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Rezensionen von Eternal-Hope:
Frischer neuer Blick auf die Archetypen hinter den Sternzeichen
Die Wunder des Kosmos von Phi Weber
"Die Wunder des Kosmos" von Phi Weber ist ein sehr hochwertig gestaltetes Buch mit dickem Einband, robusten Seiten, übersichtlicher Gliederung und ansprechenden Farbbildern. Es ist also schon von der äußeren Gestaltung her ein Buch, das man gerne in die Hand nimmt und mit dem man sich gerne beschäftigt.
Astrologie ist ein Thema, das so einige fasziniert, aber von anderen wiederum sehr skeptisch gesehen wird und zu dem es viele Vorurteile gibt. Egal, welche persönliche Haltung jemand nun zum Thema Astrologie mitbringt - ich empfehle, diese kurz zur Seite zu stellen, wenn man bereit ist, sich dieses Buch näher anzuschauen. Es geht hier nicht darum, die Zukunft vorherzusagen oder Menschen aufgrund ihres Horoskops festzulegen, es geht um Archetypen.
Und es ist ein in vielerlei Hinsicht tolles Buch, das ich auch Menschen empfehle, die sich gar nicht für Astrologie interessieren und dieser sehr skeptisch gegenüberstehen. Und gleichzeitig empfehle ich auch allen, die Astrologie lernen möchten, sich genau anzuschauen, worum es sich hier handelt, um nichts Falsches zu erwarten.
"Die Wunder des Kosmos" ist nämlich hauptsächlich ein Buch über psychologische Archetypen, die anhand der 12 Sternzeichen sehr klar herausgearbeitet werden.
Wer sich darauf einlässt, kann darin viel Weisheit und Wissen über Psychologie und Persönlichkeitseigenschaften finden, genauso wie wertvolle Hinweise zur Ausbalancierung und Entwicklung einzelner als schwierig empfundener Eigenschaften.
Ich empfehle es also auch allen, die noch nicht viel über Astrologie wissen, aber dem Thema gegenüber offen sind, die psychologisch interessiert sind und sich für das uralte und vielfältig (z.B. von C.G. Jung) bearbeitete Thema der Archetypen interessieren.
Das Buch beginnt nach einer kurzen Einführung mit dem Widder-Archetypen. Hier geht es, wie die Autorin auch im Buch schreibt, nicht um eine banalisierte Zuschreibung von Eigenschaften der Menschen, die gerade in einem bestimmten Zeitraum im Frühjahr geboren sind, sondern es geht um den Archetyp dahinter.
Wenn man sich mit Astrologie beschäftigt, findet man schnell heraus, dass Menschen so viel mehr sind als ihr Sonnenzeichen/Sternzeichen, das stellt auch Phi klar. Es geht also um Archetypen in ihrer Reinform, die kein lebender Mensch so im Extrem ausdrücken wird, aber genau in dieser prägnant beschriebenen Form besonders gut erkennbar und unterscheidbar sind. Und dann kann jede/r selbst entscheiden, was man davon in sich erkennt, mitnimmt und entwickeln will.
Das Kapitel zum Widder-Archetyp beginnt mit einer Übersicht der grundlegenden Eigenschaften dieses Archetypen, im Positiven beispielsweise Idealismus, Ideenreichtum und Begeisterungsfähigkeit, im Herausfordernden das Potential zu Ungeduld, Impulsivität und Rücksichtslosigkeit. Auch Berufsfelder, die diese Eigenschaften stark verkörpern, werden genannt: etwa Extremsportler:in, Reisejournalist:in, Gründer:in eines Start-Ups oder Motivationscoach:in.
Danach geht es, nach einer weiteren kurzen Einführung in die Prinzipien des Archetypen, um den unbewussten Widder auf der unteren Bewusstseinsstufe, der blitzartig losstürmt, ohne viel zu reflektieren und damit durchaus Schaden für sich und andere anrichten kann. Auch seine größte Angst - der Schwächere zu sein - wird beschrieben. Darauf folgt ein Kapitel zur nächsten Bewusstseinsstufe, dem reflektierten Widder, der Selbstbeherrschung und Nachgeben lernt, und noch so einiges mehr.
Und dann gibt es schließlich noch - dieser Ansatz ist auch in der Astrologie gar nicht so häufig - ein Unterkapitel zur Bewusstseinsentwicklung mittels des kardinalen Kreuzes: hier geht es darum, sich von den Eigenschaften anderer Zeichen (in diesem Fall denen, die auch, wie der Widder, zum kardinalen Kreuz gehören, das sind Krebs, Waage und Steinbock) inspirieren zu lassen, um die Eigenschaften des Widders auszubalancieren. Beispielsweise inspiriert der Krebs zu Mitgefühl und der Steinbock zu Selbstdisziplin. Dazu gibt es jeweils Anleitungen zu praktischen Übungen zur Reflexion und Umsetzung.
Nach diesem Muster sind auch die weiteren elf Kapitel der anderen Sternzeichen aufgebaut. Es lässt sich also auf psychologischer Ebene viel über die Archetypen lernen und reflektieren, ohne notwendigerweise dafür an Astrologie "glauben" zu müssen.
Für jene, die sich für Astrologie interessieren, noch ein paar abschließende Worte: dieses Buch ist, wie gesagt, mehr Einführung in die grundlegenden Archetypen der Sternzeichen als komplette Einführung in die Astrologie. Wenngleich das Verständnis dieser Archetypen extrem wichtig ist, um in diesem Bereich kompetent zu werden, stellt es doch nur die Grundlage dar. Man lernt in diesem Buch nicht, Horoskope zu interpretieren, darum geht es überhaupt nicht. Und es geht auch nicht um die Bedeutungen der einzelnen Planeten, Aspekte oder sonstiges.
