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Rezensionen von Manfred Fürst:
Krimi mit Hochspannung
Spätsommermord
Wäre Schonen nicht die Hochburg der rechtspopulistischen fremdenfeindlichen Schwedendemokraten (SD), könnte man fast versucht sein, seinen Urlaub in Südschweden zu verbringen.
Anna Vesper ist in ihrem neuen Domizil auf Tabor, einem ehemaligen Gebetshaus angekommen. Es herrscht eine besondere Spannung zwischen ihr und ihrer Tochter Agnes, dem RA Lasse und dem Verwalter Klein.
Das Haus gehört Elisabet Vidje, Mutter des vor 27 Jahren verunglückten Teenagers Simon Vidje. Sie will Aufklärung und instrumentalisiert dafür Anna Vesper. Anna, eine Mordermittlerin aus Stockholm kommt ins beschauliche südschwedische Nedanås als neue Polizeichefin. Die Leute haben keine Ahnung was für eine Frau in ihr Städtchen kommt, aber sie werden sich wundern und staunen. Anna kommt nicht ganz freiwillig in die Provinz, in Stockholm wird sie des Mordes an ihrem Ex-Mann Håkan beschuldigt, eine extrem psychische Belastung, und Håkan spuckt in ihrem Kopf.
Der Tod von Joe, der vor 27 Jahren beim tödlichen Unglück dabei war, wird zum Auslöser eines schmerzlichen Reinigungsprozesses für die Einwohner von Nedanås. Längst geht es nicht nur um die Auflösung des Todes von Simon. Anna bietet dem inneren Machtzirkel des ehemaligen Polizeichefs Morell die Stirn und geht als Siegerin hervor.
Besonders beeindruckend, wie Anna bei ihrer Befragung in Stockholm dem Staatsanwalt in Grund und Boden argumentiert und den alten schleimigen und korrupten Morell aus ihrer Polizeistation hinauskomplimentiert.
„Spätsommermord“, hinter diesem banalen Titel steckt ein komplexer Kriminalroman.
Der Krimi dreht sich auch um die Aufklärung von Verbrechen, aber im Vordergrund steht die Frage, wie Anna Vesper ihre privaten und beruflichen Probleme löst. Kein literarisches Highlight, doch ein Krimi mit Hochspannung und ein echter Pageturner. Es besteht die Gefahr des Durchlesens der letzten 300 Seiten.
„Pures Gold.“
Wenn Engel brennen von Tawni O'Dell
Ich-Erzählerin Dove (Taube oder Seife?) Carnahan (50 Jahre), Polizeichefin von Buchanan, Pennsylvania lebt in einer verschwefelten, nach faulen Eiern stinkenden Gegend, vom exzessiven Kohleabbau verursacht. Wie das Land, so die Leute, oder jeder verdient das Land, in dem er lebt.
Vor 35 Jahren: Dove (15), Schwester Neely (12) und Bruder Champ (9), alle drei die gleiche Mutter Cissy, aber drei verschiedene Väter, mit Großmutter – eine „glückliche“ Familie.
Mutter Cissy wird ermordet und Lucky kommt in den Knast. Nach 35 Jahren kommt Lucky frei und will sich an der Familie rächen, weil er unschuldig ist. Am Ende, man glaubt es kaum wer der wahre Täter ist. Folgende Frage stellte man sich besser nach dem Lesen – sicher Tawni O’Dells Absicht: Ab wann ist der Mensch bereit zu töten?
Neben dieser Familiengeschichte - eine Mordgeschichte: In einer dieser brennenden schwefelverseuchten Spalten wird die halbverkohlte Leiche von dem Mädchen Camio gefunden, dem Trulyclan zugehörig, einer Redneck-Unterschicht der schlimmsten Art.
Der Mord an Camio ist der Katalysator für Erinnerungen an dem Mord an Cissy, Doves Mutter. Neben der Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte läuft parallel eine minuziöse Milieustudie dieser amerikanischen Unterschicht. Mikrokosmos Familie Truly - Psychoterror nach innen und Hass gegen alle außerhalb des Clans. Camio hatte einen Freund Zane von der Oberschicht. Schnell ist für die Trulys der Schuldige gefunden.
State Trooper Nolan übernimmt mit Chief Carnahan die Ermittlungen. Nolan hat nicht nur Dove ausgebildet, er ist der Mann für alle Fälle und jede Gelegenheit, Dove lebt allein in einem großen Haus.
