Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Gertie G.:
Hat mich nicht ganz überzeugt
Die blinde Zeugin von Volker Dützer
Dieses Buch ist 2015 erstmals unter dem Titel „Treibsand“ erschienen und ist ein rasanter und facettenreicher Thriller, in dem fast jeder der Protagonisten ein Geheimnis hat.
Die junge Trickbetrügerin Samantha „Sammy“ Baring wird Zeugin eines Mordes und gerät dadurch in Lebensgefahr. Zur Polizei gehen ist nicht möglich, zumal ein hochrangiger korrupter Polizist die schützende Hand über den Täter hält.
Es scheint, als ob lediglich der ehemalige Polizist Jan Stettner der jungen Frau helfen könnte. Doch der hat wenig Lust, seinem früheren Vorgesetzten zu begegnen. Doch dann siegt die Vorstellung, es endlich dem intriganten Vorgesetzten heimzahlen zu können.
Noch wissen beide nicht, worauf sie sich einlassen ...
Meine Meinung:
Ich lese gerne Volker Dützers Kriminalromane. Besonders jene historischen, die im Umfeld des Zweiten Weltkrieges angesiedelt sind, habe ich verschlungen.
Dieser hier hat mir nicht ganz so gut gefallen. In einigen Szenen wird ein bisschen zu dick aufgetragen. Dass sich ein Firmenchef als Alleinherrscher über ein Dorf aufspielt und Abhängigkeiten erzeugt, habe ich schon öfters gelesen. Manches liest sich wie die Feudalherrschaft des Mittelalters mit Frondiensten. Entweder man macht das, was der Boss will, oder man bekommt im ganzen Umkreis keinen Fuß mehr auf den Boden. Von den Eingeschüchtert hat das niemand ausprobiert, so dass der Wahrheitsgehalt nicht überprüft werden kann.
Der Titel ist irreführend, denn Sammy verliert auf Grund eines Brandanschlags für einige Zeit ihr Sehvermögen. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen sind die Brandwunden im Gesicht und am Körper super verheilt und machen keine Beschwerden. Wer jemals eine größere Verbrennung zweites Grades gehabt hat, wird wissen, dass damit nicht zu spaßen ist.
Fazit:
Dieser Thriller hat nicht ganz meine Erwartungen erfüllt, daher bekommt er 4 Sterne.
Eine gelungene Fortsetzung
Wiesnkatz von Kaspar Panizza
Obwohl Münchner ist Kommissar Steinböck kein Freund des Oktoberfestes und weicht dem alkoholschwangeren Rummel auf der Theresien-Wiese großräumig aus. Blöderweise muss er in seinem 9. Fall genau dort ermitteln.
Denn ein Serienmörder treibt sich unter den Schaustellern herum, der seine Taten vorab mittels Abzählreim sowohl bei der Polizei als auch bei der Lokalreporterin Sabine Husup ankündigt.
Mehrmals kommen Steinböck & Co zu spät.
Bei Tageslicht erscheint das Festgelände nicht ganz so glamourös wie bei Nacht. Gemeinsam mit Frau Merkel, die sich der amourösen Ambitionen des Geisterbahn-Katers Berlusconi erwehren muss, wird intensiv auf der ungeliebten Wiesn ermittelt.
Meine Meinung:
Ich kann Kommissar Steinböcks Aversion gegen diese Massenveranstaltung durchaus verstehen, auch wenn das viele Leser vielleicht anders sehen.
Wie schon in den Vorgängern ist die Zwiesprache zwischen Steinböck und der Katze das Hauptelement diese Reihe. Die herrlich bissigen Kommentare der Katz wie zum Beispiel zu Steinböcks Boxershorts, lassen mich jedes Mal laut auflachen.
Auch wenn die Krimis immer wieder nach dem selben Strickmuster geschrieben sind, freue ich mich jedes Jahr auf einen neuen Fall. Es ist einfach wie heimkommen: Die Hauptpersonen, also die Ermittler (neben Steinböck Ilona Hasleitner und Emil Mayer jun.) sowie Steinböcks Freunde (Sokrates und Horsti Schmalzl) und Feinde (Sabine Husup und Staatssekretär Ferdel Bruchmayer) erwarten mich. Daneben gibt es immer wieder den einen oder anderen neuen Charakter. Diesmal scheint es mit Candela eine Figur zu geben, die von der Katz akzeptiert ist und bleiben darf. Unser Kommissar hat sich in die Spanierin mit Wohnsitz auf Mallorca verliebt. Zunächst geht es einmal in den wohlverdienten Urlaub, selbstverständlich ist die Katz mit an Bord. Darüber wird man hoffentlich im Band 10 lesen.
