Kunden em pfehlungen
Rezensionen von cosmea:
Bandenkrieg an der amerikanischen Ostküste
City on Fire von Don Winslow
In Don Winslows neuem Roman, dem Auftakt einer geplanten Trilogie, geht es um die rivalisierenden irischen und italienischen Syndikate, die mit Schutzgelderpressung, Schmuggel, Raub und Mord von sich reden machen. Die Iren werden angeführt von John Murphy und seinem Sohn Pat, nachdem sich der alte, alkoholabhängige Marty Ryan aus dem Geschäft zurückgezogen hat.
Sein Sohn Danny ist mit Terry, John Murphys Tochter, verheiratet und mit seinem Sohn Pat seit der Kindheit eng befreundet. Er arbeitet im Hafen, ist an kleineren Überfällen beteiligt und treibt Geld von säumigen Schuldnern ein. In der Clan-Hierarchie steigt er zunächst nicht auf, weil sein Schwiegervater keinen Ryan als Rivalen haben will. Bei einer Party am Strand zeigt sein Schwager Liam Murphy ein zu großes Interesse an der Freundin von Paulie Moretti, dem Bruder von Peter Moretti, dem Clanchef der italienischen Mafia und löst damit einen Bandenkrieg mit vielen Opfern aus. Danny Ryan, inzwischen Vater eines kleinen Sohns, will bei einem letzten Coup mitmachen und dann aussteigen. Er merkt nicht, dass man ihm eine Falle gestellt hat, um ihn auszuschalten und gerät in große Gefahr.
Don Winslow ist an der Ostküste aufgewachsen und zeichnet ein realistisches Porträt dieses brutalen Bandenkriegs in den 80er Jahren mit allem, was dazugehört: korrupte Polizisten und Angehörige der Justiz, die zahlungswillige Clanmitglieder schützen und an den Verbrechen verdienen. Danny Ryan, der noch keinen Mord begangen hat, ist hier noch der sympathischste Protagonist. Als Leser wünscht man ihm, dass er überlebt und dem Milieu entkommt. Winslows Thriller liest sich authentisch und spannend und weckt das Interesse an den Fortsetzungen. Ich kenne einige Romane von Don Winslow und empfehle diesen neuen Thriller gern.
Eine Generation erlebt das Trauma der Troubles
Amelia von Anna Burns
Anna Burns im Original fast 20 Jahre vor dem mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman “Milchmann“ veröffentlichter neuer Roman “Amelia“ (“No Bones“) erzählt die Geschichte eines Mädchens namens Amelia Boyd Lovett, die im Arbeiterviertel Ardoyne im Norden von Belfast aufwächst. In Ardoyne sind die Einwohner katholisch und haben eine irisch-nationalistische Gesinnung.
Auf der anderen Seite der Crumlin Road beginnt das protestantische Shankill - Viertel. Amelia ist acht Jahre alt, als 1969 die bürgerkriegsähnlichen, Troubles genannten Unruhen beginnen, die erst in den 90er Jahren mit dem Karfreitagsabkommen beendet werden. Die Autorin, die einen ähnlichen Hintergrund hat wie ihre Protagonistin, beschreibt eine Kindheit, die geprägt ist von Hass und Gewalt und weit entfernt von jeglicher Normalität. Auch eine Großfamilie wie die Lovetts bietet da keine Sicherheit, wenn schon die Heranwachsenden zu Trinkern werden und sich in gewaltbereiten Gangs organisieren, die den verhassten Gegnern gern mal die Kniescheiben zerschießen. Schon Kinder bewaffnen sich und basteln Bomben. In jeder Familie gibt es Vermisste, Verletzte und Opfer von Morden, und wer überlebt, ist dennoch fürs Leben gezeichnet. Viele werden Alkoholiker und entwickeln psychische Störungen, die oft im Selbstmord enden. Amelia leidet Jahre unter Anorexie, Depressionen und Alkoholabhängigkeit und landet zeitweise in der Psychiatrie. Erzählt wird die Geschichte nicht als zusammenhängender Plot, sondern in vielen Episoden, der Chronologie folgend bis zu den Anfängen des Friedensprozesses 1994.
