Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:
Gute Unterhaltung ohne belastenden Tiefgang
Großmutters Haus von Thomas Sautner
Was ist eigentlich aus den kiffenden, antiautoritären und – mit Bedauern sagt dies eine Frau – machistischen 68ern geworden? Sicher nichts, was dem Stereotyp „Großmutter“ entspricht – man wähnt die Jungen von damals noch immer auf dem Gang durch die Institutionen oder im Ruhestand in der Toskana.
Die Lücke, die zwischen derartigen Klischees und der Lebenswirklichkeit ihrer lange vermissten Großmutter klafft, schließt die junge Ich-Erzählerin auf einer Reise in den deutschen Wald und zu sich selbst: Sie entdeckt eine lustvolle Lebensweise mit (von der Großmutter!) selbstangebauten und verarbeiteten Drogen, sexueller Freizügigkeit und dem ebenso freundlichen wie unbedingten Beharren auf individueller Freiheit und Selbstverwirklichung. Das soziale Biotop, das der Roman für einen solchen Lebensentwurf bereitstellt, basiert nicht zuletzt auf der (Drogen-)Abhängigkeit einflussreicher Mitglieder einer gegenwärtigen Gesellschaft – wiederum ein Stereotyp, das aber durch die Komik mancher Episoden vergnüglich bleibt. Der Zusammenprall unterschiedlicher Erwartungshaltungen war schon immer ein lohnender Gegenstand des Erzählens, und wer selbst zur Generation der 68er gehört, wird das eine oder andere amüsiert wiedererkennen. Gute Unterhaltung ohne belastenden Tiefgang!
Dichtung und Wahrheit: ein Spannungsverhältnis wird neu aufgerollt – spannend!
Der Stotterer von Charles Lewinsky
Schweres Stottern kann einen Menschen aus der Welt seiner Mitmenschen und vom Gespräch mit ihnen sehr weitgehend ausschließen. Als Ausweg bleibt dem Ich-Erzähler das Schreiben – er erschreibt sich (s)eine Welt. Dabei gerät er nicht nur mit dem Gesetz in Konflikt, sondern löst sich auch vom traditionellen Anspruch autobiographischen Erzählens: dem Anspruch auf Wahrheit oder zumindest Wahrhaftigkeit.
Als Autor seiner Lebensgeschichte – wenn auch nicht seines von Sektierern verpfuschten Lebens (?) – tut er schreibend alles, was dem Urheber literarischer Texte zusteht: Er spielt mit Chronologie und Erzählperspektive, er nutzt die Schwächen seiner Adressat_innen weidlich aus, er erprobt verschiedene Überlebens- und Rachestrategien und erzählt scheinbar Faktisches in mehreren Varianten. All dem wirkt sein wiederholtes Bekenntnis zur eigenen Amoralität raffiniert entgegen: Es erweckt den Eindruck von Ehrlichkeit aus dem Munde eines ‚in Wahrheit‘ bedauernswerten Menschen. So stellt sich bei der Lektüre immer von neuem die Frage nach der Grenze zwischen berichteten ‚Fakten‘ aus dem Leben des Ich-Erzählers und seiner eigenen erzählerischen Fiktion innerhalb der Fiktion des Romans. ‚Story‘ erweist sich als Bestandteil von ‚history‘, und die notorischen Fragen aus dem Literaturunterricht (Was will der Dichter uns hiermit sagen? Wie spiegelt das Werk die Biographie? etc.) laufen ins Leere. All das erreicht uns mit Sprachwitz und Situationskomik scheinbar schwerelos … ein großartiges Buch!
Ein DAZWISCHEN erfordert zwei Enden
Am Beispiel des Affen von Charles Lewinsky
Kritik kolonialer Herrschaftsverhältnisse tut not, immer noch. Aber zwischen postkolonialer Analyse von Fakten und fiktionalem Erzählen verläuft eine Grenze: Ein Roman folgt anderen Gesetzmäßigkeiten als eine methodisch fundierte wissenschaftliche Studie. So kann sich eine wissenschaftliche Untersuchung auf die Anpassung eines Immigranten an seine neue Heimat konzentrieren; ein Roman kann vom Leben des Immigranten nur glaubwürdig erzählen, wenn er der Figur zugleich als einem Emigranten gerecht wird – mit eigenem sprachlich-kulturellem Hintergrund, mit biographisch-historischer Erinnerung und Gefühlen hinsichtlich der eigenen Herkunft.
