Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde Miriam Brandl:
Erinnerungen
Die Geschichte des Klangs von Ben Shattuck
Zwei lose miteinander verbundene Geschichten über Musik und Neuengland, aber vor allem über verpasste Chancen und über verlorene Lieben, deren Bedeutung erst zu spät klar wurde. Manchmal merkt man ja tatsächlich erst im Nachhinein, wie prägend ein Verlust sein kann.
Der Stil des Autors ist poetisch und verdeutlicht nur die Tragik der einzelnen Protagonisten.
Man liest zwischen den Zeilen und spürt eine alles überdauernde Schwermut. Nicht die große Depression, aber eine konstante Melancholie, die alles ein wenig farbloser erscheinen lässt. Das Leben gelingt trotzdem, Beziehungen werden trotzdem gelebt. Aber die Erinnerung an Vergangenes wird zu einem kostbaren Schatz - gleichzeitig voller Freude und Trauer.
Großartig!
Knapp 100 Seiten sind schnell gelesen und wirken lange nach!
Schließt sich ein Kreis?
Mein Name ist Emilia del Valle von Isabel Allende
Emanzipation war immer ein großes Thema bei Isabel Allende. Auch hier hat sie mit Emilia del Valle eine Figur geschaffen, die gegen Konventionen kämpfen muss und mit einer Mischung aus Charme, Frechheit und großer Beharrlichkeit, selbstbestimmt zu leben versucht.
Die Autorin lässt ihre Protagonistin als Reporterin in ein vom Bürgerkrieg (1891) zerrissenes Chile reisen, lässt sie zwischen alle Fronten geraten und schildert die Brutalität des Krieges und das völlige Wegbrechen aller moralischen Bedenken unglaublich drastisch.
Damit beweist sie wieder einmal ihr Können als sprachgewaltige Geschichtenerzählerin. Dieser Teil des Romans hat mir wirklich gut gefallen.
Dann verstolpert sie sich jedoch in einer Liebesgeschichte – anscheinend geht es bei Allende nicht ohne. Zwar ist sie recht vorhersehbar ausgefallen, aber trotzdem noch erträglich lesbar.
Das Ende des Buches hat mich dann aber verwirrt. Zu abrupt und unmotiviert verbringt Emilia Zeit in der chilenischen Einöde. Selbstfindung? Es wird mysteriös-magisch … und kitschig.
Alles in allem: ein seltsames Leseerlebnis, denn für mich ist dieser Roman gleichzeitig außergewöhnlich und höchst mittelmäßig.
Aber…trotz all dieser Kritikpunkte, vergesse ich nicht, dass Isabel Allende eine raffinierte Romanautorin ist und immer wieder für Aha-Momente sorgen kann. Ich habe sie ja manchmal im Verdacht, dass sie die Erwartungen der Leserinnen und des Literaturbetriebes herzlich lachend ignoriert. Deshalb habe ich mich auch die ganze Zeit gefragt, wie Emilia del Valle mit Clara del Valle aus dem Geisterhaus verwandt ist. Und ist es jene Paulina del Valle, der ich schon in "Porträt in Sepia" begegnet bin?
Schließt sich hier ein Kreis? Ist es eine Art Vorgeschichte?
Sicher ist nur, dass die Namensgebung kein Zufall ist.
Aber darüber mögen sich klügere Geister die Köpfe zerbrechen!
Ich freue mich inzwischen auf das nächste Allende-Buch!
Wirklich gute Tage!
Gute Tage von Roger Willemsen
Eine Sammlung von Interviews mit bekannten Persönlichkeiten? Noch dazu in Buchform?
Ist das im Zeitalter von social media nicht völlig veraltet, eigentlich sogar komplett aus der Zeit gefallen?
Kann so ein Buch überhaupt interessant sein?
Kann es!
Vor allem, wenn die Interviews von Roger Willemsen geführt wurden!
Ich schätze die Art, mit der R Willemsen Gespräche zu führen wusste: neugierig und gleichzeitig empathisch, souverän, klug und respektvoll, aber trotzdem immer ganz klar in den eigenen Aussagen und Einschätzungen.
Egal ob Jean Seberg, Arafat, Madonna (denkwürdig!), der Dalai Lama oder Issei Sagawa – Roger Willemsen konnte immer etwas Neues erfahren und schaffte damit eine geniale Mischung aus kluger Literatur und erstaunlicherweise ebenso klugem Tratsch.
Ich habe das Buch zwar bereits vor einigen Jahren gelesen, aber es hat seinen Platz in meinem Lieblingsbücherregal gefunden und kann locker mehrmals gelesen werden, so informativ und unterhaltsam ist es.
Es schenkt garantiert gute Lesestunden!
