und bei einem Ausflug in den Wald. Das Buch endet mit der abendlichen Routine im Bad.

Es sind also lauter Szenen aus dem kindlichen Erfahrungsbereich. Kleine Geschichten auf jeder Doppelseite führen in die Schauplätze ein und stellen Fragen zum Bild. Seitlich werden verschiedene Gegenstände und Lebewesen aufgeführt, die es zu finden gilt. Um die Zielgruppe nicht zu überfordern, ist dabei die Menge überschaubar. Auch die dargestellten Alltagsszenen wirken nicht überladen. Stattdessen werden Situationen aufgegriffen, die nah an der Lebenswelt der Kinder sind. Ansprechend sind ebenfalls die farbenfrohen und detailreichen Illustrationen. So wird dieses Buch auch nach mehrmaligem Betrachten nicht langweilig .
Um unsere heutige, bunt gewordene Welt zu spiegeln, wurde hier auch auf Diversität geachtet. Menschen unterschiedlicher Art im Hinblick auf Alter, Hautfarbe und körperlicher Merkmale treten auf. So ist z.B. nicht nur ein älterer dunkelhäutiger Mann im Rollstuhl zu sehen, sondern auch ein kleines Mädchen.
Auch von seiner Machart mit stabiler Pappe und einem günstigen Format kann das Buch überzeugen.
Das alles wirkt sehr durchdacht.
Dieses Wimmelbuch ist bestens geeignet, um mit Kleinkindern spielerisch die Welt zu entdecken. Es ist hilfreich beim Spracherwerb, fördert gleichzeitig die Wahrnehmung und die Konzentration.
Rundum gelungen und somit eine Bereicherung für jedes Kinderzimmer, aber auch bestens geeignet für den Einsatz in Kita und Krippe.

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Spielerisch die Welt entdecken
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Verschweigen, verdrängen

Lori von Anousch Mueller

Neben dem Klappentext war es hier v.a. das Cover, das meine Aufmerksamkeit erregt hat. Ein Bild, wie von Gerhard Richter gemalt. Es zeigt zwei Kinder, wobei nur das jüngere deutlich zu erkennen ist, das ältere wendet seinen Blick weg vom Betrachter, hin zum anderen Kind. Alles leicht verwischt, bewusst unscharf.

Wie gut das Cover zum Inhalt des Romans passt, erweist sich nach der Lektüre.
Neugierde weckt auch der Prolog: „Wenn sich ein Geheimnis löst, beginnt die Geschichte von Neuem.“ so lautet der erste Satz. Und es geht weiter mit: „Jeden von uns gibt es ab dann in der einen und in der anderen Version. In der ersten Version bin ich die älteste Tochter meiner Eltern, die Erstgeborene….In der anderen Version bin ich die Zweite, die Statthalterin. Die dem Vergleich nicht standhält.“
Es ist die Ich- Erzählerin Helena Ross, genannt Leni, die einen so kritischen Blick auf sich selbst hat und die sich hier auf die Suche nach dem Geheimnis begibt, das wie ein Schatten über ihrer Familie liegt.
Sie lebt mit ihren Eltern und den zahlreichen Geschwistern auf einem stillgelegten Bahnhofsgelände in der thüringischen Provinz. Im Dorf nennt man den Bahnhof „Das Ende der Welt“; vor ihnen wohnten hier „Asoziale“ - Kriminelle oder „Politische“. Und auch um Lenis‘ Familie ranken sich zahlreiche Gerüchte.
Trotzdem erleben Leni und ihre fünf Geschwister eine beinahe harmonische Kindheit, voller Abenteuer in der Natur. Auch wenn die Mutter oft abwesend wirkt, beständig beschäftigt ist mit dem neuesten Baby und sich ansonsten in jeder freien Minute hinter Büchern vergräbt.
Dafür ist der Vater stets liebevoll und besorgt, kümmert sich als Rettungssanitäter nicht nur um die kleinen und größeren Wunden seiner Kinder. „Immer war es Papa, der die tröstenden Worte sprach. Immer war es Mama, die sich abwandte, immer mit einem Baby auf dem Arm.“
Doch warum ist die Mutter oft so abweisend, in sich gekehrt, warum ist der Vater ständig in Sorge, seine Kinder könnten sich verletzen? Und was hat das mit den bruchstückhaften Erinnerungen von Leni zu tun, die sie immer wieder heimsuchen? Was ist das für ein Mädchen, das im Traum ihre Hand hält? Und weshalb steht im Mutterpass der Mutter: „Schwangerschaften: 7 Geburten: 7“, obwohl die Familie nur sechs Kinder hat? Hat sie ihre Erinnerung an eine Schwester namens Lori doch nicht getrogen?
Um Antworten auf all diese Fragen zu bekommen, muss zurückgegangen werden in die Geschichte der Eltern, die sich 1974 in Cottbus begegneten. Und dabei zeigt sich wieder einmal, wie sehr ein diktatorischer Staat in das private Leben seiner Bürger eingreift. Und wie stark das noch die nachfolgenden Generationen betrifft und belastet, bekommen wir hier ebenfalls zu lesen. Denn jenes unheilvolle Geschehnis, über das in der Familie beharrlich geschwiegen wird, belastet alle. Sämtliche Geschwister haben als Erwachsene mit psychischen Problemen zu kämpfen.
Lori stürzt sich schon früh in eine aussichtslose Beziehung zu einem verheirateten Mann. Dass ihr Lutz, Freund seit Kindertagen, immer zur Seite steht, hilft ihr dabei nicht. Zu spät erkennt sie, was sie selbst für Lutz bedeutet hat.
Erst als erwachsene Frau findet Leni den Mut, mit ihrer Mutter über all das Vergangene zu reden.
Anousch Mueller nähert sich ihren Figuren mit sehr viel psychologischem Feingefühl. Dabei schafft sie ambivalente Charaktere, Menschen mit Brüchen und Kanten, deren Entwicklung man interessiert folgt.
Die Geschichte wird nicht chronologisch entwickelt, sondern mit vielen Vorausdeutungen, Rückblenden usw. Das schafft Spannung und erzeugt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Dabei bleiben Leerstellen, auch das ist stimmig.
Atmosphärisch dicht sind vor allem die Beschreibungen von Lenis Kindheit und Jugend und ihre verschwommenen Erinnerungen. Berührend sind auch die Gedichte von Lutz, die die Autorin in den Text einfließen lässt.
Informationen über den Unrechtsstaat DDR werden meist organisch in die Romanhandlung eingebettet.
So ist „Lori“ ein leiser, aber umso eindringlicher Familien- und Entwicklungsroman, der die Folgen von Sprachlosigkeit und Verschweigen thematisiert, und der auch literarisch überzeugt. Lesenswert!