Als indischer Student, der in New York Postcolonial Studies betreibt, schildert Amitava Kumars Ich-Erzähler seinen Übergang in eine westliche Kultur weitgehend anhand wissenschaftlicher Aspekte: Seinem beständigen Rechtfertigungszwang (in den kursiv gesetzten „Euer Ehren“-Passagen) steht kaum ein Bezug zu seiner Herkunft gegenüber, vielmehr wirkt sein tagebuchartiges Journal wie eine Dokumentation der ausschließlichen Distanzierung von dieser. Die Grenzüberschreitung in den neuen ‚Volkskörper‘ wird durch die Beziehung zu einzelnen Frauen repräsentiert. Die Genderproblematik hingegen (grundsätzliche Eifersucht bei eigener Bereitschaft zur Treulosigkeit) erscheint nur als Irrtum, sie wird nicht wirklich reflektiert. Die abschließende Schilderung eines Angekommen-Seins im Dazwischen, bei einer Frau, die weder der Herkunfts- noch der Ziel-Kultur des Protagonisten entstammt, entspricht dem postkolonialen Postulat einer dritten Möglichkeit … und lässt sich bezeichnender Weise bloß als Vision darstellen. Bei so viel Gewissenhaftigkeit im Abarbeiten postkolonialer Aspekte bleiben die Figuren papieren, und das Erzählen kommt von der „Reise“-Route ab: von der Grenzüberschreitung zwischen Sachbuch und Roman.
Historische Gerechtigkeit – konstruiert
Jud von Georg Thiel
Der Roman konstruiert eine erstaunliche Symmetrie zwischen der Opferrolle des Helden in der Vorkriegszeit und seiner – nahezu gewaltfreien – Übernahme der Befehlsgewalt über seinen früheren Peiniger in der Nachkriegszeit. Das könnte der Stoff zu einem modernen Märchen sein, wenn da nicht die psychologische Dimension wäre, die dem Märchen bekanntlich fremd ist: Der beruflich wie privat stets scheiternde Photograph Titus Springs wandelt sich im Schatten Siegmund Freuds zu einem schlagfertigen, findigen und in der Herstellung von Gerechtigkeit erfolgreichen Akteur, dem auch die Liebe zufällt.
Den Übergang bewirkt eine Eisenbahnfahrt nach Wien und der Anblick eines Photos, mehr nicht. Wenn's weiter nichts ist – auf nach Wien, und die Welt kommt in Ordnung.
Eine unbequeme Verweigerung von Sinn
Jud von Georg Thiel
Es sind einfache Voraussetzungen, die das Leben auf einem Bergbauernhof in der Gascogne um die Mitte des 16. Jahrhunderts prägen: harte Arbeit und eiserne Vorratswirtschaft, eine streng patriarchale Familien- und Gesellschaftsordnung, unangefochtene katholische Moralvorstellungen. Die pragmatische Frage nach dem guten Leben gehört nicht dazu.
Eine geringfügige, pragmatisch durchaus begründete Verletzung der traditionellen Ordnung zerstört das Leben einer ganzen Familie. Der aufbegehrende Sohn – von ebenso hartem Charakter wie sein Vater – wird und bleibt aus der Familie ausgeschlossen, und als er Jahre nach dem Tode des Patriarchen doch noch von den Soldaten zurückkehrt, scheint er ein sanfterer, verständnisvollerer Mensch geworden zu sein. Und wieder sind es kleine Abweichungen von der traditionellen ehelichen und wirtschaftlichen Norm, die eine familiäre Katastrophe ins Rollen bringen: Die Ehefrau entwickelt Zweifel an der Identität ihres Mannes, ein Darlehen wurde nicht zurückgezahlt ... der folgende Prozess endet mit der Zerstörung aller wohltuenden Täuschungen, die die friedliche Fortführung eines Familienlebens ermöglicht hätten. In diesem Zusammenhang ist der Titel der deutschen Übersetzung irreführend: Bei "The Wife of Martin Guerre" geht es auch um die Liebe zwischen Eheleuten, v. a. aber um Recht und wahre Identität – es ist das unbedingte Streben nach DER Wahrheit, das zur Katastrophe führt. Aus dieser Wahrheit, die ein historischer Gerichtsfall letztlich zutage gefördert hat, lässt sich kein Sinn im Handeln der Figuren, in ihrem Schicksal erschließen. Das Leben ist, wie es ist, mit all seinen Irrungen, Zufällen und deren Folgen. Einfühlung wird uns beim Lesen nur in die Kinder ermöglicht; je weiter das Leben der Protagonisten voranschreitet, desto unbequemer wird die Verweigerung von Sinn in ihrem Leben. Aber das ist in gestochen präziser Sprache schnörkellos erzählt – grandios verunsichernd.
