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Rezensionen von cosmea:
Lügen, Geheimnisse und Schuld
Als die Welt zerbrach von John Boyne
John Boynes Roman “Als die Welt zerbrach“ schließt inhaltlich und personell an “Der Junge im gestreiften Pyjama“ an und erzählt Gretels Leben auf mehreren Zeitebenen. Gretel floh nach Kriegsende mit ihrer Mutter aus Polen, zunächst nach Frankreich, wo sie ihre Herkunft nicht lange verbergen konnten.
Nach dem Tod der Mutter wandert Gretel nach Australien aus. Aber auch dort ist sie nicht sicher, weil ihr ein ihr bekannter ehemaliger Nazi mit neuer Identität schaden könnte genauso wie sie ihm. Sie war als 12jährige in den Soldaten verliebt, der ihrem Vater, dem Lagerleiter von Ausschwitz, unterstellt war. Danach ging sie nach London, wo sie den Historiker Edgar Fernby heiratete, einen Sohn aufzog und seit Jahrzehnten in einer Wohnung in einem Villenviertel lebt. Inzwischen ist sie 91 Jahre alt. Dann zieht eines Tages eine Familie mit einem 9jährigen Sohn ein, und alles wird anders. Das Ehepaar streitet häufig lautstark, und Mutter und Sohn haben immer wieder neue Verletzungen. Für Gretel stellt sich die Frage, ob sie wieder wegsieht und verdrängt wie in Ausschwitz, wo sie erst spät verstand, was da passierte, oder ob sie versucht, den Jungen und seine Mutter zu schützen. Gibt sie jetzt ihre Deckung auf und stellt sich erstmalig ihrer Vergangenheit, die sie ein Leben lang verdrängt hat? Sie war ein 12jähriges Mädchen und hat keine Verbrechen begangen, gesteht sich aber inzwischen eine Mitschuld am Tod des jüngeren Bruders Bruno ein.
In diesem Roman über ein wichtiges Thema geht es immer wieder um die Frage der Schuld. Man kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber wie lebt man damit? Gretel ist traumatisiert und beschädigt, und hat sich nur ihrem Mann Edgar offenbart, ansonsten geschwiegen, gelogen, verdrängt… Dieses nicht ganz einfach zu lesende Buch lässt den Leser nicht kalt, verlangt aber einiges an Aufmerksamkeit und Geduld. Es ist dennoch eine empfehlenswerte Lektüre, die eigentlich die Kenntnis des Vorgängers voraussetzt.
Die Geschichten, die wir erzählen
Unsre verschwundenen Herzen von Celeste Ng
Celeste Ngs neuer Roman “Unsre verschwundenen Herzen“ spielt in den USA in der nahen Zukunft. Das PACT (Preserving American Culture and Traditions Act) genannte Gesetz beendete 10 Jahre zuvor eine schwere Krise, die viele Menschen in den Ruin trieb. Man gab Asien, vor allem China die Schuld an allen Krisen und Fehlentwicklungen.
Per Gesetz wird die amerikanische Kultur geschützt und alle subversiven Elemente sollen ausgemerzt werden. Eine große Zahl von Büchern verschwindet, chinesische Straßennamen werden geändert, und die Bürger tragen demonstrativ die amerikanische Flagge als Abzeichen. Um Kinder vor schädlichen unamerikanischen Einflüssen zu schützen, werden Familien auseinandergerissen und die Kinder unter neuem Namen an unbekanntem Ort in Pflegefamilien und Heime verfrachtet. Dieses Schicksal droht auch dem 9jährigen Noah Gardner, genannt Bird, weil seine Mutter Margaret Min die Tochter chinesischer Einwanderer ist. Sie hat einen Gedichtband veröffentlicht, aus dem das Gedicht „All our Missing Hearts“ stammt, das zum Schlachtruf einer Protestbewegung gegen PACT geworden ist. Um ihre Familie zu schützen, verschwindet Margaret spurlos. 3 Jahre später schickt sie ihrem geliebten Sohn eine Zeichnung, und Bird macht sich auf die Suche. Der Roman erzählt seine Odyssee und die Szenen von Diskriminierung und Gewalt, deren Zeuge bzw. Opfer der nicht wie ein reinrassiger Amerikaner aussehende Junge wird.
