Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Francesca :
Liebe, Lügen und Geheimnisse - 4,5 Sterne
Firewatch von Colin Hadler
Dieses Buch hat mir wirklich sehr, sehr viel Spaß gemacht und zwar auf eine Art, mit der ich so nicht gerechnet hätte. Es hat meine Erwartungen übertroffen, aber anders als gedacht. Vor allem hat es mich hervorragend unterhalten.
Das Buch wird als Thriller beziehungsweise Suspense-Romance eingeordnet.
Wer hier allerdings von der ersten Seite an knallharte Thriller-Elemente erwartet, sollte seine Erwartungen ein wenig anpassen. Die Romance nimmt einen großen Raum ein deutlich größer, als ich zunächst angenommen hatte. Für mich war das jedoch kein Kritikpunkt, im Gegenteil: Genau dieser starke Romance-Anteil hat mich letztlich überzeugt.
Im Zentrum steht ein ungeklärter Vermisstenfall. Aaron ist verschwunden, und sein bester Freund Robin versucht auf eigene Faust herauszufinden, was mit ihm passiert ist. In der Gegenwart begleiten wir vor allem Robin, während die Vergangenheit sich stark um Aaron und Kian dreht. Diese Struktur – Vergangenheit und Gegenwart – wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt: Die Vergangenheit aus einer Erzählperspektive, die Gegenwart aus der Ich-Perspektive. Gerade am Anfang fiel es mir etwas schwer, die Perspektiven klar einzuordnen. Ich war zunächst überzeugt, dass Robin selbst der Erzähler der Vergangenheitskapitel sei. Erst als der Erzähler deutlich aus dem Geschehen heraustrat und sogar an Robin appellierte, wurde klar, dass hier anders gearbeitet wird.
Der Autor spielt gezielt mit Unsicherheit und Irritation, ein Stilmittel, das der Spannung definitiv zugutekommt. Diese bewusste Verwirrung passt hervorragend zur Atmosphäre des Buches. Besonders gelungen fand ich die mysteriösen, fast poetisch anmutenden Kapitel, in denen eine unbekannte Person von Dunkelheit, Vergangenheit und Geheimnissen spricht. Diese Einschübe sind leicht verstörend, wirken psychologisch intensiv und lassen einen rätseln: Wer spricht hier? Was bedeutet das? Diese Momente haben die Geschichte spürbar vorangetrieben und für echtes Gänsehaut-Feeling gesorgt.
In der Mitte hatte das Buch kleinere Längen, vor allem weil der Romance-Plot hier sehr präsent ist. Die Beziehung zwischen den Figuren, es handelt sich um eine Gay Romance nimmt viel Raum ein, inklusive "romantischer" Szenen. Wer damit nichts anfangen kann oder einen reinen Thriller erwartet, könnte hier enttäuscht sein. Für mich war diese Entwicklung jedoch stimmig und emotional nachvollziehbar.
Das Ende hat mir dann wieder richtig gut gefallen. Es gibt mehrere Twists: einen konnte ich im Moment der Auflösung erahnen, aber ein weiterer hat mich wirklich überrascht. Das war stark umgesetzt. Lediglich ganz zum Schluss hätte ich mir noch ein zusätzliches Kapitel gewünscht. Das Finale wirkte etwas abrupt, fast zu stark „geschnitten“. Ein kleiner Ausblick hätte dem Ganzen für mich noch das gewisse Extra gegeben.
Trotz des etwas holprigen Einstiegs und kleiner Längen im Mittelteil vergebe ich 4,5 von 5 Sternen. Eine spannungsgeladene Suspense-Romance mit emotionaler Tiefe, überraschenden Wendungen und einer Atmosphäre, die stellenweise richtig unter die Haut geht.
Interessante Ansätze und starke Dynamik, doch der rote Faden fehlt
Empire of Whispers and Shadows von Ursa Jaumann
Empire of Whispers and Shadows von Ursa Jaumann ist eine japanisch inspirierte Romantasy mit einem vielversprechenden Grundkonzept: Verrat, Rache, tödliche Prüfungen und zwei Figuren, die sich hassen; aber zusammenarbeiten müssen. Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, auch wenn es in der Umsetzung für mich deutliche Schwächen hatte.
Der Einstieg fiel mir sehr leicht. Der Prolog ist spannend, es passiert direkt etwas, und man möchte sofort mehr über die Figuren erfahren. Erzählt wird aus zwei Ich-Perspektiven; aus der von Saya und der von Teno; was grundsätzlich gut funktioniert und einen interessanten Blick auf beide Charaktere ermöglicht.
Besonders begeistert war ich vom Setting. Die japanisch inspirierte Welt wird immer wieder aufgegriffen: Katanas, Tantos, Shuriken, Kimonos, Geishas; all das verleiht der Geschichte ein frisches Flair. Da ich asiatisch inspirierte Mythologie und Fantasy generell sehr spannend finde, hat mich dieser Aspekt sofort abgeholt. Auch das Assassinen-Thema fand ich reizvoll und voller Potenzial.
Leider hatte ich jedoch zunehmend Probleme mit der Handlung und ihrer Logik. Zwar ist klar, dass Saya und Teno sieben tödliche Prüfungen bestehen müssen, um Teil der Schattenarmee des Gottkaisers zu werden; doch was genau diese Prüfungen sind, blieb für mich oft unklar. Viele Aufgaben wurden nur nebenbei erwähnt oder scheinbar übersprungen. Hinzu kamen zahlreiche Zeitsprünge, teilweise über mehrere Wochen, die es mir sehr schwer gemacht haben, den Überblick zu behalten.
Ich hatte während des Lesens ständig Fragen:
Warum sind die Figuren gerade hier?
Was ist das konkrete Ziel dieser Aufgabe?
Wer arbeitet eigentlich für wen?
Warum sind die Assassinen in permanenter Gefahr, obwohl sie dort leben und ausgebildet werden?
