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Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:

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Schade um einen Plot, aus dem sich mehr machen ließe!

Salonfähig von Elias Hirschl

Auch über abstoßende Erscheinungen lässt sich auf attraktive Weise schreiben. Dazu bedarf es allerdings mehr als nur eines stereotypen Themas und einer monotonen Stilistik. Auf das eine wie das andere beschränkt sich der Roman: Ein Jungpolitiker erweist sich bereits auf den ersten Seiten als Zwangsneurotiker, der das eigene Handeln und Erleben unaufhörlich in eine – bald schon langweilende – Abfolge von Einzelschritten auflöst.

Dabei spielen teure Marken und Lifestyle-Accessoires immer wieder eine wichtige Rolle. Seine innere Leere versucht dieser Ich-Erzähler durch die wiederholte Annäherung an ein erfolgreiches Idol zu füllen, das ihn seiner Aufmerksamkeit aber zu wiederholten Malen nicht würdigt. Die Annäherung gipfelt in der rituellen Ermordung dieses Idols, dessen innere Organe vollständig ausgenommen werden; die Aneignung seiner Wohnung, seines Aussehens und seines Lebenslaufs bis hin zu einer Traumatisierung geht so einher mit der körperlichen Übertragung von Leere im Innern.

Zu Beginn der Lektüre kommt der Verdacht auf, es könnte sich um einen Schlüsselroman handeln. Das würde allerdings ein differenzierteres Psychogramm des Ich-Erzählers und wohl auch seiner Entourage erfordern. Statt dessen werden Scheußlichkeiten in stereotyper Weise angehäuft: Nazi-Eltern, Selbstmord des Vaters und Medikamentenabhängigkeit der Mutter, Missbrauch von Alkohol und Kokain, Traumatisierung in einer Massenpanik, Verursachung des Todes einer Mitschülerin, Mord und Auswaiden des Idols, Sprengung der Wohnung … All dies wird in endloser Wiederholung abgebildet, aber erzählerisch nicht reflektiert. Schade um einen Plot, aus dem sich mehr machen ließe!

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Schade um einen Plot, aus dem sich mehr machen ließe!
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Der Neue Mensch revisited

Der Kolibri von Sandro Veronesi

Der erste Absatz des Romans verkündet, was zunächst nicht erzählt werden soll, denn es „könnte am Beginn langweilig wirken“ (S. 9). Damit ist von vornherein zweierlei bewirkt:
- Vom Autor, der seine Geschichte schon von Anfang bis Ende durchkonstruiert hat und bald Anspielungen auf sehr viel spätere Ereignisse macht, distanziert sich eine Erzählstimme, die einer eigenen Erzählstrategie folgt, um eben nicht „langweilig“ zu wirken: Der Verlauf der Handlung wird in einzelne Abschnitte quasi zerschnitten, die in ihrer Chronologie neu zusammengesetzt und als Verlauf rekonstruiert werden müssen;
- mit dem Nachdenken über die Wirkung ist der Leser / die Leserin einbezogen, auf die eine Wirkung ausgeübt werden kann (oder nicht).

Ist diese Wirkung nicht Langeweile, sondern Interesse, so tritt der / die Lesende in eine aktive Kooperation mit der Erzählstimme ein und leistet die erforderliche Rekonstruktion, aber auch mehr als das: Am Ende steht die Frage nach einem Sinn der zerschnittenen Chronologie und damit des im Roman erzählten Lebens.
Dieses Leben des Helden aus bürgerlicher Florentiner Familie ist zurückhaltend, unauffällig, wenig ehrgeizig und von einigen Glücks- sowie etlichen Unglücksfällen gekennzeichnet – wie jedes Leben; ein Sinn des Erzählten zeichnet sich lange nicht ab. Erst nach dem Tode der Tochter des Helden nimmt das Erzählen eine energische Wendung: Das Konzept des Neuen Menschen ist aus verschiedenen sozialistischen Gesellschaftsentwürfen bekannt (Ende der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, Ende des Konkurrenzdenkens und Kooperation aller zugunsten des großen Ziels einer gerechten Gesellschaft, Vereinigung aller Kräfte im Kampf gegen Hunger und Not, Krankheit und Tod etc.). Hier wird nun dieser in die Jahre gekommene Neue Mensch ins Ökologische gespiegelt: Die Tochter der vorzeitig Verunglückten, also die Enkelin des Helden, heißt nicht nur Miraijin, „Mensch der Zukunft“ auf Japanisch, sie sieht nicht nur aus wie einem von ihrer Mutter geliebten Manga entsprungen, sie ist in der utopischen Phantasie ihres an Krebs erkrankten Großvaters eine zur Rettung der Menschheit begabte Jugendliche. Zumindest er, der wenig heroische Held eines Lebens ohne Große Erzählung (z. B. des Sozialismus), findet in ihrer Existenz einen Sinn für sein Leben und Sterben. Die Schilderung dieser Gedanken aus seiner Perspektive enthebt den Leser / die Leserin einer Einstufung des letztendlich gefundenen Sinnes als Ökokitsch. Ob die aktive Rekonstruktion des erzählten Zusammenhanges bis zu diesem Ende durchzuhalten ist?

