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Rezensionen von yellowdog:
Die Entstehung des blauen Engel
Im Licht der Zeit von Edgar Rai
Edgar Rai schreibt in seinem Buch mit dem leicht rätselhaften Titel Im Licht der Zeit über einen Abschnitt im Leben von Marlene Dietrich, die Schauspielerin, die ab den dreißiger und vierziger Jahren große Erfolge hatte. Der blaue Engel, Die Zeugin der Anklage und Marokko. Das sind Filme, die kannte zu meiner Zeit fast jeder.
Heutzutage sind alte Filme nicht mehr so gefragt, aber ich denke, Marlene Dietrich ist auch heute noch vielen ein Begriff
.
Über Marlene Dietrich ist schon viel geschrieben worden. Auch gegensätzliches oder vages, denn die Frau war auch gerne rätselhaft. Ihre schauspielerische Ausstrahlung, ihre Stimme und ihre Rolle bei der Truppenbetreuung im Krieg halte ich für außerordentlich. Manche sehen das auch anders.
Daher war ich gespannt, wie Edgar Rai die Figur entwirft. Auch bei ihr wird sie eine Kunstfigur bleiben. Unterhaltungsromane können die Komplexität eines Menschen nicht komplett abbilden.
Doch unterhaltsam ist das Buch, ohne Frage und Edgar Rai schreibt in einem leicht zugänglichen Stil. Rai schildert Marlene schon als junge Frau als selbstbewusst und ehrgeizig. Zentral sind die Dreharbeiten zu Der blaue Engel.
Aber es ist nicht nur ein Buch über Marlene Dietrich. Rai überzeugt auch durch das Zeitbild, das er relativ glaubhaft zeichnet. Dazu gehört auch der beginnende schlimme politische Wandel in Deutschland.
Von den prominenten Nebenfiguren gefällt mir das Portrait von Emil Jannings, der eine kontroverse Figur in der Zeit war, und auch der Schriftsteller Heinrich Mann, der die Vorlage für Der blaue Engel geschrieben hatte.
Ich mag das Buch!
Langer Weg zur Heilung
Im Licht der Zeit von Edgar Rai
Anika Decker beschreibt den Krankenhausaufenthalt bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung auf realistische Art und Weise. Leicht erinnert sie mich dabei an Christa Wolfs Buch Leibhaftig, wobei bei Decker Krankheit weniger als Metapher wirkt.
Die schwere Erkrankung bedeutet einen Einschnitt im Leben der Protagonistin und es zieht Veränderungen nach sich.
Es gibt detaillierte Beschreibungen des Gemütszustand der Icherzählerin in den verschiedenen Stadien der Behandlung und Genesung sowie vom Krankenhausalltag. Schließlich muss sie auch noch in eine Herzspezialklinik und in Reha. Das ist teilweise sehr mühsam. Auch die Zeit danach.
Die Autorin schafft es aber, ernste und humorvolle Momente zu verschmelzen.
Nebenbei ist es auch noch ein ganz schöne Familiengeschichte. Der Zusammenhalt imponiert mir.
Mein einziger Kritikpunkt ist, das vieles manchmal etwas zu ausführlich ist. Dafür kann man immer nachvollziehen, wie die Hauptfigur sich bei all dem fühlt und darum geht es schließlich bei Literatur.
Wir von der anderen Seite gibt es als Hörbuchversion, die ich gehört habe. Gelesen wird das Buch von Katja Riemann und ihre Stimme passt sehr gut. Sie verleiht der Figur zusätzlich Profil.
Lebensgefühl der jungen Generation
Gespräche mit Freunden von Sally Rooney
In Sally Rooneys Roman fällt die genaue und ruhige Erzählweise auf.
Die Handlung ist unspektakulär, nicht aber die Gefühlslage der beteiligten Hauptfiguren. Die Studentinnen Frances und Bobbie lernen ein interessantes Paar kennen, das sie fasziniert. Den Schauspieler Nick und seine Frau Melissa, eine Schriftstellerin.
