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Rezensionen von Ruth:

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Verdient einen Ehrenplatz in jedem Kinderzimmer

Pfoten weg vom roten Knopf! von Matilde Tacchini

Pfoten weg vom roten Knopf“ von der italienischen Autorin Matilde Tacchini ist ein außergewöhnliches Bilderbuch. Da wundert es nicht, dass es gleich nach Erscheinen auf der Kinder- und Jugendbuch- Bestenliste der „Zeit“ gelandet ist.
Der kleine Hase entdeckt einen roten Knopf auf dem Boden. Ist der neu oder war der schon immer da? Der neugierige Fuchs, der sich dazu gesellt, hat sofort Lust, darauf zu drücken.

Weitere Tiere kommen hinzu, äußern ihre Bedenken und Befürchtungen. Was könnte da nicht alles passieren? Die Mutmaßungen werden immer abenteuerlicher. Der Fuchs lässt sich davon nicht beeindrucken, hält alles für übertrieben. Vielleicht löst man mit dem Knopf auch was ganz Tolles aus. Nach langem Hin und Her wird abgestimmt.

Diese Geschichte birgt auf wenigen Seiten viel Gesprächsstoff. Es lädt nicht nur ein, selbst Vermutungen anzustellen, sondern auch zu überlegen, wie man wohl selbst in der Situation reagieren würde. Drücken oder nicht drücken?
Das Bilderbuch verblüfft mit einer unerwarteten Auflösung, doch das ist noch nicht das Ende der Geschichte.
Das großformatige Buch kommt mit wenig Text aus, meist sind es einfache Dialoge. Das bietet tolle Ausdrucksmöglichkeiten für den vorlesenden Erwachsenen. Auch die ausdrucksstarken Illustrationen sind auf das Wesentliche beschränkt. Dabei sind die unterschiedlichen Eigenschaften der Tiere sofort erkennbar.
Fazit: Dieses witzige und hintersinnige Bilderbuch über Neugierde und die Angst vor dem Unbekannten ist für Kinder ab drei Jahren geeignet und verdient einen Ehrenplatz in jedem Kinderzimmer und in jeder Kita.

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Verdient einen Ehrenplatz in jedem Kinderzimmer
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Wichtiges Thema, unterhaltsam verpackt

Der Einsiedlersommer von Anne Sverdrup-Thygeson

Eva, eine 33jährige Biologin aus Oslo, wird den Sommer über in Vestfold, einem kleinen Ort im Südosten Norwegens, verbringen. Im Auftrag der Gemeinde soll sie den Wald dort kartographieren und gleichzeitig nach dem als ausgestorben geltenden Eremitenkäfer suchen. Dieser Job kommt Eva sehr gelegen, braucht sie doch gerade etwas Abstand zu ihrem Lebensgefährten Eirik.

Das Paar muss mit der Totgeburt ihres Sohnes klarkommen, das macht jeder auf seine Art. Während Eirik nach vorne blicken möchte und schon ein nächstes Kind plant, ist Eva noch ganz gefangen in ihrer Trauer. Die zukünftige Arbeit soll ihr Ablenkung verschaffen und neue Kraft schenken.
Bald macht sie Bekanntschaft mit ihrer Nachbarin Olga, einer alten, eigenwilligen Frau. Die will zunächst nichts wissen von der forschen Städterin, fühlt sich von ihr gestört und in ihrer Privatsphäre verletzt. Doch bald kommen sich die beiden ungleichen Frauen näher, denn es gibt doch einiges, was sie verbindet. Beide haben einen Verlust erlitten und beide fühlen sich stark verbunden mit der Natur. Und im Kampf für den Erhalt des Waldes stehen sie auf derselben Seite.
Die Gemeinde plant nämlich den Abbau von Larvikat, einem Tiefengestein der Region. Der Steinbruch soll in einem Waldgebiet mit einem Bestand uralter Eichen entstehen. Die Gemeinde verspricht sich davon Wohlstand und Arbeitsplätze und dafür ist man bereit, schützenswerte Wälder mit einer ungeheuren Artenvielfalt zu opfern.
Eva hofft nun einen Beweis für die Existenz des bedrohten Käfers zu finden und damit das Projekt zu verhindern.
Auch Olga hat ein Interesse daran, dass der Wald in Ruhe gelassen wird. Aber erst nach und nach erfährt der Lesende den Grund dafür. Es hängt mit einem Familiengeheimnis zusammen, das weit in die Vergangenheit zurückreicht, bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als Norwegen unter deutscher Besatzung stand.
Die Autorin versteht es sehr gut, die verschiedenen Konflikte darzustellen. Für Spannung sorgt nicht nur die Frage, ob Eirik und Eva wieder zusammenfinden ( dazu hätte es garnicht den Flirt mit dem attraktiven Amtsleiter der Gemeinde gebraucht ), sondern vor allem die ungeklärte Vergangenheit von Olgas Familie.
Dafür lässt sich die Autorin Zeit. Sie erzählt in einem ruhigen Ton, der perfekt zum Setting passt. Die Natur wird bilderreich und atmosphärisch beschrieben, aber auch mit viel biologischem Wissen.
Die personale Erzählweise wechselt zwischen den beiden Frauenfiguren. Dazwischen gestreut sind Tagebuchaufzeichnungen von Eva, die eine zusätzliche Nähe schaffen.
Auch mit ihrer Figurenzeichnung weiß die Autorin zu überzeugen. Es sind vielschichtige Charaktere, Menschen mit Ecken und Kanten, deren Handlungen nicht immer auf Zustimmung beim Lesenden stoßen werden. Aber gerade das macht sie zu lebendigen Figuren.
Der Titel verweist zum einen auf die Suche nach dem Emeritenkäfer, stärker aber noch auf das einsiedlerische Leben der beiden Hauptfiguren . Eva sucht in der Abgeschiedenheit und Einsamkeit der Natur Heilung für ihre verwundete Seele. Sie braucht den Rückzug von ihrem gewohnten Umfeld und vor allem von Eirik, um den Verlust ihres Kindes zu verarbeiten. Und Olga hat sich in ihrem Einsiedlerdasein eingerichtet. Das traumatische Erlebnis in ihrer Kindheit hat sie tief in sich vergraben. Vom Leben und von den Mitmenschen enttäuscht, wurde sie zur Einzelgängerin.
Das alles vermag die Autorin glaubwürdig und mit viel Empathie für ihre Charaktere darzustellen.
Anne Sverdrup-Thygeson ist Professorin für Naturschutzbiologie . Da ist es nur folgerichtig, dass in ihrem Debutroman das Umweltthema einen so großen Raum einnimmt. Sie verpackt ihr Kernanliegen, also die Bedeutung von Natur- und Artenschutz , in eine emotional packende Geschichte um zwei Frauen und deren Traumata. Damit erreicht sie Leserschichten, die nicht unbedingt zu einem ökologischen Sachbuch greifen würden und sensibilisiert sie so für dieses Thema. Ihr fundiertes Wissen lässt sie dabei sehr geschickt in den Text einfließen.
Der Roman eignet sich hervorragend für Lesekreise. Er vermag emotional zu packen, liest sich leicht und unterhaltsam und bietet dabei viel Gesprächs- und Diskussionsstoff

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Wichtiges Thema, unterhaltsam verpackt
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Wenig überzeugende Genre- Mischung

Die Auster von Yael Inokai

Als die 73jährige Putzfrau Leonora Bach morgens das Haus von Dr. Bronstett betritt, merkt sie sogleich, dass etwas anders ist als sonst. Und sie findet dann auch ihren langjährigen Arbeitgeber tot und ohne Hände neben dem Couchtisch. Leonora macht nun wie üblich erstmal alles gründlich sauber, bereinigt sämtliche Blutspuren, bevor sie die Polizei anruft.

