Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:
Eine Erzählung vom Sterben der schönen Kunstfigur
Honey von Victor Lodato
Auf einem Gemälde oder in einer Oper, kurz: in der Kunst können Figuren Gewalt erleiden, ohne dass ein lebendiger Mensch zu Schaden kommt. Kunst erschafft Welten, die wir uns vorstellen oder wünschen können, in denen wir aber niemals leben werden.
Ein Kurzschluss zwischen Kunst und Leben prägt den Weg der Romanheldin Honey.
Als Tochter einer Mafia- und Macho-Familie hat sie schon früh verbale und körperliche Gewalt erlebt, aber im Unterschied zu Vater, Bruder und Neffen will sie sich der Gewalt ihres Herkunftsmilieus entziehen, und im Kunsthandel fern der Heimat gelingt ihr das auch.
Die eigentliche Entwicklung der schönen jungen Frau zielt aber darauf ab, sich selbst in ein Kunstgeschöpf zu verwandeln und sich damit existentiell der Welt der Gewalt zu entziehen. Die Mittel eines älteren Liebhabers verhelfen ihr zum Erwerb hunderter hochkarätiger Designerkleider, Accessoires und Einrichtungsgegenstände. Zugleich lässt das – nur knapp angedeutete – Verhältnis auf ihre lebenslange Suche nach einem liebevollen und beschützenden Ersatzvater schließen.
Im Alter kehrt die Titelfigur in ihre Geburtsstadt und damit in den Wirkungsbereich ihrer noch immer („sempre“) mafiosen „famiglia“ zurück. Versuche, den Kontakt zur Familie wieder aufleben zu lassen, scheitern (wunderbar ironisch die Verweigerung des Schlüssels zum protzigen Familien-Mausoleum durch die salamikauende Petrus-Figur eines Friedhofswächters!). Zugleich erweist sich die Sicht der alten Frau auf ihre Mitmenschen als Alkohol- und Valium-induziert unzuverlässig, und – schlimmer noch – ihr Selbstbild, gestützt auf ein „militantes Bestehen auf Eleganz“, gerät ins Wanken. Was soll die Pistole in ihrer Handtasche beim Familienbesuch? Warum ruft sie nicht die Polizei, sondern ihren Mafia-Neffen zu Hilfe gegen einen gewalttätigen Nachbarn? Und was hat es schließlich mit all ihrer unterschwelligen, unverhofft zutage tretenden Wut auf sich? Die verschiedenen Erzählstränge, die diese Fragen aufwerfen, führen letztlich, am Sterbebett der Titelheldin, zur einzig möglichen Lösung: zu einer wechselseitigen Vergebung in selbstloser Liebe, wo das Selbst schon entschwindet.
Abgesehen vom leichten Kitschverdacht in Bezug auf dieses Ende bleibt eine weitere Frage für mich unbeantwortet: Was macht die Anziehungskraft der Titelfigur Ilaria (altgriechisch, lateinisch für „die Heitere“) aus, an der so viele kleben bleiben wie an „Honey“, ihrem angenommenen Namen? Die Nennung jener Haute Couture-Größen, von denen ihre Kleider stammen, erschafft noch lange keinen Menschen und auch keine ganz überzeugende Romanfigur. Den Kurzschluss zwischen Kunst und Leben will ich als lebende Leserin nicht mitvollziehen.
1849: Zwischen Kartoffelfäule und Goldrausch …
Sing, wilder Vogel, sing von Jacqueline O'Mahony
… spannt sich das Erzählen, ohne auch nur einen dieser historischen Begriffe zu erwähnen. Vielmehr richtet sich die Aufmerksamkeit auf eine individuelle Heldin, die am – ebenfalls historischen – Hungermarsch von Doolough teilnimmt, sich der ersten großen Auswanderungswelle von Irland in die USA anschließt, nach Ausbeutung an der Ostküste gen Westen wandert und in den Konflikt zwischen weißen Siedlern und Indigenen gerät.
