Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Eternal-Hope:
Enttäuschend und banal
Mordscoach von Lilli Pabst
Eine Psychotherapeutin als Mörderin, das klang nach einer spannenden Geschichte!
Leider ist die Geschichte aber äußerst enttäuschend umgesetzt. Sophie, die Therapeutin, mordet munter vor sich hin, eine Person nach der anderen, und niemals ist ihr die Polizei wirklich ernsthaft auf der Spur. Die Morde passieren auch so leicht, dass es fast schon unglaubwürdig wirkt, wie eine als zierlich beschriebene Person das körperlich zustande bringen soll, schließlich sind die meisten Ermordeten kräftigere Männer.
Wenn man gar nichts über Psychologie weiß, könnten vielleicht die eingeflochteten Bemerkungen über Psychologie und Psychotherapie ganz interessant sein. Wenn man sich mit dem Thema ein bisschen auskennt, bleiben aber auch diese auf sehr banalem Niveau und es geht sehr viel um Klischees und Küchenpsychologie.
Dazu endet das Buch noch an einer unerwarteten Stelle und hat keinen wirklichen Schluss... ich habe extra nachblättern müssen, ob da außer Werbung noch etwas kommt, kam aber nichts mehr.
Das Buch ist also leider nicht wirklich gut gelungen, nicht sehr spannend und interessant, die Charaktere eher flach gezeichnet und es eignet sich bestenfalls als anspruchslose Unterhaltung an einem Tag, an dem man mit Fieber im Bett liegt und nicht so viel nachdenken möchte und kann.
Liebevolle Einführung in das Thema
Die Kunst der Hexerei von Iris Panhans
"Die Kunst der Hexerei" von Iris Panhans, online als Vollmondfüchsin bekannt, ist ein sehr liebevoll und behutsam geschriebenes und wunderschön gestaltetes Büchlein zur Einführung in die Hexerei. Es geht dabei um den bedachten Umgang mit den Energien, die nach diesem Glauben allem innewohnen: Menschen, Tieren, Pflanzen, der Natur und den Elementen.
In einem sehr persönlichen und zugewandten Stil lässt die Autorin uns an ihrer persönlichen Erfahrung mit Magie teilhaben. Es ist, wie wenn sie Interessierte an der Hand nimmt zu einer kleinen gemeinsamen Erkundungstour in diese Weltsicht und Lebensweise.
Schon in den Buchklappen finden sich spannende Informationen zur magischen Wirkung der verschiedenen Farben, zu Sigillen zum Nachzeichnen, zur magischen Wirkung von Pflanzen und eine kurze Basics-Einkaufsliste sowie ein wunderschönes Lesezeichen zum Herausschneiden.
Das Buch selbst beginnt mit einer Einführung in die Lebenseinstellung und den Glauben einer modernen Hexe, dabei werden auch die Parallelen zu der uralten und international verbreiteten Welt des Glaubens an Energien, ob nun Hexerei, Wicca, Schamanismus oder anders genannt, erklärt. Dabei räumt die Autorin auch mit verbreiteten Vorurteilen auf und macht auch die Grenzen der Hexerei klar (z.B. dass es damit natürlich nicht möglich sein wird, auf einem Besen herumzufliegen).
Danach geht es an die Grundlagen, praxisorientiert beinhaltet dieses Kapitel ein spannendes Experiment mit den eigenen Handflächen, um einen ersten Einblick darin zu gewinnen, Energien zu spüren. Danach geht es um äußere Energiequellen wie Pflanzen, Kräuter, Steine und Farben, den Mond und die Elemente und das Arbeiten mit Entitäten, letzteres jedoch, wie die Autorin klar betont, nur für Fortgeschrittene. Auch hier zeigt sich wieder der achtsame und bedachte Zugang der Autorin zu ihrem Thema, von dem sie begeistert ist, in das sie einführen, aber mit dem sie auch niemanden überfordern möchte.
Schließlich werden in den darauffolgenden Kapiteln einige Zauber und Rituale dargestellt, zu Themen wie Wohnungsschutz, Auflösung von Negativität oder Selbstliebe. Und am Ende des Buches finden sich noch ein paar Räuchermischungen.
Mir persönlich gefällt der liebevolle, pragmatische und achtsame Zugang der Autorin sehr gut und ich kann das Buch allen, die eine humorvolle und persönliche Einführung in dieses Thema suchen oder sich allgemein für den bewussten Umgang mit Energien, das Setzen von Intentionen und eine tiefere Verbindung zur Natur interessieren, sehr empfehlen.
Eine narzisstische Mutter und ihre beiden Töchter
Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen von Anna Brüggemann
Regina, Jahrgang 1948, wird Anfang der 1980er Jahre Mutter zweier Töchter: Wanda und Antonia. Sie arbeitet als psychologische Psychotherapeutin in einer eigenen Praxis, lebt mit Edgar in einer soliden, aber eher leidenschaftslosen Ehe und definiert sich über ihre Intelligenz, ihren Erfolg und ihre schlanke Figur.
Kritisch und erbarmungslos richtet sie ihren wertenden Blick auf alle Menschen in ihrem Umfeld, besonders auf andere Frauen, und auf ihre Töchter. Von der stillen, einfühlsamen und etwas pummeligen Antonia ist sie maßlos enttäuscht. Wanda hingegen ist mehr eine Tochter nach ihren Erwartungen, sehr dünn und hübsch, hochintelligent und ehrgeizig, ein Ebenbild der Mutter in allen Bereichen. Dass Wanda eine ernsthafte Essstörung entwickelt und ebenfalls an den unerfüllbaren Erwartungen an sie leidet, will die Mutter lange nicht sehen, und ihren eigenen Anteil daran leugnet sie bis zuletzt.
Das knapp 400 Seiten lange Buch ist in drei Teile geteilt. Der erste Teil, knapp 200 Seiten, beschreibt die Familie im Jahr 1998 und im Jahr danach, als erst Wanda und dann Antonia Abitur machen. Der zweite Teil, etwa 100 Seiten, spielt im Jahr 2010: die Töchter sind um die 30, die Eltern sind deutlich älter geworden. Und schließlich begleiten wir die Familie auf den letzten 100 Seiten durch die Jahre 2019 bis 2020, bis zum Beginn der Coronapandemie. Beide Töchter werden auch selbst Mütter und wir erleben auch mit, wie sie nun mit ihren eigenen Kindern umgehen.