Ich habe den Roman mit großem Interesse gelesen, und genau wie bei “Milchmann“ bin ich überzeugt, dass man das Buch ohne Vorkenntnisse nicht versteht. Wer hasst und bekämpft wen und warum? Wofür stehen die ganzen Kürzel – RUC, INLA, IRA etc. -, und was hat es mit den zahlreichen paramilitärischen Organisationen auf sich? Das Buch ist in jeder Hinsicht keine leichte Kost. Angesichts von so viel Gewalt verliert ein ganzes Land seine Unschuld, und der Leser kann sich der deprimierenden Grundstimmung nicht entziehen. Nicht einfach zu lesen, aber dennoch empfehlenswert.
Wer war ich, wer bin ich, und wer werde ich sein, wenn ich sterbe?
Das Leben eines Anderen von Keiichirō Hirano
Eine junge Frau namens Rie verliert ihren Ehemann nach nicht einmal vier glücklichen Ehejahren durch einen Arbeitsunfall. Obwohl ihr Mann vor vielen Jahren den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen hatte, trifft sie ein Jahr später ihren Schwager, der ihr sagt, dass der Mann auf den Fotos nicht sein Bruder Daisuke Taniguchi ist.
Sie wendet sich an den Anwalt Akira Kido, der sie acht Jahre zuvor bei der Scheidung von ihrem ersten Mann vertreten hatte. Jetzt möchte sie herausfinden, wer ihr Mann und Vater ihrer Tochter wirklich war. Die Nachforschungen dauern über ein Jahr. Kido ermittelt in zwei Richtungen: er sucht nach der wahren Identität des Verstorbenen und versucht, den echten Daisuke zu finden. Dabei stößt er auf einen Kriminellen, der vor seiner Inhaftierung mit Identitäten und Fälschungen der amtlichen Personenregister handelte. Viele seiner Kunden haben dabei ihre Identität mehrfach getauscht, was die Ermittlungen weiter erschwert. Kido kniet sich so in den Fall, dass nicht nur seine Ehe in eine schwere Krise gerät, sondern er auch die eigene Identität zunehmend hinterfragt. Die Vorstellung, ein anderer zu werden, ein neues, anderes Leben zu beginnen, erscheint ihm immer attraktiver, zumal er eine ganz besondere Vorgeschichte hat: Er ist ein Japaner mit koreanischen Wurzeln, ein Zainichi in der dritten Generation. Obwohl er selbst zumindest als Erwachsener nicht Opfer von Diskriminierung und Fremdenhass geworden ist, sieht er den wachsenden Extremismus in der japanischen Gesellschaft mit großer Sorge. Eines Tages stellt er sich probeweise dem Schriftsteller in einer Bar unter falschem Namen vor, was den Autor dazu veranlasst, ihn zu seinem Protagonisten in einem neuen Roman zu machen. Dies erfährt der Leser in einem Prolog.
Der vorliegende Roman ist kein Pageturner, aber interessant genug, um sich selbst diese Fragen zu stellen: Was macht unsere Identität aus? Wie lebt es sich mit einer Lüge? Würde ein anderer mit meiner Identität ein besseres Leben führen? Könnte ich mit einer neuen Identität meinem Schicksal entgehen? Mir hat der Roman gefallen, weil er viele Facetten der japanischen Gesellschaft zeigt: das komplizierte System der Familienregister, Massaker an der koreanischen Minderheit und ihre andauernde Diskriminierung, die tiefgreifenden Folgen von Erdbeben und Tsunamis usw. Lediglich die sprachliche Qualität der deutschen Übersetzung hat mich mehrfach gestört.
Chemie ist Veränderung
Eine Frage der Chemie von Bonnie Garmus
Bonnie Garmus´ Debütroman „Eine Frage der Chemie“ zeichnet das Porträt einer jungen Amerikanerin in den 50er und 60er Jahren. Elizabeth Zott ist eine überdurchschnittlich intelligente und begabte Chemikerin. Sie will in ihrem Beruf ihren Weg gehen und nicht Hausfrau und Mutter sein, doch die Hürden scheinen unüberwindlich.
