Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Manfred Fürst:
Von Brooklyn in die Mojave Wüste
Der wilde Detektiv von Jonathan Lethem
DER WILDE DETEKTIV von Jonathan Lethem ist ohne auch nur eine Zeile gelesen zu haben ein Meisterwerk: Vom Cover schaut ein wirklich wilder Detektiv dem Betrachter direkt in die Augen, farblich bicolor reduziert, Titel und Autor in schlichtem Weiß. Kein Vergleich zu manch deutschen Autor dessen Name in knalligem Rot das halbe Cover „ziert“.
Hinter dem Buchumschlag gibt es die nächste positive Überraschung: Vom Buchdeckel vorne blickt uns Phoebe an, hinten nochmals der „wilde Detektiv“, Charles Heist.
Roslyn Swados mit Tochter Arabella und Phoebe Siegler, Freundin von beiden, ein reinrassiges Produkt Manhattans; drei NYer Frauen, deren Leben aus dem Ruder läuft. Arabella ab in den Westen nach Portland zum Studium, biegt ab zum Mount Baldy auf einen Egotrip und verschwindet vom Radar. Die psychotische Phoebe sieht ihre Chance gekommen, um NY ade zu sagen. Sie begibt sich im kalifornischen Upland auf die Suche nach Arabella. Das ist der Beginn einer Zweckgemeinschaft mit dem „wilden Detektiv“ Charles Heist. Seine Berufung: Befreiung von Lebewesen der verschiedensten Arten aus leidvollen Umständen. Es folgt eine Mischung aus Fiktion und Realität. Phöbe schwatzt und schwatzt in unübertroffener Schnoddrigkeit und sarkastischer Phrasendrescherei. Sie hat die „rechthaberische Gewissheit, dass die Welt im Arsch war“, glaubt „wir lebten in einer verrückten Scheißwelt“ und denkt „normale Menschen sind vielleicht das Entsetzlichste, was es auf Erden gibt; normale Amerikaner, besser gesagt.“
In der Mojave Wüste, wo zwei Hippie-Fraktionen, oder besser zwei freiwillig aus der Gesellschaft Ausgeschiedene, die „Kaninchen“ und die Bären“ gegeneinander und untereinander kämpfen, kommt es zum Showdown auf einem Riesenrad.
Lesen wie auf einem Weg mit Stolpersteinen. Kauderwelsch. Keine flach gebügelte Übersetzung, sondern ein herausforderndes Lesestück. Ausdauer ist gefragt und eine Akzeptanz der absurden Handlung.
Ab jetzt werde ich mich fragen – wenn ich in den Himmel blicke – was mir die Kondensstreifen sagen wollen.
„see no evil, hear no evil, speak no evil, do no evil”
The Fourth Monkey - Geboren, um zu töten von J. D. Barker
Chicago in Aufruhr. Seit fünf Jahren terrorisiert THE FOUR MONKY KILLER die Stadt. Und die Polizei, im Besonderen Detective Sam Porter vom Chicagoer PD.
Der Prolog beginnt genauso rasant, wie das erste Opfer zu Tode kommt. Ein Mann stirbt nach einem Zusammenstoß mit einem Bus. Sam Porter wir zu dem Unfallopfer gerufen, weil dort ein Erkennungszeichen des „Four Monkey Killer“ - 4MK - gefunden wurde, ein kleines weiß eingepacktes Schächtelchen – mit einem menschlichen Ohr.