So etwas macht sie natürlich in den Augen der Ermittler verdächtig.
Das ist die Ausgangssituation und wir begleiten nun die Protagonistin bis zur Beerdigung des Opfers und der Auflösung des Falles, zu dem Leonora Wesentliches beiträgt.
Dabei erfahren wir so einiges aus dem Leben der eigenwilligen Figur .
Über vierzig Jahre hat sie bei Dr. Bronstett privat geputzt. Nahegekommen sind sich die beiden dabei kaum . Zwischen ihnen stand nicht nur der gesellschaftliche Abstand - hier der reiche Dr. Bronstett in seiner Nobelvilla, da die arme Putzfrau, deren Rente kaum zum Überleben reicht. Außerdem war der Verstorbene zugleich Geschäftsführer des renommierten Luxus-Kaufhauses, in dem Leonora immer wieder als Aushilfe tätig war. Trotzdem gab es eine Gemeinsamkeit, die Verbindung hätte schaffen können. Beide, sowohl Leonora als auch Dr. Bronstett, haben ein Kind verloren und beide wollen nicht darüber reden.
Leonora ist eine Frau, die gerne übersehen wird, unscheinbar, unnahbar, dabei eine genaue Beobachterin. „Im Großen und Ganzen war sie unsichtbar, konnte durch die Welt gehen, als gäbe es sie nicht. Nur manchmal hob sich das auf. Dann war es wie ein Scheinwerfer, der auf sie fiel. Die Leute kamen drauf, dass sie als Putzfrau arbeitete, sie dachten an ihre Omas und Mütter, an ihre eigene Rente, an das Elend des Älterwerdens, und die Augen füllten sich mit Mitleid.“
In diesem Zitat klingt das eigentliche Thema des Romans an, nämlich den Blick auf diejenigen zu lenken, die still und unbemerkt ihre Arbeit erledigen, sich wenig leisten können und am Rande der Gesellschaft leben. Der Kontrast zu ihr findet sich nicht nur im Leben ihres früheren Chefs, sondern vor allem in dem Luxuskaufhaus, das dem Berliner KaDeWe nachempfunden ist. Ein Ort, der die Erfüllung aller Träume verspricht, hinter dessen exquisiter Fassade sich aber miese Arbeitsbedingungen und wenig Lohn für die Beschäftigten verbergen. Yael Inokai illustriert den Alltag im Kaufhaus in atmosphärischen Szenen, die alle Sinne ansprechen und anhand verschiedener Figuren.
Die titelgebende Auster steht hier für elitären Luxus, zugleich aber auch für die Verschlossenheit mancher Figuren, allen voran Leonora, die sich einen richtigen Panzer zugelegt hat. Tief in sich vergraben ist die Trauer um den Verlust ihres Sohnes. Ohne ihn steht sie nun völlig alleine da. „Familie war ein genau abgestecktes Feld, zu dem sie die meiste Zeit ihres Lebens ohnehin keinen Zutritt hatte.“ Das Verhältnis zur Mutter war lebenslang ein angespanntes, vom Vater ihres Sohnes erfahren wir nichts.
Die Schweizer Autorin lebt seit einigen Jahren in Berlin und sie zeichnet ein wenig einnehmendes Bild von dieser Stadt: „Nicht einmal die Stadt selbst sah an dieser Ecke aus, als wäre sie gern hier. Viel lieber hätte sie ihre Gehsteige, Gebäude, ihre Straßenlampen und Bushaltestellen eingepackt, um über die Bahngleise an einen netteren Ort abzuhauen.“ Berlin sei eine Stadt voller einsamer Menschen, doch„…wo könne man denn besser niemanden haben als in Berlin.“
Diese beiden Zitate zeigen den Witz und den leichten Spott, mit der die Autorin manches betrachtet. Ansonsten ist die Sprache nüchtern und scharf beobachtend, passend zur Hauptfigur, aus deren Perspektive wir alles lesen. Die Erzählung fließt ruhig dahin, dabei sollte der Lesende aufpassen, dass ihm kein Detail entgeht. Manches wird erst in der Rückschau deutlich oder beim zweiten Lesen.
Obwohl ich positive Ansätze in dem Text finden kann, bin ich nicht glücklich geworden mit ihm.
Sicher, der Roman soll und will kein Krimi sein, auch wenn ein Verbrechen Ausgangspunkt der Geschichte ist. Aber auch wenn man nur mit den Elementen des Kriminalromans spielt, sollte man das Genre ernst nehmen und auf Plausibilität achten. Hier ist einfach vieles an der Krimihandlung zu abstrus und zu konstruiert, um glaubwürdig zu sein . Auf Beispiele verzichte ich hier, um nicht zu spoilern.
Ich frage mich, warum die Autorin überhaupt ein Verbrechen und seine Auflösung für ihren Roman gebraucht hat. Als Sozialstudie und als Psychogramm einer älteren, armen und einsamen Frau hat mich das Buch einigermaßen überzeugen können. Auch wenn sich weitere Ungereimtheiten in der Geschichte finden lassen.

Ein Beispiel: Mag man noch akzeptieren, dass Leonora kurz nach dem Tod ihres Sohnes eine Affäre mit einem jüngeren Zahnarzt beginnt - auch wenn das nicht zur Figur selbst passt - so erscheint es wenig realistisch, dass ein Zahnarzt eine Beziehung zu einer älteren Putzfrau unterhält. Zumindest hätte man gerne gewusst, wie es dazu kam. Im übrigen hätte es diese Figur überhaupt nicht gebraucht.
So ist „Die Auster“ für mich nur ein mäßig überzeugender Roman über Alter und Einsamkeit, über Klassenunterschiede, über Glanz und Elend.

