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Rezensionen von yellowdog:
Überbordendes Lesevergnügen
Tom Zürcher, eher ein unbekannter der Autoren der diesjährigen Longlist zum Deutschen Buchpreis, hat einen witzigen, teilweise überdrehten Roman geschrieben und er hat dafür einen Erzählton gefunden, der funktioniert. Im Mittelpunkt ein naiver junger Mann namens Dick Meier. Den für einen Schweizer ungewöhnlichen Namen Dick muss er mehrfach im Roman erklären und wählt unterschiedliche Antworten.
Dick bricht sein Studium ab und ist genervt von seinen Eltern, bei denen er noch wohnt. Der kleinbürgerlichen Welt will er entkommen. Also sucht er einen Job und findet erstaunlicherweise einen in einer Bank. Den Berufsalltag in der Bank wird sehr amüsant erzählt, wenn auch absurd. Zwar nicht unrealistisch, aber deutlich überzeichnet.
Es gibt dort einige schräge Figuren und der exzentrische Dick fühlt sich anfangs wohl unter ihnen.
Dick sucht auch nach einer Wohnung und findet unwissend ausgerechnet eine im Rotlichtbezirk.
Eigentlich mag ich keine Deppen als Protagonisten in Romanen und Dick ist sicher einer, aber durch die Ironie des Autors wird er zu einer funktionierenden Figur.
Es gibt viel Wortwitz, der teilweise durch die Dialoge entsteht, dann aber auch wieder durch Dicks Gedanken. Manche groteske Szene werden aber auch erschreckend, wenn der paranoide Dick mit der Zeit die Kontrolle verliert und die Situation eskaliert.
Wahrscheinlich wird Tom Zürcher auch durch Mobbing Dick ein Außenseiter im Literaturbetrieb bleiben, aber immerhin zeigt das Buch, wie befruchtend es für den Leser sein kann, nicht immer dem Mainstream zu folgen.
Intelligente Artikel und kraftvolle Interviews
Wie alles anders bleibt von Jana Hensel
Das Buch versammelt eine ganze Reihe von Artikeln und Interviews vonJana Hensel. Thema ist immer der Zustand Ostdeutschlands. Ein Thema, das Jana Hensel mit Leidenschaft bearbeitet, das sie nie langweilt, wie sie das Leben nicht langweilt. Daher entsteht vielleicht die Intensität, die viele der lesenswerten Artikel prägt.
Ihre positive Einstellung ist schätzenswert.
Herausragend sind die kraftvollen Interviews, die man als Leser geradezu verschlingt. Gut gefallen hat mir das Interview mit dem Schriftsteller Alexander Osang. Höhepunkte sind das Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und das Interview, das mit Merkel und Jana Hensel zusammen geführt wird und das daher ein richtiges Gespräch wird.
Ein heiteres Buch
Du bleibst mein Sieger, Tiger von Maxim Leo; Jochen Gutsch
Es beginnt recht witzig mit den Gedanken eines Vaters über den Freund seiner Tochter und an einigen Beispielen wird der Generationsunterschied festgemacht.
Danach dreht es sich nur noch um den Zustand des fast 50jährigen Mannes, seiner 20jährigen Ehe und seiner Midlifekrise, der auf ironische Weise begegnet wird.
Themen sind fein säuberlich gestaffelt: Musik, Filme, Orte
Die Achtziger Jahre stehen dabei oft Pate und deswegen haben wohl auch die Leser, die in dieser Zeit jung waren, am meisten von dem Buch, sonst zünden die Anspielungen vielleicht nicht immer.
Es ist schon Brachialhumor, ein wenig in der Nachfolge von Ephraim Kishon. Das zeigt sich z.B. daran, dass die Ehe des Mannes eigentlich schon harmonisch ist. Im Finale steht dann der Liebesbrief. Dabei ist Kishon abwechslungsreicher. Maxim Leo und Jochen Guschs Texte würden auch in eine Illustrierte passen.
Nach der Zerstörung
Die Zerstörung von Carsten Brosda
Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda bezieht sich mit seinem Buch auf eins der auffälligsten Ereignise dieses Jahres, bei dem es um die Wirkung der sozialen Medien ging.
Dass sich rund um das Rezo-Video viel Wirbel bildete, mündet jetzt sogar in einem recht gewitzten politischen Sachbuch. Dabei betrachtet er den Zustand der Demokratie, die Wirkungen der Fridays-for-Future-Bewegung wie die fragwürdigen populistischen Angebote der Afd.
Zerstörung war ein zentrales Wort von Rezo und Carsten Brosda, setzt sich damit auseinander. Natürlich immer im Zusammenhang mit seiner Partei, der SPD. Denn auch sie gehören zu den Volksparteien die mit ihrer Zerstörung zu kämpfen haben. Die Reaktion darauf war von den Volksparteien mehr als kläglich.