Erst fliegt sie aus dem Promotionsprogramm an der UCLA, weil ihr Doktorvater nach ihrer Vergewaltigung verhindern will, dass sie ihm schadet. An einem Forschungsinstitut in Hastings arbeitet sie danach für einen geringen Lohn als Laborassistentin. Nur der geniale Chemiker Calvin Evans sieht ihr Potential. Sie verlieben sich, aber Elizabeth Zott will sie selbst bleiben, will keine Hochzeit und auch keine Kinder, um nicht fortan Mrs. Calvin Evans zu sein. Aber dann stirbt die Liebe ihres Lebens, und Elizabeth ist schwanger. Ihr wird gekündigt, weil eine Angestellte mit einem unehelichen Kind untragbar ist. Elizabeth bekommt einen Job bei einem Fernsehsender, wo sie die Kochsendung „Essen um sechs“ moderieren soll. Auch hier gibt es von Anfang an Konflikte, weil Elizabeth sich weigert, für sie inakzeptable Anweisungen zu befolgen... Auch der Chef des Senders wird sexuell übergriffig, aber Elizabeth weiß sich zu wehren. Ihre unkonventionelle Sendung ist beliebt, obwohl sie viel Chemiewissen enthält – nicht nur wegen der Gerichte, die sie kreiert, sondern auch, weil sie den Frauen Mut macht, niemals ihre Träume aufzugeben und Veränderungen in ihrem Leben in Angriff zu nehmen.
Garmus´ Roman ist lesenswert, weil er an vielen Beispielen zeigt, wie umfassend die Benachteiligung von Frauen war und wie wichtig die Gleichstellung der Geschlechter gesamtgesellschaftlich ist. Emanzipation wird als Thema nicht dogmatisch vermittelt, sondern eingebettet in eine berührende Geschichte mit viel Humor und Sprachwitz. Die Charaktere sind sorgfältig gezeichnet, nicht zuletzt auch die Figur des klugen, empathischen Hundes Halbsieben, der Elizabeth beschützt und ihr bei der Arbeit und der Betreuung der kleinen Tochter Madeline hilft. Erschreckend ist, was ihr alles widerfährt. Da sind nicht nur die Verleumdungen und sexuellen Übergriffe, sondern auch der schamlose Diebstahl von geistigem Eigentum. Ihr Chef am Forschungsinstitut veröffentlicht ihre Forschungsergebnisse unter seinem Namen, spricht ihr jedoch gegenüber Reportern jegliche Befähigung zu einer wissenschaftlichen Tätigkeit ab, genauso wie der Vergewaltiger von der UCLA. Beide stellen sie ziemlich unverblümt als Schlampe dar.
Mir hat der berührende und auch sprachlich gelungene Roman sehr gefallen, und ich empfehle ihn ohne Einschränkung.
Vertuschung und Lügen
Freunde. Für immer. von Kimberly McCreight
In Kimberley McCreights neuem Roman trifft sich eine Freundesclique zehn Jahre nach dem Collegeabschluss, um einen Junggesellenabschied zu feiern. Der wohlhabende Jonathan hat die Gruppe in sein einsam gelegenes Wochenendhaus in den Catskills eingeladen. Zehn Jahre zuvor war bei einer Party auf dem Dach des Vassar College etwas Furchtbares passiert, das ihr Leben für immer verändert hat.
Alice, ein Mitglied der Gruppe, konnte mit den Schuldgefühlen nicht leben. Sie verschwand spurlos, hatte nach allgemeiner Ansicht Selbstmord begangen. Bei dem Treffen in der Erzählgegenwart laufen die Dinge schnell aus dem Ruder. Nicht nur, dass der örtliche Bauunternehmer den Hausbesitzer erpresst. Es verschwinden zwei Männer aus der Clique, und ein Toter wird später gefunden, der zunächst nicht identifiziert werden kann. Es kommen immer mehr Geheimnisse aus der Vergangenheit ans Licht. Das gilt auch für die Ermittlerin Julian Scutt, deren Schwester Jane 20 Jahre zuvor ermordet wurde. Der Mörder wurde nie gefunden. Die beiden Fälle weisen deutliche Parallelen auf, so dass die Polizistin auch in dem alten Fall ermittelt, um endlich mit der traumatischen Vergangenheit abschließen zu können.