Fazit:
Eine gelungene Fortsetzung, der ich gerne wieder 5 Sterne gebe.
Hat noch ein wenig Luft nach oben
Tod im Piemont - Trüffel, Nougat und Barolo von Anna Merati
Sofia Dalmasso betreibt in Corrazzo, einem Bergdorf unweit des Lago Maggiore ein kleines Café, dass sie von ihrer Großmutter Valerija geerbt hat. Doch ihre Großmutter hat sie nicht nur das Torten, Kekse und Nudel machen gelehrt, sondern auch das Kaffeesatzlesen. Das erfreut sich bei den Dorfbewohnern und Fremden großer Beliebtheit, weshalb sie sich nicht wundert, dass ein Fremder einen Mokka bestellt, das Codewort für die ungewöhnliche Dienstleistung.
Sie sieht erstmals das Zeichen für Tod, warnt den Mann, kein Risiko einzugehen. Blöderweise ist er am nächsten Tag tot. Doch nicht nur tot, sondern stranguliert und jemand täuscht einen Selbstmord vor. Sofia ist von Schuldgefühlen geplagt, denn Mann nicht ausdrücklicher vor der drohenden Gefahr gewarnt zu haben und beginnt sich im Dorf umzuhören. Dabei entdeckt sie, dass vor Jahren eine Familie dieses Namen in Corrazza ansässig war, aber sich niemand an die Leute erinnern will. Auch ihre Eltern und die ihrer besten Freundin Laura hüllen sich in Schweigen.
Als dann herauskommt, dass der Bruder des Toten vor 23 Jahren bei einem Verkehrsunfall mit Fahrerflucht getötet worden ist, lässt sie nicht locker, um die Wahrheit herauszufinden. Dass sie bei ihren Schnüffeleien einen smarten Commissario kennenlernt, gibt diesem Krimi einen leichten, sommerlichen Anstrich.
Meine Meinung:
Dieser Reihen-Auftakt von Anna Merati hat alles für einen leicht lesbaren Sommerkrimi: Eine schöne Landschaft, gutes Essen und Trinken, eine vorwitzige Hobbyermittlerin, einen smarten Commissario und eine verschwiegen Dorfgemeinschaft sowie die eine oder andere falsche Fährt. Die 288 Seiten sind schnell gelesen.
Eine komplexe Handlung mit tiefschürfenden Dialogen darf man sich hier nicht erwarten. Dafür darf man Sofia beim Teig kneten, Kekse backen (Baci da Dama) und kochen über die Schulter schauen. Hier hätte ich mir das eine oder andere piemontesische Rezept gewünscht, denn der Duft der Rosmarinkartoffel und der Kekse hat meine Nase erreicht.
Anna Merati ist das Pseudoym von Dorothea Böhem, die ich schon als Autorin anderer Krimis kenne.
Fazit:
Ein leichter Sommerkrimi, der perfekt zu Liegestuhl und einem Glas Barolo passt. Gerne gebe ich hier 3 Sterne.
Fesselnd bis zur letzten Seite
Tatort Hafen - Tod im Schatten der Elbflut von Kästner & Kästner
Hamburg droht, wie im Februar 1962, eine gewaltige Sturmflut. Doch diesmal scheinen die Behörden dank Hochwasserschutzbauten, moderner Kommunikation sowie gebündelter Einsatzkräfte, dem Unwetter gewachsen zu sein. Doch die drohende Sturmflut ist nicht das einzige Problem mit der Krisenstab unter der Leitung von Hafenkommissar Tom Bendixen von der Wasserschutzpolizei zu kämpfen hat.
Während Bendixen seine Leute an jene Stellen, die akut der Hilfe bedürfen dirigiert, läuft als eines der letzten Containerschiffe die Global Endeaver im Hamburger Hafen ein.
Wenig später wird ein toter Afrikaner, der mit in einem Overall, der von der Global Endeaver stammt, aus der tosenden Elbe geborgen. KHK Joanna Jakobi und Tom Bendixen halten Nachschau auf dem Schiff. Die Durchsuchung des Schiffes ergibt, dass sich vier blinde Passagier an Bord befunden haben, von denen nur eine Frau und ihr kleiner Sohn anwesend sind. Ein Crew-Mitglied ist abgängig. Niemand weiß oder gibt vor, nicht zu wissen, wohin die Offiziersanwärterin verschwunden ist. Und das ist nicht das einzige Geheimnis, das die Besatzung geschickt vor den Ermittlern verbirgt.