Was verleiht einer blutjungen, mangelernährten und zudem von Geburt an mit einem Fluch belegten Frau die Kraft, sich immer von neuem aus allen Zwängen zu befreien? Die Kraft, nach einer Fehlgeburt und dem Tod ihres ersten Mannes auf dem Hungermarsch, nach Zwangsprostitution und Flucht in das harte Siedlerleben der nordamerikanischen Prärie an der Seite eines ungeliebten Mannes immer wieder weiterzuziehen? Letztlich die Kraft, auf ihrer eigenen Wahl zwischen Lebensentscheidungen zu beharren, ein selbständiges Ich zu bleiben und sich nicht als Besitz einem Mann unterzuordnen?
Die Schilderung der verschiedenen Handlungsabschnitte bietet keine erschöpfende Antwort auf diese Frage. Jenseits aller aktuellen Ergebnisse der Resilienz-Forschung deutet sich lediglich an, dass bereits das kindliche Überleben in der – harten! – Natur und das andauernde Fehlen eines äußeren Gesprächs einen inneren Dialog erfordert und ermöglicht, der die Heldin ganz bei sich und ganz sie selber bleiben lässt, ebenso wie den indigenen Mann, den sie schließlich lieben lernt. Realistisch? Glaubhaft? Immerhin wünschenswert – wenn auch keine heitere Lektüre.
Feminismus, zu 2/3 gekonnt erzählt
Malnata von Beatrice Salvioni
Das titelgebende Adjektiv setzt das Verhalten eines Menschen in Beziehung zu den sozialen Bedingungen seiner Geburt: „Ungezogen“ ist, wer „schlecht geboren“ wurde, wer also der gesellschaftlichen Unterschicht entstammt und ihre Verhaltensmuster durch Erfahrung erlernt und angenommen hat. Es handelt sich somit um ein Heterostereotyp, das eine – aus der Außenwelt übernommene und erworbene! – Eigenschaft der ‚Anderen‘ bezeichnet.
Diese Eigenschaft wird in der kleinstädtischen Gesellschaft des faschistischen Italien essentialisiert: Klatsch und Tratsch machen das Böse der Außenwelt, ihr Unheil, zu einem essentiellen, d. h. zutiefst inneren Wesenszug, der der Heldin von Kindesbeinen an zu eigen, also angeboren ist.
Einem derartigen Bedeutungswandel kommt das Geschlecht der Heldin entgegen. Das Erzählen vom ‚bösen Mädchen‘ kann vollkommen realistisch bleiben und trotzdem auf überlieferte Hexenbilder einer (kirchlich und / oder ideologisch) indoktrinierten Gesellschaft anspielen. Zuschreibungen dieser Art stehen aber auch in einem offensichtlichen Zusammenhang mit der Verfügbarkeit von ‚sittsamen‘ (bennate) oder „ungezogenen“ (malnate) Frauen für die Ansprüche von Männern mit machistisch-autoritärem Denken. Die allgemeine Akzeptanz des Stereotyps führt dazu, dass sogar die betroffene Malnata sich ein entsprechendes Selbstbild zu eigen macht.
Das Schwarz-Weiß der Charakterzeichnung wird zunächst von einigen Figuren durchbrochen, die selbständig denken und den Ereignissen auf den Grund gehen wollen. Aber was gibt z. B. dem geprügelten Sohn des Gemüsehändlers die Kraft, sich dem Vater und der faschistischen Umwelt zu widersetzen? Nicht soziale Distinktion, und auch der Reiz des Verbotenen, der die Ich-Erzählerin zumindest anfänglich motiviert, ist bei ihm nicht zu erkennen; zumindest ein Schlaglicht auf seinen Werdegang wäre interessant gewesen. Und je weiter sich das Erzählen seinem dramatischen Ende nähert, desto mehr werden er und die anderen Figuren zu Verkörperungen von theoretischen Positionen; die psychologische Motivierung, die das Erzählen über weite Strecken beglaubigt hat, weicht gegen Ende der Formulierung theoretischer Einsichten, die (mich) angesichts des Alters der Protagonistinnen nicht überzeugen. Den Schluss des Romans kann ich nicht anders denn als feministischen Kitsch bezeichnen.