Diese Fragen wurden für mich leider nicht zufriedenstellend beantwortet. Auch die Nebencharaktere und ihre Rollen blieben blass und schwer einzuordnen, ebenso der politische Hintergrund der Welt. Ein weiterer Punkt, der mir das Eintauchen erschwert hat, war das Worldbuilding im Fantasy-Bereich. Während die Welt an sich atmosphärisch funktioniert, blieb der eigentliche Magieaspekt sehr vage. Es gibt den Gottkaiser, der offenbar über besondere Fähigkeiten verfügt, außerdem sogenannte Gezeichnete, die verfolgt oder getötet werden, sowie eine Form von Lebensenergie, die eine wichtige Rolle zu spielen scheint. Doch was diese Magie genau ist, wie sie funktioniert und welche Regeln sie hat, blieb für mich durchgehend unklar.
Viele dieser Elemente wurden zwar eingeführt, aber kaum erklärt. Dadurch wirkte der Fantasy-Aspekt auf mich zu schwammig und unausgereift. Während ich mir die Kämpfe, die Assassinen-Ausbildung und den Umgang mit Waffen sehr gut vorstellen konnte, hatte ich kaum eine Vorstellung davon, wie die übernatürlichen Kräfte dieser Welt eigentlich funktionieren. Für einen Fantasy-Roman blieb dieser Teil für mich überraschend blass.
Was das Buch für mich dennoch getragen hat, war ganz klar die Dynamik zwischen Saya und Teno. Ihre gezwungene Zusammenarbeit, die langsame Annäherung und das gegenseitige Misstrauen waren spannend zu lesen. Auch die romantischen Szenen haben mir insgesamt gut gefallen. Gerade im Hinblick auf Sayas Vergangenheit wird hier sehr respektvoll und reflektiert damit umgegangen Besonders Saya als Figur fand ich gelungen: Ihr Hintergrund wird immer wieder aufgegriffen, und ihre Motivation; der Wunsch nach Rache, ist klar, greifbar und emotional nachvollziehbar.
Gegen Ende wird noch einmal Spannung aufgebaut, die neugierig auf die Fortsetzung macht. Gleichzeitig bleiben aber erneut viele offene Fragen. Zwar passt diese Unwissenheit auch zu den Protagonisten selbst, dennoch bin ich unsicher, ob ich die Reihe weiterverfolgen möchte.
Fazit:
Empire of Whispers and Shadows überzeugt mit starken Ideen, einem atmosphärischen Setting und interessanten Hauptfiguren. In der Umsetzung hapert es jedoch an Klarheit, Struktur und logischer Nachvollziehbarkeit. Wer über diese Schwächen hinwegsehen kann und vor allem Wert auf Charakterdynamik legt, könnte dennoch Freude an der Geschichte haben.
Gute Ansätze, starke Figuren, aber die Unklarheiten in Handlung und Welt führen bei mir zu einer Bewertung von etwa 3–3,5 Sternen
Ein Sommercamp voller Herz, Vielfalt
Camp Rainbow - Über mir der Himmel von Alicia Zett
"Camp Rainbow - Über mir der Himmel" war für mich ein echtes Wohlfühlbuch, das mich mit seiner warmen Atmosphäre und den authentischen Figuren begeistert hat. Ich habe es in zwei Etappen gelesen: Die ersten 150 Seiten habe ich in einem Rutsch verschlungen, dann eine kurze Pause eingelegt, ein anderes Buch dazwischengeschoben, und schließlich den Rest innerhalb weniger Tage beendet.
Trotz dieser Unterbrechung ist mir die Geschichte sehr positiv in Erinnerung geblieben; ich freue mich schon auf Band 2!
Stimmige Sprache und Atmosphäre
Der Schreibstil war leicht und flüssig, gleichzeitig aber auch einfühlsam und tiefgründig. Besonders schön fand ich, wie das Gendern und die Verwendung verschiedener Pronomen welche sich perfekt in den Lesefluss eingebettet haben.
Einfühlsamer Einstieg in Malins Welt
Zu Beginn des Buches bekommt man einen guten Einblick in Malins familiäre Situation, ihre Beziehung zu ihrem Vater, ihrer Schwester und auch zu ihrer Mutter wird einfühlsam dargestellt. Diese Einblicke erleichtern den Zugang zu ihrer Gefühlswelt und schaffen eine emotionale Grundlage, ohne zu sehr im Mittelpunkt zu stehen. Im weiteren Verlauf rücken dann aber ganz klar die neuen Bekanntschaften im Camp Rainbow in den Vordergrund. Die Dynamik zwischen Malin und den anderen Jugendlichen im Camp, ihre Freundschaften und das sich entwickelnde Liebesinteresse, bilden das Herzstück der Geschichte und haben mich besonders mitgerissen.
Humorvolle und diverse Charaktere
Die Dialoge haben mich oft zum Schmunzeln gebracht, einige Szenen waren einfach herrlich witzig. Die Autorin hat es geschafft, ernste Themen und Humor gut auszubalancieren. Was mich besonders überzeugt hat, war die Vielfalt der Charaktere im Camp. Unterschiedliche queere Identitäten und Lebensrealitäten wurden ganz selbstverständlich in die Geschichte eingebunden, ohne dass sie übermäßig erklärt oder hervorgehoben wurden. Solche Szenen wirkten authentisch und normalisiert, was ich als sehr gelungen empfand.
Liebenswert und überraschend
Die Handlung nahm im weiteren Verlauf eine Richtung, die ich so nicht erwartet hätte, das fand ich spannend und angenehm unvorhersehbar. Auch wenn die Ereignisse im Camp sich über nur drei Wochen erstrecken, war das Tempo für mich in Ordnung. Die Entwicklung von Gefühlen und Beziehungen wirkte nicht überstürzt, sondern glaubwürdig und sensibel erzählt.
Kleine Kritik, große Empfehlung
Wenn ich einen kleinen Kritikpunkt nennen müsste, dann wäre es die Entwicklung einer Nebenfigur gegen Ende. Eine Reaktion wirkte für mich nicht ganz nachvollziehbar, vermutlich, um die Handlung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Das hat meinen Gesamteindruck aber kaum geschmälert.
Das Setting im Camp, der Verzicht auf Handys, der Fokus auf Freundschaften und persönliche Entwicklung, all das hat in mir den Wunsch geweckt, selbst mal wieder mehr Zeit in der Natur zu verbringen und den Alltag hinter mir zu lassen. Das Buch regt zum Innehalten und Nachdenken an, ohne dabei schwer zu wirken.