Neben der Aufklärung des Mordes an Camio bestimmen die privaten Verhältnisse von Dove, Neely und Champ mit Sohn Mason einen großen Teil des Krimis.
Chief Carnahan, eine Meisterin der Selbstironie und des trockenen Humors. Seit 35 Jahren trägt sie einen schweren Rucksack mit Schuldgefühlen mit sich und muss sich von Nolan den Vorwurf gefallen lassen, ob sie ein Cop oder ein geliebtes Kidergartentantchen sein möchte. Sie muss sich in einer männerdominierten Welt behaupten, doch O’Dell lässt sie dennoch mit ihrer „weiblichen“ Arbeitseinstellung als „Siegerin“ triumphieren.
Die Quintessenz des Krimis lässt sich rein metaphorisch deuten: „Wenn man im Hinterzimmer ein kleines Feuer bemerkt, sorgt man dafür, dass es sich nicht ausbreitet und das ganze Haus niederbrennt. Man macht es aus“ (s. S. 348).
Erzähl- und Schreibstil sind von hoher Qualität, sie bestätigen die Bestsellerautorin. Die Übersetzung enthält keine Stolpersteine, die Spannung hält bis zur letzten Seite.
Um diesen Krimi „Wenn Engel brennen“ von Tawni O’Dells meine Wertschätzung zu zeigen, bediene ich mich nur dieser zwei Worte des neunjährigen Mason: „Pures Gold.“
Mit unabdingbarer Spannung auf 448 Seiten und einer Auflösung der „alten Fälle.“
Wisting und der Tag der Vermissten von Tawni O'Dell
Wenn also in “Cold Cases” wieder ermittelt wird und ein ehemaliger KHK der norwegischen Polizei der Autor ist, dann kann nur ein authentischer Krimi entstehen. Ohne die für skandinavischen Krimis obligatorischen perversen Täter mit ihren malträtierten Opfern und sozialkritischen Anklagen, dafür aber mit unabdingbarer Spannung auf 448 Seiten und einer Auflösung der „alten Fälle.
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An einem 10. Oktober vor 24 Jahren verschwand Katharina Haugen. Damals fand die Polizei auf dem Küchentisch den „Katharina Code“, eine Ansammlung von Zahlen und Strichen, die über drei senkrechte Linien verteilt waren. „Katharina-Koden“ der norwegische Originaltitel. Kommissar William Wisting, ein Cold-Cases-Besessener will herausfinden was damals geschah. Deshalb hält er seit 24 Jahren an jedem 10. Oktober „Kontakt“ mit dem damaligen Hauptverdächtigen Martin Haugen, weil ihm sein Bauchgefühl sagt, dass es in diesem Vermisstenfall noch etwas zu entdecken gibt.
Ruhig und authentisch beschreibt J. L. Horst den Alltag Wistings, wie es nur ein ehemaliger Kommissar vermag – mit literarischer Begabung.
Der gewiefte Krimifan, ohne einem paranoiden Anfall zu erliegen, zweifelt die Echtheit des jungen EU-Kommissars Adrian Stiller der Cold-Case-Unit aus Oslo an, vermutet einen Einschleich-Polizisten, der unseren Wisting „hineinlegen“ will. Aber alles scheint echt zu sein. Stiller hat ein Indiz aus einem zweiten Vermisstenfall „Nadia Krogh“, zwei Jahre vor dem Entführungsfall Katharina Haugen, nämlich Fingerabdrücke von Martin Haugen auf dem Erpresserbrief.
Mit verdeckter Polizeiarbeit unter der Leitung von William Wisting und lancierter Pressarbeit unter der Leitung von Line Wisting will Stiller zum Erfolg kommen. Wisting zum Quadrat, ein genialer Schachzug von Stiller?
Auf 88 Kapiteln wird ein Spannungsbogen erzeugt, der vom Psychoduell Marin Haugen gegen William Wisting dominiert wird. Wie ein Bühnenstück mit zwei Hauptakteuren. Stiller und Hammer, ein Kollege von Wisting arbeiten im Hintergrund mit allerlei technischen Hilfsmittel, um auf dem „Laufenden“ zu bleiben. Haugen und Wisting befinden sich auf einer Bergtour, Wistings Handyakku ist leer, die Lage spitzt sich zu. Während Wisting „in sich ruht“ und beharrlich sein Ziel verfolgt ist Stiller das Gegenstück. Ungeduldig will er Haugen mit Psychoricks aus der Reserve locken.
