Kunden em pfehlungen
Rezensionen von niki:
Eine Frau, die sich ihr eigenes Leben erschreibt
Glücklichere Tage von Margaret Laurence
Mittlerweile führt die 50-jährige Morag Gunn ein zufriedenes Leben als erfolgreiche Schriftstellerin in einem Haus am Fluss in einer ländlichen Gegend Kanadas, den sie jeden Morgen betrachtet. Als ihre 18-jährige Tochter Pique von zuhause weggeht und ihre Mutter im Ungewissen lässt, wohin sie geht und wann sie wiederkommt, blickt Morag auf ihr eigenes Leben anhand von Fotos zurück und erzählt davon in „Gedächtnisfilmen“.
Morags Eltern starben beide früh an Kinderlähmung. Sie wuchs als Waise in ärmlichen Verhältnissen bei Christie und dessen Frau Prin auf, Christie war ein Fraund ihres Vaters. Christie ist der Müllsammler im Dorf, dafür schämte sich Morag in der Schule. Sie wusste schon früh, dass sie aus Manawaka wegwollte, Erfolg in der Schule ihr das nötige Rüstzeug dafür gibt und ging dann zum Studieren nach Winnipeg. Sie heiratete ihren Literaturprofessor, brach das Studium ab und begann zu schreiben. Schon zuvor hat sie immer wieder geschrieben, nun arbeitete sie an ihrem ersten Roman. Die Ehe war jedoch nicht von Dauer und enttäuschend. Noch während ihrer Ehe hatte sie eine Affäre mit ihrem Jugendfreund Skinner Tonnerre, aus der ihre Tochter Pique hervorgeht, die sie allein großzieht.
Der Roman hat autobiografische Züge. Im Juli dieses Jahres wäre Margaret Laurence 100 Jahre alt geworden, leider ist sie bereits 1987 verstorben. Glücklichere Tage erschien 1974 erstmals auf Deutsch und wurde nun vom Eisele Verlag neu herausgebracht.
Ein poetischer Roman über Liebe und Selbstbestimmung, Bildung, Mutter und Alleinerziehend sein, übers Leben in Armut und großen Träumen. Dieser Roman hat mich richtig reingezogen in die kanadische Welt der 1970er Jahre und in die Welt von Morag Gunn. Diesen Roman kann ich wirklich ans Herz legen.
Strandlektüre mit 90er Jahre Vibe
Wenn alles brennt von Paulina Spiechowicz
Hitze, Sonne, Strand, Freunde, Amore, Musik und Meer in Italien
Kamil und seine Schwester Beatrice kehren im Sommer 1994 für drei Monate, nach einem Jahr bei ihrem Vater in Warschau, zurück nach Ostia zur Mutter. Sie lebten für ein Jahr beim Vater, seiner neuen Frau und deren Baby in Polen. Der Vater ist Pole, die Mutter Italienerin.
Es gab einen Vorfall mit der Mutter in Ostia. Die Mutter ist zwar reich und lebt in einer Villa in Ostia, konnte sich aber nach einem Vorfall nicht mehr um die beiden Teenager kümmern.
Es ist nicht einfach für die beiden wieder Fuß zu fassen, nach der einjährigen Abwesenheit: Beatrice wollte nicht zurückkehren: ihre Freundin von früher lässt sich am Telefon verleugnen, und Beatrice hasst ihre Mutter. Kamil versucht die Mutter zu beschützen, damit sie ihre Auflagen erfüllen kann und kämpft in Ostia um Zugehörigkeit bei Jugendlichen. Er möchte in Italien bleiben, nicht zurück zum Vater. Beatrice möchte hingegen wieder zurück nach Polen.
Eine Coming-of-Age Geschichte, in der unterschiedliche Welten aufeinandertreffen. Und mittendrin die beiden jugendlichen Geschwister, die ihren Platz suchen. Es geht um Liebe, Geld, Rassismus, Musik, Dazugehörigkeit und Bildung.
Während des Lesens spürt man die Zerrissenheit der Jugendlichen, das Zweifeln und Suchen und Hoffen. Ich mochte den Roman und konnte mich gut in die Protagonist*innen hineinversetzen. Die Atmosphäre des Sommers wurde wahnsinnig gut transportiert – war ich doch 1994 gleich alt wie die beiden und hörte selbst Nirvana. Für mich der Sommerroman mit einem 1990er Jahre Vibe inkl Soundtracks am Ende des Buchs.
