Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Gertie G.:
Süße Versuchung!
Wiener Zuckerbäckerei von Bernadette Wörndl
Dieses, in gediegener Aufmachung als Hardcover mit Lesebändchen und Goldprägung erschienene Backbuch ist eine Hommage an die Wiener Zuckerbäckerei des 19. Jahrhunderts.
Autorin Bernadette Wörndl hat die Rezepte der Zuckerbäckerin Theres Scholz (geboren 1884) in die Moderne übersetzt. Dazu musste sie die Kurrentschrift lernen und die damals üblichen Maßeinheiten wie Loth in das aktuelle System der SI-Einheiten transferieren.
Das Wagnis ist ebenso gelungen, wie die wunderbaren Fotos von Melina Kutelas.
Welche Rezepte verrät uns die Autorin?
Kuchen & Tartes
Torten
Schnitten & Rouladen
Teegebäck
Mehlspeisen
Weihnachtsgebäck
Puddings, Cremes & Eingemachtes
Die einzelnen Rezepte sind übersichtlich gestaltet und die Arbeitsanleitung praktikabel verfasst. Als Wienerin finde ist es besonders ansprechend, dass die Zutaten in österreichischem Deutsch angegeben sind. Keine Angst, ein Glossar erklärt die Begriffe.
Während ich diese Rezension schreibe, weht ein himmlischer Duft aus meiner Küche. Mann & Sohn versuchen sich soeben an Schaumrollen (S.100). Für die sonntägliche Jause ist die Mohntorte (S. 67) geplant.
Fazit:
Gerne gebe ich dieser Hommage an die Wiener Zuckerbäckerei, die nicht nur den Gaumen sondern auch das Auge erfreut, und einen Ehrenplatz im Kochbuchregal bekommen wird, 5 Sterne.
„Wer zu viel Wahrheit spricht, wird ganz gewiss gehängt.“
Mein Name ist Barbra von Barbra Streisand
„Manchmal hatte ich das Gefühl, meine Nase bekam mehr Presse als ich selbst.“
Lange mussten Fans von Barbra Streisand auf eine Autobiografie warten. Nun ist sie erschienen ! Zunächst nur auf englisch, nun aber auch auf Deutsch. Das Kuriose daran - die Rechte dafür hat Jürgen Lagger, der Eigentümer des Ein-Mann-Verlages Luftschacht in Wien und nach eigener Definition, ein Streisand-Freak, bekommen.
Nun liegt es schwer in der Hand, das Werk - 1.200 Seiten, in gediegener Aufmachung und sorgfältig gebunden.
Das Buch liest sich wunderbar. Es ist, als säße Barbra Streisand gegenüber und erzählte aus ihrem Leben. Sie gilt als schräg (Ansichtssache), perfektionistisch (klar, wenn man eine Mutter hat, die einem nichts zutraut) und als Kontrolletti (ja, muss auch sein, wenn sich Männer nicht an Absprachen halten und Szenen aus Filmen herausschneiden). Sie selbst stuft sich als schüchtern ein und kompensiert diese Schwäche (?) mit Ehrgeiz und Fleiß.
Sie spricht über ihre Filme, erklärt facettenreich die diversen technischen Details bei den Kameraeinstellungen, sowie ihr Faible für üppige Kostüme. Das mag, nachdem sie rund 20 Filme gedreht hat, für den einen oder anderen Leser mitunter ermüdend wirken. Mir hat dieser Detailreichtum rund um Filmset bzw. Theater sehr gut gefallen. Ebenso aufschlussreich und beeindruckend ist die Liste der Berühmtheiten aus Film und Theater, die Streisand im Laufe ihres Lebens kennenlernt. Mit einigen davon arbeitet sie auch dann.
Breiten Raum nimmt ihr Herzensprojekt „Yentl“ ein. Ein Film, den niemand so recht machen wollte. Daher übernimmt sie die das Schreiben des Drehbuchs, die Produktion, die Regie und die Hauptrolle gleich einmal selbst. So ist sie, die Streisand. Hindernisse sind dazu da, um überwunden zu werden.
Sie erzählt von ihren Anfängen, Fortschritten und Rückschlägen, sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Interessant ist, dass sie seit ihrer Kindheit einen Tinnitus hat. Noten lesen kann sie übrigens, nach eigener Aussage, auch nicht. Wenn sie eine neue Melodie im Kopf hat, summt sie die dem Pianisten oder Bandleader vor, damit er sie niederschreibt und arrangiert.