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Wertvolle Denkanstöße

Die Rückkehr der Hoffnung von Rutger Bregman

Rutger Bregman, der niederländische Historiker, hat 2020 mit seinem hoffnungsvoll stimmenden Buch „Im Grunde gut“ einen Bestseller gelandet. Darin stellt er die These auf, dass der Mensch von Natur aus kooperativ, freundlich und gut ist und belegt dies mit Erkenntnissen aus der Anthropologie, der Biologie und der Psychologie.

Dieser schmale Band hier, knapp 90 Seiten, versammelt vier Vorträge von ihm, die er bei den BBC Reith Lectures gehalten hat, eine Vortragsreihe der BBC, in der jährlich herausragende Persönlichkeiten bedeutende gesellschaftliche Fragen beleuchten.
Als Sohn eines Pastors weiß Rutger Bregman, wie man eine gute Predigt aufbaut: „Erster Akt: Notlage. Zweiter Akt: Rettung. Dritter Akt: Dankbarkeit.“
Nach diesem Prinzip hat er seine Vorträge aufgebaut und beginnt deshalb folgerichtig mit „Eine Zeit der Monster“. Hierin zieht er Parallelen zum spätrömischen Reich und zum Untergang Venedigs im 14. Jahrhundert. „Die römische Elite feierte, während Rom brannte. Unsere Eliten übertragen das Feuer im Livestream und machen den Rauch zu Geld.“
Weil heutzutage nicht mehr die Fähigsten aufsteigen, sondern die Skrupellosesten, haben wir moralisch verkommene politische Führer. Am auffälligsten sehen wir das in den USA, wo wir aktuell den „ korruptesten Präsidenten in der Geschichte der Vereinigten Staaten“ haben. ( Kleine Randbemerkung: Die BBC hat aus rechtlichen Gründen diese Passage entfernt.)
In diesem Zusammenhang bedauert er es, dass die fähigsten Köpfe ihr Talent und ihre Intelligenz nicht dazu einsetzen, die globalen Probleme zu lösen, sondern im „Bermudadreieck für Talente“ verschwinden, nämlich in der Unternehmensberatung, im Bereich der Finanzen und der Firmenrechte. Sie möchten nicht mehr die Welt verändern, stattdessen machen sie die Reichen noch reicher und versuchen selbst ein großes Stück vom Kuchen abzubekommen
Europa macht er den Vorwurf, dass es nicht mehr die Zukunft gestaltet, sondern den Staus Quo reglementiert.
Dabei sehnen sich die Menschen nach Veränderung und nach Orientierung. Letzteres müssen die demokratischen Eliten liefern, denn die Gegner der Demokratie sind bereit, dieses Vakuum mit ihrem Narrativ zu füllen.
Bregman fordert deshalb eine „moralische Revolution“. Beispiele, wie wir eine solche moralische Revolution herbeiführen können, findet er in der Vergangenheit. Er präsentiert historische Persönlichkeiten und Gruppierungen, wie z.B. die von Großbritannien ausgehende Bewegung gegen den Sklavenhandel und die Sklaverei oder die Suffragetten, die für das Wahlrecht der Frauen kämpften, um zu beweisen, dass gesellschaftliche Veränderungen oft mit einer engagierten Minderheit beginnen.
Seine Hoffnung setzt er auf Menschen mit Visionen für eine gerechtere und bessere Welt . Und sein Appell richtet sich an uns alle.
Bregmans Vorträge sind schlüssig aufgebaut, mit zahlreichen Beispielen und Anekdoten angereichert, so dass der Text leicht verständlich und nachvollziehbar ist.
Trotzdem kann ich auch nach der Lektüre nicht voller Optimismus in die Zukunft blicken. Während ich seiner Gegenwartsanalyse vorwiegend zustimmen kann und ich seine Exkurse in die Vergangenheit recht interessant fand, so sind mir seine Vorschläge zu unkonkret. Dennoch sind seine Ausführungen und seine philosophischen Betrachtungen wertvolle Denkanstöße und machen Lust auf weitere Bücher von ihm.

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Wertvolle Denkanstöße
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Schuld und Verdrängung

Abschiedssommer von Jochen Missfeldt

Der titelgebende Abschiedssommer ist der Sommer 1959. Der 18jährige Gustav Hasse, Alter Ego des Autors, verbringt ihn größtenteils auf einem Campingplatz an der Geltinger Bucht. Abends spielt er am Piano mit seiner Schülerband „Die Flamingos“ in der „Neuen Harmonie“. Mit Swing und Rock‘n‘Roll heizen sie den Jugendlichen ein.

Neben der Musik ist ihm Johanna wichtig, Freundin schon seit Kindheitstagen. Nun sind die beiden ein Paar, doch im Moment steht eine Ohrfeige zwischen ihnen. Gustav hat aus Eifersucht zugeschlagen und nun weiß er nicht, wie er sich verhalten soll.
Es sind vordergründig typische Probleme Jugendlicher, das alles aber vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund. Das Ende des Krieges liegt zwar schon 14 Jahre zurück, doch die Auswirkungen der Nazi-Zeit sind noch überall spürbar; sie sind v.a. präsent in den Seelen und Köpfen der Figuren. Jeder ist geprägt davon. Gustav selbst ist Vollwaise, lebt seit Jahren bei seiner Tante Gret in Solsbüll. Sein Vater fiel schon im August 1941 in Russland, seine Mutter starb bei einem Bombenangriff auf Hamburg. Johanna stammt ursprünglich aus Königsberg. Gemeinsam mit ihrer Mutter Claude und Großmutter Agnes strandete sie im April 1945 in Flensburg. Diese Stadt im äußersten Norden Deutschlands und weitab von der anrückenden Roten Armee war Ziel zahlreicher Flüchtlinge. Innerhalb weniger Monate hatte sich die Einwohnerzahl von 45.000 auf über 100.000 erhöht.
Besonders bewegend ist das Schicksal von Lidia. Gustav hat sie vorigen Sommer im „Kinderschiff“ , einem Erholungsheim für Kinder an der Geltinger Bucht, kennengelernt. Lidia ist ein sog. „Suchkind“, wie es zu Kriegsende viele gab. Kinder, die durch Flucht und Vertreibung von ihrer Familie getrennt wurden; sie kannten oft ihren Namen nicht und waren ohne Papiere. Organisationen wie der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes versuchten die Kinder mit Hilfe von Fotos und Suchmeldungen in den Zeitungen und im Rundfunk wieder mit ihren Eltern oder Verwandten zusammenzubringen.
Flensburg ist aber nicht nur das Ziel derer, die unter den Folgen von Nazi-Herrschaft und Krieg leiden. In Flensburg hatte nach Hitlers Tod dessen Nachfolger Großadmiral Dönitz zwei Wochen lang seinen Regierungssitz, bis die Engländer die Regierung auflösten und Dönitz verhafteten.
Und hierher war auch Gerhard Fritz Hensel, ein Maler aus Dresden geflüchtet, der sich später mit seinen Gemälden v.a. in Norddeutschland einen Namen machte. Hensel war Gustavs Kunstlehrer an der Goethe- Schule. Jahrzehnte später erst muss Gustav von einem alten Freund erfahren, wer dieser Hensel tatsächlich war: Der Schwager des Lagerkommandanten Höß, der die Familie Höß in Auschwitz besucht und dort gemalt hat. Gustav ist schockiert und fragt sich, warum er davon nichts gewusst hat. „ Das deutsche Thema“, meint der Freund.
So lauert hinter vielem noch die dunkle Vergangenheit, das zeigt Missfeldt auch symbolisch an einem Geschirrservice, das Lidia bei Gustav deponiert. Die Teller sehen von oben wie ganz normale Teller aus. Dreht man sie aber um, erkennt man das Hakenkreuz auf der Rückseite.
Missfeldt fängt außerdem sehr gut die Atmosphäre jener Zeit ein. Da wird „Kikeri“ getrunken, die Damen werden nach den Tanzveranstaltungen von den Herren nach Hause gebracht, wo hinter den Fenstern schon die besorgten Eltern lauern. In den Buchhandlungen liegt der neue Roman von Günter Grass.
Wichtiger aber ist dem Autor zu zeigen, wie stark dies eine Zeit des Verdrängens und Verschweigens war. Gustav ist neugierig, will die Vergangenheit kennen, bekommt auf Nachfragen aber immer nur gesagt, er solle die alten Geschichten ruhen lassen. „Lass uns nicht ungemütlich werden, Gustav. Wir wollen es doch schön haben.“

