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Rezensionen von niki:

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Eine nebulöse Geschichte

Die Schrecken der anderen von Martina Clavadetscher

Im fiktiven zugefrorenen See wird eine Leiche entdeckt. Es ist unklar, ob es ein Unfall, Suizid oder Mord war.

Dann treten hier zunächst einmal die Protagonist*innen auf die Bildfläche, die doch ein wenig eigenartig erscheinen.

Schibig, ein Archivar in einem Keller, der unter Panikattacken leidet, die er wegzuatmen gelernt hat.

Er versucht mit Rosa, die nur die Alte genannt wird und in einem Campingwagen wohnt, der Sache mit der Leiche auf den Grund zu gehen. Die Alte verfolgt das Geschehen am See vom Fenster aus, notiert sich Zahlen, die am Handy aufleuchten.

Kern, ein reicher Sprössling, lebt in einem Herrenhaus mit seiner Frau und der hundertjährigen Mutter, die noch alles beherrscht. Die Mutter ist zeitweise verwirrt. Sie ist eine böse Frau und hofft, dass Kern und Hanna ein Kind bekommen, damit sie endlich sterben kann, weil die Blutlinie dann weiterlebt. Hanna arbeitet nicht, sie möchte sich ablenken und bastelt daheim Püppchen. Damit sie schwanger wird, sucht sie mit dem Wissen ihres Mannes McGuffin auf, der später die Leiche im See ist.

Der Roman ist besonders konzipiert und aufgebaut, insgesamt fand ich ihn recht spannend. Zwei Stränge werden abwechselnd erzählt, oft ist jedoch die Handlung nicht klar nachvollziehbar. Ich finde, es hätte dem Roman gut getan, wenn das Ende die Motive der Protagonist*innen erklärt hätte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Ende aber einfach nicht verstanden habe und mir daher der Zusammenhang im Roman fehlt. Es ist schon klar, es geht um die Schweiz und ihre Nähe zum Nationalsozialismus und damit um Geld aus dieser Zeit, heruntergebrochen auf eine reiche Familie. Ich hätte es jedoch besser gefunden, wenn im Roman die Zusammenhänge eindeutiger benannt worden wären.

Kein einfach zu lesender Roman.

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Eine nebulöse Geschichte
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Eine sehr lehrreiche Graphic Novel

Die Bombe (Paperback) von Alcante; Laurent-Frédéric Bollée

Die Graphic Novel handelt vom Bau der ersten Atombombe, dem sogenannten „Manhatten Project“, bis zum Abwurf auf Hiroshima und Nagasaki. Ein Zeitdokument, das nicht beeindruckender sein könnte mit detailreichen Tuschezeichnungen.

Zu Beginn führt uns Leser*innen das ‚Uran selbst‘ in seine Geschichte ein und meldet sich auch später immer wieder mit Kommentaren zur Entwicklung der Atombombe und seine persönliche Stärke darin zu Wort.

In den USA arbeiteten während des 2. Weltkrieges vor allem ehemalige jüdische Physiker, die vor den Nazis aus Europa geflohen waren, an einer auf einer Kettenreaktionen basierenden Waffe. Der Druck zu einem Ergebnis zu gelangen war groß, denn diese Waffe soll kriegsentscheidend sein und vor den Deutschen und den Russen entwickelt werden. Somit fand ein Wettlauf gegen die Zeit statt.

Auch Albert Einstein setzt seine Kontakte ein, um politische Unterstützung, vor allem vom US-amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, für das Projekt zu erhalten. Im mexikanischen Los Alamos wird ein Labor unter strengster Geheimhaltung eingerichtet und so die Entwicklung der Atombombe vorangetrieben.

Als die Bombe auf Hiroshima am 6. August und ein zweites Mal am 8. August auf Nagasaki abgeworfen werden, sprechen die Zeichnungen nur für sich – keine Sprechblasen, keine Erklärungen, nur gezeichnete Eindrücke, wahnsinnig gut gemacht.

