Kunden em pfehlungen
Rezensionen von carola1475:
Fesselnd und spannend bis zum Schluss
Totenfrau - Die Rückkehr von Bernhard Aichner
Blum lebt seit 10 Jahren mit ihrem Partner Reza auf ihrer Yacht in Kroatien. Sie bieten Segeltörns und Tauchkurse an und haben ein schönes Leben, bis eines Tages ein Gast an Bord verstirbt. Ab da gerät Blums Welt aus dem Gleichgewicht und sie kämpft, um die drohende Katastrophe abzuwenden. Doch Blum verstrickt sich in eine Abwärtsspirale, wie bei einer Kettenreaktion wird ihre Situation immer schlimmer.
Ihre Unerschrockenheit und Konsequenz stehen ihrer Wut nicht nach und Blum ist gezwungen, zu zeigen, wozu sie fähig ist.
Erzählt wird aus Blums Perspektive in der dritten Person. Aichners Schreibstil ist prägnant und schnörkellos, trotzdem zeichnen seine oft kurzen Sätze ein eindringliches Bild von Blums Situation, ihren Gedanken und Gefühlen. Auch die anderen Charaktere haben Tiefe, erscheinen glaubhaft und authentisch. Bei Aichners besonderen, reduzierten Dialogen lenkt nichts ab vom Wortwechsel.
Fast verstörend finde ich den Kontrast zwischen der sommerlichen Stimmung am Meer und der bedrohlichen Atmosphäre, in der Blum nach einem Ausweg sucht. Die Geschichte ist spannend und fesselnd, ich weiß um das Schreckliche, kann aber nicht anders, als das Geschehen weiter zu verfolgen. Die, wie befürchtet, unvermeidliche Eskalation ist nervenaufreibend, das Erzähltempo hoch.
Auch Neueinsteiger in die Reihe finden sich meiner Meinung nach zurecht durch geschickt gesetzte Rückblicke, die aus Blums Vergangenheit erzählen und zweifellos neugierig machen auf die Vorgängerbände. Mir hat 'Totenfrau – Die Rückkehr' sehr gut gefallen und ich bin gespannt, ob Aichner die Reihe fortsetzt, ich würde mich freuen.
Ein umfangreiches Buch über die deutsche Sprache, informativ und unterhaltsam
Das große Buch der deutschen Sprache von Andrea Weller-Essers
Der Duden-Verlag hat zusammen mit Marmota Maps 'Das große Buch der deutschen Sprache' herausgebracht und ein gleichermaßen unterhaltsames wie informatives Werk geschaffen, das mich begeistert. Angefangen mit den Besonderheiten der deutschen Sprache mit ihrem ungewöhnlichen Ich-Laut, dem Knacklaut, der in Verbindung mit unserer Silbenstruktur zur relativ harten Sprachmelodie führt, über die Sprachgeschichte vom Indoeuropäisch bis zum Deutsch, die seit 250 Jahren andauernde Entwicklung der Rechtschreibung, bis zur Grammatik und der gegenseitigen Beeinflussung von Sprache und Gesellschaft, jedes der vielfältigen Themen ist fundiert und gleichzeitig ansprechend ausgearbeitet und hält auch so manche Überraschung bereit.
Die historische Entwicklung des Deutschen in Österreich und der Schweiz und den Einfluss geografischer Gegebenheiten finde ich besonders interessant, wie auch den Unterschied zwischen Niederdeutsch und Hochdeutsch und die Erläuterungen zur Lautverschiebung. Die Sprache der Hanse, die sprachwissenschaftlichen Verdienste der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, das Dudenkorpus, Wortspielereien - im ganzen Buch habe ich Aha-Momente, immer wieder Neues gelernt und oft gestaunt.
Infografiken, Karten und Illustrationen zeigen auch visuell die Vielfalt unserer Sprache und machen in Verbindung mit zahlreichen Beispielen nicht nur das Verstehen, sondern ebenfalls nachhaltiges Erinnern leicht.
'Das große Buch der deutschen Sprache' kann, aber muss nicht, chronologisch gelesen werden, es lädt durch 10 farblich unterschiedlich gestaltete Themen und ein alphabetisches Register zum Nachschlagen ein, gezielt oder nach Lust und Laune. Ein umfangreiches und aktuelles Quellenverzeichnis komplettiert das Werk.