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Verschweigen, verdrängen
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Emotionale Kompetenz stärken

Play+ Mein lustiges Spielbuch Wut im Bauch - ab 2 Jahre von Maria Höck

Kleinkinder erleben intensive Emotionen, ohne dafür Worte zu haben. Gerade von negativen Gefühlen werden sie regelrecht überwältigt, das äußert sich nicht selten in heftigen Wutanfällen.
Emotionale Entwicklung beginnt mit dem Erkennen und Verstehen eigener und fremder Emotionen. Eine Hilfe dabei kann dieses zauberhafte Bilderbuch aus der Ravensburger „play +“-Reihe sein.

Die Tiere feiern ein großes Waldfest und alle sind voller Vorfreude. Aber da kann manches passieren: Die Eule bekommt Angst, als der Hase sich als Gespenst verkleidet. Der Hase stolpert und die schönen Muffins liegen auf dem Boden. Der Dachs scheitert beim Girlanden aufhängen, der Fuchs fällt in den Dreck und das Eichhörnchen bekommt ein glitzerndes Haarband. All das löst die unterschiedlichsten Gefühle aus. Gemeinsam mit dem vorlesenden Erwachsenen darf das Kind überlegen, wie sich das jeweilige Tier fühlt. Und dann - das ist der Clou dabei - darf es den passenden Gefühlschip oben im Buch einwerfen und sieht nun die Emotion im Bauch des Tieres. Das macht Spaß und fördert das Verständnis.
Der kurze Text mit vielen Wiederholungen ist kindgerecht , er bietet Gesprächsanlass und lädt zur Identifikation ein. Ganz wichtig ist die Botschaft, die am Ende steht: „Angst, Freude, Ekel, Trauer, Wut: Alles, was du fühlst, ist gut.“
Ein weiterer Pluspunkt sind die auf jeder Seite aufgeführten Anregungen für Eltern, wie sie mit den Gefühlen ihrer Kinder umgehen können.
Das Buch ist bestens geeignet für die Zielgruppe ab zwei Jahren. Die farbenfrohen und ausdrucksstarken Illustrationen sind ansprechend, die robuste Pappe und das handliche Format ideal für kleine Kinderhände.
So ist „Wut im Bauch“ ein gelungenes Bilderbuch um die emotionale Kompetenz zu stärken .

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Emotionale Kompetenz stärken
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Älterwerden ohne Bedauern

Fünf, sechs, sieben, acht von Ewald Arenz

Ewald Arenz arbeitet nach wie vor als Lehrer an einem Gymnasium in Nürnberg. Und das, obwohl seine Romane regelmäßig die Bestsellerlisten stürmen.
Nun ist ein neues Buch von ihm erschienen, in dessen Zentrum der knapp sechzigjährige Anton steht. Er ist Stepptänzer am Theater seiner Heimatstadt und feiert nun gerade Premiere mit einer ausgefeilten Choreografie.

