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Rezensionen von cosmea:
Was geschah wirklich mit Kala?
Kala von Colin Walsh
Im kleinen Ort Kinlough an der irischen Westküste genießt eine Gang von sechs Jugendlichen im Jahr 2003 den Sommer ihres Lebens. Da sind die Jungen Joe, Mush und Aidan und die Mädchen Helen, Aoife und Kala. Die mutterlose charismatische Kala Lanann lebt bei ihrer Großmutter und ist der Mittelpunkt dieser Gruppe, bis sie im November desselben Jahres plötzlich spurlos verschwindet.
15 Jahre später treffen sich Joe, Mush und Helen zur Hochzeit von Helens Vater mit der Mutter von Aidan, der Selbstmord begangen hat, und den 16jährigen Zwillingen Marie und Donna. Joe ist inzwischen ein erfolgreicher Musiker, Helen arbeitet als freiberufliche Journalistin in Kanada, und Mush hilft seiner Mutter im Café. Er hat als einziger Kinlough nie verlassen. Dann werden Kalas sterbliche Überreste an einer Stelle gefunden, wo ein lokales Unternehmen Häuser bauen will. Sie starb eines gewaltsamen Todes. Nicht nur die Polizei, sondern auch die drei Freunde wollen endlich herausfinden, wer Kala ermordet hat. Helen, Joe und Mush haben sie nie vergessen und fühlen sich irgendwie schuldig an ihrem Tod. Dann sind plötzlich auch die Zwillinge verschwunden. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kalas Tod und den aktuellen Ereignissen?
Colin Walshs Debütroman liest sich aus verschiedenen Gründen nicht leicht. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen aus der Perspektive von Joe, Helen und Mush, wobei Joe für seine Sicht die zweite Person verwendet. Immer wieder geht der Blick in die Vergangenheit und zeichnet die Entwicklung der drei Jugendlichen nach. Es passiert nicht allzu viel, und auf den ersten 300 Seiten wirkt die Darstellung oft unnötig detailliert und ist für mich keineswegs so spannend, wie manche Kritiker behaupten. Erst im letzten Drittel nimmt die Geschichte Fahrt auf bis hin zur Auflösung, die man nicht erraten kann. Dem Autor gelingt jedoch eine ungewöhnliche Mischung aus Coming-Of-Age-Story mit ersten Liebesbeziehungen und düsterem Thriller mit teilweise recht grausamen Episoden, denn in dieser scheinbar friedlichen Gegend gibt es mafiöse Strukturen, Korruption und brutale Schläger, die lange ungestraft davonkommen. Dieser komplizierte Plot, die ungeheure Personenvielfalt und der ständige Wechsel der Zeitebene erschweren die Lektüre und mindern die Spannung. Insgesamt bleibt “Kala“ hinter meinen Erwartungen zurück.
Auf der Suche nach der eigenen Identität
Lola im Spiegel von Trent Dalton
Ein namenloses 17jähriges Mädchen lebt mit der Mutter in einem kaputten Van auf einem Schrottplatz in der Nähe des Brisbane River. Sie waren viele Jahre lang auf der Flucht, denn die Mutter hat vor langer Zeit etwas sehr Schlimmes getan und wird noch immer von der Polizei gesucht. Deshalb hat die Frau, die sich Erica Finlay nennt, dem Mädchen nie seinen Namen gesagt.
Sie will ihre Geschichte erst erzählen, wenn ihre Tochter 18 ist und niemand sie in eine Einrichtung sperren kann. Dann will sie sich auch der Polizei stellen. Ihren kargen Lebensunterhalt verdienen die beiden, indem sie für die grausame Flora Box genannt Lady Flo und ihren Sohn Brandon Drogen ausliefern. Keiner kommt aus diesem Milieu wieder heraus. Doch dann ertrinkt die Mutter, als sie ein Baby rettet, und die Tochter wird erst einmal keine Antworten auf ihre Fragen finden. Die talentierte Zeichnerin gibt jedoch nicht auf und verliert ihren Traum, eine berühmte Künstlerin zu werden, nicht aus den Augen. Immer wieder malt sie sich aus, wie am Ende ihres langen Lebens ein Kunstkenner im Metropolitan Museum Of Art in New York ihre Kunst lobt und ihre Lebensgeschichte erzählt. Doch noch ist es nicht so weit. Das Mädchen findet zwar Unterstützung und Hilfe und begegnet in dem jungen Danny Collins aus reichem Hause der Liebe ihres Lebens, gerät jedoch in lebensbedrohliche Situationen und gewalttätige Auseinandersetzungen, in denen auch Freunde und ein hilfsbereiter Polizist sterben.