Eine äußert akribisch recherchierte und detailreich gezeichnete Graphic Novel, die die Entwicklung der Atombombe sehr verständlich darstellt, macht diese Lektüre zu einem sehr bereichernden Zeitdokument, das absolut empfohlen werden kann.

Aus dem Französischen von Ullrich Pröfrock

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Eine sehr lehrreiche Graphic Novel
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Schmerzhaftes Erwachsenwerden

Amphibium von Tyler Wetherall

Die 1990er Jahre in Südwestengland.

Sissy, elf Jahre alt, noch nicht lange an der Schule, ist Außenseiterin, noch gehört sie nicht dazu. Tegan ist das coole Mädchen, um das sich alle aus der Klasse scharren, und Sissy möchte auch so dazu gehören. Erst als Sissy einem Jungen mit einem Stein auf den Kopf schlägt, würdigt Tegan sie als Freundin – zuerst aber nur heimlich, nicht vor den anderen.

Bald sind die beiden richtige Freundinnen, teilen alles miteinander und haben trotzdem auch Geheimnisse voreinander.

Sissys Mutter ist lange ein gewisses Geheimnis in dieser Freundschaft. Sie ist alleinerziehend und leidet unter einer psychischen Krankheit, so dass sie tagelang nicht aufstehen kann und Sissy allein auf sich gestellt ist - der Kühlschrank leer, die Vorhänge zugezogen. Sissy hat das Gefühl, dass sie ihre Mutter beschützen muss, auch dafür lügen muss, damit weder Schule noch Jugendamt oder sonst jemand auf diese Situation aufmerksam wird.

Erwachsen werden ist in dieser Geschichte ein schmerzlicher Prozess. Es geht um akzeptiert, geliebt und anerkannt werden, weil man dazugehören will. Es geht um eine toxische Beziehung, die sich Freundschaft nennt. Und um eine unfähige Mutter, weil sie krank ist. Die 11-jährige kompensiert die mütterlichen Unzulänglichkeiten durch Lügen und Verheimlichen. Es geht auch darum, wie sich so junge Mädchen Begehren und Sex vorstellen, obwohl sie noch nicht einmal geküsst haben.

Normalerweise lese ich Coming-of-age Geschichten nicht gerne, aber diese hier ist besonders. Sie zeigt in unterschiedlichen Bereichen, was es bedeutet vom Kind zu einem pubertierenden Mädchen zu werden, was es heißt Aufmerksamkeiten auf sich zu ziehen bzw diese zu provozieren.

Absolute Leseempfehlung

Aus dem Englischen von Lisa Kögeböhn

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Schmerzhaftes Erwachsenwerden
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Die Geschichte der Philippinen im 20. Jahrhundert

Die Kollaborateure von Katrina Tuvera

Die philippinische Autorin Katrina Tuvera erzählt vor allem aus Carlos Armandos Perspektive, als er um die Jahrtausendwende im Krankenhaus liegt und sich sich an sein Leben zurückerinnert, insbesondere an sein politisches. Hintergrund des Romans sind die Entwicklungen auf den Philippinen im 20. Jahrhundert.

Ausgangspunkt ist, dass in den Fernsehnachrichten der Amtsenthebungsprozess gegen den aktuellen Machthaber von fast allen Menschen im ganzen Land verfolgt wird.

Carlos erinnert sich an die Zeit in seiner Kindheit in einem Dorf, in dem der Vater Lehrer war. In den 1970er Jahren tritt er in die Partei ein, während der Diktatur von Ferdinand Marcos.

Die Rückblenden erfolgen auch aus der Sicht seiner Frau Renata, die als Politikergattin ein Wohltätigkeitsbüro leitet, und seiner Tochter Brynn, die ihre politischen Kontakte nicht nützt und „nur“ Fotografin wird. Wie Mosaiksteinchen setzt sich die Geschichte nach und nach zusammen und zeigt Konturen und Eckpunkte des Gesichtsbildes, jedoch nicht in chronologischer Abfolge.