Fazit: 4,5 Sterne – mit Tendenz nach oben
Insgesamt hat mir Camp Rainbow – Über mir der Himmel sehr gut gefallen. Aufgrund der Lesepause hat mich der Flow stellenweise verlassen, daher vergebe ich vorerst 4,5 Sterne. Aber ich bin sicher: Bei einem Reread könnte es sich sehr leicht wie ein echtes 5-Sterne-Buch anfühlen.
Wer queere Geschichten mit Herz, Humor und Tiefgang mag, sollte diesem Buch auf jeden Fall eine Chance geben.
Zwischen Düften, Kulturen und Schicksalen – eine berührende Reise nach Sansibar
Der Duft der fernen Insel von Christina Rey
Einleitung
Mit Der Duft der fernen Insel legt Christina Rey einen umfangreichen Roman von stolzen 635 Seiten vor. Für mich persönlich war es das erste Mal, ein so langes Buch zu lesen, doch die Reise hat sich durchaus gelohnt. Es handelt sich dabei um den zweiten Band einer Reihe, die jedoch nicht direkt mit dem ersten Teil verbunden ist, sondern vielmehr im gleichen Stil und thematisch ähnlich gestaltet wurde.
Erneut begleiten wir eine Sultanstochter, diesmal die blinde Nunu, und erleben ihre Geschichte über gut ein Jahrzehnt hinweg. Unterstützt wird sie von der jungen englischen Lehrerin Eve, die nach Sansibar kommt, um ihr Lesen und Braille-Schrift beizubringen. Neben ihnen treten zahlreiche Nebenfiguren auf, die die Handlung bereichern und verschiedene Handlungsstränge eröffnen.
Themen
Zentral verknüpft sind die Themen Blindheit, Düfte und die Kunst der Parfümherstellung. Durch Nunus außergewöhnliche Nase wird ein Strang eröffnet, der sich durch den gesamten Roman zieht und in allen drei großen Abschnitten eine Rolle spielt. Gleichzeitig geht es um Politik, Wirtschaft, kulturelle Begegnungen und die Stellung von Frauen im 19. Jahrhundert. Gerade letzteres hat mich stark bewegt: immer wieder werden uns die Grausamkeiten und Leiden vor Augen geführt, die Frauen und Mädchen ertragen mussten.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Leben im Palast des Sultans. Wir erleben hautnah, wie das Zusammenleben mit mehreren Frauen im Harem, mit zahlreichen Halbgeschwistern und den ständigen politischen Spannungen funktioniert. Diese Strukturen sind geprägt von Nähe, Rivalität, Abhängigkeit und Machtkämpfen, was der Autorin sehr eindringlich gelingt.
Darüber hinaus zieht sich das Thema Religion wie ein roter Faden durch das gesamte Buch. Wir begegnen Figuren, die im Christentum verwurzelt sind, andere wiederum leben im Islam, und auch Voodoo sowie afrikanische Glaubensvorstellungen rund um Ahnen, Natur und Götter haben ihren Platz. Das Buch bietet dadurch einen vielschichtigen Einblick in das religiöse Leben dieser Zeit. Besonders spannend fand ich, dass es nicht nur bei Beschreibungen bleibt, sondern die Figuren selbst immer wieder Fragen aufwerfen: Welcher Glaube ist der richtige? Wer ist der wahre Gott? Kann die Welt so grausam sein, wenn es wirklich einen Gott gibt, der alle Menschen beschützen soll?
Gerade diese Auseinandersetzungen, die sehr menschlich und nachvollziehbar dargestellt sind, haben mir als Atheistin überraschend gut gefallen. Ich habe die vielen verschiedenen Einblicke geschätzt, ohne dass eine Religion moralisch über die andere gestellt wird. Vielmehr zeigt die Autorin, wie sehr Glaubensvorstellungen das Leben prägen, aber auch, wie Figuren lernen müssen, miteinander zu leben, obwohl sie unterschiedliche Überzeugungen haben.
Orte und Atmosphäre
Wir bewegen uns in diesem Buch nicht nur auf Sansibar, sondern erleben auch andere Teile Afrikas und schließlich sogar Europa. Dadurch treffen ganz unterschiedliche Kulturen, Traditionen und Lebensweisen aufeinander, was die Geschichte unglaublich reich und lebendig wirken lässt. Dieses Zusammenspiel aus Orten und Kulturen hat mir sehr gefallen, weil es das Gefühl verstärkt, wirklich eine weite, facettenreiche Reise zu unternehmen. Erst im Detail merkt man dann, wie sehr auch die Sprachen – Arabisch, Kisuaheli, Französisch und Englisch – miteinander verwoben sind. Das bereichert die Welt zwar, hat mir aber manchmal kleine Schwierigkeiten bereitet, weil einzelne Begriffe oder Anreden ungewohnt waren und ich manches nachgoogeln musste.
Perspektiven und Erzählweise
Der Roman ist in Abschnitte gegliedert, die jeweils bestimmte Figuren stärker in den Vordergrund stellen. So begleiten wir hauptsächlich Eve, Nunu und später auch Fanny. Am Ende kommt noch eine weitere Figur hinzu, die jedoch nur wenige Kapitel umfasst. Auch wenn sich der Fokus verschiebt, bleibt der Erzähler stets allwissend. Das bedeutet, dass wir neben den zentralen Handlungen auch Informationen über andere Orte oder Figuren erhalten. Diese Struktur fand ich grundsätzlich interessant, da sie Abwechslung bietet. Dennoch hatte ich im ersten Teil, besonders während der langen Einführung rund um Eve, Schwierigkeiten, richtig in die Geschichte hineinzufinden. Erst nach über hundert Seiten stellte sich dieses vertraute Gefühl ein, das ich schon aus Band eins kannte: das Mitfiebern, die Verbundenheit mit den Figuren und die Spannung, welche Konsequenzen ihre Handlungen nach sich ziehen würden.
