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Rezensionen von Ruth:

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Ein literarisches Spiel

Das Philosophenschiff von Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier greift in seinem neuesten Roman eine historische Begebenheit auf und verknüpft diese mit einer fiktiven Biographie.
Die titelgebenden Philosophenschiffe gab es tatsächlich. Bei dieser Aktion der bolschewistischen Regierung wurden im September und November 1922 missliebige Intellektuelle außer Landes gebracht.

Lenin war der Urheber dieser Ausweisung und Trotzki verteidigte die Maßnahme als Akt „ vorausschauender Humanität“.
Auf einem dieser Schiffe befindet sich in Köhlmeiers Roman die vierzehnjährige Anouk mit ihren Eltern. Der Vater, ein Professor der Universität Sankt Petersburg und die Mutter, eine Ornithologin, gehören beide der sog. Intelligenzija an und sympathisieren mit den Bolschewiken. Doch leider verkehrten sie mit Personen, die verdächtig waren und das machte sie gleichermaßen verdächtig.
Das Mädchen macht nun auf dem Schiff die Bekanntschaft eines Passagiers, der Tage später heimlich an Bord gebracht wird: Lenin selbst. Aber er ist nicht mehr der große Held des Volkes, sondern ein gebrechlicher, kranker Mann im Rollstuhl. Die beiden ungleichen Passagiere treffen sich öfter und unterhalten sich und eines Tages belauscht Anouk ein Gespräch zwischen Lenin und und einem Fremden. Ein sehr aufschlussreiches Gespräch, das für Lenin ein tragisches Ende nimmt.
Köhlmeier selbst, das will er uns zumindest glauben machen, hat die Geschichte von Anouk höchstpersönlich. Die ist mittlerweile eine hochbetagte Dame und war eine der bedeutendsten Architektinnen des 20. Jahrhunderts. Und sie wünscht sich den bekannten Autor als Biographen. Er soll ihre Lebensgeschichte niederschreiben, denn er steht in dem Ruf, ein Schriftsteller zu sein, „ dem man nicht glaubt, was er schreibt.“
Anhand der Vita dieser faszinierenden Frau entwirft Köhlmeier ein plastisches Bild russisch- sowjetischer Geschichte. Er schreibt von Hunger und Verfolgung, von Ermordung und Exil. Zahlreiche reale Figuren tauchen im Roman auf, ihre Lebensgeschichte und ihr oft gewaltsames Ende erzählt Köhlmeier.
Dabei geht er zurück bis in die Zarenzeit und zeigt eine Kontinuität innerhalb der russischen Geschichte. Despoten unterschiedlicher Coleur wechseln sich ab; mögen sich auch ihre Weltanschauungen unterscheiden, so bleiben ihre Methoden doch dieselben.
Anspielungen auf heutige Verhältnisse und Personen sind sicherlich beabsichtigt. So z.B. wenn Köhlmeier von Zar Pawel I. schreibt, „ Er ließ sich einen Tisch zimmern, gut acht Meter lang, an dem empfing er seine Gäste, immer nur einen, er auf der einen Seite des Tisches, der Gast auf der anderen. Zunächst habe er den benachbarten Staatsmännern geschmeichelt und so getan, als sei er einer von ihnen, aber dann habe er Kriegspläne erstellen lassen, zuerst gegen die Ukraine, die er Kleinrussland genannt haben wollte.“
Und auch mit solchen Sätzen entlarvt Köhlmeier den Typus des Autokraten: „ Einer zerstört ein ganzes Land, richtet Millionen Menschen zugrunde, lässt Millionen umbringen, schafft eine neue Gesellschaft - man denkt, solche Männer handeln aus ebenso großen Motiven, weltumfassenden Motiven, Gerechtigkeit, Freiheit, Friede, Ordnung, Ruhe. Und dann stellt sich heraus, es ist gar nicht so. Er ist gekränkt worden, persönlich gekränkt.“
Köhlmeier mischt hier sehr gekonnt und sprachlich versiert Fiktion und Realität. Seine fiktive Hauptfigur gibt ihm schriftstellerische Freiheiten, die er mit einer historisch verbürgten Figur nicht gehabt hätte. Sie und ihre Familie stehen exemplarisch für das Schicksal vieler Exilanten.
Dadurch, dass er sich selbst in den Roman schreibt, gewinnt dieser noch zusätzlich an Authentizität.
Ein literarisches Spiel und eine anspruchsvolle Lektüre!

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Ein literarisches Spiel
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Kein Buch für mich

Die sieben Monde des Maali Almeida von Shehan Karunatilaka


Der Autor Shehan Karunatilaka war in Deutschland bisher ein Unbekannter. Doch die Tatsache, dass sein zweiter Roman „ Die sieben Monde des Maali Almeida“ mit dem renommierten Booker Prize 2022 ausgezeichnet wurde, weckte mein Interesse.
Wir sind im bürgerkriegsgeschüttelten Sri Lanka der 1990er Jahre.

