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Rezensionen von niki:

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Ein Strauß an Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugendzeit

Claudines Elternhaus von Colette

Zu ganz unterschiedlichen Themen denkt Colette an ihre eigene Kindheit und Jugendzeit zurück: da geht es um die Haare ihrer Schwester, den Vater, der im Krieg ein Bein verlor, die kluge Mutter Sido, mit der sie ein enges Verhältnis bis zu deren Tod hatte. Sie denkt aber auch an den Garten, den ich mir als Paradies vorstellte, und die Katzen und Hunde, die dort mit der Familie lebten und eine wichtige Rolle im Leben von Claudine spielten.

Colette verbrachte ihre Kindheit in einem idyllischen Haus mit Garten, in einem Dorf fern von Paris. Der Vater war nach dem Krieg Steuereintreiber, konnte aber mit Geld nicht umgehen, so dass das Haus später verkauft werden musste. Für die Mutter war es die zweite Ehe: zwei Kinder brachte sie aus einer ersten Ehe mit, zwei weitere Kinder entstammten der Ehe mit Claudines Vater.

Dieses Buch war herrlich zu lesen: im Original „La Maison de Claudine“ aus dem Jahr 1922, übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Edl #namethetranslater

Ein poetischer und zugleich melancholischer Roman, mit lebhaften Erinnerungen an die Kindheit und Jugendzeit der 1873 geborenen Autorin Sidonie-Gabrielle Claudine Colette, die als erste Frau Frankreichs ein Staatsbegräbnis erhielt. Zuvor galt sie als Skandalfigur und wurde erst später in ihrem Leben als Schriftstellerin anerkannt und entsprechend gewürdigt.

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Ein Strauß an Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugendzeit
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Ganz große Kunst

Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Hier nun der zweite Teil der Romanadaption von Virginie Despentes.

Wir verfolgen weiter die Geschichte des ehemaligen Plattenladenbesitzers Vernon Subutex. Er trägt knallrote Cowboystiefel, die er von seiner guten Freundin Olga geschenkt bekommen hat. Er lebt mittlerweile auf der Straße und alle seine Freund*innen und Begleiter*innen aus dem ersten Teil sind wieder mit von der Partie.

Im zweiten Teil geht es vor allem um Rache, gezeichnet in sehr bunten Bildern, die äußerste Konzentration erfordern, um an der Geschichte dranzubleiben. Aicha, die Muslimin, möchte den Tod ihrer Mutter rächen – gemeinsam mit Celeste, die Tätowiererin ist. Und natürlich wird das Thema aus dem ersten Teil, das letzte Interview von Alex Bleach, weiterverfolgt – zumindest gegen Ende. Detailreich werden einzelne Szenen dargestellt. Mit kleinen Geschichten der einzelnen Protagonist*innen ist die gesamte Story gespickt, so dass einem fast der schwindlig wird. Da gibt es Charles, der heimlich im Lotte gewonnen hat, oder der miese Doplat, der Frauen benützen für seine Filme möchte. Es wird gesoffen, gekokst, belogen und gemordet.

Beide Bände werden den Romanen von Virginie Despentes absolut gerecht, auch wenn Luz in seiner Darstellung manchmal andere Wege geht.

Ein buntes Kaleidoskop an Bildern, Sprechblasen, Geschichten und Weggefährten von Vernon Subutex – ganz große Kunst. Unbedingte Empfehlung.

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Ganz große Kunst
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Politisch und nachdenklich, eine absolute Bereicherung

Beau Rivage: eine Rückkehr von Lydia Mischkulnig

Nach einem Afghanistan-Einsatz beim Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) kehrt Karl Ofracek nach Europa zurück. Seine letzte Mission blieb unentdeckt – die Rettung eines 15-jährigen Mädchens, der er die Flucht nach Europa ermöglicht, vor einer Zwangsehe.

Mit seiner Frau Kunigunde war vereinbart, dass sie ihn am Flughafen Zürich abholt und sie sich im berühmt-historischen Hotel Beau Rivage am Genfer See einquartieren.

Doch Kunigunde kommt nicht. Zuerst ist sie nicht erreichbar, dann schiebt sie als Ausrede vor, dass es der gemeinsamen Tochter Almuth nicht gut gehe und sie in Wien bleiben muss.