Schreibstil und Lesefluss
Christina Reys Schreibstil zeichnet sich durch eine sehr bildhafte, detailreiche Sprache aus. Schon im ersten Band gefiel mir, wie ausführlich sie Landschaften, Orte oder auch die Atmosphäre beschreibt. Im zweiten Band hatte ich jedoch das Gefühl, dass diese Beschreibungen etwas zurückgenommen wurden. Sie tauchen zwar immer noch auf, sind aber situationsbezogener eingebettet und nicht mehr ganz so dominant wie zuvor. Grundsätzlich gefällt mir diese Art des Erzählens sehr, da sie eine intensive Vorstellung der Welt ermöglicht. Allerdings wurde mein Lesefluss durch bestimmte stilistische Mittel gestört. Mehrfach unterbricht der Erzähler die Gegenwart mit Sätzen wie „Später wird Eve erfahren, dass …“ oder „Später erfuhr sie, dass …“. Solche Einschübe nahmen mir die Spannung und wirkten eher hemmend. Hinzu kommt, dass ich durch die Vielzahl an Figuren, Namen und politischen Verwicklungen gelegentlich den Überblick verlor und Passagen mehrfach lesen musste. Hier hätte ich mir ein Glossar gewünscht, um fremde Begriffe, Titel oder Anreden leichter nachschlagen zu können.
Handlung und Struktur
Die Handlung erstreckt sich über mehr als ein Jahrzehnt, was dem Roman eine große zeitliche Weite verleiht. Dadurch wirkt die Entwicklung der Figuren authentisch, weil Beziehungen wachsen, Fehler begangen und korrigiert werden und das Leben nicht in wenigen Wochen erzählt, sondern über Jahre hinweg entfaltet wird. Der erste große Abschnitt gehört Eve. Wir begleiten sie von Liverpool bis nach Sansibar, lernen ihre Schülerin Nunu kennen und beobachten, wie sie sich auf die neue Kultur und die ungewohnte Umgebung einlässt. Danach rückt Nunu selbst stärker in den Mittelpunkt. Ihre Entwicklung vom neugierigen, etwas frechen Kind hin zur jungen Frau, die Fehler macht, daraus lernt und ihren eigenen Weg findet, war für mich einer der stärksten Teile des Romans. Im letzten großen Abschnitt begegnen wir Fanny, Eves Begleiterin. Leider verlor ich an diesem Übergang kurz den Anschluss an Eve, da ihre Geschichte kaum weitergeführt wurde, was ich etwas schade fand. Dennoch war es spannend, auch Fannys Perspektive genauer kennenzulernen.
Figuren
Die Figuren sind zahlreich und komplex. Besonders Eve hat mir als Einstieg sehr gefallen: eine junge Frau aus England, die zwischen den Kulturen steht, neugierig und doch unsicher, dabei stets bemüht, Nunu zu fördern. Nunu selbst ist eine außergewöhnliche Figur – blind, aber mit einem feinen Gespür für Düfte, das sie später in die Parfümherstellung führt. Ihre Entwicklung war nachvollziehbar und vielschichtig, nie übertrieben, sondern voller kleiner Rückschritte und Fortschritte, die sie lebendig wirken lassen. Fanny bildet schließlich einen Kontrast: eine Figur, die man anfangs eher im Hintergrund erlebt, die aber in ihrem eigenen Abschnitt an Tiefe gewinnt. Insgesamt gelingt es der Autorin, viele Charaktere lebendig zu gestalten, doch es war für mich stellenweise schwierig, bei all den Namen und Verwandtschaftsverhältnissen den Überblick zu behalten.
Emotionalität
Emotional hat mich das Buch sehr berührt, besonders in den Abschnitten, in denen das Leid der Figuren deutlich wurde. Die Fluchtsequenzen etwa waren voller Spannung, und mehr als einmal fühlte ich mich an den Nervenkitzel aus dem ersten Band erinnert. Gleichzeitig fand ich es schade, dass die Autorin fast ausschließlich negative Höhepunkte setzt. Schöne, positive Momente kamen nur vereinzelt vor, und erst im letzten Abschnitt erlebte ich wirklich rührende Szenen, die mich so bewegt haben, dass ich Tränen vergoss. Diese Stellen wirkten für mich aber zu kurz und kamen zu spät. Ich hätte mir gewünscht, dass das Gleichgewicht zwischen schmerzhaften und schönen Momenten etwas ausgewogener gewesen wäre, denn auch Glück kann eine Handlung vorantreiben und Figuren lebendig machen.
Schluss und Ende
Das Ende empfand ich als sehr abrupt. Nach so vielen Seiten voller Aufbau, Intrigen und Entwicklungen hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte zu schnell abgeschlossen wurde. Neue Figuren wurden eingeführt, die viel Potenzial gehabt hätten, erhielten aber kaum Raum. Besonders bedauerlich war, dass manche liebgewonnenen Charaktere nur noch im Nebensatz Erwähnung fanden, sodass ihre Schicksale nicht die Aufmerksamkeit bekamen, die sie verdient hätten. Zwar gab es einen schönen Ausklang, doch der war für mich zu knapp und hinterließ das Gefühl, dass die Geschichte unausgezählt endete.
Fazit
Der Duft der fernen Insel ist ein groß angelegter Roman, der mich trotz einiger Schwächen beeindruckt hat. Er ist nicht so stark und rund wie der erste Band, doch Christina Rey gelingt es erneut, eine faszinierende Welt voller Figuren, Kulturen und Emotionen zu erschaffen. Besonders die lange Zeitspanne, die wir mit den Figuren verbringen, und die Themen rund um Düfte und Sinneswahrnehmung haben mir sehr gefallen. Kritikpunkte wie der holprige Einstieg, die vielen Namen ohne Glossar, die oft negative Gewichtung der Höhepunkte und das abrupte Ende haben mein Leseerlebnis etwas getrübt. Dennoch war es eine lohnenswerte, intensive Reise, die mich an vielen Stellen berührt hat. Wer sich auf die Länge und den detailreichen Erzählstil einlässt, wird mit einer spannenden, gefühlvollen Geschichte belohnt.