Hier tobt seit Jahren ein blutiger Kampf zwischen der singhalesischen Regierungspartei und tamilischen Seperatisten. Aber auch verschiedene andere Gruppierungen sind in die Kämpfe verwickelt. Zwischen 80.000 und 100.000 Menschen sind in diesem Bürgerkrieg, der erst 2009 sein Ende fand, umgekommen
Hauptfigur ist der 35jährige Maali Almeida, eine schillernde Figur. Er arbeitet als Kriegsfotograf und verkauft seine Bilder an jeden, der sie haben will. Nebenbei ist er leidenschaftlicher Spieler und heimlicher Homosexueller mit einer großen Liebe und vielen sexuellen Bekanntschaften. Und er ist tot, ermordet. Gleich zu Beginn des Romans befindet er sich in einem seltsamen Zwischenreich und ihm bleiben sieben „ Monde“, also sieben Tage, um herauszufinden, wer ihn ermordet hat.
Maali macht sich auf die Suche, begleitet von zahlreichen Geistern und Dämonen, die ihn unterstützen oder zu behindern versuchen. Aber noch eine andere Mission treibt ihn an. Maali plant eine Ausstellung mit unveröffentlichten Photos, die er sicher versteckt hat, brisante Bilder, die die Verantwortlichen eines Massakers zeigen. Von der Veröffentlichung erhofft sich Maali einen Skandal, der zu einem Politikwechsel führen soll. „ Vielleicht konntest du für den Bürgerkrieg in Sri Lanka tun, was das nackte Napalmmädchen für Vietnam getan hat.“ Deshalb versucht er Kontakt aufzunehmen zu den beiden Menschen, die ihm am nächsten standen: sein Geliebter DD und seine beste Freundin Jaki.
Tatsächlich wird Maali beide Missionen erfolgreich beenden: er findet seinen Mörder und die Ausstellung findet statt, allerdings ohne groß Wirkung zu erzielen.
Shehan Karunatilaki hat für seinen Roman eine ungewöhnliche Perspektive gewählt; Maali erzählt seine Geschichte sich selbst in der Du - Form. „ Du wachst auf mit der Antwort auf die Frage, die sich jeder stellt. Die Antwort lautet : Ja, und die Antwort lautet: Genau wie hier, bloß schlimmer. Mehr ist nicht drin an Erkenntnis. Also schlaf ruhig weiter.“ So rätselhaft beginnt das Buch.
Die Du- Perspektive ermöglicht eine genaue Innensicht der Figur, baut aber gleichzeitig eine Distanz zum Leser auf.
Wir begleiten die Hauptfigur zu vielen unterschiedlichen Schauplätzen in der Gegenwart, gehen aber mit ihm auch in die Vergangenheit zurück. Dabei entwirft der Autor ein erschreckendes Bild seines Heimatlandes. Verschiedene Ethnien und Religionen kämpfen um die Vorherrschaft. Korrupt und skrupellos sind alle Beteiligten.
In einer bilderreichen, oft drastischen und derben Sprache und vorrangig über Dialoge erzählt der Autor seine Geschichte. Zynischer Witz kann nicht über die Grausamkeiten hinwegtäuschen.
Doch der Roman erwies sich schon bald als anstrengende Lektüre. Normalerweise schreckt mich so etwas nicht ab, sondern ich nehme die Herausforderung gern an. Aber hier war für mich bald klar, dass das Buch und ich nicht zusammenfinden werden. Die überbordende Phantasie des Autors, die von vielen Lesern positiv bewertet wurde, war mir einfach zu viel. Die skurrile Welt der Geister und Untoten und die geschilderten Grausamkeiten haben mich eher abgestoßen. Und die enorme Anzahl an Figuren mit für mich kaum unterscheidbaren Namen und die schnellen Szenenwechseln ließen mich eher verwirrt zurück. Eine Nähe zu irgendeiner Person ließ die Erzählweise nicht zu. Es gab einzelne Passagen und Sätze, die mich packen konnten und die ich interessant fand, doch die gingen im geschwätzigen Gesamttext beinahe unter.
Wenn man wie ich mit der politischen Lage in Sri Lanka und mit der dortigen Religion nicht vertraut ist, bleibt manches unverständlich.
Diese Lektüre war eine Aufgabe, an der ich gescheitert bin.

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Kein Buch für mich
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Vom Tigris bis zur Nordsee

Zweistromland von Beliban zu Stolberg



Zweistromland, das meint jene Kulturlandschaft in Vorderasien, die durch die beiden großen Flüsse Euphrat und Tigris geprägt wird.
Und „ Zweistromland“ nennt die junge Autorin Beliban zu Stolberg ihren Debutroman.
1993 als Tochter eines Kurden und einer Deutschen geboren, gehört sie der zweiten Generation von Migranten an.

Von deren Erfahrungen zwischen zwei Kulturen zeugen mittlerweile unzählige literarische Texte, die man unter dem Begriff „ Brückenliteratur“ zusammenfassen kann. Warum sollte man nun einen weiteren Roman zu diesem Thema lesen? Weil es sich lohnt.
Im Zentrum steht die Ich- Erzählerin Dilan, eine junge Frau um die Dreißig. Sie lebt mit ihrem schwedischen Ehemann in Istanbul und arbeitet dort als Anwältin für Wirtschaftsrecht. Als ihre Mutter stirbt, reist sie zurück in die norddeutsche Kleinstadt, in der sie aufgewachsen ist. Bei der Beerdigung spricht sie eine fremde Frau an, die mehr über ihre Vergangenheit zu wissen scheint als Dilan selbst.
Wieder in Istanbul lässt sie diese Begegnung nicht mehr los. Schemenhafte Erinnerungen lösen längst verdrängte Fragen aus und sie spürt, dass sie mehr über sich und ihre Familie wissen muss. Weshalb suchten ihre Eltern, alevitische Kurden, Asyl in Deutschland ? Und was war mit ihrem älteren Bruder, der nur in den Ferien zu Besuch kam? Über all das wurde in der Familie geschwiegen. Der Vater reagierte auf Nachfragen ausweichend. „ Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Dinge, die passieren. Wenn du anfängst, nach einer Wahrheit zu suchen, verlierst du dich und dann verpasst du dein ganzes Leben,“ ist seine Antwort.
Doch Dilan weiß, dass sie die Geschichte ihrer Familie kennen muss, das ist sie sich und ihrem ungeborenen Kind schuldig. Und so macht sie sich hochschwanger auf, erst nach Diyarbakir, jener heimlichen Hauptstadt der Kurden im Osten der Türkei, unweit der syrischen Grenze. Hier haben ihre Eltern einst gelebt. Doch die Reise ist nicht ungefährlich. Wir sind im Jahr 2016 und die Stadt wird noch immer von politischen Unruhen erschüttert, die ein Jahr zuvor ihren Anfang nahmen. Das macht Dilans Unterfangen nicht einfach, doch nach und nach findet sie heraus, was damals ihre Eltern aus der Türkei flüchten ließ. Und Antworten bekommt sie auch von jener Fremden, mit der ihre Suche begann.
Beliban von Stolberg erzählt eindringlich von einer jungen Frau, die ihren Platz finden muss. Dabei zeigt sie, dass Schweigen und Verdrängen keine Lösung sein können, auch wenn die Erinnerungen schmerzhaft sind. Mit ihrer feinen Erzählweise und ihrer höchst poetischen Sprache nimmt sie den Leser sogleich gefangen. Der Gegenwartsebene im Jahr 2016 wird das Aufwachsen der Ich- Erzählerin im Jahr 1999 gegenübergestellt. So wird manches im Verhalten der Protagonistin verständlicher, z.B. spiegelt sich das Schweigen der Eltern in ihrem Verhältnis zu ihrem Ehemann wider.
Beliban zu Stolberg hat mit „ Zweistromland“ eine intensive Familiengeschichte geschaffen, die sich zeitlich von den 1970er Jahren bis ins Jahr 2016 erstreckt, von den Ufern des Tigris bis an die deutsche Norseeküste .„ Als der Tigris in die Nordsee floss“ heißt es deshalb auf dem Klappentext.
Mit der privaten Geschichte eng verwoben sind die geschichtlichen und politischen Geschehnisse.
Ein gelungenes Debut!

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Vom Tigris bis zur Nordsee
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Anspruchsvolle Lektüre

Unsereins von Inger-Maria Mahlke

Ein Roman, der in Lübeck Ende des 19. Jahrhunderts spielt, lässt unwillkürlich an „ Die Buddenbrooks“ denken. Mit dieser Assoziation liegt man nicht falsch, hat Inger- Maria Mahlke doch eine Art Gegenentwurf zu Thomas Manns weltberühmten Roman geschrieben.
Allerdings beschränkt sich die in Lübeck aufgewachsene Autorin nicht nur auf das gehobene Bürgertum der Stadt, sondern nimmt auch die Bediensteten in ihren Blick.

