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Rezensionen von HEYN Leserunde Miriam Brandl:

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Der Schein trügt!

Ein ungezähmtes Tier von Joël Dicker

Joel Dicker kann einfach Geschichten erzählen!
Sein Stil hat sich bewährt: auch in diesem Roman/Thriller/Krimi wird durch den gekonnten Wechsel zwischen verschiedenen Zeitebenen Spannung aufgebaut.
Interessante Charaktere, Geheimnisse aus der Vergangenheit, Intrigen, Betrug, kriminelle Machenschaften und Lügen, Lügen, Lügen.

.. so nach und nach kommt vieles ans Tageslicht. Jedes Mal, wenn die Leserin glaubt auf der richtigen Spur zu sein, kommt die nächste überraschende Wendung daher.
Und am Ende ist dann trotzdem alles wieder ganz anders...

Der Autor versteht es, gut zu unterhalten – und das ist, meiner Meinung nach, eine zu Unrecht völlig unterschätzte Kunst!

Lesenswert!

PS. So lesenswert, dass ich ihm mittlerweile sein unsägliches „Zimmer irgendwas“ verzeihen konnte ;-)

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Der Schein trügt!
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Literatur als Möglichkeiten-Raum

Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne von Sasa Stanisic

12 Geschichten – kein Roman, aber trotzdem sollten diese Geschichten der Reihe nach gelesen werden, denn sie sind subtil miteinander verbunden. Sei es durch die Figuren oder aber durch den zeitlichen Ablauf.

Die verschiedenen Episoden befassen sich unter anderem mit Themen wie Migration, Herkunft, Identität, Freundschaft, Zukunft aber auch Lebensvarianten.

Themen, die nicht nur auf den ersten Blick komplex sind.
Aber die Sprache in jeder einzelnen Geschichte ist unheimlich lässig, fast schon spielerisch. Mit viel Witz und durchaus literarischem Mut werden Seitenhiebe verteilt und Anspielungen versteckt – großartig!

Wirklich gut zu lesen – abwechslungsreich, spannend, zum Nachdenken anregend und dabei immer überaus menschlich!
Ein Buch, das mich begeistern und amüsieren konnte, so dass ich all jene, die es noch nicht kennen, ein klein wenig beneide!
Viel Spaß beim Lesen – es zahlt sich aus!

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Literatur als Möglichkeiten-Raum
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"Ich war dort, wo man mich hingepflanzt hat, wie ein Ziergewächs in einem Topf. Jetzt bin ich hier und wuchere"

Wild wuchern von Katharina Köller

Ein Zitat, das das Buch sehr gut beschreibt!
Im Mittelpunkt stehen zwei grundsätzlich verschiedener Frauen. Maria, die immer allen alles recht machen will und Johanna, die in den Tiroler Bergen ein zurückgezogenes Einsiedlerleben führt.
Ihr Aufeinandertreffen entzieht sich allen gesellschaftlichen Normen und Höflichkeiten, ermöglicht aber Selbsterkenntnisse und Freiheiten.

Die Autorin erzählt sprachlich großartig und psychologisch interessant vom oft wortkargen und nicht immer friktionsfreien Einander-Wiederfinden der beiden. Denn in diesem erzwungenen Zusammenleben kommen Traumata aus der gemeinsamen Kinder- und Jugendzeit wieder an die Oberfläche. Die Konfrontation mit der anderen, wird zur Konfrontation mit sich selbst.
„Das hab ich auch nicht gewußt, dass es einfacher ist, sich jemanden in den Weg zu stellen, als selbst abzuhauen“
In diesem Zusammenhang finde ich die Fähigkeit der Autorin bemerkenswert, das Innenleben der Protagonistinnen durch bildhafte Natur- und Wetterbeschreibungen noch intensiver darzustellen. Poetisch, gesellschaftskritisch, außergewöhnliche Sprache – der Roman hat Sogwirkung.