Magic, my dear friend
Das Geschenk von Gaea Schoeters
Eine kurze Zeitungsnotiz war der Grund für diesen Roman:
ein geplantes Einfuhrverbot für Jagdtrophäen nach Europa bewegte den Präsidenten von Botswana zur Aussage, dass sein Land Deutschland gerne 20 000 Elefanten schenken könnte.
Gaea Schoeters hat den Gedanken konsequent weitergeführt.
Entstanden ist ein hinreißend absurder Roman, der durch klugen Witz und kritischer Gesellschaftssatire überzeugt.
Und ganz nebenbei stellt die Autorin die europäische Arroganz bloß, nach der hausgemachte Moralvorstellungen als allseits willkommenes Exportgut gesehen werden. Eine Art moderner Kolonialismus!
Alles in allem ist es ein humorvoller Roman mit Tiefgang, der mich buchverliebt und sehr nachdenklich zurücklässt.
Ganz großes Lesevergnügen!
Loplop
Max von Markus Orths
Um es gleich vorweg zu sagen: dieses Buch konnte mich von der ersten Seite an fesseln und wirklich restlos begeistern!
Kunstgeschichte interessiert mich einfach, aber Markus Orths hat hier etwas Besonderes geschaffen: er hat gründlich recherchiert, zahlreiche Zeugnisse und Quellen aus dem privaten wie auch beruflichem Umfeld des Künstlers ausgewertet und sich damit eine gute Kenntnis der Person und des Künstlers Max Ernst erworben.
Diese gute Kenntnis erlaubte es ihm, Fakten durch erdachte Briefe und Dialoge zu erweitern – eine Möglichkeit, den Künstler, sein Leben und auch seine Zeit persönlicher darzustellen.
(Es gab aber natürlich auch das Fachlektorat des wissenschaftlichen Leiters des Max Ernst Museums in Brühl)
Entstanden ist eine Romanbiographie, die Max Ernsts Leben und seine revolutionäre Kunst anhand der Menschen, die ihn begleiteten und inspirierten, schildert.
Natürlich waren seine Lieben von Lou Straus bis Dorothea Tanning extrem wichtig für seine persönliche und künstlerische Entwicklung, aber auch seine Freunde wie André Breton, Paul Éluard, Varian Fry oder Hans Arp werden nicht vergessen. (Funfact am Rande: Hans Arp hatte einen Neffen, nämlich einen gewissen Herrn Jürgen Udo Bockelmann.)
Die Leserin vagabundiert mit Max Ernst durch sein turbulentes Leben: Dadaismus, Surrealismus, neue Maltechniken, Lieben und Freundschaften und auch zwei grausame Kriege, eine Welt, die aus den Fugen gerät, Flucht, Internierung, Deutschland, Frankreich, USA… ein abenteuerliches Leben mit vielen Höhen und Tiefen, aber immer durchdrungen von dem Wunsch nach Freiheit und Selbstverwirklichung in seiner Kunst.
Ein außergewöhnliches Leben - ein außergewöhnliches Buch!
So ist das Leben....
Ja, nein, vielleicht von Doris Knecht
Bereits in ihrem letzten Roman „Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“ schrieb Doris Knecht autofiktional. Jetzt spinnt sie die Geschichte weiter. Eine Frau, Mitte 50, gesund, fit genug, schön genug und zufrieden mit sich selbst – genau so sieht sich die Protagonistin. Ihr Leben ist nicht besonders spektakulär, es läuft in geregelten Bahnen.
Wer sich also ein actiongeladenes Drama erwartet, wird enttäuscht sein – ein eher ruhiges Buch.
Es sind die gedanklichen Monologe, die den Charme dieses Buches ausmachen: sie bewegen sich zwischen Gegenwart, Vergangenheit und möglicher Zukunft. Manchmal gelassen, manchmal humorvoll, oft gesellschaftskritisch und immer selbstironisch. Zwar kontaminiert auch ein Mann für eine gewisse Zeit ihre Gedanken, aber eigentlich ist sie sich immer bewusst, dass sie ein sehr gutes Leben führt – als Single-Frau, die unabhängig lebt und eingebettet ist in einen stabilen Kreis aus Familie und Freunden.
„Ja, nein, vielleicht“ ist ganz locker lesbar, wird aber nicht so schnell wieder vergessen, weil der Autorin ein Roman gelungen ist, der humorvoll ist und gleichzeitig auch Tiefgang beweist.
Lesenswert (nicht nur für Frauen Mitte 50…)
Großartig!
Ja, nein, vielleicht von Doris Knecht
W
undervoll erzählt, informativ und gleichzeitig unterhaltsam - auch wenn ich seit der Lektüre vom "Philosophenschiff" Herrn Köhlmeier nicht mehr jeden kleinen Nebenhinweis glaube.
Aber diese CDs sind es wert, gehört und immer wieder gehört zu werden!