Es gibt gemeinsame Abendessen und kultivierte Gespräche, doch dann beginnen Frances und Nick eine Affäre.
Frances ist die Icherzählerin des Buches und sie ist 21 Jahre jung, weiß noch nicht genau, wo sie im Leben steht, sowohl beruflich wie im Privatleben. Das ist ja auch normal.
Zwischen ihr und Nick läuft es schwierig. Doch die Affäre belastet sie anscheinend auch emotional, das äußert sich sogar in Selbstverletzungen und Krankheit. Streckenweise tat sie mir leid, aber als Leser bin ich lange nicht dicht an den Figuren dran, weswegen ich emotional wenig beteiligt bin. In der zweiten Romanhälfte ändert sich das ein wenig.
Der Titel scheint mir nicht passend, denn Freunde sind die 4 Hauptfiguren nicht wirklich und die Gespräche bleiben auf der Oberfläche.
Davon abgesehen gibt es wirklich einige bemerkenswerte Formulierungen, nur stammen die meistens aus Frances inneren Gedanken.
Im Prinzip begrüße ich Bücher, die etwas vom Lebensgefühl der jungen Generation erzählt.
Atmosphärisch dicht und düster, aber auch verstörend
Die letzte Witwe von Karin Slaughter
Auf Die letzte Witwe bin ich nur durch Zufall gestoßen. Es ist der siebte Teil einer Reihe. Ein Kenner der Georgia-Serie von Karin Slaughter bin ich nicht und darin liegt vielleicht auch Teil des Problems. Es ist ohne Vorkenntnisse wohl nicht nachvollziehbar, warum sich die tragenden Figuren des Romans alle so irrational verhalten.
Mehrere von ihnen sind anscheinend von schlimmen Erfahrungen der Vergangenheit geprägt. Das ist neben dem Kriminalfall ein wichtiger Teil der Handlung.
Prägend für den Roman ist die prekäre Situation, die gleich zu Beginn der Handlung entsteht. Eine Frau wird entführt und durch Zufall nach einem Bombenattentat dann auch Will Trents Freundin Sara Linton, die Ärztin ist und einen der verletzten rechtsgerichteten Terroristen behandeln soll.
Mit dem Terroristenchef Dash hat Karin Slaughter einen klischeehaften Superschurken geschaffen. In einem Camp in den Bergen plant er verheerende Anschläge.
Die Angst der Entführten und die Sorge der Angehörigen inklusive Will werden sehr deutlich gemacht und übertragen sich auf den Leser. Zudem ist anscheinend eine latent sadistische Grundstimmung vorhanden. Das sorgt dafür, dass man sich als Leser ziemlich schlecht fühlt.
Die Form, in der der Roman gestaltet ist, erstaunt mich. Es wird versucht Episoden aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen. Das glückt nur teilweise, trägt aber sehr zur Verwirrung des Lesers bei.
Ich vermag nicht zu sagen, ob es gewollt ist, dass die Szenen und die Gedanken der Protagonisten so sprunghaft sind?
Die Handlung wirkt trotz origineller Grundidee teilweise auch sehr konstruiert.
Was ist aber anerkenne ist die erzählerische Dichte und düstere Atmosphäre des Thrillers. Auch die Spannungsmomente des Finales konnten mich überzeugen.
Irisches Tagebuch
Vom Fischen und von der Liebe von Benoîte Groult
Benoite Groult ist sehr bekannt wegen ihres autobiografisch geprägten Erfolgsroman Salz auf unserer Haut, der auch verfilmt wurde. Diese Tagebücher, die einen Zeitraum von 1977 bis 2003 abdecken, wirken fast wie eine Fortsetzung oder Ergänzung, denn die Beziehungen zu ihrem Mann Paul wie auch zu ihrem Geliebten Kurt stehen sehr im Vordergrund.