Zunächst glauben alle, es hätte den lang gesuchten 4MK erwischt. Es wird doch dem gewieften Thrillerexperten nicht entgangen sein, dass es noch zwei weitere 4MK-Thriller gibt und man schwer auf den 4MK-Killer gleich zu Beginn des ersten Bandes „verzichten“ kann. Der Konnex vom 4MK zu den vier Affen lässt mehrere Interpretationen zu: Es gibt positive und negative. Gemäß dem „Tagebuch“ des 4MK hieße es „nichts Böses sehe, hören und sagen“. Der vierte Affe hält sich die Hände vor den Unterleib und das bedeutet etwa „nichts Böses tun“ oder auch „habe keinen Sex“. „GEBOREN, UM ZU TÖTEN“ von j. D. Barker heißt im Original „THE FOURTH MONKEY“. Gemäß diesen Affendarstellungen schickt der 4MK seiner „Zielperson“, die er bestrafen/vernichten will Ohren, Augen und Zunge von Frauen, die der Zielperson sehr nahestehen. Jedes einzelne seiner früheren Opfer war verschleppt worden, um Rache für die ungesetzlichen Handlungen eines Angehörigen zu üben. Diesmal wird Emory, verheimlichte Tochter von Talbot, einem Immobilienmoguls entführt und ihr Ohr ist es, das die Polizei beim „Busopfer“ findet. Bei der vierten Affendarstellung ist das Opfer bereits tot und hält eine Nachricht oder Hinweis in der Hand. In der englischen Originalversion heißt es „see no evil, hear no evil, speak no evil, do no evil”. Bei besagtem Tagebuch, das beim „Busopfer“ gefunden wurde handelt es sich um das Tagebuch des 4MK-Killers. Dort beschreibt er seine Zeit als Teenager mit „Vater“ und „Mutter“ und einem Nachbarehepaar und bereits damals wird schnell klar, dass dieser Junge ein Psychopath war. „Für jemanden mit Angststörungen ist Serienmord aber ein merkwürdiges Hobby“ (Zitat aus „Geboren, um zu töten“). Das Tagebuch nimmt einen wesentlichen Teil des Thrillers ein und ist im Grunde wie ein eigener Thriller - Machenschaften des Talbotkonzern mit korruptem Buchhalter, der einige Millionen „beiseiteschafft“ - konzipiert. „Mutter“, die Nachbarin und ein Blonder fliehen aus dem Haus, lassen den Jungen alleine zurück und dieser fackelt das Haus ab. Ein Killer wurde geboren.
Die Detectives Clair und Nash arbeiten mit Porter, ihrem Starermittler einigermaßen harmonisch zusammen. J. D. Barker verzichtet auf das „übliche“ unappetitliche Hickhack der Ermittler und das tut dem Leser sehr gut. Die Dialoge sind schlagfertig, manchmal witzig, ironisch, aber nie verletzend.
Auf diesen knapp 550 Seiten gibt es manch überraschende Wendung und die unorthodoxen Ermittlungsaktivitäten von Porter enden mit thrillendem Showdown. Die deutsche Übersetzung ist perfekt und fördert den Lesefluss. Die amerikanische Presse überschlug sich mit positiven Kritiken, denen ich mich vorbehaltlos anschließe. Ein echter Pageturner.
Mhallamiye – wieder was gelernt
Mexikoring von Simone Buchholz
Mhallamiye – wieder was gelernt. Die kriminellen und anarchischen Clans sind eigentlich zu bedauern, kein Staat auf der Welt will sie haben und dann sie lassen sich im liberalen Deutschland nieder. Das hat seinen Preis. Schier zum Erbrechen skizziert Simone Buchholz in MEXIKORING deren krude und menschenverachtende Sozialform und Einstellung zu Staat und Gesellschaft.
Man kann nicht einmal sagen „unsozial“, eher erschreckend sozial.
Ihre Lieblingsheldin, Staatsanwältin Chastity (Keuschheit, Reinheit, Unbeflecktheit, Züchtigkeit – wie kommt Buchholz nur auf diesen Namen?) Riley mit ihren „süßen“ Kommissaren muss einen Mord aufklären. Kein Wohlfühlkrimi. In schnoddrigen Dialogen wird Ermittlungsarbeit betrieben und in Lokalen der Alkoholbestand radikal vermindert.
„Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb, sie konnten beisammen nicht kommen...“ Nouri und Aliza. Für sie gibt es außerhalb der Clans keine Zukunft. Von den zwei Ermittlungsrichtungen erweist sich die Clanlinie als überraschend falsch, die von Nouris Kollegen bei der Versicherung als richtig. „Ist ja alles gut,“ (Zitat aus MEXIKORING)...es ist nie alles gut. Bester Spruch: „Netto-Text bitte.“
MEXIKORING von Simone Buchholz ist packend, tiefgründig und schnörkellos. Für die literarische Aufarbeitung dieses aktuellen Themas ist eine Spur von Zynismus unabdingbar.
Der ‚Luft beim Vorbeiwehen zusehen‘
Spur der Schatten von Gil Ribeiro
Die seltsame Moral des Herrn Nélson. Der ‚Luft beim Vorbeiwehen zusehen‘ oder darauf achten, dass die Straße nicht gestohlen wird – portugiesisches „Savoir-vivre.“ Eines müsste auf jeden Fall allen auf der Welt klar sein, dass die östliche Algarve um Fuseta das herrlichste Azul hat, für das jede Beschreibung völlig unzureichend ist.
Dass sich Leander Lost bei Kollegin Teresa Fiadeiro bezüglich „Vaterschaft“ erkundigt, lässt Graciana bereits von Tante und Schwager von Leander träumen. Das war wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. Graciana hat dabei nicht mit der überlegten Klugheit ihrer Schwester Soraia gerechnet. Dank an den Autor, er bewahrt uns vorerst vor romantischen Liebesgeplänkel.
Asperger-Typen hören sich gerne reden und werden von ihren Mitmenschen oft „Klugscheißer“ oder „Besserwisser“ genannt. Auf die Aufforderung, ‚halt den Mund‘ antwortet ein Asperger, ‚ich kann ihn nicht halten, sie ist mir angewachsen.‘ An Demenz stirbt man nicht, man entrinnt der Wirklichkeit.
Gil Ribeiro, der Hamburger kennt und liebt die östliche Algarve, die Gegend und Lebensart der Portugiesen. Er ist ein Gourmet und bringt uns die kulinarischen Genüsse näher: Bica (portugiesische Espressovariation, Beba Isto Com Açúcar -'Trink dies mit Zucker', stark und bitter, mit Zucker bleibt der Löffel stecken, Moamba de Galinha - Hähnchen in Erdnusscreme, eigentlich aus Angola; die Speise ist sicher ein Tribut an Flores Yola. Sumo de laranja - simpler Orangensaft, almôndegas - in Hamburg sicher Bouletten, gambas da costa azeite de oliva a coentro - Garnelen von der Küste in Olivenöl mit Koriander, salsa e alho - Petersilie und Knoblauch, sopa da Pedra - eigentlich Steinsuppe, reichhaltige Suppe mit Fleisch, Würstchen, Bohnen, Kohl, Karotten und Kartoffeln, der Stein in der Mitte des Tellers wird für die nächste Zubereitung aufbehalten, Peixinhos da Horta - in Teig gebackene grüne Bohnen, sehen aus wie Sardinen, sind aber keine, chouriço assado - scharfe Paprikawurst über offenen Feuer gegrillt, linguado - Steinbutt oder Seezunge, Amèijoas - Herzmuscheln, Percebes - Entenmuscheln, gibt es wirklich, tarte de Limão - Zitronentarte, chouriço com couve galega - Knoblauchwurst mit Kohl, Suppe?.
Gil Ribeiro, der Hamburger zeigt große Empathie für den seinen comissário Leander Lost, den Hamburger Aspi. Mit dessen unglaublicher Logik und Unterstützung seiner Kolleginnen und Kollegen ‚fliegt‘ er zunächst durch eine falsche Tür, um schlussendlich doch richtig zu liegen. Am Ende wird es dann auch Leander bewusst, dass er ein Herz hat und auf dieses – unter außer Acht lassen all seiner Logik – hört. Aber vielleicht ist das eben seine Logik.