Sicher, er mag nicht mehr so flink sein wie früher, dafür kann er auf jahrelanger Erfahrung aufbauen. Anton ist zufrieden mit sich. Da trifft es ihn besonders hart, dass die neue Intendantin auf ihn verzichten möchte und lieber einen Neustart mit jemand Jüngerem plant. Seinen Job soll ausgerechnet Tochter Emma, die in seine Fußstapfen getreten ist, bekommen. Eigentlich dürfte er als Vater stolz sein. Doch Anton ist zutiefst gekränkt. Keiner hatte ihn vorgewarnt, weder seine Exfrau Katja, der er noch immer freundschaftlich verbunden ist, noch die Tochter. Auf diese Verletzung reagiert Anton beleidigt, ist taub für jegliche Erklärung.
Gleichzeitig wird ihm seine eigene Endlichkeit bewusst. In seinem Beruf ist er auf einen fitten Körper angewiesen. Wenn die eigene Kraft nachlässt, gehört man schnell zum alten Eisen. Aber Anton fühlt sich doch noch garnicht alt.
Diese Überlegungen lassen ihn Bilanz ziehen und die Frage aufkommen, ob er das richtige Leben gelebt hat. Hintergrund dafür ist eine Leerstelle aus seiner Jugend, die ihn noch immer beschäftigt. Damals hat ihn seine große Liebe Jo von einem Tag auf den andern verlassen, ohne Gründe zu nennen, ja, ohne sich zu verabschieden, und blieb danach verschwunden.
Und obwohl er später mit Katja eine Familie gegründet hat, nagt dieses Erlebnis bis heute an ihm. Wäre sein Leben anders verlaufen, besser vielleicht, gemeinsam mit Jo?
Mit Hilfe von Emma finden sich Hinweise auf Jos Verbleib. Anton und Emma reisen zusammen nach Irland auf der Suche nach der verschollenen Geliebten, und auch in der Hoffnung, die Gräben zwischen Vater und Tochter zu schließen. Doch die erwünschte Annäherung zwischen den beiden bleibt aus. Alte Konflikte brechen auf und so muss sich Anton allein seiner Vergangenheit und seinen eigenen Fehlern stellen.
Anton ist kein Sympathieträger. Dazu ist er zu eitel und zu selbstverliebt. Es fällt ihm schwer, Verständnis für die Wünsche und Bedürfnisse anderer zu entwickeln. Zu sehr kreist sein Denken nur um sich und seine Befindlichkeiten. Ganz anders ist Katja, seine Ex-Frau. Sie ist klug und empathisch und versucht zwischen Vater und Tochter zu vermitteln. Im Grunde verstehen sich Anton und Katja immer noch und man fragt sich, warum es zur Trennung kam. Der Schatten von Jo stand immer zwischen ihnen. Wie hätte Katja gegen eine solche Phantomfrau ankämpfen sollen?
Es dauert lange, bis Anton erkennt, dass er einen Trugbild nachgejagt hat und dass man auf der Suche nach dem anderen, dem „richtigen“ Leben das wahre Leben verpasst.
Es sind universelle Themen und Fragen, die Ewald Arenz hier aufgreift, so das Älterwerden und seine Herausforderungen, Konflikte zwischen Eltern und Kinder und ganz zentral die Frage nach den verpassten Chancen und ungelebten Träumen.
Allerdings hat er wenig Zutrauen in seine Leserschaft. Zu viel wird vorgegeben, ausformuliert, so bleibt wenig Raum für eigene Interpretationen. Außerdem stellt sich der Grund für Jos einstiges Verschwinden als sehr abwegig und konstruiert heraus.
Daneben liefert der Roman aber auch schöne Lesemomente, so z.B. wenn Anton die Geräusche seiner Umwelt immer wieder in Rhythmus umsetzt. Und Ewald Arenz mag seine Charaktere, beschreibt ihre Macken und Fehler mit Empathie und leisem Humor.
Obwohl sein neuer Roman „Fünf, sechs, sieben, acht“ leider nicht an die literarische Qualität von „Alte Sorten“ oder „Der große Sommer“ herankommt, werden die Fans von Ewald Arenz ihn lieben und kaufen. Denn sie bekommen damit gute Unterhaltung und einiges zum Nachdenken.

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Älterwerden ohne Bedauern
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Familienbande

Geschwister von Moa Herngren

Dies ist schon der dritte Roman der schwedischen Autorin, nach „Scheidung“ und „Schwiegermutter“, in dem sie sich mit familiären Konflikten und Beziehungsdynamiken auseinandersetzt. ( Ich kenne die ersten beiden Bücher noch nicht, sie sind aber nach der Lektüre von „Geschwister“ sofort auf meiner Wunschliste gelandet.

)
Der plötzliche Tod des Vaters bringt das fragile Beziehungsgefüge zwischen den drei erwachsenen Geschwistern Ulrika, Andrea und Rasmus noch stärker ins Trudeln. Dabei haben sie auch so schon mit erheblichen privaten Problemen zu kämpfen. Doch dieser Schicksalsschlag weckt Erinnerungen an die Kindheit, die jeder der drei anders erlebt hat.
Ulrika, die Älteste, war lange der Liebling ihres Vaters, bis nach einem Ereignis Andrea diese Rolle einnahm. Rasmus, der Nachzügler, stand immer im Schatten seiner älteren Schwestern, und wird auch heute noch von ihnen gerne übersehen oder instrumentalisiert.
Im Zentrum des Romans stehen die anderthalb Jahre nach dem Tod des Vaters, verwoben mit Erinnerungen an die Vergangenheit. Das Faszinierende daran ist die Erzählweise. Moa Herngren lässt die Geschwister in drei großen Abschnitten selbst zu Wort kommen und obwohl alle drei im Grunde dieselbe Geschichte erzählen, wird es nicht langweilig. Denn jeder nimmt die Dinge auf seine ganz subjektive Weise wahr, deutet sie anders und hat auch nicht denselben Wissensstand.
Und so ist auch der Lesende ständig gezwungen, seine Sichtweise zu revidieren.
Zu Beginn erleben wir Andrea, die das Gefühl hat, sich um alles kümmern zu müssen. Sie ist diejenige, die die Beerdigung organisiert, sich um die Mutter sorgt und überhaupt das Ansehen des geliebten Vaters hochhält. Dass ihre Geschwister ihr Engagement keineswegs würdigen, ärgert sie maßlos. Und auch die innige Beziehung zwischen ihrer Mutter und ihrer Schwester kränkt sie stark.
Ist man anfangs noch auf Andreas Seite, ändert sich das spätestens mit der Perspektive von Ulrika. Plötzlich spürt man, wie dominant und übergriffig Andrea agiert. Und auch Rasmus, der zuvor eher eine blasse Figur im Hintergrund war, bekommt mit seinem Abschnitt Profil.
Obwohl alle drei Charaktere ihre Fehler und Schwächen haben , bringt man Verständnis auf für sie. Man spürt, welche Kränkungen und Verletzungen sie geprägt haben, wie Rivalität und Schuldgefühle sie bis in die Gegenwart belasten, wie sie geworden sind, wie sie sind.
Dabei zeigt der Roman eindrucksvoll, dass es keine objektive Wahrheit gibt. Auch wenn Geschwister im selben Haus aufwachsen, so erleben sie die eigene Familie nie gleich. Dazu braucht es nicht mal ein Familiengeheimnis, wie hier im Buch. Das kann ich, als älteste Schwester mit vier Brüdern aufgewachsen, nur bestätigen.
Moa Herngren hat mit „Geschwister“ einen unglaublich fesselnden Familienroman geschrieben, der zum Nachdenken über die eigene Familie anregt.