Oberfläche, total
Alles über Heather von Georg Thiel
Was verspricht ein Erzählen über "alles"? Der Untertitel des englischen Originals stellt "The Totality" der Titelheldin in Aussicht - ein erstes Ironie-Signal für einen Roman von knapp 120 Textseiten? Diese Erwartung wird enttäuscht. Wir erfahren manches über die wunderschöne Heather und v.
a. über ihre Eltern, aber eher im Rück- und Überblick, zusammenfassend. Gerafft wird auch die Lebensgeschichte eines jungen Kriminellen mit asozialem Hintergrund, der Heather in ihrer Pubertät auf mörderische Weise begehren wird. Die folgenden Episoden aus dem Familien-, Ehe- und Berufsleben der Beteiligten werden überwiegend aus der Perspektive ihrer Selbstwahrnehmung erzählt, und so drängt sich langsam der Verdacht auf, dass es auch eine - ganz andere? - Fremdwahrnehmung geben könnte. Gelegentliche Perspektivwechsel bestätigen dies, doch sogleich kehrt das Erzählen wieder zu dem steten Bemühen der Kleinfamilie um ihren gesellschaftlichen Status zurück. Wo bleiben Ironie oder auch Kritik, Satire? Der Roman reflektiert einen schönen Schein höchstens im Ansatz. Zur Vertiefung sei Pete Seegers "Little boxes" empfohlen.
Die zerstörerische Diktatur der Vernunft
Alles über Heather von Georg Thiel
Was passiert, wenn ein Mensch sich aus geistiger Enge, tiefer Armut und politischer Rechtlosigkeit befreit und ein neues Leben nach den entgegengesetzten Vorstellungen aufbauen will – und zwar ausschließlich nach diesen? Ein solches Experiment hat der aus der Ukraine geflüchtete Jude und spätere Psychologe Boris Sidis in den USA unternommen: Von Geburt an wird sein Sohn William James Sidis zu Wissen und Vernunft erzogen, auf allen Gebieten und mit einer Konsequenz, die für Gefühl und mitmenschliches Verständnis, also für Kompromisse keinen Raum lässt.
Als Wunderkind heimst die nach einem historischen Vorbild gestaltete Titelfigur zunächst einen Erfolg nach dem anderen ein; aber sobald der Bonus der Kindlichkeit nicht mehr wirkt, wird die beherrschende Rationalität des William James Sidis zum Störfaktor auf allen Gebieten des Lebens: Beziehungen der Kollegialität, der Liebe und der Freundschaft lassen sich aus der Geistesverfassung des genialen Mathematikers heraus nicht aufbauen, und das Genie wird mehr und mehr zum gesellschaftlichen Außenseiter, der verarmt und verwahrlost nur noch als Querulant wahrgenommen wird. In zwei Weltkriegen trägt sein bedingungsloser Pazifismus zu seinem Abstieg bei, und das Exempel ist mit seinem einsamen Tod statuiert: Wie zu erwarten, scheitert die Verabsolutierung der Vernunft. Dieser Prozess ist bis hin zur Vision des Genies im Augenblick des Todes einfühlsam und plastisch erzählt; dennoch fehlen dem historischen Sujet aus dem 20. Jahrhundert nach über zweihundert Jahren Kritik der Aufklärung die Spannung und Unvorhersehbarkeit eines offenen – modernen – Schicksals.
Erwachsen-Werden im Revier der NRA
Alles über Heather von Georg Thiel
Der Titelheld kann vieles: mit Schusswaffen umgehen, Autos knacken, Meeresströmungen berechnen. Und er setzt diese „skills“ gekonnt und ausdauernd ein: für kriminelle Aufträge, von denen er, alleinerziehend, mit seiner Tochter Loo lebt. Immer auf Reisen, von einem Bundesstaat in den anderen auf der Flucht.
Dabei ist er sympathisch, denn wir sehen ihn meist in den Beziehungen zu seiner über alles geliebten Frau und, nach deren Tod, zu seiner Tochter. Soweit ein gut geschriebener Action-Roman.
Aber wir sehen weite Teile der Handlung auch aus der Perspektive von Mutter bzw. Tochter: Vor allem letztere muss im Zuge des Erwachsen-Werdens ihr Verhältnis zu Gewalt und Gesetzlosigkeit klären, von denen auch sie lebt – vom Vater beschützt und in Ahnungslosigkeit gehalten. So stellt der Roman die Frage nach den Entscheidungsgrundlagen für Gut oder Böse im individuellen Menschen: Loo lernt aus den Gesprächen mit ihrem Vater, aber auch mit der Großmutter, mit ihrer ersten Liebe u.a.; sie lernt aus ihren eigenen Erfahrungen und erwirbt ein Gefühl der Verantwortung für das eigene Tun im Verhältnis zu anderen Menschen – insofern ein Coming-of-age-Roman. Die Verführungskraft des schnellen Erfolges oder Geldes scheint dabei für sie abzunehmen, ebenso wie die Gefahr, bedingungslos einer fixen Idee zu verfallen … Ein idealisierender Zug ist der Schilderung dieser Figur nicht abzusprechen. Auf ihrer letzten Fahrt jedenfalls sitzt sie am Steuer des Bootes mit ihrem vermutlich sterbenden Vater.