An einigen Stellen prangert sie das frauenfeindliche Klima in der Filmwelt an. Als hübsches Gesicht sind Frauen gefragt, da sie Geld in die Kassen spülen, als Produzentinnen oder Regisseurinnen werden sie von der Lobby der alten weißen Männer negiert. Sie spricht auch den eklatanten Unterschied bei den Gagen an.
„Wer zu viel Wahrheit spricht, wird ganz gewiss gehängt.“
Ergänzt wird dieses opulente Werk durch zahlreiche Fotos, Zitate sowie Liedtexte und Auszügen aus Dialogen von Streisands Filmen und Theaterstücken.
Fazit:
Mir hat diese Autobiografie und die Geschichte, wie es zur deutschen Veröffentlichung gekommen ist, ausgezeichnet gefallen. Gerne bewerte ich dieses Buch mit 5 Sternen.
Eine faszinierende Familiengeschichte
Die Kinder des Hofjuweliers von Gunnar Bolin
Zunächst muss ich vorausschicken, dass ich hier etwas ganz anderes erwartet habe, nämlich die Geschichte einer Juweliersdynastie à la Cartier oder Fabergé. Juwelen spielen in dieser dennoch interessanten und nicht immer friktionsfreien Familiengeschichte nur eine ganz winzige Rolle. Dafür erhalte ich Einblick in eine Familie, deren Mitglieder über halb Europa verstreut sind und am Rande die Familie meines Mannes tangiert.
Worum gehts also?
In Småryd, außerhalb der südschwedischen Kleinstadt Båstad, steht die Sommervilla der Familie Bolin. Die Villa, die einst vom russischen Hofjuwelier Wilhelm Bolin errichtet und zu einem Zufluchtsort der Familie worden ist. Dort entdeckt Wilhelms Urenkel Gunnar auf dem Dachboden Kartons voll mit Briefen, aus den Jahren von 1918 bis 1947, sowie Fotos, die vom Schicksal des Lebens im Schatten der großen politischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts zeugen. Von seinem Urgroßvater Wilhelm während der russischen Revolution, aber auch von seiner Großmutter Karin, Nichte des Wiener Bürgermeisters Karl Seitz, die in den 1920er Jahren nach Österreich kam und den Sozialisten Ernst Hoffenreich heiratete. Wie kommt Maria, Karins Mutter und Schwester von Karl Seitz nach Moskau?
Wie ist es Karin ergangen, die in der Moskauer Oberschicht in einem Haus mit zahlreichen Bediensteten aufgewachsen ist, als sie sich in einen österreichischen Sozialisten verliebt hat? Oder ihrem Sohn Gerhard, der bei seinem nationalsozialistischen Onkel aufgewachsen ist und für die Deutsche Wehrmacht in den Krieg ziehen musste?
In Gesprächen mit seinem Vater Gerhard geht der Autor, Gunnar Bolin, geboren 1957 in Stockholm, seiner Familiengeschichte auf den Grund. Er beleuchtet sie immer auch in Zusammenhang mit der europäischen Geschichte der Zwischenkriegszeit. Das Resultat ist ein außergewöhnlich detailliertes und persönliches Zeugnis, in dessen Zentrum die mehrmalige Flucht und Vertreibung sowie der österreichischen Politik zwischen den Weltkriegen und nach 1945 beschreibt.
Meine Meinung:
Journalist und Autor Gunnar Bolin hat aus den zahlreichen Briefen und Erinnungsstücken seiner weit verzweigten Familie eine fesselnde Familienbiografie erstellt. Die Lücken, die aus verschiedenen Gründen vorhanden sind, füllt er behutsam. Manches erfährt er über Dritte, manches ist in Archiven nachzulesen. Die Familiengeschichte ist aus mehreren Perspektiven erzählt.
Faszinierend ist, wie vielsprachig die Familie ist: Neben russisch und schwedisch sprechen die meisten englisch und deutsch. Interessant auch, dass der kleine jüdische Zweig in der NS-Zeit nicht aufgefallen ist und keine Konsequenzen hatte.
Wie Gunnar Bolins Geschichte die meines Mannes berührt?