Seit dem ersten LOST IN FUSETA von Gil Ribeiro wissen wir, dass er die Algarve liebt, seine Protagonisten, die Lebensart der (Süd-)Portugiesen, die kulinarischen Genüsse und seinen Anti-Held Leander Lost. Die Führung eines Kommissariats fast wie ein Familienunternehmen mag zwar einer Wunschvorstellung entsprungen sein, aber wir lesen es gern. Und im Kern auch noch ein Kriminalfall, der nicht an Spannung zu wünschen übriglässt. Auf Überblickskarten und Detailausschnitten können wir die Wege unserer "Helden" verfolgen, Superservice. Fehlt noch ein kleines Portugallexikon. Auf zu LOST 3.
Schönstes Bücher je gelesen.
Das Atelier in Paris von Gil Ribeiro
Grundsätzlich muss der Leser bereit sein, sich auf diese Geschichte einzulassen; bereit, den Autor auf einer Lesereise zu begleiten. Es braucht viel Empathie für die Hauptprotagonisten Madeline, Gaspard und den Plot. Dann ist es ein sehr großes Leseerlebnis für denjenigen, der sich gerne und ohne zu zögern auf einer Gefühlswoge dahingleiten lässt.
Weihnachtszeit in Paris: Die Ex-Polizistin Madeline Green aus Machester möchte in Paris zur Ruhe kommen und in einen neuen Lebensabschnitt eintreten. Gaspard Coutances, erfolgreicher Theaterautor, Misanthrop und Soziopath, mag weder sich noch die Welt, kommt nach Paris, um ein neues Stück zu schreiben. Beide treffen sich ungewollt in einem Haus, das sie für ihren Aufenthalt gebucht hatte. Was beide vereint ist die gegenseitige Abneigung. Das Haus, in dem der Künstler Sean Lorenz gewohnt hat birgt eine ungeahnte Magie, die Madeline und Gaspard anfangs nicht wirklich ahnen, die sie jedoch nicht nur nicht mehr loslässt, sondern immer mehr in ihren Bann zieht. Sie suchen nach den drei verbliebenen Gemälden von Lorenz. Beide recherchieren voneinander unabhängig und finden diese Bilder. Eines davon, welches nur in der Dunkelheit phosphoreszierend eine mystische Nachricht offenbart, schickt Madeline und Gaspard auf eine schicksalhafte Reise nach New York. Musso setzt den Leser unzählige Erzählpuzzle vor. Nichts ist wie es scheint. Die losen Fäden werden am Ende - nach atemlosen und spannendem Lesen - verknüpft. Das Herz des gefühlsempfänglichen Lesers erwärmt sich. Madeline und Gaspard erleben eine ungeahnte schicksalhafte Transformation ihrer Persönlichkeit, die sie nie für möglich gehalten hätten, finden zu ihrem wahren ICH und ihrer insgeheim gesuchten Bestimmung.
Eines der schönsten Bücher je gelesen.
Aufarbeitung des politischen Systems in der Ukraine.
Tödliche Schuld von Caroline de Vries
Beachtenswerter Ansatz der Autorin, die ihre journalistischen Berufserfahrungen mit dem politischen System in der Ukraine Anfang des 21. Jahrhunderts zu einem aufweckenden Politthriller verbindet. Das korrupte politische System, die Anbiederung deutscher Unternehmer, die große Diskrepanz zwischen Arm und Reich und das Leben auf dem Lande werden thematisiert.
Katharina Iswestja, eine 25jährige Ukrainerin, als 5jähriges Kind mit ihrer Mutter nach Deutschland geflohen erhält einen Rechercheauftrag ihrer Hamburger Zeitung in der Ukraine. Katharina erzählt ihre dramatischen Ereignisse in Kiew und der Ukraine in ICH-Form.
Es beginnt eine Investigation der dunkelsten Seite der ukrainischen Politik mit Katharinas Auseinandersetzung eigener Vergangenheit. Geschickt wechselt die Autorin vom Kiew 2003/04 in das Kiew 1993, denn dort hatte die „tödliche Schuld“ ihren Ursprung.
Katharina wird mit den ukrainischen „Besonderheiten“ bereits mit dem Eintritt in das Land ab dem Flughafen konfrontiert. Von der naiven, schreckhaften und der ohne Kenntnis der Vergangenheit ihres Vaters Grigorij Iswestja, von Beruf Journalist in Kiew herumirrenden Katharina wird eine Powerfrau, die ihre stahlbewehrten Stiefel einsetzt und eine Killerin.
