Kunden em pfehlungen
Rezensionen von tinten_fischchen:
Geht unter die Haut
Hello Baby von Kim Eui-kyung
„Hello Baby“ ist ein eher kleines dünnes Buch, das es schafft länger nachzuwirken. Ich war mit dem Buch an einem Nachmittag durch, aber noch tagelang mit der Geschichte und den Figuren beschäftigt.
Das Thema unerfüllter Kinderwunsch ging mir sehr nahe und wurde schmerzhaft realitätsnahe behandelt.
Die langwierige Behandlung in den klinisch sterilen Kliniken sowie die Ärzte deren Geschäft es ist Hoffnung verkaufen, werden detailliert beschrieben. Und natürlich die Frauen bei denen es auf natürlichen Weg nicht mehr klappen will. Vielleicht zu realitätsnahe für jemanden der das gleiche durchmachen muss.
Auch Leser die das Problem nicht kennen, können sich im Buch wiederfinden. Die Figuren stehen vor den großen Fragen des Lebens. Wann ist der richtige Zeitpunkt eine Familie zu gründen? Soll man heutzutage überhaupt noch Kinder bekommen? Darf man das überhaupt? Und warum will man das?
Nebenbei bekommt man auch einen Einblick in die koreanische Gesellschaft. Der Druck auf die Frauen, die Abschätzung für Schwiegertöchter die schon „zu alt“ sind, all das war auch im Hinblick auf das 4B-Movement sehr erhellend.
Das Buch sieht in Natura übrigens weitaus besser aus als auf den Bildern. Das unter zu Hilfename von KI generierte Cover hat eine tolle Farbgestaltung und sieht sehr hübsch aus im Bücherregal.
Poetisch und emotional mitreisend
Der Kaiser der Freude von Ocean Vuong
Ocean Vuong ist einer der interessantes Lyriker unserer Zeit. Ein junger Mann der Sätze schreibt, die so geschliffen wirken, als hätte er jahrhundertelang an ihnen gefeilt. Die Geschichte selbst, gespeist aus seinen eigenen Erfahrungen, hat etwas banales. Es werden Schicksale erzählt, wie es sie wohl Millionenfach gibt auf dieser Welt.
Und doch vermag Vuong diesem Existieren, dem die aus Hollywood bekannte Größe und das große Happy End fehlt, Würde zu verleihen. Vuongs Blick auf die Abgehängten und an den Rand der Gesellschaft gedrängten ist von einer ungewohnten Zärtlichkeit. Der Autor nimmt uns mit in marode Häuser, heruntergekommen Fast-Food-Restaurants, Schlachthöfe und sogar Mülltonnen. Immer wieder findet man Solidarität dort wo man es am wenigsten erwartet hätte.
Auch wenn das Buch zur Zeit der Präsidentschaft von Barack Obama spielt, ist es ein Abgesang auf den American Dream. Die einzelnen Kapiteln erinnern manchmal an Kurzgeschichten, sind teils grausam, teils komisch, teils brutal und oft eine Mischung aus all dem und noch soviel mehr.
Als Leser braucht man anfangs etwas Zeit um mit der ungewohnt überladenen, sinnlichen Sprache warm zu werden. Es ist kein Buch zum schnell mal durchlesen, es ist ein Buch mit dem man sich auseinandersetzen und das man manchmal auch erst sacken lassen muss.
Wien – Stadt der Schmuggler
Internationale Zone von Milo Dor; Reinhard Federmann
Der Picus Verlag hat sich richtig ins Zeug gelegt und eine wunderschöne Neuausgabe von Milo Dors und Reinhard Federmanns „Internationale Zone“ auf dem Markt gebracht. Das Büchlein kommt im Leineneinband und mit einem Lesebändchen daher. Garniert wird das ganze durch ein Nachwort das den Roman historisch einordnet.
Das Buch entstand in den 50er Jahren, also ca. zur Zeit als die Geschichte spielt. Trotz seines Alters ist der Roman alles andere als angestaubt. Dafür sorgt ein harter, schneller Erzählstil. Der Roman orientiert sich an den amerikanischen Hard Boiled Krimis. Tiefgreifende Figurenzeichnungen darf man natürlich nicht erwarten. Aber allzu einseitig sind die Figuren auch nicht, sie hätten oft auch die Möglichkeit gehabt Entscheidungen anders zu treffen.