Es ist daher nicht immer ganz einfach, dem Roman zu folgen. Vieles habe ich nachgelesen zur Geschichte der Philippinen; und dabei viel gelernt über die spanische Besetzung, später dann über die Besatzung durch die Amerikaner. Aber auch über die japanische Besatzung während des 2. Weltkrieges und der langen Regierungszeit Ferdinand Marcos und seiner Militärdiktatur. Geblieben ist nach der Lektüre ein spannend zu lesender Roman über das Leben eines Kollaborateurs mit diversen Besatzungsmächten, zuletzt der Marcos-Diktatur – mit einem mosaikhaften Überblick und Einblicke in die mir bislang völlig unbekannte Geschichte der Philippinen!

Aus dem philippinischen Englisch von Jan Karsten

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Die Geschichte der Philippinen im 20. Jahrhundert
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Was für eine ungelaubliche und wahre Geschichte

Die Republik der Irren von Dirk Stermann

Wenn man dieses Buch liest, kann man kaum glauben, dass wesentliche Teile davon wahr sind. Parallelen zu aktuellen politischen Themen sind nicht zu übersehen.

Es geht um die Hafenstadt Fiume, dem heutigen Rijeka, das nach dem 1. Weltkrieg als Freistaat unter die Herrschaft des Dichters Gabriele D’Annunzio geriet.

Fiume gehörte nach der Neuaufteilung Europas nirgendwo dazu. In Fiume wurde deutsch, italienisch und kroatisch gesprochen. Das irre Experiment dauert ungefähr eineinhalb Jahre.

D’Annunzio gründete einen Staat, in dem Menschen aus Psychiatrien zu Ministern ernannt wurden und Ministerien leiteten, wie zB das Ministerium für Handstreiche, das Ministerium für Luft oder das Ministerium Adler, Schlangen, Windhunde und noch zu erschaffende Lebewesen. Viele Futuristen, Anarchisten und Nudisten wurden von dieser Idee angezogen und fanden in Fiume eine neue Heimat. In dieser Republik wurde das Geld abgeschafft, wurden ständig Partys gefeiert und es floss der Alkohol. Kokain war an der Tagesordnung und Sex konnte frei ausgelebt werden, so dass Fiume bald mit Geschlechtskrankheiten verseucht war.

D’Annunzio lebte als Herrscher in einem Palast, hielt von dessen Balkon seine Ansprachen. Dabei trug er Fantasieuniformen, dazu zB Schuhe mit aufgenähten Penissen. Er hob immer wieder seinen rechten Arm (was sich später Mussolini und die weiteren Faschisten abschauen sollten) und begeisterte sein Volk.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Cherubino, einem Pfleger in einer Psychiatrie, der einen seiner verrückten Patienten, Zino, nach Fiume begleitete. Zino, der nach einem an seiner Familie begangenen Axtmord in experimenteller Weise einer Lobotomie unterzogen wurde, ist seitdem friedlich, jedoch körperlich groß, geradezu riesig und stark – und kämpft auf Befehl. Zino wird zum Minister für Handstreiche. Das geht so lange gut, so lange Beruhigungsmedikamente vorhanden sind.

Eine unglaubliche, aber eher unbekannte Geschichte, die sich nicht irgendwo zugetragen hatte, sondern tatsächlich nur ein paar hundert Kilometer von uns entfernt. Ganz nach dem Motto „Eine verrückte Welt muss von Verrückten regiert werden“. Eine unbedingt lesenswerte Geschichte.

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Gelb als Versprechen von Geld

Das gelbe Haus von Mieko Kawakami

Im Prolog stößt Hana Ito im Internet auf einen Gerichtsprozessbericht über ihre ehemalige Mitbewohnerin Kikimo. Das weckt Erinnerungen an die Zeit, die sie mit Kikimo verbracht hat, vor allem aber kommt die Angst hoch, dass Kikimo ihre Taten von damals vor der Polizei ausbreiten könnte.

Zwanzig Jahre zuvor, gegen Ende der 1990er, wächst Hana Ito bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf, die im Rotlichtmilieu arbeitet und fast ständig abwesend ist.