Warum schwanke ich dann zwischen 3 und 4 Sternen in meiner Bewertung?
So faszinierend die Sprache ist (und ich freue mich schon auf weitere Bücher dieser Autorin) und so interessant auch die psychologische Darstellung sein mag, inhaltlich verläuft sich der Roman in einem märchen- oder fiebertraumhaftem Nichts.
So hat mir das Lesen zwar sehr gut gefallen... aber es war im Endeffekt war es seltsamerweise nicht zufriedenstellend.

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"Ich war dort, wo man mich hingepflanzt hat, wie ein Ziergewächs in einem Topf. Jetzt bin ich hier und wuchere"
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Wenn die Gegenwart die Vergangenheit verändert....

Das Vorkommnis von Julia Schoch

Wir haben übrigens denselben Vater...
Ein kleiner Satz, der alles verändert. Denn er führt zu einer ganz persönlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die Ich-Erzählerin muss sich den „Geistern ihrer Vergangenheit“ stellen: Erinnerungen und Gewissheiten über familiäre Normalitäten, Geheimnisse, Traumata und Lügen.

Ein schmerzhafter Prozess!

Was bedeutet das Auftauchen einer Halbschwester für die Ich-Erzählerin, ihre Schwester, ihre Mutter, den Vater... dem Narrativ „Familie“? Im Endeffekt bleibt es offen, was tatsächlich Realität ist und was Fiktion, weil ja jede Erinnerung nicht mehr und nicht weniger ist, als die ganz persönliche Interpretation von "Wahrheit"

Eine außergewöhnliche Situation, die von der Autorin Julia Schoch psychologisch interessant und sprachlich bemerkenswert schön geschildert wird.
Dieser erste Teil einer Trilogie („Biographie einer Frau“) ist wirklich gelungen und ein Versprechen für die Folgenden!

Lesenswert!

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Wenn die Gegenwart die Vergangenheit verändert....
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„Das Leben ist nur der kurze Sieg über das Unausweichliche.“ T.C. Boyle

I walk between the Raindrops. Storys von T. C. Boyle

13 Kurzgeschichten, die wieder einmal die literarische Meisterschaft von T.C. Boyle beweisen: im Leben von völlig gewöhnlichen Menschen passiert plötzlich Außergewöhnliches. Ob es jetzt der Amoklauf eines Studienkollegen ist , eine Massenpsychose oder eine Umweltkatastrophe – der Alltag implodiert und lässt den einzelnen Menschen (und die Leserin) machtlos staunend zurück.

In einem Interview meinte Boyle: „Das Hauptanliegen meiner gesamten Karriere ist immer unsere Beziehung zu unserem Planeten gewesen, der unsere Art erhält, während wir ihn langsam zerstören“.
Der Autor begnügt sich also nicht mit einfachem Erzählen, es ist immer ein schonungslos kritischer Blick auf die Entwicklungen der Gegenwart. Er erfasst dabei auch die menschlichen Widersprüchlichkeiten und Absurditäten – glücklicherweise ohne dabei den Moralapostel zu spielen. Aber er ist kein Großmeister der Samthandschuhe, er hält den Leserinnen einen Spiegel vor.

Seine Sprache ist gewohnt mitreißend, phantasievoll und klug. Übrigens brillant übertragen von Dirk van Gunsteren und Annette Grube.
T.C. Boyle bemüht sich auch nicht zu sehr um political correctness , erzählt pointiert und gelassen von den tragisch-komischen Aspekten des Alltäglichen. Er ist ein Autor, der die hohe Kunst des subtilen, schwarzen Humors wirklich beherrscht.

Wie immer: T.C. Boyles Bücher sind lesenswert!

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„Das Leben ist nur der kurze Sieg über das Unausweichliche.“ T.C. Boyle
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Wer morgen auf dem Seziertisch liegt, lebt heute noch....

Über Leben und Tod von Florian Klenk


Sachbuch? Biographie? Anekdoten? Ganz klar einordenbar ist dieses Buch nicht – von allem a bißl was. Glücklicherweise!

Denn so erfährt die Leserin viel über die Geschichte der Rechtsmedizin, über spektakuläre Fälle oder allgemein über Historisches (Angst vor Vampiren? Warum? Und wie war das noch mit Beethovens Schädel?).