Conseil = Rat = Sowjet: Vorsicht und Nachdenken bei Zeitwanderungen!
Das andere Tal von Scott Alexander Howard
Die Zeit ist als solche weder wahrnehmbar, noch kann der Mensch sie beeinflussen. Die einzige Möglichkeit, Zeit aktiv zu gestalten, besteht im Erzählen. So lässt sich der Roman als narrative Versuchsanordnung lesen, in der beide Unmöglichkeiten aufgehoben sind: Auf den Raum projiziert, lässt die Zeit sich in unterschiedlicher Richtung begehen, und die Veränderung eines vergangenen Geschehens beeinflusst in der Folge auch die Zukunft jener Vergangenheit – die jeweilige Gegenwart der Heldin.
Sämtliche Bewusstseinsinhalte geraten so in Fluss, Fakten werden buchstäblich liquidiert.
Stabilisierend wirkt in dieser verflüssigten Realität das Regime eines „Conseil“, eines Rates, russisch: Sowjet. Dieser historischen Vorgabe entsprechend ist die staatliche Kontrolle der verschiedenen Zeitabschnitte in den Tälern der dargestellten Welt rigide und entmenschlichend. Anhand individueller Schicksale stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage nach der Wünschbarkeit von menschlichen Eingriffen in die Zeit und in ihre Erinnerung durch das menschliche Bewusstsein. Deutlich wird dies nicht zuletzt daran, dass die Konsequenzen eines Eingriffs in die Vergangenheit nicht restlos auserzählt werden können: Was wird z. B. aus den trauernden Eltern, deren Sohn plötzlich nicht mehr gestorben ist? Was aus einem Flüchtling, den die nun nicht zur Gendarmerie strafversetzte Heldin bzw. ihr Verehrer in spe nicht erschießen kann? etc.
Das Abwägen positiver und negativer Ergebnisse von Korrekturen der Vergangenheit ergibt kein eindeutiges Bild – Vorsicht scheint geraten. Und die sowjetische Erfahrung der staatlichen Erinnerungskontrolle gibt zusätzlich zu denken, ohne allzu einfache Lösungen anzubieten. Aber wie wirkt sich auch die allgemein menschliche Überformung von Erlebtem in der Erinnerung als innerer und sinngebender Lebensgeschichte aus? Ein kluges und überaus anregendes Buch, das keine vorschnellen Antworten gibt, sondern zunächst einmal Fragen stellt!
„Meinetwegen impressionistisch“ oder selbstbezogen
Die Entflammten von Simone Meier
Mit den Worten „meinetwegen impressionistisch“ ordnet die – fachlich wenig interessierte – Studentin der Kunstgeschichte, die als moderne Erzählerin fungiert, das Werk Vincent van Goghs ein. In der Folge versucht sie eine dokumentarisch-imaginative Annäherung über die Lebensgeschichte der Schwägerin des Malers, die nach dem frühen Tod ihres Mannes den Bildern des Schwagers zu weltweiter Berühmtheit verholfen und so dazu beigetragen hat, dass „der Kunstmarkt heute ein völlig perverser Handelsplatz für Milliardäre geworden ist …“ (S.
99-100).
Der Selbstzerstörung der Brüder van Gogh steht auf Seiten der Ich-Erzählerin eine Identitätsschwäche und die entsprechende Suche gegenüber: Sie meint, sich selbst in der schwer greifbaren, dafür umso lebhafter imaginierten Persönlichkeit Johannas, der Ehefrau Theo van Goghs, spiegeln zu können. Zudem orientiert sie sich an ihrem eigenen Vater, einem gescheiterten Schriftsteller, der sein Leben mit den Worten resümiert: „… das Fatale an der Kunst ist, dass es kein Zurück gibt. Wenn du es einmal geschafft hast, … dann lässt dich die Sehnsucht nach dieser besten Fassung deines Lebens nie mehr los …“ (S. 124).