Die Erzählung setzt ein im Jahr 1890 und führt bis ins Jahr 1906. Im Zentrum steht die wohlhabende Familie Lindhorst, kinderreich, konservativ und kaisertreu. Friedrich Lindhorst ist Rechtsanwalt; mit seiner Frau Marie hat er sechs Söhne und zwei Töchter. Als Anwalt hat Lindhorst nicht den Stand, den ein reicher Kaufmann einnimmt und ein Hindernis für eine politische Karriere ist auch seine jüdische Herkunft . Diese Tatsache steht aber nicht so im Vordergrund, wie der Klappentext vermuten ließe, sondern wird von Inger- Maria Mahlke nur ganz subtil angedeutet. Marie Lindhorst ist von ihrer Aufgabe als Haushaltsvorstand und Mutter ( „ Irgendwann waren es zu viele, um alle zu lieben, wie man soll.“) überfordert; monatelang ist sie wegen psychischer Probleme in Sanatorien. Auch die Kinder weichen zum Teil vom vorgezeichneten Lebensweg ab, dabei fehlt es nicht an Tragik .
Die Autorin blickt mit einem leicht spöttischen Blick auf die Lübecker Gesellschaft. So ist Marie Lindhorst die „ Tochter des berühmtesten Dichters aller Zeiten“. Das Denkmal von ihm ragt hoch über den nach ihm benannten Platz in der Stadt. Stolz ist man hier auf den berühmten Sohn, auch wenn man sich außerhalb Lübecks über ihn nur lustig machen sollte. „ Millionen mit Keitels Worten bestickte Geschirrhandtücher können nicht irren.“ Tatsächlich ist dieser Dichter, im Roman heißt er Keitel, bei Thomas Mann Hoffstede, Emmanuel Geibel, den man heute lediglich als Verfasser des Liedes „ Der Mai ist gekommen“ kennt.
Noch weitere Familien und deren Lebenswege verfolgt die Autorin in ihrem Buch. Dabei zeigt sich das enge gesellschaftliche Korsett, in das letztendlich alle gezwängt sind. Frauen betrifft das allerdings in größerem Maße, auch das zeigt die Autorin . Vereinzelt gelingen Ausbruchsversuche, so z.B. einer jungen Frau, die nach dem Tod ihres Vaters über ein Erbe verfügt, das sie unabhängig sein lässt. Sie veröffentlicht kleine Geschichten aus dem Alltag einer Kurstadt, allerdings unter männlichen Pseudonym.
Der Roman erzählt auch von den wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen. So vom Bau des Kaiser - Wilhelm - Kanals, der die Nordsee und die Ostsee miteinander verbindet, was anfangs zu Widerstand in Lübecks Senat führt. Bekommt doch dadurch Hamburg einen direkten Zugang zur Ostsee. Auch wird die Einführung von Wasserclosetts in den Haushalten kontrovers diskutiert. Wenn, dann sollte nur die gehobene Bürgerschicht in den Genuss kommen, die Bedürfnisse der Arbeiterschaft kümmern die Herren Senatoren nicht.
Die aber haben ihre Fürsprecher in der aufkommenden Sozialdemokratie. Im Buch ist deren Vertreter ein ehemaliger Metallarbeiter, „ Unser aller Unheil“, wie Lindhorst seinem Sohn erklärt.
Inger - Maria Mahlke gibt dieser gesellschaftlichen Gruppe den gebührenden Raum. Hier treten Bedienstete nicht nur als Nebenfiguren auf. Das Dienstmädchen Ida im Hause Lindhorst begleitet uns die ganze Zeit. Ausführlich wird deren tägliche mühselige Arbeit beschrieben, Tag und Nacht muss sie bereit stehen für ihre Herrschaft. Verständlich, dass sie davon träumt, diesen Verhältnissen zu entkommen. Im Arbeiterbildungsverein lernt sie heimlich Tippen und Stenografie und hofft auf eine Anstellung als Tippmamsell.
Oder der Lohndiener Charlie Helms, der mit seiner Liste der für den gesellschaftlichen Verkehr in Frage kommenden Familien eine wichtige Rolle spielt. Doch er stürzt über seine homosexuellen Neigungen.
Auch der Ratsdiener Isenhagen bekommt neben seiner Arbeit ein aufregendes Privatleben bei Inger- Maria Mahlke.
Thomas Mann darf im Roman natürlich nicht fehlen. Als eitler und arroganter Schüler , Pfau“ genannt, hat er seinen Auftritt; im Schlepptau immer einen Mitschüler, seinen „Schatten“. Jahre später kehrt er als erfolgreicher Jungschriftsteller in seine Heimatstadt zurück und liest aus seinem Werk. Der Roman „ Die Buddenbrooks“ sorgt für Unruhe in Lübeck, da einige sich darin wiedererkennen. „ Es ist das Spiel der Saison. Bei jedem Dinner werden nach dem Dessert Papier und Stifte ausgeteilt. Wer- ist- wer im Roman.“ In Buchhandlungen gibt es sogar „ sogenannte Lektürehilfen“ zu kaufen.
Die Erzählweise ist allerdings etwas gewöhnungsbedürftig. Sprachlich orientiert sich die Autorin an dem Stil von Thomas Mann, auch an dessen Ironie, unterbricht dabei immer wieder den altertümlichen Duktus mit modernen Wendungen. Die Vielstimmigkeit vermittelt zwar ein breites Panorama, erschwert es dem Leser aber, den Überblick zu behalten.
Hat Inger- Maria Mahlke in ihrem 2018 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „ Archipel“ eine ungewöhnliche Struktur gewählt, die Geschichte wurde rückwärts aufgerollt, so folgt sie hier ganz traditionell der Chronologie. Dabei gibt es immer wieder Sprünge innerhalb des Erzählten.
Von einer intensiven Recherche zeugt der Detailreichtums des Romans. So entsteht ein plastisches Bild jener Zeit und von den verschiedenen Gesellschaftsschichten.
Dem Roman vorangestellt ist ein ausführliches Personenverzeichnis, auf das man während der Lektüre immer wieder zurückgreifen muss.
Zu loben ist der Verlag für die Buchgestaltung. Das Vorsatzpapier zeigt zwei alte Stadtpläne von Lübeck.
Trotz kleiner Kritikpunkte ist der Autorin mit „ Unsereins“ ein umfassendes Porträt der Lübecker Gesellschaft zur Kaiserzeit gelungen , eine anspruchsvolle Lektüre, die einen aufmerksamen Leser erfordert.

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Anspruchsvolle Lektüre
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Herausfordernd und gleichermaßen bereichernd

Endstation Malma von Alex Schulman

Der schwedische Autor Alex Schulman verarbeitet in all seinen Büchern seine traumatische Kindheit. Seine Mutter war Alkoholikerin und sie war für ihre Kinder unberechenbar, mal liebevoll, mal grausam. Sein Schreiben dient ihm immer auch als Therapie. Einige Bücher sind stark autobiografisch, wie z.

