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Rezensionen von cosmea:

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Mysterium Familie

Eine perfekte Familie von Liane Moriarty

Im Mittelpunkt von Moriartys neuem Roman steht die Familie Delaney. Stan und Joy haben sich mehr als 50 Jahre zuvor beim Tennis kennengelernt und spielen noch immer Doppel zusammen. Auch ihre vier inzwischen erwachsenen Kinder Amy, Logan, Troy und Brooke waren begabte Tennisspieler, denen allerdings die ganz große Karriere versagt blieb.

Die Eltern betrieben jahrzehntelang eine Tennisschule, die sie kürzlich verkauft haben, um den Ruhestand zu genießen. Die Ehe der Delaneys gilt als glücklich. Doch dann verschwindet Joy am Valentinstag 2020 plötzlich spurlos. Nach einigen Tagen erstatten zwei der Kinder Vermisstenanzeige, und die Polizei ermittelt. Es gibt ein mysteriöses Ereignis im Jahr vor Joys Verschwinden. Eines Tages bittet eine blutende junge Frau namens Savannah an ihrer Tür um Hilfe. Sie erzählt eine Geschichte von einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit ihrem Freund. Joy hilft ihr und lässt sie bei sich wohnen. Stan und die Kinder sehen das Auftauchen der Fremden kritisch. Sie trauen ihr nicht, und schon bald stoßen sie auf eine ganze Reihe von Lügen. Hat sie etwas mit Joys Verschwinden zu tun? Auch Savannah ist nicht auffindbar.
Auf zwei Zeitebenen mit ausführlichen Rückblenden in die Vergangenheit entwickelt die Autorin eine komplexe Familiengeschichte mit Krimielementen, wo letztlich vieles nicht so ist, wie es scheint. Es melden sich immer mehr Unbeteiligte aus dem Umfeld der Familie, die etwas Verdächtiges beobachtet oder gehört haben. Die Polizei folgt falschen Fährten, aber die Indizien, dass Stan etwas mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun hat, verdichten sich immer mehr. Da gibt es Verrat, Täuschung und viele unterdrückte, nie ausgesprochene Gefühle von Kränkung, Enttäuschung und Verbitterung bis hin zu Hass. Bei den Delaneys musste sich immer alles dem Tennissport unterordnen – persönliche Vorlieben ebenso wie die gesamte Lebensplanung. Die größten Opfer hat dabei Joy gebracht. Was macht das Modell „Familie“ mit dem Verhältnis der Ehepartner zu einander, der Eltern zu den Kindern und der Geschwister untereinander? Gibt es am Ende weder eine glückliche Ehe noch eine perfekte Familie?
Ich habe den umfangreichen Roman gern gelesen, obwohl ich finde, dass die Spannung zum Ende hin etwas abfällt und die Auflösung nicht gerade sensationell ist und ein wenig konstruiert wirkt.

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Mysterium Familie
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Exponiert im Netz

Die Kinder sind Könige von Delphine Vigan

In Delphine de Vigans neuem Roman “Die Kinder sind Könige“ sind die Kinder nicht wirklich Könige. Im Mittelpunkt steht Mélanie mit ihrer Familie. Melanie hat schon als junges Mädchen für Big Brother geschwärmt und sich als junge Frau vergeblich als Kandidatin für eine Reality Show beworben.