Katharina wird auf Schritt und Tritt beobachtet und verfolgt von Boris, dessen Absichten und Auftraggeber ihr zunächst zweifelhaft erscheinen. Mandelow, der engste Mitarbeiter von Grigorij stirbt ausgerechnet in den Armen von Katharina, die darauf hin verhaftet wird und sich ab diesem Zeitpunkt in der „Obhut“ von Igor Wolkow, dem Staatsanwalt befindet.
Victor Abramow, ukrainischer Oligarch und Präsidentschaftskandidat Alexander Karkow planten 1993 die Beseitigung Tatjana Setschenka, Inhaberin mehrerer Printmedien und eine Konkurrentin um das Amt des Präsidenten der Ukraine. Ein „begabter Zögling“, der später noch eine zentrale Rolle spielen sollte wird mit der „Beseitigung“ von Setschenka, nicht ohne Aussicht auf Karriere, Reichtum und Macht betraut. Setschenka wird nach dem Fick ihres Lebens mit ihrem Bodyguard Karl von diesem in ihrem SUV im Dnjepr versenkt. In Zusammenhang mit diese diesem Mord soll es ein Video geben, das im Besitz von Grigorij Isvestja vermutet wird. Auftraggeber dieses Mordes möchten unbedingt in den Besitz dieses kompromittierenden Videos gelangen und schrecken dabei vor Einschüchterungen, Entführung und Mord nicht zurück.
Katharina trifft ihren Vater, beide fliehen in die Ostukraine werden aber ständig verfolgt. In Donezk in einem Bergwerk von Abramow kommt es zum Showdown. Katharina tötet Abramow.
Igor Wolkow, der Staatsanwalt bekundet nicht ohne Grund ein besonderes Interesse an dem Video und lässt Katharina und ihren Vater nach Kiew zurückfliegen. Igor präpariert das ihm übergebene Video, um seine weiße Weste zu demonstrieren. Doch Grigorij, später von Häschern ermordet hat eine Kopie vom Original gemacht, die Igor als den „begabter Zögling“ entlarvt.
Es ist nur dem großen Herz der Autorin zu verdanken, dass sie einen unblutigen Schluss wählt: Katharina rächt sich nicht an Igor und tötet ihn nicht. Es folgt ein Diskurs mir Igor über das politische System in der Ukraine, mit welchen Maßstäben die Handlungen der korrupten Mächtigen in der Ukraine zu beurteilen sind.
Die vielen Puzzles, die entstehen werden in gutem Erzähl- und Schreibstil am Ende zusammengefügt, lassen aber den Leser in besonderer Besinnung - von der Autorin bewusst gewünscht - zurück.
Ursprünglicher Titel „Der Neid des Fremden“ passt besser.
Tödliche Schuld von Caroline de Vries
Es ist wirklich ein vergnügliches leichtes Lesen, ein noch nicht ernst zu nehmendes, sprich anspruchsloses Geplausche und Geschreibsel über einen Menschen, nicht nur von Hybris geblendet und von inneren Dämonen gejagt, sondern der wirklichen Hilfe benötigt. Ab in die Nervenheilanstalt zu den Koryphäen, die mit Läserstrahl im Gehirn umgehen können.
Absoluter GirlsTalk, vom Vernachlässigen bis zum Überfliegen. FENN, der arme Tropf plant seine „Karriere“ über die Sekretärin Sonia. Die Mädels tauschen Parfum, ach wie süß. (nochmal) Der arme Fenn - erste Absage und bereits von einem Hurrikan erfasst. Fenn sollte sein Gehirn an ein Anatomisches Institut "verkaufen" und dafür eine finanzielle Entschädigung für die Körperspende erhalten, ist er doch so klamm. Er ist ein Muster eines total Bekloppten. Doppelt gefährlich?
