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Rezensionen von yellowdog:
Clash of cultures
Hundert Wörter für Schnee von Franzobel
Hundert Wörter für Schnee ist kein konventioneller historischer Roman, obwohl Franzobel Ereignisse 1893 bei einer Expedition nach Grönland erzählt. Er benutzt einen modernen Erzählstil und findet schnell einen Ton für den Roman, der auch einiges mit dem Figuren zu tun hat. Hauptfigur ist Robert E.
Peary, ein Egozentriker, der zusammen mit seiner Frau Josephine eine Reise nach Grönland macht und dort die Inughuit trifft. Da ist Minik eine zentrale Figur, der ab seiner Geburt gezeigt wird und später Peary auf die Rückreise in die USA begleitet. Für beide Seiten wird es ein Clash of cultures und Franzobel arbeitet das sehr feinfühlig und mit einer Portion Ironie heraus.
Minik wird nachdem er Grönland als Junge verlassen musste, sich stets als Heimatloser fühlen.
Peary ist kein Sympathieträger, aber doch so eine interessante Figur, dass er den Roman tragen kann.
Franzobel findet viele Details, die er in die Handlung einbringt. Dennoch hat man als Leser nie das Gefühl, dass es überfrachtet wird. Das Buch macht wirklich Spaß!
Bauernleben
Aus gleichem Holz von Marion Fayolle
Vom gleichen Holz ist ein poetischer Text über das traditionelle Bauernleben.
Die Autorin beschreibt, was sie kennt. Sie entstammt einer Bauernfamilie.
Obwohl es eine junge Autorin ist, wird der Text stellenweise konservativ, zum Beispiel darin, dass allen Mitgliedern der Bauernfamilie ihre Rollen zugewiesen werden und dass das Unausweichliche daran zu wenig in Frage gestellt wird.
Das zeigt sich auch daran, dass die Figuren keine Namen haben, Außer Opa, Omama, Schwager etc. Das ist doch ziemlich unpersönlich.
Nur die halb große Kleine ist da in ihrer Eigenwilligkeit anders. Sie belebt den Text.
Und als sie größer wird und selbst ein Kind bekommt, zählen die Werte der Familie. Die Passagen zwischen ihr und dem kleinen Sohn gehören zu den schönsten im Buch.
Der Text hat sprachliche Qualität, ohne dabei darauf zu verzichten, das Landleben ein Stück weit unnötig zu verherrlichen. Sie zeigt aber auch deutlich das Verschwinden des Bauernhofs mit allem, was das Leben ausmachte, da der Hof unwirtschaftlich wurde. Da ist die Autorin realistisch und konsequent.
Szenario
Wenn Russland gewinnt von Carlo Masala
Carlo Masala ist als Militärexperte schon lange bekannt durch Auftritte in Polittalkshows und durch einige Sachbücher. In seinem neuen Buch entwirft er ein Szenario über den Weltverlauf bei Sieg Russlands.
Er sieht einige Jahre voraus, z.B. bis 2028 und prognostiziert, wie sich die Beteiligten, also auch USA und vor allen Europa verhalten könnten.
Das ist hypothetisch, aber nicht gerade unmöglich.
Er geht ziemlich ins Detail, sehr glaubwürdig, aber für den Laien ist es nicht immer ganz einfach zu folgen. Ich war streckenweise auch irritiert. Es ist ein schmales Buch. Abgeholt hat mich Masala dann doch noch am Schluß mit den abschließenden Fazit im Nachwort. Dort diskutiert er auch noch mal Möglichkeiten, was passieren muss, um noch das Schlimmste abzuwenden.
Eine Reise von Moskau nach Berlin
Eisiges Schweigen flussabwärts von Michael Thumann
Michael Thumann ist außenpolitischer Korrespondent der Wochenzeitung DIE ZEIT. Er kennt Russland sehr gut und berichtet in diesem Buch von seinen Eindrücken in dem Land.
Deutschland ist in Russland als unfreundliches Land eingestuft und deutsche Journalisten werden auch gelegentlich schikaniert. Das beginnt schon bei den Grenzübergängen.
1999 hatte Michael Thumann Putin noch persönlich interviewen können. Heutzutage ist das nicht mehr möglich. Deutsche Journalisten bekommen keine Interviews.
Thumann versucht manchen Hindernissen in Moskau entgehen, indem er oft unerkannt mit dem Fahrrad unterwegs ist.
Dann gibt es auch mal einen Rückblick in Thumann erste Reise nach Moskau.
Zurück in der Gegenwart ist das Bild alles andere als optimistisch.
Es ist ein packendes, erzählerisches Sachbuch, wie ich es schätze.
Großma
sterben üben von Katharina Feist-Merhaut
In Sterben üben schreibt die Schriftstellerin Katharina Feist-Merhaut über Ihre Großmutter, mit der sie fast täglich telefoniert und sie oft besucht.
Die Großmutter ist alt und krank, aber weiterhin eine lebensfrohe Frau, die sich viel in Schmäh ausdrückt.
Die Autorin notiert deren Sätze und reflektiert darüber.
Manchmal zieht sie Vergleiche zu Helene Cixous, die viel über ihre alte Mutter geschrieben hat.
Es gibt öfter literarische Verweise: Anne Carson, Friederike Mayröcker, Ernst Jandl, Martina Hefter, Roland Barthes, Beckett, Canetti.
Ich habe viel übrig für literarische Zitate, aber das ist auch Geschmackssache.