Hana besucht nur sporadisch die Schule, später bricht sie die Schule ganz ab. Mit 15 Jahren lernt sie dann Kimiko kennen, eine um 20 Jahre ältere Frau – bei ihr erhält sie Aufmerksamkeit, einen gefüllten Kühlschrank, ausreichend gutes Essen und gemeinsame Zeit.

Die beiden ziehen zusammen und eröffnen eine Bar, das „Lemon“. Hana arbeitet viel, möchte Geld sparen, um nicht wieder in die Armut abzurutschen und in eine prekäre Situation wie damals mit ihrer Mutter zu kommen. Gelb ist die Farbe von Geld, so wird ihr erzählt, gelb steckt im Namen von Kimiko, in Lemon und so wird auch das Haus innen zum Teil gelb ausgemalt.

Als das „Lemon“ einem Brand zum Opfer fällt, sackt Hana ins kriminelle Milieu ab, um wieder Geld zu verdienen und es zu sparen, um eine neue Bar zu eröffnen.

Zu Beginn war der Roman großartig. Es wird vorgegriffen, dass hier in der Geschichte etwas vorgefallen ist: dass, wenn die Polizei es führe, mit Konsequenzen zu rechnen ist. Derart wird ein Spannungsbogen aufgebaut, weil man ja wissen möchte, was Sache ist.

Es geht um Armut und Geld, prekäres Leben und ein spezielles soziales Milieu in Japan. Abhängigkeiten, Konflikte und kriminelles Handeln sowie Hoffnung.

Phasenweise wirklich gut geschrieben, spannend, interessant, insbesondere die Schilderung des Milieus, in dem die Geschichte eingebettet ist. Die Charaktere haben Tiefe und handeln im vorliegenden Kontext nachvollziehbar. Dann aber plätschert die Geschichte phasenweise einfach nur dahin, ohne das etwas passiert – das hat auf mich ein wenig langatmig gewirkt. Im Großen und Ganzen aber eine sehr interessante Story.

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Gelb als Versprechen von Geld
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Was für ein Leben!

Peggy Guggenheim von Mona Horncastle

Peggy Guggenheim

Mit großem Genuss habe ich diese Biografie aus dem Molden Verlag von Mona Horncastle gelesen.

Peggy Guggenheim wurde 1898 in einer der reichsten New Yorker Familien geboren. Mehr aus Langeweile beginnt sie mit ihrer Volljährigkeit in dem Buchladen „The Sunwise Turn“ zu arbeiten; das war übrigens der erste Buchladen Amerikas, der von zwei Frauen geführt wurde.

Dabei kommt Peggy mit Menschen aus der Kunst- und Literaturszene in Kontakt und lernt auch ihren späteren ersten Ehemann Laurence Vail kennen, dem sie 1921 nach Paris folgt.

Es ist keine glückliche Ehe. Nach sechs Jahren und zwei Kindern wird die Ehe geschieden. Ihr zweiter Ehemann ist der Schriftsteller John Holms - er stirbt bei einer Operation, weil er am Vortag zu viel getrunken hat, mit nur 32 Jahren. Es wäre jedoch auch diese nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Ihre dritte ernsthafte Beziehung, mit dem Maler Max Ernst, stand auch unter keinem guten Stern.

Nach diesen Beziehungen fragte sich Peggy, wie sie ihrem Leben Sinn geben soll. Schon immer hat sie Künstler*innen finanziell unterstützt, das war ihr Verständnis von verantwortungsvollem Umgang mit Reichtum und hat sich auch zu ihnen hingezogen gefühlt. Sie möchte aber mehr: eine eigene Galerie in London (die es nur kurz gab) und sich eine eigene Sammlung aufbauen – in der Folge kaufte sie täglich ein Kunstwerk.