Das Cover zeigt einen Kreis verschiedenster Menschen, die offensichtlich die Sprache eint, und passt sehr gut zu diesem großformatigen und in jeder Hinsicht gewichtigen Buch.
Sprache ist faszinierend und lebendig - das zeigen Andrea Weller-Essers (inhaltliches Konzept und Texte) und Lana Bragin von Marmota Maps (Konzept und Gestaltung) fundiert, unterhaltsam und eindrucksvoll.
Lesenswerter Krimi mit ungewöhnlichem Setting und unterschwelliger Spannung
Die Stille kennt deinen Namen von Petra Ivanov
'Die Stille kennt deinen Namen' ist der Auftaktband einer neuen Reihe der bekannten Schweizer Autorin Petra Ivanov. Die Gebärdensprachdolmetscherin Bella Kron ist die ungewöhnliche Protagonistin des Krimis und hat es in ihrem ersten Fall mit der gehörlosen Christina Sartori zu tun. Die selbstbewusste und erfolgreiche Spitzenköchin wird seit über vier Monaten gestalkt, erhält Waren geliefert, die sie nie bestellt hat und erhält ununterbrochen Nachrichten, aus denen ersichtlich ist, dass sie ständig beobachtet wird.
Wer der Stalker ist, weiß sie nicht. Bella übersetzt für Christina bei der Polizei und einer Beratungsstelle.
Erzählt wird aus Bellas Ich-Perspektive, so teile ich ihre Gedanken und Gefühle und auch Details ihres familiären und beruflichen Hintergrundes machen sie sehr nahbar. Christinas Verzweiflung und der Druck, unter dem sie steht, sorgen bei Bella für einen Konflikt zwischen professioneller Distanz und menschlicher Verantwortung, einen Konflikt, dem sie vor Jahren schon einmal erlebt hat. Die Gefühle beider Frauen haben mich berührt und wie sich Bellas Sicht auf Christina entwickelt, finde ich psychologisch überzeugend.
Bella beginnt zu ermitteln, unterstützt wird sie von ihrem Vater, einem pensionierten Polizisten. Die Autorin versetzt Bella geschickt in die Lage, Christinas Gäste und Mitarbeiter kennen zu lernen und nach verdächtigem Verhalten zu suchen. Bella schaut genau hin, ist fokussiert und berücksichtigt auch den Hintergrund, wie sie es auch bei der Arbeit macht.
Die Figurenzeichnung überzeugt auch bei Nebencharakteren, alle Personen sind glaubhaft und treten authentisch auf, sind mir sympathisch oder eher nicht. Ich habe gern mitgerätselt, konnte mich aber nicht auf eine verdächtige Person festlegen.
Petra Ivanovs Schreibstil ist klar, lebendig und fesselnd. Die Autorin war selber als Dolmetscherin tätig und hat gut recherchiert, sie vermittelt nicht nur Informationen über Leben und Herausforderungen Gehörloser, sondern auch über das aktuelle Thema Stalking, die beängstigende Ohnmacht und Belastung, die es für Betroffene bedeutet.
Zürcher Lokalkolorit und die atmosphärische Darstellung des idyllischen Braunwalds sind verlockend, ebenso die Möglichkeit, sich über Links Christinas Rezepte und einzelne beschriebene Gebärden anzusehen.
Das Cover mit den ansprechenden Farben, dem großen, universellen Handzeichen für 'Stop' und Christinas hell erleuchtetem Restaurant macht neugierig auf das Buch und gefällt mir. 'Die Stille kennt deinen Namen' hat mich mit ungewöhnlichem Setting, unterschwelliger Spannung, überraschender Wendung und logischer Auflösung sehr gut unterhalten.
Das Sterben und der Tod im Pflegeheim
Gnade vor Recht von Peter Grainger
Die 78jährige Joan Riley ist in ihrem Sessel im gehobenen Pflegeheim Rosemary House augenscheinlich friedlich eingeschlafen, doch die Obduktion ergibt, dass sie an einer Überdosis Morphium gestorben ist. Detective Sergeant DC Smith beginnt, im Pflegeheim zu ermitteln, muss dabei angesichts des Alters und gesundheitlichen Zustands der Bewohner behutsam und vorsichtig vorgehen.