Sie will beachtet und geliebt werden. Als sie nach ihrer Heirat mit Bruno Diore die Kinder Sam und zwei Jahre später Kim bekommt, fühlt sie sich unausgefüllt und will ihrem Leben Sinn geben, indem sie zunächst auf Facebook Fotos postet, später mit anderen Müttern im Netz in Kontakt tritt und schließlich den Channel Happy Récré gründet. Sie postet Videos ihrer Kinder beim Unboxing, beim Auspacken von Geschenkpaketen von Firmen, mit denen sie Werbeverträge abgeschlossen hat, von Einkaufsorgien und immer neuen Challenges und Spielen. Zunächst sind es wenige Videos pro Woche, später wird täglich mehr oder weniger den ganzen Tag gefilmt und gepostet. Zu diesem Zeitpunkt sind die Kinder 8 und 6 Jahre alt. 500 Millionen Anfragen und 5 Millionen Follower sorgen für ein beträchtliches Einkommen der Familie, so dass Ehemann Bruno seinen Beruf aufgibt und seine Frau bei diesem immer professioneller betriebenen Geschäft unterstützt.
Eines Tages verschwindet Kimmy spurlos beim Versteckspiel vor dem Haus. Die Polizei geht von einer Entführung aus, mit der Lösegeld erpresst werden soll. Hier kommt Ermittlerin Clara ins Spiel, die Vernehmungen protokolliert und die Akte erstellt. Sechs Tage lang bringen die Ermittlungen kein nennenswertes Ergebnis. Inzwischen ist jedoch deutlich, dass Mélanie nicht nur Bewunderer hat und viele ihre gnadenlose Ausbeutung der eigenen Kinder scharf kritisieren. Für Mélanie sind alle Vorwürfe Lügen. Angeblich sind ihre Kinder glücklich und haben Spaß an der Sache. Sie ignoriert Kimmys zunehmend ablehnende Haltung und tut sie als Laune ab. Es ist Mélanie, die nach ständiger Aufmerksamkeit giert, ihre Follower mit „meine Lieben“ anspricht und die ihre Kinder zwingt, auswendig gelernte Sätze zu sprechen und vor laufender Kamera Junkfood zu essen. Sie begreift nicht, dass sie Familienleben lediglich inszeniert, dass es keinerlei Privatsphäre mehr gibt und sie Sam und Kim ihrer Kindheit beraubt, indem sie sie tagesfüllend für verschiedene Foren arbeiten lässt.
In einem Schlussteil, der 12 Jahre später im Jahr 2031 spielt, sieht der Leser, was aus der Familie geworden ist, vor allem, mit welchen Spätfolgen der jahrelangen Ausbeutung ihre inzwischen erwachsenen Kinder zu kämpfen haben. Melanie ist beratungsresistent und nicht einsichtsfähig.
Delphine de Vigan hat einen spannenden, gut lesbaren Roman zum Thema Exposition von Kindern im Netz geschrieben und dabei auch die juristische Seite nicht vernachlässigt: das Recht am eigenen Bild und auf Löschung digitaler Spuren, gesetzliche Vorschriften zu Kinderarbeit, steuerliche Gesichtspunkte. Sie lenkt dabei die Aufmerksamkeit der Leser auf ein sehr wichtiges aktuelles Thema und wird dadurch hoffentlich viele zum Umdenken bewegen. Ich kenne fast alle ihre Bücher und bin auch dieses Mal wieder begeistert.

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Exponiert im Netz
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Jedes Leben ist lebenswert

Mongo von Harald Darer

Harald Darers Roman “Mongo“ beruht auf der eigenen Familiengeschichte. Als seine Frau Katja schwanger wird, freut sie sich zunächst nicht, denn sie fürchtet, ihr Kind könnte den genetischen Defekt erben, unter dem auch ihr etwas älterer Bruder Markus leidet: Trisomie 21. Sie hat hautnah erlebt, welche Benachteiligungen für den Betroffenen und seine Familie daraus resultieren und welche Verantwortung den Angehörigen aufgebürdet wird.