Ist dieser Roman eine „beste Fassung“ der Ich-Erzählerin Gina? Kunst und Leben kommen in ihm nicht recht zusammen, aber die Suche geht weiter – allerdings führt sie weder zu Vincent van Gogh noch zu einer heute vorstellbaren KünstlerInnen-Existenz. Es bleibt der Mythos vom Großen Künstler, die Sehnsucht nach Liebe und Leben bleibt eine andere, und der Roman irgendwie unentschieden und blass.
"Er, Hunter, [wer oder was?]."
Trophäe von Gaea Schoeters
Der Roman erzählt von einer Jagd, die sich zwischen einem Satz des ersten Kapitels und einer Variation dieses Satzes im vorletzten Kapitel quasi aufspannt: "Das hier, das spürt er, bedeutet leben. Hier, die Gefahr zum Greifen nahe, kann er sein, wer er wirklich ist. Er, Hunter, Mann." (S.
27) und "[...] klammert sich mit aller Macht am Leben fest. Und lehnt sich auf. Er, Hunter, Mensch, wird nicht sterben." (S. 236)
Der erste Satz scheint das Psychogramm eines Mannes vom Typ Jäger und (Trophäen-)Sammler anzukündigen, wie ihn besonders Frauen kennen, und das nicht nur von Safaris. Die leicht veränderte Wiederholung des Satzes verschiebt seine Bedeutung ins Allgemein-Menschliche: hin zur Frage nach dem Zusammenhang von Natur und Zivilisation, von animalischer Herkunft und humaner Zukunft, von Instinkt und Vernunft, Kolonisten und Kolonisierten, Großwildjagd und Artenschutz, Macht und Moral ...
Die Zugehörigkeit des Jägers, der aus der Familientradition heraus den sprechenden Namen Hunter erhalten hat, zu einem der Pole wirkt nur auf den ersten Blick eindeutig. So glaubt Hunter an die eigene Überlegenheit und die Überlegenheit moderner Technik über die "primitive" (Über-)Lebensweise der Buschleute. Andererseits will er jagen wie ein Tier unter Tieren und unterliegt dem Buschmann schließlich im Kampf ums Überleben. Dieser sucht seinerseits im "silbernen Vogel" einer Fluggesellschaft den Anschluss an die naturferne westliche Welt.
Diese grundlegende Ambivalenz verleiht den Schilderungen der Innenwelt des Menschen und seiner Wahrnehmung der äußeren Savanne in jeder Episode des Erzählens immer neue Faszination. So abstoßend die Verstümmelung der Beute durch wildernde Jäger, aber auch der Mord des zahlenden und daher "legitimen" Jägers auch ist, ich musste weiterlesen – und dies nicht nur, weil eine Rezension zu schreiben war. Ein fesselndes Buch, das einen auch nach dem Ende der Lektüre nicht mehr loslässt.
Eher eine Photostrecke
Packerl von Anna Neata
Dieses Buch hätte sich – wäre das technisch möglich – zwei Beurteilungen verdient: ein "sehr gut" und ein "schlecht".
Das sehr Gute zuerst: Einzelne Episoden in der Geschichte einer Familie sind wunderbar plastisch geschildert und liefern dabei fast unbemerkt jene Informationen, auf die es im Vergangenen schon mehr oder minder heimliche Hinweise gab bzw.
die im Weiteren deutlicher entfaltet werden. Beispielhaft versammelt gleich das erste Kapitel sämtliche Figuren, Handlungsstränge und Probleme, aus denen dann der Roman aufgebaut wird. Und die "Sonnenfinsternis" aus der Kapitel-Überschrift kann auch auf symbolischer Ebene als Zustandsbeschreibung für alle drei Generationen von Frauen dieser Familie gelesen werden.