Absolute Strandlektüre!
Ein Leben in Gefangenschaft
Sicheres Haus von Marina Vujcic
Der Roman ist in zweierlei Hinsicht erschütternd: häusliche Gewalt wird sehr plastisch beschrieben und das Leben im Gefängnis, als ein unvorstellbarer Zustand.
Zu Beginn liest man kurze Eindrücke von Journalist*innen, Nachbar*innen, Verkäufer*innen in der Umgebung und Polizeisprecher*innen, über all das was sie über die beiden Personen wissen: das Mordopfer, der feine Herr Professor und die Mörderin, seine Frau.
Lada Lončar sitzt im Gefängnis und lässt Revue darüber passieren, wie sie hierhergekommen ist. Wie sie ihren Ehemann kennengelernt hatte und nicht glauben konnte, welches Glück sie hatte. Der elf Jahre ältere Professor, den sie als Studentin auf der Uni kennengelernt hatte, der sich so richtig für sie interessierte, ihr zuhörte und aufmerksam zu ihr war.
Ganz langsam hat dann die häusliche Gewalt begonnen: zu Beginn, weil sie 20 Minuten später als sonst von der Arbeit nach Hause kam und er sie verdächtigte, sie sei deshalb zu spät, da sie etwas tue was er nicht möchte. Vieles hat sie getan, um den häuslichen Frieden zu wahren, der meist jedoch nur für kurze Zeit anhielt: sie durfte sich nicht mehr kleiden wie sie es wollte, sich nicht mehr schminken und sich auch vor dem Arbeiten nicht mehr duschen – alles andere hätte den Verdacht genährt, dass sie ihn betrüge. Es nützte alles dennoch nichts – er schlug und demütigte sie, er sperrte sie vor die Haustüre, er ließ sie nicht arbeiten gehen und entzog ihr Geld, er weckte sie nachts, um ihr Fragen zu stellen, die nicht beantwortbar waren, er isolierte sie von ihren Eltern, ihrer Schwester und ihren Freundinnen. Besonders arg war es, wenn er getrunken hatte.
Zur Hochzeit wurden weder Eltern noch Freunde eingeladen – er isolierte sie immer mehr. Niemand bekam mit, was vor sich ging: weder die Fehlgeburten, noch die blauen Flecken oder die Scham, mit der sie leben musste.
Ein anderer Erzählstrang berichtet von ihrem Leben im Gefängnis, den anderen Frauen in Haft und deren Taten. Die beiden Zeitebenen verweben sich gedanklich.
Hier wird aber nicht das Opfer ermordet, sondern der Täter.
Ein Roman, der echt unter die Haut geht. Es wird so nachvollziehbar dargestellt, wie die Frau sich um der Harmonie willen und als Deeskalationsmaßnahme dem Willen des Partners beugt und dabei selbst verliert.
Liebe gegen alle Konventionen
Anna Plochl von Gabriele Reiterer
Anna Plochl, der nicht standesmäßigen Ehefrau von Erzherzog Johann, wird eine fundierte Biografie gewidmet, die ihr mehr als gerecht wird.
Als Anna 15 Jahre alt ist, lernt sie den um 17 Jahre älteren Johann in Aussee zufällig kennen. Erzherzog Johann ist der Bruder des Kaisers und muss Jahre warten bis der Kaiser die Zustimmung zur Hochzeit mit der Posthalter-Tochter gibt.
Bis dahin leben sie zusammen, jedoch ohne Trauschein. Anna wird die meiste Zeit ihres Lebens alleine sein. Erzherzog Johann ist im Auftrag der kaiserlichen Familie unterwegs.
Erst Jahre nach der Hochzeit wird Anna in den Adelstand erhoben – und wird Gräfin von Meran. An den Kaiserhof in Wien begleitet sie Johann selten, sie fühlt sich dort nicht wohl und wird von den meisten abgelehnt. Am Hof bekommt sie ihre soziale Herkunft sehr zu spüren. Daher bleibt sie viel lieber auf den Gütern in der Steiermark, wird dort als Landwirtin anerkannt und sorgt mit ihrer Hands-on Mentalität für Aufschwung und Ausbau der Landgüter.
Die Kunsthistorikerin Gabriele Reiterer hat sich durch die Archive gearbeitet, Briefe und Tagebücher von Anna Plochl gesichtet und akribisch recherchiert.