Es reiht sich eine langweilige Szene an die andere: Kind-Kind-Mutter-Vater-Geplapper. Das Hüpfen der Vögel ist deren Sprache, überaus originell und bewusstseinserweiternd. Trautes Heim nicht allein: Fenn und Sonia (Sony), noch unspektakulärer geht es nicht mehr (und das ist noch freundlich ausgedrückt). Caroline Graham wird es schwer haben, um den Ansprüchen einer Nachfolgerin von Agatha Christie gerecht zu werden. Manche Szenen haben Monty Python-Muster.
Greg, dass er von einem bestimmten Ufer kommt lässt sich an den Dialogen köstlich erahnen. „Orgiastische“ Szenen - Fenn und Sonia im Kamasutra.
Ganz im Gegensatz lesen sich Kapitel 7 und 8. Atemlose Spannung bei der Suche nach Sonia, die erschütternde Entdeckung und die Aktivitäten der Polizei. Man ahnt, weil man Fenn noch nicht gefunden hat, dass seine Polizeiuniform zum Einsatz kommen wird. Und das tut sie. Showdown mit Rosa und Fenn. Mit dem finalen Schuss löst sich die Spannung.
Caroline Graham entpuppt sich mit „Der Fremde in deinem Leben“ als eine brillante Krimiautorin im typischen britischen Schreib- und Erzählstil; der bereits 1988 erschienene Krimi hat nichts von seiner literarischen Qualität verloren. Der ursprüngliche Titel „Der Neid des Fremden“ trifft den Krimi besser.
Anspruchsvolle Prosa für anspruchsvolle Leser
Die Unsichtbaren von Roy Jacobsen
So muss es gewesen sein - vor über 100 Jahren. Im Norden Norwegens auf einer kleinen Insel Barrøy. Inselleben. Eine einzige Familie. Fern ab vom Festland. Für dieses sind die Inselbewohner Exoten. Sprödheit der Insel – Sprödheit der Menschen. Es beginnt die Geschichte der Ingrid Marie Barrøy, einem dreijährigen Mädchen.
Das Leben auf der Insel wird durch Ebbe und Flut, von Wind und Wetter und den Jahreszeiten bestimmt. Vom Älterwerden, vom Geborenwerden und Sterben. Die Familie wird auf natürliche Weise dezimiert und auf unerwartete vermehrt. Es werden Tote und Halbtote an die Küste gespült. Ein halbtoter russischer Flüchtling erholt sich ganz gut – Ingrid wird nach neun Monaten eine Tochter Kaja zur Welt bringen. Der Russe entpuppt sich als Alexander Michailowitsch Nischnikow und die Suche nach ihm wird zum Auslöser einer alptraumhaften „Rundreise“ durch Norwegen und Schweden im ersten Jahr nach dem Ende des 2. WK. „Die Reise war zu einer verzweifelten Suche nach dem Wendepunkt geworden“ (Zitat aus „Die Unsichtbaren“) ist der Glanzsatz für Ingrids Such nach Alexander, mit der sie innerlich abgeschlossen hatte. Ingrid ist eine hartnäckige Spurensucherin, findet ihren Frieden mit der Rückkehr nach Barrøy, und in Mariann ihr Alter Ego.
„Die Unsichtbaren“ von Roy Jacobsen erfordert konzentriertes Lesen und Überwindung. Ein halbes Jahrhundert norwegischer Geschichte, besetztes und befriedetes Norwegen mit bitteren Nachwehen der Kriegszeit. Anspruchsvolle Prosa für anspruchsvolle Leser, so sollten diese wenigsten sein. Die gewohnte direkte Sprache wird oft von der ungewohnten indirekten Sprache abgelöst. Die deutsche Übersetzung klingt manchmal wie die aus einem Übersetzungs-Automaten. Drei Teile auf über 600 Seiten, Durchhaltevermögen ist eine Voraussetzung. Bewundernswerte literarische Dichtheit über Land, Mensch und Leben. Pflichtlektüre für alle Norweger.