Der Bruder wurde ausgegrenzt, beschimpft und lächerlich gemacht. Nicht selten wurde geäußert, dass so einer zu nichts nutze sei und vergast gehört.
In vielen ausführlichen Rückblenden wird dem Leser gezeigt, was Markus erlebte und wie seine Familie damit umging. Die Schwiegermutter verhielt sich nicht gerade vorbildlich, aber Katja liebt ihren Bruder, und auch Harry entwickelt ein liebevolles, beschützendes Verhältnis zum Schwager. In vielen Szenen zitiert er ihn mit seiner ganz eigenen Sprache („AH, ICH DENKE WAS“) und zeigt, wie witzig und charmant Markus sein kann. Er ist derjenige, der ihn schließlich nicht dauerhaft im Heim dahinvegetieren lässt und ihm sogar eine Art Sexualleben organisiert.
Der Roman ist aber nicht nur eine Familiengeschichte, sondern vor allem auch eine scharfe Kritik an der Art, wie die sogenannten Normalen mit allen umgehen, die durch geistige und körperliche Behinderungen anders sind und deshalb in einer profitorientierten Gesellschaft nicht von gesellschaftlichem Nutzen sind. Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Hinweis des Autors, dass es auch in Österreich während des Zweiten Weltkriegs Euthanasie gab, und nach dem Krieg kein einziges Verfahren mit einer Verurteilung der Täter endete. „Volk, begnadet für das Schöne, viel gerühmtes Österreich“ (S. 181) merkt der Autor ironisch an und macht seine Position sehr deutlich: Es gibt kein lebensunwertes Leben. Jeder hat die Chance auf Glück.
Ich habe diesen wichtigen Roman gern gelesen, auch wenn die Lektüre durch unzählige Dialektausdrücke und ungewohnte Satzstrukturen nicht mühelos ist. Die Bedeutung vieler Begriffe lässt sich allerdings aus dem Kontext erschließen. Die Sprache des Autors ist auch deshalb besonders, weil er grundsätzlich direkte Rede nicht durch Anführungszeichen markiert und keine Scheu vor drastischen Formulierungen hat. Ein ungewöhnlicher, sehr empfehlenswerter Roman.

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Jedes Leben ist lebenswert
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Die Tell-Sage - neu erzählt

Tell von Joachim B. Schmidt

Joachim B. Schmidts Roman “Tell“ ist eine neue Version der Tell- Sage, die den meisten aus Schillers Drama bekannt ist. Der Autor kann die Legende verändern und weiterspinnen, weil es keine verbürgten Quellen gibt, die beweisen, dass es Tell, den Apfelschuss und den Tyrannenmord tatsächlich gegeben hat.

Schmidt erzählt seine Geschichte in 100 kurzen Abschnitten, die 10 Kapiteln zugeordnet sind und aus 20 verschiedenen Perspektiven, wobei Tell selbst erst gegen Ende des Romans zu Wort kommt. Wir lernen seine Mutter und Schwiegermutter, seine Frau Hedwig sowie seine Kinder, außerdem Pfarrer Taufer und seine Haushälterin, Landvogt Gessler, den brutalen Schurken Harrer und diverse Soldaten kennen. Tell und seine Angehörigen kämpfen hoch oben in den unwirtlichen Bergen ums Überleben, als die Soldaten ihnen die Vorräte und den Leiterwagen rauben und Tells Mutter umstoßen, die durch ihr Eingreifen ein Massaker verhindert. Die Mutter wird an den Folgen des Sturzes sterben. Als wesentlicher Bestandteil der Legende bleibt der von Gessler als Bestrafung angeordnete Apfelschuss erhalten, den Tells Sohn Walter überlebt. Tell hatte sich geweigert, den von Harrer auf einer Stange befestigten Gesslerhut als Huldigung an den Habsburger König zu grüßen. Tell wird verhaftet und soll hart bestraft werden. Er überlebt als einziger eine Bootsfahrt über den See. Später versucht er, Gessler und Harrer mit der Armbrust zu töten und entkommt schwer verletzt zu Pfarrer Taufer. Von dort verschwindet er in die Berge und ward nie mehr gesehen.
Die Charakterisierung der Figuren ist sehr gelungen. Der anfangs eher unsympathische Tell, ein gewaltbereiter, mürrischer Eigenbrötler, wird im Laufe des Romans sympathischer. Er trauert um die tote Mutter, gibt sich die Schuld am Tod des geliebten jüngeren Bruders Peter, der bei einem Jagdausflug von einem Schneebrett in die Tiefe gerissen wurde und wurde genauso wie Vater Taufer von dessen Vorgänger missbraucht. Auch Gessler ist nicht einfach ein Bösewicht, sondern wird dargestellt als ein willensschwacher, zögerlicher Mann, der Grausamkeit hasst, sich aber vor seinen Soldaten keine Blöße geben darf. Sehr gut finde ich auch die Einbeziehung von Landschaft und Klima und die Darstellung der damaligen Lebensbedingungen der rechtlosen, der Willkür der Obrigkeit ausgesetzten Bauern.
Der geschichtliche Hintergrund – die Auflehnung gegen die Fremdherrschaft der Habsburger und die Gründung der Eidgenossenschaft – wird eher gestreift als vertieft dargestellt. Mir hat der spannende, sehr lesbare Roman dennoch sehr gut gefallen.

