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Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:

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Postmoderne - mörderisch gut!

Geständnisse von Kanae Minato

Kindheit, Schule, Pubertät und das Verhältnis zur eigenen Mutter; Sehnsucht nach und Unfähigkeit zu menschlicher Bindung; soziale Medien und Verhaltensnormen bis hin zur Tabuisierung; Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexe; politische Korrektheit und Menschenverachtung; Mord und Totschlag; Gewaltlosigkeit und Rachsucht .

.. all diese Problem- und Minenfelder überschneiden sich im Mord eines Schülers an einem kleinen Mädchen und der Rache-Strategie der Mutter, einer Lehrerin. Bestimmend für den Fortgang des Erzählens ist aber weniger die Themenvielfalt als die Abfolge der Figuren, die aus ihrer jeweiligen Perspektive berichten und ihre Motive und ihr Handeln verständlich und sogar nachvollziehbar zu machen vermögen. Zunächst erinnert dieses Erzählen an Kurosawas filmisches Erzählen in "Rashomon": Die Einheit des Ereignisses zerfällt in so viele Versionen = (Re-)Konstruktionen, wie es Erzähler_innen gibt. Aber Minato dreht die Schraube noch weiter. Bei jedem Erzählvorgang ist die Handlung weiter fortgeschritten, wir erkennen Bekanntes wieder und fügen neue Elemente in unser Bild des Geschehens ein. Am Ende ist eine perfekte Symmetrie des Bösen zu erkennen: Der Mutter ist ihr Kind genommen, sie selber hat einen der beiden jugendlichen Mörder in den Wahnsinn und zum Mord an der eigenen Mutter getrieben, die ihrerseits den Sohn auslöschen wollte. Einen geplanten Terroranschlag des zweiten Mörders lenkt sie in einen Massenmord um, der ebenfalls das Liebste einschließt, das er hat: die Mutter, die ihn aus Ehrgeiz als Kind verlassen hat. Dazwischen wird im Affekt die Klassensprecherin erwürgt, die einzige Erzählerin, die sich um ein Verständnis beider Seiten bemüht, aber ihrerseits auch (ver-)urteilt. So scheitert auf der Ebene der Handlung jede erzählerische Lösung der mörderischen Verstrickungen in der Sprachlosigkeit der - stets kommunizierenden - Figuren unter einander. Lesend verstehen wir sie alle und auch das Sittenbild einer Postmoderne, das die Autorin mit analytischer Schärfe in präziser Sprache zeichnet: ausweglos mörderisch. Ein großartiger Roman, sicher nicht erbaulich, aber zur kritischen Reflexion der eigenen Beziehungsumwelt anregend. Klugen Menschen werde ich dieses Buch schenken!

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Postmoderne - mörderisch gut!
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beglückend schöne Theorie

Geständnisse von Kanae Minato

Die Erzählung von einem "Festtag", dem Muttertag 1924, an dem auch Hausmädchen frei bekamen, schildert einen strahlend sonnigen Frühlingstag, der Liebe und Tod auf einander treffen lässt - eine Liebesgeschichte ist dieses Buch auch. Ebenso ein Sittenbild des ländlichen, verarmten England nach dem I.

Weltkrieg. Aber v. a. kreist das Erzählen um die Frage, wie Erleben und Erzählen aus einander entstehen und auf einander einwirken: Es kreist um das Verhältnis des Faktischen und der Fiktion sowie um ihre jeweils eigene, ganz spezifische Wahrheit. Einzelne Episoden der aktuellen Handlung werden von späteren Reflexionen der Heldin, aus deren Perspektive durchgängig erzählt wird, unterbrochen; ihre Ergänzungen der Vorgänge, die sie nicht selbst miterlebt hat, ihre (Re-)Konstruktion also nach den Kriterien von psychologischer Wahrscheinlichkeit und sachlicher Plausibilität sind immer wieder von aktuellen Schilderungen des Moments unterbrochen. "Der einfallende Abend, das Aprikosenrot, die diesig grün-goldene Welt - all das war unfassbar schön" (S. 131). So erhalten auch (eigentlich) theoretische Überlegungen für uns Leser_innen jene sinnliche Qualität, die derjenigen der erlebenden Protagonistin womöglich entspricht. Das Verhältnis von künstlerischer Begabung, Neugier und Bildung sowie erzählerischer Technik bleibt im Bilde der dreifachen Geburt letztlich ein wunderschönes Rätsel: Die Vollwaise Jane Fairchild kam zur Welt - sie erlebt DEN entscheidenden Tag ihres Lebens - sie findet eine Sprache zur Erzählung jenes Tages, der voll von sinnlicher Lust und dem Schmerz des Verlustes ist. Erzählen ist nicht Leben, aber ohne Leben kein Erzählen ... und wie verbindet frau diese Gegensätze im Medium der Sprache? Swift's "Festtag" ist ein opulentes Lehrbuch zum Schreiben- und auch zum Lesen-Lernen, eine langsam und festlich voranschreitende Hymne an das Rätsel des Erzählens.