Zwischen Inselträumen und Schicksalsschlägen: Eine Reise durch Herz und Zeit
Wie eine Perle im Ozean von Christina Rey
Malediven, 16. Jahrhundert:
Buraki steht kurz davor, die Nachfolge ihres Vaters auf dem Thron anzutreten. Mit ihrem scharfen Verstand und einem ausgeprägten Talent für Politik beeindruckt sie sowohl ihre Berater als auch das Volk durch ihre meisterhafte Schwertkunst. Sie hat aus Liebe bereits einen zukünftigen Ehemann gewählt, doch schon bald muss sie erkennen, dass Vertrauen eine wertvolle Gabe ist, die nicht jeder verdient.
Shaina, Tochter des königlichen Waffenmeisters, wuchs mit Buraki im Palast auf. In der Liebe zu einem Portugiesen findet sie Trost, doch ihre Heilkünste machen sie zur Zielscheibe für Hexenverfolgung, und ihr Leben gerät in Gefahr.
Dieses Buch hat mich ganze drei Wochen lang begleitet – und das mit seinen 488 Seiten! Es fühlte sich aber nie an, als wäre es zu lang, denn die Autorin hat viele wunderbare, aber auch traurige Momente in der Geschichte geschaffen, die Raum zur Entwicklung bieten und die Handlung auf eine sanfte, entspannte Weise vorantreiben.
Von Anfang an nahm mich das Buch mit auf eine Reise, die ich so zuvor noch nie erlebt habe. Die Geschichte, die auf traumhaften Inseln in der Nähe der Hauptstadt Mahal spielt, hat mich tief verzaubert. Ich habe bisher kaum Romane aus dieser Ecke der Welt gelesen, geschweige denn solche, die mich so sehr in eine andere Zeit und an einen anderen Ort entführt haben.
Der Schreibstil
Besonders beeindruckt hat mich der Schreibstil der Autorin: Er ist flüssig und angenehm zu lesen. Die eingestreuten Bezeichnungen in den verschiedenen Sprachen, die auf den Inseln gesprochen werden, haben der Geschichte zusätzliches Leben eingehaucht. Es fühlte sich einfach echter an, als würde man selbst Teil dieser Welt sein. Durch die detailreichen Beschreibungen konnte ich mir die Schauplätze und Charaktere sehr gut vorstellen. Insbesondere die Kleidung und die Räume im 16. Jahrhundert wurden so genau geschildert, dass ich förmlich die Stoffe spüren und die Räume vor mir sehen konnte.
Die Handlung
Die Geschichte umfasst viele verschiedene Themen, die für manche Leser vielleicht triggernd sein könnten, darunter Gewalt, sexueller Missbrauch und eine teils derbe Wortwahl.
Das Sultanat und die Regierung spielen eine Zentrale Rolle aber gleichzeitig werden aber auch tiefgründige Themen wie Freundschaft, Liebe, Machtmissbrauch, Selbstbestimmung und Religion behandelt. Besonders die Rolle der Frau in der damaligen Zeit wird intensiv beleuchtet, was in mir, als Feministin, starke Gefühle geweckt hat.
Zu Beginn des Buches fühlte ich mich etwas überfordert, da viele Protagonisten mit Namen und Verwandtschaftsbeziehungen, auf einmal eingeführt werden. Doch das gibt sich recht schnell. Im Laufe der Handlung reduziert sich die Anzahl der Protagonisten, auf die der Fokus gelegt wird, und man findet sich leichter in der Geschichte zurecht. Die Charaktere sind vielschichtig und wirken realistisch – niemand ist perfekt. Gerade die beiden Hauptfiguren, Shaina und Buraki, stechen dadurch hervor, dass sie Ecken und Kanten haben, was sie menschlicher und greifbarer macht. Die Emotionen in diesem Buch waren ein ständiges Auf und Ab. Es gab Momente, in denen ich Wut und Hass empfand, weil bestimmte Figuren Handlungen vollführten, die mich aufbrachten. Aber das ist auch das Schöne an der Geschichte: Sie bewegt den Leser ständig zwischen positiven und negativen Gefühlen hin und her.
Fazit
Das Buch ist nicht von extremer Spannung geprägt, aber man bleibt dennoch dran, weil man wissen möchte, wie es weitergeht, wie die Charaktere sich entwickeln und welche Entscheidungen sie treffen. Besonders gegen Ende gibt es ein paar emotionale Wendungen, die mich überrascht und tief berührt haben.
Ich würde dieses Buch jedem empfehlen, der es genießt, in eine detaillierte Welt voller Entscheidungen, historischen Einflüssen und zwischenmenschlichen Beziehungen einzutauchen. Es ist eine eher ruhige, aber sehr reiche Leseerfahrung, die Zeit und Muße erfordert, aber belohnt wird man mit einer vielfältigen und lebendigen Geschichte.
Wenn die Fantasy überzeugt, die Liebe aber stolpert
The Ordeals von Rachel Greenlaw
The Ordeals von Rachel Gleenlaw hat mir insgesamt sehr viel Spaß gemacht und war für mich auch das erste Buch dieser Art mit tödlichen Spielen bzw. Prüfungen. Genau dieses Element hat mich sofort angesprochen. Die Geschichte punktet mit originellen Themen, kreativen Fantasy-Elementen und einem sehr packenden Einstieg, der mich von Anfang an in seinen Bann gezogen hat.
Erzählstil & Perspektive
Das Buch ist klar und übersichtlich strukturiert. Zu Beginn bekommen wir einen gelungenen Einstieg in die Handlung. Erzählt wird die Geschichte ausschließlich aus der Ich-Perspektive von Sophia. Dadurch ist man sehr nah an der Protagonistin und kann ihre Gedanken und Gefühle gut nachvollziehen. An manchen Stellen wirkte diese Perspektive jedoch etwas einseitig, da mir gelegentlich andere Blickwinkel oder zusätzliche Informationen gefehlt haben. Das ist jedoch nicht ausschließlich dem Erzählstil geschuldet.
Schreibstil & Atmosphäre
Der Schreibstil ist insgesamt sehr treibend, atmosphärisch und sorgt dafür, dass man schnell durch die Seiten fliegt. Nur in wenigen Szenen fiel es mir etwas schwer, mir alles bildlich vorzustellen, was jedoch meinen Lesefluss kaum gestört hat. Besonders positiv fand ich die Kapitelüberschriften, da sie die Stimmung gut einfangen haben
Welt & Setting
Die Welt wirkt auf den ersten Blick modern, Autos werden zumindest einmal erwähnt, rückt jedoch nicht stark in den Vordergrund. Dadurch bleibt viel Raum für die eigentliche Handlung und das Magiesystem. Man kann sich eine eher moderne, aber nicht zu dominante Umgebung vorstellen, die vor allem als Bühne für die Fantasy-Elemente dient.