Während das Wasser im Hamburg unaufhörlich steigt und dich der kritischen Marke von 7,30 m über Normalnull nähert, Straßen und Plätze geräumt werden müssen, stellen sowohl der Hamburger Hafen als auch die Verkehrsbetriebe ihren Betrieb ein. Gleichzeitig ist Tom in Sorge um seine Frau Lisa, die auf keinen der Anrufe reagiert.
Meine Meinung:
Nachdem ich vor kurzem Anja Marschalls historischen Roman zur Sturmflut von 1962 gelesen habe, findet Tom Bendixen eine ungleich bessere Ausgangssituation vor, auch wenn ihn das Unwetter und die Vorkommnisse auf dem Containerschiff ziemlich fordern.
Dieser zweite Band ist wie heimkommen. Zunächst einmal in meine liebste deutsche Stadt Hamburg, wenn auch bei ziemlichen Schietwetter, und das Wiedersehen mit den Charakteren aus dem letzten Fall. Krisen-Psychologin Charlotte Severin hat nach wie vor kein Rezept gegen ihren gewalttätigen Ex, der sie und ihre kleine Tochter trotz mehrmaliger Wohnungswechsel immer wieder findet und bedroht. Woher bekommt er ihre Adresse? Was ist mit dem Datenschutz? Gibt es eine undichte Stelle bei der Polizei?
Mir hat dieser Fall sehr gut gefallen. Für alle jene, die mit den nautischen Begriffe bzw. dem Hafen- und Polizeijargon nicht vertraut sind, gibt es im Anhang ein ausführliches Glossar.
Fazit:
Die kurze Leseprobe lässt mich ungeduldig auf Fall drei warten. Diesem zweiten Band gebe ich jedenfalls 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Fesselnd bis zur letzten Seite
Im Schatten des Sommers von Silke Ziegler
Als die deutsche Tierärztin Sophia Mildner einen Anruf der französischen Polizei erhält, die ihr mitteilt, dass ein bislang nicht identifizierter, bei einem Autounfall schwer verletzter Mann gefunden worden ist, der ein altes Foto bei sich getragen hat, auf dem niemand anderes als Sophia im Kleinkindalter und ihre Mutter abgebildet ist, kommt ihr Kindheitstrauma wieder zum Vorschein.
Sie setzt sich gemeinsam mit ihrem Hund Tim ins Auto und fährt nach Südfrankreich, wo vor mehr als zwanzig Jahren ihre Eltern und ihr kleiner Bruder auf unerklärliche Weise verschwunden sind.
Wird dieser Mann Licht ins Dunkel rund um das Drama ihrer Familie bringen können?
Gleich nach ihrer Ankunft gerät sie mit dem aktuell ermittelnden Polizisten Nicolas Rousseau aneinander, dessen Vater seinerzeit ermittelt hat und nun nach einem Schlaganfall in einem Pflegeheim lebt. Dabei verbindet die beiden mehr, als sie ahnen …
Neben den Ermittlungen liegt der Fokus dieses Krimis auf Antoine, einem jungen Mann, der zahlreiche Geheimnisse hat und sich eigenartig verhält. Welche Rolle spielt er in diesem Krimi?
Meine Meinung:
Silke Ziegler ist hier ein fesselnder Kriminalroman gelungen, der die Ereignisse der Vergangenheit mit den aktuellen sehr gut verknüpft.
Sophia Midler will endlich wissen, was damals wirklich passiert ist als man von ihren Eltern und dem kleinen Bruder nur eine riesige Blutlacke gefunden hat. Die Körper blieben verschwunden. Sie hat nur überlebt, weil sie zuvor mit ihrer Mutter gestritten hat und ihm Auto auf dem Parkplatz des Supermarktes zurückgeblieben ist.
