Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Ruth:
Hilfreich für Eltern und Kinder
Mein artgerecht-Trotzbuch: Nein! von Nicola Schmidt
Nicola Schmidt, Verfasserin des vorliegenden Bilderbuchs, hat das „artgerecht-Konzept“ entwickelt, ein Erziehungsmodell, das den Alltag von Familien an den ursprünglichen Bedürfnissen des Menschen ausrichtet. „artgerecht heißt, dass wir mit der Natur der Kinder arbeiten, nicht gegen sie.“ so steht es in den hinten aufgeführten Hinweisen für Eltern.
Das Bilderbuch spricht schon durch seine wunderschönen Illustrationen von Iris Blanck an. Mit kräftigen Farben und ausdrucksstarker Mimik werden die Figuren lebendig. Jede Emotion ist in Körperhaltung und Gesichtsausdruck auch für die Kleinen erkennbar.
Wir begleiten zwei Eichhörnchen-Kinder und ihre Mama durch den Tag. Dabei werden die einzelnen Übergänge, die oft zu Problemen führen, angesprochen. Vom Aufwachen über die Vorbereitungen für die Kita, den nachmittäglichen Spielplatzbesuch bis zum abendlichen Schlafengehen - immer wieder gibt es Situationen, auf die das Kleinkind mit Trotz reagiert. Zum Glück weiß Mama Eichhorn, wie sie damit umgehen muss. Verständnisvoll geht sie auf ihre Kleinen ein, erkennt die Bedürfnisse, die hinter dem Verhalten stecken, weiß aber auch, Grenzen zu ziehen. Dass dabei auch die Mama mal an ihr Limit kommen kann, wird ebenfalls thematisiert .
Das Bilderbuch richtet sich an Kinder ab zwei Jahren. Die dargestellten Situationen sind nah an deren Alltag und die Figuren laden so zur Identifikation ein. Ein zusätzliches „Bonbon“ ist „Das Anziehlied“, das man nach einer bekannten Melodie gemeinsam singen kann.
Hilfreich finde ich das Buch aber vor allem für Eltern. Die Geschichte illustriert das, was im Anhang erklärt wird: Nämlich, warum Kinder herausfordernd reagieren, was hinter dem vermeintlichen „Trotz“-Verhalten steckt und wie Eltern angemessen damit umgehen.
Gelungene Mischung
tiptoi® Liederbücher - Rolf Zuckowskis Liederwelt von Rolf Zuckowski; Cee Neudert
Bei den Liedern von Rolf Zuckowski werden Erinnerungen wach an die Kindheit von Sohn und Tochter. Deshalb war es keine Frage, dass ich bei diesem Buch sofort zugegriffen habe, denn nun dürfen sich meine Enkelkinder daran erfreuen.
Das Buch bietet aber weitaus mehr als einige der bekanntesten Songs des beliebten Liedermachers, die man sowohl mit Gesang als auch in der Instrumentalversion anhören kann und von denen alle Strophen abgedruckt sind.
Die Lieder sind eingebettet in eine jeweils passende Situation, die lebensecht und farbenfroh dargestellt wird. Meist sind es Begebenheiten aus dem kindlichen Umfeld, bei einigen wenigen sind Tiere die Protagonisten. Bei den Illustrationen wird erfreulicherweise auch auf Diversität geachtet. Es kommen hell- und dunkelhäutige Menschen, Kinder mit Einschränkungen, männliche Erzieher usw. vor.
Dazu gibt es wie bei allen tiptoi- Büchern zusätzliche Informationen und Geräusche, und viele verschiedene Möglichkeiten zum aktiven Mitmachen. Bei „Stups, der kleine Osterhase“ z.B. sollen die Kinder alle versteckten Eier finden. Beim Lied „Zebrastreifen“ gibt es ein Straßenverkehrsquiz, bei dem man bestimmte Aussagen als „richtig“ oder „falsch“ einordnen soll. Woanders gilt es Reime zu finden oder Suchaufträge zu erledigen.
So ist „Rolf Zuckowskis Liederwelt“ eine gelungene Mischung aus Musik, Spielen und Lernen, ein Buch, das bei Eltern nostalgische Erinnerungen auslöst und bei den kleinen „Lesern“ für Spaß und Freude sorgt. Für Kindergartenkinder geeignet und empfehlenswert!
Thesenroman
Nach der Sonne schauen von Martina Hefter
Die Installationskünstlerin Iona Bartok bekommt von ihrem Freund Franz eine alte Industriehalle zur Verfügung gestellt. Hierher, ins Leipziger Neuseenland, will sie sich für einen Sommer lang zurückziehen, um in Ruhe an ihrem neuen Projekt zu arbeiten. Gleichzeitig braucht sie nach einem Eklat Abstand zum Leipziger Kulturbetrieb.
In einer dortigen Ausstellung wurde eine frühere Arbeit von ihr von dem stadtbekannten Künstler Herto Straus mit dem Wort „Bullshit“ besprüht. Iona reagiert mit Rückzug darauf. „ Den Zorn aufheben, vielleicht für später.“
Anfangs ist ihr einziger Gefährte Robyn, ein KI- generierter Hund. Diese App gehört Franz und er möchte, dass sich Iona während ihres Aufenthalts darum kümmert. Ohne wirkliches Interesse, aber pflichtbewusst erledigt sie diese Aufgabe.
Dann aber läuft ihr die reale Hündin Bella zu, die ihr ans Herz wächst.
Die Tage vergehen, es passiert wenig, Iona lässt sich treiben. Erinnerungen werden wach an ihre Kindheit auf einer Alm in den Allgäuer Bergen. Doch dann ist es mit ihrer selbstgewählten Einsamkeit vorbei. Nova, die junge Nichte ihres Vermieters, schlägt hier ihr Lager auf. Jugendliche Festivalbesucher stören die Ruhe.