Ich fand diese Biografie ganz wunderbar zu lesen. Das Buch ist schön gestaltet und reich bebildert. Ich habe bei der Lektüre reichlich Neues erfahren, nicht nur über Anna Plochl, auch über Erzherzog Johann.
Absolute Empfehlung
Ungleichheit verständlich und eindrucksvoll erklärt - sehr zu empfehlen
Eine kurze Geschichte der Gleichheit von Thomas Piketty
Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Thomas Piketty, ist diese ansprechende Graphic Novel ein wahrer Schatz.
Beginnend von der Antike bis in die Jetztzeit werden Ungleichheiten aufgezeigt, wie diese historisch gewachsen sind und sich über die Jahrhunderte entwickelten. Themen wie die Französische Revolution, als Reaktion auf gravierende soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten, Kolonialismus und Sklaverei, patriarchale Strukturen und der Klimawandel durch Umweltschädigungen sowie große Einkommensdisparitäten werden auf sehr zugängliche Weise thematisiert.
Hier wird verdeutlicht, dass der Reichtum des Westens, also der Ersten Welt, nur durch die Kolonialisierung und Ausbeutung der heute Dritten Welt erfolgte und erfolgen konnte.
Was ich auch ganz wichtig finde: es wird dargestellt, dass der Gap der Ungleichheiten im Vergleich zu vor 200 Jahren kleiner geworden ist, durch mehr Demokratie, Sozialstaat und Bildung, auch wenn es sich für uns nicht so anfühlt.
Ich finde diese Graphic Novel äußerst gelungen, sie verschafft über die wesentlichen Ungleichheiten und Verteilungen des Reichtums einen guten Überblick, ist sehr ansprechend gestaltet und lässt sich gut lesen.
Einer der ersten amerikanischen feministischen Romane
Das Erwachen von Kate Chopin
Wir befinden uns im ausgehenden 19. Jahrhundert. Edna Pontellier verbringt den Sommer mit ihrer Familie auf Grand Isle, einer Insel bei New Orleans. Sie hat einen sehr wohlhabenden Mann, Léonce Pontellier, in sehr jungen Jahren geheiratet und mit ihm zwei kleine Kinder. Es ist eine typische Ehe dieser Zeit: patriarchale Strukturen, aus Vernunft geheiratet, emotionslos, aber nicht unbedingt schlecht.
Mit den Gesprächen der Frauen im Urlaub, die sich nur um Kinder, Ehemänner und Haushalt drehen, kann sie kaum mehr etwas anfangen. Sie verbringt viel Zeit mit Robert Lebrun, dem Sohn der Vermieterin und verliebt sich in ihn. Von einem auf den anderen Tag reist Robert ab und verreist für unbestimmte Zeit nach Mexiko. Er weiß, dass diese Liebe nicht sein darf.
Nach der Rückkehr aus dem Sommerurlaub kann Edna nicht mehr in ihren Alltag zurückkehren und bricht aus den ehelichen Strukturen aus. Sie richtet kein Dinner für die Geschäftsfreunde ihres Mannes aus, die Kinder werden zu den Großeltern gebracht und sie beginnt zu malen.
Ein Roman, der mir sehr gut gefallen hat. Ednas Handlungen und Gedanken sind aus heutiger Sicht so nachvollziehbar – damals skandalös. Eine Frau, die nach Jahren feststellt, dass für sie das Lebenskonzept „Kinder, Haushalt und Ehemann“ nicht länger erfüllend ist.
Der Roman erschien 1899 in Amerika und war eine Revolution in Anbetracht der damaligen Konventionen. Im deutschsprachigen Raum wurde er erstmals 1978 veröffentlicht.
Heute gehört der Roman insbesondere in Amerika zum Kanon der feministischen Literatur.
Aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz und einem sehrklugen Nachwort von Barbara Kingsolver
Sehr gelungene Graphic Novel Adaption
New-York-Trilogie von Paul Auster; Paul Karasik; Lorenzo Mattotti; David Mazzucchelli
Habe gerade die Ghost Stories von Siri Hustvedt gelesen und da hatte es sich angeboten, Paul Austers New York Trilogie wieder zu lesen. Als “Prosa“-Lektüre habe ich mir die Trilogie schon vor ca 20 Jahren zu Gemüte geführt, wobei ich heute wenig Erinnerung daran habe, außer dass es ein absolut geniales Buch war.