Das Hotel Beau Rivage ist jenes Hotel, in dem Kaiserin Sisi von Österreich 1898 nach einem Attentat verblutete und der deutsche CDU Politiker Uwe Barschel im Oktober 1987 mit Anzug und Krawatte in der Badewanne seines Hotelzimmers tot aufgefunden wurde. Karl ist der Meinung, dass er genau in jenem Zimmer untergebracht ist. Insgesamt fühlt sich der Kontrast zwischen Kabul und dem Schweizer Luxushotel für ihn eigenartig an.

Karl streunt allein durch Genf, lässt sich im Hotelzimmer eine Badewanne ein und geht seinen Gedanken bei zwei Flaschen Wein nach: seine Ehe, die problematische Tochter, die Vergangenheit seines bereits verstorbenen Vaters, seine Motivation die Welt zum Guten zu verändern und er daher den Anwaltsberuf an den Nagel zu hängte, um für das IKRK tätig sein.

Beau Rivage ist ein großartiger, politischer Roman, der viele vergangene und aktuelle Themen in den Fokus nimmt und immer wieder der Frage nachgeht, was ist Recht und was ist Gerechtigkeit.

Uneingeschränkte Empfehlung

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Politisch und nachdenklich, eine absolute Bereicherung
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Ein MUSS für alle

Zwei weibliche Halbakte von Luz

Was für eine Graphic Novel vom großartigen Luz, der 2015 als Redakteur der Satirezeitschrift Charlie Hebdo dem Pariser Terroranschlag entging. Der Autor erzählt aus der Perspektive des Gemäldes „Zwei weibliche Halbakte“ des expressionistischen Malers Otto Müller (1874-1930) über Nazi-Raubkunst und auch über die Geschichte das Gemäldes selbst.

Otto Müller malte in einem Wald Nahe Berlin 1919 das Gemälde – großartig, wie sich das Bild im Band Sichtbarkeit verschafft und so in der Bilder-Geschichte wahrnehmbar wird. Otto Müller verkaufte das Gemälde an den jüdischen Kunstsammler und Geschäftsanwalt Ismar Littmann.

Mit dem Aufkommen der Nazis wird dem Anwalt die Berufsausübung verboten, die Bank gibt ihm kein Geld mehr. Littmann vergiftet sich und stirbt an den Folgen des Selbstmordversuchs. Damit Littmanns erwachsene Kinder Deutschland verlassen können, wird das Gemälde schweren Herzens verkauft.

In den nächsten Kapiteln geht es um die Vorbereitung zur Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“, die 1937 mehr Besucher*innen verzeichnen konnte als die zeitgleich stattgefundene Ausstellung über arische Kunst. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg gelangt das Kunstwerk Zwei weibliche Halbakte wieder zurück an Ruth Littmann, der Tochter von Ismar Littmann.

Der Kniff, die Geschichte aus der Perspektive des Gemäldes zu erzählen, ist wahnsinnig gut gelungen. Bei den Zeichnungen wird wirklich an alles gedacht, so dass sehr deutlich wird, durch welche „Brille“ die Geschichte dargestellt wird. Es steckt so viel Wesentliches in diese Grafic Novel über den Umgang mit moderner Kunst in der Nazi-Zeit, dass dieses Buch dringend und uneingeschränkt empfohlen werden MUSS.

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Genialer Roadtrip

Eurotrash von Christian Kracht

Was für einen genialen Roadtrip durch die Schweiz, den der Protagonist Christian Kracht mit seiner tabletten- und alkoholsüchtigen sowie dementen achtzigjährigen Mutter hier zurücklegt. Die Taschen voller Geld, das die Familie aufgrund ihrer Nazi-Vergangenheit ansammeln konnte und genau aus diesem Grund ausgeben und verschenken möchte, weil es sich um schmutziges Geld handelt.

Es geht um Krachts Kindheit und seinem Missbrauch als Kind in einem Internat, es geht um den antisemitischen Großvater und es geht vor allem auch um seinen Vater sowie um Faserland, sein Debüt.

Kracht empfindet große Liebe für seine Mutter, sieht über ihre Eigenheiten hinweg und lässt seine Kindheit und einzelne Mitglieder der Familie Revue passieren. Auf diesem Trip kommen sich die beiden ein letztes Mal näher.