Seine Mutter, also meine geschätzte Schwiegermutter, stammt aus Bad Sauerbrunn (damals noch ohne Bad), in jenem Ort, in dem Ernst Hoffenreich gleich zwei Mal Bürgermeister war. Einmal wie im Buch beschrieben 1927-1934 bevor im Ständestaat die Sozialistische Partei verboten und ihre Funktionäre verhaftet worden sind und ein zweites Mal (was aber im Buch nicht erwähnt wird) von 1949-1951. Ihm folgt dann Schwiegermutters Vater, Stefan Reich, für die Jahre 1951-1958 als Bürgermeister nach.
So viel, zur Kleinheit der Welt. Man muss nur aufmerksam genug sein, um Zusammenhänge zu entdecken.
Das Cover, das mich nicht gar so begeistert, soll vermutlich die Villa Bolin in Småryd darstellen.
Fazit:
Eine faszinierende Familiengeschichte, auch wenn Juwelen keine Rolle spielen. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.
Aus dem Leben eines Kriegschirurgen
Dissonanzen von Flavio Del Ponte
Humanitäre Hilfe ist ein Mittel gegen den Krieg
Autor und Arzt Flavio del Ponto feiert 2024 seinen 80. Geburtstag, Grund genug, sein abenteuerliches Leben Revue passieren zu lassen. Doch der eigentliche Anlass dieses Buch zu schreiben, ist der 24. Februar 2022, als Putins Truppen in der Ukraine einmarschiert sind und er ein Déjà-vu von toten Soldaten und Zivilisten hat.
Der Schweizer Flavio del Ponte war meistens als Arzt im Auftrag des Internationalen Roten Kreuzes 40 Jahre lang als an den unterschiedlichsten Kriegsschauplätzen der Welt. Seine Einsätze führten ihn unter anderem nach Kambodscha, Afghanistan und Ruanda, wo er - wie er erzählt - die am Straßenrand gestapelten Leichensäcke zählt. Ein schwieriger Einsatz war auch jener in Rumänien, als nach dem Sturz des Diktatorenehepaares Elena und Nicolae Ceaușescu, auf Hunderte völlig verwahrloste Waisenkinder trifft, die in ebenso verwahrlosten, ungeheizten Häuser dahinvegetieren.
Flavio del Ponte berichtet über seine langjährige Tätigkeit als Kriegschirurg, der nicht zwischen den Kriegsparteien unterscheidet. Ob Freund oder Feind - er behandelt beide. Zunächst ist natürlich die Erstversorgung vorrangig. Doch del Ponte macht sich auch Gedanken darüber, welches Leben die Opfer der Kriege, denen oft Arme oder/und Beine amputiert werden mussten, führen werden. Am Ende des Buches sind ein paar Fotos von Kindern, denen Minen Gliedmaßen zerfetzt haben zu sehen.
"Man darf die Menschen nicht im Stich lassen, das Leiden ist groß"
Manche Absätze lesen sich ein wenig distanziert, doch vermute ich hier eine Art Selbstschutz, um nicht angesichts des Leids, dass sich die Menschen untereinander zufügen, den Verstand zu verlieren, gleichzeitig spricht er hin und wieder von großen Abenteuern. Da kommt mir gleich der 1970 entstandene Film M*A*S*H mit Elliott Gould, Donald Sutherland und Tom Skeritt in den Sinn, der im Korea-Krieg spielt. So waren seine Einsätze sicher nicht.
Wenn man den Status der aktuellen Weltlage betrachtet, wird den Ärzten an den diversen Kriegsschauplätzen die Arbeit weiterhin leider nicht ausgehen.
Fazit:
Wenn Flavio del Ponte sagt, "Humanitäre Hilfe ist ein Mittel gegen den Krieg" wird er wohl wissen, worüber er spricht. 4 Sterne
Fesselnd bis zur letzten Seite
Zürcher Verrat von Gabriela Kasperski
In ihrem 9. Krimi rund um Zita Schneyder und Werner Meier deckt Autorin Gabriela Kasperksi abermals ein unrühmliches Kapitel der neutralen Schweiz in den Jahren des NS-Regimes in Deutschland auf.
Während die Arien der Zürcher Opernhauses zu Mittsommer über den Sechseläutenplatz erschallen, hat die Chorleiterin Lou Müller einen veritablen Streit mit ihrem gewalttätigen Ex-Mann Anselm, der kurz darauf tot im Orchestergraben liegt.