Dieser „ruhige Plot“ gleicht einem minutiösen Tagebuch Wistings Ermittlungsarbeit mit familiären Anreicherungen durch seine Tochter, sein Enkelkind und seinen Sohn.
Keine Effekthascherei, eher ein Tatsachenbericht, genial umgesetzt von J. L. Horst. Zurecht ein vielfach ausgezeichneter Bestseller-Autor. Fortsetzung folgt.
Das Böse ist immer und überall, auch an dänemarks Mordseeküste
Kalter Strand von Anne Nordby
Scanpol, ist eine fiktive Sondereinheit von Europol mit Sitz in Hamburg mit deutschen, dänischen, schwedischen und norwegischen Mitarbeitern, zuständig für grenzüberschreitende Verbrechensbekämpfung. An der dänischen Atlantikküste wird eine toto Frau mit Würgemalen am Hals angespült. Kommissar Tom Skagen mit seiner Chefin Jette Vestergaard reisen zur Unterstützung der dänischen Kollegen nach Ringkøbind, DK.
Die notgeile Jette Vestergaard, vermeintliche Powerfrau mit Ehe-Hausmann, checkt ihre Kopulationschancen mit ihrem jüngeren dänischen Kollegen Mads Espersen. Wenn sie wüsste.
Anne Nørdby thematisiert die Opfer-Täter-Umkehr bei Vergewaltigungen. Carsberg ist eine Brauerei aus Kopenhagen, nicht zu verwechseln mit dem deutschen Karlsberg.
Die Kommissare ermitteln in zwei voneinander unabhängigen Fällen: Ein Stalker, der die Vergewaltigung filmt mit der toten Frau am Strand, und die zunächst von der Polizei unentdeckten perfiden Attacken gegen deutsche Urlauberfamilien in einer Ferienhaussiedlung.
Nachdem die Dänen die glücklichsten Menschen Europas sind, sollte für deutsche Familien mit Hunden, wie die Schneiders ein Ausflug an die dänische Nordseeküste ein erholsamer Aufenthalt werden. Ein unvergesslicher wird es allemal. Sollte – doch das Böse ist immer und überall. Stefanie, Markus Schneiders Frau wird entführt; um sie zu retten soll Markus gezwungen werden, ein Haus abzufackeln.
„Ein Mann, der sich das AUGE nennt, zwingt ausgewählte Menschen dazu, sich selbst oder andere umzubringen, damit ihre Familien unbeschadet bleiben. Es soll eine Art Experiment sein, das beweisen soll, dass der Mensch keinerlei Moral besitzt, wenn man ihm nur den richtigen Anreiz für unmoralische Handlungen bietet. Das Ganze betrachtet der Mann über Kameras, die er überall in den Ferienhäusern installiert hat“ (Seite 427).
„Verdammte Scheißausländer“ sagt das AUGE.
Auf den ersten 2/3 der knapp 500 Seiten dümpelt der Thriller dahin, ohne dass dem Leser ein Anhaltspunkt für den Täter ins AUGE springt, dafür die unappetitlichen Fernattacken der Psychopaten auf die Familien mit deren kaum auszuhaltenden psychischen Belastungen. Die Spannung lebt zumindest auf den letzten 100 Seiten.
Auffällig die Disharmonien in der dänischen Polizeistation und zwischen Jette und Tom, wobei Tom eindeutig den Sympathiepreis gewinnt. Tom, der vor 10 Jahren einen Piratenangriff auf sein Containerschiff überlebt hat und seit dem an einem PTBS leidet ist der cleverste aller Ermittler.
Vielleicht können wir bald mehr lesen von Kommissar Tom Skagen.
’Special Agent‘ Atlee Pine rettet die Welt
Ausgezählt von Anne Nordby
Allein die Informationen auf dem Buchumschlag außen und innen lassen auf uneingeschränktes Lesevergnügen schließen, auf einen Genussthriller oder auch Thrillergenuss.
Bereits das erste Kapitel mit der Beschreibung des härtesten Gefängnisses der USA, deren Insassen und der einzelgängerischen 36jährigen FBI-Agentin ’Special Agent‘ Atlee Pine lassen den Leser eine unerbittliche Wirklichkeit erahnen.