Mich hat der Text sehr gut unterhalten – der Humor trifft meinen Geschmack. Und ich habe mich ständig gefragt, was ist Realität und was ist Fiktion.

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Sticht mitten ins Herz

Das Herzflorett von Marica Bodrozic

Pepsi, die als Kind zwischen Großvater und Tanten herumgeschoben wurde – damals, in der Herzegowina, als die Eltern im fernen Hessen zum Arbeiten waren. Sie wünschte sich nichts mehr als endlich bei den Eltern wohnen zu dürfen. Sie bekam keine Liebe und wenig zu essen von den Tanten. Die Eltern besuchten ihre Kinder, die meist aufgeteilt wurden zwischen den Verwandten, nur im Sommer und mussten jedes Mal sehr bald wieder in den Norden zum Arbeiten.

Als sie endlich schreiben konnte, schrieb sie den Eltern einen Brief, dass sie und ihre Geschwister abgeholt werden und zu ihnen in den Norden, nach Hessen, wollen. Damals war Pepsi acht Jahre alt. Darauf holen die Eltern ihre drei Kinder zu sich nach Hessen in Deutschland.

Das Leben in der Einzimmer-Wohnung in Deutschland, mit dem trinkenden Vater, der ständig rauchte und die Schnapsflasche streichelte, und der Mutter, die vom vielen Putzen rissige Hände hatte, war für Pepsi nahezu unerträglich. Die Eltern hatten keine Zeit für ihre Kinder, sie waren abgearbeitet, müde und lieblos. Pepsi stellte sich immer vor, dass sie bald von dort weggehen und nicht zurückkommen werde. Wenn Pepsi gegen die Mutter aufbegehrte, drohte ihr die Mutter, sie an dem Baum vorm Haus aufzuhängen, mit dem Kopf nach unten, und ein Feuer machen werde, damit ihr Kopf zuerst verbrennt – dieser schlaue Kopf, damit sie endlich merkt, wie gut sie es hat und nicht mehr aufbegehren soll. Und dann gab es die Strafen, schon für kleine oder harmlose Vergehen von Seiten des Vaters: sie mussten auf trockenem Reis knien. Unerträgliche physische und psychische Grausamkeiten von Seiten der Eltern mussten Pepsi und ihre Geschwister ertragen.

Pepsi fand Trost in Büchern, der Natur und zu den Vögeln und zu der für sie neuen Sprache. Pepsi muss vieles aushalten und geht ihren Weg. Alles was Pepsi wissen wollte, schlug sie in einem Lexikon nach. So verstand sie mit der Zeit die Welt und erlangte etwas Bildung. Das Abitur zu machen, verboten ihr die Eltern, sie solle arbeiten gehen.

Pepsi macht eine Ausbildung zur Buchhändlerin.

Die Grausamkeiten, insbesondere von ihrer Mutter, werden durch die poetische Sprache noch entsetzlicher, weil sich der Kontrast zur Welt, in die Pepsi gedanklich flieht, und die zur Realität, auf die sie trifft, noch mehr verdeutlicht.

Was für ein Buch – es sticht Mitten ins Herz! Eines der besten Bücher, die ich gelesen habe.

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Sticht mitten ins Herz
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Was für ein intelligenter Roman

See der Schöpfung von Rachel Kushner

Die Ich-Erzählerin Sadie Smith, 34 Jahre alt, hat ihren letzten Agentenjob beim CIA anständig vermasselt. Nun ist sie Privatagentin. Ihr Name ist nicht ihr richtiger Name. Dieser ausgesuchte Name lässt sich nicht googlen, weil Sadie Smith kann jede sein, und das ist gut so, denn sie möchte nicht gefunden werden.

Ihr neuer Job führt sie nach Südfrankreich. Sie soll dort eine Kommune von Umweltaktivist*innen infiltrieren und die Mitglieder dazu zu bringen, in ihrem Aktivismus zu weit zu gehen, also gewaltätig zu werden, so dass ihr Handeln strafbar ist. Die Geschichte holt sehr weit aus – zu dem früherem Job von Sadie beim CIA, Gedanken zum Neandertaler und Homo sapiens, Höhlenmalerei, Sternenbilder, Wein und Bier.

Das ist ein Roman, der sehr unterschiedliche Genres und Themen in sich vereint: Krimi, Umweltthriller, Kommunenleben, Philosophie, Gesellschaf und menschliche Entstehungsgeschichte.