Joachim Missfeldt packt seine Erzählung in eine Rahmenhandlung. Der alt gewordene Gustav muss sich einer Operation unterziehen. Auf die Frage, wie lange es wohl dauert, bis er wieder aufwacht, antwortet ihm der operierende Professor: „Da passt ein Roman rein, wenn Sie so wollen.“ Und diesen Roman lesen wir hier. Das ermöglicht dem Erzähler, der sich narkotisiert erinnert, einige literarische Freiheiten. So finden sich in dem ansonsten realistischen Text fantastische Einschübe, wie eine Nils Holgersson nachempfundene Reise mit einer Möwe, in der Gustav aus der Vogelperspektive beobachtet und beschreibt. Die Fluchtgeschichte von Claude wird uns in Form einer nachgestellten Theaterszene dargeboten. Gedichte, Tagebucheinträge und Informationen zur Historie durchbrechen den Plauderton des Buches. Immer wieder mischen sich die verschiedenen Zeitebenen, Fakten und Erfundenes. Das ist raffiniert konstruiert, teilweise originell, aber auch anstrengend zu lesen und erschwert eine Nähe zu den Figuren.
Dagegen vermag der Autor mit poetischen Naturbeschreibungen zu überzeugen. Hier spürt man die Liebe Missfeldts zu seiner norddeutschen Heimat. Musik ist ein durchgängiges und verbindendes Element im Roman, auch das zählt zu den positiven Aspekten.
So ist „Abschiedssommer“ ein kluger und eigenwilliger, nicht durchweg überzeugender Roman über Schuld und Verdrängung.

„Abschiedssommer“ ist der abschließende Teil eines Romanzyklus, in dem Joachim Missfeldt von Gustav und seiner Familie und von den Bewohnern des fiktiven Örtchens Solsbüll erzählt, doch das Buch lässt sich als eigenständiges Werk lesen. Mag sein, dass der ein oder andere Lesende neugierig geworden ist auf die Vorläufer, falls er sie noch nicht kennt. Bereits 1989 ist sein großer Familienroman „Solsbüll“ erschienen ( 2017 kam eine überarbeitete Neuausgabe heraus ), gefolgt von „Gespiegelter Himmel“ ( 2001) und „Steilküste“ ( 2005 ).
Mit „Abschiedssommer“ verabschiedet sich nun der Autor vom Schreiben. Ideen hat er, nach eigenem Bekunden noch einige, aber mit 85 Jahren ist seine Kraft und seine Lebenszeit eingeschränkt.

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Schuld und Verdrängung
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Radikaler Werdegang

Ellen von Franziska zu Reventlow

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Dieser Roman, 1903 unter dem Titel „Ellen Olestjerne“ erstmals erschienen, ist das Debut der 1871 in Husum geborenen Gräfin Franziska von Reventlow. Der Reclam-Verlag hat ihn nun in seiner lobenswerten Reihe „Klassikerinnen lesen“ in einer hochwertigen Ausgabe neu und mit einem Nachwort versehen herausgebracht.