Erzählt wird aus den wechselnden Perspektiven der Freunde und der Ermittlerin und einer unbekannten Person, die alles beobachtet und gut informiert ist. Die Zeit der Handlung umfasst nur das Wochenende von Freitagabend bis Sonntagabend, aber es gibt zahlreiche Rückblenden in die Vergangenheit. Der Roman ist bis zum Ende spannend. Es gibt falsche Fährten, und die Auflösung kann man nicht erraten, auch wenn man noch so aufmerksam liest. Neben der Aufklärung mehrerer Morde geht es auch um das Thema Freundschaft. Wie gut kennen wir unsere besten Freunde, zu wieviel Loyalität ist man unter Freunden verpflichtet? Sollen Freunde sich auch noch loyal verhalten, wenn es um ein Verbrechen geht? Die Protagonisten dieses Romans sind jedenfalls nicht ehrlich zu einander. So viele Lügen und Geheimnisse sind mit wahrer Freundschaft nicht vereinbar.
Mir hat dieses spannende, raffinierte Puzzle sehr gut gefallen und ich empfehle es gern.
Ende einer Ehe
Auf der Zunge von Jennifer Clement
In Jennifer Clements neuem Buch verlässt eine namenlose Frau ihre Wohnung in Manhattan in der festen Absicht, ihre lieblose Ehe zu beenden. Ihren Ehering wird sie später einer Obdachlosen schenken. Während sie kreuz und quer durch die Stadt läuft, erinnert sie sich an ihre jüdische Hochzeit und ist froh darüber, wieder vollständig und eins zu sein und nicht nur ein Teil von etwas.
Auf ihrem Weg begegnet sie einer Vielzahl unterschiedlicher Männer: dem Dichter, dem Musiker, dem Anwalt, dem Banker, dem Löwenbändiger, dem Räuber usw. Mit allen kommt es spontan zu teilweise sehr persönlichen Gesprächen, mit einigen auch zum Austausch von Zärtlichkeiten. Das verstehe ich als Hinweis auf die Dinge, die in ihrer Ehe gefehlt haben: Zärtlichkeit und Leidenschaft. Einige Männer machen ihr Geschenke: Gras, einen Ehering, einen Stein, ein beschriebenes Papier usw. Aufgelistet werden die Dialoge, aber auch die Gedanken der Frau in einer eigenartigen, poetischen Sprache, die im Original eine Herausforderung für den Übersetzer Nicolai von Schweder-Schreiner gewesen sein muss.
Der Roman ist auch eine Herausforderung für den Leser, denn er erzählt keine stringente Geschichte. Möglicherweise sind nicht einmal die Begegnungen real. Die Frau gibt sich ihren Träumen und Fantasien hin, denkt über die unerfüllten Sehnsüchte eines ganzen Lebens nach. Wenn man „Gebete für die Vermissten“ und „Gun Love“ kennt, kann man nicht glauben, das Jennifer Clement dieses Buch geschrieben hat. Ich empfehle diesen Titel nicht uneingeschränkt.
Der Preis des Erfolgs
Die sieben Männer der Evelyn Hugo von Taylor Jenkins Reid
Hollywood-Ikone Evelyn Hugo, 79 nimmt über ihren Arbeitgeber Kontakt zu der weitgehend unbekannten Journalistin Monique Grant auf und will nur ihr anlässlich einer Auktion ihrer berühmtesten Kleider ein Interview gewähren. Keiner versteht warum, aber das ist Evelyn Hugos Bedingung. Im ersten Gespräch erfährt Monique, dass sie in Wirklichkeit Evelyns Biographie schreiben soll und zwar unter ihrem eigenen Namen.