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Familienbande
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Unterhaltsamer und schonungsloser Gesellschaftsroman

Die Liebeshungrigen von Karine Tuil

Karine Tuil ist bekannt für ihre gesellschaftskritischen Gegenwartsromane, in denen sie schonungslos Missstände und Ungerechtigkeiten in der französischen Gesellschaft aufzeigt. Das ist nicht anders in ihrem elften Roman „Die Liebeshungrigen“.
Im Zentrum steht Dan Lehman, bis vor einem Jahr noch Präsident von Frankreich.

Einst als Hoffnungsträger für soziale Gerechtigkeit angetreten, hat er seine Wählerschaft während seiner Regierungszeit enttäuscht. Die sehen in ihm einen Verräter der Arbeiterschaft und erteilen ihm nun bei seiner erneuten Kandidatur eine Abfuhr. Diese Niederlage stürzt Lehman in eine tiefe existenzielle Krise. Es fällt ihm schwer, sich mit seinem Machtverlust abzufinden und er kämpft dagegen an, in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen.
Ein Versuch, als Schriftsteller wieder Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen, scheitert allerdings grandios.
Danach versinkt er in Selbstmitleid und sucht Zuflucht im Alkohol.
Darunter leidet auch seine Ehe mit der um zwanzig Jahre jüngeren Hilda, einer deutschen Schauspielerin. Für sie hatte er vor ein paar Jahren seine Frau Marianne, eine Schriftstellerin, verlassen, mit der er drei mittlerweile erwachsene Kinder hat.
Während seiner Amtszeit galten Hilda und er als „Power-Paar“, sie die erfolgreiche Schauspielerin, er der charismatische Politiker. Doch nun, wo die schöne Fassade gefallen ist, bröckelt auch das Bild vom glücklichen Paar. Einzig die Liebe zur taub geborenen Tochter Anna verbindet sie noch miteinander.
Auch Hilda fühlt sich ins Abseits gedrängt. Als Präsidentengattin blieben die Rollenangebote aus und nun ist sie mit Anfang Vierzig zu alt für das Filmgeschäft. Doch dann bietet ihr der anerkannte Regisseur Nizon die Hauptrolle in seinem nächsten Film an. Pikanterweise stammt die Buchvorlage von Marianne.
Damit wechselt der Fokus vom Politikbetrieb hin zum Filmgeschäft, wobei sich viele Gemeinsamkeiten zeigen. Beide Welten leben von der Inszenierung und davon, dass die Personen ihre Rollen überzeugend rüberbringen. Eitelkeit, Konkurrenzdenken und Machtmissbrauch sind weitere Parallelen. Und Politiker wie Filmschaffende stehen im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung, müssen mit den Begleiterscheinungen davon leben.
Auch die Medienlandschaft wird kritisch seziert. Der geht es nicht mehr um objektive sachliche Berichterstattung, vielmehr bedient sie den Voyerismus ihrer Gefolgschaft. Und wen sie heute noch euphorisch feiert, der wird morgen schon gnadenlos demontiert.
Das große Finale findet dann bei den Filmfestspielen in Cannes statt, wo alle Figuren des Romans aufeinandertreffen.
Eine unrühmliche Rolle dabei kommt dem Regisseur Nizon zu. Mit seinem Film über eine Arbeiterin, die sich gegen männliche Gewalt zur Wehr setzt, lässt er sich als überzeugter Feminist feiern. Dabei ist er der Prototyp eines Narzissten, der aufs Übelste Frauen manipuliert und demütigt.
Hier entlarvt die Autorin die Kulturbranche, die sich gerne als Vorreiter sieht für Freiheit und Selbstbestimmung und vorgibt, besonders gesellschaftskritisch zu sein, tatsächlich aber Teil des Systems ist, das sie an den Pranger stellt.
Karine Tuil hat ihren Roman mehrstimmig angelegt, wobei Dan Lehman gerade im Anfangsteil viel Platz eingeräumt wird. Von ihm erzählt sie nicht nur in personaler Form, sondern lässt ihn auch selbst zu Wort kommen. In einem Audio-Tagebuch spricht er über Politik und Privates, erzählt von seiner Kindheit und Jugend. Dazu kommen kursiv gesetzte Textstellen, in denen wir seine Alkoholexzesse mitverfolgen dürfen.
Kapitelweise wechselt Karine Tuil die Erzählperspektive und beleuchtet so näher die wichtigsten Protagonisten.
Dass ansonsten nur Marianne eine Ich-Perspektive zugestanden wird, ist klug gewählt, ist sie doch eine der wenigen positiv gezeichneten Figuren und die Einzige, die zur Identifikation einlädt. Und mit ihr, der Schriftstellerin, zeigt die Autorin, welche Rolle sie der Literatur zumisst: Als Gegenpol zur oberflächlichen, nur auf Schein bedachten Welt ist die Literatur zuständig für Wahrheit und Moral.
Überhaupt kommen die Frauenfiguren bei Karine Tuil besser weg als die Männer, die durchgängig Narzissten oder prinzipienlose Ehrgeizlinge sind.
Mit Marianne, Hilde und Léonie, Dans Tochter aus erster Ehe, porträtiert die Autorin drei Frauengenerationen, die unterschiedliche Haltungen einnehmen.
Marianne ist zwar gekränkt, weil ihr Mann sie wegen einer jüngeren Frau verlassen hat. Trotzdem wirkt sie gefestigt und findet in ihrer Arbeit Erfüllung.
Hilda ist ehrgeizig und lässt sich ausnutzen und erniedrigen um des Erfolges willen.
Léonie dagegen steht für eine junge Generation von Frauen, die vehement für ihre Rechte einsteht. Allerdings ist auch sie nicht ohne Widersprüche. So lässt sie sich anfangs noch von Nizons Charme blenden.
Überhaupt zeichnet Karine Tuil all ihre Figuren nicht eindimensional, sondern gibt ihnen Tiefe und Ambivalenz.
Karine Tuil hat sicher keinen Schlüsselroman geschrieben, auch wenn sich Parallelen zu lebenden Personen finden lassen. Ihr ging es darum, Strukturen aufzuzeigen, die sich nicht auf Frankreich beschränken.
Im Original lautet der Titel „La guerre par d’autres moyen“ - Krieg mit anderen Mitteln“, was mir passender erscheint, denn bekämpfen tun sich hier viele.
Karine Tuil hat mit „Die Liebeshungrigen“ einen so unterhaltsamen wie schonungslosen Gesellschaftsroman geschrieben, der viel Stoff zum Diskutieren bietet.