Es ist also auch neben einer Mutter-Töchter-Erzählung auch eine weibliche Entwicklungsgeschichte und wir erleben die Hoffnungen, Träume, Ziele, Pläne, aber auch Rückschläge und Enttäuschungen der drei Frauen über mehr als zwei Jahrzehnte mit. Begleiten die beiden Mädchen von der Teenagerzeit bis in ihre 40er-Jahre und erleben mit, wie sie sich schrittweise zu eigenen Persönlichkeiten entwickeln und nach und nach auch die Kraft entwickeln, der dominanten und urteilenden Mutter zumindest ein bisschen die Stirn zu bieten und für ihre eigenen Lebensentwürfe einzustehen.
Insgesamt ist es ein sehr interessantes und psychologisch feinsinniges Buch für alle, die sich für Mütter-Töchter-Beziehungen, für Entwicklungsromane und auch für die Unterschiede zwischen verschiedenen Generationen interessieren. Ich bin etwas jünger als die beiden im Buch vorkommenden Töchter und kenne viele Frauen aus der Generation von Regina - in vielem habe ich die Spannungen vieler Frauen meiner Generation im Verhältnis zu ihren Müttern wiedererkannt.
Da wird im Buch sehr gut aufgezeigt, welche Schattenseiten gerade auch die Anspruchshaltung an Frauen, sie sollten stark sein und alles verwirklichen, sollten gleichzeitig die traditionell männlich wie die traditionell weibliche Rolle erfüllen, beruflich sehr erfolgreich, intelligent, leistungsfähig und stark sein, aber auch die Familie im Griff haben und sich niemals schwach zeigen, mit sich bringt. Wie diese Sozialisierung oft zu Lasten des Zulassens der eigenen Emotionen, aber auch des Mitfühlens mit anderen geht, und damit echte Beziehungen zu anderen, auch zu den eigenen Kindern, unmöglich macht. Solche durch die gesellschaftlichen Umstände narzisstisch geprägten Frauen wie Regina gibt es viele, und auch viele ihrer Töchter, die ähnlich darunter leiden wie Antonia und Wanda. Hier ist das Buch also sehr authentisch und wirklich gelungen.
Insbesondere die zweite Hälfte des Buches hat mich beim Lesen auch sehr gefesselt. Auf den ersten 100 bis 150 Seiten hingegen war mir das Buch etwas zu langatmig, gerade die allererste geschilderte Lebensphase, um die Abiturzeit der beiden Mädchen herum, wird ausführlichst geschildert, ohne dass die Handlung wirklich viel voranschreitet. Anfangs war ich mir deshalb gar nicht sicher, ob ich das Buch wirklich zu Ende lesen will, rückblickend bin ich aber nun froh darüber und es ist in den späteren Abschnitten deutlich spannender geworden.
Ein Detail finde ich auch eher unrealistisch bzw. möglicherweise nicht so genau recherchiert: Reginas psychotherapeutische Privatpraxis wird als der leichtere Karriereweg im Vergleich zu einer wissenschaftlichen Karriere dargestellt, als etwas, das Regina halt neben den Kindern noch schnell erreichen konnte, während ein Doktoratsstudium zu dieser Zeit nicht mehr möglich gewesen wäre. Es wird beschrieben, dass Regina als junge Frau erst jahrelang ziellos Lehramt studiert hätte, dann Jahre in Südamerika verbracht hätte und danach dann noch schnell Psychologie studiert und Psychotherapeutin geworden wäre, während sie schon Anfang 30 ihre zwei Kinder bekommen habe.
Wer sich mit dem Psychologiestudium und der darauf folgenden anspruchsvollen postgraduellen Ausbildung auch nur ein bisschen auskennt, weiß, das ist zeitlich sehr unrealistisch, auch wenn man intelligent und ehrgeizig ist wie Regina. Und selbst wenn, dann bedeutet ein Psychologiestudium samt mehrjähriger psychotherapeutischer Weiterbildung einen Aufwand, der in Summe sicher nicht geringer ist als ein Psychologiestudium plus Doktorat. Wer das gemacht hat, so wie Regina in dem Buch, der würde das wissen, insofern wirkt das etwas unrealistisch. Zur narzisstischen Persönlichkeit Reginas passt es natürlich, dass sie sich unzulänglich fühlt und das Gefühl hat, ihr überragendes Talent beruflich nicht genug verwirklicht zu haben, doch hätte sich hier vielleicht ein passenderes Beispiel finden können.
Abgesehen von diesem Detail und dem, wie gesagt, etwas langatmigen ersten Teil, ist es aber ein durchaus sehr gelungenes und psychologisch tiefgründiges, authentisches Buch, das zum Nachdenken anregt. Wohlfühlbuch ist es aber eher keines, dafür sind die vorkommenden Konflikte zu heftig und insbesondere Regina in ihrer Unbarmherzigkeit deutlich zu unsympathisch.
Es ist ein gutes Buch, aber kein sonderlich schönes. Dazu passt dann wiederum auch wieder der etwas sperrige Titel, auf den im Buch nur kurz Bezug genommen wird und der sich erst bei genauerem Darüber-Nachdenken als Metapher erschließt.
Humorvoll geschriebener Coming-of-Age-Roman
Die große Sehnsucht von René Sydow
"Die große Sehnsucht" von René Sydow ist ein humorvoll-nachdenklich machender Coming-of-Age-Roman, in dem wir drei junge Männer kurz vor dem Abitur und deren Umfeld durch die letzte Zeit in der Schule begleiten.
Es handelt sich um Raphael, genannt Rabe, der immer in schwarz gekleidet ist und von einer Karriere als Drehbuchautor träumt.
Weiters Thomas, genannt Fete, von allen als sehr cool eingeschätzt, ein Mädchenschwarm und bei jeder Party dabei. Und dann schließlich der etwas schüchterne, zurückhaltende Michael, der bei seiner alleinerziehenden Mutter lebt und seinen Vater nicht kennt. Wir befinden uns in den 1990er-Jahren, in einer Zeit noch ohne Smartphones und in den Anfängen des Internets, aber dafür mit großen Träumen und Visionen einer wunderbaren Zukunft.