Werner Schneider, dessen kleine Tochter Lily trotz ihrer Hörbehinderung im Opernchor singt, sitzt im Publikum und erhält den Auftrag zu ermitteln. Recht schnell ist klar, dass hier ein Mord vorliegt und Lou tatverdächtig ist. Doch sowohl Lou als auch ein Bühnenarbeiter, der möglicherweise etwas gesehen hat, sind verschwunden. Doch eigentlich bräuchte Meier nur seiner Tochter zuzuhören, um zu erfahren was wirklich passiert ist.
Gleichzeitig erhält Han Ly, die Leiterin des Opernhauses, Erpresserbriefe, in denen man ihre Vergangenheit aufzudecken droht.
Hängt diese Erpressung mit dem zweiten Erzählstrang, in dem es um die Judenverfolgung in NS-Deutschland und die Rolle der Schweiz, die kaum jüdische Flüchtlinge aufnimmt, zusammen?
Und wer ist der Mann, der sich sowohl an Zita als auch an Charlotte, Lous Tochter, heranmacht?
Meine Meinung:
Gabriela Kasperski ist es abermals gelungen, einen Krimi zu schreiben, der bis zur letzten Seite fesselt. Auch wenn man es in der Schweiz ungern zugibt, Antisemitismus ist damals wie heute weit verbreitet. Hinzu kommt, dass auch Schweizer Profiteure die Notlage der Juden während der NS-Zeit ausgenützt und Geld sowie andere Wertsachen unterschlagen haben.
Geschickt sind die beiden Handlungsstränge verknüpft und zu Beginn des Krimis ist es nicht ganz klar, wie die beiden zusammenhängen. Erst nach und nach kommen die düsteren Geheimnisse ans Tageslicht.
Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, wodurch die Spannung erhöht wird.
Wie schon aus den Vorgängern bekannt, ist das Familienleben von Zita Schneyder & Werner Meier nicht ganz unproblematisch. Beide sind starke Persönlichkeiten und gehen, wenn sie Kriminalfälle zu bearbeiten haben mit großem Engagement an die Sache heran. Da kann es schon vorkommen, dass der streng getaktete Wochenplan, um die vier Kinder und den Haushalt zu schupfen, aus dem Gleichgewicht gerät. Auch über die Erziehungsmethoden ist man sich nicht immer ganz einig, rauft sich aber wieder zusammen. Bin schon neugierig, wie sich die Beziehung weiterentwickelt, nachdem Meier nun eine Fix-Anstellung bei der Polizei erhält.
Fazit:
Diesem Krimi, der die unrühmliche Rolle der Schweiz während der Judenverfolgungen beleuchtet und bis zur letzten Seite fesselt, gebe ich 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Interessantes Buch
Fritten mit Napoleon von Achim Konejung
Dieses Buch von Autor Achim Konejung ist nicht ganz leicht einzuordnen. Ein Sachbuch über touristisch aufbereitete Exkursionen zu den Schlachtfeldern von Waterloo über Verdun zum Westwall, Soldatenfriedhöfe inklusive? Kindheitserinnerungen an Ruinen und keine Antworten auf Fragen nach dem Krieg? Wortfetzen aus Erzählungen des Vaters, Onkels und Großvaters immer mit dem Vermerk, für eine Antwort „noch zu klein zu sein“? Wann ist man alt genug, etwas über den Krieg zu erfahren? Hilft es, andere Erwachsen zu fragen und ihren Worten zu glauben? Oder ist der Gang in die örtliche Bibliothek der richtige Weg? Oder muss man, wie der Autor als Battlefield-Guide Touristen über die Schlachtfelder führen, um das Grauen des Krieges wirklich verstehen zu können?
Nun, ich persönlich habe das Buch einerseits als Erinnerungen an die Kindheit und Jugend eingestuft, zumal der Autor von den zahlreichen berufsbedingten Umzügen der Familie berichtet, und andererseits in die Geschichte einer Spurensuche nach historischen Gedenkstätten.