Diese Graphic Novel-Adaption von „Stadt aus Glas“, „Schlagseiten“ und „Hinter verschlossenen Türen“ ist aber jedenfalls bestens geeignet den Inhalt wieder aufzufrischen.
Alle drei Detektivgeschichten sind so anders und gerade deshalb so besonders – jede einzeln inhaltlich zu beschreiben, würde hier den Rahmen sprengen. Nur so viel: jede Geschichte ist genial, surreal und unglaublich gut durchdacht. Die Stimmung ist düster und irgendwie unheimlich, weil die Protagonisten verstricken sich in Obsessionen einerseits und sind andererseits immer einsam. Dabei steigern sie sich gedanklich rein und schon nehmen die Dinge ihren Lauf.
Die Zeichnungen sind alle in schwarz-weiß gehalten, jedoch hat jede der drei Geschichten einen eigenen Stil.
Paul Karasik und David Mazzucchelli ist eine großartige Adaption gelungen, die gut mit dem Original mithalten kann.
Der Standard schreibt in seiner Kritik: „[…] Die literarischen Vorlagen werden in der Comicinszinierung der New-York-Trilogie niemals nur abgebildet, sondern erweitert und in einem ästhetischen Dialog in visuelle Allegorien und eine neue bildliche Sprache übersetzt“ – ich könnte keine besseren Worte zur Charakterisierung dieser Graphic Novel-Adaption finden.
Große Empfehlung!
Aus dem Englischen von Joachim A. Frank
Zwischen Kriegstrauma und Neuanfang
Die Fabrik von Mooses Mentula
Finnland in der Nachkriegszeit.
Vilho und seine Frau Elsa versuchen nach dem Krieg in Toiviokoski ein gemeinsames Leben aufzubauen, fern ihrer Heimat. Toiviokoski ist jene Stadt, in der eine Papierfabrik vielen Menschen Arbeit gibt und somit eine Chance auf ein Leben ohne große Entbehrungen.
Vilho ist Kriegsveteran, er hat seinen linken Arm verloren und weiß, wie schwer es sein wird, die körperlich schwere Arbeit in der Fabrik zu schaffen.
Elsa unterstützt ihn, wie es nur möglich ist, und stellt keine Ansprüche ans Leben. Sie ist das Mädchen aus der Nachbarschaft, deren Vater eigentlich einen anderen, besseren Mann für sie vorgesehen hatte.
In Rückblenden und Träumen wird Vilho immer wieder vom Krieg eingeholt, nur Tabletten helfen ihm das alles zu überstehen – mental und körperlich. Es stellt diese Abhängigkeit jedoch ein weiteres Problem dar. Mit einem Vorrat an Pillen kommt er anfangs noch gut in Toiviokoski aus, später muss er bei Dealern seine Ersparnisse dafür umsetzen.
Für mich ist das jener Bereich, der besonders stark im Roman erzählt wird: das sich Anstrengen und alle anderen Arbeitern gleichwertig sein wollen, und andererseits das Kompensieren des fehlenden Arms und das Verstecken der Medikamentensucht, denn ohne Medikamente würde er die Schmerzen bei der Arbeit nicht ertragen. Auch die Albträume und Bilder im Kopf nicht aushalten, die der Krieg verursachte, er seinen sterbeneden Freund zurückließ und zum Verlust des linken Armes führten.
Es ist eine glaubwürdige Geschichte, die genauso gewesen sein könnte nach dem Krieg und dem Wiederaufbau. Ein beeindruckender Roman, der während des Lesens unter die Haut geht und lange im Gedächtnis bleibt. Ich konnte mich so gut in die Erzählung hineinversetzen, sah alles plastisch vor mir – großartiger Roman.
Absolute Empfehlung
Nicole List gibt Erfahrungen eine Sprache, über die lange geschwiegen wurde
Angst vor Männern von Nicole List
Was für ein kluges und sehr persönliches Buch hat Nicole List geschrieben. Und nein, das schreibe ich nicht, weil sie meine Freundin ist. Man könnte denken, ich kann ja nicht anders, als positiv über das Buch zu schreiben – aber so ist es nicht.
Ich schreibe positiv über diesen Essay, weil ich in einer Generation aufgewachsen bin, in der auch ich die Erfahrung gemacht habe, dass Männer grenzüberschreitend waren und ein unangenehmes Gefühl auslösten.
