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Rezensionen von cosmea:

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Kind oder Abtreibung?

Sanfte Einführung ins Chaos von Marta Orriols

Marta und Daniel, Anfang 30, sind seit zwei Jahren ein Paar und leben seit einem Jahr zusammen mit ihrem Hund Rufus in einer kleinen Mietwohnung in Barcelona. Sie ist Fotojournalistin, er schreibt Drehbücher für Serien. Obwohl sie studiert haben, finden sie keine Jobs, die angemessen bezahlt werden.

Beide warten immer noch auf den großen beruflichen Durchbruch, aber sie wissen, dass ihnen inzwischen die Zeit davonläuft. Eines Tages teilt Marta ihrem Freund mit, dass sie schwanger ist, aber das Kind nicht bekommen will. Den Termin für die Abtreibung hat sie bereits vereinbart. Sie haben nie über die Zukunft gesprochen, schon gar nicht über einen möglichen Kinderwunsch. Sie lieben sich, aber ihre Beziehung ist irgendwie unverbindlich geblieben. Dennoch ist Daniel schockiert, dass Marta es nicht für nötig gehalten hat, mit ihm über die Schwangerschaft zu sprechen und ihn an dieser wichtigen Entscheidung zu beteiligen. Daniel quält sich mit Erinnerungen an den eigenen früh verstorbenen Vater, von dem er sich im Stich gelassen fühlte und an sein damaliges Versprechen, dies niemals seinem eigenen Kind anzutun. Von einem Tag auf den anderen ist das Leben von Marta und Daniel aus den Fugen geraten. Der Leser begleitet sie in der Krise während der sechs Tage bis zum Termin für den Schwangerschaftsabbruch. Wie wird die Entscheidung ausfallen? Ist für Marta ihr berufliches Fortkommen – eventuell ein neuer Job in Berlin - wichtiger als ein Kind? Die Erinnerung an diese Phase ihres Lebens und an das, was hätte sein können, aber nicht wahr wurde, wird ihnen für immer bleiben.
Die Autorin berichtet über einen Zeitraum von sechs Tagen. Es ist die individuelle Geschichte eines Paares und zugleich das Porträt einer Generation in einer Zeit von politischen, ökonomischen und sozialen Krisen, eine Zeit, in der die Menschen von Unsicherheit, Ängsten und Zweifeln gequält werden. Wer hätte gedacht, dass das Leben nur wenig später durch Pandemie und Krieg noch viel chaotischer werden würde? Mir hat der interessante, gut lesbare Roman gefallen.

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Kind oder Abtreibung?
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Frauen am Scheideweg

Die versteckte Apotheke von Sarah Penner

In Sarah Penners Debütroman geht es einmal im ausgehenden 18. Jahrhundert um die Apothekerin Nella Clavinger, die nach dem Tod der Mutter die Apotheke übernommen, aber das Geschäftsmodell ein wenig verändert hat. Sie verkauft nicht nur Heilmittel, sondern mischt auch Gifte für Frauen, die sich anders nicht vor gewalttätigen Ehemännern oder übergriffigen männlichen Verwandten retten können.