Smith ermittelt auf die altmodische Art, führt Befragungen durch und kann manche Beteiligte aus dem Kreis der Verdächtigen ausschließen, er arbeitet diszipliniert, kontrolliert und ausgesprochen aufmerksam und zieht seine Schlussfolgerungen. Gleichzeitig macht er sich angesichts des Umfeldes Gedanken über das Pflegeheim als Endstation des Lebens, das Sterben, einen selbstbestimmten Tod. DC nähert sich dem Rentenalter und hat seine Frau durch Krebs, denke ich, verloren.
Peter Grainger macht aus Smith eine realitätsnahe Figur, die in diesem zweiten Band der Reihe durch Einblicke auch in seinen Alltag und seine privaten Beziehungen noch nahbarer wird. Auch Nebencharaktere haben einen Hintergrund und werden glaubhaft dargestellt, besonders interessant fand ich hier den Heimbewohner Ralph Greenwood, einen Freund der Verstorbenen.
Sehr humorvoll sind Smiths Gespräche mit Kollegen und seine Schlagfertigkeit gegenüber dem Vorgesetzten Superintendent Allen, der den eigenwilligen Smith so gern los wäre. Grainger schreibt lebendig und unaufgeregt und wie bei seinem Protagonisten macht es Freude, gelegentlich zwischen den Zeilen zu lesen.
Die Krimihandlung ist für mich nicht so packend wie die philosophischen Fragen und Betrachtungen in Zusammenhang mit dem Fall, die haben mich sehr beschäftigt und 'Gnade vor Recht' so zu einer unbedingt lohnenden Leseerfahrung gemacht. Ich vergebe 4,5 Sterne.
3,5 Sterne für einen atmosphärischen Thriller um Familiengeheimnisse und Manipulation
Aprikosenkind von Judith Merchant
Nathalie lebt mit ihrem verständnisvollen und immer optimistischen Mann Gabriel und der kleinen Ruby zurückgezogen auf dem Land im Westerwald. Dreh- und Angelpunkt in Nathalies Leben ist die geliebte Tochter, Ruby ist ein besonderes Kind, klein und zierlich, ruhig und in ihrer Entwicklung offenbar verzögert, Kontakte zu anderen Kindern lehnt sie ab.
Nathalie ist selber zurückhaltend und war immer 'anders', aber durch das Drängen der Erzieherinnen im Kindergarten, die eine Förderung Rubys für notwendig halten, und die bevorstehende Einschulung wird Nathalie zunehmend verunsichert.
Erzählt wird überwiegend aus Nathalies Ich-Perspektive und auch aus Gabriels Sicht. Ungereimtheiten und Fragen, die ich mir stelle, werden durch Erinnerungen der Charaktere und durch Rückblenden zu verschiedenen Zeitebenen nach und nach aufgeklärt und beantwortet, während ein beklemmendes Gefühl von Ungläubigkeit und Bedrohung immer stärker wird.
Nathalie ist eine vielschichtige Protagonistin mit glaubhafter Figurenzeichnung, auch Rubys Darstellung finde ich überzeugend.
Judith Merchants Schreibstil ist angenehm zu lesen, intensiv, atmosphärisch und fesselnd. Unerwartete Wendungen haben mich überrascht. Leider konnte ich Nathalies Entwicklung und ihr Handeln im späteren Verlauf nicht wirklich nachvollziehen und das Ende der Geschichte kam dann zu schnell, da hätte ich mir mehr gewünscht.
Mir gefallen Cover und Farbschnitt, beides ist gut gelungen, passt zum Buch und bietet auch eine haptische Erfahrung. Ich vergebe 3,5 Sterne für 'Aprikosenkind'.
Wenn Zukunft bedeutet, den nächsten Tag zu erleben
Nach dem Ende von Elisabeth Schmidauer
Am Ende ging alles ganz schnell, zerstörte Infrastruktur und fehlende Nahrungsmittel- und Stromversorgung machten das Leben in der Stadt unmöglich, nur auf dem Land konnten die Menschen noch versuchen, durch Selbstversorgung zu überleben.
Mila war Aktivistin und hatte ihre Familie zur Bevorratung gezwungen.