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Die Tell-Sage - neu erzählt
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Interessenkonflikte

Das Eis von Laline Paull

“Das Eis“ ist nach ihrem Debütroman “Die Bienen“ Laline Paulls zweiter Roman. Schauplatz der Handlung ist überwiegend die Arktis. Ein Kreuzfahrtschiff mit vielen enttäuschten Passagieren, denen man werbewirksam die Sichtung von Eisbären versprochen hatte, durchqueren eine Passage.

Dann sehen sie nicht nur einen riesigen Eisbären, sondern auch einen kalbenden Gletscher, der eine Leiche freigibt. Wie sich herausstellt, handelt es sich um den drei Jahre zuvor verschwundenen Umweltaktivisten Tom Harding. Sein Freund und Geschäftspartner Sean Cawson wird in London telefonisch von seinem Mentor Joe Kingsmith informiert.
Sean Cawson wird in der Folge massiv mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Da gibt es nicht nur seine gescheiterte Ehe, die zerstörte Beziehung zu seiner Tochter Rosie, sondern vor allem die mysteriösen Umstände von Toms Verschwinden und Tod. In zahlreichen Rückblenden wird die Geschichte nachgeholt: wie sich Tom und Sean als Studenten kennenlernten und durch ihre Liebe zur Arktis verbunden eine tiefe Freundschaft entwickelten, wie Sean in die Fänge seines Mentors Joe Kingsmith, eines dubiosen, immens reichen Geschäftsmannes geriet, der auch Sean durch Beratung und geschickte Investitionen reich machte. Während Tom zeitweise Chef von Greenpeace war, findet Sean immer mehr Geschmack an Reichtum und Macht, wodurch ihre Freundschaft nicht gerade konfliktfrei ist. Für ein großes Projekt finden sie dann noch einmal zusammen. Sie entwickeln das Geschäftsmodell einer exklusiven Lodge für betuchte Gäste, das sich gleichzeitig dem Umweltschutz verpflichtet.
In der Erzählgegenwart muss sich Sean als Zeuge einer gerichtlichen Untersuchung stellen, die Klarheit über Toms Tod und Seans mögliche Verstrickung in die Ereignisse bringen soll, denn er war der Letzte, der Tom lebend in einer einstürzenden Eishöhle gesehen hat, aus der er sich lebend retten konnte.
Der von der Zeitstruktur her komplizierte Roman ist zugleich Umweltthriller und Gerichtsdrama. Die globale Erwärmung, die zum Schmelzen der Polkappen und zum Einsturz der Höhle führt, existiert in der Realität. Interessanterweise schrieb Paull das Buch, noch bevor Donald Trump den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen ankündigte und zeigt die Brisanz des Themas. Anfangs nicht frei von Längen gewinnt das Buch zunehmend an Tempo und Spannung, zum Beispiel wenn die Autorin zeigt, wie weit Menschen in ihrer Gier nach Macht und Reichtum zu gehen bereit sind. Laline Paull beschreibt erneut reale, vom Menschen verursachte Entwicklungen, die die Zukunft der Menschheit gefährden. Im ersten Roman war es das verhängnisvolle Bienensterben, im neuen Buch die Klimakatastrophe mit all ihren desaströsen Folgen. Man kann sagen, dass die Autorin die Schwierigkeit, eine fiktive Handlung mit einem ernsten Anliegen zu verknüpfen, recht gut meistert.