Zur Arbeit an ihrem neuesten Kunstprojekt kommt Iona auch nicht . Dabei hat sie sehr konkrete Vorstellungen davon, was sie schaffen möchte, weiß auch schon den Titel für das Werk: „Die Landschaft in fünftausend Jahren.“ Modell ist das Gebiet des ehemaligen Tagebaus im Süden von Leipzig, genau die Ecke, in der sie sich gerade befindet. Dabei ist die Landschaft hier sowieso schon weit weg von ihrem ursprünglichen Zustand. Der See, die Abraumhalden, alles menschengemacht. Wird sich die Natur in fünftausend Jahren wieder erholt, sich ihr Refugium zurückerobert haben oder, was wahrscheinlicher ist, wird alles zerstört sein?
Ein zentrales Thema des Romans ist der Klimawandel, der sich in diesem Sommer schon mit einem beständigen Wechsel von Regen und Dürre zeigt. Die einzige Konstante ist der Wind, der ununterbrochen , mal stärker, mal schwächer, weht.
Der Roman lebt nicht von seinem Plot, denn Handlung gibt es wenig. Stattdessen erfahren wir viel über die seelischen Befindlichkeiten der Protagonistin, trotzdem blieb sie mir weitgehend fremd. Seitenlang beschreibt die Autorin in eindringlichen und poetischen Bildern Landschaft und Naturphänomene. Das überzeugt zwar auf literarischer Ebene, kann dem Lesenden aber auch zu viel werden.
Den Roman konnte ich nicht als realistische Geschichte lesen, eher als ein Konstrukt, in dem die Autorin die ihr wichtigen Themen unterbringen wollte. So tragen z.B. die meisten Figuren Namen, die keinerlei Rückschlüsse auf ihr Geschlecht erlauben. Das mag noch bei den jüngeren Protagonisten passen, doch dass ihre Eltern Kim ( der Vater) und Leto ( die Mutter) heißen und der Allgäuer Jugendfreund Zia, ist wenig glaubhaft.
Die Kindheit ist eine Idylle zwischen Kühen, wo kein Tier geschlachtet wird. Der Vater stirbt an einer seltenen Krebsart, eine Spätfolge des Reaktorunglücks in Tschernobyl.
Immer sind es Männer, die zerstörerisch wirken. Auf der Alm sind es die „Deppen“ aus dem Dorf, in der Stadt ein neidischer Kollege.
Nova hat sich mit ihren Freundinnen einer Bewegung angeschlossen, die keinerlei Beziehungen zu Männer unterhalten. „Keine Bewegung queerer Frauen, es ist eine Gruppe, die für die konsequente Befreiung aller weiblich gelesenen Menschen steht.“ So erklärt sich auch das Cover, denn der Hirsch ist ihr Wappentier.
Das ist mir alles mit zu dickem Pinsel gezeichnet.
Immer wieder wird im Roman Simone Weil zitiert, eine französische Philosophin des Zwanzigsten Jahrhunderts. Auch ein Satz von ihr steht als Motto dem Buch voran. Die Protagonistin hat sich intensiv mit deren Schriften auseinandergesetzt, trägt deren Text „Schwerkraft und Gnade“ beständig bei sich. Ich kenne nichts von Simone Weil, kann deshalb deren Bedeutung für diesen Roman nicht einschätzen. Das zweite vorangestellte Zitat von Marlene Haushofer dagegen ist einfacher zu deuten. „Aber wir waren nicht ganz verloren, weil wir zu zweit waren.“ In deren Roman „Die Wand“ wird eine Frau plötzlich durch eine unsichtbare Wand von der Zivilisation abgetrennt. Ihr bleibt als Weggefährte ein Hund.
Der Hund, der reale, nicht der Bildschirmhund, bekommt auch in diesem Roman eine zentrale Rolle zugewiesen. Empathie für Tiere allgemein ist immer wieder herauszulesen.
Die Autorin verarbeitet offensichtlich auch die Kränkung, die sie bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises erlitt. Herto Straus, der Ionas Kunstwerk herabsetzt, erinnert an den Auftritt von Clemens Meyer. Im Nachwort erklärt Martina Hefter, dass „Herto Straus“ ein Anagramm von Herostratos ist, der 356 v.Chr. den Artemis- Tempel in Brand setzte und dafür zum Tode verurteilt wurde.
Obwohl Martina Hefter Spannendes in ihrem Roman thematisiert - neben dem Klimawandel und seinen Folgen, die Natur im Kontrast zu den Auswüchsen unserer Zivilisation, den Sinn von Kunst - bin ich nicht glücklich geworden mit ihm. Auch die schöne Sprache hat mich nicht durch die Geschichte getragen. Positiv schlägt noch zu Buche, dass die melancholische Grundstimmung sich in einem hoffnungsfrohen Ende niederschlägt.
Frauen im Wald
Im Licht des neuen Tages von Jarka Kubsova
Ich kenne und liebe die beiden ersten Romane von Jarka Kubsova. „Marschlande“ hat bei mir noch einen größeren Eindruck hinterlassen als „Bergland“. Dementsprechend groß war meine Vorfreude und hoch meine Erwartungen.
Wie immer verknüpft die Autorin Frauenschicksale aus verschiedenen Zeiten miteinander, spiegelt sie im jeweilig anderen, so auch hier.
Die Schriftstellerin Elli Hajek, Ich-Erzählerin im Roman, ist an einem Tiefpunkt angelangt. Ihr einziges Kind Klara, das sie allein großgezogen hat, ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, um in der Stadt zu studieren. Eine Lücke hat sich aufgetan, verstärkt auch dadurch, dass die Tochter offensichtlich die Distanz zur Mutter braucht. Gleichzeitig befindet sich Elli in einer Schaffenskrise. Der neue Roman soll endlich die Kritiker zum Schweigen bringen, die ihr mangelnde Tiefe vorwerfen. Doch sie kommt einfach nicht voran beim Schreiben. Deshalb mietet sie sich in einem Häuschen im Wald ein. Hier sucht sie die nötige Ruhe für ihre Arbeit, ohne die üblichen Ablenkungen. Jan, mit dem sie seit fünf Jahren ihr Leben teilt, ist konsterniert, war doch eigentlich eine gemeinsame Wohnung geplant.