Der Verlag stellt hier bewusst Autorinnen in den Mittelpunkt, die zu Unrecht beinahe vergessen sind und deren Wiederentdeckung sich lohnt. Lesenswert ist dieses Buch, das sich stark an der Biographie der Autorin orientiert, auf jeden Fall. Es wirkt immer noch erstaunlich modern, denn so radikal seinen eigenen Weg gehen, ist heute ebenfalls nicht einfach, auch wenn die Zwänge andere sind.
Franziska von Reventlow erzählt hier die Geschichte ihrer Protagonistin von den ersten Lebensjahren bis zur Geburt ihres Kindes. Es ist ein ständiger Prozess des Suchens nach dem eigenen selbstbestimmten Weg, der am Schluss des Romans noch nicht beendet ist.
Ellen wächst mit ihren vier Geschwistern in einer norddeutschen Adelsfamilie auf. Disziplin und gesellschaftliche Konventionen schränken den Alltag ein. Ellen sticht schon sehr früh durch ihr rebellisches, wildes Verhalten heraus: „Schlimmer Widerspruchsgeist und kindischer Trotz“ attestiert sie sich selbst. Gern tollt sie mit ihren Brüdern draußen herum, was bei ihr aber nicht geduldet wird. Wie gern wäre sie ein Junge, für den mehr Freiheiten gelten. Sie fühlt sich überflüssig zwischen ihren Brüdern, zurückgesetzt und ungeliebt. Die Mutter ist eine strenge Frau, die wenig Verständnis für ihre aufsässigeTochter aufbringt. Zum Vater fühlt sich Ellen hingezogen, doch der entzieht sich meist seiner Erziehungsaufgabe. Eine intensive Beziehung pflegt sie zu ihrem Bruder Detlev, der sie mit neuen Menschen, neuen Ideen in Kontakt bringt. Durch ihn und seinen Freundeskreis kommt sie in Berührung mit den Schriften von Ibsen und Nietzsche und fühlt sich in ihrem Selbstverständnis bestätigt: „…aber nun ging es mir plötzlich auf, dass jeder ein unveräußerliches Recht an sein Ich und sein eigenes Leben hat.“ Was für revolutionäre Gedanken für eine junge Frau in dieser Zeit, die zuerst den Eltern und dann dem Ehemann gehorchen sollte.
Die Eltern versuchen, ihre Tochter in die gewünschten Bahnen zu lenken, doch alle Versuche scheitern an ihrem Widerstand gegen jegliche Bevormundung. Aus dem Mädchenpensionat wird Ellen wegen ungebührlichem Verhalten verwiesen, aus dem Pfarrhaus flüchtet sie, obwohl ihr hier mehr Verständnis entgegengebracht wird.
Gegen den Willen der Eltern erkämpft sie sich eine Ausbildung zur Lehrerin. Doch dies soll für sie nur ein Sprungbrett sein, um ihrem eigentlichen Ziel, Malerin zu werden, näher zu kommen.
In den Künstlerkreisen in Schwabing versucht sie Fuß zu fassen. Hier trifft sie auf Freigeister, die ein Leben jenseits der Konventionen führen. „Es war ein ununterbrochenes Fest; …Leben und übermutige Lust.“ Sie stürzt sich in das Münchner Bohème-Leben und entdeckt hier ihre Sexualität in wechselnden Affären.
Ellens Liebesbeziehungen sind allesamt kompliziert, denn obwohl sie sich nach Liebe sehnt, erträgt sie keine einengende Bindung. Sie verlobt sich mit einem Juristen, der ihr viele Zugeständnisse macht und Freiheiten lässt. Das nutzt Ellen schamlos aus, die Ehe wird zwei Jahre später geschieden.
Der Roman endet mit der Geburt ihres Kindes. Ihm will sie all ihre Liebe geben, über alle Widrigkeiten hinweg.
Die Erzählweise ist eher konventionell , folgt der chronologischen Entwicklung. Der Roman lebt von seinen genauen Beobachtungen und Beschreibungen, von Reflexionen und tiefen Einblicken in das Gefühlsleben der Hauptfigur. Aufgelockert wird der Text durch Tagebucheinträge und Briefe, für die die Autorin ihre eigenen früheren Aufzeichnungen benutzt hat. Das schafft Authentizität und eine zusätzliche Nähe zur Figur. Formal bietet der Roman also wenig Innovatives , dafür ist der Inhalt umso skandalöser: Eine Frau, die so radikal mit den Konventionen bricht, sich in keine der üblichen Schablonen pressen lässt, sondern sich stattdessen alle Freiheiten nimmt.
Der Preis ist hoch, den Ellen dafür bezahlen muss: den Bruch mit der Familie, Scheidung, Depressionen, Fehlgeburten, Armut und Existenznot.
Davon schreibt Franziska von Reventlow, ungeschönt und schonungslos. Als Identifikationsfigur eignet sie sich nicht. Zu radikal verfolgt sie ihre eigenen Bedürfnisse, verletzt die Gefühle auch derjenigen, die es gut mit ihr meinen.
Genauso wenig lässt sich die Autorin als Galionsfigur der Emanzipation vereinnahmen. Zu wenig programmatisch ist ihr Ansatz, zu sehr führt sie einen Kampf für ihre individuelle Befreiung.
So erleben wir mit Ellen eine Figur voller Widersprüche, auch mit Selbstzweifeln und mit der ständigen Gefahr zu scheitern, eine zutiefst menschliche Figur.

Das interessante Nachwort stammt von Kerstin Decker, die zuvor schon eine Biographie über Franziska von Reventlow veröffentlicht hat. Sie zeichnet hier kurz den Lebensweg der Autorin nach, zieht Verbindungen zu Persönlichkeiten, die deren Weg kreuzten und erklärt, warum man dieses Buch heute noch lesen soll: „ Weil es die Geschichte eines Weges zu sich selbst ist,…Weil der Ruf „Werde, der du bist!“ selten so rückhaltlos befolgt wurde.“

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Radikaler Werdegang
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Plädoyer für Eigensinn und Zusammenhalt

Querfeldein von Alex Capus

Alex Capus ist einer der populärsten Schweizer Autoren. Seine Bücher befinden sich regelmäßig auf den Bestsellerlisten und auch sein neuester Roman wird sich bald einen Platz darauf sichern. Wie in vielen seiner Werke greift der Autor wieder auf historische Begebenheiten und Figuren zurück und bettet dies in eine unterhaltsame fiktive Geschichte.