Der Roman einer Identitätssuche hat mir – wie schon der Vorgänger “Der Junge, der das Universum verschlang“ – insgesamt gut gefallen, obwohl die Geschichte des Mädchens, das auf der Suche nach sich selbst immer wieder in Spiegelscherben schaut und Gespräche mit jemand namens Lola führt, trotz der dargestellten Grausamkeiten wenig realistisch ist und eher märchenhafte Züge trägt. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass jemand aus diesem Milieu am Rande der Gesellschaft den Aufstieg zur berühmten Künstlerin schafft. Dennoch hat mich die Darstellung, die nicht frei von Längen ist, immer wieder verzaubert. So überwiegt am Ende doch der positive Eindruck.
Frei, Freisein, Freiheit
Die Liebe, später von Gisa Klönne
Anselm und Kora, beide Anfang 60, sind seit über zwanzig Jahren ein Paar. Nach einer lebensbedrohlichen Erkrankung, gefolgt von einer Herzoperation erholt sich Kora nur langsam. Sie spürt, dass sie nicht einfach da weitermachen kann, wo sie vor der Operation aufgehört hat. Das ist auch deshalb nicht möglich, weil Anselm in Rente gegangen ist und die Radiostation, für die Kora all die Jahre gearbeitet hat, sie drängt, einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben.
Kora kann sich zunächst nicht entscheiden, stellt ihr ganzes Leben in Frage. Sie liebt Anselm nach wie vor, war immer glücklich in dieser Ehe, die all die Jahre eine Wochenendbeziehung war, weil Anselm zwischen Berlin und ihrem Haus in Köln pendelte, will aber plötzlich frei sein, was immer das in ihrem Fall heißen mag. Kora geht zurück in ihre Vergangenheit und trifft Freunde aus der Kindheit und Jugend. Da gibt es viele Dinge, die sie verdrängt hat und nun durch eine neuerliche Begegnung zum Abschluss bringen will. Das sind Geheimnisse, von denen Anselm nichts weiß, aber auch er hat ihr nie alles über sich gesagt. In dieser Beziehung gab es schon immer viel Distanz. Der Leser begleitet eine Ehekrise mit lange ungewissem Ausgang. Daneben beschäftigt sich Kora mit dem Problem ihres alten Bekannten Felix, der sie um Hilfe gebeten hat. Die Ehefrau von Felix ist plötzlich spurlos verschwunden, vielleicht bei einer Wanderung in den Alpen ums Leben gekommen, eventuell aber auch unterwegs in ein anderes, neues Leben.
Die überwiegend aus Koras Perspektive auf mehreren Zeitebenen erzählte Geschichte ist nicht frei von Längen, aber sehr interessant und lesenswert. Die Einsichten in die menschliche Existenz bringen den Leser zum Nachdenken, besonders die immer wieder eingestreuten 5-Punkte-Listen. Wir dürfen vor allem nicht vergessen, „dass nichts jemals so bleibt, wie es gerade ist. Der andere nicht. Man selbst nicht. Das Leben.“ (S. 187). Dessen müssen wir uns bewusst sein, wenn wir Zukunftspläne schmieden.
Der amerikanische Traum ist eine Illusion
Real Americans von Rachel Khong
In ihrem Roman “Real Americans“ erzählt Rachel Khong eine amerikanisch-chinesische Familiengeschichte über drei Generationen. Im ersten Abschnitt arbeitet die 22jährige Lily Chen im Jahr 1999 als unbezahlte Praktikantin bei einem Medienunternehmen. Bei einer Party ihrer Fima lernt sie Matthew kennen, den reichen Erben eines großen Pharmaimperiums.