Hier nun, in der Abgeschiedenheit ihres neuen Zuhauses, suchen Elli die Gespenster ihrer Vergangenheit heim. Zu den Erinnerungen zählen auch die Märchen und Geschichten, die ihre Großmutter ihr früher erzählt hat. Eine Figur daraus, die Viktorka aus dem tschechischen Klassiker „ Babička“ von Božena Němcová, lässt sie nicht mehr los. Viktorka war eine junge Frau, die von ihrer Umgebung für eine Verrückte gehalten wurde und die sich nach einem einschneidenden Erlebnis in die Wälder des Riesengebirges zurückzog, wo sie früh starb. Als Elli erfährt, dass es sich bei der besagten Viktorka um eine historisch verbürgte Figur handelt, die in Wirklichkeit bis ins hohe Alter im Wald lebte und dass das ihr zugeschriebene Verbrechen sich ganz anders dargestellt hat, beschließt sie nach Tschechien zu reisen, um mehr über diese Frau zu erfahren. Doch um hinter Viktorkas Geheimnis zu kommen, muss Elli bei Božena Němcová beginnen, die ihr ein literarisches Denkmal setzte.
Jarka Kubsova bedient sich bei ihrer Erzählstruktur am Prinzip der Matroschka-Püppchen. In jeder der Puppen verbirgt sich ein weiteres Püppchen.
Bei Ellis Recherchen in jenem Tal, in dem einst Viktorka gelebt hat, begegnet ihr im Wald eine alte Frau, die ihr, wie im Märchen, eine Aufgabe zuweist: „Finde die Wahrheit über dich heraus.“ Denn: „Bevor man die Geheimnisse von anderen lüftet, sollte man doch vielleicht seine eigenen kennen,…“
Und so verschränkt Jarka Kubsova die Biographien dieser drei Frauen.
Elli ist, wie auch die Autorin, als Kind mit ihren Eltern aus der Tschechoslowakei geflohen, ein für alle dramatisches und später verdrängtes Erlebnis. Besonders schwer wog für Elli, dass sie ihre geliebte Großmutter ohne Abschied zurücklassen musste.
Was Jarka Kubsova hier erzählt, ist die Geschichte einer Migration, die man so ähnlich schon öfter gelesen hat, die aber trotzdem nicht weniger berührt. Sie schreibt von der Anpassungsleistung der Eltern, die alles Tschechische abstreifen - die Sprache, die Kultur, das Essen- um nur nicht unangenehm aufzufallen. Elli, die ursprünglich Eliška hieß, bekommt von den Behörden einen deutschen Namen zugewiesen. Das ist gut gemeint, um die Integration zu vereinfachen, nimmt dem Betroffenen aber ein Stück Identität.
Auch das Gefühl, nirgends dazuzugehören, der ursprünglichen Heimat entfremdet, in der neuen nicht wirklich angekommen zu sein, teilt Elli mit vielen Migranten.
Indem Elli aber immer mehr über Viktorka und Božena Němcová herausfindet, desto besser versteht sie sich selbst. Und am Ende kann sie sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen, all den verdrängten Gefühlen, der Scham, der Schuld, dem Schmerz.
Jarka Kubsova entwickelt ihre Geschichte kunstvoll, aber nicht alles hat mich völlig überzeugt.
Während sie in „Marschlande“ mit der ebenfalls historisch verbürgten Abelke Bleken eine unvergessliche Figur geschaffen hat, so kamen mir hier Viktorka und Božena Němcová nicht wirklich nahe. Das mag daran gelegen haben, dass deren Biographien mehr referiert als plastisch dargestellt wurden.
Jarka Kubsova greift in diesem Roman auch auf Elemente des magischen Realismus zurück. Damit tue ich mich grundsätzlich schwer. Gerade auch, wenn sie wie hier eher unvermittelt und willkürlich in den ansonsten realistischen Text eingefügt werden.
Märchen und Märchenmotive spielen als verbindendes Element eine wichtige Rolle im Roman. Ebenso der Wald, der für Elli und Viktorka gleichermaßen Bedeutung hat. Für Viktorka ist er zuerst ein Ort der Verbannung, dann ein Ort, in dem sie endlich frei sein kann. Elli sucht Ruhe und Zuflucht im Wald, später wird er für sie zu einem mystischen Raum, der sie zwingt, sich ihrer Traumata zu stellen.
Ingesamt ist Jarka Kubsova auch hier wieder ein lesenswerter Roman gelungen, der mit einer poetischen und atmosphärischen Sprache und einer komplexen Struktur zu überzeugen weiß. Dabei verhandelt er auf unterhaltsame Weise spannende Fragen und Themen, wie die von Identität, weiblicher Selbstbehauptung, von Migration und Vergangenheitsbewältigung .
Packendes Familienepos, warmherzig und empathisch erzählt
Buckeye von Patrick Ryan
Das Verhängnis beginnt mit einem Kuss. Auf der Suche nach einem Radio stürmt im Mai 1945 eine rothaarige junge Frau in Cals Eisenwarenladen und gemeinsam lauschen sie Präsident Trumans Ansage, dass sich Deutschland den Alliierten ergeben hat. Im Überschwang der Gefühle gibt Margaret dem Mann einen Kuss.
Dabei bleibt es nicht. Was folgt ist eine hitzige Affäre, die ein Ende findet, als Margarets Mann Felix aus dem Krieg heimkehrt .