Herausragende Beispiele dafür sind „Eine Frage der Zeit“, bereits 2007 erschienen, in dem er ein kurioses Kapitel deutscher Kolonialgeschichte literarisch verarbeitet und sein erfolgreichstes Buch die Liebesgeschichte „Léon und Louise“, bei der er sich auf das Leben seines Großvaters bezieht, vor dem Hintergrund deutscher Geschichte und deutscher Besatzung in Paris.
Schauplatz in „Querfeldein“ ist das kleine Schweizer Dorf Ramsen im Grenzgebiet zu Deutschland. Hier eröffnet Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts ein junger Mann namens Arnold den Gasthof „Zur Moskau“. Arnold ist Sohn eines Arbeiters, der lange Zeit ein unstetes Leben führt. Jede Arbeit wird ihm bald so langweilig, dass er beschließt, sich nach 100 Tagen eine neue Stelle zu suchen. So lernt er die Welt und die Menschen kennen und erwirbt sich zahlreiche Fertigkeiten. Dabei führt ihn sein Weg nach Baden-Baden, wo er in einem Straßenbautrupp Pflaster vor dem Casino verlegt. Nach Abschluss der Baumaßnahme gehen alle gemeinsam ins Casino und Arnold verlässt das Haus mit sehr viel Geld in der Tasche. Dieser unverhoffte Gewinn verschafft ihm die Möglichkeit, zukünftig sein eigener Herr zu sein. Sein Wirtshaus läuft gut, hier treffen sich sowohl die Dorfbewohner als auch Auswärtige - Händler, Reisende und hin und wieder ein paar „exotische Zugvögel“. Anton ist zufrieden. Zu seinem Glück fehlt ihm nur noch die passende Frau und die kommt eines Tages hoch zu Ross angeritten. Betty und er werden ein Paar und bekommen zusammen acht Kinder. Clara, die Älteste, ist anders als die andern. Gern streunt sie durch die Gegend, bleibt manches Mal für Tage weg. Aber Arnold und Betty lassen sie sein, wie sie ist.
Eines Tages, wir sind mittlerweile im Jahr 1933, bricht ein Bär von einem Mann durchs Unterholz und stürmt auf das Gasthaus zu. Es handelt sich dabei um einen tschechischen Schmuggler auf der Flucht vor den Uniformierten. Clara findet Gefallen an ihm und dieser Hermann an ihr. Er bleibt bei den Wirtsleuten, macht sich überall nützlich und gehört bald zur Familie. Doch seine Schmugglertätigkeit gibt der junge Mann nicht auf. Gefährlich ist dies nicht wegen dem bisschen Zucker und Kaffee, das er nach Deutschland schmuggelt, gefährlich ist es vor allem , weil Hermann auch immer kommunistisches Propagandamaterial im Rucksack hat. Und als er eines Tages von NS- Leuten aufgegriffen, brutal zusammengeschlagen und über die Grenze verschleppt wird, werden nicht nur Clara und Betty aktiv. Nein, das ganze Dorf setzt sich für Hermanns Freilassung ein. Wie, das soll hier nicht verraten werden.
Auslöser für diesen Roman war eine Ansichtskarte von diesem „Gasthaus zur Moskau“, die Alex Capus auf einem Flohmarkt in die Hände fiel. Diese Karte führte ihn dann zum Schmuggler Hermann Weber, der tatsächlich in die Fänge der SS geriet, nach Deutschland entführt und nach Protesten wieder freigelassen wurde.
Um zu diesem eigentlichen Höhepunkt der Geschichte zu kommen, lässt sich Capus sehr viel Zeit. Erst in der Mitte des Buches hat Hermann seinen ersten Auftritt. Zuvor zeichnet der Autor ein anschauliches Bild vom Leben in diesem Dorf Anfang des letzten Jahrhunderts. Im Zentrum steht Arnold, ein eigensinniger Mensch im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat seine ganz individuelle Vorstellung von einem sinnerfüllten Leben. Die findet er als Wirt, Ehemann und Familienvater. Da kann der Autor, der seit 13 Jahren in Olten eine Bar betreibt und fünf Söhne hat, aus der eigenen Erfahrung schöpfen. Arnold weiß, was er will, setzt seine Interessen aber nie mit Gewalt, sondern mit Witz, Intelligenz und Beharrlichkeit durch.
Auch die beiden Frauenfiguren sind dem Autor außerordentlich gut gelungen. Beide sind starke, selbstbewusste und unkonventionelle Frauen. Arnold tut gut daran, ihnen keine Fesseln anzulegen. So ist der Roman auch ein Ratgeber, wie langjährige Beziehungen funktionieren können.
Ebenso werden einige Nebenfiguren mit interessanten Biografien ausgestattet, wobei es da ein paar Abschweifungen zu viel gibt.
Doch der Roman ist v.a. ein Plädoyer für Zusammenhalt und gemeinschaftliches Engagement. Für die Rettung von Hermann müssen einige Kugeln ins Rollen gebracht werden, aber der Erfolg spricht für die Methode.
Sicher, manches mag märchenhaft erscheinen und der Erzählton passt dazu. Unterbrochen wird der Plauderton dann aber mit in den Text eingefügtem Archivmaterial in Form von Briefen und Protokollen, was der Geschichte wiederum Authentizität verleiht.
Auch wenn „Querfeldein“ für mich zu den eher schwächeren Werken von Alex Capus zählt, so empfehle ich ihn trotzdem gerne.
Wer sich aber von seinem wahren schriftstellerischen Können überzeugen möchte, der greife zu den beiden eingangs genannten Romanen.

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Plädoyer für Eigensinn und Zusammenhalt
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Weltpolitik und private Geschichte

Die Träume, die wir hatten von Christiane Hoffmann

Christiane Hoffmann, studierte Slawistin und Osteuropa -Expertin, hat mit „ Die Träume, die wir hatten“ ihr zweites Buch vorgelegt. 2022, damals war sie noch stellvertretende Regierungssprecherin unter Bundeskanzler Scholz, landete sie einen Bestseller mit dem Buch „Alles, was wir nicht erinnern Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters“.

Darin verbindet sie ihre eigene Familiengeschichte mit der allgemeinen Historie von Flucht und Vertreibung.
Auch in „Die Träume, die wir hatten“ verknüpft sie Persönliches und die große Weltpolitik.
Am 24. Februar 2022 überfällt Russland die Ukraine. Das ist aber nicht die einzige Schreckensnachricht, die Christiane Hoffmann an diesem Tag ereilt. Sie erfährt gleichzeitig vom Suizid ihrer langjährigen Freundin. Sie kennen sich seit Studientagen, beide haben Slawistik studiert, beide lieben die russische Literatur, gemeinsam haben sie Russland bereist.
Und die zufällige Koinzidenz dieser beiden Ereignisse lösen bei Christiane Hoffmann dieselben Fragen aus:
Hätte sie den Tod ihrer Freundin verhindern können? Hätte sie rechtzeitig die Anzeichen der Depression bei ihrer Freundin sehen und sich vermehrt um sie kümmern müssen?
Hätten wir, der Westen, die Politik, sie als Journalistin viel früher die Warnzeichen erkennen müssen und hätten wir den Krieg verhindern können?
Um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen, geht die Autorin zurück in die späten 80er und frühen 90er Jahre.
In jener Zeit war Christiane Hoffmann als Studentin in Leningrad, später arbeitet sie als Praktikantin bei einer staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt in Kiew. Hautnah erlebt sie den oft schwierigen Alltag der Sowjetbürger, trifft russische und ukrainische Freunde, spricht mit vielen unterschiedlichen Menschen im Land.
Dabei beobachtet Christiane Hoffmann das politische Geschehen und sieht im Rückblick jene Jahre als die entscheidenden. Hier nahm die Entwicklung ihren Lauf, an deren Ende der russisch-ukrainische Krieg steht. „Diese frühen neunziger Jahre entscheiden über das künftige Verhältnis zwischen Russland und dem Westen, und damit langfristig über die Sicherheit Europas. Was in diesen Jahren getan und versäumt wird, wirkt lange nach.“
Der Westen hat zu lange auf Jelzin gesetzt, erhoffte sich von ihm Stabilität und sah deshalb über vieles hinweg. Auch die russischen Oligarchen unterstützen Jelzin und so „stirbt die russische Demokratie still an einer Überdosis Kapitalismus.“ „In dieser Zeit vollzieht sich jene Synthese von politischer und wirtschaftlicher Macht, die Russland von nun an prägen wird.“
Entscheidend aber auch für das zunehmend schlechtere Verhältnis zwischen Russland und dem Westen ist sicherlich der Konflikt über die Nato-Osterweiterung. Eine umstrittene Erweiterung, man sah die Nachteile und die Gefahren, verstand aber auch die Staaten, die um die Aufnahme in die Nato betteln. Christiane Hoffmann kritisiert den Schlingerkurs des Westens. „Man umarmt die Russen mit dem einen Arm, während der andere den Ostmitteleuropäern die Tür zur Nato öffnet.“
Eindeutig beantworten lässt sich die Frage nach der Schuld oder Mitverantwortung des Westens an der jetzigen Situation nicht. Sicher ist: Die Aggression geht von Putin aus, und sein Vorgehen lässt sich durch nichts rechtfertigen. Das steht für die Autorin außer Frage. Sie sieht und zeigt jedoch die Versäumnisse des Westens, die verpassten Chancen, das ungenutzte Zeitfenster, den fehlenden Mut.
Dann aber fragt sie sich wieder, ob es nicht vermessen ist zu glauben, der Westen könne tatsächlich die Entwicklung Russlands beeinflussen.
„So wie es vielleicht größenwahnsinnig ist zu glauben, ich hätte meine Freundin davon abhalten können, sich das Leben zu nehmen.“
Immer wieder kehrt Christiane Hoffmann zu ihrer Freundin zurück, beschreibt deren privaten und beruflichen Werdegang, erzählt von gemeinsamen Erlebnissen und von ihrer Trauer über den Verlust. Das alles auf sehr einfühlsame und berührende Weise, wobei auch hier Selbstzweifel anklingen: „Wieso nehme ich mir das heraus, die Deutungshoheit über Dein Leben? Über Deinen Tod?“
Eine zentrale Position im Buch nimmt die russisch-ukrainische Dichterin Anna Achmatowa ein. Sie ist ein Verbindungsglied zwischen der Autorin und ihrer Freundin. Beide lieben ihre Gedichte; die Freundin hat sich sowohl in ihrer Magister- als auch in ihrer Doktorarbeit mit Achmatowa beschäftigt. Gleichzeitig verkörpert die russische Dichterin durch ihr langes Leben und mit ihrem Schaffen russische Historie und russische Kultur.
„Die Träume, die wir hatten“, das sind die Träume von einem Leben in Frieden und Freiheit in einem ungeteilten Europa, „von gemeinsamer Sicherheit und Demokratie in Russland und überall , von „Nie wieder Krieg“. Das waren und sind auch meine Träume und deshalb verstehe ich den Schmerz und die Trauer der Autorin über eine Wirklichkeit, die so weit entfernt ist von unseren Hoffnungen und Wünschen.
Dieses Buch ist einerseits ein zutiefst berührender Bericht über eine langjährige Freundschaft, über Verlust und Trauer und zugleich eine kluge und fundierte Analyse der russisch-ukrainischen Beziehung und der Stellung des Westens. Auf der Folie eigener Erfahrungen und mit dem scharfen Blick einer kompetenten Journalistin zeigt die Autorin Hintergründe auf und macht komplexe Zusammenhänge deutlich.
Christiane Hofmann ist hier ein ganz wunderbares Buch gelungen, das ich jedem empfehlen kann. Auch damit dieser unsägliche Krieg, der bereits über vier Jahre andauert, und unendlich viel Leid gebracht hat, bei uns nicht in Vergessenheit gerät.