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Postmoderne - mörderisch gut!
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keine Revolution, aber gut für´s Strandbad

Strandbadrevolution von Kurt Palm

Erwachsen werden ist gar nicht so einfach, aber wer es geschafft hat, blickt mit einer Mischung aus vorwiegend positiven Gefühlen zurück: Belustigung über vergangene Moden, Rührung ob der - oft vermeintlichen - Probleme der Pubertät, Sehnsucht nach der überschaubaren Welt der Jugend, Lust und Leid erster sexueller Erfahrungen .

.. von all dem erzählt der Roman in angenehm flotter Sprache. Die durchgängige Perspektive eines Ich-Erzählers bringt zwar eigene Schwäche(n) durchaus zum Ausdruck, verhindert aber nostalgische Rührseligkeit und verleiht dem Erzählen Authentizität. Eine erfreuliche Lektüre, die keine "Revolution" bei der Leserin auslöst, aber fürs "Strandbad" bestens geeignet ist.

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Das wussten schon die Römer

Das Floß der Medusa von Franzobel

Dass "der Mensch des Menschen Wolf" sei, wussten schon die Roemer. Bis heute ist die Spruchweisheit "Homo homini lupus" nicht in Vergessenheit geraten ... mit stets sich erneuernden schlechten Gründen. Was erzaehlt uns Franzobel Neues über das Wesen des Menschen, über sein Verhalten in einer lebensbedrohlichen (Konkurrenz-)Situation? Dass Standesprivilegien weder dem Wohl der Gemeinschaft noch der Erfüllung von Leistungsanforderungen dienen - wussten wir; dass alle Zivilisation nur eine duenne Tuenche ueber animalischen Instinkten ist - wussten wir; dass in jedem Menschen Gutes und Boeses nahe bei einander wohnen - wussten wir.

Bleibt das ebenfalls bekannte Sujet des historischen Romans, episodenreich und in expressiver Bildlichkeit erzaehlt von einem Erzaehler, der sein gestaltendes Eingreifen, seine eigene, aus unserer Gegenwart zurueckblickende Vorstellungskraft nie verhehlt. Eine historische Parabel für heutige Bootsfluechtlinge? Eine Mahnung an die moralische Fragwuerdigkeit von jederman und -frau? Nach 600 Seiten kann ich mich eines Gefuehls der Ueberfluessigkeit dieser Lektuere nicht erwehren.

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Das wussten schon die Römer
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Das Leben - ein Traum

Das Floß der Medusa von Franzobel

Ein merkwuerdiges (des Merkens wuerdiges) Buch, offensichtlich das Werk eines aelteren Autors: Er laesst seinen Helden ohne jugendliche Kampfeslust und ohne territoriale Besitzansprüche agieren. Jede seiner Wohnungen bewohnt der Ich-Erzaehler nur zur Hälfte (der Woche), seine Stimme leiht er neidlos dem Bruder, der Liebe seines Lebens (mit letzterem verheiratet) stört er nicht ihre Kreise .

.. er steht draußen und schaut. Das könnte sich ändern (meint man und wünscht frau), als er nach einer Beinahe-Begegnung mit der Stellvertreterin seiner Putzfrau eine Unterhaltung in Zeichen mit der Unbekannten beginnt - aber wollen beide eine reale Beziehung oder den Traum einer solchen? Ein Ideal ohne Zusammentreffen und Berührung, körperlos? Sie verharren im Ideal, und dass das nicht langweilig sein muss, vielmehr "nur" weise sein kann, noch dazu sehr bildhaft und poetisch, führt uns Th. Bayer auf knapp 200 Seiten vor. Ein ästhetischer Blick auf das Leben, im Wortsinn: Die griechische "aisthesis" ist Wahrnehmung, Betrachtung.

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Kein Haubenprodukt!

Das Floß der Medusa von Franzobel

Mit diesem Roman erging es mir wie mit dem Essen - zu viel ist nicht gut. Oder wie mit dem Trinken - zuviel von zu viel Verschiedenem erst recht nicht. Der Plot kombiniert die Annahme kulinarischer Hochbegabung mit der Beschreibung frühkindlicher Prägung; hinzu kommt die satirische Darstellung eines (nicht nur) amerikanischen Markenfetischismus und eines dogmatischen Gesundheits- und Nachhaltigkeitsdenkens, ironisch konterkariert von kleinbürgerlicher Fixierung auf Konkurrenz und Rezepte, deren bloße Lektüre zu Übergewicht führen könnte.

Doch damit nicht genug: Jugend- und Eventkultur, die Problematik der working poor, persönliche Verantwortung und Verantwortungslosigkeit sind in die Handlung verwoben. Aus dieser Rezeptur ergeben sich zwar immer wieder witzige Passagen, aber insgesamt kein bekömmliches Gericht.