Doch zunächst springt der Erzähler zurück in die Vergangenheit und erzählt die Vorgeschichte seiner Protagonisten.
Schauplatz des Romans ist eine fiktive Kleinstadt in Ohio, die stellvertretend für die amerikanische Provinz stehen kann. Der Roman umspannt mehrere Jahrzehnte, beginnend in den Zwanziger Jahren und er endet mit der 200- Jahrfeier der USA im Jahr 1976.
Cal wächst bei einem schwierigen Vater auf. Die Mutter und zwei Geschwister sterben früh. Von Geburt an hat er ein verkürztes Bein, was ihn in seiner Kindheit zu einem Außenseiter macht. Doch später erweist sich dieser vermeintliche körperliche Makel als Vorteil, denn Cal wird bei Kriegseintritt der USA ausgemustert. Er selbst empfindet das als Manko, schämt sich sogar dafür.
Cal heiratet Becky, eine liebenswerte Frau mit einer außergewöhnlichen Gabe: Sie kann mit Toten in Kontakt treten. So ist sie Anlaufstelle für viele, die von ihren Lieben im Jenseits eine beruhigende Antwort erhoffen. Dass sie für ihre Seancen kein Geld nimmt, spricht für ihren lauteren Charakter. Doch Cal hält ihr Tun für Humbug, was zu einer Entfremdung zwischen dem Ehepaar führt.
Auch deshalb lässt sich Cal auf eine Beziehung zu Margaret ein.
Margaret ist in einem Waisenhaus aufgewachsen. Vor deren Tür wurde sie als Säugling abgelegt. Und später fand sich keine Pflegefamilie, die Margaret dauerhaft bei sich haben wollte. Dieses Gefühl, ungewollt, unerwünscht zu sein, prägt Margaret und begleitet sie ein Leben lang. Nicht einmal ihrem Mann vertraut sie das Geheimnis ihrer Herkunft an.
Aber nicht nur das steht zwischen ihr und Felix, einem attraktiven Mann aus gutem Hause. Auch er trägt schwer an einem Geheimnis und kann ihr deshalb nicht der Mann sein, den sie sich wünscht und braucht.
Patrick Ryan erzählt abwechselnd von den beiden Familien, die schicksalshaft miteinander verbunden sind. Beide Paare bekommen einen Sohn, Skip und Tom. Die beiden freunden sich in ihrer Kindheit an, ohne etwas vom Geheimnis der Erwachsenen zu wissen.
Mit seiner linearen Erzählweise und einem allwissenden Autor ist der Roman konventionell geschrieben , was ich keineswegs als Manko empfinde. Im Gegenteil! Patrick Ryan lässt sich Zeit, um zu beschreiben, wie seine Figuren zu dem wurden, was sie sind. Warmherzig und voller Empathie begleitet er sie auf manchen Irrwegen, lässt sie Fehler machen, ohne sie zu verurteilen. Gerade ihre Ambivalenz macht die Protagonisten zu lebendigen und authentischen Charakteren, die dem Lesenden ans Herz wachsen.
Dass der Roman einen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann, liegt nicht nur an den Figuren, sondern auch an der Atmosphäre, die er vermittelt. In vielen detailreich geschilderten Episoden lässt der Autor das Kleinstadtleben in der Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts auferstehen. Das wird keineswegs als Idylle gezeichnet . Vorgeschriebene Rollenmuster, unterschiedliche Zwänge und die soziale Kontrolle zwingen den Menschen ein Korsett auf. So kann eine Figur seine Homosexualität nur im Verborgenen ausleben, kann nie zu seiner wahren Identität stehen. Und auch eine längst beendete Affäre führt bei seiner Entdeckung zu weitreichenden Folgen.
Das Zeitgeschehen wird über die Figuren transportiert. Zentrale Bedeutung haben die Kriege, in denen die USA verwickelt waren. Sie alle haben traumatische Auswirkungen auf die Protagonisten. So kommt Cals Vater als ein an der Seele versehrter Mensch nach Hause. Und er wird zeitlebens gegen den Wahnsinn des Krieges ankämpfen, in dem er immer wieder bitterböse Briefe an die jeweiligen kriegsführenden Präsidenten schreibt. Cal dagegen empfindet seine Kriegsuntauglichkeit als Schmach. Felix wiederum kommt nie darüber hinweg, dass er einer der wenigen Überlebenden eines japanischen Torpedoangriffs war. Und später meldet sich Skip als Freiwilliger nach Vietnam.
Der 1965 geborene US-Autor Patrick Ryan hat sich zuvor mit Kurzgeschichten und Jugendbüchern einen Namen gemacht. Mit seinem ersten Roman „Buckeye“ eroberte er einen Platz auf der Bestsellerliste in seiner Heimat. Ich hoffe, dass diese opulente und packende Familiensaga auch in Deutschland erfolgreich ist.
Tschechisch-deutsche Geschichte erlebbar gemacht
Geteiltes Haus von Alice Horácková
Der Gastlandauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse dieses Jahr führt dazu, dass über hundert tschechische Bücher ins Deutsche übersetzt werden. Das ist erfreulich, denn so können deutsche Leser und Leserinnen viele literarische Entdeckungen machen. Eine davon ist dieses wunderbare Epos, eine Familiengeschichte über mehrere Generationen.
Die 1980 geborene tschechische Autorin Alice Horáčková hat die Geschichte ihrer Vorfahren zu einem äußerst lesenswerten Schmöker - im besten Sinne des Wortes - verarbeitet. Dafür hat sie an die zehn Jahre recherchiert, in Archiven, in Gemeinde- und Pfarrchroniken, und mit Zeitzeugen gesprochen
Die Handlung erstreckt sich über fünf Jahrzehnte, von der K.-u.-K.-Monarchie bis Ende der 1940er Jahre. Schauplatz ist vorwiegend das kleine Bergdorf Benetzko im westlichen Siebengebirge, im tschechisch - deutschen Grenzgebiet. Knapp ein Fünftel der Bevölkerung im Dorf sind Deutsche.