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Weltpolitik und private Geschichte
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Unterhaltsam und zugleich nachdenklich stimmend

Tage am Fluss von Jochen Mariss

Der 71jährige Autor hat sich bisher mit Fotografien und Gedichten einen Namen gemacht. Nun ist mit „Tage am Fluss“ sein Debutroman erschienen. Zwar mögen das wunderschöne Cover und der Klappentext einen leichten Sommerroman versprechen, doch der Text erweist sich als weitaus tiefgründiger.
Sara Harmsen, eine Frau Ende Vierzig, lebt allein mit ihrer Hündin Luna, drei Schafen und sieben Hühnern auf einem abgelegenen Hof am Fluss.

Daneben betreibt sie in vierter Generation eine kleine Fähre, die das Dörfchen Erlengrund mit der nächstgelegenen Kreisstadt verbindet. Die menschenscheue Frau hat sich in ihrer Einsamkeit gut eingerichtet. Doch nicht wenigen im Dorf ist die Fähre ein Dorn im Auge. Sie wünschen sich endlich eine Brücke über den Fluss und versprechen sich davon eine zuverlässigere Anbindung und Touristen im Ort. Dazu bräuchte man allerdings das Grundstück „Zum grünen Mond“ um Saras Haus. Diese ist aber keineswegs bereit, ihr „kleines Paradies“ herzugeben und sich selbst überflüssig zu machen, obwohl der zunehmend niedrigere Wasserstand einen geregelten Fährbetrieb erschweren.
Eines Abends taucht als letzter Fahrgast ein junger Mann auf, durstig, mit verschmutzter Kleidung und blutender Schläfe. Sara verarztet die Wunde und lässt ihn eher widerwillig bei sich übernachten.
Dieser Leon ist ein engagierter Klimaaktivist, der an einer Waldbesetzung beteiligt und dabei mit der Polizei in Konflikt geraten war. Er hofft, bei der mürrischen Frau ein paar Tage Unterschlupf zu finden. Obwohl Sara ahnt, dass Leon etwas zu verbergen hat, lässt sie sich darauf ein. Im Gegenzug soll er ihr zur Hand gehen. Bei den Arbeiten an Haus und Hof kommen sich die beiden ungleichen Charaktere näher. Es eint sie die Liebe zur Natur, deshalb kann Sara auch auf Leons Unterstützung im Kampf gegen die örtlichen Brückenbefürworter rechnen.
Jochen Maris hat mit Sara und Leon zwei komplexe Figuren geschaffen, die beide schwer an alten Wunden, Schuldgefühlen und Ängsten leiden. Und es dauert lange, bis sie ihr Misstrauen überwinden und sich öffnen können.
Ein dominanter und gewalttätiger Vater, in dessen Schatten eine verkümmerte Ehefrau und ein verängstigter Sohn, dazu ein schreckliches Erlebnis in der Vergangenheit haben aus Sara eine Frau gemacht, die Angst hat vor tieferen Bindungen, ihre Unabhängigkeit bewahren will und deshalb die Menschen meidet. Lieber kümmert sie sich um ihre Tiere, ihr Haus und ihren Garten, auch wenn die Arbeit für eine Frau allein zu viel ist. Zukunftsängste versucht sie zu verdrängen.
Leon steht stellvertretend für all die jungen Menschen, denen die Probleme in der Welt, allen voran der Klimawandel, nicht gleichgültig sind, sondern die aktiv werden. Dabei plagen ihn viele Zweifel. Was kann er tun und was bewirken? „ Er hatte das Gefühl, vor einem Haus zu stehen und verzweifelt zu rufen: Es brennt! Die Leute kamen an ihre Fenster und brüllten zu ihm runter: Ruhe! Sie fühlten sich in ihrem schönen Leben gestört. Sie wollten nicht hören, was er sagte, weil er schlechte Nachrichten überbrachte. Dass es die Wahrheit war, spielte dabei keine Rolle.“
Bei Sara ( und bei mir ) findet er ein offenes Ohr für seine Ängste. Wer so wie sie ( und ich ) mit und in der Natur lebt, kann die warnenden Anzeichen nicht übersehen.
Diese Figur des Leon gibt dem Autor die Möglichkeit, seine „Botschaft“ glaubhaft und nicht aufdringlich rüberzubringen.
Neben den authentischen Figuren sorgen die poetischen Naturbeschreibungen und die stimmungsvollen Schilderungen dafür, dass kein Thesenroman daraus geworden ist.
Das Buch lässt den Lesenden trotz der verhandelten Themen nicht trostlos zurück.
Indem Sara sich auf die Beziehung zu dem fremden jungen Mann einlässt, kann sie vieles mit anderen Augen sehen. Und sie lernt, Vergangenes loszulassen und sich selbst zu verzeihen.
Und auch Leon findet seinen Platz im Leben.
So ist es nur folgerichtig, wenn Jochen Maris sein Buch all denen widmet, „die trotz allem, was tagtäglich geschieht auf unserem blauen Planeten, nicht aufgeben, nicht abstumpfen, nicht verbittern, nicht gleichgültig werden, …, sondern Tag für Tag, so gut es geht und auf ihre Art, dem Unrecht die Stirn bieten und das Leben umarmen.“
Es ist zu wünschen, dass dieser unterhaltsame Roman mit seiner emotionalen Geschichte Leserkreise erreicht, die sich ansonsten wenig mit ökologischen Fragen auseinandersetzen und die so für diese Problematik sensibilisiert werden können.