Die berührende Geschichte beschreibt aktuelle Tendenzen, ja sogar Geschehnisse, die es in der Vergangenheit bereits gegeben hat: Kinder aus indigenen Familien wurden zum Beispiel in Kanada und Australien von ihren Familien getrennt, ggf. auch getötet, wie die noch immer auf dem Gelände ehemaliger Heime in Kanada gefundenen Massengräber beweisen. Unter Trump wurden an der amerikanisch-mexikanischen Grenze Eltern von ihren Kindern getrennt, und Trump bezeichnete diese Einwanderer als „bad hombres“. Die aktuelle Pandemie war für ihn „the China Flu.“
Ng zeigt in ihrem Buch, dass wir den Menschen nicht mit Misstrauen und Furcht begegnen sollten, sondern mit Liebe und Empathie. Sie rühmt die Macht der Worte, die Rolle der Bücher. Bibliotheken werden bei ihr zu einem Ort der Zuflucht und der Begegnung. Die Geschichten, die wir uns erzählen, sind wichtig. Mir gefällt die Figur des Jungen und das Porträt dieser Mutter-Kind-Beziehung sehr. Ein sehr empfehlenswerter Roman.
Leid und Schuld
Der Sturm von Jane Harper
Kieran Elliott kommt nach 12 Jahren in seinen Heimatort Evelyn Bay an der tasmanischen Küste zurück, um seiner Mutter bei einem Umzug zu helfen. Er wird begleitet von seiner Freundin Mia und der kleinen Tochter Audrey. Hier hatte sich damals während eines furchtbaren Sturms ein Unglück ereignet, bei dem Kierans älterer Bruder Finn genauso ums Leben kam wie Toby, der Bruder seines Freundes Sean.
Außerdem verschwand damals Gabby Birch, 14, die jüngere Schwester von Olivia, die ebenfalls zu dem Freundeskreis gehört. Der Polizist Chris Renn, inzwischen Sergeant, ist immer noch in der Polizeistation tätig. Kaum ist Kieran in seinem Heimatort angekommen, wird eine junge Frau tot am Strand gefunden. Bronte Laidler war die Mitbewohnerin von Olivia Birch. Kieran ist in Evelyn Bay nicht willkommen, weil man ihm die Schuld am Tod der beiden Männer gibt. Aus diesem Grund ist auch sein Verhältnis zu seiner Mutter gespannt. Keiner im Ort hat die damalige Tragödie vergessen, und vor allem die Angehörigen der Toten und des verschwundenen Mädchens trauern noch immer. Im Verlauf der Ermittlungen kommen immer mehr Details aus der Vergangenheit ans Licht. Die Polizei will wissen, was damals wirklich geschah und gleichzeitig den aktuellen Mordfall aufklären.
Ich kenne die drei Vorgänger dieses Romans, die allesamt spannender waren und Landschaft und Klima in viel stärkerem Umfang einbezogen. Hier geht es immer nur um die eine kleine Bucht mit den drei eisernen Statuen, die bei Flut im Wasser verschwinden, sowie den Eingängen zu den beiden Höhlen mit dem Labyrinth von Gängen im Inneren. “Der Sturm“ hat mich enttäuscht, nicht zuletzt wegen der schlechten Qualität der Übersetzung und der erheblichen Zahl von Fehlern, die ein sorgfältiges Lektorat hätte ausmerzen können.
Ein raffinierter Plot
Die rätselhaften Honjin-Morde von Seishi Yokomizo
Mit “Die rätselhaften Honjin-Morde“ des vor gut 40 Jahren verstorbenen in Japan berühmten Autors Seishi Yokomizo liegt endlich die deutsche Übersetzung eines Kriminalromans vor, der bereits 1946 als Serie und 1973 als Buch existierte. Der Autor hat gründlich recherchiert, eine Menge Material zusammengetragen und Zeugen befragt.
Als Ich—Erzähler ist er Teil der Geschichte und wendet sich immer wieder direkt an den Leser, um sicherzustellen, dass seine Hinweise verstanden werden.