An manchen Stellen, wie dem Schlachtfeld rund um Waterloo und Belle Alliance, habe ich mich dem Autor sehr nahe gefühlt. Meine Freundin hat über zwanzig Jahre in Brüssel gelebt und bei einem meiner Besuche (2014) habe ich das Wellington-Museum sowie den Butte de Lion und das Museum in Waterloo besichtigt. Leider war das Areal gerade eine Baustelle, um für die Gedenkveranstaltungen für das 200-Jahr-Jubiläum 1815/2015 gerüstet zu sein. An dem Tag hat es geregnet und der Matsch war knöcheltief. So habe ich persönlich einen ungefähren Eindruck von den Bedingungen, die bei der Schlacht geherrscht haben müssen, bekommen.
Achim Konejung verknüpft in seinen Reisen zu Schauplätzen, die Europas Geschichte nachhaltig beeinflusst haben, Geschichte und Gegenwart mit seiner persönlichen Analyse. Über allem schwebt die Frage, ob man aus der Geschichte lernen kann oder ob das lediglich ein frommer Wunsch ist.
Die ständige Beschäftigung mit den Toten und Verstümmelten der Kriege lässt Konejung nicht kalt. Er muss sein Egagement als Battlefield-Guide letztlich aufgeben, denn zwischen dem ehrlichen Gedenken zahlreicher Besucher an Verwandte mischt sich die makabre Sensationsgier mancher Schaulustiger.
Fazit:
Ein interessantes Buch, das unter anderem die Frage aufwirft, ob Kriege noch zeitgemäß sind. Die Antwort kann man leider in den täglichen Nachrichten lesen. 4 Sterne.
Ein Frauenleben im 19. Jahrhundert
Die Wachsflügelfrau von Achim Konejung
Dieses Buch der 1933 geborenen Autorin Eveline Hasler ist bereits 1991 und 1995 erschienen und wurde nun neu aufgelegt.
»Ich habe es in Zürich erfahren: Man hält die Frauenhand für zu zart, um ein Gesetzbuch zu halten. Auch die Unterscheidung von Gut und Böse, das Urteil über Richtig und Falsch gilt seit jeher als Männersache.
«
Wie schon in „Anna Göldin, letzte Hexe“ beschäftigt sich die Autorin in „Die Wachsflügelfrau“ mit einer Frau, die sich nicht in die Zeit eingefügt hat. Anders als Anna Göldin wird Dr. Emiliy Kempin-Spyri (1853-1901) nicht hingerichtet, muss aber ihre letzten Lebensjahre entmündigt in einer Zürcher Irrenanstalt verbringen.
Wer ist sie nun, diese Dr. Emiliy Kempin-Spyri, die erste promovierte Juristin der Schweiz, die man dennoch nicht als Anwältin arbeiten lässt?
Geboren 1853 in Altstetten als Tochter eines Pfarrers und Nicht der bekannten Kinderbuchautorin Johanna Spyri, ist sie schon als Kind klug, wissbegierig und zielstrebig. Eigentlich will sie nicht heiraten sondern studieren. Doch zunächst wird sie mit dem Pfarrer Walter Kempin verheiratet, bekommt drei Kinder und beginnt im Alter von 31 Jahren ihr Jurastudium, das sie nach zahlreichen Hindernissen abschließen kann. Allerdings darf sie nicht als Juristin arbeiten, da ihr, wie allen Frauen in der Schweiz, das Aktivrecht (= Wahlrecht) fehlt. Zahlreiche Eingaben, das Gesetz dahin gehend zu ändern, werden ua. mit der Begründung „zu neu und zu kühn“ (!!) abgelehnt. Inzwischen ist Walter arbeitslos und Emily sorgt mit Gelegenheitsarbeiten für den Familienunterhalt. Sie müssen mehrmals umziehen und als sich die Gelegenheit ergibt nach Amerika auszuwandern, ergreift Emily gegen den Willen von Walter die Chance. Nach anfängliche Schwierigkeiten kann sie als Anwältin und Dozentin arbeiten und gründet das erste Women Law College. Nach zwei Jahren kehren sie desillusioniert wieder in die Schweiz zurück.
Als Walter dann selbst ein Jura-Studium abschließt, bekommt er sofort eine Zulassung als Anwalt, obwohl er weder Ehrgeiz noch Können aufweist. Seine Frau muss ihn mit Schriftsätzen unterstützen, darf aber selbst nicht vor Gericht erscheinen. Dass die Ehe nicht hält, ist klar.