Damit beginnt aber auch schon die Kritik: An die jeweiligen Zeit- und Lebensumstände angepasst, verharren Großmutter, Tochter und Enkelin in einer unselbständigen, fremdbestimmten und auch sprachlich reduzierten Lebensweise. Dem entspricht nicht nur die Nähe der Figurenrede zur Alltagssprache, es motiviert auch die Dialekt-Merkmale des gesamten Erzählens. In der Wiederholung wird vorgeführt, dass das vorrangige und unveränderte Interesse im Leben einer Frau die Suche eines Mannes darstellt (daran ändert weder eine lesbische Beziehung noch das Ausweichen in die Selbstbefriedigung grundsätzlich etwas). Der Überdruss, der sich infolge dessen mit fortschreitender Lektüre einstellt und verstärkt, ließ in mir den Wunsch aufkommen, der Text wäre nicht als Roman, sondern als eine Reihe selbständiger Erzählungen konzipiert, die jeweils ein Schlaglicht auf eine kurze Episode werfen – vergleichbar vielleicht mit einer Photostrecke.
„Eine bemerkenswerte Frau. Recht gescheit.“ (S. 103)
Die Formel der Hoffnung von Lynn Cullen
Mit dieser wohlwollend-herablassenden Beurteilung weist ein in der Polio-Forschung tätiger Virologe im Roman einer promovierten Mathematikerin ihren Platz in der Hierarchie zu: Sie hat – als Sekretärin – zu (be-)dienen. Und so lassen sich auch Karrieren be- und verhindern: Die Ärztin Dorothy M.
Horstmann hat Dienst am Krankenbett zu leisten, sie hat die eigene Institution bei Kongressen zu vertreten, und sie hat ihre Forschungsergebnisse wieder und wieder zu überprüfen, damit nur ja kein – weiblicher! – Fehler publiziert wird. Dabei lautet eine Grundregel des modernen Wissenschaftsbetriebs: Publish or perish, publiziere oder geh unter – die Heldin des Romans wird mithilfe der genannten Anforderungen an der Publikation wesentlicher Forschungsergebnisse gehindert. Diese Mechanismen, die bis heute mit freundlichem Lächeln angewandt werden, führt der Text eindrücklich vor – keine ganz neue Einsicht, aber in dieser Anschaulichkeit doch ein positiver Schritt feministischer Erkenntnis.
Allerdings schleicht sich im Zuge der Lektüre langsam ein anderer Verdacht ein: Warum nimmt uns das Erzählen nie mit an den Ort der Arbeit, d. h. der Forschung einer Frau, die dieser Tätigkeit offenbar die höchste Priorität in ihrem Leben einräumt? Wir erfahren, dass sie die Liebe ihres Lebens zuerst vorläufig und dann endgültig zugunsten ihrer Forschung aufgibt, aber wir sehen sie nicht an ihrem Arbeitsort, im Forschungslabor. Ein kurzer Blick durch das Mikroskop auf die kleinen, gefräßigen Viren ist alles, was der Text an Wissenschaftsgeschichte abbildet – aber: Mit welcher Auflösung arbeiteten Mikroskope in den 1940-50er Jahren? Wie sah der Umgang mit Petri-Schalen in dieser Zeit aus? Gab es zur Gewinnung von Tot-Impfstoff nur das geschilderte Verfahren der Zerkleinerung und vielfachen Verdünnung von infiziertem Gewebe? etc.
Frauen gelten, Jahrhunderte alten religiös-gesellschaftlichen Stereotypen zufolge, als emotionale Wesen, gegenüber der rational bestimmten Männlichkeit. Und genau diesen stereotypen Gegensatz reproduziert der Roman, indem er der Heldin zunächst die Liebe, dann aber v. a. die Sorge-Arbeit am Krankenbett zuweist; die erfolgreiche Forschung bleibt den männlichen Kollegen vorbehalten. Ich hätte Dr. Dorothy M. Horstmann gern als Leiterin einer Reise in die Medizingeschichte gesehen, aber diese Ehre gesteht ihr ein nur vordergründig feministischer Roman noch immer nicht zu – entsprechend den wenigen Quellen, die sich im Internet zu der historischen Persönlichkeit finden lassen. Ein historisch orientierter Feminismus hat es auch mit einer erschwerten Forschungslage zu tun, und dafür ist der Roman (k-)ein gutes Beispiel.