Die drei träumen von der Zukunft, verlieben sich in Mädchen, beginnen erste zaghafte Beziehungsversuche, legen sich mit Lehrkräften an, gehen auf Partys und vieles mehr. Es ist ein authentisches Bild dieser Lebensphase, das hier mit sehr viel Leichtigkeit und Humor gezeichnet wird, und gleichzeitig bleibt auch die Ernsthaftigkeit nicht aus und es kommen auch diverse herausforderndere Themen der Jugendzeit vor, etwa Mobbing.
Die drei jungen Männer selbst sind sehr sympathisch und es verbindet sie eine wunderschöne Freundschaft. Das Buch lädt dazu ein, sie beim Erwachsenen-Werden zu begleiten und mit ihnen über die Träume nachzudenken, die man selbst als Jugendliche/r hatte und was aus ihnen geworden ist. Einen kleinen Teil im Buch nehmen auch die Eltern der Jugendlichen und deren Perspektive auf das Leben ein, dieser Teil steht aber keineswegs im Vordergrund, zu 90 % geht es klar um die Jugendlichen selbst und deren Erfahrungswelt.
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen. Ich war selbst in den 1990ern Kind und dann Jugendliche und es hat mich beim Lesen ein bisschen in diese Zeit zurückversetzt. Auch mochte ich die sehr sympathischen Hauptcharaktere und ihre Freundschaft sowie den humorvollen Schreibstil sehr.
Frischer neuer Blick auf die Archetypen hinter den Sternzeichen
Die Wunder des Kosmos von Phi Weber
"Die Wunder des Kosmos" von Phi Weber ist ein sehr hochwertig gestaltetes Buch mit dickem Einband, robusten Seiten, übersichtlicher Gliederung und ansprechenden Farbbildern. Es ist also schon von der äußeren Gestaltung her ein Buch, das man gerne in die Hand nimmt und mit dem man sich gerne beschäftigt.
Astrologie ist ein Thema, das so einige fasziniert, aber von anderen wiederum sehr skeptisch gesehen wird und zu dem es viele Vorurteile gibt. Egal, welche persönliche Haltung jemand nun zum Thema Astrologie mitbringt - ich empfehle, diese kurz zur Seite zu stellen, wenn man bereit ist, sich dieses Buch näher anzuschauen. Es geht hier nicht darum, die Zukunft vorherzusagen oder Menschen aufgrund ihres Horoskops festzulegen, es geht um Archetypen.
Und es ist ein in vielerlei Hinsicht tolles Buch, das ich auch Menschen empfehle, die sich gar nicht für Astrologie interessieren und dieser sehr skeptisch gegenüberstehen. Und gleichzeitig empfehle ich auch allen, die Astrologie lernen möchten, sich genau anzuschauen, worum es sich hier handelt, um nichts Falsches zu erwarten.
"Die Wunder des Kosmos" ist nämlich hauptsächlich ein Buch über psychologische Archetypen, die anhand der 12 Sternzeichen sehr klar herausgearbeitet werden.
Wer sich darauf einlässt, kann darin viel Weisheit und Wissen über Psychologie und Persönlichkeitseigenschaften finden, genauso wie wertvolle Hinweise zur Ausbalancierung und Entwicklung einzelner als schwierig empfundener Eigenschaften.
Ich empfehle es also auch allen, die noch nicht viel über Astrologie wissen, aber dem Thema gegenüber offen sind, die psychologisch interessiert sind und sich für das uralte und vielfältig (z.B. von C.G. Jung) bearbeitete Thema der Archetypen interessieren.
Das Buch beginnt nach einer kurzen Einführung mit dem Widder-Archetypen. Hier geht es, wie die Autorin auch im Buch schreibt, nicht um eine banalisierte Zuschreibung von Eigenschaften der Menschen, die gerade in einem bestimmten Zeitraum im Frühjahr geboren sind, sondern es geht um den Archetyp dahinter.
Wenn man sich mit Astrologie beschäftigt, findet man schnell heraus, dass Menschen so viel mehr sind als ihr Sonnenzeichen/Sternzeichen, das stellt auch Phi klar. Es geht also um Archetypen in ihrer Reinform, die kein lebender Mensch so im Extrem ausdrücken wird, aber genau in dieser prägnant beschriebenen Form besonders gut erkennbar und unterscheidbar sind. Und dann kann jede/r selbst entscheiden, was man davon in sich erkennt, mitnimmt und entwickeln will.
Das Kapitel zum Widder-Archetyp beginnt mit einer Übersicht der grundlegenden Eigenschaften dieses Archetypen, im Positiven beispielsweise Idealismus, Ideenreichtum und Begeisterungsfähigkeit, im Herausfordernden das Potential zu Ungeduld, Impulsivität und Rücksichtslosigkeit. Auch Berufsfelder, die diese Eigenschaften stark verkörpern, werden genannt: etwa Extremsportler:in, Reisejournalist:in, Gründer:in eines Start-Ups oder Motivationscoach:in.
Danach geht es, nach einer weiteren kurzen Einführung in die Prinzipien des Archetypen, um den unbewussten Widder auf der unteren Bewusstseinsstufe, der blitzartig losstürmt, ohne viel zu reflektieren und damit durchaus Schaden für sich und andere anrichten kann. Auch seine größte Angst - der Schwächere zu sein - wird beschrieben. Darauf folgt ein Kapitel zur nächsten Bewusstseinsstufe, dem reflektierten Widder, der Selbstbeherrschung und Nachgeben lernt, und noch so einiges mehr.
Und dann gibt es schließlich noch - dieser Ansatz ist auch in der Astrologie gar nicht so häufig - ein Unterkapitel zur Bewusstseinsentwicklung mittels des kardinalen Kreuzes: hier geht es darum, sich von den Eigenschaften anderer Zeichen (in diesem Fall denen, die auch, wie der Widder, zum kardinalen Kreuz gehören, das sind Krebs, Waage und Steinbock) inspirieren zu lassen, um die Eigenschaften des Widders auszubalancieren. Beispielsweise inspiriert der Krebs zu Mitgefühl und der Steinbock zu Selbstdisziplin. Dazu gibt es jeweils Anleitungen zu praktischen Übungen zur Reflexion und Umsetzung.
Nach diesem Muster sind auch die weiteren elf Kapitel der anderen Sternzeichen aufgebaut. Es lässt sich also auf psychologischer Ebene viel über die Archetypen lernen und reflektieren, ohne notwendigerweise dafür an Astrologie "glauben" zu müssen.