Jahrhundertelang lebten Deutsche und Tschechen friedlich zusammen. Doch nach dem Niedergang der Habsburger Monarchie am Ende des Ersten Weltkriegs kommt es zu ersten Spannungen zwischen den beiden Volksgruppen. Mit der Annexion des Sudetenlandes 1938 durch die Nationalsozialisten beginnt die brutale Unterdrückung der tschechischen Bevölkerung. Die rächt sich nach der Befreiung 1945, in dem sie mehr als drei Millionen Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei vertreibt.
Das ist der historische Hintergrund, vor dem dieser Roman spielt.
Im Zentrum stehen die beiden Freundinnen Zdenka und Anežka, die eine ist Tschechin, die andere Deutsche, beide wachsen hier zusammen auf. Die Freundschaft der Frauen überdauert Krisen, Krieg und Vertreibung, auch persönliche Differenzen. Zu einer ersten Bewährungsprobe kommt es, als Anežka Hans Hollmann heiratet, den Mann, den Zdenka schon lange liebt und von dem sie ein Kind hat. Zdenka heiratet daraufhin Vinzenz Hollmann, einen Bruder von Hans.
Neben den beiden eigenwilligen Frauen und der Hollmann-Sippe bevölkern noch zahlreiche andere Figuren den Roman, so z.B. der neue tschechische Dorflehrer Alois Tomek, der an einer Dorfchronik arbeitet.
Gerade weil die Autorin ihren Fokus auch mal weg von den Hauptfiguren lenkt, bekommt man einen sehr detaillierten und vielfältigen Eindruck der Verhältnisse.
Interessant ist vor allem, ob und wie sich die Charaktere unter dem Einfluss der NS-Herrschaft verändern. Da gibt es die strammen Mitläufer wie Vinzenz oder die Nutznießer wie Hans, der von den neuen Verhältnissen finanziell profitiert. Er ist der typische Opportunist, der die Gunst der Stunde nutzt.
Das gesamte dörfliche Gefüge zerbricht unter den veränderten Bedingungen. Menschen, die zuvor friedlich miteinander gelebt hatten, werden plötzlich zu Feinden. Ein Riss geht nicht nur durch das Dorf, sondern spaltet auch die Familien.
Die Autorin entfaltet ihre Geschichte auf beinahe 900 Seiten, von denen mir keine zu viel war. Sie erzählt linear und chronologisch, in zahlreichen kurzen Kapiteln, die unterschiedlichen Figuren folgen. Eingerahmt wird die Handlung von einem Briefwechsel zwischen den beiden Freundinnen. Anežka schreibt aus Bayern, wohin sie vertrieben wurde an Zdenka, die noch immer in Benetzko lebt.
Alice Horáčková erzählt anfangs von den dörflichen Strukturen, vom Alltag der Dorfbewohner, von den Sitten und Gebräuchen, von alten Mythen und natürlich von den Eigenheiten der Charaktere und ihren Beziehungen untereinander. Dabei gelingt es ihr, alle Fäden souverän in der Hand zu behalten und nie die Übersicht über ihr großes, fein herausgearbeitetes Figurenensemble zu verlieren. Hilfreich für den Lesenden ist das angehängte Personenverzeichnis, das man aber nur anfangs benötigt. Die Charaktere werden so plastisch und lebendig beschrieben, dass man mit Interesse und Empathie ihre Lebenswege verfolgt.
Im Laufe der Handlung wird aber das Poltische immer bedeutsamer und hat auch ganz konkrete Auswirkungen auf die Figuren. Die Autorin macht diese historischen Veränderungen immer auf der persönlichen Ebene erfahrbar. Da wirkt nichts dozierend oder aus Wikepedia abgeschrieben, sondern alles wird organisch in die Schicksale der Figuren eingebunden.
Fazit:
„Geteiltes Haus“ ist ein detailreicher, unterhaltsamer Roman, der gekonnt Privates mit Politischem verknüpft und dabei ein wichtiges Kapitel tschechisch - deutscher Geschichte lebendig werden lässt.
Gleichzeitig zeigt uns das Buch lehrstückmäßig , wie innerhalb einer Gemeinschaft plötzlich das Trennende bestimmend wird, so dass ein friedvolles Zusammenleben unmöglich ist.
Zwischenbilanz
Alleinruhelage von Eva Menasse
Haus, ich verkaufe dich.“ Es ist schon der zweite Versuch der namenlosen Ich-Erzählerin, sich von dem Haus zu trennen, doch nun ist die Entscheidung unumstößlich. Ein Lebensabschnitt ist endgültig vorbei, jetzt ist ein Neuanfang notwendig geworden. „ Ich möchte herausfinden, ob meine neue, stabile Alleinruhelage nicht doch ein wenig mehr Bewegung verträgt.
“
Wer hier spricht ist eine Frau Mitte Fünfzig, Schriftstellerin, aus Österreich stammend. Diese Ich-Erzählerin weist viele Parallelen zu Eva Menasse auf und so lese ich dieses Buch - ob es ein Roman ist, darüber ließe sich streiten - als eine Mischung aus Autobiograhischem und Erfundenem. Es ist ein Rückblick auf einzelne Etappen der letzten zwei Jahrzehnte, mit wenigen Ausflügen in die Vergangenheit, die eigene und die der Eltern.
Zehn Jahre nach der Wende erwerben die Ich-Erzählerin und ihr damaliger Mann ein Haus in der ostdeutschen Provinz, eine ehemalige Waldschänke am Rande einer Datschensiedlung, noch dazu in „der begehrten Alleinlage“, direkt am See gelegen, und bezahlbar. Es sollte ein Ruhepunkt werden für die Protagonistin und ihre Familie. Hier wollten sie dem Trubel der Hauptstadt entfliehen und die Landidylle genießen.