Sie erzählt zu Beginn des Buchs aus ihrer Ich-Perspektive, es ist der Frühling im Dorf nach dem ersten postapokalyptischen Winter. Die mühsame Arbeit auf Feldern und mit den Tieren lenkt vom Grübeln ab, alle müssen sich beteiligen, um das Überleben zu sichern.
Die entstandenen Gemeinschaften müssen sich organisieren, Altes und Vergessenes neu lernen, sich wehren können und sind auf sich gestellt. Viele Menschen sind mutlos, fühlen sich einsam und verloren und haben keine Hoffnung, es gibt viele Tote, auch durch Seuchen, denn es gibt keine Medikamente mehr.
Elisabeth Schmidauer schreibt poetisch und bildhaft, stellt aber die neue Wirklichkeit auch präzise und schonungslos dar. Bei wörtlicher Rede verzichtet sie auf Anführungszeichen, setzt auch indirekte und erlebte Rede ein, es entsteht eine beschreibende Wirkung, auch durch innere Monologe der Figuren, die Milas Perspektive ablösen. Erst am Ende gibt es kurz wieder eine Ich-Perspektive, als Susa, Milas Mutter, ihre Schlussfolgerung zieht.
Die beschriebenen Charaktere hängen ihren immer blasser werdenden Erinnerungen an verlorene geliebte Menschen nach oder verlieren sich in Träumen, Ziele hat niemand mehr, das auf dem Recht des Stärkeren gründende Projekt einiger Männer scheitert, glücklicherweise!
Schmidauers eindringlich geschriebener Roman beschönigt nichts und endet doch nicht hoffnungslos. Mich beschäftigt 'Nach dem Ende' immer noch, das Buch hat mich mit seiner Hellsichtigkeit und Konsequenz beeindruckt und erschreckt.
Das Cover zeigt unverwüstlich erscheinenden Efeu, dessen sich umschlingende Ranken einander Halt geben, ich finde es sehr passend für das Buch.
Frau Morgenstern arbeitet an ihrem Karma-Konto
Frau Morgenstern und die Entführung von Marcel Huwyler
Um ihr Karma-Konto nach einer erfolgreichen Eliminierung aufzubessern, springt Violetta Morgenstern, pensionierte Lehrerin und staatlich legitimierte Auftragsmörderin, bei der Entführung einer jungen Frau mit in das Fluchtauto der Geiselnehmer, statt ihren Weg zum Flughafen fortzusetzen. Eigentlich wollte sie für ein paar Tage bei ihrem geliebten Maurice auf Gozo entspannen.
Nun wird sie der Geisel Lotta beistehen (dabei viel Geduld aufbringen müssen) und Fluchtpläne schmieden.
Marcel Huwyler unterhält mit einleuchtenden Wortschöpfungen und viel Sprachwitz, auch Situationskomik lässt mich lachen, wie auch sein schwarzer Humor für Erheiterung sorgt. Das geheime Schweizer Killer-Ministerium Tell und seine Vorgehensweise und die Umstände des familiären Zusammenlebens Morgensterns und des ehemaligen Söldners und Scharfschützen Miguel Schlunegger samt seinen sechsjährigen Zwillingen werden angesprochen. An dieser Stelle möchte ich eine dringende Leseempfehlung für zumindest einige der sieben Vorgängerbände aussprechen, nicht nur, um die Zusammenhänge besser zu verstehen, sondern auch, weil viel Spaß beim Lesen der Bücher garantiert ist.
Seit Morgenstern und Schlunegger sich wegen der Kinder eine Vollzeitstelle bei Tell teilen, gibt es leider weniger gemeinsame berufliche Aktivitäten und folglich weniger köstliche Dialoge der beiden, dafür staune ich jetzt über Miguels schräge Einfälle, seinen Töchter frühzeitig eine in allen Lebenslagen nützliche Ausbildung angedeihen zu lassen. Marcel Huwyler ist die Weiterentwicklung der Lebensumstände seiner Protagonisten auf alle Fälle sehr gut gelungen.
Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven, alle Figuren erscheinen authentisch und sind überzeugend dargestellt und ich konnte miträtseln, warum ausgerechnet die Aktivistin Lotta entführt wird und wer zu welchem Zweck erpresst werden soll.