Arbeit am Berge des Lebens
Acht Berge von Paolo Cognetti
In der Freundschaft zwischen dem Ich-Erzähler Pietro und seinem "Helden" Bruno werden zwei gegensätzliche Lebensentwürfe durchgespielt: das Bleiben im abgelegenen Bergdorf der Kindheit und das Fortgehen, das Erkunden der Ferne. Auf den ersten Blick entspricht die Charakteristik der beiden Protagonisten diesem Gegensatz.
Ihre Möglichkeiten, sich zu entwickeln und ihr Leben handelnd zu gestalten, sind bereits in der Kindheit vorgezeichnet: Dem aus einfachsten Verhältnissen stammenden Praktiker Bruno steht ein Erzähler gegenüber, der immer wieder die Distanz sucht, die Haltung des Intellektuellen und Theoretikers; aus dieser heraus gestaltet er erzählend das Gemeinsame der beiden Lebensgeschichten, die Freundschaft. So ist er es auch, der beider Verhältnis zueinander in die Bildlichkeit der titelgebenden nepalesischen Legende kleidet.
Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass die Distanz zum - bildlich gesprochen - Leben im bewohnbaren Tal auf Seiten des Praktikers eigentlich ebenso groß ist wie die seines in die Ferne strebenden Freundes. Ersterer, der sich ein Leben lang an ein und demselben, quasi dem höchsten Berg der Legende abarbeitet, der sich auf schwerste Arbeit wie auch auf die Liebe einlässt, scheitert; er endet in Besitzlosigkeit und der völligen Einsamkeit des Hochgebirges und übersiedelt in das Sommerhaus seines Freundes auf 2000 m Seehöhe. Der Freund, der in der Ferne gleichsam die acht weniger hohen Berge der Welt besteigt, sich eine halbherzige Nähe zu anderen Menschen bewahrt und seine Arbeit nur beiläufig mit wenigen Worten streift - dieser Ich-Erzähler kann von vornherein an keinem "Gipfel" scheitern, da er in seinem unverbindlichen Lebensentwurf eine derart unbedingte Bindung und Zielsetzung nie entwickelt. Im abschließenden III. Teil des Romans zeichnet sich ab, dass beide Freunde auf einer symbolischen Ebene an demselben "Berg" unterwegs sind: Sie sind auf der letztlich erfolglosen Suche nach einem Sinn in ihrem Leben.
So hinterlässt die Lektüre eine gewisse Wehmut, der aber die immer wieder neue Schönheit der Naturschilderungen gegenübersteht: eine sprachliche Schönheit, die hier nicht zu besprechen, sondern nur zu erlesen ist.
Eigentum Mensch - eine Empörung
Underground Railroad von Colson Whitehead
In meinem Bewusstsein ist Sklaverei ein abgeschlossenes Kapitel, ein historischer Wissensbestand. Genauer: sie war es bis zur Lektüre dieses Buches. Whiteheards Erzählen vom Schicksal der Sklavin Cora, die von einer Baumwoll-Plantage in Georgia flieht, macht (mit- und nach-)fühlbar, was es heißt, Eigentum eines anderen zu sein.
Dabei sind Auspeitschung, Vergewaltigung oder steckbrieflich legitimiertes Einfangen nur (historische?) Formen einer Verfügung über menschliches Leben, die durchaus auch andere Formen annehmen kann: Wird ein Mensch einem - meist ökonomischen - Zweck untergeordnet, so geht er mit den Menschenrechten all seiner Menschlichkeit verlustig, und es gibt keine übergeordnete Instanz des Rechts mehr. Auch vom schwierigen Prozess der Wiedergewinnung einer menschlichen Identität, von Würde, Vertrauen und Liebe, erzählt dieses Buch. Den Bezug zu unserer Gegenwart müssen wir selbst herstellen, aber das fällt in einer Zeit der immer ausschließlicheren Orientierung an wirtschaftlichen Parametern nicht schwer. Ein Roman, der auch für unsere Gegenwart nachdenklich stimmt, aber mit seiner realisierten Metapher des "Untergrunds" zugleich Hoffnung gibt.