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Unterhaltsamer und schonungsloser Gesellschaftsroman
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Sommer in Busteni

Tanzende Frau, blauer Hahn von Dana Grigorcea



Der Prolog lässt bereits keinerlei Hoffnung auf ein Happy-End aufkommen. Die zarte Freundschafts- und Liebesgeschichte zwischen Roxana und Camil muss irgendwann ein Ende gefunden haben. Denn nun liest die Ich-Erzählerin auf einer spanischen Nachrichtenseite vom Unfalltod ihres „ ersten und besten Freundes“ und beginnt sich an all die Sommerferien zu erinnern, die sie in den 1990er Jahren in Busteni verbracht hat
In diesem kleinen Dorf am Rande der Karpaten haben Großmutter und Großtante ein Sommerhaus und hierher fährt Roxana Jahr für Jahr.

Sie, ein Mädchen aus der gehobenen Bukarester Gesellschaft, freundet sich mit Camil, dem gleichaltrigen Jungen aus der heruntergekommenen Eisenbahnersiedlung an. Dass Welten zwischen ihnen liegen, spielt in diesen Wochen keine Rolle. Sie durchstreifen die Gegend, beobachten die Bewohner des Ortes und erzählen sich Geschichten. So z.B. die von der feinen Madame Smara aus Bukarest, die mit ihrem ehemals notorisch untreuen, nun aber todkranken Mann hierher zog. Sie kümmert sich aufopferungsvoll um ihn, bis eines Tages ein Kirschbaum in ihrem Haus zu wachsen beginnt.
Oder die Geschichte von der schönen Frau Helmann, die nicht wegen ihres kleinwüchsigen Ehemannes, der Tag für Tag mit einer Sense auf der Schulter durch den Ort läuft, Aufmerksamkeit erhält. Nein, es ist ihre frappierende Ähnlichkeit mit der „Sklavin Isaura“ aus der gleichnamigen brasilianischen Telenovela, die die Dorfbewohner begeistert.
Das sind aber nicht die einzigen ungewöhnlichen Liebespaare, über die Camil und Roxana sich amüsieren.
Daneben begleiten auch andere Kinder die beiden gerne auf ihren Exkursionen, wollen dazugehören und bleiben während dieser Sommerwochen doch nur Randfiguren. So z.B. Radu, der selbst ein bisschen in Roxana verliebt scheint, dem aber die Rolle des Spaßmachers zufällt. Oder Ana-Mia, die immer von ihrem zweibeinigen Hund begleitet wird. Dass diese aus ärmlichsten Verhältnissen stammt, entgeht selbst Roxana nicht.
Man muss zwischen den Zeilen lesen, um bei all den Geschichten, die Dana Grigorcea fabulierfreudig vor uns ausbreitet, etwas über die gesellschaftlichen Verhältnisse in Rumänien zu erfahren. Da heißt es dann, „Bitte keine Politik am Tisch“ bei einem Fest des ehemaligen Direktors der örtlichen Papierfabrik. Und dass Einheimische dabei nicht gewünscht sind, erfährt man nur in einem Nebensatz.
Auch wenn der Ort gerade anfangs, als wir alles durch die kindliche Perspektive erleben, wie eine Idylle wirkt, so ist er das keineswegs. Von Klassenunterschieden, von den Unterschieden zwischen den Großstädtern und der einheimischen Landbevölkerung, von prekären Verhältnissen lesen wir in allen Geschichten. Ebenso erfahren wir vom Müll, der auf der Prahova schwimmt oder auf dem Grund des Flusses liegt und an dem man sich beim Baden verletzen kann.
Später hören wir von Ovidiu, der wie Roxana seine Sommerferien in Busteni verbracht hat. Er macht als Erwachsener Karriere in der Politik , bevor er nach einem Korruptionsverdacht untertaucht.
Camil und Roxana werden älter, aus der Kinderfreundschaft wird erste Verliebtheit, doch bald wird klar, dass dies eine Sommerliebe bleibt, leicht, unverbindlich, ohne Zukunft.
Und so etwas Leichtes, Schwebendes liegt über dem ganzen Roman. Es sind einzelne Episoden, die die Autorin miteinander verwebt, voller Atmosphäre, manche witzig, beinahe absurd, andere eher still und traurig. Nicht selten mischen sich Realität mit surrealen Elementen.
Eingebunden ist dies in eine Rahmenhandlung, kursiv gesetzt, in der eine Schriftstellerin auf einer Lesereise unterwegs ist, genau mit den Geschichten, die wir lesen. Begleitet wird sie dabei von einem älteren Musiker, der die Texte mit passenden Musikstücken unterlegt.
Und am Ende überrascht uns die Autorin noch mit einer unerwarteten Volte.