Mit Ausbruch des 2. Weltkrieges floh Peggy wieder in die USA und ließ auch ihre Kunstwerke dorthin überstellen, da es sich zum größten Teil – nach Nazi-Definition – um „entartete Kunst handelte“. Nach dem Krieg suchte Peggy einen neuen Lebensmittelpunkt für sich und fand diesen in Venedig. Sie kaufte sich einen Palast am Canal Grande in diesem ist bis heute ihre Sammlung untergebracht und nach wie vor der Öffentlichkeit zugänglich. Peggy und ihre Hunde sind im Garten des Palastes beigesetzt.

Mich hat diese Biografie von Mona Horncastle beeindruckt. Der Fokus dieser Biografie liegt auf der Kunstliebhaberin und Unterstützerin der Künstler*innen und nicht auf ihrem ausschweifenden Leben – auch darüber wird sehr respektvoll geschrieben. Diese Reihe aus dem Molden Verlag ist überhaupt großartig: stillvolle Gestaltung der Bücher, viele Fotos, interessant zu lesen und eine herzeigbare Auswahl von Frauen-Biografien. Sehr zu empfehlen.

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Was für ein Leben!
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Endlich eine andere Perspektive auf die Gesellschaft am Semmering - sehr gelungen!

Am Semmering von Tanja Paar

Wenn man einen Roman über das Leben am Semmering in der Zeit zwischen 1900 und 1945 liest, dann sind die Protagonist*innen meist der sog. besseren Wiener Gesellschaft zuzuordnen. Jene Kreise, die zur Sommerfrische ins Panhans oder Südbahnhotel fuhren oder gar selbst eine Villa am Semmering hatten, wie etwa die Mayonnaisefabrikanten Kuhnert.

Es war die große Zeit dieser beiden Hotels, wo Bälle im Sommer stattfanden und die Neue Freie Presse geliefert wurde, bis die Gäste im Herbst wieder nach Wien fuhren.

Tanja Paar schreibt aber über die „kleinen Leute“, die das Leben der Reichen dort am Laufen gehalten haben: über den Bahnwärter Bertl und seiner Frau Klara, über die Gasthofbesitzerin Meinhartinger und deren Mitarbeiterin Rahel, über Frau Negrelli vom Postamt, die den Leuten beim Lesen der Briefe und Einschreiben half, über Herrn Lechner, der in der Schule den Greißlerladen betreiben durfte, weil er sich bei den Kriegsanleihen verspekuliert und alles verloren hatte.

Der Roman umfasst die Zeit zwischen 1928 bis 1945. Bertl steigt als Wagenputzer bei der Eisenbahn auf und wird Bahnwärter am Bahnhof Semmering. Er zieht mit seiner Klara ins Bahnwärterhäuschen – die erste eigene Wohnung mit einem kleinen Garten für die beiden. Zuerst geht es ihnen gut, Klara kann die Zwetschken aus dem Garten der Mutter nach Wien mitgeben, wenn sie sie am Semmering besucht. Die Zeiten ändern sich jedoch, nach 1929 grassiert die Inflation und die Nazis sind im Aufschwung – das spüren auch die einfachen Menschen am Semmering.

Aus dem Nachwort geht hervor, dass der Roman vom Leben von Tanja Paars Großeltern Klara und Bertl, die die Hauptprotagonist*innen im Roman sind, inspiriert wurde. Auch ihr Großvater war Eisenbahner, jedoch ist der Roman fiktiv.

Sprachlich sind die Dialoge in einem feinen österreichischen Slang geschrieben. Das gibt dem Roman einen besonderen Touch – das gefällt mir sehr. Ich habe den Roman wahnsinnig gern gelesen, denn ich mag Geschichten besonders aus dieser Zeit und noch dazu, wenn mir die Gegend bekannt ist. Der Semmering wird endlich einmal aus einer ganz neuen Perspektive gezeigt, unglaublich gut gelungen. Der Roman hat für mich alles, was ich in Büchern mag: eine interessante Zeit, eine neue Perspektive und zum Teil reale Fakten. Daher empfehle ich den Roman uneingeschränkt weiter.

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Macht nachdenklich über das Alter

Neben Fremden von Eva Schmidt

Der Roman erzählt die Geschichte von Rosa - einer pensionierten Altenpflegerin.

