Kunden em pfehlungen
Rezensionen von tinten_fischchen:
Die schwierige Suche nach Zugehörigkeit
Prep von Curtis Sittenfeld
Prep von Curtis Sittenfeld ist ein handwerklich toll gemachtes Buch. Die ersten beiden Kapitel hab ich nur inhaliert. Ich sehe auch schon die Netflix-Serie vor mir. Jede Folge ein Kapitel.
In acht ausführlichen Kapiteln begleiten wir Hauptprotagonistin Lee Fiora durch ihren Schul- und Internatsalltag auf der prestigeträchtigen Kader-Schmiede Ault.
Lee ist eine der wenigen Schüler, die sich den Weg in Ault nicht erkauft haben.
Doch es ist nicht nur das finanzielle, das Lee zur Außenseiterin werden lässt. Meist steht sie sich selbst im Weg. Sie ist zwar in vielen releatable aber gleichzeitig auch null likeable. Curtis Sittenfeld erschafft eine Figur, die sich eigentlich während der ganzen Geschichte kaum weiterentwickelt und über die ich nach der Lektüre nichts positives mehr weiß. Im Grunde ist Lee wahrscheinlich eh nett und möchte nur dazugehören, aber ihre Unsicherheit, ihr Selbsthass und ihr egozentrisches Verhalten machen es einem echt schwer. Als Leser ertappte ich mich so ab Mitte des Buches bei der Frage was mit der Autorin nicht stimmt. Ja, sie schafft es extrem schmerzhafte Facetten, die man an sich selbst auch nicht gern hat, in ein Licht zu rücken. Zudem psychologisch glaubwürdig. Gleichzeitig habe ich nicht das Gefühl, dass Sittenfeld selbst nicht mal versucht Lee zu mögen. Es gibt viele Fremdscham und WTF-Momente.
Als Internatsgeschichte taugt Prep dadurch nur bedingt. Wobei man auch immer wieder kurze Einblicke in das Internatsgefüge und die hierarchische Gesellschaft bekommt. Das Buch ist zudem überraschend vielschichtig und bietet viel Platz für Reflexionen. Ein intensives, nachwirkendes Leseerlebnis.
Emotionale Tour-De-Force
Die Namen von Florence Knapp
Das ist glaub ich, das erste Mal, dass ich meinen Leseeindruck mit einer Triggerwarnung versehe. Aber dieses Mal muss es sein. Anders als der Cover-Text vermuten lässt, zeigt das Buch nicht, wie ein Name und seine Erwartungen ein Leben beeinflussen. Sondern wie eine fast alltägliche Handlung eine verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang bringen kann.
Hinter der Bezeichnung “herrischer Männer” im Klapptext versteckt sich Sadismus, häusliche Gewalt, psychischer und psychischer Missbrauch. Auch das Thema Femizid kommt vor.
Florence Knappt packt viele Themen ins Buch und die unterschiedlichen Lebensläufe. Für mich das spannendste Buch, das ich in diesem Jahr bisher lesen durfte. Die Geschichten zeigen wie unsere Umgebung, unsere Eltern, ihre Erwartungen an uns, uns prägen. Durch die knapp 350 Seiten ist man schnell durch, da das Buch ein Pageturner ist. Wobei man manchmal auch Pausen braucht, da die Geschichten immer wieder mit emotionaler Wucht zuschlagen.
Dem schnellen Lesefluss hilft es auch, dass die Erzählung und Figuren alles andere als subtil ausgefallen sind. Dinge werden teilweise auch unnötig breit getreten. Unglücklich fand ich auch die Vermischung zwischen Mord und Totschlag. Keine Ahnung, ob diese der Übersetzung geschuldet ist.
Interessant auch der Anhang, in der auf die Kunst und KünstlerInnen die das Buch inspiriert haben eingegangen wurde. Schade, dass die deutsche Ausgabe nicht über die Illustrationen von Sam Scales verfügt.
Trotz einiger Schwächen hat das Buch mir sehr gut gefallen. Neben dem faszinierenden Gedankenexperiment glänzt Florence Knapps Debutroman vor allem durch seine emotionale Dichtheit und den Figuren die einem ans Herz wachsen.
Auch für Leute die noch nicht betroffen sind erhellend
Gamechanger Abnehmspritze von Gerald Jahl; Herbert Hirschler
Die Abnehmspritze ist in alle Munde. Ständig ließt man über sie, erfährt welcher Star dank ihrer Hilfe abgenommen hat. Und auch die Nebenwirkungen sind medial überrepräsentiert.