Dana Grigorcea und ihr Schriftstellerkollege Catalin Dorian Florescu haben dieses Frühjahr einen neuen Roman veröffentlicht . Beide stammen aus Rumänien und leben schon viele Jahre in Zürich und beide kehren in ihren Büchern gerne in ihre frühere Heimat zurück.
Catalin Dorian Florescu schlägt in „Matei entdeckt die Freiheit“ einen weiten Bogen von der Zeit noch vor Ceaucescus Diktatur bis in die Nachwendejahre und schildert darin eindrucksvoll das Schicksal seines Protagonisten, der seine Zeit im Arbeitslager nicht vergessen kann und auf Rache sinnt, als er Jahrzehnte später auf seinen ehemaligen Peiniger trifft.
Sein Roman unterscheidet sich nicht nur im Ton von „Tanzende Frau, Blauer Hahn“. Wer tief eintauchen möchte in die unheilvolle Geschichte Rumäniens, ist mit dem emotional packenden „Matei entdeckt die Freiheit“ besser bedient. Wer es stattdessen leichter, luftiger und trotzdem tiefgründig haben will, der greife zu Dana Grigorcea . Am besten lese man beide Bücher und bekomme damit einen Einblick in die rumänische Gesellschaft und gleichzeitig gute Literatur.

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Für kindliche Entdecker

Wieso? Weshalb? Warum? junior, Band 31 - Tiere im Winter von Andrea Erne





Dieser Band der „Wieso Weshalb Warum?“- Reihe richtet sich an jüngere Kinder zwischen zwei und vier Jahren, wobei auch Ältere noch etwas lernen können. Er widmet sich dem interessanten Themenbereich „Tiere im Winter“.
Schon im Herbst treffen viele Tiere Vorbereitungen für die kommende kältere Jahreszeit.

Während die einen sich einen Vorrat anlegen oder sich ein wärmeres Winterkleid zulegen, entfliehen andere dem unwirtlichen Norden, indem sie Richtung Süden fliegen.
Manche dagegen verschlafen einfach die kalte Jahreszeit, oder kuscheln sich in Höhlen oder verstecken sich einfallsreich. Trotzdem gibt es Tiere, die im Winter auf Futtersuche sind.
Dies alles und noch mehr wird auf 16 Seiten kindgerecht vermittelt. Die Texte sind leicht verständlich und trotzdem informativ. Farbenfrohe und lebensechte Illustrationen, die mit vielen Details aufwarten, vertiefen und ergänzen das Geschriebene. Für Kinder besonders spannend sind die bewährten Klappen, die neugierig machen und zum selbständigen Entdecken einladen . Außerdem punktet der Band mit einem ansprechenden Cover, einer stabilen Verarbeitung und einem angemessenen Preis.
Er ist eine Bereicherung für jedes Bücherregal, sowohl im Kinderzimmer als auch in der Kita.

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Für kindliche Entdecker
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Bildungsroman im besten Sinne

Orion von Petra Morsbach



Petra Morsbach lässt sich Zeit beim Schreiben. Ihrem Debut „Plötzlich ist es Abend“, 1995 erschienen, folgten bisher erst sieben weitere Romane, die allesamt ganz unterschiedliche Milieus porträtieren, so z.B. die sowjetische Gesellschaft in ihrem Erstling, in „Opernroman“ die Musikwelt und in „Gottesdiener“ die Kirche und die Geistlichkeit.