Rosa führt ein tristes Leben: ihr Lebensgefährte Fred ist vor ein paar Wochen unerwartet verstorben. Ihren Hund Don musste sie einschläfern, ihre Mutter kränkelt und fordert immer mehr Aufmerksamkeit. Sie möchte, dass Rose sich um sie kümmert und dann sind da noch die Nachbarn von unten.

Das ist Mele, die einen Freund hat, der ihr nicht guttut, es ihr jedoch schwerfällt, sich von ihm zu trennen - sie hat Angst vor der Einsamkeit. Meles Teenager-Tochter Paz besucht Rosa immer wieder und erzählt von ihrem Leid: dass sie sich mit ihrer Mutter Mele nicht mehr versteht, seit sie diesen Freund hat.

Und dann gibt es noch Tom, Rosas Sohn, zu dem sie seit sieben Jahren den Kontakt verloren hat. Weder weiß sie, wo er lebt, noch was aus ihm geworden ist.

Es geht um das einsame Leben einer älteren Frau. Jene sozialen Kontakte, die sie hat, versucht sie mit Ausreden möglichst kurz zu halten oder ihnen aus dem Weg zu gehen, wie zum Beispiel mit ihrer ehemaligen Arbeitskollegin Margreth. Gespräche, die sie früher mit ihrem Lebensgefährten Fred hatte, vermisst sie sehr.

Was bleibt von einem Leben, wenn man in Pension geht, sein Leben lang geschuftet hatte, keine Freunde hat und alle jene, die für einen wichtig waren, nun tot sind.

Ein Roman, der mich schon sehr nachdenklich gemacht hat, was aus dem eigenen Leben wird, wenn die Arbeit vorbei ist, wichtige Menschen verstorben sind, die Kinder sich nicht mehr melden und man trotzdem vom Leben noch etwas wünscht: gute Gespräche, Ziele oder schöne Reisen.

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Coole Protagonistin, historische Perle (Korea)

Die acht Leben der Frau Mook von Mirinae Lee

Auf der Demenzstation des „Golden Sunset“ entschließt sich eine Mitarbeiterin der Verwaltung, die Bewohner*innen zu befragen, wie sie ihre Beisetzung wünschen. Um den Einstieg ins Gespräch zu erleichtern, sollen die befragten Personen drei wichtige Dinge aus ihrer Lebensgeschichte erzählen.

Für die fast 100-jährige Frau Mook sind drei zu wenige Punkte, denn eigentlich hat sie acht Leben geführt – als Sklavin, Ehefrau, Mutter, Spionin, Fluchtkünstlerin, Mörderin, Terroristin und Geliebte.

In nicht chronologischer Reihenfolge erzählt sie die einzelnen Stationen ihres Lebens. Einzig, um sich selbst zu retten, nahm sie diese verschiedenen Rollen an. Frau Mook beherrscht mehrere Sprachen, kann ohne Pathos neue Identitäten annehmen, sie kann sich den jeweiligen Lebenssituationen anpassen und auch morden, sogar ihren eigenen Vater.

Der Roman erfasst die Zeit des 2. Weltkrieges und auch den Koreakrieg Anfang der 1950er Jahre, somit unterschiedliche Gesellschaften und politische Systeme, wobei ich die Nordkorea betreffenden Teile besonders interessant fand. Ich hatte hier das Gefühl, dass es nicht weit von der Realität entfernt ist.

Ein Roman, an den man denkt, während man ihn weglegt, und zu dem man unbedingt möglichst schnell wieder greifen möchte, um die Geschichte weiterzuverfolgen. Der Aufbau der Kapitel in nicht zeitlicher Abfolge ist klug. Man möchte rasch wieder ein Mossaiksteinchen hinzugefügt haben, um zu erfahren wie es weitergeht.

Ein in jeder Hinsicht empfehlenswerter Roman: ein smarte, schillernde Hauptprotagonist*in, toller Plot, sprachlich gelungen und insgesamt historisch sehr interessant.

Aus dem Englischen von Karen Gerwig #namethetranslator

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