Letztlich wird die unermüdlich für Frauenrechte kämpfende Emiliy Kempin-Spyri, die so überhaupt nicht ins System passt, für geisteskrank erklärt und entmündigt. Sie verbringt ihre letzten Lebensjahre von der Außenwelt und ihrer Familie abgeschnitten in einer Irrenanstalt. Emiliy Kempin-Spyri stirbt 1901 an Unterleibskrebs.
Meine Meinung:
Autorin Eveline Hasler nimmt sich grundsätzlich interessanter Themen und Frauengestalten an. Man erinnere sich, erst 1971 hat die Schweiz den Frauen die vollen Bürgerrecht und damit das Wahlrecht eingeräumt.
Der Schreibstil passt zum Alter der Autorin sowie zum Zeitalter, in dem Dr. Emiliy Kempin-Spyri gelebt hat. Ich kenne die früheren Ausgaben des Buches nicht und kann daher nicht sagen, ob das Stilmittel, in der direkten Rede auf die Redezeichen zu verzichten 1991 bzw. 1995 auch schon verwendet worden ist.
Interessant, dass es nur wenige authentische Quellen über Emiliy Kempin-Spyri gibt, so als wollte man die Erinnerung an eine unbequeme Frau auslöschen. Nicht einmal ihre Krankengeschichte ist in den Archiven erhalten. Wer die Einweisung und Entmündigung betrieben hat, bleibt im Dunklen. Ich denke, es war der Ehemann, der ohne sein unangepasste Ehefrau ein neues Leben beginnen konnte.
Trotzdem schafft es die Autorin eine spannende Geschichte rund um Emiliy Kempin-Spyri zu weben. Interessant ist, dass ihre Johanna Spyri, obwohl sie lange Zeit als Vorbild für Emiliy gedient hat, ihr nicht wirklich beigestanden ist, sondern die tradierten Ansichten über ein Frauenleben befürwortet hat.
Fazit:
Eine interessante Biografie einer Frau, die ihrer Zeit weit voraus war und dafür in eine Irrenanstalt gesperrt worden ist. 4 Sterne.
Eine Liebeserklärung in Bildern
Salzburg von Wöckinger Christian
Mit diesem Buch hat Fotograf Christian Wöckinger eine Liebeserklärung an die Stadt Salzburg in 120 Bildern geschaffen. Die sorgfältig ausgewählten Fotografien zeigen die Stadt abseits der ausgetretenen Touristenpfade. Ergänzt wird dieser Bildband durch einen kurzen Abriss der Geschichte von Arnold Klaffenböck sowie einem Essay von Eva Krallinger-Gruber.
Selbst für Einheimische gibt es in diesem Bildband noch Unbekanntes zu entdecken wie mir ein Salzburger anerkennend bestätigt hat. Obwohl ich regelmäßig nach Salzburg komme, habe ich das eine oder andere Motive nicht gleich auf den ersten Blick erkannt. Erst der Hinweis auf der Bildunterschrift hat mir das „ach ja, dort ist es aufgenommen worden“ entlockt.
Vielleicht wird die eine oder andere Stimme laut, die meint "Nicht noch ein Buch über Salzburg. Die füllen eh schon ganze Bücherregale". Ich finde, man kann nie genug Bücher über seine Lieblingsstädte haben.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Bildband der Stadt Salzburg, der für Einheimische und Fremde sowie Dagebliebene und Wiederkehrende die eine oder andere Überraschung enthüllt, 5 Sterne.
Schatten der Vergangenheit
Mord im Böhmischen Prater von Beate Maly
Der neunte Fall für die pensionierte Lateinlehrerin Ernestine Kirsch und ihren Lebenspartner den pensionierten Apotheker Anton Böck führt die beiden in den 10. Wiener Bezirk Favoriten, genauer gesagt in den Böhmischen Prater.
Bei einem Spaziergang auf dem Gelände des Vergnügungsparks, der eine kleine.
bescheidene Kopie des Wiener Praters ist, gräbt Minna, die Hündin von Antons Enkelin Rosa, einen menschlichen Knochen aus. Natürlich wittert Ernestine sofort ein Verbrechen.
Recht schnell macht das Gerücht die Runde, die Knochen könnten von einer hübschen jungen Frau stammen, von der man bislang glaubte, sie wäre mit einem reichen, geheimnisvollen Liebhaber durchgebrannt. Ein Cold Case?