Für jene, die sich für Astrologie interessieren, noch ein paar abschließende Worte: dieses Buch ist, wie gesagt, mehr Einführung in die grundlegenden Archetypen der Sternzeichen als komplette Einführung in die Astrologie. Wenngleich das Verständnis dieser Archetypen extrem wichtig ist, um in diesem Bereich kompetent zu werden, stellt es doch nur die Grundlage dar. Man lernt in diesem Buch nicht, Horoskope zu interpretieren, darum geht es überhaupt nicht. Und es geht auch nicht um die Bedeutungen der einzelnen Planeten, Aspekte oder sonstiges.
Wer über all das etwas lernen möchte, ist mit anderen Einführungswerken besser bedient. Hier geht es wirklich ausschließlich um die Archetypen der zwölf Zeichen, das aber sehr ansprechend, fundiert und zum Nachdenken anregend, gleichzeitig praxisorientiert und mit Übungen fürs tägliche Leben.
Insgesamt ist es ein schönes und inspirierendes Buch, das auf vielen Ebenen zum Nachdenken anregt und von dem sich viel lernen lässt. Es wird einen Stammplatz in meinem Bücherregal bekommen und sicher immer wieder mal rausgeholt werden, um mich mit einem der Archetypen näher zu beschäftigen, neue Aspekte davon zu erkennen und mich inspirieren zu lassen.
Ich kann das Buch also allen, die sich für Psychologie und Archetypen interessieren, eine offene Einstellung gegenüber unkonventionellen Ansätzen haben und/oder einen neuen frischen Zugang zu den Basics der Astrologie interessieren, sehr empfehlen!
Anspruchsvoller historischer Roman für rechtsgeschichtlich interessierte Menschen
Die Lungenschwimmprobe von Tore Renberg
In der letzten Zeit kommen mir immer mehr Bücher unter, die nicht ganz eindeutig einem Genre zuzuordnen sind, und damit meiner Meinung nach die literarische Landschaft sehr bereichern - aber gleichzeitig die Lesenden herausfordern, sich auf sie tief einzulassen. Um so ein Buch handelt es sich auch bei dem neuen Wälzer von Tore Renberg - das Buch umfasst mehr als 700 Seiten, noch ohne den Anhang, den man sich online runterladen kann - und bewegt sich an den Grenzen zwischen guter Literatur, historischem Roman und Sachbuch.
"Die Lungenschwimmprobe" basiert in vielen Teilen auf realen historischen Tatsachen, die der Autor in jahrelanger akribischer Arbeit in Archiven zusammengetragen, durch viele Details zu den einzelnen Personen ausgeschmückt und zu einem spannend zu lesenden historischen Roman entwickelt hat. Ich habe mich beim Lesen des Buches sehr gut unterhalten gefühlt und gleichzeitig viel über das Leipzig an der Schwelle zwischen Mittelalter und Aufklärung sowie über die Grundlagen der frühen wissenschaftlichen Medizin und Rechtsgeschichte gelernt.
Worum geht es? Die jugendliche Anna, 14 oder 15 Jahre alt, so genau geben das die historischen Quellen nicht her, Tochter eines Gutsbesitzers, wurde vom Knecht geschwängert und hat ein Kind zur Welt gebracht und dieses gemeinsam mit ihrer Mutter in der Erde vergraben. Die Leiche des Kindes wurde vom Dienstpersonal gefunden und Anna als Kindsmörderin angezeigt. Anna bestreitet dies vehement, beteuert ihre Unschuld und gibt an, dass das Kind schon tot zur Welt gekommen sei. Und dass sie außerdem von ihrer Schwangerschaft nichts gewusst habe und von der Geburt, zu diesem Zeitpunkt alleine zu Hause, völlig überrascht worden sei.
Wir befinden uns zeitlich in den letzten Ausläufern des Mittelalters, in einer zutiefst religiös geprägten Gesellschaft, Ende des 17. Jahrhunderts, eineinhalb Jahrhunderte nach Martin Luther und in protestantischem Gebiet, und einige Jahrzehnte nach dem 30-jährigen Krieg, der in der Erinnerung der Menschen immer noch sehr präsent ist. So ist auch das Rechtssystem noch sehr stark durch den Einfluss der Kirche geprägt, Folter, Kerker, letzte Hexenprozesse und die Todesstrafe sind weit verbreitet und werden als vereinbar mit der Religion, ja, sogar als von Gott gewollt angesehen und durch Bibelpassagen gerechtfertigt. Außerehelicher Geschlechtsverkehr ist verboten, ein uneheliches Kind wird als große Schande für die betroffenen Frauen angesehen, und mit den meisten Frauen, die des Kindesmordes bezichtigt werden, wird kurzer Prozess gemacht, sie werden - ob unschuldig oder nicht - unter Folter zu einem Geständnis gezwungen und danach enthauptet.
Wird es Anna auch so ergehen? Zwei Faktoren sind auf ihrer Seite: einerseits ist sie, im Gegensatz zu den meisten anderen Frauen mit ähnlichem Schicksal, als Tochter eines Gutsbesitzers aus einer reichen Familie und hat einen liebenden Vater, der sich mit aller Kraft für sie einsetzt und einen Anwalt für sie engagiert, um sie zu verteidigen. Und andererseits zeigen sich neben den letzten Ausläufern des Mittelalters auch schon die ersten Vorboten der Aufklärung und einer rationalen, wissenschaftlichen Herangehensweise, die allerdings erst noch dafür kämpfen muss, sich zu behaupten.
Der Anwalt ist ein junger Mann namens Christian Thomasius, eine reale historische Persönlichkeit, der sich später im Sinne der Aufklärung und der Rechtsgeschichte einen Namen machen wird. Dieser holt unter anderem medizinische Gutachten ein, unter anderem eines des angesehenen Arztes Dr. Schreyer, der bei dem verstorbenen Säugling eine sogenannte "Lungenschwimmprobe" durchgeführt hatte. Dazu gibt es ein reales historisches Dokument, auf das sich der Autor stützt. Der Arzt hatte also das tote Baby obduziert, ihm die kleine Lunge entnommen und diese in Wasser eingelegt und über die Ergebnisse berichtet.