Ich mochte den Roman (dennoch?) sehr – warum? Er ist anspruchsvoll, klug aufgebaut, verwebt viele interessante Themen und die Protagonistin fand ich richtig cool.

Der Roman stand übrigens auch auf der Shortlist für den Booker-Preis und den National Book Award 2024.

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Was für ein intelligenter Roman
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Pflichtlektüre!

Schweigen von Birgit Weyhe

Es beginnt mit der an uns Leser*innen gestellten Frage: was bedeutet Schweigen, im Sinne von gut oder schlecht? Schweigen kann beides sein: gut oder aber auch schlecht! Wenn etwa darüber geschwiegen wurde, dass der Nachbar im Nationalsozialismus Jüd*innen versteckte oder wenn geschwiegen wurde, wenn Nazis Menschen deportierten – so wie damals die große Mehrheit geschwiegen hat.

Nach dem Krieg schwiegen alle – Opfer und Täter; die einen konnten darüber nicht sprechen, die anderen schützten sich damit. Schweigen hängt also wesentlich vom Kontext ab.

Da gibt es einerseits Ellen Marx. Sie flieht als 17-jährige Jüdin vor den Nazis nach Argentinien. In den 1970er verschwindet ihre Tochter Nora, die sich gegen die argentinische Militärdiktatur politisch engagiert hatte. Dann – andererseits – die Geschichte von Elisabeth Käsemann, die als Jugendliche Ende der 1960er Jahre bei Demonstrationen in Deutschland teilnimmt und anschließend nach Argentinien geht, weil sie dort mehr beitragen zu können glaubt als in Deutschland, wo nach einer Demonstration gegen den Besuch des persischen Schahs ein Student von der Polizei erschossen wird.

Alle Ereignisse, die die beiden Protagonist*innen erleben, werden in einem historischen Kontext erzählt – in Nazi-Deutschland, in Argentinien unter Peron und der Militärdiktatur, und auch in Deutschland während der 68er Bewegung, um derart die Einzelschicksale richtig einordnen zu können.

Es geht vor allem um die Verstrickungen zwischen Argentinien und Deutschland seit der Nazi-Zeit bis heute: wie zuerst Jüd*innen nach Argentinien emigrieren mussten und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die bösartigsten Nazi-Verbrecher auch dorthin fliehen konnten, bis zu der Zeit der argentinischen Militärdiktatur, in der Menschen von den Militärjuntas verschleppt und ermordet wurden. Unter den Opfern auch Deutsche, wie Elisabeth Käsemann. Die deutsche Regierung, die um Hilfe ersucht wurde, hatte aufgrund der wirtschaftlichen Beziehungen nichts unternommen. Wichtige Firmen, wie Mercedes, Siemens oder Thyssen hatten dort ihren Sitz und profitierten immens von der Ausbeutung der argentinischen Arbeitskräfte – diesen Profit wollten die Regierungsverantwortlichen nicht stören, im Gegensatz zu anderen Regierungen, wie Frankreich oder Holland, die sich für ihre verschwundenen Staatsangehörigen einsetzten und auch bei der Fußball WM 1978 mit Boykotten drohten. Deutschland hingegen trug in dieser schwierigen Phase sogar ein Freundschaftsspiel (!) gegen Argentinien aus.

Ich habe selten so ein grandioses Buch gelesen, wo am Einzelschicksal dargestellt das Vorgehen der Nazis bis heute nachhallt, weil über ihre Verbrechen geschwiegen wurde und sich das ausbreiten konnte, bis unter anderem nach Argentinien.

Von der ersten Seite weg ein unglaublich tolles Buch, jeder einzelne Satz wäre zum Unterstreichen und Merken. Bitte lest alle dieses Buch, es ist so großartig, klug, lehrreich – hier wird klar, warum wir nie vergessen sollten.

Der Avant-Verlag hat dieses Jahr unzählige wichtige Graphic Novels herausgegeben, jede sehr lesenswert – ganz im Sinne von „Nie wieder“.

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Pflichtlektüre!
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Tolle Doppelfrauenbiografie - Paris 18. Jahrhundert

Wachs von Christine Wunnicke

Paris 1733-1795
Die hochinteressante Biografie zweier Frauen, die im 18. Jahrhundert eine lesbische Beziehung hatten: Marie Biheron und Madeleine Basseport.