Commissaire Nicolas Rousseau ist gefangen zwischen der Faszination der Tierärztin und der Wut auf sie, gibt er doch dem Kriminalfall rund um ihre Eltern die Schuld daran, dass sein Vater nun ein Pflegefall ist. Hinter seiner rauen, oft ziemlich abweisenden Schale steckt ein tief verletzter Mann, denn er war noch ein Jugendlicher als die Katastrophe über seine Familie hereingebrochen ist. Außerdem hat er Probleme seiner Mutter einen neuen Partner zu gönnen und macht sich Sorgen um seine Schwester, die durch eine leichte Form von Trisomie 21 behindert ist. Dass sie nun in eine betreute Wohngruppe ausziehen möchte, passt ihm auch nicht. Es scheint, als fühlte er sich nicht mehr gebraucht.
Auf Grund Sophias Hartnäckigkeit nimmt er sie auf die Spurensuche nach der Vergangenheit mit. Zahlreiche Recherchen der Beiden verlaufen in Sackgassen und andere enthüllen kleine Puzzleteilchen eines gigantischen Verbrechens. Die Auflösung ist nach zahlreichen erwarteten und unerwarteten Wendungen gelungen.
Die Charaktere sind sehr gut angelegt. Am besten gefällt mir natürlich Nicolas Schwester XXX. Die Liebesgeschichte zwischen Nicolas und Sophia nimmt stellenweise für meinen Geschmack ein wenig zu viel Raum ein. Ich musste einige Male über Nicolas schmunzeln, denn Small Talk mit Frauen ist nicht seine Stärke. So manche Bemerkung kann auch missverstanden werden.
Fazit:
Ein spannender Krimi, der uns in menschliche Abgründe führt. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.
Neuanfang für Chefinspektorin Marlene Kranz in Graz
Die Akte Graz von Margot Mühlfellner
Dieser Krimi ist dem Vernehmen nach der Auftakt zu einer neuen Krimi-Reihe, der in der Hauptstadt der Steiermark, in Graz, spielt.
Worum geht’s?
Chefinspektorin Marlene Kranz ist vor Kurzem aus Wien in ihre Heimat Graz zurückgekehrt. Nicht ganz freiwillig, wie es scheint. Noch bevor sie sich so richtig eingelebt hat, muss sie sich schon bewähren.
Denn am Morgen nach der Eröffnung der Fotoausstellung des berühmten Fotografen Gustav Zierach im Grazer Kunsthaus wird Alexandra Walfrad, die für Zierach auf der bekannten Doppelwendeltreppe in der Grazer Burg für ein Foto Modell gestanden hat, ist just auf jener Treppe, genau wie auf dem Foto inszeniert, tot aufgefunden.
Für Marlene Kranz und ihr Team beginnt die mühevolle Kleinarbeit, denn die Gästeliste der Vernissage umfasst mehrere Hundert Personen. Hilfreich erweist sich, dass ausgerechnet Marlenes Schulfreund Franky als Pressefotograf Tausende Fotos von der Veranstaltung gemacht hat und die Stimmung dort auf seinen Bildern eingefangen hat.
Wenig später wird ein weiteres Fotomodell vermisst. Zufall? Oder hat es hier jemand auf schöne Frauen abgesehen?
Jedenfalls ergreift Marlene Kranz mit Rückendeckung ihres Vorgesetzten ungewöhnliche Maßnahmen. Unterstützung erhält sie dabei nicht nur von einem jungen Streifenbeamten und ihrem Kollegen sondern auch von Franky.
Meine Meinung:
Gleich vorweg, ich habe diesen Krimi in einer Nacht gelesen. Da ich Graz, die Hauptstadt der Steiermark, und ihre verwinkelten Gassen wie die Sporgasse recht gut kenne, habe ich mich gleich wie zu Hause gefühlt, und war gleich mitten im Geschehen rund um das Kunsthaus Graz. Schmunzeln musste ich über die Aktion mit der Einsatzgruppe Cobra auf dem Grazer Hausberg Schöckl.
Margot Mühlfellner schafft es, die Spannung stets zu steigern und den Spannungsbogen hoch zu halten.
Die Charaktere, vor allem Marlene sind sehr gut gezeichnet. Niemand, außer ihrem Vorgesetzten weiß, warum sie sich von Wien nach Graz versetzen hat lassen und warum sie ihren Kollegen, trotz des steirischen Brauch, alle zu duzen, so distanziert erscheint. Auch die Leser wissen es nicht, doch in kleinen Portionen erfahren wir, dass in Wien etwas passiert sein muss, was Marlene Kranz aus dem Gleichgewicht geworfen hat. Dazu verwendet die Autorin einen interessanten Kunstgriff: Wir dürfen bei den Therapiegesprächen zwischen Marlen und dem Psychotherapeuten dabei sein. Zunächst wehrt sie sich gegen die Gespräche, die allerdings Bedingung für die Wiedereinsetzung in den Dienst notwendig sind, doch langsam öffnet sie sich dem Therapeuten gegenüber.