In dieser Insel-Saga „Die Unsichtbaren“ von Roy Jacobsen verbirgt sich eine unglaubliche Magie, der sich der Leser nicht entziehen kann.
Algarve, wir kommen
Spur der Schatten von Gil Ribeiro
Die seltsame Moral des Herrn Nélson. Der ‚Luft beim Vorbeiwehen zusehen‘ oder darauf achten, dass die Straße nicht gestohlen wird – portugiesisches „Savoir-vivre.“ Eines müsste auf jeden Fall allen auf der Welt klar sein, dass die östliche Algarve um Fuseta das herrlichste Azul hat, für das jede Beschreibung völlig unzureichend ist.
Dass sich Leander Lost bei Kollegin Teresa Fiadeiro bezüglich „Vaterschaft“ erkundigt, lässt Graciana bereits von Tante und Schwager von Leander träumen. Das war wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. Graciana hat dabei nicht mit der überlegten Klugheit ihrer Schwester Soraia gerechnet. Dank an den Autor, er bewahrt uns vorerst vor romantischen Liebesgeplänkel.
Asperger-Typen hören sich gerne reden und werden von ihren Mitmenschen oft „Klugscheißer“ oder „Besserwisser“ genannt. Auf die Aufforderung, ‚halt den Mund‘ antwortet ein Asperger, ‚ich kann ihn nicht halten, sie ist mir angewachsen.‘ An Demenz stirbt man nicht, man entrinnt der Wirklichkeit.
Gil Ribeiro, der Hamburger kennt und liebt die östliche Algarve, die Gegend und Lebensart der Portugiesen. Er ist ein Gourmet und bringt uns die kulinarischen Genüsse näher: Bica (portugiesische Espressovariation, Beba Isto Com Açúcar -'Trink dies mit Zucker', stark und bitter, mit Zucker bleibt der Löffel stecken, Moamba de Galinha - Hähnchen in Erdnusscreme, eigentlich aus Angola; die Speise ist sicher ein Tribut an Flores Yola. Sumo de laranja - simpler Orangensaft, almôndegas - in Hamburg sicher Bouletten, gambas da costa azeite de oliva a coentro - Garnelen von der Küste in Olivenöl mit Koriander, salsa e alho - Petersilie und Knoblauch, sopa da Pedra - eigentlich Steinsuppe, reichhaltige Suppe mit Fleisch, Würstchen, Bohnen, Kohl, Karotten und Kartoffeln, der Stein in der Mitte des Tellers wird für die nächste Zubereitung aufbehalten, Peixinhos da Horta - in Teig gebackene grüne Bohnen, sehen aus wie Sardinen, sind aber keine, chouriço assado - scharfe Paprikawurst über offenen Feuer gegrillt, linguado - Steinbutt oder Seezunge, Amèijoas - Herzmuscheln, Percebes - Entenmuscheln, gibt es wirklich, tarte de Limão - Zitronentarte, chouriço com couve galega - Knoblauchwurst mit Kohl, Suppe?.
Gil Ribeiro, der Hamburger zeigt große Empathie für den seinen comissário Leander Lost, den Hamburger Aspi. Mit dessen unglaublicher Logik und Unterstützung seiner Kolleginnen und Kollegen ‚fliegt‘ er zunächst durch eine falsche Tür, um schlussendlich doch richtig zu liegen. Am Ende wird es dann auch Leander bewusst, dass er ein Herz hat und auf dieses – unter außer Acht lassen all seiner Logik – hört. Aber vielleicht ist das eben seine Logik.
Seit dem ersten LOST IN FUSETA von Gil Ribeiro wissen wir, dass er die Algarve liebt, seine Protagonisten, die Lebensart der (Süd-)Portugiesen, die kulinarischen Genüsse und seinen Anti-Held Leander Lost. Die Führung eines Kommissariats fast wie ein Familienunternehmen mag zwar einer Wunschvorstellung entsprungen sein, aber wir lesen es gern. Und im Kern auch noch ein Kriminalfall, der nicht an Spannung zu wünschen übriglässt. Auf Überblickskarten und Detailausschnitten können wir die Wege unserer "Helden" verfolgen, Superservice. Fehlt noch ein kleines Portugallexikon. Auf zu LOST 3.