Sie ist auf der Suche nach Mercy, ihrer Zwillingsschwester, „Long Road To Mercy“ der englische Originaltitel. Atlee Pine glaubt, dass der Serienmörder Tor vor fast 30 Jahren ihre Schwester entführt und getötet hat.
Pine hat ein Tattoo „No Mercy“, klar ist, dass Mercy ihre Schwester gemeint ist, aber „no mercy“ heißt auch „Keine Gnade“ und könnte das Motto für Pine sein: Keine Gnade für den Entführer/Mörder ihrer Schwester und suchen bis sie ihn zur Strecke bringen kann.
Special Agent Pine sitzt in Arizona in einem EINMANN-Büro mit der Sekretärin Blum, ist für den Grand Canyon zuständig und wird deshalb zu einem aufgeschlitzten Maultier gerufen, den dazugehörigen Reiter/Mann kann die Polizei und Pine nicht finden. Der vermisste Mann war nicht der als den er sich ausgegeben hatte. Pins investigative Instinkte sind geweckt.
Nachdem Pines Auto mit zwei Männern an Bord von der Straße abgedrängt wurde, die beiden Männer von einem Army-Helikopter „abgeholt“ und Pine erst im Krankenhaus aufwacht startet sie ihre Recherche; doch die Unfallstelle wurde „aufgeräumt“. Pine wird in einen zweiwöchigen Urlaub geschickt, der Beginn ihres Roadtrips mit Blum in ihrem Ford Mustang an die Ostküste.
Von nun an befindet sich der Leser wie in einem langen schwarzen unbeleuchteten Tunnel, in dem nichts zu erkennen ist, außer kleinen Lichtpunkten, die sofort wieder erlöschen, doch wir tasten uns weiter (Leser sind neugierig). Russen, Koreaner, Chinesen und natürlich US-Amerikaner spielen mit im völlig undurchsichtige Politdrama. Einzig Pine ist die Fixgröße, die einer „riesige Verschwörung mit katastrophalen Schäden und globalen Konsequenzen“ auf der Spur ist. Ihrem Instinkt folgend traut sie niemandem.
Pine dachte an den Army-Hubschrauber, der in Arizona gelandet und wenige Minuten später mit den verletzten Priest-Brüdern an Bord weggeflogen war. Und an die beiden Russen in Ben Priests Haus. An die falschen Feds in Simon-Russells-Haus. Und schließlich an Sung Nam Chung, den Koreaner, der als Killer für wechselnde Auftraggeber tätig war. Falls tatsächlich jemand einen Staatsstreich plante, stellte sich die Frage, wer wann wo zuschlagen würde. Und für wen arbeitete Chung? (Seite 304)
Pine ist eine tödliche und Tod bringende Kampfmaschine für viele, die ihr gefährlich zu nahekommen. Sogar einem Muli wird der Bauch aufgeschlitzt.
Baldacci liebt als US-Amerikaner „seinen“ Grand Canyon voll Stolz. Die detaillierten Skizzen des Grand Canyons, der Seitencanyons, der Trails und der gesamten Infrastruktur, der Flora und Fauna bei Tag und Nacht sind sehr beeindruckend. Was könnte es spannenderes geben als in den Tiefen des Canyons bei Nacht auf unbekannten Pfaden allein zu durchforsten – auf der Suche nach der Atombombe – wissend, dass noch andere „dunkle“ Gestalten sich dort herumtreiben, von denen Atlee Pine nicht weis, ob sie Freunde oder Feinde sind.
Im finalen Showdown kann Pine die „Welt retten“, bekommt eine neue Büroeinrichtung was impliziert, dass sie ihren geliebten Job als Special Agent behalten kann – was sonst, kommt doch in Bälde „Atlee Pine #2.“
A chair is still a chair Even when there's no one sittin' there
Bugholz, vielschichtig - Thonet und das moderne Möbeldesign / Bentwood and Beyond - Thonet and Modern Furniture Design von Christoph Thun-Hohenstein; Sebastian Hackenschmidt; Wolfgang Thillmann
BUGHOLZ, VIELSCHICHTIG
Thonet und das moderne Möbeldesign
Mi, 18.12.2019–Mo, 13.04.2020
MAK – Museum für angewandte Kunst, Stubenring 5, 1010 Wien
Öffnungszeiten Museum: Di 10:00–21:00 Uhr, Mi–So 10:00–18:00 Uhr
Mo geschlossen
Anlässlich des 200-Jahr-Jubiläums des Unternehmens Thonet präsentiert das MAK eine große Ausstellung zu den Möbeln der Moderne, in der die charakteristischen Bugholzmöbel des weltbekannten Unternehmens in den Kontext zeitgenössischer technologischer, typologischer, ästhetischer und historischer Entwicklungen gestellt werden.