B. „ Verbrenn all meine Briefe“, in dem er seinen despotischen Großvater als Ursache für die Beziehungsunfähigkeit seiner Mutter ausmacht. In anderen Büchern, die noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden, geht es ganz direkt um seine Mutter und um seinen Vater.
„Endstation Malma“ ist dagegen, wie sein großer Erfolg „ Die Überlebenden“ eine fiktive Geschichte. Aber auch hier steht sein alles dominierende Thema im Zentrum : die transgenerationale Weitergabe von Traumata. Wie sehr prägt die Vergangenheit die Gegenwart und unsere Zukunft und welche Nachwirkungen haben Verletzungen in der Kindheit auf die nächsten Generationen ? Und wann verliert man sein Kind?
Drei Menschen reisen mit dem Zug in die fiktive Kleinstadt Malma, einige Stunden von Stockholm entfernt. Die achtjährige Harriet ist mit ihrem schweigsamen Vater unterwegs zu einer Beerdigung. Oskar fährt in Begleitung seiner Frau; die Ehe der Beiden ist in einer tiefen Krise. Und
Yana reist in der Hoffnung nach Malma, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen.
Rätselt man zu Beginn noch, welche Verbindung zwischen den Personen besteht, wird bald klar, dass zwar alle auf derselben Strecke unterwegs sind, aber zu unterschiedlichen Zeiten, 1976, 2001 und in der Gegenwart.
Harriet ist das Verbindungsglied aller drei Zeitebenen, anfangs als Kind, später als Ehefrau von Oskar und Mutter von Yana.
Harriet ist ein zutiefst verunsichertes Kind, das immer versucht, ihrem Vater alles recht zu machen, beständig um Aufmerksamkeit und Liebe buhlt. Verständlich, denn sie hat heimlich ein Gespräch ihrer Eltern belauscht, in dem diese beschließen, nach ihrer Trennung beide Töchter untereinander aufzuteilen. Allerdings wollten beide Harriets Schwester, denn Harriet selbst erschien ihnen zu schwierig. Wie furchtbar muss es sich für ein Kind anfühlen, nur zweite Wahl zu sein. „ Beide wollten Amelia, keiner wollte mich. Damit lebe ich jeden Tag. Ich bin die Verschmähte, bin es immer gewesen und werde es immer sein.“
Dieses Gefühl begleitet Harriet bis ins Erwachsenenalter. So verwundert es kaum, dass sie später mit ihrem provozierenden Verhalten ihre Umwelt schockiert und für ihren Ehemann unberechenbar bleibt.
Doch warum kam sie von ihrer Reise damals nach Malma nicht wieder nach Hause zurück und warum ließ sie ihre elfjährige Tochter allein mit dem Vater? Warum wiederholte sie das Muster ihrer Kindheit, obwohl sie immer beteuert hat, wie sehr sie Yana liebt?

Diese reist nun ebenfalls nach Malma. Anlass dazu war ein Photoalbum aus dem Nachlass ihres verstorbenen Vaters. Die Reise in die Vergangenheit soll Aufklärung bringen, in der Hoffnung, dass dieses Wissen sie selbst verändern wird.
Denn für Alex Schulman ist die Zukunft „ …bereits vorherbestimmt und lässt sich nicht beeinflussen, doch was passiert ist, ist veränderlich, es bewegt sich die ganze Zeit.“ Was sich zuerst paradox anhört, ergibt Sinn, wenn man sich auf diesen Gedanken einlässt. Unser Wissen über die Vergangenheit ist unvollständig und kann somit falsch sein. Erst wenn wir die Zusammenhänge erkennen und verstehen, können wir aus den vorgegebenen Mustern ausbrechen und neue Wege gehen. Dazu muss man sich der Vergangenheit stellen, so schmerzhaft das auch sein mag, das Bild davon zurechtrücken, um für sich eine Zukunft zu finden.
Diesen Roman zu lesen ist kein Vergnügen, zu schmerzhaft sind die Erfahrungen der Protagonisten, zu verstörend oft ihr Verhalten. Doch dieser Blick in Abgründe kann helfen, Menschen mit solch traumatischen Erlebnissen besser zu verstehen.
Es sind die z.T. brutalen Szenen, die schockieren, aber auch die lange Liste der Lieblosigkeiten von Seiten der Erwachsenen. Dabei gibt es Liebe zwischen den Figuren, doch sie sind nicht in der Lage diese zu zeigen, unfähig zu einer liebevollen und ehrlichen Beziehung . Bezeichnend ist hier auch, dass Harriet mit Oskar sich einen Partner ausgesucht hat, der ähnlich beschädigt ist wie sie.
Dass Alex Schulman beim Leser so intensive Gefühle auslöst, liegt zum einen daran, dass er aus eigenem Erleben schöpfen kann, aber auch an seinem literarischen Können. Die Sprache ist präzise und genau, mit Bildern, die im Gedächtnis bleiben. Harte Dialoge wechseln mit poetischen Landschaftsbeschreibungen, die das Gelesene erträglich machen.
In diesem Roman überzeugt Alex Schulman erneut mit einer raffinierten Erzählkonstruktion. Drei Reisen durch Raum und Zeit, die gemeinsam an ihrem Zielort ankommen. Dabei steigert er kontinuierlich das Erzähltempo und entwickelt so einen ungeheuren Lesesog. Nach und nach werden die Geheimnisse enthüllt, dabei setzt er, manchmal zu sehr, Cliffhänger ein, um die Spannung zu erhöhen.
Die Kapitel werden wechselweise aus den Perspektiven von Harriet, Oskar und Yana erzählt. Mit großer Virtuosität verwebt Alex Schulman die einzelnen Erzählstränge. Dass man dabei trotz konzentriertem Lesen manchmal mit den Zeitebenen durcheinander kommen kann, mag gewollt sein. Zeigt der Autor doch damit wie sich Verhaltensmuster wiederholen.
Raum für vielfältige Interpretationen bieten neben der Zugmetapher noch weitere durchgängige Motive.
Eine herausfordernde und gleichermaßen bereichernde Lektüre!

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Herausfordernd und gleichermaßen bereichernd
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Plädoyer für mehr Heiterkeit und Gelassenheit

Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wichtig uns der Ernst des Lebens sein sollte von Axel Hacke

Der bekannte Kolumnist und Schriftsteller Axel Hacke hat vor einigen Jahren ein sehr erfolgreiches Buch über "Den Anstand in schwierigen Zeiten" geschrieben. Nun widmet er sich hier dem Begriff der "Heiterkeit".
Eigentlich sollte daraus nur ein kurzer Artikel werden, um den ihn ein befreundeter Kollege bat.