Auch die anderen Charaktere wie der Fotograf Zierach oder der Direktor des Kunsthauses Graz, der auf mich wie eine aufgeblasene Kröte wirkt, erhalten eine besondere persönliche Note.
Gut gefällt mir, dass neben dem Kunsthaus auch andere Plätze wie eben die Doppelwendeltreppe in der Grazer Burg, die Murinsel, jenes futuristische Gebilde, das anlässlich der Ernennung von Graz zu Kulturhaupstadt Europas 2003 errichtet wurde, „mitspielen“ dürfen. Die Autorin wirft auch einen Blick auf die quasi soziale Zweiteilung von Graz, in eine diesseits und jenseits der Mur gelegene Stadt. Auf der einen Seite (ich verrate jetzt aber nicht welche) leben jene, die es geschafft haben und auf der anderen, die, die noch nicht so weit sind.
Fazit:
Ich hoffe auf eine baldige Fortsetzung dieser Krimi-Reihe, die durch ein durchdachtes Konzept und einen hohen Spannungsbogen besticht. Gerne gebe ich diesem Reihen-Auftakt 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Eine Leseempfehlung!
Unter deutscher Besatzung von Tatjana Tönsmeyer
Dieses Sachbuch beschäftigt sich mit jenen Gebieten Europas, die von Deutschen Truppen besetzt worden sind. Betroffen sind auf dem Höhepunkt der deutschen Machtentfaltung im Zweiten Weltkrieg rund 230 Millionen Menschen von Norwegen bis Griechenland und von Frankreich bis in die Sowjetunion.
In elf Kapitel wird untersucht, wie das Zusammenleben von Okkupanten und Okkupierten funktioniert oder eben nicht funktioniert hat.
Kapitel 1: „Sie kommen!“
Kapitel 2: Besetzte Gesellschaften
Kapitel 3: Besatzer und Besetzte
Kapitel 4: „Vor dem Verzehr von Katzenfleisch wird gewarnt“
Kapitel 5: Die eigenen vier Wände
Kapitel 6: Arbeiten für den Feind
Kapitel 7: Papiere, Papiere, Papiere
Kapitel 8: Dazugehören Wollen
Kapitel 9: Ausgeschlossen Werden
Kapitel 10: Nein Sagen
Kapitel 11: Gewalt - und die neue soziale Ordnung unter Besatzung
Dieses Buch ist nichts für Zartbesaitete, denn Augenzeugen berichten von willkürlichen Anordnungen und Gewalt. Es sind die Okkupierten, die hier zu Wort kommen. Tatjana Tönsmeyer hat erstmals die Geschichte des deutsch besetzten Europas aus der Sicht der Besetzten geschrieben. Auch unterscheiden sich die Bericht, ob sie nämlich aus westlichen oder östlichen Gebieten stammen. Hat die Bevölkerung im Westen noch einen winzigen Handlungsspielraum, so gilt dies für Menschen im Osten nicht.
Dieses dunkle Erbe der deutschen Besatzer trübt manchmal bis heute das Verhältnis einiger europäischer Nachbarländer zu Deutschland, wie die in Polen immer wieder aufflammende Diskussion um Reparationszahlungen Deutschlands beweisen.
Fazit:
Schwere Kost, die aber aus der interessanten Perspektive der Okkupierten verfasst ist. Dafür erhält dieses Sachbuch 5 Sterne.
Eine Leseempfehlung!
Admiral Nelson - Unter Englands Flagge von Mac P. Lorne
In diesem zweiten und finalen Band widmet sich Autor Mac P. Lorne den letzten sieben Lebensjahren des wohl berühmtesten Admiral der Royal Navy während der Napoleonischen Kriege.
Während der erste Teil mit dem Aufstieg jüngsten Sohn eines anglikanischen Geistlichen zum Seehelden, beschreibt, liegt der Fokus nun auf seiner weiteren Entwicklung, die ihm zwar höchste Ehren als auch zahlreiche Neider einbringt.