Kenzo Ichiyanagi, der älteste Sohn der Witwe Itoko, will im Alter von 40 Jahren endlich heiraten. Seine Auserwählte, die junge Lehrerin Katsuko, wird jedoch wegen ihrer bäuerlichen Herkunft von der Familie zunächst abgelehnt. Kenzo setzt sich durch und bereitet die Hochzeit auf dem Anwesen der reichen und angesehenen Familie vor. In der Hochzeitsnacht sind jedoch plötzlich Schreie zu hören und jemand spielt die Koto. Als sich Angehörige Zugang zum Schlafzimmer der Brautleute verschaffen, bietet sich ihnen ein furchtbarer Anblick. Die Eheleute liegen in ihrem Blut auf dem Bett. Das Besondere daran ist, dass es keine Hinweise auf einen Eindringling gibt, auch nicht wie dieser das von innen verschlossene Zimmer verlassen hat. Ginzo, der Onkel der Braut, ruft den befreundeten Privatdetektiv Kosuke Kindaichi zu Hilfe. Diesem gelingt es schließlich, den Tathergang zu rekonstruieren und das Rätsel des Locked Room Murder Mystery zu lösen. Dem Leser gelingt das mit Sicherheit nicht. Da gibt es falsche Fährten und Verdächtige wie den heruntergekommenen Mann mit den drei Fingern, der vor der Tat im Dorf gesehen wurde und der sich ausdrücklich nach der Adresse der Familie erkundigt hatte.
Der Autor schreibt einen Roman in einem traditionellen Genre, zeichnet aber auch ein Porträt von komplizierten Familienstrukturen und äußert sich kritisch zu gesellschaftlichen Verhältnissen. Trotz des geringen Umfangs erhält der Leser ausreichende Informationen über die beteiligten Personen und den Schauplatz. Ich habe den spannenden Roman gern gelesen.
Die Monster sind mitten unter uns
Das siebte Mädchen von Stacy Willingham
In Stacy Willinghams Debütroman “Das siebte Mädchen“ geht es um entführte und ermordete Mädchen 20 Jahre zuvor und in der Gegenwart. Chloe Davis, 32, ist Psychologin in Baton Rouge und ist noch immer schwer traumatisiert durch das, was sie mit 12 Jahren erlebte. Damals verschwanden innerhalb kurzer Zeit sechs junge Mädchen.
Ausgerechnet Chloe fand Beweismaterial im Kleiderschrank und übergab es der Polizei und machte belastende Aussagen, die zur Verhaftung und Verurteilung ihres Vaters führten. Ihr Vater gestand die Taten, und die Familie zerbrach. Die Mutter unternahm einen Selbstmordversuch und lebt seitdem als Pflegefall im Heim. Chloe blieb nur der drei Jahre ältere Bruder Cooper. Dann werden wieder zwei Mädchen ermordet. Gibt es einen Nachahmungstäter, oder sitzt der Falsche seit 20 Jahren im Gefängnis? Das zweite Mädchen verschwand nach ihrem ersten Gesprächstermin bei Chloe. Chloe mit ihrer komplizierten Vorgeschichte gerät in den Fokus der Polizei, aber niemand glaubt ihr, wenn sie Verdächtige nennt. Sie ist mit Daniel Briggs verlobt und will in Kürze heiraten. Auch Daniels Schwester Sophie verschwand vor 20 Jahren. Aaron Jansen, ein Reporter, interviewt Chloe und kommt ihr näher. Chloe wird seit der Tragödie in ihrer Kindheit von Ängsten und Albträumen gequält und vertraut eigentlich niemand mehr. Sie überlebt nur mit Hilfe von Medikamenten. Als die Tochter ihrer Freundin verschwindet, greift sie massiv in die Ermittlungen ein und geht verschiedenen Verdachtsmomenten nach.
Der mit einigen Längen erzählte Thriller ist von der Plotidee her nicht neu und hat viele überraschende Wendungen, nicht alle plausibel. Ich habe die Auflösung frühzeitig erraten, die Geschichte dennoch bis zum traurigen Ende verfolgt. Der Roman hat mir weniger gut gefallen, als ich erwartet hatte.