Keine Agatha Christie, leider
Mit dem Schnee kommt der Tod von Nicola Upson
Das Sujet dieses Kriminalromans kommt als Anleihe bei Agatha Christie daher: In ihrem meistverkauften Roman „Ten Little Niggers“ (1939; amerikanische Ausgabe: „And Then There Where None“, New York 1940) werden einige Gäste nobel auf eine Insel eingeladen, die Verbindung zum Festland reißt kurz darauf ab, und in der geschlossenen Inselgesellschaft passieren nacheinander mehrere Morde, offenbar im Zusammenhang mit Verbrechen, die weit zurückliegen.
Angst, gegenseitiges Misstrauen und kriminalistischer Spürsinn treten in Aktion, und schließlich klären sich Täterschaft, Ursachen und Verantwortung.
Auf einem entsprechenden Gerüst aufbauend vollzieht Nicola Upson einen Schwenk zu populärpsychologischem Erzählen, das allerdings laienhaft anmutet und nicht recht zu überzeugen vermag. Die Anwesenheit historischer Figuren wie Marlene Dietrich bleibt weitgehend funktionslos; allenfalls deutet sich im Hinblick auf sie die – letztlich falsche – Fährte zu einer Nazi-Täterschaft an. Verschiebt sich dann auch noch der Schutzumschlag beim Lesen leicht nach oben, so sieht man selbst sich Aug‘ in Auge mit Marlene … elegant, but so what? Wirkliche Spannung entsteht anders.
Zeitgeist trifft Leichen aus dem Familienkeller
Schönwald von Philipp Oehmke
Familientreffen – und alte Tabus fliegen auf, Geheimnisse werden ans Licht gezerrt, und mühsam aufgebaute Rollenvorstellungen fallen in sich zusammen. So weit, so bekannt, denn irgendjemand sucht immer die Wahrheit und stört den vermeintlichen Frieden.
Dann aber die Frage, welche Strategien dabei zum Einsatz kommen? Welche Motive dahinterstecken? Was die eigene Wahrheit derer ist, die die Wahrheit der anderen suchen? Kurz: ein erzählerischer Versuch der Dekonstruktion des Topos „Familiengeheimnis“.
Da sind die Eltern bzw. Großeltern, die nicht immer alles so ganz genau wissen wollen und Gespräche beizeiten abklemmen: beherrschend Ruth, die für ihre berufliche Selbstverwirklichung zeitweilig ihre Ehe und die Unversehrtheit ihrer Tochter riskiert hat; ihr Mann, dessen Anteil an der Familienarbeit sich offenbar auf das abendliche Vorlesen für die – bereits gefütterten und gewaschenen – Kinder beschränkt hat. Die drei Kinder selbst schwimmen als Erwachsene auf modischen Diskursen mit, hinter denen sich berufliches Scheitern, Traumatisierung und mangelndes Durchsetzungsvermögen verbergen lassen. Selbst ihre Gegner, die Insta-Kids, die der Familie die ungebrochene Kontinuität der Finanzströme aus der Nazi-Zeit vorwerfen, ohne individuell zu recherchieren, verbergen hinter diesem Anliegen ihre eigenen migrantischen Erfahrungen und Kränkungen.
Die letzte Episode hingegen gehört einer angeheirateten, schnell wieder geschiedenen Figur, die nicht von der Wahrheit, sondern vom Essen motiviert ist – eine ironisch versöhnliche Wendung nach dem Abgang aller problembeladenen Schönwalds. Eine derartige Verweigerung des finalen Showdown könnte Kriege verhindern oder zumindest Familienromane verkürzen ;-)







!["Er, Hunter, [wer oder was?]." "Er, Hunter, [wer oder was?]."](https://static.buchmedia.at/media/9783552073883/cover-sm.jpg)