Magiesystem & Akademie
Ein großer Pluspunkt des Buches ist das Magiesystem. Es gibt Illusionisten, Botaniker, Alchemisten sowie Gestaltwandler, die sogenannten Maskierer. Obwohl einige dieser Magiearten zunächst vertraut erscheinen, ist ihre konkrete Ausgestaltung kreativ und interessant umgesetzt. Besonders die Akademie, an der diese Wirkmagie gelehrt wird, spielt eine zentrale Rolle und trägt stark zur Atmosphäre der Geschichte bei.
Die Ordeals: Prüfungen, Spannung & Mystery
Im Mittelpunkt der Handlung stehen die sogenannten Ordeals, tödliche Prüfungen, die Sophia bestehen muss, um eine vollwertige Studentin der Akademie zu werden. Dieses Setting sorgt für eine konstant hohe Spannung. Man bangt mit der Protagonistin und weiß nie, was als Nächstes passieren könnte. Zusätzlich gibt es mehrere Morde, deren Hintergründe lange im Dunkeln bleiben, was der Geschichte eine starke mysteriöse Komponente verleiht.
Nebencharaktere, Dynamik
Die Nebencharaktere haben mir insgesamt sehr gut gefallen. Sie sind abwechslungsreich gestaltet, nicht eintönig und besitzen klare Charakterzüge. Besonders die Dynamik zwischen Sophia und den anderen Figuren, vor allem innerhalb der Ordeals; hat mir viel Spaß gemacht und zur Spannung sowie zur emotionalen Tiefe der Geschichte beigetragen.
Auch die Dynamik zwischen den beiden zentralen Protagonisten hat mir zu Beginn sehr gut gefallen. Durch die Umstände der Ordeals kommen sie sich gezwungenermaßen näher, was zu vielen humorvollen, neckerischen Momenten führt. Dieses spielerische, leicht sarkastische und zugleich respektvolle Miteinander hat für mich sehr gut funktioniert und war einer der Aspekte, die ich besonders gern gelesen habe. In dieser Phase wirkten sie eher wie Freunde oder Verbündete, die sich langsam annähern und genau das hatte für mich großes Potenzial. Leider konnte mich die spätere Entwicklung nicht überzeugen, obwohl die Dynamik zwischen den beiden grundsätzlich stimmig war, wirkte der Übergang von dieser freundschaftlich-neckischen Beziehung hin zu romantischen Gefühlen für mich zu abrupt und nicht ausreichend aufgebaut. Gerade weil die Fantasy-Elemente so stark sind, hätten die wenigen Spice Szenen oder auch generelle Liebesbekundungen für mich auch komplett entfallen können, ohne der Geschichte zu schaden, im Gegenteil, der Fokus auf die Ordeals wäre dadurch sogar noch klarer gewesen. Gerade weil die anfängliche Dynamik so gelungen war, hätte man hier deutlich mehr herausholen können, etwa durch eine langsamere Entwicklung oder eine stärkere Verschiebung dieses Elements in den zweiten Band.
Ende & Fazit
Das Ende ist intensiv, spannend und lässt viele Fragen offen. Genau das macht neugierig auf die Fortsetzung. Neben der weiteren Entwicklung des Magiesystems und der Handlung verspricht auch die übergeordnete Geschichte großes Potenzial für Band zwei.
The Ordeals ist ein spannender und origineller Fantasyroman mit einem starken Magiesystem, einer interessanten Protagonistin und einer fesselnden Grundidee. Trotz Schwächen im Romance-Bereich konnte mich das Buch insgesamt überzeugen.
Drei Sterne für den Weg – fünf für das Ende
Nightweaver von R. M. Gray
Der Einstieg in Nightweaver fiel mir leider recht schwer. Man wird ohne große Vorbereitung direkt in die Handlung hineingeworfen: viel Action, viele Informationen und extrem viele Namen. Gerade zu Beginn passiert sehr viel auf einmal, was es mir erschwert hat, emotional in der Geschichte anzukommen.
Das dichte Worldbuilding und erste politische sowie monarchische Strukturen werden sehr früh eingeführt, ohne dass man genügend Zeit bekommt, sie einzuordnen.
Perspektive & Protagonistin
Die Geschichte wird ausschließlich aus der Ich-Perspektive von Aster erzählt. Sie ist 17 Jahre alt und Piratin, die den Großteil ihres Lebens auf einem Schiff verbracht hat, da Menschen von den Nightweavern vom Land verdrängt und gejagt werden.
Als Figur konnte mich Aster leider nur bedingt überzeugen. Obwohl es einzelne starke Szenen gab, blieb sie für mich emotional oft unglaubwürdig. Besonders auffällig war, dass sie ihre Identität als Piratin sehr häufig wiederholt, was mit der Zeit eher ermüdend als charakterstärkend wirkte.
Schreibstil
Der Schreibstil ist sehr intensiv, stark auf innere Zerrissenheit und Emotionen fokussiert und arbeitet viel mit Umschreibungen. In actionreichen oder dramatischen Szenen hat das gut funktioniert, in ruhigeren Passagen empfand ich ihn jedoch als zu ausschweifend. Vor allem im Mittelteil verstärkte das die ohnehin vorhandenen Längen.
Brutalität und düstere Atmosphäre der Welt
Die Welt von Nightweaver ist insgesamt sehr brutal und gnadenlos angelegt ist. Gewalt, Tod und Leid sind allgegenwärtig und werden teilweise äußerst intensiv und detailliert beschrieben. Es geht dabei häufig um Blut, verstümmelte oder tote Körper und sehr grausam wirkende Szenen. Für mich persönlich war diese Brutalität jedoch stimmig, da sie gut zu der düsteren, unterdrückenden Welt passte und das Ausmaß der Grausamkeit dieser Gesellschaft deutlich gemacht hat Diese Darstellungen sind nicht nur angedeutet, sondern werden explizit geschildert, was für empfindliche Leserinnen und Leser definitiv eine Triggerwarnung wert ist. Meine Empfehlung wäre ab 16 Jahren.