Und das Haus ist Zeuge gewesen „von allem, der Ehe, den Kindern, dem Ende der Ehe, den Lieben, die danach kamen, den Festen, …“ usw.
In einem Mosaik aus Geschichten, Anekdoten, Betrachtungen und Reflexionen wird Bilanz gezogen. Der Blick zurück verläuft nicht chronologisch, assoziativ lässt sich die Protagonistin treiben.
Dabei erzählt sie von den glücklichen Momenten, die es hier viele gab, aber auch von den Schwierigkeiten einer Patchwork- Familie , von den gemeinsamen Jahren und den Jahren nach der Trennung. Nicht alles wird hierbei auserzählt, das ist auch gut so. Zu viel intime Details braucht es nicht.
Aber ein altes, renovierungsbedürftiges Haus bringt viele Herausforderungen mit sich. Auch davon erfährt man einiges im Buch, von den ständigen Reparaturen, den oft vergeblichen Verschönerungsmaßnahmen, von geplatzten Rohren und überlaufenden Abwassergruben.
Und dass ein Leben inmitten der Natur nicht nur idyllisch ist, erfahren die Bewohner des Ferienhauses auf vielfältige Weise. Der anfangs so verlockende See wird irgendwann von Algen überwuchert und beginnt zu faulen. Sämtliche Rettungsversuche schlagen fehl. Zum Scheitern verurteilt ist auch der Kampf gegen die Wühlmäuse im Rasen.
Die Beziehung zu den neuen Nachbarn gestaltet sich als äußerst schwierig. Die meisten begegnen den Wessis aus der Stadt mit Misstrauen und Ablehnung. Man kommt sich auch im Verlauf der Jahre nicht näher. „Sie hielten uns für reich und hochmütig, wir hielten sie für gemein und schadenfroh. Dabei stimmte es auch umgekehrt.“
Einzig Paul Woitek, ein alternder Schönling, bietet großzügig seine Hilfe an. Er ist der Boss in dem Datschenverein und er unterstützt die Neuankömmlinge mit Tatkraft und zahlreichen Ratschlägen. Da fragt die Protagonistin dann nicht nach, als er sich als „rote Socke“ outet.
Wie bei einer so politisch engagierten Autorin nicht anders zu erwarten, wirft Eva Menasse auch einen kritischen Blick auf die Nachwendezeit, benennt Fehler, die gemacht wurden, und reflektiert Gründe für die unterschiedlichen Mentalitäten.
Manche Erinnerungen führen zurück in die Geschichte ihrer österreichisch-jüdischen Vorfahren. Eine besondere Rolle kommt dabei Freunden ihrer Eltern zu, „Onkel Walter und Tante Hupfi“, Fixpunkte ihrer Kindheit.
Ein Blick zurück ist meist mit einer gewissen Melancholie verbunden, die spüre ich auch hier. Aber sentimental wird die Autorin dabei nie.
Als angenehm habe ich den distanzierten, leicht ironischen Ton empfunden, den sie auch auf sich und ihresgleichen anwendet. Kritisch betrachtet sie nicht nur ihr Umfeld, sondern auch sich selbst. So z.B. wenn sie von den extremen Schwierigkeiten mit der pubertierenden Tochter erzählt.
Das Buch liest sich leicht und unterhaltsam, hält viele kluge Gedanken und Beobachtungen bereit, aber auch manch Belangloses. Aus dieser privaten Geschichte lässt sich jedenfalls einiges über den Zustand unserer Gesellschaft herauslesen.
„Alleinruhelage“ hat nicht die Wucht und die erzählerische Kraft von Eva Menasses letztem Roman „Dunkelblum“, den man zu Recht als Opus Magnum ihres schriftstellerischen Schaffens bezeichnen kann. Aber auch dieses Mal beweist Eva Menasse, dass sie zu den klügsten und interessantesten Autorinnen der deutschsprachigen Literatur zählt.
Verdient einen Ehrenplatz in jedem Kinderzimmer
Pfoten weg vom roten Knopf! von Matilde Tacchini
Pfoten weg vom roten Knopf“ von der italienischen Autorin Matilde Tacchini ist ein außergewöhnliches Bilderbuch. Da wundert es nicht, dass es gleich nach Erscheinen auf der Kinder- und Jugendbuch- Bestenliste der „Zeit“ gelandet ist.
Der kleine Hase entdeckt einen roten Knopf auf dem Boden. Ist der neu oder war der schon immer da? Der neugierige Fuchs, der sich dazu gesellt, hat sofort Lust, darauf zu drücken.
Weitere Tiere kommen hinzu, äußern ihre Bedenken und Befürchtungen. Was könnte da nicht alles passieren? Die Mutmaßungen werden immer abenteuerlicher. Der Fuchs lässt sich davon nicht beeindrucken, hält alles für übertrieben. Vielleicht löst man mit dem Knopf auch was ganz Tolles aus. Nach langem Hin und Her wird abgestimmt.
Diese Geschichte birgt auf wenigen Seiten viel Gesprächsstoff. Es lädt nicht nur ein, selbst Vermutungen anzustellen, sondern auch zu überlegen, wie man wohl selbst in der Situation reagieren würde. Drücken oder nicht drücken?
Das Bilderbuch verblüfft mit einer unerwarteten Auflösung, doch das ist noch nicht das Ende der Geschichte.
Das großformatige Buch kommt mit wenig Text aus, meist sind es einfache Dialoge. Das bietet tolle Ausdrucksmöglichkeiten für den vorlesenden Erwachsenen. Auch die ausdrucksstarken Illustrationen sind auf das Wesentliche beschränkt. Dabei sind die unterschiedlichen Eigenschaften der Tiere sofort erkennbar.