Bei aller Skurrilität ist die einfallsreiche Geschichte glaubhaft in einen aktuellen wirtschaftlichen und politischen Hintergrund eingebunden, sie ist rasant und spannend, witzig und sehr unterhaltsam und ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Band.
Sehr unterhaltsamer Cosy Crime-Krimi mit eigenwilligem Ermittlerduo
Mord in perfekter Ordnung - Jules Gespür für Symmetrie von Anett Diell
Der aus Hannover strafversetzte Kriminalhauptkommissar Jeremias Killick langweilt sich seit zweieinhalb Monaten im idyllischen Kreisstädtchen Bad Krozingen im Schwarzwald. Nicht nur passieren keine Verbrechen, sondern er versteht auch das Alemannisch nicht, das die Menschen dort sprechen. Killick ist ständig schlecht gelaunt und tritt arrogant auf.
Als eine junge Frau tot am Fuß ihrer Kellertreppe gefunden wird, liegt offenbar, zu Jeremias Bedauern, „nur“ ein Unfall vor, bis die Tatortreinigerin Jule Vögelein behauptet, die Tote sei ermordet worden. Jule hat einen zwanghaften Ordnungsdrang und andere Zwangsstörungen und sieht Details, die anderen nicht auffallen. Jeremias nimmt Jule zunächst nicht ernst, aber weitere Todesfälle und die forensische Untersuchung der Opfer führen dann doch zur Zusammenarbeit des ungleichen Ermittlerduos.
Fast noch fesselnder als die zum Miträtseln einladende Krimihandlung fand ich das Zusammenspiel von Jule und Jeremias, beide sind eigenwillig und haben ihre Besonderheiten. Durch die zwischen ihnen abwechselnde Erzählperspektive teile ich auch ihre Gedanken über den anderen und es hat Spaß gemacht, die Entwicklung ihrer Zusammenarbeit wie auch ihrer Gefühle mit zu erleben. Die Figurenzeichnung der ungewöhnlichen Protagonisten ist gelungen, Nebencharaktere treten auch mal ihrem Klischee entsprechend auf, was hier aber passt.
Anett Diell schreibt lebendig und humorvoll und die Geschichte ist angenehm zu lesen. Lokalkolorit des charmanten Bad Krozingen und die Beschreibung lokaler Gepflogenheiten machen Lust auf eine Reise in den Schwarzwald.
Ich habe den Cosy Crime-Krimi gern gelesen, 'Mord in perfekter Ordnung' hat mich gut unterhalten und ich freue mich auf weitere Bände der neuen Serie.
Unbedingt lesenswerter tragikomischer Roman um Alkoholsucht
Voll im falschen Film von Wiebke Lorenz
Niemand wird Nora wirklich glauben, wenn sie von der Entführung erzählt, den vier Tagen Gefangenschaft in einem Keller mit leckerem Büfett, aber ausschließlich alkoholischen Getränken. Die seit drei Jahren trockene Alkoholikerin, Schauspielerin und Mutter hängt nach der Freilassung wieder an der Flasche, ausgerechnet jetzt, da Dreharbeiten anstehen und der Sorgerechtsstreit um die Kinder zu eskalieren droht.
Nora findet Hilfe bei Renate aus der damaligen Selbsthilfegruppe und ist entschlossen, herauszufinden, wer ihr das angetan hat.
Wiebke Lorenz schreibt aus Noras Ich-Perspektive, so dass ich ihre Gedanken und Gefühle teile, was mich oft sehr berührt hat. Die Protagonistin ist sehr selbstsicher und erscheint dadurch gelegentlich arrogant, will am liebsten alles allein schaffen, aber braucht beim Kampf gegen die Sucht nun doch Hilfe.
Der Schreibstil ist humorvoll auch durch Noras Selbstironie, locker, aber gleichzeitig eindringlich und macht Nora zu einer authentischen Figur, die ehrlich den Alltag einer Alkoholikerin beschreibt und deutlich Kritik übt an der Gesellschaft, in der man sich einerseits für Abstinenz rechtfertigen muss und andererseits oft als charakterschwach und „selber schuld“ gilt, wenn man alkoholabhängig wird.