Worldbuilding & Magiesystem
Das Worldbuilding bietet viele interessante Ansätze, ließ für mich aber auch viele Fragen offen. Die Nightweaver sind eine vampirähnliche Spezies, funktionieren jedoch anders als klassische Vampire.Ihre Macht stammt aus einer besonderen Essenz, die unter anderem aus dem Blut von Menschen und einer speziellen Blume gewonnen wird. Spannend fand ich zudem das Elementarmagiesystem: Jeder Nightweaver beherrscht ein eigenes Element mit individueller Bezeichnung.
Zusätzlich kommt ein sehr dichtes Worldbuilding hinzu. Politische und monarchische Strukturen werden früh angerissen, Zusammenhänge schnell erklärt, ohne dass man Zeit bekommt, sie wirklich zu verarbeiten. Dadurch fiel es mir schwer, emotional in die Geschichte hineinzufinden oder eine Bindung zu den Figuren aufzubauen. Positiv hervorzuheben ist aber eine Szene, in der Aster in ihrem inneren Monolog drei verschiedene Kreaturenarten noch einmal bewusst durchgeht und ihre Eigenschaften zusammenfasst. Diese Wiederholung war sehr hilfreich und gut in die Handlung eingebettet.
Handlung mit Höhen und deutlichen Längen
Nach dem ersten Handlungsschub wurde es zunächst etwas besser, doch besonders im Mittelteil hatte das Buch für mich große Längen. Zwar werden Mysterien aufgebaut und Pläne geschmiedet, vieles passiert jedoch eher im Hintergrund. Es wird viel nachgedacht, überlegt und vorbereitet aber wenig aktiv umgesetzt. Hinzu kamen Zeitsprünge, die sich für mich nicht flüssig angefühlt haben. Teilweise vergehen plötzlich Monate, ohne dass dies erzählerisch gut eingebettet wurde. Das nahm der Geschichte zusätzlich an Spannung.
Charaktere, Dynamiken & Liebesgeschichte
Ein zentraler Kritikpunkt für mich ist die enorme Anzahl an Charakteren. Neben Asters Eltern und ihren zahlreichen Geschwistern treten viele weitere Nebenfiguren auf, die alle namentlich eingeführt werden. Dadurch geht sehr schnell der Überblick verloren, was es mir schwer gemacht hat, eine emotionale Bindung zu den Figuren aufzubauen. Irgendwann war es mir leider egal, wer gerade angesprochen wurde, weil es schlicht zu viele Personen auf einmal waren.
Die Geschichte enthält mehrere zwischenmenschliche Beziehungen, die zeitweise wie mögliche romantische Entwicklungen wirken. Zu Beginn wird eine erste Verbindung aufgebaut, die mit einer leichten, ruhigen Spannung arbeitet und durchaus Potenzial hat. Diese Dynamik wird jedoch über einen längeren Zeitraum unterbrochen, wodurch sie für mich emotional deutlich an Gewicht verliert.
In dieser Phase entstehen andere Beziehungen, die sich für mich wesentlich greifbarer anfühlten. Dabei handelt es sich nicht zwingend um romantische Entwicklungen, sondern vielmehr um Bindungen, die durch gemeinsame Erlebnisse, gegenseitige Unterstützung und Präsenz wachsen. Problematisch wurde es für mich gegen Ende des Buches, als die ursprüngliche Verbindung plötzlich wieder stark in den Fokus gerückt wird. Mir sollte vermittelt werden, dass hier eine große, tiefgehende Liebe existiert, eine emotionale Intensität, die ich als Leserin jedoch nicht fühlen konnte. Gerade im Vergleich zu den anderen, organischer gewachsenen Beziehungen wirkte diese „Hauptliebe“ für mich konstruiert und emotional nicht verdient.
Fazit
Nightweaver hat ein starkes Konzept und definitiv Potenzial, konnte mich aber erst in den letzten rund 30 % vollständig überzeugen. Ab diesem Punkt wird die Handlung deutlich spannender, Twists werden aufgelöst und der intensive Schreibstil passt plötzlich sehr gut zur Geschichte. Diese letzten Kapitel waren für mich echte 5-Sterne-Momente.
Der Weg dorthin war jedoch zäh: ein überfordernder Einstieg, zu viele Figuren, Längen im Mittelteil und eine schwache emotionale Bindung an die Protagonistin. Insgesamt vergebe ich daher 3 bis 3,5 Sterne.
Das Ende macht neugierig auf Band zwei, und ich überlege, diesen zu lesen, in der Hoffnung, dass nun alle Grundlagen gelegt sind und die Geschichte fokussierter, dynamischer und mit stärkerer Charakterentwicklung fortgesetzt wird.
Wenn mitreißende Dark Fantasy und Spice kollidieren
Rabid von Ivy Asher; Raven Kennedy
Einstieg & Atmosphäre
Der Einstieg ist vergleichsweise ruhig und introspektiv. Über einen längeren Abschnitt begleiten wir Seneca fast ausschließlich durch ihre Gedanken, ohne viele Interaktionen mit anderen Figuren. Diese lange Einleitung hat mir geholfen, eine emotionale Bindung zur Protagonistin aufzubauen und ihre innere Zerrissenheit zu verstehen.
Atmosphärisch ist das Buch durchgehend stark: düster, roh, intensiv – eindeutig Dark Fantasy / Dark Romance. Brutalität, Gewalt und eine sehr direkte Sprache gehören fest zum Ton der Geschichte und werden nicht beschönigt.
Schreibstil & Perspektive
Die Geschichte wird vollständig aus der Ich-Perspektive von Seneca erzählt. Wir erleben alles ausschließlich durch ihre Wahrnehmung, ihre Gefühle und vor allem ihre Gedankenwelt. Das Buch lebt stark von inneren Monologen: Senecas Ängste, Zweifel, Wut und ihre Auseinandersetzung mit dem Wolfsgeist nehmen deutlich mehr Raum ein als klassische Dialoge.