Das tut sie, seit ein Mann, den sie als junge Frau geliebt hat, sie verraten und ihr großen Schmerz zugefügt hat. Als die 12jährige Magd Eliza Fanning im Auftrag ihrer Herrin ein vorbereitetes Gift abholen will, ist dies der Anfang einer Freundschaft. Die Aktion geht allerdings schief und bringt Nella und Eliza in große Gefahr.
In einem zweiten Handlungsstrang in der Gegenwart fliegt Caroline Parcewell allein nach London, um ihr Leben neu zu ordnen. Eigentlich wollte Caroline mit ihrem Mann James mit dieser Reise ihren 10. Hochzeitstag feiern. Kurz zuvor hat sie jedoch erfahren, dass James sie seit Monaten betrügt. Am ersten Tag schließt sie sich einer mudlarking-Gruppe an, die im Uferschlamm der Themse auf Schatzsuche geht. Caroline findet ein altes Glasgefäß, das aus einer Apotheke stammt. Das Interesse der studierten Historikerin ist geweckt, und sie geht der Sache nach. Ihr wird bewusst, dass sie 10 Jahre lang ihre eigenen Wünsche und Ziele verdrängt und sich völlig den Vorstellungen ihres Mannes von ihrem beruflichen und privaten Leben angepasst hat. Statt ein Aufbaustudium in Cambridge zu absolvieren, macht sie langweilige Büroarbeit auf der Farm ihrer Eltern in Ohio. Beide waren in ihrer Ehe zwar nicht unglücklich, aber auch nicht erfüllt.
Auf zwei Zeitebenen und aus drei Perspektiven erzählt Penner die Geschichte von Nella, Caroline und Eliza, wobei sich das Genre des historischen Romans mit der Emanzipationsgeschichte mischt und Themen wie Vertrauen und Verrat, Mutterschaft und das Leben als Frau zur Sprache kommen. Dabei ist mir als Leserin auch die mordende Apothekerin sympathisch, denn ihr Motiv ist sehr gut nachvollziehbar, und ihre über zwei Jahrhunderte hinter einer Regalwand versteckte Apotheke war der einzige Zufluchtsort, an dem die Frauen ihrer Zeit Hilfe fanden. Ein schöner Roman mit Märchenelementen.

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Frauen am Scheideweg
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Im Auge des Hurrikans

Todesspiel. Die Nordseite des Herzens von Dolores Redondo

In Dolores Redondos neuem Roman “Todesspiel“ nimmt die spanische Ermittlerin Amaia Salazar im Rahmen eines Austauschprogramms an Seminaren in der FBI-Zentrale in Quantico teil. Die Teilnehmer haben die Aufgabe das Profil eines Serienkillers zu erstellen, der immer wieder während Naturkatastrophen ganze Familien ermordet.

Dupree, der Leiter der Gruppe, nimmt sie in sein Team auf. Aufgrund ihrer traumatischen Kindheitserfahrungen hat sie ein besonderes Gespür für Täter. Seit ihrer Geburt trachtet ihr ihre psychische kranke Mutter nach dem Leben. Nach einer letzten, fast tödlichen Attacke wächst sie bei ihrer Tante Engrasi auf. Ständig wiederkehrende Albträume beweisen, dass sie die Traumata nicht überwunden hat.
Die Ermittler finden heraus, dass der unbekannte Mörder 18 Jahre zuvor seine Familie umgebracht hat und dann spurlos verschwand. In den letzten 8 Monaten sind mehrere Familien – Eltern, drei Kinder und die Großmutter – nach dem gleichen Muster ermordet worden, immer im Zusammenhang mit einer Naturkatastrophe. Die Leichen liegen nebeneinander nach Norden ausgerichtet, und am völlig verwüsteten Tatort findet sich eine Geige. Das FBI kann den Fall schließlich auf Grund von Amaias Hinweisen lösen.
Im Zuge der Ermittlungen kommen auch andere ungelöste Verbrechen zur Sprache, hinter denen ein dämonischer Täter namens Samedi steckt. Dupree wurde 10 Jahre zuvor von seinen Vorgesetzten daran gehindert, den Fall abzuschließen und sucht noch immer ohne offizielle Erlaubnis nach dem Täter.
Der mit 624 Seiten sehr umfangreiche Roman ist nicht frei von Längen, punktet aber andererseits mit eindrucksvollen Beschreibungen von Hurrikan Katrina, der im August 2005 New Orleans und die ganze Region verwüstete und zahlreiche Menschenleben forderte. Sie schildert das Ausmaß der Zerstörungen sowie die materiellen und psychischen Auswirkungen auf die Menschen, die alles verloren und sich in Chaos und gefährlicher Anarchie wiederfanden. Amaia als Protagonistin hat mir gut gefallen, während wir über Aloisius Dupree nicht viel erfahren. Ich hatte das Gefühl, dass „Todesspiel“ nicht nur in personeller und inhaltlicher Beziehung zu der Baztan-Trilogie steht, sondern dass Redondo eine Fortsetzung mit Dupree plant. Es ist etwas gewöhnungsbedürftig, dass Mythen und Legenden, Dämonen und Geister sowie Voodoo eine so zentrale Rolle spielen. Dennoch ist es ein durchaus lohnendes Buch.