Aus Anmerkungen und der Danksagung der Autorin geht hervor, dass sie zumindest familiär Erfahrungen mit Sucht hat, Wiebke Lorenz engagiert sich gegen den Konsum von Alkohol und die Stigmatisierung von Alkoholabhängigen. Ihre Protagonistin macht sehr klar, dass Alkoholiker eben keine Wahl haben.
Mit den glaubhaft beschriebenen Nebenfiguren kommt es zu unterhaltsamen Dialogen und tragikomische Szenen, nur David finde ich fast 'zu gut, um wahr zu sein', aber er ist natürlich wichtig als Rettungsring für Nora, er bewahrt sie vor dem Untergang, als ihr ihr Leben immer mehr entgleitet. Und er hilft ihr bei ihrem Versuch, den Verursacher ihrer Situation zu finden.
Es ist eher Zufall als Ermittlungserfolg, dass Nora letztendlich herausfindet, wer für die Entführung und die Folgen verantwortlich ist. Die Geschichte ist unterhaltsam, aber am meisten gepackt hat mich die fundierten Aufklärung über die Krankheit Alkoholsucht, die ich jetzt viel besser verstehe als vor 'Voll im falschen Film'.
Gut gefällt mir auch das farblich gelungene, zur Geschichte passende Cover, das sowohl eindeutig ist als auch neugierig macht.
Einfallsreich, spannend und sehr unterhaltsam
Canvas (Cryptos, Band 2) von Ursula Poznanski
Jana ist Weltendesignerin, sie arbeitet für den Konzern Mastermind, dessen Gründerfamilie zu den privilegierten 'Alphas' gehört. Jana entwirft virtuelle Welten, wartet und erweitert sie bei Bedarf. Die Menschen verbringen fast ihre ganze Zeit in Kapseln in großen Sammeldepots und besuchen virtuelle Welten, denn das Leben in der Realität ist kaum auszuhalten, hohe Temperaturen, eine zerstörte Umwelt und knappe Nahrungsmittel machen virtuelle Erlebnisse zur sehr viel attraktiveren Alternative.
Nur die Alphas leben in den wenigen noch intakten Gebieten.
Janas neueste Welt ist Canvas, eine Art Stellenvermittlung für stundenweise Aufgaben in allen möglichen Welten. So kann man Punkte verdienen, die für den Erwerb von Weltenpässen nötig sind.
Bezüge zum Vorgängerband Cryptos, der bereits vor sechs Jahren erschien, sind gut in die Geschichte integriert, so dass ich keine offensichtlichen Verständnisschwierigkeiten hatte. Im Buch sind die Cryptos-Ereignisse ein Jahr her und dem bisher inhaftierten Lauritz ist die Flucht gelungen. Und seit kurzem verschwinden Menschen aus den verschiedensten Welten, ein Rätsel, das Jana und die anderen vom Designcenter lösen wollen.
Es macht großen Spaß, Jana auf der Suche nach Lauritz und nach Antworten in die virtuellen Welten zu begleiten. Ursula Poznanski beschreibt sie so lebendig, einfallsreich und anschaulich, dass ich mich in die vielfältigen Welten mit hineinversetzt fühle, ich mich entspanne, genieße, staune oder Gänsehaut bekomme. Lange gibt es mehr Fragen als Antworten, aber da aus Janas Ich-Perspektive erzählt wird, kann ich ihren Gedanken folgen und fühle mich nicht allein gelassen.
Die Darstellung der Welten und Janas Erlebnisse dort sind fesselnd, die Charaktere bleiben jedoch eher blass, hier habe ich Tiefe vermisst. In 'Canvas' übt Ursula Poznanski Gesellschaftskritik an der abgeschotteten und auch rücksichtslosen Lebensweise der Elite und an verpasstem Klimaschutz.
Die Geschichte ist spannend und überrascht mit Wendungen, eine fand ich besonders clever erdacht und grandios, die hatte ich überhaupt nicht kommen sehen. Mir hat der Near-Future-Thriller großes Lesevergnügen bereitet. Schon das physische Buch ist ein Highlight mit dem Farbschnitt und der hochwertigen Verarbeitung. 'Canvas' hat mir sehr gut gefallen und bekommt von mir 4,5 Sterne.