Dennoch ist es hier natürlich alles ungeschminkt autobiografisch, sogar Benoites Schwester Flora taucht gelegentlich auf. Ein weiteres wichtiges Thema ist das Altern.
Das Tagebuch lässt sich sehr gut und angenehm lesen. Das kryptische, das manchen Tagebüchern kennzeichnet, fehlt hier komplett. Es liest sich auch nicht anders als Prosa.
Vom Gefühl her würde ich daher auch die Arbeit der Übersetzerin aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky als gelungen einschätzen.
Es gibt einige gute Beschreibungen vom Meer und der Umgebung der irischen Westküste, an der Benoite und Paul die Sommer verbringen und oft zum Fischen rausfahren. Das zu lesen ist wirklich ein Genuß und man bekommt Lust, auch Salz auf unserer Haut wieder zu lesen.
Julia und ihre Tochter
Vom Fischen und von der Liebe von Benoîte Groult
In Die vollkommene Lady erzeugt die Autorin Margery Sharp einen ironischen Ton, der an Screwball-Komödien aus den dreißiger Jahren erinnert. Ein Ton, den ich sehr mag. Tatsächlich stammt der Roman aus dem Jahr 1937, allerdings ist der Roman auch sehr british. Dabei spielt sich die Handlung größtenteils in Frankreich ab.
Julia ist ein unbeschwerter Freigeist und eher unkonventionell. Eine Frau, die nach dem frühen Tod ihres Mannes ein selbstständiges Leben wählt. Dafür musste sie ihre kleine Tochter verlassen. Doch als diese als Erwachsene Julia schreibt, dass sie Hilfe braucht, macht sich Julia sofort auf den Weg.
Der Roman hat einen Humor, wie man es schon durch Margery Sharps bekanntestes Buch „Die Abenteuer der Cluny Brown“ kennt und wer das mochte, ist auch hier nicht falsch.
Ein kluges Buch
Die verspielte Welt von Paul Lendvai
Die verspielte Welt ist ein Buch mit mehreren Essays verschiedener Themen, die aber durchaus auch einen Zusammenhang aufweisen. Der Umgang der Welt mit der Demokratie. Begegnungen und Erinnerungen ist der Untertitel des Buches. Was Paul Lendvai schreibt ist klar, ohne Pathos und gut durchdacht. Er vermag es, Themen, die wenig bekannt sind, zu beschreiben und auch über das, was bekannt und vielfach diskutiert sind, tiefer zu konkretisieren.
Als Beispiel möchte ich das Handke-Essay nennen. Handkes Borniertheit um Serbien und seine Bewunderung von Milosevic hält jetzt schon lange an. Es mag Beweggründe für Handke geben. Lendvai nimmt Bezug auf den Handke-Biographen Malte Herwig. Wie schwerwiegend Handkes Auffassung in eine falsche Richtung geht, weist Lendvai verblüffend direkt nach. Das kann ich dankbar zur Kenntnis nehmen, trotz meiner Bewunderung für Handkes literarische Qualitäten. Paul Lendvai ist natürlich Orban-Experte und hat auch ein Buch über Ungarns Ministerpräsidenten geschrieben. In dem hier vertretenen Orban-Essay geht er dem Orban-Rätsel auf die Spur. Er nennt klar die Methoden und Bedingen, die dazu führen, dass jemand wie der erbarmungslose Fast-Diktator Viktor Orban immer wieder gewählt wird. Dazu nennt Lendvai auch die Brüche in der Geschichte Ungarns. Zu ein paar der anderen Essays habe ich wenig thematische Bezüge, aber es ist insgesamt zweifelsfrei ein wirklich kluges Buch. Am Ende warnt Paul Lendvai über die trügerische Sehnsucht nach einem starken Mann. Das ist nicht vereinbar mit Demokratie. Was dabei herauskommt sind Machtbessesene wie Putin, Erdogan und Trump.
schwierige Lebensumstände
Gefangen von Chantal Fathije Mohsenian
In diesem Buch beschreibt die Gerichtsgutachterin Chantal Fathije Mohsenian 16 ergreifende Fälle und immer sind es Menschen, die schwer in Not sind. Einflüsse sind häufig Krankheit oder Ausgrenzung. Die Krankheitsbilder sind nicht immer eindeutig und die Handlungen die daraus erfolgen manchmal unberechenbar.