„Gamechanger Abnehmspritze“ ermöglicht einen fundierten Überblick zum Thema, wenn man mehr als nur Schlagzeilen wissen möchte.
Dazu wird auch viel auf die Themen Übergewicht und Abnehmen eingegangen. Sehr hilfreich auch für Leute die nicht adipös sind. Der Autor schafft es, das teils doch recht trockene Thema spannend zu erklären.
Faszinierend fand ich die Einblicke in die moderne Medizin. Was allein in der Diagnostik heute schon alles möglich ist. Oder möglich wäre. Der Autor macht keinen Hehl daraus, das eine gute Diagnostik teuer ist. Und wer sich das nicht leisten kann oder will durch die Finger schaut. Ufff. Als Leser merkt man schnell, dass die oft gescholtene Zwei-Klassen Medizin noch viel schlimmer ist als gedacht. Und das man vieles am Gesundheitssystem hinterfragen kann.
Ab und an liest sich das Buch wie Werbung für die Abnehmspritze. Man darf natürlich nicht vergessen dass Dr.Dr. Jahl damit gutes Geld verdient. Daher ist es nicht verwunderlich, das sich der Teil über die Nebenwirkungen fast wie ein Werbetext liest.
Fairerweise muss man aber auch sagen, dass das Buch den Leser auch die Wichtigkeit eines gesundes Gewichts und Körpers vor Augen führt. Und das die Arbeit von DDr. Jahl wichtig ist.
Dazu passte der Weg von Herbert Hirschler, der es schaffte durch die Gewichtsreduktion chronische Erkrankungen abzuschwächen und teils sogar los zu werden. Sehr schön ist auch, dass der Autor immer wieder zeigt, dass man sich nicht nur auf die Spritze verlassen darf und dass das Abnehmen ganzheitlich betrachtet werden muss.
Kafka im Kreisverkehr
Schleifen von Elias Hirschl
Eine kurze Liste der Dinge die ich während des Lesens über den Autor und das Buch recherchiert habe:
Punkt 1: Elias Hirschl ist ein ehemaliger Mathematik-Student
Punkt 2: Elias Hirschl hat Philosophie studiert. Eventuell im Wien. Das würde das Vorkommen des Wiener Kreises im Buch erklären
Punkt 3: Das Buch entstand aus einer Fülle an Kurzgeschichten die erst später mit einer Rahmenhandlung verknüpft wurden
„Schleifen“ liest sich so, wie es die oben genannten Punkten vermuten lassen würden.
Das Buch ist speziell, im besten Sinne. Absurd, kreativ, humorvoll aber auch voll brutaler, roher Schönheit. Ein wilder mix aus Sprachtheorie, Wissenschaft, Philosophie, Geschichte, Kunst. Ein wenig Mathematik ist auch dabei. Selbstreflexiv. Teilweise auch kindisch, fast schon dumm. Einmal Lesen reicht vermutlich nicht, um alle Feinheiten entdecken zu können. Reale Figuren werden mit fiktiven vermischt. Biblische Geschichten neu gedeutet. Raum und Zeit neu vermessen.
Kein einfaches Buch für nebenbei. Aber ein Buch, das Spaß macht, wenn man sich darauf und die verrückten Ideen, die darin durchgekaut werden, einlassen kann. Ich habe es geliebt, weiß aber, dass das Buch alles andere als Mainstream ist.
Zwischen Poesie und Schrecken
Der letzte Sommer der Tauben von Abbas Khider
Bei der letzten Seite hatte ich Gänsehaut. Wahnsinn, was für ein Ende. Was für ein Buch.
Obwohl der Stil und Aufbau relativ einfach ist, ist die Leseerfahrung dem Thema entsprechend alles andere als einfach.
In etwas mehr als 200 Seiten wird eindrücklich geschildert wie der Alltag mehr und mehr verschwindet.
Immer wieder neue Verbote, Ausgangssperren aber auch Gehirnwäsche. Nicht nur der Alltag sondern auch Familie und Freunde verändern sich im Laufe der Zeit. Verschwinden.
Umso schwieriger ist es das alles aus Sicht eines Heranwachsenden zu erleben. Noah, der immer noch sehr naiv ist und sich wieder und wieder vorstellt, das alles wieder gut und normal wird. Ganz nebenbei erfährt man vieles über Tauben und ihre Zucht.