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aufgeblasene Langeweile

Das Geheimnis der verlorenen Zeit von John Wray

Regeln kann man auf erhellende Weise brechen, aber dazu muss man sie kennen. John Wray springt auf das modische Thema ZEIT auf und lässt seinen Ich-Erzähler Einschlägiges aus Physik und Theologie, Philosophie und (Populär-)Psychologie zitieren (sogar unter Angabe der Quellen). Aber: weder die Erzähler-Figur noch ihr Schöpfer reflektieren die unterschiedlichen Bedeutungen, die der Begriff ZEIT in den jeweiligen Wissenschaften hat.

Der gesucht mysteriöse Aufbau der Handlung basiert auf einem sprunghaften Umgang mit diesen Bedeutungen: So gerät das Psychogramm einer in die Zeitgeschichte (!) verstrickten Familie ebenso verquast wie die konstruiert abenteuerliche Suche des Ich-Erzählers nach dem Kern seines Problems in Gestalt eines Nazi-Onkels oder die Auseinandersetzung mit dem US-amerikanischen Sektenwesen. Keine der Figuren gewinnt psychologische oder gar intellektuelle Tiefe, keine vermag zu fesseln, und die erzählerische Exit-Strategie gipfelt in einem abschließenden 'Ich bin dann mal weg'. Ich zum Glück auch, nach über 700 Seiten Langeweile. Allerdings nicht auf einer läppischen Zeitreise, sondern in einem besseren Buch.

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Hartes Thema, nett erzählt

Letzter Bus nach Coffeeville von John Wray

Wer das Leben für ein Road movie hält, wird hier bedient: Ein alter, laengst verwitweter Arzt verhilft seiner an Alzheimer erkrankten Jugendliebe zur Flucht aus einem Heim und zum - in der Jugend erbetenen - Tod. With a little help from their friends gestaltet sich der letzte Trip der alten Herrschaften unterhaltsam und genueßlich: Ende gut, alles gut.

Als Strandlektuere zu empfehlen, bei großer Hitze und abgeschaltetem Hirn.

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"Am Rand" und ins Zentrum der menschlichen Existenz getroffen

Am Rand von Hans Platzgumer

"Am Rand" - knapper kann ein Roman kaum betitelt sein. Ebenso lakonisch und frei von Sentimentalitaet verfaehrt auch das Erzaehlen: von einem Leben, das von Geburt an marginalisiert ist, chancenlos, bildungsfern und v.a. ohne ueberzeugenden Anschluss an die Gesellschaft, an deren Rand es sich abspielt.

Entscheidungen faellt der Ich-Erzaehler für sich allein, die Verantwortung für einen (befreienden) Mord und eine Toetung auf Verlangen traegt er allein, die Entfuehrung (?) eines weggelegten Kleinkindes verantwortet er gemeinsam mit seiner Lebensgefaehrtin, die sich wie er aus familiaeren und gesellschaftlichen Bindungen geloest hat. Erst, als auch diese letzte Beziehung zu Frau und (Nicht-)Tochter bei einem Bergunfall buchstaeblich wegbricht, entschließt sich der Ich-Erzaehler zur Rechenschaft vor einem unbekannten Leser in der Zukunft und zum letzten Schritt ueber den Abhang, den er selbst schon nicht mehr beschreiben kann. Das indiviuelle Schicksal gewinnt in diesen letzten Aufzeichnungen die Dimension DES menschlichen Lebens schlechthin, "weil es des Menschen Pflicht ist, nicht aufzugeben, aber immer wieder erreiche ich den Punkt, an dem die Selbstbestimmung endet" (S. 206). Ein grandios erzählter, ebenso überzeugender wie verstörender Roman!

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Die Magie im Erwachsen-Werden

Der Trick 24.02.2016. von Bergmann Emanuel

Der Roman verschränkt das Erzählen von zwei Heranwachsenden aus dem 20. und dem 21. Jahrhundert. Gemeinsam ist ihren - ansonsten höchst unterschiedlichen - Schicksalen das Zerbrechen ihrer Familien und die eigenständige Suche nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit: Die äußerlich inszenierte Magie des einen, der zum professionellen Zauberer wird, spiegelt sich im Glauben des anderen Jungen, der fest an die Kraft der Magie im Bereich der Liebe (seiner in Scheidung befindlichen Eltern) glaubt.

Die fast lakonische Kürze der Darstellung kommt ohne falsche Empathie für ein kindliches bzw. jugendliches Bewusstsein aus; Einfühlung bleibt den Leser_innen überlassen, und so beleuchten sich die Episoden aus dem Leben verschiedener Generationen in unserer Vorstellung umso überzeugender gegenseitig. Schade nur, dass die Erzählstränge zum Schluss in einer allzu konstruierten Friede-Freude-Eierkuchen-Idylle zusammengeführt werden - auch die bislang geneigte Leserin fühlte sich letztlich an den israelischen Gründungsmythos von der Verwandtschaft aller Juden erinnert.

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Die Magie im Erwachsen-Werden