Aber bald merkte Axel Hacke, dass ihn dieses Thema auch persönlich berührte, war doch die aktuelle Situation bei ihm alles andere als heiter. Schicksalsschläge im näheren Umfeld, dazu die Pandemie und die damit verbundenen Probleme boten keinerlei Anlass zu Frohgestimmtheit. Kann und darf man angesichts der vielen Krisen und Bedrohungen überhaupt noch heiter sein? Um diese Frage zu beantworten, unternimmt der Autor einen philosophischen Streifzug durch die Kulturgeschichte.
Er geht zurück zu den großen Philosophen der Antike, die von der Unsicherheit und Unvollkommenheit der Welt wissen und deshalb zu Gelassenheit raten. Er findet Kluges bei Schiller ( " Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.") und Goethe. Sogar Kleist und Nietzsche, die man wohl eher nicht mit dem Thema in Verbindung bringen würde, werden zitiert. Für Thomas Mann war "Heiterkeit keine oberflächliche Stimmung, sondern Teil seiner Kunstauffassung, ... , eine Art der Distanzierung vom Leben." In einem Brief spricht Thomas Mann von der " Durchheiterung", die eine Geschichte bedarf, um genießbar zu sein."
Aber nicht nur Geistesgrößen der Philosophie und Literatur werden zu Rate gezogen. Axel Hacke nennt andere, die vorbildhaft in ihrer Kunst das Prinzip der Heiterkeit vertreten. So z. B. der französische Zeichner Sempe, dessen Bilder immer von großer Menschenliebe zeugen. Sempe, der selbst eine sehr schreckliche Kindheit hatte, wusste, dass ohne Heiterkeit das Leben eine sehr traurige Angelegenheit wäre. Oder Loriot, der wie kaum ein anderer die Deutschen in seinen Sketchen persifliert hat. Und Hacke erinnert an den großen Kabarettisten Werner Finck, dem nicht einmal die Nazis seinen Humor verbieten konnten.
Aber auch aus persönlichen Erfahrungen gewinnt Hacke Erkenntnisse zum Thema, die er in kleinen unterhaltsamen Anekdoten präsentiert . Nach einem eher peinlichen Kurs in Lach-Yoga weiß Hacke, wie schwierig und albern Lachen auf Befehl sein kann, doch grundlos lächeln kann sich und andere heiter stimmen. Und er rät mal öfter die Welt mit den Augen eines Kindes zu betrachten oder über sich selbst zu lachen.
So begleitet der Leser Hacke auf seinen Assoziationen zum Thema, die er im Plauderton zum Besten gibt. Und man kommt mit ihm zum Schluss, dass es gerade in schlimmen Zeiten ( Wann waren die Zeiten mal nicht schlimm?) unbedingt geboten ist, der Welt heiter gegenüberzutreten. Das bedeutet nämlich keineswegs den Ernst des Lebens zu ignorieren, sondern sich davon nicht unterkriegen zu lassen. " Heiterkeit hat etwas tief Tröstliches, vor allem, wenn sie in Verbindung mit dem Ernst des Lebens steht, wenn sie mit ihm umgeht und zeigt, wie man ihm entkommen kann." " Es bedeutet nicht, das Schwere zu ignorieren, sondern es in etwas Leichtes zu verwandeln. Es jedenfalls zu versuchen."
Genau diesen Versuch zu unternehmen, immer und immer wieder, das ist mein Vorsatz, nachdem ich dieses kluge und gleichermaßen unterhaltsame Buch gelesen habe. Dass das nicht immer leicht ist, weiß auch Axel Hacke. Doch " Heiterkeit ist eine Möglichkeit", die jedem offen steht.

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Plädoyer für mehr Heiterkeit und Gelassenheit
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Lohnenswerte Wiederentdeckung

Die November-Schwestern von Josephine Johnson

Mit gerade einmal 24 Jahren erhielt Josephine W.Johnson 1935 für ihr Debut "Die Novemberschwestern" den Pulitzerpreis und war damit die bis heute jüngste Preisträgerin. Nun erscheint der Roman in einer gelungenen Neuübersetzung und die Autorin erhält dadurch hoffentlich die Aufmerksamkeit der deutschen Leserschaft.

Die Weltwirtschaftskrise fordert auch von der Famile Haldmarne ihren Tribut. Der Vater verliert seine Arbeit und hofft nun als Farmer den Lebensunterhalt für die Familie verdienen zu können. Seine einzige Rettung ist eine heruntergekommene Farm, für die er zusätzlich eine Hypothek aufnehmen muss. Das bedeutet für alle harte Arbeit. Seine Frau Willa steht ihm treu zur Seite, die drei Töchter helfen mit. Die Älteste, Kerrin, würde gerne eigene Ideen einbringen, doch das lässt der Stolz des Vaters nicht zu.
Zur Unterstützung bei der täglichen Arbeit holt er sich einen jungen Mann. Doch eine extreme Dürre macht allen Bauern zu schaffen; die Ernte vertrocknet auf den Feldern, es gibt kein Futter für die Kühe. Sogar bisher ertragreiche Farmen haben zu kämpfen. Ein Milchstreik soll auf die gravierenden Probleme aufmerksam machen, doch am Ende stehen alle kurz vor dem Ruin, wenn sie nicht schon vorher gezwungen waren, ihr Land aufzugeben, wie der Schwarze Farmer in der Nachbarschaft.
Thematisch erinnert der Roman an John Steinecks "Früchte des Zorns". Auch Josephine W. Johnson zeigt auf eindringliche Weise, wie hart der Alltag der Farmer war. Der Gnade des Wetters und den Launen des Marktes ausgeliefert, müssen sie um ihre Existenz kämpfen. Staatliche Hilfen gibt es in prekären Situationen nicht, im Gegenteil. Gnadenlos werden auch dann die Steuern eingetrieben, wenn es eigentlich nichts mehr zu holen gibt.
Doch die sozialkritische Komponente ist nur eine Seite des Romans. Denn so wie die Sonne auf die Erde niederbrennt, so lodern die Gefühle der Protagonisten. Die Ankunft des jungen Mannes löst in jeder der drei Schwestern unterschiedliche Emotionen aus. Die 25jährige Kerrin, die von jeher von einer inneren Unruhe getrieben war, "begehrte ihn mehr als alles, wonach sie je die Hände ausgestreckt hatte."
Margaret, aus deren Perspektive wir von den Ereignissen jenes Jahres erfahren, liebt Grant mit der Vergeblichkeit einer, die um ihrer Gewöhnlichkeit und Unscheinbarkeit weiß. Doch Grants Liebe gilt stattdessen der jüngsten Schwester, der 20jährigen Merle, die seine Zuneigung ignoriert.
Während die Trockenheit andauert, die letzten Früchte verdorren - "Ein stilles, monotones Sterben" - kämpfen die Protagonisten einen aussichtslosen Kampf, gegen die äußeren Umstände und die Stürme im Innern. Alles läuft unausweichlich auf eine Katastrophe zu.
Die Handlung ist recht einfach, das Erzähltempo ruhig, obwohl Existenzielles passiert. Was den Roman aber so besonders macht, ist seine Sprache. Die Autorin schafft damit eine ganz besondere Atmosphäre, eine Mischung zwischen Ruhe und Spannung. In zahlreichen poetischen Bildern wird die Liebe zur Natur spürbar, auch die Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur.
Beeindruckend auch, wie eine so junge Autorin diese vielschichtigen Charaktere entwickelt hat. Den wortkargen Vater, der unter seiner Aufgabe beinahe zerbricht und trotzdem keine Hilfe erträgt. Mutter Willa, die unscheinbar im Hintergrund, die Familie zusammenhält und mit einem unerschütterlichen Glauben alles akzeptiert und erträgt.
Grant, ruhig und besonnen geht er seiner Arbeit nach, bis er an der Ausweglosigkeit seiner Liebe resigniert.
Und dann die drei ungleichen Schwestern. Kerrin, geplagt von inneren Dämonen, dagegen die selbstbewusste und immer arbeitsame Merle. Dazwischen steht Margaret, die sich und die anderen genau beobachtet. Sie bezeichnet sich selbst als "so gewöhnlich" und leidet heimlich und still unter ihrer unerwiderten Liebe . " Wir konnten so viel fühlen, aber nur in kargen, simplen Worten miteinander reden." Das gilt für alle Beteiligten hier.
Am Ende bleibt nur der "Mut, irgendwie dem Morgen ins Gesicht zu sehen."
"Die Novemberschwestern" erzählt eine eindringliche Geschichte voller Tragik, in einer kraftvollen und schönen Sprache. Ein Roman, der lange nachwirkt und dem ich viele Leser wünsche. Gespannt wäre ich auch auf weitere Werke der Autorin.

