Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Ein ungewöhnliches Buch
Der Löwe Gottes von Maren Friedlaender
Maren Friedlaenders Roman Der Löwe Gottes ist ein ungewöhnliches Buch. Es fällt schwer, es in eine Schublade zu stecken. Es hat einen eigenständigen Erzählton.
Gleich schon der Anfang lässt einen Blick in den emotionalen Zustand der Figuren zu.
Die Autorin ist Journalistin und hat Psychologie studiert.
Ich finde, das fließt beides auch in den Roman mit ein, wenn auch nicht in so starkem Maße, das es dem Buch das erzählerische nehmen würde.
Dennoch haben mich die Themen des Romans nicht so ganz erreicht. Ich sehe die erzählerische Qualität, aber berührt hat mich der Text nicht.
Mit 220 Seiten ist der Roman nicht umfangreich, aber dennoch in seiner Kompaktheit genau passend.
Rätselhaft, aber intensiv
Nulluhrzug von Juri Buida
Zur Zeit beschäftigt mich die zeitgenössische russische Literatur sehr, zum Beispiel Sasha Filipenko oder der leider schon verstorbene Leonid Zypkin. Juri Buida und sein Buch Nulluhrzug von 1993 gehört auch dazu. Er verfügt über eine starke Sprache, die zu bemerkenswerten Sätzen führen.
Der Roman ist seitenweise kurz, jedoch sehr intensiv.
Die Handlung bleibt aber teilweise rätselhaft, auf jeden Fall den Leser fordernd. Das Nachwort von Julia Franck (Die Mittagsfrau) gibt einen aber einen Schlüssel an die Hand. Ich denke, es ist ein Buch, das man mehr als einmal lesen muss.
Ein Buch zum Wiederlesen
Ein Sommer in Baden-Baden von Leonid Zypkin
Obwohl ich den 1982 verstorbenen russischen Schriftsteller Leonid Zypkin dieses Jahr erst für mich entdeckt habe, verehre ich ihn schon jetzt. Seine literarischen Qualitäten sind zwingend.
Ein Sommer in Baden-Baden erzählt von Dostojewski, der auch für mich ein wichtiger Autor war.
Zypkin schafft es, die Gedanken des zeitgenössischen Erzählers und die Reisen Dostojewskis mit seiner Frau in Einklang zu bringen.
Das Paar erreicht auch Baden-Baden. Gerade hier gibt es besonders viele Sätze mit außergewöhnlichen Beobachtungen und starker Ausdruckskraft.
Auffällig die Passagen, in denen Dostojewski viel Geld verspielt. Da denkt man sofort an sein Buch Der Spieler.
Dann gibt es wieder die Abschnitte mit dem Erzähler, der auf Dostojewskis Spuren wandelt, und wir Leser mit ihm.
Außerdem ist das Vorwort der großen Essayistin Susan Sontag überaus beeindruckend. Sie war ebenfalls eine Persönlichkeit und ihre Texte gehen in die Tiefe. Ihrer Analyse dieses Buches kann man nur andächtig lesen.
Ganz interessant ist auch der umfangreiche Bildteil (St.-Petersburg-Album) am Ende des Buches.
Ein Sommer in Baden-Baden ist ein Buch zum wiederlesen. Und das werde ich sicher tun!
Blut ist dicker als Wasser
Meine Schwester, die Serienmörderin Der #1 Sunday Times Bestseller von Braithwaite Oyinkan
Meine Schwester, die Serienmörderin erschien im Original offenbar zunächst unter dem Titel Thicker than water, was ich eigentlich besser finde, denn es handelt sich hier nicht wirklich um einen Thriller oder Krimi.
Es geht vielmehr zentral um Rollen, die schon von Gesellschaft und Familie zugeteilt und eingenommen werden müssen.
Und Korinde ist in Nigeria als ältere Schwester verantwortlich für Ayoola. Eine Pflicht, der sie sich nicht entziehen kann.
Als Krankenschwester wirkt sie umso verantwortungsbewusster und die Mutter verdrängt ihr eigene schwierige Ehe mit einem gewalttätigen Mann.
Oyinkan Braithwaite hat einen guten Stil und erzählt ganz aus der Sicht von Korinde.
Eigenwillige Prosa
Rote Kreuze von Sasha Filipenko
In Rote Kreuze kommen im Jahr 2000 in Minsk zwei sehr unterschiedliche Menschen, die aber Nachbarn sind, miteinander ins Gespräch.
Der Anfang zwischen ihnen ist holprig, doch schließlich bindet sie ihre schwierige Vergangenheit miteinander. Um den jungen Alexander gibt es das Geheimnis, dass man anfangs nicht weiß, warum er alleinerziehender Vater eines 3 Monate alten Mädchens ist.
Seine Nachbarin Tatjana Alexejewna ist über 90 Jahre alt und scheut sich nicht, freimütig ihre lange, leidvolle Lebensgeschichte zu erzählen.
Das beinhaltet auch jahrelange Gefangenschaft und Verlust der Familie im Gulag sowie eine Geschichte um Schuld.
Die Handlung benötigte für mich ein wenig, um in Schwung zu kommen, doch dann konnte mich die Geschichte wirklich packen.
Manche Passagen sind stärker als andere. Zum Glück sind sie in der Mehrzahl und teilweise wirklich bewegend.
Sasha Filipenkos eigenwilliger Stil konnte mich überzeugen und ich hoffe auf weitere Übersetzungen seiner Bücher.
ohne Pathos
Christine Fenzl: Land in Sonne von Sasha Filipenko
Land in Sonne ist ein Fotobuch, das mir sehr gut gefällt, weil es völlig ungekünstelt und ohne Pathos Jugendliche und junge Erwachsene in ihrer Umgebung in Ostberlin zeigt: z.B. Marzahn, Lichtenberg, Hellersdorf.