„Die Tauben sind mir wie immer ein Trost. Ohne sie, denke ich, wäre ich verloren. Sie sind das einzige Beständige in einer Welt, die sich um mich herum gerade so rasant wandelt.“ lässt Abbas Khider Noah einmal erklären. Besser kann man es gar nicht beschreiben.
Ein kurzes, bedrückendes Buch mit Nachhall.
Gruselig aber schwächer als der Vorgänger
Gänsehaut in Hovenäset 2. Sternengrab von Kristina Ohlsson
Nachdem wir „Flammenrad“ verschlungen haben, warteten wir sehnsüchtig auf den zweiten Teil der Reihe. Auch der Nachfolger bietet reichlich Spannung für Gruselfans und etwas ältere Leser, reicht jedoch nicht ganz an die durch das „Flammenrad“ hochgelegte Messlatte heran.
Positiv hervorzuheben ist, dass das Buch weniger düster ausfällt als der Vorgänger.
Damit eignet es sich auch für etwas zartbesaitetere Kinder. Zwar wird die Vorgeschichte in wenigen Sätzen angerissen, man kann der Handlung aber auch ohne Vorkenntnisse problemlos folgen.
Für Kenner des ersten Teils ist es jedoch enttäuschend, dass die Kinder ständig nach logischen Erklärungen für das Mysteriöse suchen und fürchten, man würde ihnen keinen Glauben schenken. In Anbetracht des gemeinsamen Abenteuers mit ihren Eltern im ersten Band wirkt dieses Verhalten völlig unlogisch. Hier zeigt sich eine weitere Schwäche. Während der erste Teil den Leser lange im Unklaren ließ, ob die Geschehnisse real oder eingebildet sind, wurde das Tor zum Übernatürlichen am Ende bereits weit aufgestoßen. Als Leser erwartet man nun, dass man es wieder mit Geistern zu tun hat und dadurch verliert das Buch an Spannung.
Zudem braucht die Handlung recht lange, bis sie an Fahrt gewinnt und gruselig wird. Dieser langsame Aufbau könnte dazu führen, dass jüngere Leser vorzeitig das Interesse verlieren.
Wir schwanken zwischen 3 und 4 Punkten
Zwischen dem Nichts..
Tage des Lichts von Megan Hunter
„Tage des Lichts“ ist ein eigentümliches Buch, dessen Reiz sich erst nach und nach erschließt. In sehr ausladender Sprache, die voller Metaphern ist, erzählt Megan Hunter von 6 Tagen aus dem Leben einer Frau. Wir lernen Ivy im Jahr 1938 kennen. Da ist sie gerade einmal 19 Jahre alt und weiß nicht, welche Richtung sie in ihrem Leben einschlagen soll.
Ivy, Spross einer unkonventionellen Künstler- und Intellektuellenfamilie zeigt selbst weder Talent noch Ambitionen.
Nicht nur die Erzählweise, auch die Geschichte wirkt wie aus der Zeit gefallen. Sie lässt längst vergangen Zeiten und Lebensumstände wieder aufleben. Von der Musik und der Befreiungsbewegung der 60er bekommt man nicht viel mit, Ivy ist noch in einem anderen Weltbild beheimatet. Sie ist auch eher ein Mitläufer, keine Rebellin. So lässt sie sich treiben, wie ein Stück Treibholz im Fluss. Vieles an ihren Leben und Alltag wirkt leer und eintönig.
Hunter erklärt nichts, sie psychologisiert nichts. Der Leser selbst muss aus den Figuren seine Schlüsse ziehen und ihre Geschichte reflektieren. Material dazu bietet die Geschichte genug. Dadurch bleiben die Figuren, aber vor allem das Zeitbild mit all seinen Restriktionen, aber auch mystischen Geheimnissen und die Bilder die Hunter erschaffen hat, beim Leser länger hängen. Genau so soll es sein.
Spannendes Konstrukt, teilweise aber lazy Writing
Sophie L. von Matthew Blake
Da hätte man mehr daraus machen können. Ein Gedanke den mir bei „Sophie L“ des öfteren kam. Die Grundidee mit den falschen/fehlenden Erinnerungen ist super. Der 2. Weltkriegsteils ist sowieso eine sichere Bank und zieht immer. Ich fand die Geschichte spannend und habe das Buch innerhalb weniger Tage ausgelesen gehabt.
Zumindest was das betrifft, hat der Autor vieles richtig gemacht.