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Im Spinnennetz

Lichtspiel von Daniel Kehlmann

Georg Wilhelm Pabst ist heute beinahe vergessen, dabei zählte er einst zu den Großen der Filmindustrie. Neben Lang, Murnau und Lubitsch war er einer der berühmtesten Regisseure der Weimarer Republik. Er gilt als Entdecker von Greta Garbo, die durch seinen Film „ Die freudlose Gasse“ zu Weltruhm kam.

Nun hat Daniel Kehlmann, der schon mehrmals historische Figuren zu Protagonisten seiner Bücher gemacht hat, diesen Regisseur ins Zentrum seines neuesten Romans gestellt.
Pabst war zum Zeitpunkt der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Frankreich und reiste dann in die USA. Er versucht, wie viele emigrierte Künstler, hier Fuß zu fassen. Doch er scheitert. Denn er wird gezwungen, einen mittelmäßigen Film abzuliefern, der dann auch ein Misserfolg wird. Daraufhin kehrt Pabst mit Frau und Sohn nach Europa zurück, in die „ Ostmark“, wie das besetzte Österreich nun heißt, zu seiner kranken Mutter. Aber dann bricht der Krieg aus, die Grenzen sind dicht und die Familie Pabst sitzt fest.
Nicht lange und Goebbels ruft ihn zum Gespräch. Deutschlands Filmindustrie braucht namhafte Künstler, nicht nur aus Imagegründen, sondern auch, weil durch die Emigration ein Mangel an ihnen herrscht.
Pabst versucht sich zu entziehen; er habe nicht die Absicht, weitere Filme zu machen. Doch Goebbels kennt keinen Widerspruch. „ Falsche Antwort, falsche Antwort, falsche Antwort …“
Dies ist eine der zentralen Szenen im Roman. Surreal und übermächtig mutet schon das übergroße Büro des Propagandaministers an. Und unverhohlen droht der mächtige Goebbels: „ Bedenken Sie, was ich Ihnen bieten kann… zum Beispiel KZ. Jederzeit. Kein Problem. Aber das meine ich ja gar nicht. Ich meine, bedenken Sie, was ich Ihnen auch bieten kann, nämlich: alles, was Sie wollen. Jedes Budget, jeden Schauspieler. Jeden Film, den Sie machen wollen, können Sie machen.“
Und hier liegt die große Versuchung. Denn Pabst will natürlich arbeiten. Die Arbeit ist sein Leben. Doch Filme drehen kann man nicht für sich daheim, dazu benötigt man viele Ressourcen, ist angewiesen auf Geldgeber. Aber darf man deshalb einen Pakt schließen mit dem Bösen? Rechtfertigt die Kunst alles? Inwiefern macht sich Pabst schuldig? Um diese Fragen kreist der Roman.
Pabst begründet seine Zusammenarbeit mit den Nazis. „ Denn all das geht vorbei. Aber die Kunst bleibt.“ Seine kluge Frau Trude dagegen sieht das anders, denn, selbst wenn das stimme, „ Bleibt sie nicht beschmutzt? Bleibt sie nicht blutig und verdreckt?“
Es ist unbestritten, dass Pabst nie reine Propagandafilme gedreht hat; er war kein Nazi. Aber er hat sein Schaffen in den Dienst eines unmenschlichen und skrupellosen Regimes gestellt. Darf man das und was macht das mit einem ?
Die andere Frage ist, ob Pabst überhaupt eine Wahl hatte.
Diesen Zwiespalt und seine Konsequenzen aufzuzeigen, das schafft Kehlmann auf großartige Weise.
In unzähligen Episoden und mit einer Fülle von Details lässt er die damalige Zeit aufleben. Wir treffen jede Menge historischer Figuren, Mitläufer wie Heinz Rühmann ( „ Ganz ohne Kompromisse geht es natürlich nicht“.) oder die Schauspielerin und Regisseurin Leni Riefenstahl, die ihre Arbeit ganz in den Dienst der NS- Ideologie gestellt hat. Bei Kehlmann wird sie zur bösen und völlig talentfreien Nazisse.
Und der britische Schriftsteller P.G. Wodehouse, hier unter dem Namen Rupert Wooster, fungiert in einem Kapitel sogar als Ich-Erzähler. Ihn haben die Nazis als Gefangenen im Hotel Adlon untergebracht, mit der Auflage regierungsfreundliche Rundfunkbeiträge zu verfassen.
Eine zentrale Rolle im Roman spielen ebenfalls Pabsts Ehefrau Trude und sein Sohn Jakob. An Beiden macht sich Pabst schuldig durch seine Rückkehr nach Nazi-Deutschland. Die Umstände führen zur Entfremdung der Eheleute und lassen Trude Zuflucht im Alkohol suchen. Und der Sohn lernt sich anzupassen, entwickelt sich zum begeisterten Hitlerjungen und Kriegsfreiwilligen.
Es gibt jede Menge filmreifer Szenen, wie die Hollywood-Party gleich zu Beginn. Wie eine Kamera wird der Fokus auf eine Gruppe Menschen gerichtet, man belauscht deren Gespräche und dann zoomt die Kamera weiter zum Nächsten. Nicht frei von Komik sind hier Pabsts Versuche, Anschluss an Hollywoods Filmschaffende zu finden. Wie ein Fremdkörper wirkt er mit seinen österreichischen Manieren und seinem rudimentären Englisch.
Ein weiterer komödiantischer Höhepunkt ist jene Szene, in der Trude in die Fänge eines nur aus Damen bestehenden Lesezirkels gerät. Denn in der Gruppe werden ausschließlich Werke des Nazi-Schriftstellers Alfred Karrasch gelesen und besprochen. Doch was soll sie sagen zu einem Buch , das „ so uninteressant [ ist ], dass es nicht einmal schlecht war.“
Und ausgerechnet diese Schmonzette wird Pabst später unter dem Titel „ Der Fall Molander“ verfilmen. Wie ein Besessener arbeitet er in den letzten Kriegstagen an der Fertigstellung dieses künftigen „ Meisterwerks“. Hier lässt Kehlmann offen, ob der Regisseur, wie Leni Riefenstahl für „ Tiefland“ , Menschen aus Arbeits- und Konzentrationslager als Statisten benutzt hat.
Die Filmrollen gehen dann in den Wirren der letzten Kriegstage unter und bleiben verschollen, so will uns Kehlmann glauben lassen. ( Tatsächlich lagern sie in einem Filmarchiv in Prag.)