Stand in ihrem letzten Roman „Justizpalast“, 2017 veröffentlicht, eine Richterin mit ihrer lebenslangen Suche nach Gerechtigkeit im Zentrum, ist es dieses Mal eine Lehrerin für Deutsch und Geschichte mit einer Passion für die Literatur, die aus der Ich- Perspektive auf ihr Leben zurückblickt.
Den Grundstock für diese Leidenschaft legt Oma Auguste, bei der die achtjährige Nora ein paar Wochen verbringt. Denn diese singt abends vor dem Zubettgehen alte Lieder oder rezitiert Balladen mit zum Teil schauerlichem Inhalt. „Seit den Bertinger Abenden führe ich ein zweites Leben in der Literatur. In der Kindheit bot es Nahrung für meine Träume, in der Jugend Trost und Abenteuer, danach Erholung und Orientierung.“
Aus einfachen Verhältnissen stammend schafft es Nora, dank der Fürsprache ihres Volksschullehrers, auf das Gymnasium. Nach dem Abitur geht sie zum Studium nach München. Daneben jobbt sie im Münchner Hauptstaatsarchiv und begegnet dort ihrem späteren Ehemann, dem zehn Jahre älteren Dr. Theseus Dellenbrücker. Dieser ist ein Archivar, wie man ihn sich vorstellt, „hypergebildet, nur ein bisschen unterbelebt“.
Es erfordert einige Umwege, bis die beiden heiraten. Zwanzig Jahre wird diese Ehe anhalten, ein gemeinsames Kind geht daraus hervor.
Doch die Beziehung erweist sich als lieblose Zweckgemeinschaft, voller emotionaler Kälte. Das, was ihr fehlt, menschliche Nähe und Leidenschaft, findet Nora dann bei Bruno. Als Theseus von der Affäre erfährt, ist diese zwar schon längst beendet, doch er ist gekränkt und will die Scheidung. Das Verhältnis zum Sohn, das auch zuvor kein so inniges war, bleibt danach schwierig.
Erfüllung findet Nora in ihrem Beruf als Lehrerin. Mit großem pädagogischen Geschick und eigenem Interesse am Stoff vermag sie zu begeistern. Ihr wichtigstes Ziel ist es, die Schüler zu kritischem Denken und Hinterfragen anzuleiten. Dabei ist sie immer bereit, selbst auch von den Schülern zu lernen.
Doch dann macht sie eine Nierenerkrankung zur Dialysepatientin und Nora muss leider den Schuldienst quittieren. Auch in diesem Moment ist ihr die Literatur Trost und Hilfe.
So wie sie die großen Dichter und Denker bei allen Lebenslagen zu Rate zieht und dort nach Antworten sucht. Nicht immer wird sie dabei fündig. In Fragen der Schwangerschaft findet sie wenig Hilfreiches in der Literatur. Gerade der klassische Kanon ist voll mit schreibenden Männern, die ein geschöntes Bild von Schwangerschaft und Geburt haben. Erst bei Euripides findet sie wahre Worte: „Ich wollte lieber dreimal ins Grauen / Der Schlacht mich werfen, als einmal nur gebären.“
Man mag kritisieren, dass sich Petra Morsbach vor allem auf Literatur aus weit zurückliegenden Zeiten bezieht und sich nicht Rat bei zeitgenössischen Autoren und Autorinnen holt. Mich hat das nicht gestört, sondern es hat mir im Gegenteil gezeigt, dass „klassische“ Literatur zeitlos ist und uns immer noch etwas zu sagen hat. So wie Sokrates, den sie zitiert, der auf die Frage eines Schülers, ob er heiraten soll , die Antwort gibt: „Was du auch tust, du wirst es bereuen.“ Nicht nur mit diesem Zitat beweist die Autorin ihren Humor.
Allerdings liest Nora nicht nur Bücher, sondern „ liest“ ebenso die Menschen. „ Wenn jedes Buch ein Mensch ist, ist auch jeder Mensch ein Buch.“ Aber so wie manche Bücher langweilen oder ein Buch gerade nicht zur eigenen Lebensphase passt, so kann es einem mit Mitmenschen gehen. Auf das banale Geschwätz einer Bekanntschaft reagiert Nora mit Desinteresse. Da heißt es dann im Roman: „ Auch dieses Buch wollte ich nicht weiterlesen.“
Petra Morsbach berichtet aber vorrangig von den Begegnungen mit Menschen und Büchern, die Nora bereichern: „Die Menschen, die ich traf, und die Bücher, die ich las, gingen durch mich hindurch, und nicht mal ich kenne die Chemie, nach der manche …spurlos verschwanden und andere … einen Volumengewinn für immer bedeuteten.“
Die Autorin hat schon in früheren Büchern bestimmte Gesellschaftskreise genau in den Blick genommen, so auch hier. Deshalb nimmt der Bereich der Schule breiten Raum ein. Dabei zeigt sich erneut, wie gut die Autorin recherchiert. Die drei „Skandale“, in die die Lehrkraft Nora verstrickt sind, dürften der Realität entnommen sein. Ebenso werden die Lehrerkollegen mit ihren Stärken und Schwächen, ihren Interaktionen und ihren hierarchischen Strukturen lebensnah gezeichnet.
Es ist ein gänzlich unspektakuläres Leben, das Petra Morsbach hier ausbreitet, aber so, dass man es mit Interesse verfolgt. Es ist die genaue Beobachtungsgabe, mit der sie Situationen und Personen beschreibt, aber auch ihr subtiler Humor, der das Buch zu einem Vergnügen für mich gemacht hat. Dabei verwebt sie Lebensgeschichten anderer mit ihrem eigenen Leben und das wiederum mit Zitaten aus ihren Lektüren, klug und reflektiert.
Und auch die Figur Nora hat mich für das Buch eingenommen. Sie mag zwar nicht sehr emotional wirken, gerade weil sie einen eher pragmatischen und beobachtend distanzierten Blick auf ihr eigenes Leben hat, trotzdem habe ich sie als keineswegs gefühlsarm empfunden. Sie ist jemand, der Menschen und Schicksalsschläge annehmen kann, nicht jammert, sondern reflektiert, analysiert und voller Optimismus die Dinge angeht. Dabei beweist sie, wie viel Trost und Kraft man aus der Welt der Literatur schöpfen kann.
So ist „Orion“ von Petra Morsbach für mich ein Bildungsroman im besten Sinne.


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Bildungsroman im besten Sinne
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Vielschichtiger Familien- und Gesellschaftsroman

Unerwünschte Töchter von Miriam Carbe

Als ihre Mutter stirbt, erbt Tochter Miriam einen Schrank aus Kirschholz, den Urgroßmutter Margarete 1912 anfertigen ließ und der seitdem die Familie begleitet und alle Umzüge mitgemacht hat. In ihm haben die Frauen die ihnen wichtigen Bücher aufbewahrt und ihre liebsten Schätze. Doch was damals gut in die herrschaftliche Villa in Dresden passte, ist nun zu groß für das schmale Reihenhaus, in dem Miriam wohnt.