Nach wie vor segelt er, um in der Marinesprache zu bleiben, hart am Kriegsgericht vorbei, da er sich immer wieder über die Anordnungen seiner Vorgesetzten hinweg setzt. Es ist allerdings sein Privatleben, das im prüden England für Aufsehen und Skandale sorgt. Es ist ja nicht so, dass es in England keine Liebschaften der (männlichen) Adeligen gibt. Es ist die fehlende Diskretion, die der Adel und das Königshaus Nelson ankreiden.
Nachdem er in der Schlacht vor Cadiz im Juli 1797 seinen rechten Arm verloren hat, kehrt er widerwillig nach England und seiner Ehefrau Fanny, die sich nur widerwillig um ihn und seine Verwundung kümmert, zurück. Die Kunde von der Liebschaft mit Emma Hamliton hat in England die Runde gemacht.
Was dann folgt, sind weitere Seeschlachten im MIttelmeer, in der Ostsee im Ärmelkanal und letztlich die finale Schlacht vor Kap Trafalgar, die Admiral Horatio Nelson unsterblich macht, auch wenn er stirbt.
Meine Meinung:
Autor Mac P. Lorne zeichnet ein, wie ich meine, authentisches Bild der Zeit und jenes Mannes, der aus kleinen Verhältnissen zum bekanntesten Seehelden Englands, ja ganz Europas wird. Dass Nelson glaubt, sich alles erlauben zu können, ist durchaus verständlich. Jedenfalls bleibt ihm durch seinen Tod das Schicksal eines invaliden, verschuldeten Adeligen erspart. Lady Hamilton wird ihn um zehn Jahre verarmt und einsam überleben. Nur ihre gemeinsame Tochter Horatia wird an ihrer Seite bleiben.
Schmunzeln musste ich über das fiktive Treffen zwischen Nelson und Gebhard Leberecht von Blücher, jenem Mann der die preußischen Truppen gegen Napoleon in Waterloo 1815 befehligt. Die Begegnung mit Arthur Wellesley, dem späteren Duke of Wellington, im Kriegsministerium ist lt. Autor hingegen verbürgt.
„England erwartet, dass jedermann seine Pflicht tut!“ (S. 385)
Für Admiral Nelson gilt diese Botschaft jedenfalls. e
Die Führungsqualitäten von Nelson sind abermals sehr gut herausgearbeitet. Als er verwahloste Schiffe und Mannschaften von anderen Kapitänen übernimmt, macht er gleich tabula rasa. Er räumt mit der Ungleichheit von Mannschaft und Offizieren in punkto Verpflegung auf. Und dort, wo üblicherweise die Peitsche regiert, setzt er auf den Ehrgeiz der Männer. Bei Exerzieren schenkt er seinen Männern nichts, denn jeder Handgriff muss einfach sitzen. Die Mannschaft muss sich blind aufeinander verlassen können. Nelson macht genau dasselbe, wie Napoleon aus den verwahrlosten Truppen seiner Italienarmee oder auch Arthur Wellington aus deinen Bataillonen.
Wenn Shakespeare seinen König Henry V. seinen Mitstreiter bei der Schlacht von Azincourt zurufen lässt:
„Wir Wenigen, wir glücklichen Wenigen wir sind ein Bund von Brüdern!“
„So muss es auch Nelson empfunden haben: Sie waren nicht viele, eine überschaubare Anzahl von Admiralen Kapitänen, die mit ihren Besatzungen und Schiffen dem übermächtigen Feind gegenüberstanden. Und deshalb mussten sie eins sein - ein umschlungenes Band von Brüdern - vom kleinsten Schiffsjungen bis hoch zum ersten Seelord, wenn sie bestehen und England schützen wollten.“ (S. 66)
Der Schreibstil ist lebendig und die Schlachtszenen sind nicht voyeuristisch beschrieben. Die langjährige Recherche beschert uns authentische Seegefechte.
Fazit:
Gerne gebe ich auch dem zweiten Teil 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Fesselnd bis zur letzten Seite
Kohle, Stahl und Mord: Das 13. Opfer von Martin Conrath
Worum geht’s?
Bei einem Kontrollgang in der aufgelassenen Zeche Ludwig durch Werner Flemming und einen Kollegen kommt es zu einem einem Wassereinbruch, in Folge dessen die sterblichen Überreste jener zwölf Kumpel, die vor 34 Jahren bei einem Grubenunglück verschüttet worden sind, freigelegt werden.