Der Roman wechselt beständig die Perspektiven. Es gibt diverse Ich- Erzähler und dazwischen auktoriale und personale Erzählpassagen. Interessant ist, dass wir keinen Einblick in die Innenwelt des Protagonisten bekommen. Pabst wird umkreist wie mit einer Kamera, die seine Handlungen und seine Mimik und Gestik vorführt, die der Leser deuten soll. Aber Pabst war anscheinend, wie Kehlmann andeutet, selbst für seine Nächsten ein Rätsel.
„ Man konnte nicht sehr gut mit ihm sprechen. Wenn er nicht gearbeitet hat, war er nicht ganz anwesend… Es ist ja alles in seinen Filmen.“ lässt er seinen Sohn Jakob rückblickend sagen.
Mit der Sprache geht der Autor gekonnt um. Passend zum Setting und zur jeweiligen Figur ändert sich diese. Surreale und alptraumhafte Sequenzen durchbrechen den ansonsten vorherrschenden Realismus.
Aufgebaut ist der Roman in drei Teile: „ Draußen“, „ Drinnen“ und „ Danach“, wobei „ Drinnen“ in den Fängen der Nazi-Diktatur im Zentrum steht.
Dazu gibt es eine Rahmenhandlung um den fiktiven Regieassistenten Franz Wilzek, der mit Pabst in Prag am Film „Molander“ gearbeitet hat. Dieser Fritz hat gleich zu Beginn des Romans einen tragikomischen Auftritt. Er, mittlerweile alt und leicht dement, wird als Gast in eine Fernsehtalkshow eingeladen und soll hier erzählen, wie die Zusammenarbeit damals mit dem großen Regisseur war. Als die Frage nach dem unauffindbar gewordenen Film kommt, bestreitet Fritz, sichtlich nervös, dass dieser je gedreht wurde. Am Ende dann erfahren wir hierzu mehr.
Kehlmann hat eine intensive Recherche betrieben, doch er hat, wie er selbst betont, keine Biografie geschrieben, sondern einen Roman. Um das zu unterstreichen gibt es z.B. kleine Namensänderungen und es gibt zwei entscheidende Figuren, die Kehlmanns Phantasie entsprungen sind, so z. B. Franz Wilzek.
Daniel Kehlmann ist mit „ Lichtspiel“ ein großer, ein vielschichtiger Roman gelungen über einen Künstler, der sich korrumpieren ließ. Aus dem ehemals „ roten Pabst“, der Brechts „ Dreigroschenoper“ verfilmt hat und der mit sozialkritischen Werken in die Filmgeschichte einging, wurde ein Verbündeter des Dritten Reichs. Ein Urteil maßt sich Daniel Kehlmann nicht an. Das mag der Leser fällen. Der darf sich aber auch fragen, wie er sich in einem ähnlichen Fall verhalten würde. So weist der Roman über die historische Ebene hinaus.

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Ein Emanzipationsroman im doppelten Sinne

Jenny | Der große Frauen- und Emanzipationsroman von Fanny Lewald | Reclams Klassikerinnen von Fanny Lewald

Während englischsprachige Autorinnen des 19. Jahrhunderts weltweit bekannt sind und immer noch gerne gelesen werden ( man denke nur an „ Sturmhöhe“ oder „ Middlemarch“ ), ist Fanny Lewald heute sogar in Deutschland nur wenigen ein Begriff. Dabei war sie eine der erfolgreichsten und bedeutsamsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit.

Sie gehört zu den ersten Berufsschriftstellerinnen in Deutschland; ihre Bücher waren Bestseller. 27 Romane, dazu Erzählungen, Essays und politische Schriften umfasst ihr Werk. Ihre ersten beiden Romane, darunter „ Jenny“ , veröffentlichte sie, aus Rücksicht auf ihre Familie, aber noch unter Pseudonym.
Geboren wurde Fanny Lewald 1811 in Königsberg als Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Schon früh konvertierte sie zum Protestantismus, um der ständigen Diskriminierung zu entgehen, bereute aber schon bald diesen Schritt.
Fanny Lewald gilt als eine der ersten Feministinnen und führte mehr als 30 Jahre lang einen literarischen Salon, in dem nicht nur literarische Themen zur Debatte standen, sondern darüber hinausgehend auch politische und wissenschaftliche Fragen erörtert wurden.
Es ist an der Zeit, dieser bedeutenden Frau den Platz im Kanon einzuräumen, der ihr zusteht. Dazu dürfte der äußerst lesenswerte Roman „ Jenny“ beitragen, den der Reclam- Verlag in einer wunderschönen Ausgabe in seiner Reihe „ Reclams Klassikerinnen“ herausgebracht hat.