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Im Auge des Hurrikans
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Immigrantenschicksale

Eine Feder auf dem Atem Gottes von Sigrid Nunez

In ihrem im Original schon 1995 erschienenen autobiografisch gefärbten Debütroman erzählt Sigrid Nunez die Geschichte einer Immigrantenfamilie. Der Vater hat chinesische Wurzeln und stammt aus Panama. Während seiner Zeit als Soldat in Deutschland lernt er seine deutsche Frau Christa kennen. Sie wandern in die USA aus und leben in Brooklyn.

Die namenlose Ich-Erzählerin widmet ihm den ersten Abschnitt ihres Buches unter dem Titel Chang, denn so hieß er, bis er in den 30ern den spanischen Namen seiner Mutter annahm. Die Erzählerin kannte ihren Vater nicht wirklich, denn er hat immer nur gearbeitet und bis zu seinem Tod nie richtig Englisch gelernt. Im zweiten Abschnitt lernen wir die Mutter kennen, eine hübsche mal fröhliche, mal sehr traurige Frau, die zu unkontrollierbaren Wutanfällen neigte und teilweise recht rabiat mit ihren Töchtern umging. Sie hatte ihr Leben lang Heimweh nach Deutschland, fuhr aber nur noch selten in die Heimat. Sie war unglücklich in ihrer Ehe, ließ sich aber trotzdem nicht scheiden. Im dritten Abschnitt geht es um die Liebe der Protagonistin zum Ballett. Sie nimmt vom 12. Lebensjahr an Ballettstunden, muss aber bald einsehen, dass das du spät ist, um eine Ballerina zu werden. Sie hat große Schmerzen beim Training, besonders bei dem Versuch, den Spitzentanz zu beherrschen. Im vierten Teil geht es um ihre Liebesbeziehung zu dem Russen Vadim aus Odessa, der anfangs Schüler in ihrem Englischkurs ist. Je besser sein Englisch wird, desto mehr erfährt sie aus seiner schlimmen Vergangenheit, so dass er ihr am Ende nur noch Angst macht.
Nunez beschreibt eindrucksvoll, was Entwurzelung und der Verlust von Heimat und Sprache mit den Menschen machen, welche besondere Verbindung zwischen Liebe und Sprache besteht und welche Macht Familie über unser Leben hat. Mir hat dieser Roman gut gefallen und ich empfehle ihn ohne Einschränkung.

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Immigrantenschicksale
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Die Geschichte der Susanna Faesch

Susanna von Alex Capus

In seinem neuen Roman “Susanna“ erzählt Alex Capus die Geschichte der Familie Faesch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Lukas und Maria Faesch leben in der Nähe von Basel. Nach den Söhnen wird Jahre nach der zweiten fünfjährigen Verpflichtung des Vaters in der Fremdenlegion die kleine Susanna geboren.

Als sich Maria ein paar Jahre später in den deutschen Arzt Karl Valentiny verliebt, der für einige Monate bei ihnen gelebt hatte, trennt sie sich von ihrem Mann. Sie lässt ihre Söhne bei ihrem Mann zurück und folgt Valentiny in die USA, wo sie später heiraten. Susanna wächst in Brooklyn auf. Ihre Begabung für Porträtmalerei zeigt sich schon, als sie noch ein junges Mädchen ist. Sie wird viele Jahre lang ihren Lebensunterhalt mit den Porträts bestreiten, da die Fotografie noch nicht so weit entwickelt ist. Susanna heiratet einen Schweizer Arzt, einen Bekannten ihres Stiefvaters. Das Paar trennt sich, nachdem Susanna ein Kind von einem anderen Mann bekommen hat. Ihren Sohn Christie zieht sie zusammen mit ihrer Mutter auf. Mit Christie wird sie in den Westen reisen, um Sitting Bull zu treffen, der ein paar Jahre vorher General Custer vernichtend geschlagen hatte. Sie will ihn vor den sich nähernden Soldaten warnen und malt sein Porträt.
“Susanna“ ist das Porträt einer starken Frau, die es wirklich gegeben hat. Der Autor zeigt sie vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund, zu dem der Bau der Brooklyn Bridge, die Erfindung der Glühbirne durch Thomas Edison, die Nutzung von Elektrizität im privaten und öffentlichen Raum, vor allem aber der Umgang der Weißen mit den Ureinwohnern gehören. Sie verlieren ihr Leben und den größten Teil ihres Landes und mit den riesigen, von den Weißen ausgerotteten Büffelherden auch ihre Existenzgrundlage.
Capus erzählt mit wechselnden Perspektiven vor allem eine Familiengeschichte um die lange Zeit vergessene Malerin Susanna Faesch, ohne auf ihre jahrelangen Aktivitäten als Kämpferin für die Rechte der indigenen Völker einzugehen. Auch den traurigen Schluss der Geschichte, dass Susanna Sitting Bull nicht retten kann und es zu weiteren blutigen Massakern kommt, lässt der Autor weg. Insgesamt hat mich das Buch etwas enttäuscht. Kein späterer Roman hat mir im Übrigen so gut gefallen wie “Leon und Louise“.