So erzählt Evelyn bei ihren täglichen Treffen ihre Lebensgeschichte, wobei die sieben Ehemänner einen äußeren zeitlichen Rahmen bilden und die Kapiteleinteilung vorgeben. Evelyn Herrera hatte einen kubanischen Vater und eine weiße Mutter und wuchs in ärmlichsten Verhältnissen in New Yorks Hell´s Kitchen auf. Schon als 14jährige fällt sie durch außerordentliche Schönheit auf und setzt zwei Jahre später ihren Körper ein, um nach Hollywood zu gelangen. Sie hat nur ein Ziel: es im Filmgeschäft bis ganz oben zu schaffen. Sie bekommt immer bessere Rollen und wird ein Star. Ihre Männer schmücken sich mit ihr wie mit einer Trophäe und profitieren von ihrem Ruhm.
Evelyn erlebt Rückschläge und viele unschöne Dinge: die Rivalität unter den Schauspielerinnen, die rufschädigenden Artikel der Boulevardpresse, Fotografen, die ihr ständig und überall auflauern. Evelyn beweist ungeheure Stärke, geht selbstsicher ihren Weg und verliert ihr Ziel nicht aus den Augen. Monique ist zunehmend beeindruckt und fragt sich angesichts zahlreicher unklarer Andeutungen, welche geheime Verbindung es zwischen ihnen gibt und warum Evelyn sie ausgewählt hat, um ihr die privatesten Dinge anzuvertrauen.
Der gut lesbare Roman gewährt tiefe Einblicke in das Filmgeschäft im Hollywood der 50er bis 80er Jahre, die Macht der Regisseure und Produzenten und die Notwendigkeit, in einer noch sehr intoleranten Gesellschaft gewisse Seiten seines Privatlebens um jeden Preis geheim zu halten, vor allem die sexuelle Orientierung, wenn sie von den akzeptierten Moralvorstellungen abweicht. Die Autorin zeigt, wie sich auch Monique Grant angesichts dieser starken Frau verändert, wie sie selbstsicherer wird und nach dem Scheitern ihrer Ehe mit neuem Mut ihre eigene Zukunft plant. Ein lohnendes Buch. Mich stört nur der deutsche Klappentext, der so fehlerhaft ist, dass ich nicht glauben kann, dass der Verfasser das Buch überhaupt gelesen hat. Monique soll zum Beispiel nicht von vornherein Evelyns Biografie schreiben und schon gar nicht als Ghostwriter.
Misslungener Krimi
Verhängnisvolle Lügen an der Côte d'Azur von Christine Cazon
„Verhängsnisvolle Lügen an der Côte d´Azur“ ist Christine Cazons 9. Band in der Krimiserie um Kommissar Léon Duval. Richter Dussolier, den Duval sehr gut kannte, wird eines Tages ermordet. Man vermutet einen Auftragsmord aus Rache, weil der Richter den Gangsterboss Cosenza ins Gefängnis gebracht hat.
Duval hält Cosenza für unschuldig, nachdem er Hinweise entdeckt hat, dass der Richter sich zuletzt mit dem Staudammbruch von Malpasset in der Nähe von Fréjus beschäftigt hat, bei dem über 400 Menschen ums Leben kamen, darunter auch Mitglieder seiner Familie. Dann passieren ein weiterer Mord und ein verdächtiger Todesfall. Die Akte Dussolier ist längst geschlossen, und Duval hat strikte Anweisung, die alte Staudammgeschichte ruhen zu lassen. Er ermittelt dennoch weiter, liest sich in die Materie ein und befragt Nachkommen von Zeitzeugen, bis seine eigene Familie in Gefahr und seine Beziehung zu seiner Partnerin Annie in eine schwere Krise gerät. Duval muss eine Entscheidung treffen. Dann können die jungen Eltern wieder das süße Mündchen der niedlichen Julie bewundern und ihr Köpfchen mit den blonden Löckchen streicheln. Alles wird gut...