Eine Frau kämpft ums Überleben
Die Hennakünstlerin von Alka Joshi
Alka Joshis Roman “Die Hennakünstlerin“ spielt in Indien Mitte des 20. Jahrhunderts nach Ende der britischen Kolonialherrschaft. Im Mittelpunkt steht die junge Lakshmi, die mit 15 von ihren Eltern verheiratet wurde, weil sie sie nicht länger ernähren konnten. Nach zwei Jahren flieht sie, um ihrem gewalttätigen Ehemann Hari zu entkommen und bringt damit Schande über ihre Familie.
Lakshmi lebt in der Großstadt Jaipur und hat sich einen guten Ruf als Hennakünstlerin erworben. Reiche Frauen aus der Oberschicht lassen sich von ihr kunstvoll bemalen oder bei gesundheitlichen Problemen mit ihren von der Schwiegermutter erworbenen Kenntnissen in der Kräuterheilkunde helfen. Auch bei traditionellen Festen und Ritualen aller Art ist ihre Hilfe sehr gefragt. Trotz der allgemeinen Wertschätzung bleibt ihr der gesellschaftliche Aufstieg versagt, weil sie bei ihrer Arbeit die Füße ihrer Kundinnen berührt, was sonst nur Frauen der niedrigsten Kaste tun. Dann holt sie eines Tages ihre Vergangenheit ein, als ihr Ehemann mit ihrer 13jährigen Schwester Rhada bei ihr auftaucht, von deren Existenz sie nichts wusste.
Der Roman erzählt, wie sich die schwierige Beziehung zwischen den Schwestern entwickelt und wie sich Lakshmi gegen die ständigen finanziellen Forderungen ihres Mannes wehren muss. Sie wird Opfer einer Verleumdungskampagne und verliert ihre Kundschaft und ihre Existenzrundlage, aber Lakshmi gibt nicht auf. Joshis Roman lässt den Leser auch sprachlich tief in eine fremde Welt eintauchen, wo die Zugehörigkeit zu einer Kaste und gesellschaftlichen Klasse über das Leben der Menschen entscheidet und die soziale Ungerechtigkeit besonders Frauen benachteiligt. Da freut sich die Leserin doch, in einer westlichen Kultur zu leben.
Mir hat die mit viel Empathie erzählte Geschichte sehr gut gefallen und ich empfehle sie gern allen, die bereit sind, sich auf eine fremde Welt einzulassen.
Vom Privileg, ein Leben ohne Privilegien kennengelernt zu haben
Anleitung ein anderer zu werden von Édouard Louis
“Anleitung ein anderer zu werden“, der neue Roman von Edouard Louis, ist wie seine vier Vorgänger autobiografisch. Wie schon in “Das Ende von Eddy“ erzählt er von seiner von extremer Armut geprägten Kindheit in einem kleinen Dort in der Picardie. Weil er anders ist als andere, wird er schon als kleiner Junge als Schwuchtel und schwule Sau beschimpft und immer wieder körperlich angegriffen.
Er hat von Anfang an nur einen Wunsch, diesem Milieu zu entkommen und Rache für diese schreckliche Kindheit zu nehmen. Eine erste Chance auf Veränderung bietet sich ihm, als er das Gymnasium in Amiens besuchen darf. Er findet in Elena eine enge Freundin, die ihm durch ihr weltoffenes, gastfreundliches Elternhaus eine andere Welt erschließt. Nach dem Abitur helfen ihm andere gebildete, gutsituierte Freunde, sich auf die Prüfung für die Ecole Normale Supérieure vorzubereiten, denn Eddie, der sich inzwischen Edouard nennt, hat begriffen, dass Bildung Macht ist und dass man den sozialen Aufstieg nicht wirklich ohne den Besuch einer Eliteschule schafft. In diesen Jahren bis Mitte 20 lebt er wie ein Getriebener, besessen vom Wunsch nach Veränderung, immer wieder bemüht, sich an ein neues Umfeld anzupassen und zieht weiter, wenn es nicht funktioniert. Er versucht, alle Leben zu leben, obwohl dieser Versuch durch seine Herkunft eigentlich zum Scheitern verurteilt ist. Keiner aus seinem Dorf hat diesen Neuanfang bisher geschafft, nicht einmal die jungen Männer, die Kellner oder Koch werden wollten.