Der Schreibstil ist dabei sehr intensiv, fragmentiert und mitreißend. Kurze Sätze, Gedankensprünge und emotionale Einschübe erzeugen das Gefühl, direkt in Senecas Kopf zu stecken. Genau das macht das Lesen so fesselnd, man wird regelrecht durch die Geschichte getragen. Wer dialoglastige Romane bevorzugt, könnte das als anstrengend empfinden, für mich war es jedoch erfrischend und ungewöhnlich.
Welt & Fantasy-Aspekte
Besonders überzeugt hat mich die originelle Interpretation des Werwolf-Mythos. Die Gestaltwandler teilen sich ihren Körper mit einem eigenständigen Wolfsgeist, einem Wesen mit eigener Persönlichkeit, eigenen Instinkten. Dieses Konzept verleiht der Geschichte Tiefe und hebt sie deutlich von klassischen Gestaltwandler-Erzählungen ab.
Die Welt selbst ist modern angelegt, mit Handys, Autos und Bussen, doch diese Elemente bleiben bewusst im Hintergrund. Stattdessen dominiert ein starkes Natur- und Rudelsetting, was der Atmosphäre sehr zugutekommt. Die verschiedenen Wolfsrudel unterscheiden sich nicht nur kulturell, sondern auch visuell (von moderner Kleidung bis hin zu Leder und Leinen), was ihnen eine klare Identität verleiht.
Dark Elements & Brutalität
Das Buch spart nicht an harten Inhalten. Gewalt, Tod und psychische Traumata werden thematisiert. Auch die Wortwahl ist oft derb und provokant. Teilweise funktioniert das sehr gut und unterstreicht die raue Welt, teilweise wirkt es überzeichnet. Hier wird schnell klar: Dieses Buch ist nichts für zarte Gemüter.
Charaktere & Entwicklung
Seneca ist eine spannende, komplexe Hauptfigur. Ihre Flucht, ihr Trauma und ihr innerer Kampf mit dem Wolfsgeist sind gut dargestellt. Besonders gelungen fand ich die Dynamik zwischen ihr und dem zweiten Hauptcharakter, die sich langsam, über Gespräche, Nähe und gegenseitiges Verstehen entwickelt.
Auch die Nebenfiguren und das Rudel als Gemeinschaft sind stimmig ausgearbeitet und vermitteln ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Action- und Verwandlungsszenen sind intensiv geschrieben und gehören für mich zu den Highlights des Buches.
Der größte Kritikpunkt: Spice
Der Punkt, der mich fast zum Abbruch gebracht hätte, sind die expliziten Szenen. Auf rund 430 Seiten gibt es nur wenige (4) davon, aber insbesondere die erste wirkt extrem fehlplatziert. Sie kommt recht früh, mitten nach bzw. in einer traumatischen Phase der Protagonistin, ohne emotionale Vorbereitung oder nachvollziehbare Entwicklung. Die Szene fühlt sich komplett losgelöst von der Handlung an, ohne nachvollziehbaren Grund, und mit einer Wortwahl, die ich als überzogen und unangenehm empfunden habe. Ich war ehrlich gesagt schockiert und kurz davor, das Buch wegzulegen.
Zum Glück bleibt es dabei nicht dauerhaft so. Nach dieser Szene verlagert sich der Fokus deutlich auf Handlung, Charakterentwicklung und Beziehungen. Spätere Annäherungen sind zwar weiterhin sehr direkt formuliert und Geschmackssache, aber emotional nachvollziehbarer, weil sie auf einer tatsächlichen Dynamik und Entwicklung basieren. Dennoch hätte das Buch für mich mit deutlich weniger oder sogar ganz ohne diese Szenen besser funktioniert.
Kritik an Zeit & Trauma-Darstellung
Ein weiterer Kritikpunkt ist der sehr kurze erzählte Zeitraum. Die Handlung spielt sich innerhalb von etwa 4- ca.10 Tagen ab – in dieser Zeit geschehen extrem viele einschneidende Dinge. Die Verarbeitung schwerer Traumata wirkt dadurch unrealistisch schnell.
Positiv hervorzuheben ist zunächst, dass das Buch diese Erfahrungen nicht romantisiert. Seneca benennt immer wieder, dass ihr Schreckliches widerfahren ist, und die Gewalt wird klar als das dargestellt, was sie ist. Dennoch bleibt ihre eigene psychische Verarbeitung auffallend vage. Obwohl sie sich noch mitten im Trauma befindet, wird dieses selten wirklich reflektiert oder eingeordnet. Es entsteht stellenweise der Eindruck, als sei das Erlebte für sie „einfach passiert“ und müsse nun hingenommen werden. Erschwerend kommt hinzu, dass sich um eine Kombination aus sexualisiertem Trauma und sehr expliziten spice Szenen handelt, die für mich in dieser Form nicht stimmig zusammenpassen.
Besonders auffällig ist, dass Begriffe wie PTBS zwar im Buch auftauchen, jedoch ausschließlich in Bezug auf Nebenfiguren – nie explizit auf Seneca selbst angewendet werden. Gerade weil wir die Geschichte vollständig aus ihrer Ich-Perspektive erleben, hätte ich mir hier deutlich mehr innere Auseinandersetzung, Benennung und Raum für Verletzlichkeit gewünscht.
Fazit
Lange Zeit schwankte meine Bewertung zwischen 2,5 und 3 Sternen, hauptsächlich wegen der expliziten Inhalte. Doch wenn man diese Szenen ausklammert oder überspringt, bleibt eine überraschend starke, originelle und atmosphärische Geschichte mit einem intensiven Schreibstil, spannender Fantasy-Idee und einer überzeugenden Hauptfigur. Das Ende ist rund, emotional stimmig und hat letztlich dafür gesorgt, dass ich das Buch deutlich positiver in Erinnerung behalte.
Wer mit Dark Fantasy, Brutalität und sehr direkter Sprache umgehen kann und bereit ist, einzelne Szenen zu überspringen, bekommt hier eine wirklich mitreißende Story mit viel Atmosphäre, Action und innerer Tiefe.
Bewertung: 3,5 bis 4 Sterne – trotz (und nicht wegen) des Spices.