Die Bugholzsessel von Thonet werden dabei mit Stühlen aus Stahlrohr und Plastik ebenso konfrontiert wie mit klassischen Bürostühlen oder avantgardistischen Möbelexperimenten.
1842 zog der deutsche Tischler Michael Thonet nach Wien, um hier die von ihm entwickelten Bugholzmöbel zu perfektionieren und das größte Möbelimperium des 19. Jahrhunderts zu begründen. Mit dem ab 1859 produzierten Sessel Nr. 14 schuf die Firma Thonet nicht nur eines der bis heute meistverkaufte Möbelstücke der Welt, sondern auch einen unbestrittenen Klassiker des Designs. Die Ausstellung im MAK zeigt die zentrale Bedeutung der Firma Thonet für das Möbeldesign der Moderne und erzählt neben der Geschichte des Unternehmens auch die Entwicklungsschritte der Bugholz-Technologie von der handwerklichen Fertigung zur industriellen Serienproduktion.
Das MAK verwahrt eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen an Bugholzmöbeln, die in der Ausstellung durch hervorragende internationale Leihgaben ergänzt werden. Die rund 240 Exponate werden dabei jeweils zu Vergleichen gruppiert, in denen sich mehrere Objekte gegenüberstehen. So werden nicht nur materialtechnologische Entwicklungsschritte, sondern auch typologische Parallelen und ikonografische Affinitäten sichtbar.
Die typische Ästhetik und die perfekte Form der Thonet-Möbel hat immer wieder auch als Inspirationsquelle für zeitgenössische KünstlerInnen gedient – in der Ausstellung sind etwa Werke von Birgit Jürgenssen, Bruno Gironcoli, Ineke Hans, Rolf Sachs, Uta Belina Waeger und Markus Wilfling zu sehen, die sich aus künstlerischer Perspektive mit den Bugholzmöbeln auseinandersetzen.
„Ich haben fertig.“ Ciao bella Gina
Gedenke mein von Inge Löhnig
Vor 6 Monaten habe ich UNBARMHERZIG von Inge Löhnig zufällig in die Hände bekommen und war begeistert. In dieser Hochstimmung begann ich nun, ihren Krimi-Vorgänger GEDENKE MEIN zu lesen. Meine Stimmung drehte sich bereits während des Lesens extrem ins Gegenteil.
Inge Löhnig findet in Gina Angelucci, Spezialistin für Cold Cases bei der Münchner Kripo ihre Projektionsfläche für eine frustrierte Polizeibeamtin in einer Männerwelt.
Anscheinend sind alle Männer um sie herum entweder total blöd oder inkompetent und schätzen ihre beruflichen Erfolge nicht in dem von ihr erwarteten Ausmaß. Genüsslich wird das Klischee von der Leberkässemmel auf dem Schreibtisch und dem Kripokollegen, mit dem vor sich hertragengenden Bierbauch bedient. Aber natürlich gibt es eine Ausnahme, den Tino, ihren Lover, der für Nachwuchs sogt, sie unentwegt küsst und ihr Bäuchlein streichelt. Auch er ist bei der Kripo, kurze Wege für die Verliebten, wie praktisch in dieser hektischen Welt in München. Tino, ein Anhänger der Pränataldiagnostik, als hätte er etwas geahnt. Hochzeit in Venedig, aber nicht in einer Suite, sondern in einer kleinen Klitsche, wie süß. Lässt man den Entführungsfall weg, „Gedenke Mein“ von Inge Löhnig wäre eine ideale Vorlage für eine Liebesschmonzette à la Rosamunde Pilcher oder Katie Fforde. Gina Angelucci hält sich bei der Kripo für unentbehrlich und unersetzbar, dass sie es nicht für notwendig erachtet, der gesetzlichen Meldepflicht der Schwangerschaft an ihren Dienstgeber nachzukommen.