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Interessenkonflikte
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Familiengeheimnisse

Kleine Feuer überall von Celeste Ng

Kleine Feuer überall“ ist Celest Ngs zweiter Roman nach ihrem hochgelobten Debüt. Die Familie Richardson lebt in Shaker Heights, einem Vorort von Cleveland Ohio, wo fast ausschließlich Reiche leben. Auch die Richardsons sind ein gutsituiertes Ehepaar der oberen Mittelschicht. Bill ist Partner in einer Sozietät, Elena schreibt als Journalistin harmlose Artikel für eine kleine lokale Zeitung.

Sie haben vier Kinder. Nur Isabelle genannt Izzy, die Jüngste, macht Probleme. Alles scheint perfekt in dieser Siedlung, wo alles geregelt ist, sogar der Fassadenanstrich.. Alles verläuft nach festgelegten Regeln. Elena hat dieses Prinzip verinnerlicht und duldet auch nach außen keine Abweichungen in ihrer scheinbar perfekten Familie.
Eines Tages brennen in ihrem Haus kleine Feuer in sechs Schlafzimmern gleichzeitig. Die meisten Mitglieder waren zum Zeitpunkt des Ausbruchs abwesend. Nur Izzy ist und bleibt verschwunden. Hat die 15jährige die Brände gelegt und wenn ja warum? Oder hat die Mieterin einer Wohnung der Richardsons in ihrem geerbten Haus etwas damit zu tun? Mrs Richardson wollte ein gutes Werk tun, indem sie der mittellosen alleinerziehenden Fotografin Mia Warren und ihrer 15jährigen Tochter Pearl die Wohnung überließ. Mutter und Tochter sind am Vorabend überstürzt ausgezogen.
Ein zweiter Konflikt spaltet seit einiger Zeit die Bewohner von Shaker Heights. Eine mittellose Chinesin hatte ihr Baby in einer extremen Notlage ausgesetzt, ein reiches kinderloses Ehepaar aus dem Freundeskreis der Richardson bemüht sich um die Adoption. Die Mutter, eine Arbeitskollegin von Mia, verlangt ihr Kind zurück. Ein Richter muss entscheiden, wer das Kind bekommt – die leibliche Mutter oder das reiche Ehepaar. Was zählt mehr? Biologie oder die materiellen Gegebenheiten? Mia und Elena stehen auf verschiedenen Seiten. Da Elena Mias Motiven misstraut, beschließt sie, Mias Vergangenheit zu erforschen und ihre Geheimnisse ans Licht zu bringen. Es erfüllt sie mit großem Unbehagen, dass ihre Kinder sich mit Pearl anfreunden und zunehmend unter den Einfluss der Mutter geraten. Sie sieht in Mias gegensätzlichem Lebensentwurf eine wachsende Gefahr für ihre eigene häusliche Idylle.
Die Geschichte wird aus wechselnden Perspektiven erzählt und enthält zahlreiche Rückblenden. Wie raffiniert die Erzählstruktur ist, zeigt sich, wenn Elena Mias Vergangenheit erforscht. Mias Vorgeschichte und künstlerischer Werdegang werden von einem allwissenden Erzähler in aller Breite dargestellt. Was da berichtet wird, ist nicht das Ergebnis von Elenas Recherchen. Derselbe Erzähler gibt in Vorausdeutungen auch zahlreiche Hinweise auf die Zukunft.
Der sehr gut geschriebene Roman mit sorgfältiger Charakterisierung auch der Nebenfiguren spricht mehrere wichtige Themen an. Es geht um die Bedeutung von Mutterschaft und die Beziehung von Müttern und Töchtern an gleich mehreren Beispielen, um Rasse und Identität, um die Macht von Geheimnissen, die in den Familien ihre zerstörerische Wirkung entfalten, um angepasstes und unkonventionelles Leben.
Sehr gelungen finde ich die im Titel und der Eingangsszene enthaltene Thematik des Feuers. Die realen Feuer werden auf der metaphorischen Ebene mehrfach gespiegelt. Elena war immer überzeugt, dass man die gefährlichen Feuer der Leidenschaft löschen muss, sonst werden sie zum Flächenbrand. Sie hat den Funken der Rebellion und alle weitergehenden Ambitionen frühzeitig in sich erstickt – zugunsten eines angepassten, strikten Regeln gehorchenden Lebens. An Mia Warren sieht sie, welche Chancen sie dadurch verpasst hat. Vor Schaden hat sie dieses Leben nicht bewahrt. Sie selbst hat letztliche das fragile Gebilde ihrer scheinbar perfekten Familie durch ihre skrupellosen Recherchen zum Einsturz gebracht. Mia gibt Izzy ihre Erkenntnis mit auf den Weg, dass man manchmal alles niederbrennen muss, um sich zu befreien und neu anzufangen. Ein bemerkenswerter, auch sprachlich hervorragender Roman.