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Der Neue Mensch revisited
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Island und ein Mord, den keiner beging

Kalmann von Schmidt Joachim B.

Was wissen wir in Mitteleuropa vom Leben in Island? Ein dorthin ausgewanderter Schweizer erzählt uns anlässlich eines Kriminalfalles davon. Es geht um wirtschaftliche Probleme infolge von EU-Fischfangquoten, aber auch um Egoismus und gute bzw. schlechte Nachbarschaft. Zentrum des Erzählens ist ein Protagonist, der von seinen Mitmenschen als geistig behindert wahrgenommen wird, der aber in seinen langsamen und einfachen Reaktionsweisen sehr sympathisch wirkt.

So glaubt man ihm seine unschuldigen Berichte von einzelnen Aspekten eines – vermeintlichen – Mordfalles trotz gelegentlicher tobsuchtsartiger Wutanfälle, die seine Zurechnungsfähigkeit in Frage stellen. Die Gutgläubigkeit der ermittelnden Polizistin ist ebenfalls sehr sympathisch, wenn auch weniger überzeugend als das von großer Mitmenschlichkeit getragene Verhältnis zwischen dem Ich-Erzähler und seinem Großvater. Die Passagen über dessen Lebensklugheit und Umgang mit dem >andersartigen< Enkel waren für mich die Highlights des Romans.

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Schade um das Sujet!

Für die Ewigkeit von Helmut Krausser

Eine Liebesgeschichte mag aus unterschiedlichen Gründen interessant sein, eine wesentliche Rolle spielen dabei aber unweigerlich Wesen und Verhaltensweisen der Liebenden. Im vorliegenden Falle sind dies eine verwöhnte höhere Tochter, deren Schönheit sie immer wieder zum Objekt männlicher Begierde werden lässt, und ein junger deutscher Justizflüchtling, der sich als Pianist in Argentinien durchschlägt und mit einer zeitgeistigen Oper zu reüssieren hofft.

Die beiden brennen aus jugendlicher Verliebtheit ziemlich unüberlegt durch und stoßen auf ihrer Flucht von Buenos Aires bis Rio de Janeiro – absehbar – auf immer neue Hindernisse. Im Kern geht es dabei um Geld bzw. dessen Fehlen im Kontext von Ausbeutung, Bestechlichkeit und patriarchaler Allmacht, die das Südamerika des beginnenden 20. Jahrhunderts in dem Roman charakterisieren.

Aber wozu diese Lokalisierung? Warum das Jahr 1902? Und weshalb zwei Liebende von so geringem Tiefgang, dass sie angesichts all ihrer materiellen Herausforderungen doch immer unverändert bleiben? Selbst die Perfidie, die der Klappentext dem Verfolger der beiden bescheinigt, beschränkt sich bis zum Schluss auf einen schlau inszenierten Egoismus, wie es ihn überall und zu jeder Zeit gibt – wirklich zu fesseln vermag dieses kleine Böse genauso wenig wie die gar nicht so große Liebe. Schade um das vielversprechende Sujet!

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Schade um das Sujet!
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Eine seltene Perspektive

Ich bleibe hier von Marco Balzano

In der Perspektive eines Rechtsstaates betrifft totalitäre Gewalt in der Regel irgendwelche Anderen; die Sprache, in der Menschenrechtsverletzungen behandelt werden, ist die des Berichts, auch der Propaganda u. ä. Im Gegensatz zu dieser distanzierenden und daher bequemen Perspektive ergreift in Balzanos Roman eine Betroffene selbst das Wort: Die Ich-Erzählerin wendet sich mit der Geschichte ihres Lebens an ihre verschollene Tochter.

Weder die Lebensgeschichte noch das Verschwinden des Kindes sind von der sog. großen Geschichte Südtirols im 20. Jahrhundert zu trennen, vielmehr spiegelt sich die Geschichte des Landes im Erleben des einzelnen Menschen. Letzteres wird in einfacher und präziser Sprache erzählt, ohne (falsches) historisches Pathos. Und doch ruft dieses sachliche Erzählen von erlittenem Unrecht und Leid ein Mit-Leiden hervor, das den bekannten Verlauf der Geschichte ändern und den kleinen Leuten nachträglich zu ihrem guten Recht verhelfen möchte. Die Anderen, 'sie', werden im Laufe der Lektüre zu unserem eigenen Wir, und eine derartige Identifikation lässt uns – vielleicht – mit etwas mehr Bereitschaft zur Einfühlung in Andere zurück.