Dahinter stand die Annahme, dass ein Kind, das im Mutterleib verstorben sei, nie geatmet hätte, dadurch die Lunge schwerer sei und im Wasser sofort sinken würde. Während ein Kind, das lebendig zur Welt gekommen und erst danach verstorben sei, eine Lunge hätte, die sich erstmalig mit Luft gefüllt hätte, wodurch diese bei der Lungenschwimmprobe schwimmen und nicht sinken würde. Also ein wissenschaftlich-experimentelles Denken, das für die damalige Zeit sehr innovativ und neu war und dadurch noch nicht von allen anerkannt, auch in medizinischen Kreisen und umso mehr vor den stark religiös beeinflussten Gerichten.
Die Lungenschwimmprobe von Annas Baby geht - das erfahren wir schon ziemlich zu Anfang des Buches - zu Annas Gunsten aus: die kleine Lunge sinkt im Wasser, was auf ein totgeborenes Baby hindeutet. Nur wird das in einer noch so stark vom Mittelalter geprägten Zeit reichen, um die junge Frau vor dem Tode zu bewahren? Damit beschäftigt sich das Buch auf den folgenden vielen hundert Seiten. Und mit noch so vielem mehr.
Wir erleben die Gesellschaft in Leipzig und Umgebung Ende des 17. Jahrhunderts aus vielen Perspektiven mit und begleiten nicht nur das Leben von Anna und ihrer Familie, sondern blicken auch durch die Augen von Annas Strafverteidiger und seiner Familie, lernen den Arzt Dr. Schreyer etwas näher kennen, ebenso wie den Scharfrichter, seine Familie und Lebensumstände, diverse Priester und noch so einige andere Personen. Dadurch entsteht insgesamt ein lebendiges und facettenreiches Gesellschaftsporträt einer spannenden Zeit, das so viel mehr ist als nur die Abhandlung eines Gerichtsfalls.
Mir persönlich hat das Buch außerordentlich gut gefallen, weil es mich eben nicht nur unterhalten, sondern auch gebildet hat und ich das Gefühl habe, dank der umfangreichen Recherche des Autors und des in vielen Bereichen auf historischen Tatsachen beruhenden historischen Romans auch meine Geschichtskenntnisse deutlich erweitert zu haben. Auch zum Nachdenken darüber, was es bedeutet, wenn eine Epoche endet und die nächste beginnt, aber auch, was wir durch den wissenschaftlichen Ansatz gesellschaftlich alles gewonnen haben, regt das Buch sehr an. Von mir bekommt das Buch deshalb verdiente 5 Sterne!
Wem würde ich das Buch empfehlen? Zuerst einmal allen, die sehr an Geschichte, insbesondere Rechts- und Medizingeschichte, interessiert sind, die generell anspruchsvolle Bücher mögen und die sich von Literatur weit mehr erwarten, als nur unterhalten zu werden. Nur mit Vorbehalt empfehle ich es Menschen, die ansonsten fast nur historische Romane, Krimis und ähnliches lesen und bei denen der reine Unterhaltungsaspekt im Vordergrund steht - diese könnten das Buch durchaus an manchen Stellen als langatmig empfinden. Es ist eben deutlich mehr Gesellschaftsporträt als Krimi, und das behandelte Thema und die Epoche werden ausführlich und von vielen Perspektiven umkreist. Für mich macht das eine der herausragenden Qualitäten des Buches aus.
Wer aber mit der Erwartung an das Buch herangeht, einen "typischen" historischen Roman (diese sind oft sehr spannend geschrieben, was aber zulasten geschichtlicher Detailtreue und vielfältiger Perspektiven geht) zu lesen, könnte möglicherweise enttäuscht werden. Es empfiehlt sich jedenfalls, sich vor der Anschaffung genau darüber zu informieren, um was für ein Buch es sich handelt und zu reflektieren, ob man persönlich solche Bücher mag und sich auf so eine umfangreiche und tiefgehende Lektüre einlassen will.
Anschauliche Einführung in eine spannende Transformationsmethode
NeuroGraphik von Ingrid Werner
"Neurographik - die Anleitung aus der Praxis" von Ingrid Werner ist ein sehr hochwertig und wunderschön gestaltetes Buch: das zeigt sich schon am festen Einband mit dem wunderschönen Neurographik-Bild gleich als Titelbild, und zieht sich auch sonst durch das Buch, das mit vielen Farbbildern sehr anschaulich und ansprechend gestaltet ist.
Das Buch beginnt, nach einer kurzen Vorstellung der Autorin, in der wir erfahren, wie sie zu Neurographik gekommen ist, mit einer Einführung in die Methode. Offen und nahbar ermutigt die Autorin dabei dazu, die Methode einfach mal auszuprobieren und stellt gleich klar, dass dafür keinerlei Zeichenkenntnisse erforderlich sind. Es wird beschrieben, wie das neurographische Zeichnen dabei unterstützen kann, das eigene Leben zu transformieren und wie es auf das Unterbewusstsein wirkt. Auch Themen wie der innere Widerstand und der mögliche Umgang damit bekommen ihren Raum.
Und dann werden die Lesenden auch schon eingeladen, direkt in die erste Selbsterfahrung mit dieser Methode einzuzeigen und eine erste neurographische Zeichnung anzufertigen. Also dazu erst einmal ein Thema zu aktivieren, Glücksbubbles zu zeichnen, diese mit neurographischen Linien, Feldlinien und Farbe zu ergänzen, alle Ecken abzurunden und am Ende einen Bereich bewusst auszuwählen und zu fixieren. Ich habe diese Zeichnung anhand der Anleitung und ohne vorige Neuroraphik-Erfahrung angefertigt und es war leicht zu schaffen, weil die Anleitung wirklich sehr gut und detailliert ist und mich Schritt für Schritt durch den Prozess geführt hat.
Nach dieser ersten eigenen Zeichenerfahrung wird im nächsten Kapitel detailliert auf praktische Tipps und Tricks für das neurographische Zeichnen eingegangen, so gibt es z.B. Tipps für die Wahl des passenden Materials, für die Themenwahl und Aktivierung des Themas, für Feldlinien, Fixierung und WOW-Effekt. Mit diesen Tipps kann man schon sehr schöne und wohltuende erste neurographische Zeichnungen erstellen.