Auch aktuelle Themen und Hintergrundinformationen aus der Gerichtsmedizin kommen nicht zu kurz.

Mit Florian Klenk und Christian Reiter haben sich zwei kongeniale Geschichtenerzähler gefunden,
die ihr breitgefächertes Wissen intelligent, manchmal sehr amüsant, aber immer pointiert vermitteln können. Das haben sie auch schon in ihrem Podcast – „Klenk + Reiter“ - eindrucksvoll bewiesen. Großartige Unterhaltung!

Schaurigschöne, humorvolle und vor allem informative Lesestunden sind garantiert!

Das Negative an diesem Buch?
Es ist viel zu kurz;-)

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 Wer morgen auf dem Seziertisch liegt, lebt heute noch....
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Spannend, tragisch... einfach großartig!

Dunkles Wasser von Charlotte Link

Ich gebe es ja zu: Charlotte Link gehört nicht zu meinen bevorzugten Autorinnen. Ich habe irgendwann einmal ein Buch von ihr gelesen und war enttäuscht. Jedenfalls wollte ich nie wieder irgendetwas von ihr lesen (es gibt schließlich genug wirklich gute Autoren, oder?)
Dass ich doch noch mal ein Buch von ihr zur Hand genommen habe, liegt an einer dringenden Empfehlung (Herzlichen Dank, liebe Almuth!)

„Dunkles Wasser“ habe ich begonnen.

.. und konnte es nicht mehr aus der Hand legen.
Es ist ein äußerst gelungener Thriller. Spannende Geschichte, wo Ereignisse aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart wirken, gut konstruiert und mitreißend erzählt. Überraschende Wendungen und keine unlogischen Brüche in der Handlung. Dazu kommen Protagonisten, die man ins Herz schließen kann (auch wenn Kate sich etwas zu sehr in ihrem Mauerblümchendasein gefällt), aber auf alle Fälle sind es Menschen mit Ecken und Kanten, mit vielen Fehlern, aber auch mit Hoffnungen und Wünschen. Es menschelt ganz arg. Man fiebert mit ihnen, man freut sich mit ihnen und man leidet mit ihnen.

Alles zusammen ergibt außergewöhnlich spannende Lesestunden!

PS. In der Zwischenzeit habe ich übrigens die ersten 4 Kate-Linville-Romane auch gelesen... und bin nach wie vor begeistert. Das sagt doch schon alles, oder?

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Spannend, tragisch... einfach großartig!
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Genau so, wie es immer war.... muss es deshalb so bleiben?

Genau so, wie es immer war von Claire Lombardo

Ein locker lesbarer Roman, der aber gleichzeitig eine komplexe Auseinandersetzung mit den alltäglichen Herausforderungen des Frau- und/oder Mutterseins ist.
Im Mittelpunkt steht Julia, die als Ich-Erzählerin tiefe Einblicke in ihre Gedanken, in ihre ganz persönlichen Erinnerungen (und damit eigentlich in ihre ganz persönlichen Wahrheiten) gewährt.

Ereignisse ihrer Kindheit – Grausamkeiten, Missverständnisse, Unfähigkeiten, Lieblosigkeit – prägen und beeinflussen ihr ganzes Leben. Natürlich! Niemand kann die Kindheit einfach abschütteln!

Julias Erzählung wechselt oft zwischen Gegenwart und Vergangenheit und ermöglicht so, ein tieferes Verständnis ihrer Entwicklung. Aber dieser stetige Wechsel ist nicht nur Erklärung, er ist auch Gegenüberstellung verschiedenster Lebenskonzepte von Frauen mehrerer Generationen.