Bei ihren Recherchen und Schnüffeleien stoßen Ernestine und Anton auf einige Geheimnisse, die wohl besser unentdeckt geblieben wären.
Meine Meinung:
Wie schon in den Vorgängern gelingt es Autorin Beate Maly die Stimmung der 1920er-Jahre bestens einzufangen.
Wir erfahren einiges über die frühere Macht der Ziegeleibesitzer und die Ohnmacht der sogenannten „Ziegelbehm“, also jene ungelernten Arbeiterinnen und Arbeiter, die unter schier unvorstellbarem Elend in den Ziegelwerken rund um den Böhmischen Prater schuften mussten.
Die liebevoll gezeichneten Figuren sind immer ein Garant für schöne und amüsante Lesestunden. Ernestine Kirsch und Anton Böck sind einfach ein unverwechselbares Ermittlerpaar. Schmunzeln darf man, wenn Ernestine ihren Anton mit der Aussicht auf eine Mehlspeise zu weiteren Nachforschungen anspornt. Diesmal sind es die böhmischen Mehlspeisen, die es Anton angetan haben, die ihn dazu verleiten, sich selbst in die Küche zu stellen.
Schwiegersohn Erich Felsberg ist wieder mit den Ermittlungen betraut und obwohl er sich die Einmischungen von Ernestine und Anton (erfolglos) verbittet, tauscht man sich innerhalb der Familie über den Kriminalfall aus. Diesmal allerdings kann er über die neugierige Nase von Ernstine ziemlich frph sein. Warum? Das verrate ich nicht.
Gut gefallen hat mir, dass erstens das Fräulein Irmi, die Sekretärin in Erich Felsbergs Dienststelle eine größere Rolle spielen darf und zweitens, dass Werner Wedel, einer seiner Mitarbeiter, sich von den antisemitischen Sprüchen seines Kollegen Julius Pinter distanziert. Ob das so bleiben wird?
„Er ist mein Vorgesetzter“ entgegnete Wedel „und solange er mich ordentlich behandelt, werde ich nicht gegen ihn schießen. Jude hin oder her. Es ist mir hundertmal lieber an einem spannenden Fall zu arbeiten, als immer bloß Akten von einem Zimmer ins andere zu tragen. Dafür bin ich nicht zur Kriminalpolizei gegangen. Irgendwann will ich auch die Karriereleiter hochklettern. Dafür muss ich Erfolge vorweisen können.“
Es ist zu hoffen, dass diese Einstellung Wedels Erich gegenüber länger anhält.
Das Cover ist wieder einmal super gelungen und passt perfekt zu den anderen der Reihe.
Fazit:
Gerne gebe ich hier abermals 5 Sterne und warte gespannt auf den nächsten Band.
Auf den Spuren der Wikinger nach Amerika
Erik der Rote von Øystein Morten
Autor Øystein Morten macht sich gemeinsam mit seinem elfjährigen Sohn Sigurd auf, den Spuren des legendären Erik dem Roten zu folgen. Die Basis, also quasi die Naviagtionslinie sind vierzig Zeilen aus dem Heldenepos, das das Leben von Erik erzählt.
Es ist interessant und spannend nachzulesen, wie aus bruchstückhaften Informationen am Ende dann ein doch sehr schlüssiges Bild entstehen kann, auch wenn viel Spekulation dabei mithelfen muss.
Das Fehlen von Artefakten und schriftlichen Aufzeichnungen lassen einen breiten Interpretationsspielraum zu.
Øystein Morten zitiert mehrmals aus dem Landnahmebuch und der Grönländersaga. Angaben zu den verwendeten Quellen finden sich im Anhang ebenso wie ein ausführliches Glossar und Landkarten. Zahlreiche Fotos ergänzen diese Reise auf den Spuren von Erik dem Roten.
Obwohl das Buch zahlreiche bislang unbekannte Fakten enthält, hat es eine kleine Schwäche: Stellenweise liest es sich wie ein Tagebuch oder Blog. Manchmal tritt der historische Hintergrund ob der Beschreibung der auf einer Reise mit dem Auto üblichen Verrichtungen wie Tanken oder Übernachtungen, in den Hintergrund. Das finde ich sehr schade.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Buch, das einiges aus dem Leben von Erik dem Roten und seinen Nachfahren erzählt, 4 Sterne.