Die Überraschung ist groß, als neben diesen Skeletten ein 13. gefunden wird, in dessen Schädel ein Einschussloch inklusive Kugel gefunden wird. Der Fund löst in Flemming Erinnerungen aus, die er kaum bewältigen kann, gehört er doch zu jenen Bergmännern, die damals gerettet werden konnten.
Recht bald ist nicht nur die Identität des bislang Unbekannten enthüllt, sondern auch seine fiesen Finanzgeschäfte, die einen großen Teil der Kumpel um ihre Ersparnisse gebracht hat.
Und was hat der aktuelle Oberbürgermeister, der damals ebenfalls im Schacht war, und, weil er einen Teil der Schicht retten konnte, als Held gefeiert worden, zu verbergen?
Nicht nur die polizeilichen Ermittlungen laufen auf Hochtouren, sondern auch Journalist Tim Harms recherchiert. Wird Kriminalhauptkommissarin Elin Akay mit ihrem Team, zu dem auch Jana Fäller, eine forensische Psychologin gehört, den Täter finden?
Meine Meinung:
Dieser Krimi ist der Auftakt zu einer interessanten Krimi-Reihe aus dem Kohleabbaugebiet in Essen und zugleich mein erster von Martin Conrath.
Als Wienerin habe ich mit dem Bergbau nur wenig am Hut. Allerdings war einer meiner Großonkel Bergmann im Braunkohlebergwerk in St. Stefan im Lavanttal (Kärnten), das nach einem Grubenunglück 1967, ein Jahr später geschlossen worden ist. Zusätzlich habe ich im Frühjahr 2024 die Zeche Zollern in Dortmund besichtigt, weshalb ich mich dieser Krimi gleich angefixt hat.
Martin Conrath hat einen höchst spannenden Krimi geschrieben, den ich kaum aus der Hand legen konnte. Was ist vor 34 Jahren wirklich geschehen? Welche Rolle spielt das finanzielle Desaster, das der 13. Tote angerichtet hat?
Der Autor schafft es, die Spannung vor allem durch die abwechselnde Erzählung auf zwei Zeitebenen, hochzuhalten. Auch die persönlichen Beziehungen zwischen den Akteuren und ihren Angehörigen tragen dazu bei, dass es keine Erholungspausen gibt, bis der komplexe Fall gelöst ist.
Für alle jene, die keinen Bezug zum Bergbau haben, sind die Arbeiten unter Tage eindrücklich geschildert. Trotzdem kann man sich die schwere Arbeit und die Gefahren, die im Berg lauern, kaum vorstellen. Eine kleine Anmerkung habe ich, wenn die Reihe fortsetzt wird: Ein Glossar, das die zahlreichen bergmännischen Ausdrücke noch einmal zusammenfasst und erklärt, wäre eine willkommene Ergänzung.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem fesselnden Krimi aus dem Ruhrpott 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Eine Leseempfehlung!
Im Rausch der Zeit. Das temperamentvolle Leben der Witwe Clicquot von Tilar Mazzeo
Kulturhistorikerin und Autorin Tilar J. Mazzeo stellt uns in dieser Biografie eine Frau vor, über die nur wenig bekannt ist, aber deren Produkte sprichwörtlich in (fast) aller Munde ist: Barbe-Nicole Clicquot, geborene Ponsardin (1777-1866), besser bekannt als Veuve Clicquot und ihr Champagner.
Die Autorin begibt sich auf zahlreiche aufregende Recherchereisen bei denen zwar Auftragsbücher, Rechnungen und Lieferscheine in den Archiven aufzufinden sind, aber Persönliches wie Tagebücher oder Briefe der Veuve Clicquot sind so gut nicht vorhanden.
Dennoch gelingt es Tilar J. Mazzeo ein rundes Bild der Pionierin in Sachen Champagnerherstellung und Vermarktung erstehen zu lassen.
Eine Pionierin ist Barbe-Nicole Clicquot jedenfalls: Als 1805 ihr Ehemann Francois stirbt, übernimmt die 27-jährig Witwe gegen alle Widerstände die Firma. Und Widerstände gibt es genug: Die Napoleonischen Kriege, Plünderungen durch Truppen, Unwetter, Missernten und missgünstige Mitbewerber. Doch die Witwe lässt sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen.
Wer gerne Biografien von historischen Persönlichkeiten, und da vor allem von Frauen, liest, ist hier genau richtig. Gerne gebe ich diesem fesselnden Buch einer faszinierenden Frau 5 Sterne und eine Leseempfehlung.