Sie verlieben sich sofort in einander, heiraten bald und bekommen den Sohn Nick. Im zweiten Teil lernen wir Nick im Jahr 2021 kennen. Er lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter auf einer Insel im Staat Washington im Westen der USA und bereitet sich auf sein Studium vor. Nick kennt seinen Vater nicht und versucht in dieser Phase, ihn ausfindig zu machen. Er möchte endlich herausfinden, was seine Mutter ihm all die Jahre verheimlicht hat. Der dritte Teil spielt im Jahr 2030 und liefert den Hintergrund, die Geschichte der Großmutter May. Der historische Hintergrund, China unter Mao in den 60er Jahren, bietet die Erklärung, warum die Wissenschaftlerin May damals mit einem Kollegen floh und in die USA emigrierte. Dadurch erhält nicht nur der Enkel Nick Antwort auf seine Fragen, sondern auch für den Leser werden alle Fäden zusammengeführt.
Khongs umfangreicher, sehr detailreich und teilweise etwas langatmig erzählter Gesellschaftsroman behandelt viele Themen, beschäftigt sich aber vor allem mit der Frage, wie wir zu denen werden, die wir sind. Da geht es um Rasse und gesellschaftliche Klasse, um Identität und Zugehörigkeit, vor allem aber auch um die Entscheidungen, die wir im Leben treffen. Inwieweit sind wir überhaupt in der Lage, über unser Leben zu bestimmen? Nicht nur Lebensumstände, sondern auch Genetik sind dabei wichtige Faktoren. Es ist sicher kein Zufall, dass sich die Wissenschaftler in diesem Roman auch mit Genmanipulation beschäftigen, und diese in den Familiengeheimnissen eine Rolle spielt.
“Real Americans“ ist ein ungewöhnlicher, auf jeden Fall interessanter und lesenswerter Roman.
Seinen eigenen Weg gehen
Trag das Feuer weiter von Leïla Slimani
Leila Slimanis neuer Roman “Trag das Feuer weiter“ ist der letzte Teil einer dreibändigen Familiensaga, die das Schicksal einer marokkanisch-französischen Familie erzählt. Die Großmutter Mathilde aus dem Elsass heiratet den Marokkaner Amine Belhaj. Aus dieser Verbindung stammen die Tochter Aicha und der Sohn Selim.
Aicha heiratet Mehdi Daoud und hat mit ihm die Töchter Mia und Inès. Im Mittelpunkt dieses dritten Teils steht vor allem die Schriftstellerin Mia, die mehr als zwanzig Jahre in Paris lebt, bevor sie auf Anraten ihres Arztes nach Marokko zurückkehrt. Sie leidet als Folge von „brain fog“ unter einer Schreibblockade und soll durch das Eintauchen in ihre Vergangenheit ihre Erinnerungen zurückgewinnen. Mia lässt sich auf der Farm ihrer Großeltern nieder und erforscht ihre Geschichte.
Erzählt wird aus wechselnder Perspektive auf verschiedenen Zeitebenen. Wir erfahren viele Dinge vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund, dabei vor allem die gesellschaftliche und politische Situation Marokkos. Slimani zeigt, wie schwierig es ist, zwischen zwei Kulturen zu leben, nirgendwo richtig dazuzugehören. Obwohl die Schwestern der dritten Generation nicht einmal flüssig arabisch sprechen, werden sie auch wegen ihres Äußeren im Ausland automatisch als Araber betrachtet. Unter den Marokkanern fallen sie auf, weil sie zur reichen, gebildeten Oberschicht gehören, Personal beschäftigen, vor allem aber, weil sie sich nicht an gesellschaftliche Konventionen halten. In Anlehnung an ihre eigene Geschichte zeigt Slimani, wie schwer es ist, jenseits gesellschaftlicher Erwartungen und Zwänge seinen eigenen Weg zu gehen. Welche Erinnerungen nehmen wir mit, wenn wir neue Wege gehen? Überzeugend behandelt sie Themen wie Freiheit, Identität, Migration und die Suche nach sich selbst. Ich fand vor allem beeindruckend, wie sie die Stärke der Frauen der Familie darstellt: Mathilde, Amines Schwester Selma, Aisha und Mia. Mir hat auch dieser Roman der Autorin wieder sehr gut gefallen.