In Louis Buch steckt mehr als sein persönliches Schicksal. Es enthält auch eine gute Portion Sozialkritik, zeigt es doch, dass die gut situierte Hälfte der französischen Gesellschaft gar nicht weiß, wie erbärmlich die andere Hälfte zum Teil lebt. Das zeigt sich schon in der Schule, wenn Eddy das Kantinenessen für sich abbestellen muss, weil kein Geld da ist und ihm gesagt wird, seine Eltern sollten sich doch mal ein bisschen bemühen. Noch krasser ist die Szene in der Zahnarztpraxis in Paris, wo er vier Jahre lange seine kaputten, schiefen Zähne reparieren lässt, weil es mit einem solchen Gebiss niemand nach oben schafft. Die entsetzte Zahnärztin behauptet, jeder in Frankreich könne sich einen Zahnarztbesuch leisten. Schließlich gebe es die Krankenversicherung, die den größten Teil der Kosten abdeckt. Dass Menschen wie in seinem armen Dorf in der Provinz nicht einmal jeden Tag etwas zu essen haben, weiß auch sie nicht.
Mir hat das Buch gut gefallen, obwohl mir vieles bereits aus “Das Ende von Eddy“ und “Im Herzen der Gewalt“ bekannt war und wir ja auch wissen, wie die Geschichte ausgeht: Edouard Louis, 30, hat es geschafft und ist einer der führenden Autoren der französischen Gegenwartsliteratur.
Der Held erlebt ein Fiasko
Ich verliebe mich so leicht von Hervé Le Tellier
In Hervé Le Telliers hochgelobtem Roman “Ich verliebe mich so leicht“ liebt der namenlose Held die ebenso namenlose Heldin und reist ihr unaufgefordert nach Schottland nach. Während ihrer leidenschaftlichen Affaire in Paris hat die deutlich jüngere Geliebte nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie eine feste Beziehung mit einem anderen hat.
Der auf die 50 zugehende Held kann trotzdem nicht glauben, dass sie ihn überhaupt nicht liebt oder begehrt. Seine zwei Tage in Schottland verbringt er im Wesentlichen mit Warten und will bis zum Schluss nicht einsehen, dass er keine Chance hat. Da hilft auch nicht die vage Aussicht, die geliebte Frau in Paris noch einmal wiederzusehen.
In dem schmalen Bändchen im Reclam-Format passiert nicht viel. Der Leser bekommt einen Einblick in die Gedanken und Gefühle des frustrierten Liebhabers, der sich diese Demütigung nicht hätte antun müssen. Ich habe die Geschichte im Original gelesen und hatte viel Freude an der sprachlichen Qualität, dem Witz und den Wortspielen. Letztere gehen in der deutschen Übersetzung wahrscheinlich verloren, zum Beispiel, wenn er die Frau im Auto auffordert sich anzuschnallen („Je préférerais aussi que tu t´attaches.“) und dann lächelnd hinzufügt, dass sie ja nicht ohne weiteres Bindungen eingeht („… c´est vrai que tu ne t´attaches pas facilement.“ S. 37). Der Mann lächelt, die Reaktion der Frau ist unbekannt.
Als Roman hat mich die Geschichte nicht wirklich überzeugt. Da bin ich etwas enttäuscht.
Der Meister der Bindungslosigkeit
People Person von Candice Carty-Williams
Cyril Pennington stammt aus Jamaica und lebt seit seinem 15. Lebensjahr in London, wohin er seiner Mutter folgte, die ihn als Kleinkind zurückgelassen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ihm niemand gesagt, dass die Menschen, die ihn aufzogen, nicht seine Eltern waren. In London hat er später fünf Kinder mit vier Frauen, die er im Alter von 9 bis 19 in einem Park zusammenbringt, damit sie sich kennenlernen.
Anfangs funktioniert das nicht, aber Jahre später bittet Influencerin Dimple ihre ältere Schwester Nikisha in einer schwierigen persönlichen Situation um Hilfe. Dimples Ex-Freund bedroht und erpresst sie und will sie im Netz bloßstellen. Nikisha informiert die Geschwister, die sich nicht alle als hilfsbereit erweisen.