Ich lernte jedoch nicht sensibel dafür zu sein, dass dies nicht in Ordnung ist, sondern es wurde nie thematisiert, zur Sprache gebracht oder sonst darüber geredet. Fast war es so, dass uns gesagt wurde „freu dich doch über das Kompliment“ oder „dem gefällst halt“. Wir haben bei und zu Grenzverletzungen gelächelt, obwohl es uns unangenehm war. Man hat es ad acta geschoben, obwohl diese Ängste und unangenehmen Gefühle gegenüber Männern in vielen Situationen absolut bekannt waren – trotzdem hat niemand darüber nachgedacht, es war halt so.
Daher bin ich Nicole dankbar (wie vielen anderen jungen Autor*innen), dass sie uns als vorhergehende Generation sensibilisieren. Es gelingt ihr vielmehr persönlich erlebte singuläre Erfahrungen zu solchen für alle Frauen zu machen und in besonderer Weise uns alle zu sensibilisieren.
Ich war bei der großartigen Premierenlesung im überfüllten Literaturhaus anwesend und hatte beim Lesen ihre Stimme im Ohr und sie selbst sprechen hören.
Ich habe den Essay ausschließlich in der U-Bahn und Straßenbahn gelesen und es war schon ein komisches Gefühl, wenn Männer neben mir saßen und auf den Buchtitel und dann auf mich geschaut haben. Solche Gefühle hatte ich nicht, wenn Frauen auf den Titel des Buches sahen. Auch das eine spezielle Erfahrungen, die vielleicht Bewusstsein schafft.
Es benötigt genau solche Bücher von jungen Frauen über verletzende Ereignisse, die in ihrer banal-bösen kruden Alltäglichkeit hier nicht thematisch wiederholt oder gar ausgebreitet werden müssen. Ihr besondere Wert liegt darin, die erzählten Erfahrungen uns alle sensibilisieren. Männer sollte dieses Buch auch lesen, damit sie (besser) verstehen, welches Verhalten uns Angst vor Männern macht.
Meine liebe Nicole, ich gratuliere dir sehr herzlich zu dem Erfolg und wünsche dir, dass deine Geschichte von vielen Leser*innen auf- und wahrgenommen wird.
Wenn Swing zum Widerstand wird: Die Geschichte der Schlurfs
Schlurfkatzen von Barbara Kadletz
Ich konnte mir unter „Schlurfs“ nichts vorstellen, bis ich zur Prämierenlesung ins Literaturhaus ging und mir von Barbara Kadletz und Jorghi Poll „alles“ über Schlurfs bei der großartigen Prämierenlesung erzählen lies.
Schlurf ist die abwertende Bezeichnung für Jugendliche aus dem Arbeiter*innenmilieu, die in den 1940er Jahren Jazz und Swing hörten und auch auf diese Konzerte gingen.
Schlurfkatzen waren die weiblichen Schlurfs. Die Schlurfs hatten auch ihre eigene Mode und längere Haare.
Die Nazis verboten diese Art von Musik, sie wurde als entartete Musik gewertet. Jedoch ließen es sich die Fans und Anhänger*innen nicht verbieten – sie gingen quasi in den Widerstand, weil sie sich diesem Verbot widersetzten. Wurden sie bei Konzerten, in Bars oder im Prater beim Jazz- oder Swinghören oder Tanzen erwischt, wurden sie in ein Erziehungslager gesteckt.
Genau so eine Geschichte erzählt Barbara Kadeltz in diesem Buch. Sie hat sich die künstlerische Freiheit genommen und drei in Österreich sehr bekannte Protagonist*innen in diese Szenen gesteckt: Helmut Qualtinger, Erni Mangold und Ernst Jandl, und sie gibt auch der vergessenen Musikerin Vera Auer eine Bühne.
Jorghi Poll hat die Prosa mit wunderbaren Zeichnungen illustriert, so das am Ende ein besonders interessantes Buch entstanden ist.
Ein historisches Thema, das so nicht sehr bekannt ist. Alleine das ist Grund genug, sich das Buch zur Hand zu nehmen und darin zu versinken.
Großartig gelungene Graphic Novel zu einem zeitgeschichtlichen Thema – gegen die Nazi-Ideologie.