Zuerst „fürchtet“ sie auch diesen Schrank, will ihn nicht bei sich haben. Aber irgendwann fühlt sie sich „erwachsen genug“, um das Familienstück selbst in Besitz zu nehmen. Und in die Vitrinen kommt ein weiteres Vermächtnis, die Tagebücher und Notizen der Frauen ihrer Familie. Diese sollten sich als unermesslicher Schatz erweisen, und die Grundlage für diesen Roman bilden, der mit fiktionalen Elementen verwoben ist
In ihrem Debutroman erzählt die Autorin von vier Generationen von Frauen, die klug und eigenwillig waren, die aber trotzdem nie das selbstbestimmte und unabhängige Leben führen konnten, das sie sich erträumten.
Die Familiendynastie beginnt mit Margarethe, der Urgroßmutter der Autorin. Sie wächst im Dresdner Bildungsbürgertum auf, in der Villa Parsifal, wo man Wagner hört und Goethe liest. Sie kommt drei Monate nach der Hochzeit ihrer Eltern zur Welt. Die haben sich eigentlich einen Sohn gewünscht, stören sich dann aber an dem „ jungenhaften“ Verhalten der Tochter.
Margarete heiratet 1911; auf Sohn Heiner folgt 1914 Tochter Marianne. Zwei Tage nach deren Geburt wird der österreichische Thronfolger in Sarajewo ermordet, der Vater fällt bald darauf im Ersten Weltkrieg. Ein paar Jahre später heiratet Margarete erneut, den Bruder ihres verstorbenen Mannes. Mit dem neuen „Vati“ ändert sich manches. Da dieser beruflich wenig erfolgreich ist, muss die Familie öfter umziehen, was jedes Mal ein sozialer Abstieg bedeutet.
Marianne entwickelt künstlerische Neigungen, würde gerne eine erfolgreiche Malerin werden, doch sie wird daheim gebraucht. Erst 1939 wird sie eine richtige Arbeitsstelle finden und zwar als Schreibkraft in einer Kaserne. Sie verliebt sich in ihren Chef, einen Offizier der Wehrmacht namens Alfred Carbe und beginnt mit ihm eine Affäre. Mittlerweile ist sie siebenundzwanzig Jahre alt und noch immer unverheiratet. Doch Alfred hält sie immer wieder hin und als er im April 1945 getötet wird, ist Marianne schwanger. Nur durch ein kurzes Schreiben, das Marianne im Falle seines Todes die Rechte einer Ehefrau zugesteht, wird Tochter Monika nicht den Makel eines unehelichen Kindes tragen müssen.
Monika, die Mutter der Autorin, ist dann diejenige, die am stärksten rebelliert und am tragischsten scheitert. Sie ist zwar hochintelligent, aber leidet zeitlebens unter psychischen Krisen, die zu mehreren Klinikaufenthalten führen. Während ihres Studiums lernt sie einen Studenten aus Nigeria kennen und wird schwanger. Als sie sich gegen alle Widerstände für ihre Tochter entscheidet, kommt es zum Zerwürfnis innerhalb der Familie. Die Existenz der unehelichen dunkelhäutigen Miriam wird der Urgroßmutter drei Jahre lang verschwiegen.
Auch wenn Mütter und Töchter sich oft aneinander reiben, wenig Verständnis füreinander aufbringen, so sind sie doch in Liebe miteinander verbunden. Daran lässt die Autorin keinen Zweifel. Sie verurteilt auch keine der Frauen, sondern versucht sie aus ihrer Zeit heraus zu verstehen.
Unerwünschte Töchter sind sie allesamt, sei es, dass sie zum falschen Zeitpunkt geboren werden, sei es, dass sie das falsche Geschlecht haben oder die falsche Hautfarbe . Dieses Gefühl, ungelegen, unvollkommen oder eine Last zu sein, prägt die Frauen
Männer spielen im Roman nur Nebenrollen, aus gutem Grund. Väter und Brüder fielen in den Weltkriegen oder sind bald nach der Geburt verschwunden. Die Frauen sind auf sich allein gestellt und müssen meist ohne männlichen Beistand ihre Familie zusammenhalten.
Dass alle Frauennamen mit demselben Buchstaben beginnen, ist kein Zufall, sondern gewollt. So lässt sich eine Genealogie herstellen, auch wenn der Nachname immer wechselt.
Die Romanhandlung umspannt das ganze Zwanzigste Jahrhundert und die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche prägen selbstverständlich das Leben der Figuren.
Nehmen die beiden großen Kriege den Frauen der älteren Generation die Männer bzw. die Väter, so kämpfen Monika mit ihrer dunkelhäutigen Tochter gegen Diskriminierung und Rassismus im Nachkriegsdeutschland. Und es sind auch die vorherrschenden Rahmenbedingen und Rollenbilder der jeweiligen Zeit, die die Frauen einengen und ausbremsen.
Die vier Frauen geben die Struktur des Romans vor. Miriam Carbe erzählt chronologisch an deren Leben entlang. Mit jeder neu geborenen Tochter wechselt die Perspektive zur nächsten Generation. So ist man von Anfang an sehr nah an der jeweiligen Figur, verfolgt deren Entwicklung vom Kind bis zur erwachsenen Frau. Miriam Carbe selbst kommt in kurzen Zwischenkapiteln zu Wort, in denen sie sich in Beziehung setzt zu den Frauen ihrer Familie. Dadurch werden durchgängige Strukturen und Muster noch deutlicher erkennbar. Jede Frauenfigur erhält von der Autorin ihre eigene Sprache und ihren eigenen Ton, passend zur jeweiligen Zeit . Eingestreute echte Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und Notizen verleihen dem Text zusätzliche Authentizität und verorten ihn historisch.
„Unerwünschte Töchter“ ist ein mitreißender und vielschichtiger Familien - und Gesellschaftsroman, literarisch überzeugend und für mich ein echtes Highlight.

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