Der insgesamt recht handlungsarme Roman stellt dem Leser die Mütter und andere Verwandte vor und zeigt, wie sich im Lauf vieler Jahre engere verwandtschaftliche Beziehungen herausbilden. Die Geschwister müssen nicht nur miteinander zurechtkommen, sondern auch mit der Tatsache, dass sie einen Vater haben, der nie Verantwortung übernommen hat - auch nicht wirklich für sein eigenes Leben. Er arbeitet als Busfahrer, stellt den Frauen nach, spielt Domino und verliert sein bisschen Geld in Wettbüros. Nie hat er die vier alleinerziehenden Mütter in irgendeiner Weise unterstützt. Er hat nicht nur keinen Penny Unterhalt gezahlt, sondern versucht sogar bei jedem Treffen mit seinen Kindern, sie wegen einer vorgetäuschten Notlage anzupumpen. Er ist zwar gesellig, immer gut gelaunt und extrovertiert, eine People Person eben, aber er will einfach nicht Vater sein. Er hatte vielleicht gute Absichten, aber er kann es nicht. Er ist, wie er ist. Das müssen die fünf Kinder akzeptieren, als sie ihn gegen Ende seines Lebens zur Rede stellen. Nur so können sie ihren Frieden mit ihrer familiären Situation machen.
Ich habe den Roman trotz einiger Längen ganz gern gelesen, weil er zeigt, wie sehr uns Familie prägt und unser ganzes Leben beeinflusst.
Kind oder Abtreibung?
Sanfte Einführung ins Chaos von Marta Orriols
Marta und Daniel, Anfang 30, sind seit zwei Jahren ein Paar und leben seit einem Jahr zusammen mit ihrem Hund Rufus in einer kleinen Mietwohnung in Barcelona. Sie ist Fotojournalistin, er schreibt Drehbücher für Serien. Obwohl sie studiert haben, finden sie keine Jobs, die angemessen bezahlt werden.
Beide warten immer noch auf den großen beruflichen Durchbruch, aber sie wissen, dass ihnen inzwischen die Zeit davonläuft. Eines Tages teilt Marta ihrem Freund mit, dass sie schwanger ist, aber das Kind nicht bekommen will. Den Termin für die Abtreibung hat sie bereits vereinbart. Sie haben nie über die Zukunft gesprochen, schon gar nicht über einen möglichen Kinderwunsch. Sie lieben sich, aber ihre Beziehung ist irgendwie unverbindlich geblieben. Dennoch ist Daniel schockiert, dass Marta es nicht für nötig gehalten hat, mit ihm über die Schwangerschaft zu sprechen und ihn an dieser wichtigen Entscheidung zu beteiligen. Daniel quält sich mit Erinnerungen an den eigenen früh verstorbenen Vater, von dem er sich im Stich gelassen fühlte und an sein damaliges Versprechen, dies niemals seinem eigenen Kind anzutun. Von einem Tag auf den anderen ist das Leben von Marta und Daniel aus den Fugen geraten. Der Leser begleitet sie in der Krise während der sechs Tage bis zum Termin für den Schwangerschaftsabbruch. Wie wird die Entscheidung ausfallen? Ist für Marta ihr berufliches Fortkommen – eventuell ein neuer Job in Berlin - wichtiger als ein Kind? Die Erinnerung an diese Phase ihres Lebens und an das, was hätte sein können, aber nicht wahr wurde, wird ihnen für immer bleiben.
Die Autorin berichtet über einen Zeitraum von sechs Tagen. Es ist die individuelle Geschichte eines Paares und zugleich das Porträt einer Generation in einer Zeit von politischen, ökonomischen und sozialen Krisen, eine Zeit, in der die Menschen von Unsicherheit, Ängsten und Zweifeln gequält werden. Wer hätte gedacht, dass das Leben nur wenig später durch Pandemie und Krieg noch viel chaotischer werden würde? Mir hat der interessante, gut lesbare Roman gefallen.