Wir sind im Jahr 1832 in einer großen deutschen Handelsstadt. Im Zentrum des Romans steht Jenny, Tochter der wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie Meier. Sie hat noch einen älteren Bruder Eduard, er ist Arzt. Die Meiers führen ein offenes Haus, sind aufgeklärte assimilierte Juden. Doch der Makel des Judentums haftet trotzdem an ihnen. In der preußischen Gesellschaft sind sie Bürger zweiter Klasse.
Im Haus lebt noch Joseph, ein Neffe, der als Nachfolger im elterlichen Geschäft vorgesehen ist und der sehr gerne Jenny heiraten würde. Doch die junge Frau hat sich längst in einen anderen Mann verliebt, Reinhard, Studienfreund des Bruders, Sohn einer armen Pfarrerswitwe und selbst angehender Pfarrer. Er liebt sie ebenfalls, „ Aber alles lag trennend zwischen ihm und ihr: Religion und Verhältnisse…“ Doch Jenny ist bereit alles aufzugeben, die Annehmlichkeiten ihres reichen Elternhauses und vor allem ihren Glauben. Aus Liebe zu dem jungen Mann konvertiert sie, aber bald kommen ihr Glaubenszweifel, was Reinhard nicht verzeihen kann. Er löst die Verbindung. Zum Glück, möchte man sagen. Denn unabhängig vom Glauben trennt die Beiden noch viel mehr. Jenny ist eine rebellische und aufgeschlossene Frau, die selbstbewusst ihren eigenen Weg gehen will. Während Reinhard strenge Prinzipien hat und sich eine brave Pfarrersfrau an seiner Seite wünscht. Trotz aller Verliebtheit erkennt Jenny, dass sie diese Rolle nicht einnehmen will und kann.
Es ist ein sehr unkonventionelles, fortschrittliches Frauenbild, für das die Autorin hier plädiert. Eine andere Frauenfigur wird als Gegenbild zu Jenny entwickelt. Diese geht völlig auf in ihrer Rolle als treu sorgende Ehefrau und Mutter. Doch die Sympathie von Autorin und Leserin gilt eindeutig Jenny.
Reinhard und Jenny sind aber nicht das einzige Liebespaar im Roman, das mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Auch Eduards Liebe gilt einer Christin, doch anders als Jenny ist er nicht bereit, sich taufen zu lassen. Er hat das schon aus Karrieregründen abgelehnt, obwohl ihm als Jude viele berufliche Türen verschlossen blieben. Eduard ist zwar nicht gläubig, fühlt sich aber seinem Volk verbunden und will nicht zum Verräter an ihm werden. Ihm geht es um die Gleichstellung der Juden. Eduard versucht nun an höchster Stelle zu intervenieren, um eine Erlaubnis für eine Heirat mit Clara zu bekommen, doch vergeblich. In Preußen ist eine Ehe zwischen Juden und Christen gesetzlich untersagt.
Ständig stoßen die Meiers und ihre Glaubensbrüder an gesellschaftliche Schranken. Überall schlägt ihnen der allgegenwärtige Antisemitismus entgegen, mal in diffamierenden Bemerkungen, dann in konkreten Auswirkungen. Das demonstriert die Autorin an vielen Beispielen.
Mit „ Jenny“ hat Fanny Lewald einen Emanzipationsroman im doppelten Sinne vorgelegt. Ihr Anliegen war die Gleichberechtigung von Juden und Frauen. Ihre Hoffnung und Zuversicht formuliert Eduard am Ende des Romans. „ Wir wollen leben, um eine freie Zukunft, um die Emanzipation unseres Volkes zu sehen!“ Wir lesen diesen Roman heute mit dem Wissen um die Shoa, dadurch bekommt das Buch eine zusätzliche Dimension.
Mir hat der Roman ausgesprochen gut gefallen. Die „ altertümliche“ Sprache habe ich sehr genossen und ich bin eingetaucht in eine vergangene Welt voller Konventionen und Einschränkungen. Dabei durfte ich eine mir bisher unbekannte Schriftstellerin kennenlernen. Es ist zu hoffen, dass weitere Romane von ihr wieder publiziert werden.

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Vielschichtiger und berührender Unterhaltungsroman

Bei euch ist es immer so unheimlich still von Alena Schröder

Die Journalistin Alena Schröder hatte mit ihrem Debut „ Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ 2021 einen großen Erfolg. Im neuen Roman begegnen wir zwei Figuren wieder, die wir aus dem ersten kennen. Die Autorin erzählt hier nun von der Zeit dazwischen; allerdings lassen sich beide Bücher unabhängig voneinander lesen.

Im Sommer 1989 entschließt sich die 33jährige Silvia spontan zu einer Reise in ihr schwäbisches Heimatdorf. Vor beinahe achtzehn Jahren ist sie von dort geflüchtet, hat jeglichen Kontakt zu den Eltern abgebrochen. Sie war lange in der weiten Welt unterwegs, bis sie in Westberlin heimisch wurde. Nun ist sie in einem „geliehenen“ Polo unterwegs, auf dem Beifahrersitz in einem Wäschekorb liegt ihre nur wenige Wochen alte Tochter Hannah. Der provisorische Alltag in einer WG mit diversen Jobs passt nicht zu einem Leben mit Kind, findet Silvia. Der Kindsvater hat auch kein Interesse an ihr und dem Baby. Jetzt hat sie plötzlich Sehnsucht nach der Mutter.
Nach dem Krieg folgt die elternlose Evelyn ihrer Freundin Betti nach Süddeutschland. Dort lernt sie Karl, den Bruder von Betti kennen, der traumatisiert aus dem Krieg heimgekehrt ist. Die Beiden studieren gemeinsam Medizin und heiraten. Mit der lang ersehnten Geburt von Töchterchen Silvia scheint das Glück vollkommen. Doch Evelyn fühlt sich fremd, fremd in dem Dorf, fremd in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter. Viel lieber würde sie weiter ihren Beruf ausüben. Doch wir sind in den Fünfziger Jahren. Da waren die Erwartungen an Frauen andere.
Die Handlung wechselt kapitelweise zwischen den beiden Zeitebenen. Wir lesen zum einen von der schwierigen Annäherung zwischen Mutter und Tochter. Beide Frauen müssen lernen aufeinander zuzugehen und frühere Fehler und Versäumnisse einzugestehen. Aber das fällt ihnen schwer. Sie haben nie gelernt, über ihre Gefühle zu reden.
Gleichzeitig erfahren wir auf der anderen Ebene, wie es überhaupt zum Bruch zwischen Eltern und Tochter kommen konnte.
Der Roman entwickelt von Anfang an einen Sog, der bis zum Ende nicht nachlässt. Alena Schröder hat einen angenehmen Erzählstil, lakonisch, aber trotzdem packend. Dabei lässt sie Platz für Zwischentöne. Die Charaktere sind vielschichtig und psychologisch stimmig. Durch die wechselnden Perspektiven bekommt der Leser einen tiefen Einblick in Gefühle und Motivationen der Protagonisten. So wächst das Verständnis für deren Verhalten. Auch Nebenfiguren werden liebevoll und genau geschildert.
Mit ihrer Familiengeschichte spannt Alena Schröder einen Bogen von den Fünfzigerjahren bis in die Zeit kurz vor dem Mauerfall. Dabei lässt sie sehr gekonnt die Atmosphäre der jeweiligen Zeit spürbar werden.
Es sind eine Menge Themen, die die Autorin hier anspricht, ohne dass der Roman überladen wirkt. Im Vordergrund steht eine komplizierte Mutter- Tochter-Beziehung und damit das Thema Mutterschaft überhaupt. Kann ich eine gute Mutter sein, wenn ich selbst keine Mutterliebe erlebt habe? Wie durchbreche ich solche familiäre Prägungen? Wie lässt sich Muttersein mit dem Wunsch nach Selbständigkeit und einem erfüllenden Beruf vereinbaren?
Dabei spielen Erwartungen eine große Rolle, die eigenen, sowie solche, die von außen an einen gestellt werden.
Aber auch das Schweigen in Familien wird thematisiert, die Unfähigkeit, mit unseren Nächsten zu kommunizieren. Darauf spielt der Titel des Romans an.
Und ganz nebenbei liest man vom Leben in der Provinz, von der Rückkehr in die Heimat.
Mit „ Bei euch ist es immer so unheimlich still“ ist Alena Schröder erneut ein vielschichtiger und berührender Unterhaltungsroman gelungen, den ich sehr gerne gelesen habe und weiterempfehlen kann.

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Vielschichtiger und berührender Unterhaltungsroman