Schließlich beinhaltet das Buch noch zwei weitere konkrete Zeichenanleitung, eines zur Aktivierung der eigenen Ressourcen und eines zum Thema "Heilung über deine Hand".
Wer also vorab wissen möchte, wie viele konkrete Zeichenanleitungen sich in diesem Buch befinden: es sind drei.
Damit komme ich auch schon zu dem Punkt, warum ich diesem Buch, das mir grundsätzlich in vielen Bereichen sehr gut gefällt und mich inspiriert hat, vier Sterne gebe statt fünf, und das ist das letzte Kapitel "Anwendungsbereiche der Neurographik". Ich verstehe die gute Absicht der Autorin, hier die Vielfalt der unterschiedlichsten Anwendungsmöglichkeiten der Neurographik anhand von Beispielen aufzuzeigen. Wir lesen über Klientinnen und Klienten, die z.B. abnehmen oder mit dem Rauchen aufhören wollen, oder Probleme in ihrer Familie harmonisieren, ein berufliches Projekt retten, sich selbst mehr annehmen oder die eigenen Rollen im Leben besser verstehen.
Diese Beispiele sind auch an sich sehr interessant und zu vielen gibt es schöne neurographische Zeichnungen, allerdings werden jeweils viele neurographische Modelle genannt, die neugierig machen, aber nicht näher erklärt werden. Das kann speziell am Anfang des Kapitels beim Lesen auch verwirrend sein, weil zumindest mir nicht gleich klar war, dass sich auf Modelle bezogen wird, die eben im Buch nicht vorkommen und auch nicht näher erklärt werden. Um diese konkret kennen zu lernen, braucht es dann wohl den Besuch der Kurse in dieser Methode. Es ist kein Buch für das komplette Selbststudium der Neurographik oder ein umfangreiches Nachschlagewerk sämtlicher Zeichenmethoden, das war aber wohl auch nicht die Intention der Autorin.
Wem kann ich somit das Buch empfehlen? Allen, die gerne einen ersten Einblick in die Methode der Neurographik gewinnen wollen, um ein erstes Gefühl zu entwickeln, ob das für sie etwas sein könnte und ob sie gerne weitere Schritte gehen und einen Basiskurs oder eine längere weiterführende Ausbildung in diesem Bereich beginnen möchten.
Ein ganz besonderer Lesegenuss für Fans nordischer Mythologie & Mystik
Sisters in Blood - Der Schwur von Genevieve Gornichec
Wie habe ich dieses Buch geliebt und mich jedes Mal schon so unendlich aufs Weiterlesen gefreut! Schon lange habe ich kein so spannendes Buch mehr gelesen, das Elemente aus historischem Roman mit Mythologie, Fantasy und aktuellen Themen auf authentische Weise verwebt, authentische Charaktere und eine spannende Geschichte hat und dabei stets so interessant zu lesen ist!
"Sisters in Blood - Der Schwur" von Genevieve Gornichec ist eine moderne Interpretation nordischer Mythologie, angelehnt insbesondere an die isländische Saga von Gunnhild und Erik (die Geschichte selbst spielt allerdings nicht in Island, sondern überwiegend in Norwegen).
Es geht um drei Mädchen, die sich als Teenager durch einen Blutsschwur aneinander binden und dabei versprechen, sich immer gegenseitig zu unterstützen und füreinander einzustehen: die beiden Schwestern Signy und Oddny, und ihre Freundin Gunnhild. Und damit verbunden um eine Weissagung, dass eine der dreien das Schicksal der anderen beiden überschatten und verdunkeln würde und deren Wege untrennbar miteinander verbunden seien.
Signy wird schließlich als junge Frau von Räubern verschleppt, während Oddny sich retten kann und gemeinsam mit Gunnhild alles daran setzt, ihre Schwester frei zu bekommen.
Im englischsprachigen Original heißt das Buch "The weaver and the witch queen". Das zeigt schon an, dass entgegen der deutschsprachigen Beschreibung nicht alle drei Schicksale gleich viel Raum im Buch bekommen: hauptsächlich erleben wir das Buch aus der Perspektive von Oddny und Gunnhild sowie weiterer Personen in ihrer Umgebung. Diese erleben auf der Suche nach der verschleppten Signy viele spannende Abenteuer, schließen Freundschaften, müssen entscheiden, wem sie vertrauen können und wem nicht usw.
Spannend habe ich auch gefunden, dass die Frauenrollen in dem Buch eine Mischung aus Tradition und modernen Ansätzen sind: es gibt Mädchen, die von ihren Eltern in arrangierte Ehen gedrängt werden, aber gleichzeitig auch Frauen, die als Hexen oder Wahrsagerinnen unabhängig leben und hoch respektiert werden, und sogar eine Anführerin einer Räuberbande und Kämpferinnen. Und Gunnhild heiratet aus freien Stücken (und um mehr Mittel zu haben, um Signy zu retten) den Königssohn Erik und handelt dafür knallhart diverse Bedingungen aus.
Derzeit gesellschaftlich aktuelle Themen wie Konsens in der Sexualität und generell vielfältige Formen der Geschlechteridentität finden ebenfalls Platz im Buch. So gibt es auch queere Charaktere und die Autorin schreibt im Nachwort, dass sie sich selbst dieser Community zuordne und es diese Menschen immer schon gegeben habe.
Für mich persönlich waren diese modernen Themen durchaus gut und authentisch ins Buch eingebaut und eine Bereicherung - unabhängig davon, wie die historischen Wikinger, über die ich viel zu wenig weiß, nun tatsächlich damit umgegangen wären. Für jemanden, der darüber gar nichts lesen will, ist es aber vielleicht kein Buch, dazu ist der Stellenwert dieses Themas zu prominent.
Insgesamt habe ich die verschiedenen Charaktere als liebevoll durchdacht erlebt, mit einer authentischen Reifung und Persönlichkeitsentwicklung im Buch. Das Buch hatte für mich insgesamt deutlich mehr Tiefe und hat mehr zum Nachdenken angeregt als viele andere Bücher aus der Kategorie "Historischer Roman". Besonders mochte ich auch die Bezüge zum nordischen Glaubens- und Mythologiesystem sowie die Praktiken der Frauen im Bereich Heilung, Zauberei und Wahrsagerei, das hat dem Buch einen ganz besonderen mystischen Touch gegeben.