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Familiengeheimnisse
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Wenn Realität und Fiktion sich berühren

Krokodilwächter von Katrine Engberg

“Krokodilwächter“ ist Katrine Engbergs Thrillerdebüt. Der Roman schaffte es gleich auf die dänische Bestsellerliste - völlig zu Recht.
Esther de Laurenti, Professorin im Ruhestand, genießt ihr Leben. Sie feiert mit Freunden, nimmt Gesangsstunden bei ihrem jungen Freund Kristoffer und schreibt an einem Kriminalroman.

Sie lebt im obersten Stock ihres Hauses in der Kopenhagener Innenstadt. Die anderen Etagen sind vermietet. Eines Tages passiert etwas Unvorstellbares: Ihr alter Mieter Gregers sieht durch die geöffnete Wohnungstür die Leiche einer jungen Frau und erleidet einen Herzanfall. Esther erfährt erst durch die Ermittler Jeppe Korner und seine Kollegin Anette Werner, dass eine Mieterin in ihrem Haus grausam ermordet worden ist. Das Makabre an der Sache ist, dass der Tathergang stark an eine Szene aus dem Manuskript ihres Kriminalromans erinnert. Dadurch gerät sie selbst unter Verdacht.
Im Folgenden gehen die Ermittler einer Vielzahl von Spuren nach – über lange Zeit ohne Ergebnis. Es werden zahlreiche falsche Fährten gelegt. Erraten kann man die Auflösung nicht wirklich, nur ahnen, welche Ereignisse in der Vergangenheit zu diesem und weiteren Verbrechen geführt haben. Engberg ist ein spannender Thriller mit sorgfältig gezeichneten Charakteren gelungen. Das sympathische Polizistengespann Jeppe Korner und Anette Werner macht neugierig auf die angekündigten Folgebände, wobei der physisch und psychisch angegriffene Jeppe deutlich in der Tradition der beschädigten Ermittlerpersönlichkeiten von Mankells Wallander und Co. steht. Ich habe diesen Roman gern gelesen und empfehle ihn ohne Einschränkung.

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Wenn Realität und Fiktion sich berühren
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Ein Serienkiller als Jazzliebhaber?