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Die Geschichte der Susanna Faesch
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Die Geschichte einer starken Frau

Matrix von Lauren Groff

Lauren Groffs neuer Roman “Matrix“ spielt im 12. Jahrhundert und erzählt die Geschichte von Marie de France. Die 17jährige Marie ist Vollwaise und wird von ihrer Halbschwester Eleonore als Priorin in einem heruntergekommenen, völlig verarmten Kloster in einer englischen Sumpflandschaft eingesetzt.

Sie ist so unattraktiv, dass sie am Hof nicht mehr tragbar ist und auch nicht verheiratet werden kann. In dem Kloster leben noch 20 dürre Nonnen, die anderen sind an Seuchen gestorben oder verhungert. In der ersten Zeit will Marie nur unbedingt an den Hof zurück, muss aber einsehen, dass das nicht passieren wird. Dann erwacht ihre Tatkraft, und sie setzt ihren ganzen Mut und ihre Willensstärke ein, um das Kloster und die ihr anvertrauten Schwestern zu retten. Sie treibt bei säumigen Pächtern den fälligen Pachtzins ein, renoviert das Kloster, kümmert sich um Landwirtschaft und Viehzucht und setzt die Amtsträgerinnen so geschickt ein, dass das Kloster zu Ansehen und Reichtum kommt. Das weckt den Neid und die Gier der kirchlichen Vorgesetzten und des Hofs, aber auch der Dörfler. Marie lässt sich einiges zum Schutz ihrer Töchter einfallen und hat ein Netz von Informanten, die sie über geplante Attacken aller Art informieren.
Auch das Leben in der Gemeinschaft ist nicht frei von Problemen. Es gibt verbotene Lust, Schwangerschaft und Geburt, aber vor allem Neid, Missgunst und Intrigen und Kritik an Maries Arroganz und ihrem selbstherrlichen Anspruch, in ihrer Position als selbsternannte Heilige über kirchlichem und weltlichem Recht zu stehen. Sie hat Visionen, in denen ihr die Jungfrau Maria erscheint und ihr neue Wege aufzeigt.
Groffs Roman zeichnet kenntnisreich und sprachlich sehr gelungen das Porträt des klösterlichen Lebens im 12. Jahrhundert und beschreibt zugleich fünf Jahrzehnte im Leben einer intelligenten, starken Frau mit außerordentlichen Führungsqualitäten, die den Roman teilweise wie eine feministische Utopie wirken lassen. “Matrix“ ist Fiktion, denn über die reale Marie de France, eine Dichterin von Lais, ist sehr wenig bekannt, nicht einmal, ob sie tatsächlich in einem Kloster gelebt hat.
Mir hat der Roman sehr gut gefallen, obwohl ich sonst selten historische Romane lese. Ich empfehle ihn ohne Einschränkung.

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Es ist immer eine Frage des Geldes

Die Wunder von Elena Medel

Elena Medels gefeierter Debütroman “Die Wunder“ erzählt eine Familiengeschichte über einen Zeitraum von knapp 50 Jahren: 1969-2018. Großmutter Maria wird nach einer Beziehung mit einem verheirateten Mann schwanger und muss Cordoba verlassen. Sie lebt danach in Madrid und arbeitet als Kindermädchen und Hausangestellte.