Ganz großes Hirn- und Hörvergnügen!
Wahre Liebe....
Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen von Milica Vuckovic
Toxische Beziehungen – es ist schwer verdauliche Kost, die uns hier präsentiert wird. Außerdem ist die Geschichte von Ewa und Viktor eigentlich unscheinbar, zwar authentisch und sicher auch realistisch, aber keinesfalls irgendwie besonders. Was macht dieses Buch also trotzdem so lesenswert?
Die Autorin beschreibt die Dynamik in dieser Beziehung überaus lebendig, die emotionale Manipulation, die psychische und physische Gewalt, die Unterdrückung, die Abhängigkeit, das gnadenlos Klein-machen – diesen alltäglichen Terror, auf dem manchmal eine dünne Schicht Zuckerguss landet.
Außergewöhnlich für so ein schweres und heikles Thema ist jedoch die Selbstironie und die gute Portion tiefschwarzen Humors, mit der M. Vuckovic ihre Protagonistin erzählen lässt. Kein Selbstmitleid, keine Wehleidigkeit!
Interessant ist auch, dass keine Ursachen erforscht und auch keine Lösungen angeboten werden – weshalb das Ende dann gleichzeitig grauenhaft und witzig ist (wobei einem das Lachen im Halse stecken bleibt!) und mich nachdenklich und ein wenig schockiert zurücklässt.
Im Nachwort bedankt sich M. Vuckovic übrigens bei T.V., dass diese ihre persönliche Geschichte mit uns allen teilt, aber im Endeffekt geht es nicht nur um die Geschichte einer einzelnen Frau. Der Roman wird vielmehr zur Beschreibung eines Phänomens, das in der Realität vermutlich wesentlich häufiger auftritt als angenommen. Zu oft verstecken die betroffenen Frauen sich, zu gerne übernehmen sie die „Schuld“. Nicht umsonst ist das Buch Frauen gewidmet, die schweigen.
Hier bekommen sie eine Stimme!
Lesenswert!
Familie
Botanik des Wahnsinns von Leon Engler
Eine Familiengeschichte der etwas spezielleren Art: alle Familienmitglieder werden hauptsächlich durch psychiatrische Diagnosen charakterisiert. Der Erzähler selbst ist übrigens Psychologe – natürlich! Was auch sonst?
Das Cover finde ich wunderschön und in seiner Mehrdeutigkeit absolut gelungen.
Der Titel ist prägnant und poetisch gleichzeitig. Ein Versprechen!
Allerdings eines, das das Buch nicht im Mindesten halten konnte. Wäre es kein Leserundenbuch… ich hätte die Lektüre abgebrochen.
Der Grund, warum ich es (zugegebenermaßen erst im 2. Anlauf) dann doch fertig lesen wollte, war vor allem der hervorragende sprachliche Stil des Autors. Er schafft es, ein schwieriges Thema amüsant und gleichzeitig ernst zu verhandeln.
Die Erzählung einerseits aus der Sicht des Psychologen und andererseits aus der Sicht des direkt/indirekt Betroffenen hat durchaus interessante Aspekte, aber für mich war diese Geschichte insgesamt dann doch zu sehr Nabelschau, zu träge, zu sinnverkriselt.
Kann man lesen... muss man aber nicht!
Geschichtsunterricht einmal anders!
Fake History - Hartnäckige Mythen aus der Geschichte von Jo Hedwig Teeuwisse
Einstein ist in Mathe durchgefallen?
Ein tröstlicher Gedanke – leider gelogen! Aber zur Beruhigung: französische Grammatik war nicht seine Stärke.
Newton entwickelte seine Gravitationstheorie, weil ihm ein Apfel auf den Kopf gefallen ist?
Leider nur Legende aus zweiter Hand – auch wenn heute noch mehrere Apfelbäume dieser Tat beschuldigt werden.
Napoleon war klein?
Schon wieder ein Irrtum, denn (auch wenn alle Verwirrungen mit englischen und französischen Maßsystemen berücksichtigt werden) war Napoleon ungefähr 1,67m groß und damit durchschnittlich groß für seine Zeit.
Haben Sie auch viele solcher Legenden im Kopf? Sie halten sich oft hartnäckiger und länger als die Wahrheit. Die niederländische Historikerin geht solchen Geschichten auf den Grund und räumt mit vielen Mythen auf. In kurzen Kapiteln und mit viel Humor erklärt sie, wie solche Irrtümer entstehen und verbreitet werden konnten (das Quellenverzeichnis ist beeindruckend!).
Viel Information, unterhaltsam präsentiert – es fegt Spinnweben aus dem Gehirn!
Ein Gewinn nicht nur für geschichtsinteressierte Leserinnen - empfehlenswert!