Spannung ohne/mit Ende
Vernichtung von Lagercrantz David
David Lagercrantz, der literarische „Nachlassverwalter“ von Stieg Larsson hat die Millennium-Reihe vollendet. „Verblendung” (2005), „Verdammnis” (2006), „Vergebung” (2007), „Verschwörung” (2015) und „Verfolgung” (2017) - und nun eben „VERNICHTUNG ”, der sechste und wie von Lagercrantz angekündigt letzte Teil der Millennium-Reihe.
Wer die vorgereihten Romane nicht gelesen hat muss den Plot und die Charaktere nehmen wie sie sind, nach dem banalen Motto: „Es ist, wie es ist.“ Insgesamt kann man der Erzählung gut folgen, wenngleich Lagercrantz seinen eigenen Stil kreiert. Warum nicht. Der Originaltitel übersetzt, „Sie, die sterben muss“, trifft den Plot entschieden besser. Die Cover- und Titelgestaltung ist den vorangegangenen Büchern geschuldet.
Zwei Stränge prägen Lagercrantz' VERNICHTUNG, der Schwesternkrieg von Lisbeth Salander und Camilla - mit Mikael Blomkvist und der Tod eines Sonderlings, der das Bindeglied zwischen den beiden Strängen bildet. Der Tod des „verrückten Zwerges“ (Nima Rita) stört niemanden, aber das was er an die Wand geheftet hat schon. Was stand dort?
Frederika Nyman, Rechtsmedizinerin hat ein Gefühl der Sinnlosigkeit. Mikael glaubt, dass das Leben noch nie so „beknackt“ war. Seuche „Burn Out?“
Auch der Leser verfolgt Lisbeth S. „katatonisch.“ Taktisch klug lässt Lagercrantz die Kapitel mit einem Spannungshöhepunkt enden.
Warum verschweigt Lagercrantz, ob sich Mikael und Catrin vor ihrem Spontansex die Kleider vom Leib gerissen haben und wie der Sex war? Stieg Larsson hätte es getan. Katze füttern und sich um Topfpflanzen kümmern und damit wollte Catrin ihre Eigenständigkeit beweisen – es lebe die moderne schwedische Gesellschaft. Zum Schreibstil: Nie sagte ein Professionalist, ‚ich schau mal auf dem Laufwerk nach.‘
Thomas Müller, pathologisch sadistischer Alptraum wird von Lisbeth einer „Korrektur“ unterzogen: Sein Hemd wird ihm am lebendigen Leib gebügelt. Schmerzhaft, aber befriedigend für Paulina, seine Frau.
Sehr erkenntniserweiternd für den Leser, dass bei der Befragung von Leuten, die Nima Rita gekannt/getroffen/begegnet waren immer neue Wort-/Satzfetzen in immer neuen Sprachen offenbart werden.
Immer mehr kristallisiert sich die Frage heraus, „was geschah bei der Mount-Everest-Expedition vor 10 Jahren?“ Johannes Forsell, Verteidigungsminister, Svante Lindberg, sein Stabschef und Nima Rita nahmen an der Expedition teil, bei der es zwei Tote gegeben hatte. Russischer Militär-Nachrichtendienst und russische Mafia, schwedischer Militär- und Inlandsgeheimdienst, Trollfabriken und ganze Armeen von Hackern liefern sich offene und geheime Gefechte. Spannungsgeladen bis zu Aufklärung des Mount-Everest-Dramas und dem tödlichen Showdown des Schwesternkrieges.
David Lagercrantz versteht sein literarisches Handwerk. Geschickt zerteilt er den Roman in sehr viel Puzzles, deren Zusammenfügen zu einem Gesamtbild ein spannungsgeladenes Lesen bis zu Ende garantieren und erfordern. Da nun die Millennium-Reihe vollendet ist warten wir auf einen neuen echten Lagercrantz.