Claire Lombardo wagt einen kritischen Blick auf gesellschaftliche Konventionen der Vergangenheit und Gegenwart. Ansprüche an Frauen, die nicht immer leicht zu erfüllen sind. Aber auch die eigenen, oft überzogenen Erwartungen und deren katastrophale Folgen für die Selbstachtung,werden aufgezeigt. Sie beschreibt Szenen und Gefühlswelten, die authentisch sind und oft wesentlich differenzierter, komplizierter und zwiespältiger als man (Mann?) glauben möchte.
Tabuthemen werden nicht tot geschwiegen: nicht jede Mutter ist überglücklich, nicht jede Mutter weiß instinktiv, was für ihr Kind das richtige ist. Viele Mütter fühlen sich völlig unzulänglich und konstant überfordert. Gibt es einen Fluchtweg?

Auf 713 Seiten erzählt die Autorin spannend, sensibel aber immer kritisch von Realitäten, die oft und gerne ignoriert werden. Ich bin eigentlich sicher, dass sich jede Leserin irgendwo wiedererkennen wird. Damit wird es zu einem Buch, das nicht so schnell vergessen werden kann.

Lesenswert!

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Genau so, wie es immer war.... muss es deshalb so bleiben?
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Nichts für schwache Nerven!

Das wirkliche Leben von Adeline Dieudonné

Der Debütroman von Adeline Dieudonné erschien 2018 in Frankreich und war ein Sensationserfolg, wochenlang in den Bestsellerlisten und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Die Autorin erzählt von einer gutbürgerlichen Familie: Vater, Mutter, Tochter und Sohn in einem Reihenhaus am Stadtrand – alles zusammen völlig normal.

Zumindest auf den ersten Blick.
Was sich jedoch hinter dieser Fassade tatsächlich abspielt, kommt nach und nach ans Tageslicht: Gewalt, Missbrauch, Tierquälerei, unglaubliche Brutalität und Ignoranz. Eine Atmosphäre der Angst und Beklemmung beherrscht diese Familie und aufgrund des einnehmenden Stils, der einfachen, klaren Sprache kann sich auch die Leserin diesem Gefühl nicht entziehen.

Man erlebt staunend den zunehmenden Wahnsinn, den Zerfall der einzelnen Familienmitglieder in diesem Horrorszenario.
Nur die Protagonistin selbst entwickelt sich zu einer starken und selbstsicheren Persönlichkeit.

Es ist absolut kein Wohlfühlbuch, eher ein Coming-of-age-Roman der ganz speziellen Art: drastisch, wild, tabulos, bis an die Grenze des Erträglichen grausam und gleichzeitig extrem faszinierend.

Nichts für schwache Nerven, aber gruselig-entsetzlich lesenswert!

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 Nichts für schwache Nerven!
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Eine etwas mühsame Zugreise

In einem Zug von Daniel Glattauer

4 Stunden und 4 Minuten – so lange fährt man im Zug von Wien nach München. Daniel Glattauer erzählt die Geschichte einer speziellen Bekanntschaft auf dieser Reise. Ein Autor mit Schreibblockade und eine Psychologin treffen mehr oder minder zufällig aufeinander und beginnen ein Gespräch. Die Idee ist ja an sich interessant, aber sie scheitert an so etwas wie „Realität“.

..

Die Gespräche – im Wechsel mit den inneren Monologen des Protagonisten zu lesen - sind durchaus angeregt und drehen sich vor allem um Liebe und die Befähigung darüber zu schreiben, um Ehe, Alkohol, Affären und Romane. Aber weder Dialoge noch Monologe gewinnen an Tiefe, sie plätschern oberflächlich dahin und werden durch das penetrante Nachfragen der Therapeutin immer wieder leicht unangenehm.

Eigentlich hätte ich das Buch recht rasch weggelegt.
Ich habe es nicht getan, weil Daniel Glattauer es wieder verstanden hat, witzig, klug und pointiert zu schreiben. Ich mag seinen Stil und um ehrlich zu sein: manche seiner Sätze würde ich am liebsten stehlen, um sie bei Gelegenheit selbst sagen zu können! Aber das rettet das Buch nur bedingt! Das einzig wirklich spannende an diesem Buch ist für mich die Frage, wieviel Glattauer im Protagonisten steckt!

Fazit: Kann man lesen, muss man aber nicht!

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Eine etwas mühsame Zugreise