Wer einen spannenden Thriller sucht kann also auf seine Kosten kommen. Was mir jedoch gar nicht gefallen hat, war der psychologische Teil. Anstelle eine der Hauptfiguren langsam an ihren Erinnerungen zweifeln zu lassen wird ihr einfach von irgendeinem Typen an den Kopf geworfen: „Deine Erinnerungen sind falsch. Sowas falsches hab ich ja noch nie gesehenen. Trust me: Ich bin zwar kein Experte und hab keine Erfahrungen, aber ich seh gut aus. Und du stehst ja auch mich. Deshalb: Musst du mir einfach glauben, das es so ist.“ Zumindest spielt sich die Szene in meiner Erinnerung so ab. Auch die Motive des Strippenziehers bleiben im Dunkeln. Er ist halt böse. Das muss als Motiv reichen.
Es scheint mir als hätte der Autor eine spannende Grundidee gehabt, diese auch umgesetzt, aber für Details usw. keinen Bock gehabt. Das hat mir persönlich dann den Spaß am Buch verdorben. Was Schade ist, da die Geschichte sehr viel Potential hätte. Wobei das Buch zur Entspannung nebenbei eh ganz gut ist.
Wie weit würdest du gehen?
Ruf der Leere von Daniel Alvarenga
Eine Studentin sitzt im Seminar. Ihr Puls rast. Sie möchte nichts Falsches sagen. Da platzt es aus ihr heraus. Alle starren sie an. Sie fühlt sich als hätte sie an „Heilgenabend in einer vollbesetzten Kirche während der Predigt laut gefurzt“. Ihr Mitstudent gibt ein Kontra das ihr die „Luft aus den Lungen trieb“.
Szenen wie diese kommen in „Ruf der Leere“ häufig vor. Und als Leser fragt man sich, was das soll. Figurenzeichnung? Die Figuren werden mit Stehsätzen wie „sie führt keine Beziehung, die hält sich Haustiere“ oder „einen Menschen der mit einen Verstand gesegnet war, wie es ihn nur selten gab“ beschrieben. Viel mehr ist da nicht. Die versprochene Konfrontation mit dem alten Mann findet erst ab etwa der Hälfte des Romans statt.
Zuvor werden in einer Moral und Ethik Vorlesungen werden zwar interessante Fragen gestellt. Aber mehr als ein Kratzen an der Oberfläche findet da nicht statt. z.B. scheint niemand der Figuren Brechts Dreigroschenoper oder „Against Empathy“ von Paul Bloom zu kennen. Daher erinnert das Seminar eher an einen Philosophie-Oberstufen Leistungskurs.
Ab dem Auftritt des alten Mannes nimmt die Geschichte aber zumindest fahrt auf. Sie entwickelt sich jedoch komplett anders als erwartet und vermag zu überraschen. Neben einen starken Anfang bietet das Buch auch ein spannendes Ende. Die Grundidee ist gut. Der Spannungsbogen ist auch hoch. Es gibt interessante Konfrontationen und durchaus groteske Szenen. Aber mich hab das Buch nicht ganz abgeholt.
Aufgrund des schönen düsteren Covers und der Inhaltsbeschreibung hab ich ein düsteres Drama erwartet. Bekommen habe ich einen Thriller gemischt mit ein wenig Coming of Age. Das Buch hat Potential, verschenkt aber leider auch viel davon.
Anreize zum Innehalten
Wie fühlst du dich? von Axel Hacke
Auf lockere, humorvolle und leicht persönliche Ebene nähert sich Axel Hacke dem Thema inneres Gefühlsleben. Dazu greift er auf unzählige Zitate zurück, aus Kunst, Literatur, Philosophie, Psychologie, Neurowissenschaften sowie Soziologie. Der Autor hat seine Hausaufgaben gemacht und es entsteht ein Umfangreiches Bild, das immer wieder neue Perspektiven eröffnet und zum Reflektieren einlädt.
Aber das einem aufgrund der Flut an geballter Information auch leicht überfordern kann.
Hacke ist ein wunderbarer Schriftsteller, ich habe es genossen das Buch zu lesen. Auch die positive, hoffnungsvolle Grundstimmung die das Buch vermittelt, hat mir sehr gut gefallen.
Wobei es manchmal schwer fällt, Autor von Werk zu trennen. Hacke schreibt aus einer privilegierten Position und als junger Mensch, der noch mit Unsicherheiten zu kämpfen hat, kann man sich durchaus vor den Kopf gestoßen fühlen. Aber auch diese werden gute Punkte im Buch finden können.
Was bleibt ist ein Buch zum immer wieder lesen und neu entdecken. Zum Reflektieren und eines das Hoffnung schenkt.