Fazit: Dieses witzige und hintersinnige Bilderbuch über Neugierde und die Angst vor dem Unbekannten ist für Kinder ab drei Jahren geeignet und verdient einen Ehrenplatz in jedem Kinderzimmer und in jeder Kita.
Wichtiges Thema, unterhaltsam verpackt
Der Einsiedlersommer von Anne Sverdrup-Thygeson
Eva, eine 33jährige Biologin aus Oslo, wird den Sommer über in Vestfold, einem kleinen Ort im Südosten Norwegens, verbringen. Im Auftrag der Gemeinde soll sie den Wald dort kartographieren und gleichzeitig nach dem als ausgestorben geltenden Eremitenkäfer suchen. Dieser Job kommt Eva sehr gelegen, braucht sie doch gerade etwas Abstand zu ihrem Lebensgefährten Eirik.
Das Paar muss mit der Totgeburt ihres Sohnes klarkommen, das macht jeder auf seine Art. Während Eirik nach vorne blicken möchte und schon ein nächstes Kind plant, ist Eva noch ganz gefangen in ihrer Trauer. Die zukünftige Arbeit soll ihr Ablenkung verschaffen und neue Kraft schenken.
Bald macht sie Bekanntschaft mit ihrer Nachbarin Olga, einer alten, eigenwilligen Frau. Die will zunächst nichts wissen von der forschen Städterin, fühlt sich von ihr gestört und in ihrer Privatsphäre verletzt. Doch bald kommen sich die beiden ungleichen Frauen näher, denn es gibt doch einiges, was sie verbindet. Beide haben einen Verlust erlitten und beide fühlen sich stark verbunden mit der Natur. Und im Kampf für den Erhalt des Waldes stehen sie auf derselben Seite.
Die Gemeinde plant nämlich den Abbau von Larvikat, einem Tiefengestein der Region. Der Steinbruch soll in einem Waldgebiet mit einem Bestand uralter Eichen entstehen. Die Gemeinde verspricht sich davon Wohlstand und Arbeitsplätze und dafür ist man bereit, schützenswerte Wälder mit einer ungeheuren Artenvielfalt zu opfern.
Eva hofft nun einen Beweis für die Existenz des bedrohten Käfers zu finden und damit das Projekt zu verhindern.
Auch Olga hat ein Interesse daran, dass der Wald in Ruhe gelassen wird. Aber erst nach und nach erfährt der Lesende den Grund dafür. Es hängt mit einem Familiengeheimnis zusammen, das weit in die Vergangenheit zurückreicht, bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als Norwegen unter deutscher Besatzung stand.
Die Autorin versteht es sehr gut, die verschiedenen Konflikte darzustellen. Für Spannung sorgt nicht nur die Frage, ob Eirik und Eva wieder zusammenfinden ( dazu hätte es garnicht den Flirt mit dem attraktiven Amtsleiter der Gemeinde gebraucht ), sondern vor allem die ungeklärte Vergangenheit von Olgas Familie.
Dafür lässt sich die Autorin Zeit. Sie erzählt in einem ruhigen Ton, der perfekt zum Setting passt. Die Natur wird bilderreich und atmosphärisch beschrieben, aber auch mit viel biologischem Wissen.
Die personale Erzählweise wechselt zwischen den beiden Frauenfiguren. Dazwischen gestreut sind Tagebuchaufzeichnungen von Eva, die eine zusätzliche Nähe schaffen.
Auch mit ihrer Figurenzeichnung weiß die Autorin zu überzeugen. Es sind vielschichtige Charaktere, Menschen mit Ecken und Kanten, deren Handlungen nicht immer auf Zustimmung beim Lesenden stoßen werden. Aber gerade das macht sie zu lebendigen Figuren.
Der Titel verweist zum einen auf die Suche nach dem Emeritenkäfer, stärker aber noch auf das einsiedlerische Leben der beiden Hauptfiguren . Eva sucht in der Abgeschiedenheit und Einsamkeit der Natur Heilung für ihre verwundete Seele. Sie braucht den Rückzug von ihrem gewohnten Umfeld und vor allem von Eirik, um den Verlust ihres Kindes zu verarbeiten. Und Olga hat sich in ihrem Einsiedlerdasein eingerichtet. Das traumatische Erlebnis in ihrer Kindheit hat sie tief in sich vergraben. Vom Leben und von den Mitmenschen enttäuscht, wurde sie zur Einzelgängerin.
Das alles vermag die Autorin glaubwürdig und mit viel Empathie für ihre Charaktere darzustellen.
Anne Sverdrup-Thygeson ist Professorin für Naturschutzbiologie . Da ist es nur folgerichtig, dass in ihrem Debutroman das Umweltthema einen so großen Raum einnimmt. Sie verpackt ihr Kernanliegen, also die Bedeutung von Natur- und Artenschutz , in eine emotional packende Geschichte um zwei Frauen und deren Traumata. Damit erreicht sie Leserschichten, die nicht unbedingt zu einem ökologischen Sachbuch greifen würden und sensibilisiert sie so für dieses Thema. Ihr fundiertes Wissen lässt sie dabei sehr geschickt in den Text einfließen.
Der Roman eignet sich hervorragend für Lesekreise. Er vermag emotional zu packen, liest sich leicht und unterhaltsam und bietet dabei viel Gesprächs- und Diskussionsstoff
Wenig überzeugende Genre- Mischung
Die Auster von Yael Inokai
Als die 73jährige Putzfrau Leonora Bach morgens das Haus von Dr. Bronstett betritt, merkt sie sogleich, dass etwas anders ist als sonst. Und sie findet dann auch ihren langjährigen Arbeitgeber tot und ohne Hände neben dem Couchtisch. Leonora macht nun wie üblich erstmal alles gründlich sauber, bereinigt sämtliche Blutspuren, bevor sie die Polizei anruft.