Das Vermächtnis von Marble Hall
Tod zur Teestunde (Susan Ryeland ermittelt 3) von Anthony Horowitz
Die Lektorin Susan Ryeland ist von der Insel Kreta zurückgekehrt und lebt wieder in London. Sie arbeitet für einen kleinen Verlag und soll den Roman “Pünds letzter Fall“ des jungen Autors Eliot Crace betreuen. Die überaus erfolgreiche Serie von 9 Bänden des ermordeten Autors Alan Conway soll so ihren Abschluss finden.
Eigentlich möchte Susan diesen Auftrag nicht übernehmen, denn mit dem unsympathischen Autor Conway musste sie vor Jahren zusammenarbeiten und geriet in große Gefahr. Wie sich bald herausstellt, ist Eliot der Enkel der vor Jahren verstorbenen sehr erfolgreichen Kinderbuchautorin Miriam Crace. Eliot verlegt die Handlung seines Krimis zwar nach Südfrankreich, aber es ist offenkundig, dass er die Geschichte seiner eigenen Familie erzählt. Er behauptet, dass seine Großmutter nicht eines natürlichen Todes starb, sondern vergiftet wurde. In seinem Roman wird er aufdecken, wer der Täter war. Bis es so weit ist, sorgt er für große Aufregung in der Familie Crace, wo fast jeder ein Motiv hatte und sich verdächtig verhielt. Die Überlebenden fürchten um ihren guten Ruf und wollen vor allem keine geschäftlichen Einbußen erleiden. Es geht um ein riesiges Vermögen, das vom ältesten Sohn der Toten verwaltet wird. Horowitz konstruiert einen Roman im Roman, indem die Mitglieder der Familie Crace unter anderen Namen auftauchen, aber durchaus zu identifizieren sind. Es handelt sich natürlich nicht um Fiktion und Wirklichkeit, denn die eine Geschichte ist so fiktiv wie die andere. Wie die beiden Handlungsstränge verwoben sind, ist große Kunst. Besonders raffiniert ist, dass Susan Ryeland zur Hauptverdächtigen wird, als der junge Eliot bei einem Unfall mit Fahrerflucht getötet wird. Alle Indizien belasten Susan, und sie befindet sich wieder in Lebensgefahr, so dass sie die Ermittler von ihrer Unschuld überzeugen und sehr schnell aufklären muss, wer dahintersteckt.
Der Roman ist trotz seiner Länge enorm spannend und sehr raffiniert konstruiert – mit einer Vielzahl von falschen Spuren, mit Wortspielen und Anagrammen und einer überzeugenden Charakterisierung der vielen Personen. Für den Leser ist die Orientierung nicht immer einfach, aber Kriminalromane von solcher Qualität liest man nicht jeden Tag.
Die Liebe - ein Affentheater
Affenliebe von Natasa Dragnic
Ein 64jähriger Professor für Komparatistik an der Freien Universität Berlin enthält eines Tages nach einem Vortrag über die französische Literatur des 19. Jahrhunderts einen Brief von einer ihm unbekannten Frau namens Monika Wimmer, die sich für seinen Vortrag bedankt, in dem es u.a. um Flauberts Affenmenschen ging, und ihm ein Bild von einem im Bett schlafenden Affen schickt.