Vor zehn Jahren wurde ein 7jähriges Mädchen entführt. Ihre Mutter hat sofort den Vater als Schuldigen ausgemacht, der hat - so scheint es - Selbstmord begangen, das Mädchen bleibt verschwunden. Gina Angelucci beginnt zu ermitteln. Nach der Hälfte des Romans wird ein Verdächtiger angedeutet. 150 Seiten vor dem Ende kann er nicht die richtige Fährte sein. Dieser verurteilte Pädophile – wie sich später herausstellt weder pädophil, noch zu Recht verurteilt - war nicht der Täter. Die Suche nach dem Täter (Ginas Fall) und der Tod eines jungen Mädchens und dessen totes Kind (Tinos Fall) ergeben zusammen gesehen eine neue Spur. Nochmals – wie praktisch.
Bei aller Kritik – eines muss man Inge Löhnig zu Gute halten – gegen Ende des Krimis hält sie die Spannung hoch und bannt den Leser. Wir merken uns, dass ein vermeintlich Pädophiler solange unschuldig ist, bis seine Schuld „zweifelsfrei“ nachgewiesen wird.
Letzten Endes habe ich mit den zwei Büchern Gina Angelucci 1 und 2 die Autorin Inge Löhnig „abgehackt.“
In München sagte man in Anlehnung an Giovanni Trapattoni den Extrainer der Bayern: „Ich haben fertig.“ Ciao bella Gina.
Rasant, ein Hochgeschwindigkeits-Actionthriller
Parceval - Seine Jagd beginnt von Chris Landow
Was hat ein abgewrackter Knacki und cooler Ex-Bulle wie Ralf Parceval zu fürchten? Muss er doch nur warten bis Chris Landow ihn aus dem Knast holt, um damit die neue Thriller-Serie PARCEVAL zu beginnen.
Ralf Parcevals trockener Humor ist sein größter Selbstschutz gegen alle tödlichen und mörderischen Erinnerungen an seinen Polizeieinsatz im afghanischen Kunduz.
Es kann sich ja nicht sein, dass sich ein „normaler“ Krimi entwickelt; mit einem quasi „entsprungenen“ Ex-Bullen-Knacki ergibt sich eine völlig neue Situation für den Plot. Rasant, ein Hochgeschwindigkeits-Actionthriller, die cineastische Umsetzung muss kommen (wie JOHN WICK). Die Jagd hat vor über 6 Jahren begonnen, mit der Suche nach seiner Schwester, seinem Schwager und Nichte in Pakistan und den 15 getöteten Pakistani, für die er verurteilt wurde. Jetzt wird er als „Verhörungsspezialist“ aus dem Gefängnis geholt: Der Fahrer von dem deutsch -pakistanischen Unternehmerehepaar Durrani sitzt einbetoniert in seinem BMW und deren Tochter ist verschwunden. Während sich Kripo und Staatsanwaltschaft um den inhaftierten Entführer „reißen“, um mittels eines Deals an die Hintermänner der „Entführung“ zu kommen, lässt sich Parceval mit Hilfe von Ksenia nicht von seiner Suche abbringen. Die Durranis sind Menschenhändler, in Pakistan aktiv und hatten Parceval damals in eine Falle gelockt. In einem irrsinnigen Feuergefecht dringt er in die Zentrale der Durranis vor, erlangt Gewissheit, dass sie ihn damals in die Falle gelockt hatten. Nur durch ein beherztes Eingreifen der neuen Kriminaldirektorin Sabine Conrad wird Parceval aus einer kritischen Situation gerettet, ist frei und kann seine Jagd fortsetzen.
Landow hat seinen Helden nicht von ungefähr „Parceval“ genannt, den unerschrockenen Ritter der Tafelrunde (der den Gral sucht, Versroman „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach, altfranzösisch Perceval).
Seite 155 beschreibt das Dilemma Parcevals: „Er was aus dem Gefängnis entkommen, aber lebenslänglich war ihm geblieben – nämlich die lebenslängliche Flucht vor dem Gesetz.“
Der Thriller ist in 75 kleine Happen gegliedert, wobei der Appetit auf den nächsten nicht nachlässt. Beste Werbung, um den literarischen Weg Parcevals weiter zu verfolgen.
Warnung: Es besteht die Gefahr, dass Sie den Thriller erst nach dem Lesen der letzten von 397 Seiten weglegen können.