Carsteb Brosdas Buch kann sicher das eine oder andere als Möglichkeit anbieten und letztlich ist das Buch in erster Linie mehr ein Essay als ein Sachbuch.
Es gibt einiges kluges, was gesagt wird und ich schätze die Wertehaltung, die Brosda ausstrahlt, dennoch bleibt man am Ende doch etwas ratlos, was man daraus machen soll.
Jahre des Krieges
Und ich war da von Martin Beyer
Martin Beyer hat mit „Und ich war da“ ein ambitioniertes und bewegendes Buch geschrieben. Mit Themen, über die es sich lohnt, nachzudenken.
Die Hauptfigur August Unterseher ist ein Junge, später junger Mann in den schlimmen Jahren 1936 bis 1943 in Deutschland. Sein tyrannischer Vater hat einen Bauernhof und behandelt seine beiden Söhne streng.
Nicht selten geht es gewalttätig zu. Die Kindheit ist sowohl von der Gewalt des Vaters als auch das der Umgebung und der Gesellschaft geprägt. August Schicksal scheint vorbestimmt. Und nur zweimal glaubt August, auch andere Möglichkeiten zu haben. Zuerst durch seinen intellektuellen Freund Paul, der immerhin Widerstand leistet. August schafft das nicht. Und später durch die Widerständlerin Isabella, in die er sich verliebt, der er aber am Ende doch nicht helfen kann.
Später werden die Söhne in den Krieg ziehen und nur August wird versehrt zurückkehren. Aus einer Perspektive aus dem Jahr 1988 versucht der alte August sich durch Traumtherapie an die Kriegsjahre zu erinnern und es folgen grausame Kriegsszenen, in der August immer wieder an die extreme stößt. Er tötet viel und es gibt auch Erschießungsszenen, wo er blind gehorcht. Auch nach dem Krieg wird der traumatisierte August beim Töten helfen.
Die Frage ist nun, warum August zum Mitläufer wurde und man kann sich die Frage stellen, wie man selbst reagiert hätte.
Die Fragestellung löst sich durch den Roman meiner Meinung nach nicht auf. Die Beschreibungen der einzelnen Szenen zeigen, dass August Möglichkeiten zu begrenzt waren. Dass er sich innerlich nicht befreien konnte, kann ich verstehen. Aber ein Roman muss die Lösung nicht unbedingt in sich tragen, um zu überzeugen.
Man kann sich der Intensität des Romans nur schwer entziehen.
Ich halte den Roman daher für lesenswert.
Gesellschaftsportrait mit kriminalistischem Touch
Drei von Dror Mishani
Der Roman Drei aus Israel in ein ungewöhnliches Buch, das in 3 Episoden aus der Perspektive von Frauen erzählt. Die 3 Frauen verbindet nur ihre Beziehung zu einem Mann, dem Rechtsanwalt Gil.
Während man die Frauen ganz gut kennen lernt, bleibt Gil distanziert und undurchschaubar. Das ist die Absicht des Autors, weshalb er nie aus der männlichen Perspektive erzählt.
Die 3 Abschnitte des Buches sind verschieden gestaltet und bilden am Ende doch ein stimmiges Ganzes.
Die Umgebung Israel prägt den Roman, man spürt eine Stimmung des Alltags.
Mehr Gesellschaftsportrait als Krimi ist die Handlung doch enorm spannend. Dror Mishani bringt im Nachwort selbst den Namen Patricia Highsmith ins Spiel und dieser Einfluss ist meiner Meinung nach stark spürbar.
Gefahrvolle Reise
Über die Grenze von Maja Lunde
Maja Lunde‘s Über die Grenze beschreibt den gefahrvollen Weg von 4 Kindern aus Norwegen hin zum sicheren Schweden. Es ist das Jahr 1942 und Grund der Flucht ist, dass 2 der Kinder verfolgte Juden sind.
Der Roman ist aber nicht ganz so düster, wie Rahmenhandlung und Cover vermuten lassen. Natürlich ist die Situation bedrückend genug, aber es ist der Mut der 10jährigen Gerda, der schließlich auch ihren bedächtigeren Bruder Otto ansteckt.
Sie halten es für ihre Pflicht, Satah und Daniel zu helfen. Es sind die Kinder, die ihre Eltern versteckt gehalten haben. Somit ist Gerdas und Ottos Handeln auch ein Erbe ihrer Eltern und Ergebnis einer Erziehung.
Es ist daher zu bezweifeln, dass die Geschichte auch leicht hätte in Deutschland spielen können.
Ein bemerkenswertes Mittel, dass die Autorin Gerda zukommen lässt, ist ihre Fantasie und ihre Liebe zu Büchern. Das hilft ihr und den anderen in Zeiten der Gefahr. Zu gerne fühlen sie sich wie die 3 Musketiere und D‘Artagnon.