Es fällt schwer diese kurzen Episoden zu lesen, denn obwohl die Autorin noch relativ neutral und sachlich schreibt, sind die Beteiligten insbesondere emotional betroffen. Oft führen Frau Mohsenians Gutachten auch zu keiner Lösung, werden vom Richter nur unzureichend berücksichtigt und bei den meisten der 16 Fälle ergeht es den Menschen schlecht.
Was ich am Buch bemängle ist, dass man die Menschen, um die es bei den Fällen geht, oft nicht besonders gut kennen lernt. Die Autorin beschreibt mehr deren Lebensumstände und die Problematiken, aber wenig ihre Persönlichkeit. Das finde ich schade.
Das von der Autorin keine Lösungen angeboten werden, ist verständlich, denn nicht alles ist nur rechtlich zu regeln. Die Menschen um die Betroffenen bräuchten mehr Empathie und Bereitschaft, sich zu kümmern, aber oft sind natürlich auch die hilfsbereiten hilflos. So geht es mir als Leser bei diesem Buch auch und ich bleibe ratlos zurück.
Georges Manor
Gefangen von Chantal Fathije Mohsenian
Die Schriftstellerin Michelle Mayfield besucht ihre Verlegerin Clare auf Georges Manor und trifft dort deren Ehemann Alexander Brandow. Zwischen Michelle und Alex entstehen schnell tiefere Gefühle und ene Affäre.
Romina Gold beschreibt diese verzwickte Dreiecksgeschichte glaubhaft und nachvollziehbar.
Das gilt auch als sich die Situation zuspitzt, weil sich herausstellt, dass Clare als junge überforderte Mutter depressiv ist und weil dann auch noch Michelle ungewollt schwanger wird.
Das Vernünftigste wäre Trennung, doch die Sehnsucht bleibt, auch als Michelle den etwas jüngeren, unbeschwerten Matt kennenlernt, der sie in der Zeit der Schwangerschaft unterstützt.
Romina Gold hat einen guten Schreibstil, benutzt ijedoch in einigen Passagen, meist in den Kapitelanfängen, eine etwas übertriebene Sprache, die in manchen Momenten kitschig wirkt.
Doch einige Beschreibungen z.B. zum reizvollen Schauplatz Portland, Maine passen auch.
Insgesamt kein schlechtes Buch!
Lyrische Prosa
Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong
Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong besticht durch den gewählten Erzählstil, mit dem der Autor die passende Art zu erzählen gefunden hat. Es ist in einen Brief an die Mutter gefasst, die aber nicht lesen kann und daher ist der Brief wohl mehr ein inneres Zwiegespräch, dass der 30jährige Erzähler führt und so seine Erinnerungen an Kindheit und Jugend reflektiert.
Er, liebevoll von der Familie Little Dog genannt, ist als Kind aus Vietnam in die USA gekommen. Die Anpassung war nicht einfach für die Familie, sowohl sprachlich als auch kulturell sind gewaltige Unterschiede.
Little Dog erzählt in einer schonungslosen Art und benennt Gewalt und Verluste deutlich.
Bemerkenswert ist, wie der Text sowohl analytisch wie auch sehr emotional erzählt wird. Es gibt Bezugnahme auf philosophische Texte von z.B. Roland Barthes, Bei Dao und andere, aber da Ocean Vuong auch Dichter ist, wird die Prosa streckenweise sehr lyrisch. Das gefällt mir außerordentlich und ist auch nicht so häufig zu finden.