So etwas macht sie natürlich in den Augen der Ermittler verdächtig.
Das ist die Ausgangssituation und wir begleiten nun die Protagonistin bis zur Beerdigung des Opfers und der Auflösung des Falles, zu dem Leonora Wesentliches beiträgt.
Dabei erfahren wir so einiges aus dem Leben der eigenwilligen Figur .
Über vierzig Jahre hat sie bei Dr. Bronstett privat geputzt. Nahegekommen sind sich die beiden dabei kaum . Zwischen ihnen stand nicht nur der gesellschaftliche Abstand - hier der reiche Dr. Bronstett in seiner Nobelvilla, da die arme Putzfrau, deren Rente kaum zum Überleben reicht. Außerdem war der Verstorbene zugleich Geschäftsführer des renommierten Luxus-Kaufhauses, in dem Leonora immer wieder als Aushilfe tätig war. Trotzdem gab es eine Gemeinsamkeit, die Verbindung hätte schaffen können. Beide, sowohl Leonora als auch Dr. Bronstett, haben ein Kind verloren und beide wollen nicht darüber reden.
Leonora ist eine Frau, die gerne übersehen wird, unscheinbar, unnahbar, dabei eine genaue Beobachterin. „Im Großen und Ganzen war sie unsichtbar, konnte durch die Welt gehen, als gäbe es sie nicht. Nur manchmal hob sich das auf. Dann war es wie ein Scheinwerfer, der auf sie fiel. Die Leute kamen drauf, dass sie als Putzfrau arbeitete, sie dachten an ihre Omas und Mütter, an ihre eigene Rente, an das Elend des Älterwerdens, und die Augen füllten sich mit Mitleid.“
In diesem Zitat klingt das eigentliche Thema des Romans an, nämlich den Blick auf diejenigen zu lenken, die still und unbemerkt ihre Arbeit erledigen, sich wenig leisten können und am Rande der Gesellschaft leben. Der Kontrast zu ihr findet sich nicht nur im Leben ihres früheren Chefs, sondern vor allem in dem Luxuskaufhaus, das dem Berliner KaDeWe nachempfunden ist. Ein Ort, der die Erfüllung aller Träume verspricht, hinter dessen exquisiter Fassade sich aber miese Arbeitsbedingungen und wenig Lohn für die Beschäftigten verbergen. Yael Inokai illustriert den Alltag im Kaufhaus in atmosphärischen Szenen, die alle Sinne ansprechen und anhand verschiedener Figuren.
Die titelgebende Auster steht hier für elitären Luxus, zugleich aber auch für die Verschlossenheit mancher Figuren, allen voran Leonora, die sich einen richtigen Panzer zugelegt hat. Tief in sich vergraben ist die Trauer um den Verlust ihres Sohnes. Ohne ihn steht sie nun völlig alleine da. „Familie war ein genau abgestecktes Feld, zu dem sie die meiste Zeit ihres Lebens ohnehin keinen Zutritt hatte.“ Das Verhältnis zur Mutter war lebenslang ein angespanntes, vom Vater ihres Sohnes erfahren wir nichts.
Die Schweizer Autorin lebt seit einigen Jahren in Berlin und sie zeichnet ein wenig einnehmendes Bild von dieser Stadt: „Nicht einmal die Stadt selbst sah an dieser Ecke aus, als wäre sie gern hier. Viel lieber hätte sie ihre Gehsteige, Gebäude, ihre Straßenlampen und Bushaltestellen eingepackt, um über die Bahngleise an einen netteren Ort abzuhauen.“ Berlin sei eine Stadt voller einsamer Menschen, doch„…wo könne man denn besser niemanden haben als in Berlin.“
Diese beiden Zitate zeigen den Witz und den leichten Spott, mit der die Autorin manches betrachtet. Ansonsten ist die Sprache nüchtern und scharf beobachtend, passend zur Hauptfigur, aus deren Perspektive wir alles lesen. Die Erzählung fließt ruhig dahin, dabei sollte der Lesende aufpassen, dass ihm kein Detail entgeht. Manches wird erst in der Rückschau deutlich oder beim zweiten Lesen.
Obwohl ich positive Ansätze in dem Text finden kann, bin ich nicht glücklich geworden mit ihm.
Sicher, der Roman soll und will kein Krimi sein, auch wenn ein Verbrechen Ausgangspunkt der Geschichte ist. Aber auch wenn man nur mit den Elementen des Kriminalromans spielt, sollte man das Genre ernst nehmen und auf Plausibilität achten. Hier ist einfach vieles an der Krimihandlung zu abstrus und zu konstruiert, um glaubwürdig zu sein . Auf Beispiele verzichte ich hier, um nicht zu spoilern.
Ich frage mich, warum die Autorin überhaupt ein Verbrechen und seine Auflösung für ihren Roman gebraucht hat. Als Sozialstudie und als Psychogramm einer älteren, armen und einsamen Frau hat mich das Buch einigermaßen überzeugen können. Auch wenn sich weitere Ungereimtheiten in der Geschichte finden lassen.
Ein Beispiel: Mag man noch akzeptieren, dass Leonora kurz nach dem Tod ihres Sohnes eine Affäre mit einem jüngeren Zahnarzt beginnt - auch wenn das nicht zur Figur selbst passt - so erscheint es wenig realistisch, dass ein Zahnarzt eine Beziehung zu einer älteren Putzfrau unterhält. Zumindest hätte man gerne gewusst, wie es dazu kam. Im übrigen hätte es diese Figur überhaupt nicht gebraucht.
So ist „Die Auster“ für mich nur ein mäßig überzeugender Roman über Alter und Einsamkeit, über Klassenunterschiede, über Glanz und Elend.