Von der Autorin gibt es ein weiteres Buch, das bisher meines Wissens nur auf Englisch erschienen ist: "The witch's heart". Ich habe mir dieses schon besorgt und werde es auf jeden Fall auch lesen, wie auch zukünftige Bücher der Autorin, denn ich bin begeistert!
Berührende wahre Geschichten aus dem Berufsalltag einer Hospizschwester
Zwischen den Welten von Hadley Vlahos
"Zwischen den Welten" von Hadley Vlahos ist ein ganz besonderes Buch einer mutigen und einfühlsamen jungen Frau, das in mir sicher noch lange emotional nachwirken hat und transformiert hat, wie ich über den Prozess des Sterbens und damit das Ende des Erfahrungsprozesses im menschlichen Körper und den Übergang in ein unbekanntes Danach denke.
Sterben und der Tod - das sind Themen, mit denen sich viele Menschen lieber nicht so genau befassen, solange sie es nicht müssen. Und die uns doch immer wieder im Leben einholen, in Form geliebter Menschen, die wir durch den Tod verlieren, bis wir schließlich selbst an der Reihe sind. Hadley Vlahos wurde schon jung mit heftigen Themen konfrontiert: als Jugendliche hat sie den plötzlichen Tod eines guten Freundes miterleben müssen, dann wurde sie im Alter von 20 Jahren ungeplant alleinerziehende Mutter, hatte mit sozialer Ausgrenzung durch ihre sehr religiöse Familie und mit Armut zu kämpfen, und musste ihr Studium abbrechen, um ganz alleine für ihren Sohn zu sorgen.
Das ursprünglich von ihr geplante Studium und ihre ursprünglichen Berufswünsche (einer davon Schriftstellerin - wie schön, dass sie sich dem mit diesem Buch doch noch annähern konnte) ließen sich erst einmal nicht mehr realisieren... aber was möglich war, war die Ausbildung zur Krankenschwester und schließlich zur Hospizschwester. Im jungen Alter von 22 begann Hadley also, als Hospizschwester sterbenden Menschen zur Seite zu stehen, ihre Schmerzen zu lindern, für sie da zu sein und für einen möglichst angenehmen, sanften und selbstbestimmten Übergang aus diesem Leben zu sorgen.
Sehr persönlich und berührend erzählt Hadley in dem Buch sowohl aus ihrem eigenen Leben als auch aus ihrem Berufsalltag. Dazu schildert sie insgesamt etwa zwölf Fälle von sterbenden Menschen, die sie als Hospizschwester begleitet hat, meistens zu Hause bei den jeweiligen Menschen, gelegentlich auch im Spital. Wir erleben die Begleitung dieser Menschen hautnah mit, ab dem ersten Kontakt, den Hadley als Hospizpflegerin mit ihnen hatte, über die laufenden Kontakte bis zu ihrem Tod.
Dabei wird deutlich, wie einfühlsam, menschlich und mutig Hadley ist, wie sie mit all diesen Menschen eine nahe Beziehung eingeht und sich berühren lässt, aber gleichzeitig auch sich selbst reflektiert und daran arbeitet - zeitweise auch mit therapeutischer Unterstützung - an diesem fordernden Beruf, den die meisten nach kurzer Zeit wieder verlassen, zu wachsen statt auszubrennen.
Wir erleben mit, wie Hadley aus jeder Begegnung etwas für sich persönlich mitnimmt, daran wächst und reifer wird und wie sie es am Ende auch schafft, gegen Ungerechtigkeiten und unnötige Formalismen und Hierarchien aufzubegehren und sich bedingungslos für das Wohl ihrer Schützlinge einzusetzen.
Auf der einen Seite kann das Buch also auch als Memoir über Hadley und ihren persönlichen Entwicklungs- und beruflichen Emanzipationsprozess gesehen werden.
Auf der anderen Seite vermittelt es aber auch über die Fallgeschichten viel Wissen über den Sterbeprozess und über die teilweise unerklärlichen Phänomene, die dabei immer wieder auftreten, unabhängig von vorigen religiösen Überzeugungen der Sterbenden: so gibt es zum Beispiel bei sehr vielen Sterbenden aller möglichen religiösen Hintergründe und auch bei Atheisten und Atheistinnen das Phänomen, dass diese am Ende ihres Lebens den Eindruck haben, von wohlmeinenden schon verstorbenen Angehörigen begleitet, getröstet und abgeholt zu werden, und zwar in einer Form, die sich von sonstigen Halluzinationen oder Wahnvorstellungen deutlich abgrenzt.
Und wir erfahren auch, dass der Tod, wenn er auf natürlichem Weg eintritt, oft ein gradueller Prozess ist, ein Immer-Weniger-im-Leben-sein, ein schrittweiser Abbau von Körperfunktionen und Bewusstsein, bis schließlich der tatsächliche Tod eintritt. Und dass dieser Prozess oft zeitlich relativ genau eingrenzbar ist: für mit dem Thema Erfahrene gibt es oft eindeutige Zeichen, dass der Sterbeprozess begonnen hat und der Tod sehr wahrscheinlich innerhalb der nächsten ca. 72 Stunden eintreten wird.
Es ist also ein in vielerlei Hinsicht lehrreiches und berührendes Buch, das wertvolle Informationen für alle bietet, die bereit sind, sich nicht nur intellektuell, sondern auch emotional (ich habe beim Lesen der Geschichten immer wieder weinen müssen) auf ein zwar dunkles und tiefgehendes, aber doch auch transformatives Thema einzulassen, das uns früher oder später alle betrifft. Absolute Leseempfehlung für alle, die mutig genug für diese Konfrontation sind!
Beziehungen zwischen Schwestern überschattet von Trauer und Sucht
Blue Sisters von Coco Mellors
Schon das Titelbild der "Blue Sisters" gibt einen guten ersten Eindruck, worum es im Buch geht: wir sehen eine Frau, die sehr traurig, verzweifelt und verschlossen wirkt. Die Blue Sisters sind die vier Mädchen der Familie Blue, die sich eigentlich einen Sohn gewünscht hatte, aber damit nie erfolgreich war.