Krokodilwächter von Katrine Engberg

“Höllenjazz in New Orleans“ (Original: “The Axeman´ s Jazz“) von Ray Celestin ist der Auftakt einer vierteiligen Krimiserie. Er basiert zum Teil auf tatsächlichen Ereignissen und enthält real existierende Personen, z.B. Louis Armstrong und andere bekannte Jazzmusiker. Von 1918-1919 ermordete ein unbekannter Serienkiller eine Reihe von italienischen Ladenbesitzern.

Es waren blutige Axtmorde, und der Killer hinterließ jedes Mal einige Tarotkarten am Tatort oder sogar in den Wunden der Opfer. Dann kündigt er in einem Brief an die Lokalzeitung weitere Morde an und fordert die Menschen auf, an einem bestimmten Tag um 0.15 Jazz in ihren Häusern erklingen zu lassen, andernfalls würden sie die nächsten Opfer sein. In New Orleans breitet sich Panik aus. Die Polizei tappt im Dunkeln.
Detective Lieutenant Michael Talbot arbeitet hart an dem Fall, kann aber bisher keine Ergebnisse vorweisen. Er hat sowieso einen schweren Stand, seit er seinen früheren Mentor Luca d´Andrea wegen Korruption angezeigt hat. Außerdem verbreitet sich in der extrem rassistischen Stadt das Gerücht, dass er mit einer Farbigen zusammenlebt.
In diesem zwar sehr umfangreichen, aber außerordentlich spannenden Krimi gibt es nicht einen, sondern drei Ermittler. Außer dem Polizisten Talbot versucht auch Luca d´Andrea nach seiner Entlassung aus 6jähriger Haft im Auftrag der Mafia den Mörder zu identifizieren, der es durch die Wahl seiner Opfer offensichtlich darauf anlegt, die Mafia zu diskreditieren. Luca hat als Vollwaise frühzeitig den Schutz seiner Landsleute gesucht und kann sich auch jetzt nicht aus den Fängen des Matranga-Clans befreien. Die 19jährige Ida Davis, Angestellte der Pinkerton Detetektivagentur, ermittelt zusammen mit ihrem Freund Louis Armstrong. Sie ist die langweilige Büroarbeit leid und hat Hinweise, dass ihr Chef John Lefebvre irgendwie in die Sache verwickelt ist. Alle drei Ermittler haben Informanten und gehen wichtigen Spuren nach. Alle drei geraten in Lebensgefahr wie auch einige andere, die dem Axeman zu nahe kommen. Jeder von ihnen bekommt einen Zipfel der Wahrheit zu packen, aber nur der Leser weiß am Ende, was genau passiert ist und warum.
Der Krimi besticht jedoch nicht nur durch seine raffinierte Struktur, sondern auch durch seine Themenvielfalt. Der Autor zeichnet mit viel Lokalkolorit und Detailgenauigkeit das Bild einer chaotischen, aber auch sehr lebendigen Stadt, wo Rassentrennung, das unselige Wirken der mächtigen Mafia-Clans, Korruption bis in die Spitzen der Politik und Gewalt das Leben bestimmen, das zusätzlich immer wieder durch schwere Stürme und Überschwemmungen bedroht wird. Der Roman ist für einen Krimi überdurchschnittlich gehaltvoll und dennoch sehr lesbar und sprachlich überzeugend. Mir hat der Roman hervorragend gefallen.

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Kühn hat jede Menge Probleme

Kühn hat Ärger von Katrine Engberg

Kommissar Martin Kühn hat nach einem Burnout erst kürzlich seinen Dienst wieder angetreten. Da häufen sich auch schon die Probleme. Sein Kollege Steierer, den er eigentlich als seinen Freund betrachtet, wird beruflich zum Rivalen. In seiner Ehe kriselt es, er selbst fühlt sich zu einer jungen Kollegin hingezogen.