Cazons Roman ist kein Krimi. Es ist eine Mischung aus Familienroman und Geschichtsbuch mit Krimielementen, in dem weitgehend die Spannung fehlt, vor allem aber die Auflösung. Wer steckt hinter den Morden, und wer will Duvals Ermittlungen um jeden Preis stoppen? Der Leser wird ausführlich über verschiedene mögliche Ursachen der Staudammkatastrophe informiert und erfährt mehr, als er jemals wissen wollte, über Algeriens blutigen Weg in die Unabhängigkeit und Frankreichs unrühmlichen Umgang mit Pieds-noirs und Harkis. Das schlecht integrierte historische Material hemmt den Lesefluss erheblich. Die Autorin versucht, ein französisches Ambiente durch Ortsnamen und die Bezeichnungen von Speisen und Getränken, aber auch durch eine Vielzahl von teilweise fehlerhaften französischen Wendungen zu schaffen. Mir hat das Buch aus den genannten Gründen überhaupt nicht gefallen, und ich kann es nicht empfehlen.
Alles nicht so einfach
Simpel mit Sampl von Thomas Sampl; Madlen Zeller
Das Kochbuch „Simpel mit Sampl“ von Thomas Sampl und Madlen Zeller ist anders als alle Kochbücher, die ich kenne und besitze. Die Informationen zu den Inhaltsstoffen von Obst- und Gemüsesorten sind genauer und detaillierter, als man es gewöhnt ist. Es lohnt sich, sich damit intensiv zu beschäftigen, wenn man seiner Gesundheit etwas Gutes tun will.
Ich mag nicht alle Gemüse gern, zum Beispiel Gurken und Kohl deutlich weniger als Fenchel, Tomaten und Kürbis. Kürbis verwende ich jetzt nicht mehr hauptsächlich für Risotto und Marmelade, Quitten nicht nur für Gelee und Marmelade. Walnüsse liebe ich und esse sie fast täglich. Deshalb werden ab sofort auch diese Rezeptvorschläge Teil meines Repertoires. Manche Zutaten sind nicht ohne Weiteres verfügbar oder für mich sogar schwer zu beschaffen, wie zum Beispiel Topinambur oder Pak Choi. Wichtig sind auch die vielen Hinweise zu Lagerung und Zubereitung, interessant die Kombinationsmöglichkeiten. Auf die Idee, Erdbeeren mit Tomaten und Paprika zu mischen, wäre ich sicher nicht von allein gekommen.
Ich nehme aus der Lektüre viele gute Anregungen mit und betrachte das Buch als echte Bereicherung meiner Kochbuch-Bibliothek. Die Sendung „Visite“, die ich ebenfalls noch nicht kannte, werde ich in Zukunft verfolgen.
Leiche im Koffer
In einer stillen Bucht von Luca Ventura
"In einer stillen Bucht“ ist der dritte Band der Serie um den Inselpolizisten Enrico Rizzi. Er ermittelt zusammen mit seiner Kollegin Antonia Cirillo, die aus Norditalien nach Capri strafversetzt worden ist. Auf einem Felsvorsprung wird eine Frauenleiche in einem Koffer gefunden. Die Frau wurde brutal erwürgt.
Es stellt sich schnell heraus, dass es sich um Maria Grifo, die Leiterin des Konservatoriums von Neapel handelt. Mit ihrer kompromisslosen, resoluten Art hat sie sich nicht nur Freunde gemacht. Hat sie Rivalen, die sie um ihre Stelle beneiden, oder hat sie nicht ausreichend talentierte Schüler durch ihr schonungsloses Urteil verprellt? Rizzi und Cirillo führen auch Vernehmungen in Neapel durch und müssen sich mit den Kollegen der Mordkommission arrangieren, die gewohnheitsmäßig auf die Inselpolizisten herabschauen. Es dauert eine ganze Weile, bis die Ermittlungen von Rizzi und Cirillo zum Erfolg führen – zu einer Auflösung, die der Leser nicht erraten kann.
Mir hat der ruhig erzählte Krimi mit seinen sorgfältig charakterisierten sympathischen Ermittlern gut gefallen, weil er ohne Gewaltorgien auskommt und stattdessen dem italienischen Ambiente, der Kombination von Landschaft und Klima, der Beschreibung von Speisen und Getränken und italienischer Lebensart breiten Raum gibt. Venturas Buch ist sicherlich auch eine empfehlenswerte Urlaubslektüre.