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Städterin an Land: wirklich???

Vom Land von Dominik Barta

Sprachlosigkeit lässt sich nur als Schilderung körperlicher Vorgänge in Sprache übersetzen. Auch im Falle von Lieblosigkeit kann das Fehlende nicht direkt geschildert werden – es ist ja nicht da. Das Abwesende bedarf der Bilder wie Metaphern oder Symbole, die auf es verweisen. Wenn also eine ältere Bäuerin nicht mehr spricht und wiederkehrenden Anfällen von Übelkeit und Erbrechen ausgesetzt ist, so ist – zumindest auch – eine psychosomatische Diagnose möglich, und eine andere findet sich bis zum Ende des Romans nicht: Theresa findet ihr Leben zum K.

..en.
Eine Ehe, die wirtschaftlich funktioniert; eine Tochter, die auf das Funktionieren der Großmutter für ihren eigenen Sohn setzt. Er, der Enkel, der aus all diesem Funktionieren in das Abenteuer ausbüchst und sich mit einem jugendlichen Asylanten anfreundet, schafft den einzigen Lichtblick in der dumpfen Atmosphäre des Dorfes, in dem neonazistische Villenbesitzer den Ton angeben.
Ist all das nicht etwas allzu stereotyp? Ich stelle diese Frage als Stadtmensch, nicht auf der Basis längerfristiger Erfahrung mit dem titelgebenden „Land“, sondern aufgrund der Beobachtung, dass meine Lust zu und Freude an der Lektüre doch ab der zweiten Hälfte des Romans spürbar nachließ.

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Lernen Sie Geschichte, oder: Das Wechselspiel von Erinnern und Vergessen

Rote Kreuze von Sasha Filipenko

Wie schreibt man einen Roman über die menschenverachtende Unterdrückung im Stalinismus? Die gefühlsmäßige Anteilnahme soll nicht dominieren – Kitschgefahr! –, sie soll aber auch nicht programmatisch ausgeschlossen sein wie in wissenschaftlichen Texten.

Filipenko wählt eine erzählerische Doppelstrategie: Er konfrontiert einen jungen Ich-Erzähler der postsowjetischen Ära mit einer alten, dement-vergesslichen Nachbarin und Augenzeugin des GULAG.

Diese orientiert sich mittels roter Kreuze, die sie im Treppenhaus anbringt; zugleich liefern (reale) Archivmaterialien des Roten Kreuzes einen Schlüssel zum Schicksal ihres kriegsgefangenen Mannes. Auch andere Aspekte der historischen Thematik haben eine wiedererkennbare Entsprechung in der Realität, so unglaublich das auch scheinen mag (Generalverdacht auf Verrat bei überlebenden Kriegsgefangenen, Sippenhaft u. ä.).

Das Schicksal des jungen Ich-Erzählers hat hingegen seine individuelle Tragik, die mit der kollektiven kontrastiert und die er seinerseits vergessen möchte. Ähnlichkeit zwischen beiden Fällen schafft andererseits das Aufwachsen eines Kindes ohne Mutter. So pendelt die Lektüre zwischen dem Wiedererkennen kollektiver und dem Entdecken individueller Aspekte des Erzählens, zwischen der Unausweichlichkeit des Erinnerns und der Sehnsucht nach Vergessen, und es bleibt spannend bis zur letzten Seite.

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Tote Pferde tritt man nicht.

Rate, wer zum Essen bleibt von Philipp Tingler

Ein verbreitetes Stereotyp besagt: Ungebundene (weibliche) Elemente stören wie die freien Radikale der Chemie oft chemische wie eheliche Bindungen (lies nach bei Goethe). Mit der unkritischen Übertragung dieses Modells auf die Ebene von Gesellschaft und Psychologie arbeitet auch Tinglers Text: zwei Abendessen zur Karriere-Förderung der Gastgeberin, deren reichlich fader Ehemann und jeweils ein neues Gästepaar sowie eine zufällig hereingeschneite Studienfreundin des Gastgebers … und schon ist nichts mehr, wie es sein sollte.