Ich stelle mal die Schwestern vor, beginnend mit der ältesten: Avery, eine erfolgreiche Anwältin und mit einer Frau verheiratet, auf der die Verantwortung der Miterziehung ihrer drei jüngeren Schwestern schwer gelastet hat. Hochbegabt, sehr diszipliniert und mit einer kurzen, aber heftigen Suchtvergangenheit Anfang ihres Erwachsenenlebens, die sie aber doch überwiegend hinter sich lassen konnte. Dann Bonnie, die psychisch noch am gesündesten wirkt, Halt in ihrem Glauben findet und eine erfolgreiche Karriere im Box-Hochleistungssport verfolgt. Schließlich Nicky, die nicht mehr lebt, weil sie an zu vielen Tabletten gestorben ist. Die Endometriose hatte und dadurch chronische Schmerzen, die sie mit den Tabletten bekämpfen wollte, die aber auch eine beliebte Lehrerin war, sozial, liebenswürdig und offen, und sich so sehr eine eigene Familie mit Partner und Kindern gewünscht hat, wozu es aber nicht mehr kam. Dann die jüngste, Lucky, die als Teenager die High School abgebrochen hat, um eine erfolgreiche, aber problematische Karriere als Model zu starten, und die ebenfalls ein Suchtproblem hat.
In der Zeit ein Jahr nach Nickys Tod, aus der die meisten Szenen geschrieben sind, ist Avery 33 Jahre alt, Bonnie Anfang 30, und die beiden jüngsten in den 20ern. Die drei verbliebenen Schwestern trauern um Nicky, und das bringt manche Probleme, die sie auch davor schon in ihren Leben hatten, noch stärker zum Vorschein, bietet aber auch Gelegenheiten, wieder mehr miteinander in Kontakt zu kommen.
Dann gibt es noch die Eltern, die im Buch überraschend blass bleiben und nur gelegentlich in Erwähnungen oder kurzen Nebenszenen vorkommen.
Wir erleben das Buch - nach einer kurzen allgemeinen Vorstellung aller vier Schwestern und deren Charakteristika aus der Erzählerperspektive am Anfang - beim Lesen abwechselnd aus den Perspektiven der drei überlebenden Schwestern Avery, Bonnie und Lucky, während die verstorbene Nicky nur aus der Außenperspektive geschildert wird.
Wie schon im vorigen Absatz beschrieben, ist es den Schwestern überwiegend gelungen, jeweils extrem erfolgreiche Karrieren in ihrem Feld zu erreichen, trotz aller Probleme und Schwierigkeiten. Leistungsorientierung, Disziplin und Leidensfähigkeit sind wohl leitende Prinzipien in dieser Familie, und es scheint sich um extrem talentierte junge Frauen zu haben, die auch noch so viel Glück und passende Umstände haben, dass es mit den Karrieren klappt. Den "normalsten" Job, den als Lehrerin, hatte noch die verstorbene Nicky.
Gleichzeitig ist die Familie überschattet vom Thema Sucht, sowohl nach Alkohol als auch nach diversen Drogen und Tabletten sowie problematischem Sexualverhalten, und fast alle Schwestern kämpfen immer wieder mit einem großen Suchtproblem, das wohl auch schon mindestens den Vater und seine Herkunftslinie betroffen hat und sich durch das ganze Buch zieht. Dieses Thema nimmt auch insgesamt im Buch einen sehr großen Raum ein, einen größeren, als mir persönlich beim Lesen gut gefallen hat.
Es gab viele Szenen im Buch, die ich sehr mochte: insbesondere die, bei denen ich die Schwestern mit ihren individuellen Eigenschaften und in Beziehungen mit anderen Menschen oder miteinander näher kennen lernen konnte. Diese Teile hatten für mich Authentizität und Tiefe, die verschiedenen Persönlichkeiten kamen klar hervor, und sie waren spannend zu lesen. Gleichzeitig gab es aber auch immer wieder Stellen, die mich gelangweilt bis verärgert haben, in denen seitenweise Suchtverhalten in diversen Bars und Lokalen geschildert wurde, und die ich dann nur noch überflogen habe, um hoffentlich bald wieder zu einer interessanteren Stelle - von der es im grundsätzlich guten Buch ja viele gibt - zu kommen.
Insgesamt ist es ein Buch, das mir sehr gut gefallen hat und das auch emotional noch lange nachwirken wird. Ich finde es schön, wie differenziert die Beziehungen zwischen den Schwestern dargestellt werden und wie klar herauskommt, wie ambivalent und vielschichtig diese sein können und welche Elemente - etwa das gemeinsame Aufwachsen mit den gleichen Eltern und die Rollen, die das mit sich bringt, die ähnliche Prägung durch die Familie, die aber dann doch manches zwar vordergründig ähnlich aussehen lässt, aber die Schwestern in vielen Bereichen, kombiniert mit ihrer unterschiedlichen Persönlichkeit, wiederum doch in ganz verschiedene Richtungen gehen lässt - dazu beitragen, dass diese Beziehungen nochmal wesentlich anders sind als einfach Freundschaften zwischen Frauen. Ich habe selbst zwei Schwestern und habe so einiges wiedererkannt. Mir hat es auch gefallen, ein Buch speziell über Geschwisterbeziehungen zu lesen.
Wenn also das Suchtthema nicht dermaßen dominant und ausgebreitet worden wäre, dann wäre es für mich ein 5-Sterne-Buch. So gibt es einen Punkt Abzug dafür, insbesondere für die gefühlt zu starke Wiederholung der immer ähnlichen Suchtszenen, die ich bei Wiederholung gar nicht mehr gerne gelesen habe und die meiner Meinung nach auch nicht unbedingt dermaßen viel Raum einnehmen hätten müssen, um die grundlegende Botschaft des Buches, wie sehr diese Familie davon überschattet ist, rüberzubringen. Stattdessen hätte es mir gefallen, wenn die Beziehung zu den Eltern noch mehr Raum im Buch gekommen hätte - eine kurze Szene zwischen Avery und der Mutter ziemlich am Ende zeigt, dass dafür durchaus Potential gewesen wäre und das Buch und auch der Blick auf die vier Schwestern davon noch mehr bereichert werden hätte können.
Ich empfehle das Buch allen, die sich für Geschwisterbeziehungen, insbesondere solche zwischen Schwestern, interessieren, und die kein Problem damit haben, dass es trotz aller auch humorvollen Szenen und gelegentlicher schöner Momente über weite Teile auch ein sehr trauriges Buch ist.