Eva rotzig trotzig frech und irr
Vater unser von Angela Lehner
Die 32jährige österreichische Autorin Angela Lehner hat sich für ihr Erstlingswerk "Vater unser" von ihrem Verlag? zu einem Aufmerksamkeit erregenden Buchumschlag überreden lassen? Verdient der Inhalt ebenfalls Aufmerksamkeit? Mal Lesen.
Die drei Roman-Teile sind mit „Der Vater“, „Der Sohn“, und „Der Heilige Geist“ betitelt und wenn ich das kritisch beurteile, so bedient sich Angela Lehner gotteslästerlich und provokativ der „Dreieinigkeit“ der christlichen Theologie.
Die psychiatrische Patientin Eva Gruber, die von der Polizei ins Wiener Otto-Wagner-Spital, vulgo Steinhof, eingeliefert wird - warum, wird nie klar -, wo ihr magersüchtiger jüngerer Bruder Bernhard einsitzt, nur in einem anderen Pavillon. Vielleicht hat sie sich freiwillig einliefern lassen, nur um mit ihrem Bruder die „versaute“ Kindheit aufzuarbeiten. In den Therapiesitzungen mit Dr. Korb, mit dem Pflegepersonal und den Mitinsassen gibt sich Eva rotzig, frech und trotzig „Irrenanstalt als Naherholungsgebiet;“ es ist ihr persönlicher Schutzpanzer, einer irren und zu tiefst gestörten Persönlichkeit.
Im dritten Teil brechen Eva und Bernhard aus der Irrenanstalt aus bleiben dem Grundmotiv „irr“ treu: Es folgt ein irres Roadmovie „on the road again back home.“
Kein Buch zum schnell drüberlesen oder zum Wohlfühlen. Ganz im Gegenteil. Wer sich mit diesem Roman ernsthaft beschäftigen will ist beim Lesen gefordert. Ist es so gemeint wie es dasteht, oder genau umgekehrt und drittens, was lesen wir zwischen den Zeilen. Sonst ist der Leser überfordert. Man kann das 284-seitige "Vater unser" allerdings schnell auch ein zweites Mal lesen.
Absolutes Leseerlebnis
Alles, was heilig ist von Dennis Lehane
Vor 22 Jahre erschien das englische Original „Sacred“ von Dennis Lehane. Heute in der deutschen Fassung „Alles, was heilig ist“ - zwischenzeitlich „In tiefer Trauer“ - ein Klassiker der Thriller Literatur. Plot, Erzähl-, Schreibstil und die Übersetzung von Peter Torberg machen „Alles, was heilig ist“ zu einem herausragenden Roman und einem absoluten Leseerlebnis.
Beim Lesen der Einführungsszene hat man „Monty Python“ im Kopf mit einer Leihgabe „Lurch“ aus der „Adams Familiy“ – very britisch.
Patrick Kenzie und Angela „Angie“ Gennaro von der Detektei Kenzie & Gennaro werden von Trevor Stone, einem totkranken Despoten? engagiert, seine Tochter Desiree zu finden (tot oder lebendig). Jay Becker, Patrick’s Mentor von der Detektei Hamlyn & King, ebenfalls auf der Suche nach Desiree ist verschwunden. Kurzer Abriss der kriminellen Vorfeldorganisation „Grief Release“ (n. engl. Original) – Trauer & Trost (Teil 1) der sektiererischen „Churche of Thruth and Revelation“ (n. engl. Original) – Kirche der Wahrheit und Offenbarung.
Vom unwirklichen Boston nach dem schwülwarmen Tampa. Die Problematik dieser Suche charakterisiert niemand besser als Angie „Ober ist unten, schwarz ist weiß, Norden ist Süden“, „Nichts ist, wie es ist“ und „Das ist alles so verwirrend.“ Die schöne Desiree ein braves oder ein böses Mädchen? Es ist Lehane‘s Passion, den Leser ins Grübeln kommen zu lassen. Obwohl es an Toten nicht mangelt, prägen Wortwitz und Lässigkeit von Patrick Kenzie und Angela „Angie“ Gennaro den Charakter des Romans.
Der finale Showdown mag für Drehbuchschreiber Dennis Lehane und seine zwei Helden bis ins Letzte geplant worden sein, ist jedoch ein phantastischer.