Es ist ein Buch mit wenig Text, aber was dasteht, ist gut durchdacht
Ein intensives Buch
Oh Sunny von Ta-Som Helena Yun
Ein Roman um Sunny, ein Mädchen in Bremen mit koreanischen Wurzeln.
Sunny spürt schnell, dass sie anders ist als die anderen. Anlehnen kann sie sich an die ältere Freundin Ha, die zeitweise bei ihren Eltern wohnte. Doch auch die verschlossene Ha hat so ihre Probleme.
Es gibt viele Konflikte zwischen ihr und den Eltern.
Auch mit Mitte 20 wird sie von ihnen noch wie ein Kind behandelt.
Dann gibt es einen Vorfall und Sunny bricht aus. Sie schneidet sich die langen Haare ab und reist nach Berlin zu Ha, die dort einen koreanischen Kulturverein leitet.
Dort beschäftigt sie sich auch mit typisch koreanischen Themen der Geschichte, z.B. dem Leid der Trostfrauen im zweiten Weltkrieg, Kriegsgewalt gegen Frauen, das Massaker in Gwangju 1980 etc.
Auch weil in erster Person erzählt wird, liest man hier eindringlich über die Suche einer jungen Frau nach dem richtigen Weg für sich.
Mit Ta-Som Helena Yun kann man hier eine weitere neue deutsche Autorin entdecken, die sich zu lesen lohnt.
Mimikry
Schweben von Amira Ben Saoud
Schweben ist der bei Zsolnay erschienene Debütroman der österreichischen Schriftstellerin Amira Ben Souad
Ein ungewöhnlicher Roman. Im ersten Moment schwer fassbar.
Das liegt auch daran, dass die Autorin einfallsreich ist und viele gediegene Ideen einfließen lässt.
Es ist eine andere Welt. Die Protagonistin hat einen ungewöhnlichen Beruf, oder soll man sagen Berufung, immer wieder in andere Rollen zu schlüpfen.
Sie nimmt die Rollen von Frauen ein, für Partner, die jeweils diese Beziehung nicht überwunden haben. Sie kann Aussehen, Mimik und Gestik imitieren. Dabei verliert sie selbst an Erinnerungen. Es wird ein Spiel mit Identitäten.
Für ihren aktuellen Auftrag wird sie für den Mann Gil dessen Emma.
Der Roman ist nicht direkt psychologisierend, weswegen man die Figuren manchmal nicht so ganz versteht.
Es ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss. Dann kann es faszinierend sein.
Ein litaneihafter Text
Die letzte Favoritin von Klaus Bädekerl
Ein Mann erzählt sein Leben von Kindheit an. Es wird ein Leben getrieben von Lust.
Die eine Erzählstimme wird konsequent durchgehalten. Das bestimmt das Buch. Der Text ist streckenweise unangenehm derb, aber auch mit Humor.
Klaus Bädekerl schafft es, mit seinem Text einen Sog zu erzeugen.
Ein Song, ein Roman
Walzer für Niemand von Sophie Hunger
Die bekannte Musikerin Sophie Hunger hat einen Roman geschrieben, der auf einen ihrer Songs basiert. Das Buch hat viel mit ihr selbst zu tun und natürlich auch viel mit Musik.
Die Erzählerin spricht innerlich ihren Jugendfreund an, mit dem sie aufgewachsen ist und den sie immer nur Niemand nennt, der ihr aber inzwischen abhandengekommen ist.
Der Roman wird dadurch auch von einer Spur Trauer durchzogen.
Sie haben gemeinsam, dass sie Kinder von Diplomaten sind und daher viel umziehen mussten. Daher hatten sie meist nur sich selbst und ihre gemeinsamen Interessen an anspruchsvoller Kultur, insbesondere Musik.
Manchmal konnte man sogar annehmen, dass Niemand nicht real ist, sondern ein eingebildeter Freund.
Sophie Hunger setzt ein Leitmotiv ein, die Walserinnen, ein Schweizer Bergvolk im hochalpinen Raum. Zwischen den einzelnen Kapiteln sind daher immer Passagen mit diesen Walserinnen eingebunden. Vielleicht hätte es das nicht unbedingt gebraucht, doch es gibt dem Buch eine Struktur.
Carla Seidel, Polizeistation Dannenberg
Der Wolf im dunklen Wald von Sia Piontek
Sia Piontek ist eine Autorin, die im Krimigenre zur Zeit angesagt ist und das liegt an ihrem guten Schreibstil und einer gelungenen Hauptfigur.
Carla Seidel. Sie ermittelt in einem Mordfall. Jemand wurde im Wald ermordet.
Eine große Rolle spielt Lana, ihre hochsensible, jugendliche Tochter, die in Fabian verliebt ist.
Und Fabian könnte Zeuge im Wald in der Mordnacht sein.
Das Privatleben Carlas nimmt genauso viel Raum ein, wie der Fall. Ihr Ex-Mann Sören war gewalttätig und sie hatte früher getrunken. Ihr Alkoholproblem ist latent noch da. Lana steht zwischen den Stühlen.
Es ist geschickt gemacht, wie die Perspektiven in den Kapiteln wechseln. Mal Carla, mal Lana, wobei deren Abschnitte meist kürzer sind.
Die Zerrissenheit der Figuren macht sie so interessant. Sia Piontek hat ein Talent für psychologisch dramatische Szenen.
Der Wolf im dunklen Wald ist der zweite Teil der Reihe. Einen dritten wird es vermutlich auch noch geben.