Affen spielen im Leben des Professors eine besondere Rolle. Schon seine Mutter ließ sich als Kind in Afrika von einem kleinen Affen über den frühen Verlust ihrer Eltern trösten. In seinem eigenen Leben gab es jahrelang einen mutterlosen Affen aus dem Zirkus nebenan. Deshalb berührt ihn der Brief der Unbekannten besonders, und es kommt zu einem regen Austausch von E-Mails. Der Professor verliebt sich in Monika Wimmer, und sie treffen sich in einem Hotel in Berlin. Obwohl beide sich offensichtlich zueinander hingezogen fühlen und einander sehr nahekommen, weist sie ihn letztlich zurück. Der Professor versucht, sie in Bremen aufzuspüren, muss aber einsehen, dass diese Liebe keine Erfüllung finden wird. Zum Glück findet der Professor in Taxifahrer Hamdi einen Freund, der ihm in dieser schweren Stunde hilft.
“Affenliebe“ erzählt eine witzige und teilweise skurrile Geschichte von Liebenden, die es schwer haben, ihre Liebe zu leben, weil es da Konkurrenz gibt. Schon seine Mutter musste sich entscheiden, wen sie mehr liebt: einen Affen oder einen Menschen. Dabei sehnen wir uns alle nach Liebe, Lust und Leidenschaft. Ich habe diesen ungewöhnlichen Roman gern gelesen. Gut, dass nicht jeder mit der Entscheidung zwischen Affe oder Mensch konfrontiert ist…
Neues aus dem Graphischen Viertel
Das Antiquariat am alten Friedhof von Kai Meyer
Kai Meyers neuer Roman spielt auf zwei Zeitebenen - 1930 und 1945. In der Bücherstadt Leipzig gründen vier junge Leute 1930 den „Club Casaubon“. Felix, Vadim, Julius und Eddie stammten aus vermögenden Familien und teilen die Leidenschaft für Bücher. Dann beginnen sie, wertvolle Bücher zu stehlen.
Mit dem Erlös aus dem Verkauf unterstützen sie Vadim, der mit seinem Antiquariat in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist. Eines Tages schließt sich Eddies Schwester Eva der Gruppe an. Felix verliebt sich in die attraktive junge Frau, doch er hat in Vadim einen Rivalen. Felix wandert in die USA aus. 1945 wird er von den Amerikanern beauftragt, bei der Katalogisierung von Millionen geraubter Bücher mitzuhelfen. Sein erster Einsatz ist auf Patmos, wo er die Vernichtung eines wertvollen Buchbestandes in einem Kloster verhindern soll. Sein nächster Auftrag führt ihn in das zerstörte Leipzig, wo er die Freunde von früher und Eva sucht, die angeblich tot ist. Hier ist das Leben gefährlich. Die Invasion der Russen droht, und gefährliche Spione und Gangster sind überall aktiv.
Die Geschichte hat umfangreiches Personal und viele Handlungselemente, deren Verknüpfung man aufmerksam verfolgen muss. Da ist die Liebesgeschichte zwischen Eva und Felix vor historischem Hintergrund, aber auch ein mysteriöses Manuskript und Okkultismus spielen eine Rolle. Felix gerät in gefährliche Situationen und versucht zu überleben. Er muss sich entscheiden, ob er nach Beendigung seiner Mission in Europa bleibt oder in die USA zurückkehrt.
Ich habe auch den neuen Roman des Autors trotz einiger Längen und einer ungeheuren Detailfülle gern gelesen, aber für mich ist es nicht das beste Buch aus der Serie um das Graphische Viertel. “Die Bücher, der Junge und die Nacht“ hat mir von allen am besten gefallen.
Ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte
Lebensbande von Mechtild Borrmann
Im Mittelpunkt von Mechtild Borrmanns neuem Roman “Lebensbande“ stehen drei Frauen - Lene, Nora und Lotte - deren Leben über einen Zeitraum von mehr als 60 Jahren geschildert wird. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen, den 30er Jahren bis nach Kriegsende und den 90er Jahren nach dem Mauerfall. Lene und Nora sind Kusinen, die sich erst spät kennenlernen, Nora trifft Lotte bei ihrer Arbeit als Krankenschwester und wird nach dem Krieg mit ihr für acht Jahre in einem sowjetischen Arbeitslager eingesperrt.