Außerdem erfährt er, dass er ist nicht gesund ist, und nun muss er im Mordfall Amir Bilal ermitteln. Der 17jährige gebürtige Libanese ist an einer Tramhaltestelle auf bestialische Weise ermordet worden. Der junge Mann aus einfachen Verhältnissen hatte sich in Julia van Hauten verliebt, und sie waren seit einiger Zeit ein Paar. Die ungeheuer reiche Familie van Hauten hatte Amir freundlich und vorurteilsfrei aufgenommen. Frau van Hauten engagiert sich für junge Menschen aus prekären Verhältnissen und spendet sehr viel Geld für wohltätige Zwecke. Auch Kommissar Kühn lernt ihre Großzügigkeit und Gastfreundschaft kennen und damit eine Welt, die ihm ebenfalls bisher fremd war. Bei den van Hautens wirkt alles perfekt. Kühn befragt dennoch die Familie und die jungen Leute, die hier an Amirs letztem Abend vor seiner Ermordung zu Gast waren. Der Verdacht der Polizisten richtet sich jedoch von Anfang an eher gegen die rechte ausländerfeindliche Szene, die mit ihrer Bürgerwehr auch auf der Weberhöhe aktiv ist, wo Kühn wohnt. Hier leben Tausende von Menschen auf dem mit Chemikalien verseuchten Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik und müssen mit dem giftigen Pilzbefall in ihren Kellern leben. Neben der Aufklärung des Verbrechens an Amir spielt auch diese Thematik eine große Rolle in dem Roman, zumal hier auch ein zunächst unbekannter Erpresser ein Mädchen mit einem vergifteten Joghurt tötet. Kühn sieht sofort einen Zusammenhang mit der Situation der Menschen auf der Weberhöhe.
Jan Weilers neuer Krimi um Kommissar Kühn hat mir gut gefallen – wie schon sein Vorgänger “Kühn hat zu tun.“ Für mich punktet der Roman durch die sorgfältige Charakterisierung des sympathischen Martin Kühn und die hervorragende sprachliche Qualität. Die Auflösung kommt zwar nicht völlig überraschend, aber spannend ist der Roman dennoch. Ein empfehlenswertes Buch.

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Menschenschmuggel

Kühn hat Ärger von Katrine Engberg

“In eisiger Nacht“ ist Tony Parsons vierter Kriminalroman in der Serie um den Ermittler Max Wolfe. Eines Tages wird die Polizei informiert, dass in Londons Chinatown ein verdächtiger Lastwagen geparkt ist. Die Polizei findet in dem Kühllaster die Leichen von elf erfrorenen Frauen. Eine zwölfte liegt im Sterben.

13 aufgefundene, überwiegend gefälschte Pässe deuten darauf hin, dass es eine weitere Frau gibt, die sich jedoch nicht im Kühlraum aufgehalten hat. Tom Wolfe setzt alles daran, den Tod der Frauen aufzuklären und die Verschwundene zu finden. Die Spuren führen in die Nähe von Calais, wo sich illegale Flüchtlinge aufhalten, die bereit sind, alles für eine Einreise nach Großbritannien zu riskieren. Max Wolfe hat es mit Menschenschmuggel und der Ausbeutung von Frauen in dubiosen Etablissements zu tun. Er selbst geht hohe Risiken ein, findet er doch lange keinen Anhaltspunkt, welcher kriminelle Clan hinter dem Verbrechen steht. Die Dinge eskalieren, es gibt weitere Tote – auch bei der Polizei -, bis Wolfe die Zusammenhänge durchschaut.

Der Roman erzählt spannend und temporeich eine Geschichte, die brandaktuell ist. Sein Ermittler ist ein sympathischer Protagonist, den man als Leser gern begleitet. Er ist alleinerziehender Vater von Scout, seiner 6jährigen Tochter und kümmert sich um sie und um den geliebten Familienhund Stan. Max fühlt sich zu seiner Kollegin Edie Wren hingezogen und muss sich irgendwie mit seiner strengen Chefin Whitestone arrangieren. Mir hat das Buch gut gefallen, und ich werde sicher auch die drei vorausgehenden Bände lesen.

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Kühn hat jede Menge Probleme