Ihre Tochter Carmen wird von ihrer Familie aufgezogen. Maria erfährt nur über ihren jüngeren Bruder Chico Dinge aus dem Leben der Tochter. Maria führt ein Leben im Prekariat in einer winzigen Mietwohnung mit schlecht bezahlten Jobs. Sie hat in Pedro einen Partner, den sie nie heiratet und mit dem sie auch nach 24 Jahren nicht zusammenleben will. Der Leser erfährt, was es bedeutete, in dieser Zeit eine Frau zu sein: in der Öffentlichkeit hat sie nicht das Recht sich zu gesellschaftlichen und politischen Themen zu äußern, obwohl sie belesen ist und sich auszudrücken weiß. Durch häusliche Diskussionen liefert sie ihrem Partner Argumente und Formulierungshilfen. Frauen redeten bei Treffen nur mit Frauen, und zwar über Schwangerschaft und Geburt, Kochrezepte und Schönheitstipps. Obwohl sich nach dem Ende der Diktatur - Franco starb 1975 - und dem Sieg der linken Partei Partido Socialista Obrero Espanol (PSOE) im Jahr 1982 die gesellschaftlichen Verhältnisse in Spanien änderten, wiederholt Enkelin Alicia in gewissem Umfang die Erfahrungen der unbekannten Großmutter. Als ihr geschäftlich zunächst sehr erfolgreicher Vater nach seinem Bankrott Selbstmord begeht, stürzt auch sie gesellschaftlich ab und lebt in ebenso prekären Verhältnissen wie Maria.
Medel erzählt auf zwei Zeitebenen und mit wechselnder Perspektive Marias und Alicias Geschichte. Es geht um das Gewicht der Familie im Leben einer Frau, um die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Klasse und immer wieder um Geld, vor allem den Mangel an Geld. Inwieweit definiert uns das Geld, das wir nicht haben? Welche Verantwortung, Erwartungen, Sehnsüchte und Sorgen machen das Leben einer Frau aus?
Mir hat der nicht gerade mühelos zu lesende Roman trotzdem gefallen, weil es Frauenschicksale vom Ende der Franco-Diktatur bis zu den Krisen unserer Zeit eindrucksvoll präsentiert. Eine empfehlenswerte Lektüre, aber nicht für jeden Leser.

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Ein Roman verändert Leben

Das Glück auf der letzten Seite von Cathy Bonidan

Eine junge Frau namens Anne-Lise will ein paar Urlaubstage in der Bretagne verbringen und reserviert das Zimmer 128 im Hotel Beau Rivage. Dort findet sie zu ihrem großen Erstaunen ein altes Manuskript. Sie liest den Roman und ist sehr davon angetan. Dann schickt sie das Manuskript an die beigefügte Andresse.

Wie sich herausstellt, hat Sylvestre, der Autor, seinen Text seit über 30 Jahren nicht mehr gesehen und weiß auch nicht, wer den Schluss verfasst hat. Beide beginnen mit den Nachforschungen, um herauszufinden, durch welche Hände der Roman gegangen ist und wie das alles zusammenhängt.
Bonidan wählt die ungewöhnliche Form des Briefromans. Wir lesen die Korrespondenz von einer wachsenden Zahl von Personen, die sich schreiben, zum Teil begegnen. Auf diese Weise werden immer mehr Indizien zusammengetragen, die den Leser die Geschichte zurückverfolgen lassen. Das Manuskript selbst bekommen wir nicht zu sehen. Dafür werden wir Zeugen von erstaunlichen Veränderungen: Menschen verlassen ihre selbstgewählte Isolation und nehmen wieder am Leben Teil, andere verlieben sich und fangen eine Beziehung an. Allerhand Geheimnisse aus der Vergangenheit kommen ans Licht. Am Ende ist das Leben aller Beteiligten ein anderes.
Ich habe den Roman gern gelesen, obwohl ich die wachsende Personenzahl teilweise etwas verwirrend fand und man anders als bei einer stringenten Handlung leichter den Überblick verliert, welche vielfältigen Verbindungen es zwischen einzelnen Figuren gibt. Mir gefällt der Roman, wobei mich die Autorin nicht erst davon überzeugen musste, dass Bücher Leben verändern. Sehr empfehlenswert.