Für mich ist diese Gegend fremd. Durch das Buch kann ich mir ein wenig vorstellen, wie es wohl ist, in dieser karg wirkenden Gegend in den Nachwendejahren aufzuwachsen.
Die abgebildeten Jugendlichen sind oft ernst, aber auch selbstbewusst und abgeklärt.
Das ein Buch mit vielen Fotos, die ausdrucksstark und manchmal auch mit Humor sind, einen so intensiven Eindruck vermitteln kann, ist eine große Leistung.
Die Fotos werden ergänzt von einem Vorwort, einem Text von Dani Levy sowie ein einleitender Text der Fotografin Christine Fenzl.
Phasen einer Beziehung
Allegro Pastell von Leif Randt
Allegro Pastell ist ein sehr zeitgenössischer Roman.
Die Handlung ist ab 2018 angelegt und zeigt in mehreren Phasen die Beziehung von einem Paar Anfang bis Mitte 30.
Im Mittelpunkt steht die Schriftstellerin Tanja Arnheim und ihr Freund Jerome Daimler. Sie lieben sich und dennoch scheint nichts sicher.
Es ist ein sehr hipper Roman, der viele moderne Elemente wie z.B. Verweise auf gängige Fernsehserien einsetzt.
Ich habe das Buch ganz gerne gelesen, obwohl es unspektakulär gemacht ist. Im Vergleich zu Leif Rands früheren Roman Dunst über CobyCounty wirkt Allegro Pastell ein wenig langweilig.
Essays voller Scharfsinn
Der Verrückte in den Dünen von Uwe Timm
Von Uwe Timm habe ich schon zahlreiche Roman mit Interesse gelesen.
Sein neues Buch Der Verrückte in den Dünen bietet die gute Gelegenheit, auch einmal Essays von Uwe Timm zu lesen. Und es sind intelligente Essays.
Ertwas überraschend, dass Reisen nach Paraguay 1984 und 2010 eine großen Raum einnehmen.
Andererseits spielte auch schon sein Roman Der Schlangenbaum in Südamerika.
Es ist ja klar, das Literatur eine bedeutende Rolle in Timms Beiträgen spielt, z.B. Erdbeben in Chili von Heinrich von Kleist, Daniel Dafoes Robinson Crusoe, der bis heute Autoren wie Christina Kracht und Lutz Seiler beeinflusste. Außerdem Thomas Morus und Etienn Cabet, dessen Werk Uwe Timm zu seinem Roman Ikarien inspirierte.
Es gibt aber auch noch anderes, z.B. der Beitrag über Graffiti-Künstler oder über die Arbeit von Übersetzern.
Es gibt also in diesem Band viel zu entdecken.
Mauritische Folklore
Alma von J. M. G. Le Clézio
Der Literaturnobelpreisträger J. M. G. Le Clézios hat einen neuen, großen und themenreichen Roman vorgelegt.
Seine Vorfahren stammen aus Mauritius. Man spürt umso mehr, das ihm der Inselstaat wichtig ist.
Le Clezio, der als Kind in Mauritius lebte, verfügt über die sprachlichen Mittel, um die Umgebung zu beschreiben.
Es ist eine ruhige und detaillierte Erzählweise, die auch nicht unkritisch ist. Im 18.Jahrhundert war Mauritius durch Sklaverei geprägt, das heutige Land ist von Tourismus mit all seinen Auswüchsen geprägt.
Der Roman funktioniert durch den Einsatz von in erster Linie 2 Stimmen. Zum einen Jérémie Felsen, der Mauritius, die Heimat seiner Vorfahren besucht und der sich auf die Suche seiner Herkunft und der Spur der lange ausgestorbenen Dodos macht.
Zum anderen ist da Dominique Fe'sen ein aussätziger Landstreicher, dem eine Krankheit das Gesicht zerfressen hat und der Dodo genannt wird.
Hinzu kommen noch Geschichten von Menschen der Vergangenheit , z.B. Marie Madeleine Mahé, 1738 geboren, als uneheliche Tochter eines Gouveneurs oder von dem indischstämmigen Ashok, der als Baby auf die Insel gekommen ist.
Aus den Beobachtungen und Reflektionen all dieser Figuren ergibt sich für den Leser ein stimmungsvolles Gesamtbild Mauritius voller Ruhe und Melancholie.
Ich habe es genossen, diesen Roman zu lesen.
Die Folgen eines halben Gulden
Der Mörder von Georges Simenon
Der Mörder ist ein Buch von Georges Simenon aus dem Jahr 1937 und der Roman trägt die typischen Simenon-Stärken. Das sind ruhige Beschreibungen und ein kühler Protagonist, der Arzt Hans Kuperus.
Hinter der vorgeblichen Coolness des Protagonisten versteckt sich aber eine Menge Wut, auch Entschlossenheit.
Mit einem Revolver in der Tasche ist er uf dem Weg, seine untreue Frau und deren Liebhaber umzubringen.
Interessanterweise ist die Handlung in den Niederlanden angelegt. Der Hauptteil des Plots ist nach der Tat angelegt, bei der der Arzt sein bürgerliches Leben weiterlebt. Wobei er sofort ein Verhältnis mit dem Dienstmädchen Neel anfängt, die sich provozierend passiv zeigt.
Das Nachwort von Judith Kuckart beleuchtet übrigens Georges Simenons langjährige Beziehung zu Dienstmädchen.
Kuperus steigert sich immer mehr in einem psychologisch prekären Zustand hinein.
Es handelt sich um einen psychologisch raffinierten Krimi, der 1979 sogar verfilmt wurde.