Das das Buch so alt ist, ist ein Plus für mich. Historische Romane die erst in den letzten Jahren oder Jahrzehnten spielen betrachten die Dinge oftmals aus heutiger Sicht und/oder verklärt.
Für Fans vom dritten Mann, hard boiled Krimis und Lesern die gerne einen authentischen Krimi der in der Wiener Nachkriegszeit spielt, lesen ein Muss.
Ein wunderbares Buch
Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken von Sarah Lorenz
Ganz adrett steht es da, in meinem Regal. Herausfordernd blickt sie mich an. Die Dame auf dem Cover. Und ich merke: Das kleine Büchlein geb ich nicht mehr her.
Der Debütroman von Sarah Lorenz ist voller Leben, Schmerz, Liebe. So viel mehr, als man in einem Leben ertragen kann. Aber man muss. Und wenn es nicht mehr geht, hilft Mascha.
Das Buch ist auch eine Hommage an die Dichterin Mascha Kaleko, deren Gedichte die einzelnen Kapiteln einleiten. Kaleko kannte ich noch nicht. Aber ihre Gedichte gefallen mir sehr. Sowohl Kaleko als auch Lorenz schreiben mit einer gewissen Leichtigkeit über die großen, schweren Themen es Lebens.
Es bleibt das Gefühl, dass das Leben neben all seiner Hässlichkeit auch Liebe bereithält. Ebenso Freundschaft und großartige Literatur.
Das Buch hat allerdings auch eine Trigger-Warnung zu Beginn. Es werden wirklich sehr viele schmerzhafte Themen behandelt. Trotz der Leichtigkeit in der Sprache musste ich an einigen Stellen schlucken. Vor allem das Verhältnis der Ich-Erzählerin zu ihren Eltern hat mich lange beschäftigt. Sie versteht ihre Mutter rational aber ist nicht in der Lage ihr emotional zu verzeihen. Anderseits versteht sie rational dass ihr Vater ein Ars… ist, und ihre Mutter eigentlich missbraucht hat, aber emotional hat sie sich mit ihm versöhnt und konnte eine gute Beziehung zu ihm aufbauen.
Die Last der Vergangenheit
Wo wir uns treffen von Anna Hope
Philip Brooke ist tot. Er war ein schlechter Vater. Ein schlechter Ehemann. Und Besitzer eines über 200 Jahre alten Anwesens inklusive Tausenden von Hektar Land. Nach seinem Tod trifft sich die Familie auf dem Landsitz um den Patriarchen im engsten Kreis zu verabschieden. Und darüber zu diskutieren wie es mit dem Land weitergehen soll.
Hier soll ein Idyll entstehen, ein Ort an dem die Natur sich wieder ausbreiten kann. Doch wie lange lässt sich die Außenwelt aussperren? Wie lange die Vergangenheit?
Anna Hopes Roman erinnert aufgrund seines Aufbaus und der Erzählweise an eine Serie. Die Geschichte spielt an nur fünf Tagen. Es gibt weder eine Haupt- noch eine Heldenfigur. Stattdessen folgen wir dem Schicksal vieler Figuren. In Rückblenden erfahren wir mehr über die einzelnen Akteure. Alte Wunden und Traumata werden hervorgeholt. Dadurch können wir sie besser verstehen. Auch wenn wir keine Sympathie für sie empfinden.
Das Anfangs gemächliche Erzähltempo wird immer schneller. Ein Unheil braut sich zusammen. Anna Hope hat sehr viele Themen in „Wo wir uns Treffen“ gepackt. Von Klimawandel, Tech-Milliardären bis hin zum Älterwerden ist alles dabei. Der Erzählton ist ungewohnt nüchtern, selbst über die rückgratlosen Investoren macht Hope sich nicht lustig.
Aus dem Buch kann man vieles mitnehmen, vieles bringt einen zum nachdenken. Am Ende wird vielleicht etwas zu sehr mit der Moralkeule geschwungen. Aber selbst das wird reflektiert. Auch als Leser bleibt man ambivalent zurück. Ein Buch das zum Nachdenken anregt und meisterlich erzählt ist. Ganz großes Kino.