Dank den starken Figuren und der inhaltlich wie sprachlich geschickten Gestaltung Maja Lundes wird es ein bemerkenswertes Stück Kinderliteratur.
Sensible Trennungsgeschichte
Kintsugi von Miku Sophie Kühmel
Kintsugi ist ein gediegener Roman mit einigen bemerkenswerten Eigenschaften. Im Mittelpunkt steht ein schwules Paar, dass schon lange zusammen ist. Max und Reik, Sie bekommen Besuch von ihrem alten Freund Tonio und dessen erwachsenen Tochter Pega. Gemeinsam verbringen sie ein Wochenende, nachdem sich de sie Beziehungen zueinander entscheidend ändern werden.
Die Dialoge werden gesondert herausgestellt und haben einige amüsante Stellen.
Kintsugi ist dieses Jahr nominiert auf der Longlist des deutschen Buchpreises, was vielleicht ein wenig übertrieben ist.
Es überzeugt zwar die sensible Erzählweise, doch es bleibt inhaltlich doch sehr verhalten. Dass das Buch nicht mehr will, als es letztlich bietet, ist Stärke und Schwäche zugleich.
Innenwelten eines Fußballers
Nicht wie ihr von Tonio Schachinger
Das Buch „Nicht wie ihr“ ist der Überraschungstitel auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019, da es die erste Veröffentlichung des Autors Tonio Schachinger ist, zudem noch bei einem kleinen Verlag.
Der Roman ist ungewöhnlich, denn er gibt den Lesern einen Einblick in die Gedankenwelt eines erfolgreichen Fußballspielers.
Dadurch wird das Buch auch sprachlich stark bestimmt.
Es ist teilweise unangenehm, Ivos Gedanken zu folgen. Er agiert und spricht überwiegend sehr prollmäßig. Fußball steht bei ihm an erster Stelle und er hatte auch Erfolge. Doch auch da gibt es Zweifel. Zwar wurde er schon als junger Spieler Champions League-Sieger, aber da war er überwiegend nur auf der Bank oder Tribüne, d.h. an dem großen Erfolg hat er relativ wenig beigetragen. Inzwischen ist er kein ganz so junger Spieler mehr und gelegentlich in der Kritik. Als österreichischer Nationalspieler, der jetzt offenbar in der Bundesliga spielt, sind weitere große sportliche Erfolge unwahrscheinlich. Das macht ihm durchaus zu schaffen, denn nur durch den Fußball definiert er sich.
Dann gibt es auch noch sein Problem mit den Frauen, den obwohl er verheiratet ist, gibt es auch noch eine starke Anziehung zu Mirna.
Der Roman hat seine nervigen wie amüsanten Momente, nicht zuletzt durch den Einsatz von Wiener Dialekt. Und obwohl mir Ivo als Charakter alles andere als sympathisch ist, bleibt man von ihm und den geschickt gemachten Text gefesselt.
Für ein realistisches Portrait des Profisports halte ich den Roman aber nicht, da es ganz verschiedene Spielertypen gibt, von bescheiden bis arrogant, von ehrgeizig bis anpassungsfähig, Einzelkämpfer und Teamplayer. Ivo ist letztlich nur ein Beispiel für einen Typ, der zum Glück nicht für alle steht.
Gut durchkomponiert
Cherubino von Andrea Grill
Cherubino erzählt von einer Frau in schwieriger Situation. Die Wienerin Iris ist Mezzossopran, eine engagierte Sängerin, die jetzt endlich davorsteht, beruflichen Erfolg zu haben. Sie kann Cherubino aus Mozarts Die Hochzeit des Figaro an der Met in New York singen und außerdem Sophies Choice. 2 wichtige Rollen, die ihr den großen Durchbruch bringen könnten.
Da merkt sie, dass sie schwanger ist. Aber ob das Kind von ihrem Freund Sergio ist oder von ihrem heimlichen Geliebten, Ludwig, der außerdem schon verheiratet ist, weiß sie nicht.
Die österreichische Schriftstellerin Andrea Grill lässt die Emotionen von Iris lebendig werden. Iris muss berufliche Anforderungen und den Zustand der Schwangerschaft in Einklang bringen, außerdem erzählt sie unabhängig voneinander gleich beiden Männern, sie wären der Vater.
Die Autorin fügt jeder Kapitelzahl die Größe des Kindes bei und strukturiert somit den zeitlichen Verlauf über die ganzen 9 Monate, die den Roman umfassen. Damit hat sie den Roman gut durchkomponiert.
Es ist ein stimmungsvolles Buch, durchaus ein Genuss, es zu lesen.