Es sind schwierige Zeiten mit schlimmen Ereignissen, die zu ertragen viel Mut und Kraft kostet. Lene hat einen kleinen behinderten Sohn, den man ihr wegnehmen will, weil er als Reichsausschusskind betrachtet wird. Die Freundinnen ahnen, was mit diesen Kindern in den speziellen Einrichtungen passiert, wo erstaunlich viele schon bald angeblich an Lungenentzündung sterben. Nora hilft Lene, den kleinen Leo zu retten und geht dabei ein hohes Risiko ein. Bei der Aktion gibt es einen Zwischenfall, der Noras Leben für immer prägen wird.
Lange rätselt der Leser, aus wessen Perspektive die zugleich berührende und bedrückende Geschichte erzählt wird. Eine der drei Frauen schreibt dann sozusagen als Vermächtnis auf, was damals wirklich geschehen ist und beantwortet damit offene Fragen. Mir hat Borrmanns neuer Roman wieder sehr gut gefallen, vor allem das Porträt der drei mutigen Frauen, die einander tatsächlich lebenslang verbunden bleiben und anderen helfen, selbst wenn ihr eigenes Leben auf dem Spiel steht: „Es sind die Dinge, die man nicht getan hat, die einen ein Leben lang beschämen.“ (S. 158) Ein sehr lohnender Roman, den ich verschlungen habe.
Vom Erinnern und Verdrängen
Sonnenaufgang Nr. 5 von Carsten Henn
Der 19jährige Jonas Engelbaum hat sein Germanistikstudium abgebrochen und möchte als Ghostwriter die Lebensgeschichte anderer Leute aufschreiben, obwohl sein Vater in seinem Restaurant dringend die Hilfe des Sohnes gebrauchen könnte. Die ehemalige Diva Stella Dor sieht seine Anzeige und engagiert ihn.
Sie lebt in einem herunterbekommenen Strandpavillon. Jonas mietet ein Zimmer bei den Schwestern Britta und Imke Roose, die große Bewunderer der Diva sind. In Stellas Haus gibt es eine Unmenge von Biografien und Hunderte von Notizzetteln, auf denen sie Ereignisse aus ihrem Leben notiert hat. Die Zusammenarbeit von Stella und Jonas gestaltet sich anfangs schwierig, weil Stella nur das mitteilt, was sie preisgeben will und keine Rückfragen zulässt. Schon bald merkt Jonas, dass sie ihm eine geschönte Version ihres Lebens mitteilt. Als er später mit Menschen aus ihrem Umfeld spricht, z.B. mit ihrem Mann Philip oder einer ehemaligen Kollegin, zeigt sich, dass sie ihm über viele Dinge in ihrem Leben die Unwahrheit sagt. Diese Erkenntnis führt dazu, dass Jonas zwei Biografien schreibt, die Version der Diva von einem durchweg glücklichen erfolgreichen Leben und die andere, die er auf der Basis seiner Recherchen verfasst, in der es auch um Tod und Trauer und andere sehr schlimme Erfahrungen geht.
Neben Stella Dors Lebensgeschichte spielen noch andere Begegnungen vor Ort eine Rolle, z.B. mit der jungen Nessa, mit Stellas Verehrer Paul und seinem treuen Hund Guter Junge, mit dem Maler Geraldo und der Witwe Bentje von der Bushaltestelle, der Jonas freundschaftlich begegnet. Im Lauf der Geschichte zeigt sich, dass es im Leben eines jeden - auch in dem von Jonas - schmerzliche Erfahrungen von Verlust und Trauer gibt, die verdrängt werden, weil sich die Menschen ihnen nicht stellen wollen. Hinzukommt, dass Erinnerungen unzuverlässig sind, weil man sich jeweils an die vorige Erinnerung erinnert und nicht an das eigentliche Ereignis. Nur wenn man sich der Vergangenheit stellt, kann man ein sinnvolles und sogar glückliches Leben führen.
Mir hat diese warmherzige, mit viel Empathie erzählte Geschichte gut gefallen. Am Ende könnte man sich fragen, wie man selbst sein Leben erzählen würde.