Marie Biheron war die Tochter eines Apothekers, der starb als sie noch jung war. Sie wollte Anatom werden. Das war als Frau in jener Zeit nicht möglich.

In der ersten Szene des Romans geht die 15-jährige Marie in eine Militärkaserne und fragt dort um eine Leiche an, da sie davon ausgeht, dass diese dort gelagert würden. Bereits in diesem Alter begann sie also schon Leichen zu sezieren.

In einem Zeichenmalkurs begegnet sie der fast um 20 Jahre älteren, wunderschönen Madeleine Basseport, ihres Zeichens Blumen - und Pflanzenmalerin. Sie gibt Unterricht für Mädchen, um ihnen das Blumenmalen zu lehren und wird die Lebenspartnerin von Marie Biheron.

Marie entwickelt eine Technik, aus gehärteten Wachs originalgetreue anatomische Modelle herzustellen, und verkauft diese auch – an die Königin und an Wissenschaftler, um sich so ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Der Roman verfolgt zwei Zeitstränge: einmal das Leben der beiden jungen Frauen und dann im zweiten Strang die alte Marie Biheron, nachdem Madeleine Basseport bereits verstorben ist.

Christine Wunnicke hat eine Doppelbiografie zweier Frauen vorgelegt, über die wenig bekannt ist. Sie hat die Geschichte der beiden Frauen wunderbar und interessant aufs Papier gebracht. Mit witzigen Details der damaligen Zeit anschaulich geschmückt, ist dies ein großartiger Roman, der gerne mehr Seiten umfassen hätte können.

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Tolle Doppelfrauenbiografie - Paris 18. Jahrhundert
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Ein Einblick in die Biografie der Autorin

Ein halber Löffel Reis von Dacia Maraini

Die Kindheitserinnerungen von Dacia Maraini in einem japanischen Internierungslager gehen unglaublich nahe.

Der Vater, Fosco Maraini, war als Anthropologe und Ethnologe während des Zweiten Weltkriegs in Japan. Er galt als „unzuverlässiger“ Italiener – er wollte 1943 dem faschistischen Italien nicht die Treue schwören.

Als Konsequenz wurde die gesamte Familie – seine Frau, die drei Töchter und er – in ein japanisches Internierungslager gesperrt.

In dem autobiografischen Roman wird beschrieben, welch grausamen und sadistischen Handlungen von Seiten der japanischen Bewacher die Familie und weitere Gefangene ausgesetzt waren. Hunger und dadurch entstandene Mangelkrankheiten, wie Beriberi und Skorbut, waren die Folge. Die Kinder im Lager erhielten keine eigene Ration zum Essen – alle Erwachsenen mussten einen Teil von ihrem wenigen Reis an die Kinder abgeben. Die für sie vorgehsehnen Nahrungsmittel nehmen sich die Bewacher – um selbst davon zu leben oder sie am Schwarzmarkt zu verkaufen. Die kleine Dacia ernährt sich von ein paar Körnern Reis und Ameisen oder verdorbenen Lebensmitteln, die sie irgendwo findet oder von den Bewachern erhalten. Die Bewacher wussten, dass die ausgehungerten Gefangenen sich auch auf Verdorbenes stürzen würden, egal wie faulig das Fleisch stinkt.

Zu Beginn der Inhaftierung wurde noch demokratisch geteilt, entschieden und diskutiert. Je lebensbedrohlicher die Situation in der Gefangenschaft war, desto egoistischer, ums eigene Überleben zu sichern, wurden die Inhaftierten untereinander und die Stimmung kippte. Der Vater hatte sich bei einem Aufstand im Internierungslager den kleinen Finger abgehackt, die jüngste Schwester ist nach der Befreiung an den Folgen der Inhaftierung gestorben.

Maraini vergleicht die japanischen Internierungslager mit den europäischen Konzentrationslagern der Nazis und geht auch der Frage nach, wie diese unbemerkt von der Bevölkerung existieren konnten.

Ein Text, der sehr berührt und zum Nachdenken anregt, obwohl er nicht auf grausame Details eingeht. Es ist unverstellbar, was hier Menschen aushalten mussten, und wie sie auch überlebten.


Aus dem Italienischen übersetzt von Ingrid Ickler #namethetranslator

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