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Unterhaltsam und zugleich nachdenklich stimmend
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Bewegend, informativ, augenöffnend

Ferne Heimat Altmontal von Michael Riepl

Der Autor Michael Riepl ist Jurist und promovierter Völkerrechtler. Daneben hat er seit 2015 für verschiedene humanitäre Organisationen gearbeitet, unter anderem in der Ukraine und in Aserbaidschan.
Nun hat er mit „ Ferne Heimat Altmontal“ sein literarisches Debut vorgelegt. Darin verknüpft er die bewegte Lebensgeschichte seiner Großmutter, die in der Ukraine und im Kaukasus aufwuchs, mit Reportagen von seinen Einsätzen in diesen Regionen.

Kurz vor seiner Abreise in die Ukraine erhält Riepl von seiner Mutter einen Stapel Papier - die Erinnerungen seiner Großmutter.
Geboren wurde Hedwig Krämer im März 1919 in Altmontal, einem kleinen Ort in der Südukraine. Ihre Vorfahren waren Protestanten aus Baden, die im 18. Jahrhundert dem Ruf der Zarin gefolgt sind.
Der Erste Weltkrieg ging an Altmontal beinahe spurlos vorüber. Doch 1918 war noch längst nicht Frieden; der Russische Bürgerkrieg tobte noch bis ins Jahr 1921, auch in der Ukraine. Hochschwanger flüchtet Hedwigs Mutter vor den Truppen auf die Krim und als sie Wochen später in ihr Haus zurückkehrt, ist alles verwüstet. So startet Hedwig in ein Leben, das geprägt ist von Hunger, Ausgrenzung und Krieg.
Sie ist zwei Jahre alt, als eine große Hungersnot das Land heimsucht, fünf Millionen Menschen verhungern in den Jahren 1921/1922 im ehemaligen Russischen Reich, viele davon in der Südukraine.
Danach folgen glückliche Jahre, die Familie wird größer. Hedwig und ihre fünf Geschwister wachsen in einer „Astrid-Lindgren-Romantik“ auf.
Das ändert sich mit Stalins „Entkulakisierung“. Die gesamte Landwirtschaft sollte zwangskollektiviert werden und die Kulaken, darunter fielen auch Kleinbauern wie die Krämers, sollten liquidiert oder verbannt werden. Als die Geheimpolizei kommt und die Familie in die Steppe treibt, ist Hedwig zwölf Jahre alt. Aber nicht nur die Krämers hungern in ihrer Lehmhütte, in der gesamten Ukraine herrscht eine Hungersnot, die fünf Millionen Tote fordert. Diese Hungerkatastrophe, die unter der Bezeichnung „Holodomor“ in die Geschichte eingeht, ist menschengemacht. ( Das ukrainische Wort „Holodomor“ bedeutet „Mord durch Hunger“.)
Aber Hedwig hat Glück. Ein entfernter Neffe kommt und nimmt sie mit zu sich nach Aserbaidschan. Hier in Annenfeld, wie das Dorf der Verwandten heißt, findet sich Hedwig , trotz Heimweh, schnell zurecht. Sie besucht die Schule und erweist sich als gelehrig. Und sie verfolgt früh ein Ziel, sie möchte Medizin studieren. Das ist im Kaukasus nicht möglich, deshalb kehrt Hedwig zwei Jahre später in die Ukraine zurück und beginnt mit der Ausbildung.
Doch dann wird der Vater verhaftet, er wird nie mehr zurückkehren. Die großen Säuberungen unter Stalin konnten jeden treffen, nationale Minderheiten wie die Deutschen waren besonders verdächtig.
Und als Hitler 1941 vom Verbündeten zum Feind wird und in die Sowjetunion einmarschiert, geraten die Krämers und mit ihnen alle Deutschstämmigen erneut ins Visier des russischen Geheimdienstes. Alle männlichen Deutschen werden verhaftet, darunter Hedwigs Brüder. Es beginnt die Deportation von einer Million Deutschen in der Sowjetunion.
Aber nicht nur die Deutschstämmigen unter den Ukrainern begrüßen den Einmarsch der Wehrmacht. Viele von ihnen haben die große Hungersnot und Stalins Säuberungen nicht vergessen.
Der Einmarsch der Wehrmacht rettet Hedwig vor der Deportation. Sie, die mittlerweile als Ärztin tätig ist, geht freiwillig als „Fremdarbeiter“ ins Deutsche Reich, ohne wirklich etwas zu wissen über dieses Land.
Und hier wird sie bleiben bis an ihr Lebensende, als Landärztin in einem bayerischen Dorf.
Michael Riepl erzählt die Geschichte seiner Großmutter entlang ihrer Aufzeichnungen. Immer wieder lässt er sie selbst in kurzen Passagen zu Wort kommen. Doch er stellt ihr Schicksal stets in den historischen Kontext, liefert Hintergrundwissen, Zahlen, Daten, Fakten. So wird man von diesen Lebenserinnerungen nicht nur emotional ergriffen, sondern geht klüger aus der Lektüre hervor.
Das trifft auch auf die zweite Ebene dieses Buches zu, die Erfahrungen, die der Autor während seines Einsatzes in der Ukraine macht. Im Jahr 2018 liegen die Maidan-Aufstände, die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass nur kurz zurück. Obwohl die Minsker Abkommen den bewaffneten Konflikt beenden sollten, herrscht weiterhin Krieg.
Im Rahmen seiner Tätigkeit reist Michael Riepl durchs Land, spricht mit vielen, ganz unterschiedlichen Menschen und gewinnt so ein genaues und differenziertes Bild. Gleichzeitig ist er unterwegs auf den Spuren seiner Vorfahren und stellt deren Erfahrungen der heutigen Situation gegenüber. Das macht dieses Buch so intensiv.
Es ist bewegend, informativ und augenöffnend.

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Bewegend, informativ, augenöffnend