Dabei sind die Wortwechsel, mit denen die ungebundene Freundin jede gesittete Konversation der Paare zum Entgleisen bringt, mitunter recht witzig. Sie entlarvt die heruntergehungerte Esoterik-Zicke ebenso wie deren Ehemann, den verfressenen und Gemeinplätze absondernden Dekan einer Uni-Fakultät. Dabei fragt man sich, warum die Gastgeberin zwecks Erlangung einer Stiftungsprofessur nicht den Präsidenten der Stiftung einlädt … und prompt erscheint dieser samt Ehefrau zum zweiten Abendessen. Bald einmal lässt er den Schürzenjäger heraushängen, allerdings nicht an die Adresse der Gastgeberin, sondern an die der ungebunden-unverblümten Gesprächsteilnehmerin.
Warum ist all das in diesem Buch nicht wirklich lustig? Ein verbaler Schlagabtausch, in dem die eine Seite nur über- und die andere nur unterlegen ist, ruft keine Spannung hervor – eh klar, wer gewinnt. Es fehlt die Ökonomie der Kräfte. So bleibt am Ende das schale Gefühl übrig, das eine Redensart so benennt: Tote Pferde tritt man nicht.
Aber das Photo des Schutzumschlags ist und bleibt vielversprechend.

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Ein fast Schnitzler'scher "Reigen" unserer Tage

Der Sprung von Simone Lappert

Erzählen setzt einzelne Erscheinungen zu einander in Beziehung und schafft damit sinnvolle Zusammenhänge. Dies tut auch "Der Sprung", indem er – ein eher seltener Fall – von einem Raum erzählt, der die Menschen zu einander in Beziehung treten lässt, ob sie nun wollen oder nicht.
Die Frau auf dem Dach, deren vermeintliche Selbstmordabsicht den Titel, aber auch die Handlungen der anderen Figuren motiviert, bündelt die Sicht auf letztere, die Bewohner einer Kleinstadt, wie in einem Brennglas: auf Junge und Alte, Aufstrebende und Gescheiterte, Liebende und Sensationslüsterne .

.. Aus dem eigenen Bewusstsein der Frau auf dem Dach erfahren wir hingegen nur Weniges, das sie in den Dialogen mit ihrem Freund Finn preisgibt – sie ist die leere Mitte des 'Wahnsinns' unter dem Dach, auf dem sie steht. Im Umkreis dieses Daches entsteht so ein Reigen im beinahe Schnitzler'schen Sinne: Menschliche Absichten und Handlungen laufen ins Leere der unbekannten Existenz des / der Anderen, in die Leere abgestorbener Gefühle und in die postmoderne Wildnis einer Egozentrik, die aus Menschen Konsumenten und Gaffer macht. Aber alle wollen 'was ...
Ein aus vielen Perspektiven erzählter Roman und Handlungszusammenhang, dessen treibende Kräfte (ein eitler Liebhaber mit Dachterrasse, ein mediengeiler Polizeichef und viele Feiglinge) in dieser Konzentration etwas konstruiert wirken; zumindest ist das zu hoffen.

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Held und Leser_in locked in

Der Riss von Simone Lappert

Der nach einem Autounfall querschnittsgelähmte Ich-Erzähler ist zunächst auf passive Sinneseindrücke reduziert. Nach und nach kehrt die Beweglichkeit seiner linken Hand und v. a. die Erinnerung zurück: an vereinzelte Episoden mit seiner Frau, mit den Schwiegereltern, aus seinem beruflichen Werdegang, mit Freunden.

All das wird ausschließlich aus der Perspektive des Gelähmten erzählt – der innerfiktionale Wahrheitsgehalt von Wahrnehmung und Erinnerung lässt sich nicht mit einem anderen Standpunkt abgleichen oder gar überprüfen. Handelt das Erzählen letztlich vom Delirium eines Sterbenden? Hält dieser auch in der Extremsituation an der Sprach- und Beziehungslosigkeit seines früheren Lebens fest? Wodurch ist die schleichend zunehmende Bösartigkeit der – vorgeblich – pflegenden Schwiegermutter motiviert? Welche Rolle spielt deren halb-japanische Abkunft vor dem Hintergrund der historisch belasteten Beziehung zwischen Japan und Korea? Will die Schwiegermutter den Ehebruch aus der Vergangenheit und den Unfalltod ihrer Tochter rächen, oder handelt sie aus Sadismus angesichts der Hilflosigkeit des ihr ausgelieferten Schwiegersohns? Diese, aber auch kulturspezifische Fragen wie die nach der Bedeutung der Urne wirft der Text auf, ohne Anhaltspunkte für Antworten zu geben. So bleibt die präzise und eindrucksvolle Schilderung ebenso bedrückend wie rätselhaft, und wir geraten lesend in eine ähnliche Lage wie der Ich-Erzähler: Ist ihm nahezu jede Möglichkeit des Handelns genommen, so wird uns keine Möglichkeit gegeben, das Böse in den Beziehungen der Figuren zu verstehen und zu erklären – wir sind und bleiben bis zum Ende des Romans hilflos im Text gefangen.

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