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Die Geschichte der Casadios

An den Ufern von Stellata von Daniela Raimondi

In ihrem Debütroman „An den Ufern von Stellata“ erzählt Daniela Raimondi die sieben Generationen umfassende Geschichte der Familie Casadio – von 1800 bis 2013. Es beginnt mit Giacomo Casadio, der sich in ein Mitglied des fahrenden Volkes verliebt. Die Gruppe musste wegen starker Regenfälle in der Nähe des Ortes Stellata in der Lombardei überwintern und bleibt für immer.

Giacomo und Viollca werden ein Paar. Durch diese Verbindung gibt es über Generationen den hellhäutigen Zweig der Familie und den dunkelhäutigen mit braunen Augen und dichter schwarzer Mähne. Viollca bringt ein übersinnliches Element in die Geschichte, nicht nur durch die merkwürdigen Federn in ihren Haaren, sondern auch durch ihre Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken. Auch in den folgenden Generationen gibt es immer wieder einzelne Mitglieder der Familie, die über solche Fähigkeiten verfügen.
Erzählt wird die Familiensaga unter Einbeziehung der Zeitgeschichte: 1. und 2. Weltkrieg, der Kampf der Partisanen, die Roten Brigaden usw. So ist der Roman zugleich Familiengeschichte und Geschichtsbuch. Der Roman liest sich gut, obwohl die Personenvielfalt ein wenig für Verwirrung sorgt. Es empfiehlt sich, einen Stammbaum anzulegen, um nicht den Überblick zu verlieren. Trotz einiger Längen im letzten Drittel hat mir das Buch gut gefallen, und ich empfehle es gern.

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Jeder gegen jeden

Poppy. Dein Kind verschwindet. Und die ganze Welt sieht zu. von Kristine Getz

In Oslo verschwindet eines Tages die kleine Poppy, die niedliche zweijährige Tochter der Bloggerin Lotte und ihres Mannes Jens Wiig. Poppys tägliche Präsenz in den sozialen Medien und die Werbung für bestimmte Artikel sichern dem Ehepaar bei 440.000 Followern auf Instagram üppige Einnahmen, zerstören aber jegliche Privatsphäre.

Wenn die Eltern also Poppys Bild vor dem Haus der Großeltern posten und bekannt geben, dass sich das Kind in Abwesenheit der Eltern dort aufhält, erfahren das Tausende. Gerade ist ein ganz ähnlicher Fall mit der Rückkehr des Kindes noch einmal gut ausgegangen. Jetzt tappt die Polizei jedoch zunächst völlig im Dunkeln. Die nach einem Zusammenbruch noch krankgeschriebene Ermittlerin Emer Murphy erfährt von dem neuen Fall und beginnt sofort mit der Arbeit. Mit ihren besonderen intuitiven Fähigkeiten hat sie schon so manchen Fall gelöst. Sie will Poppy unbedingt zurückholen, zumal sie selbst durch den Verlust eines Kindes traumatisiert ist.
Erzählt wird die komplizierte Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Neben den beiden Handlungssträngen um das verschwundene Kind und die Ermittlerin Murphy kommen wichtige Themen ausführlich zu Sprache: Pädophilie und die Gefährdung von Kindern durch Exposition im Netz, aber auch eine schwierige Familiensituation, in der jeder etwas zu verbergen hat und rücksichtslos seine eigenen Interessen verfolgt. So weiß Ehemann Jens nichts über die Vergangenheit seiner Frau, die als kindlich aussehendes Cam-Girl Charlie von ihrer Schwester Alex im Netz vermarktet wurde und für viel Geld die speziellen Wünsche von Perversen aller Art erfüllte. Ich finde den Roman zwar überwiegend spannend, aber insgesamt ein wenig wirr, zu konstruiert und von daher wenig plausibel. Dieser Auftakt einer Serie um Emer Murphy hat mich eher enttäuscht.

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Jeder gegen jeden