Wer über all das etwas lernen möchte, ist mit anderen Einführungswerken besser bedient. Hier geht es wirklich ausschließlich um die Archetypen der zwölf Zeichen, das aber sehr ansprechend, fundiert und zum Nachdenken anregend, gleichzeitig praxisorientiert und mit Übungen fürs tägliche Leben.
Insgesamt ist es ein schönes und inspirierendes Buch, das auf vielen Ebenen zum Nachdenken anregt und von dem sich viel lernen lässt. Es wird einen Stammplatz in meinem Bücherregal bekommen und sicher immer wieder mal rausgeholt werden, um mich mit einem der Archetypen näher zu beschäftigen, neue Aspekte davon zu erkennen und mich inspirieren zu lassen.
Ich kann das Buch also allen, die sich für Psychologie und Archetypen interessieren, eine offene Einstellung gegenüber unkonventionellen Ansätzen haben und/oder einen neuen frischen Zugang zu den Basics der Astrologie interessieren, sehr empfehlen!
Anspruchsvoller historischer Roman für rechtsgeschichtlich interessierte Menschen
Die Lungenschwimmprobe von Tore Renberg
In der letzten Zeit kommen mir immer mehr Bücher unter, die nicht ganz eindeutig einem Genre zuzuordnen sind, und damit meiner Meinung nach die literarische Landschaft sehr bereichern - aber gleichzeitig die Lesenden herausfordern, sich auf sie tief einzulassen. Um so ein Buch handelt es sich auch bei dem neuen Wälzer von Tore Renberg - das Buch umfasst mehr als 700 Seiten, noch ohne den Anhang, den man sich online runterladen kann - und bewegt sich an den Grenzen zwischen guter Literatur, historischem Roman und Sachbuch.
"Die Lungenschwimmprobe" basiert in vielen Teilen auf realen historischen Tatsachen, die der Autor in jahrelanger akribischer Arbeit in Archiven zusammengetragen, durch viele Details zu den einzelnen Personen ausgeschmückt und zu einem spannend zu lesenden historischen Roman entwickelt hat. Ich habe mich beim Lesen des Buches sehr gut unterhalten gefühlt und gleichzeitig viel über das Leipzig an der Schwelle zwischen Mittelalter und Aufklärung sowie über die Grundlagen der frühen wissenschaftlichen Medizin und Rechtsgeschichte gelernt.
Worum geht es? Die jugendliche Anna, 14 oder 15 Jahre alt, so genau geben das die historischen Quellen nicht her, Tochter eines Gutsbesitzers, wurde vom Knecht geschwängert und hat ein Kind zur Welt gebracht und dieses gemeinsam mit ihrer Mutter in der Erde vergraben. Die Leiche des Kindes wurde vom Dienstpersonal gefunden und Anna als Kindsmörderin angezeigt. Anna bestreitet dies vehement, beteuert ihre Unschuld und gibt an, dass das Kind schon tot zur Welt gekommen sei. Und dass sie außerdem von ihrer Schwangerschaft nichts gewusst habe und von der Geburt, zu diesem Zeitpunkt alleine zu Hause, völlig überrascht worden sei.
Wir befinden uns zeitlich in den letzten Ausläufern des Mittelalters, in einer zutiefst religiös geprägten Gesellschaft, Ende des 17. Jahrhunderts, eineinhalb Jahrhunderte nach Martin Luther und in protestantischem Gebiet, und einige Jahrzehnte nach dem 30-jährigen Krieg, der in der Erinnerung der Menschen immer noch sehr präsent ist. So ist auch das Rechtssystem noch sehr stark durch den Einfluss der Kirche geprägt, Folter, Kerker, letzte Hexenprozesse und die Todesstrafe sind weit verbreitet und werden als vereinbar mit der Religion, ja, sogar als von Gott gewollt angesehen und durch Bibelpassagen gerechtfertigt. Außerehelicher Geschlechtsverkehr ist verboten, ein uneheliches Kind wird als große Schande für die betroffenen Frauen angesehen, und mit den meisten Frauen, die des Kindesmordes bezichtigt werden, wird kurzer Prozess gemacht, sie werden - ob unschuldig oder nicht - unter Folter zu einem Geständnis gezwungen und danach enthauptet.
Wird es Anna auch so ergehen? Zwei Faktoren sind auf ihrer Seite: einerseits ist sie, im Gegensatz zu den meisten anderen Frauen mit ähnlichem Schicksal, als Tochter eines Gutsbesitzers aus einer reichen Familie und hat einen liebenden Vater, der sich mit aller Kraft für sie einsetzt und einen Anwalt für sie engagiert, um sie zu verteidigen. Und andererseits zeigen sich neben den letzten Ausläufern des Mittelalters auch schon die ersten Vorboten der Aufklärung und einer rationalen, wissenschaftlichen Herangehensweise, die allerdings erst noch dafür kämpfen muss, sich zu behaupten.
Der Anwalt ist ein junger Mann namens Christian Thomasius, eine reale historische Persönlichkeit, der sich später im Sinne der Aufklärung und der Rechtsgeschichte einen Namen machen wird. Dieser holt unter anderem medizinische Gutachten ein, unter anderem eines des angesehenen Arztes Dr. Schreyer, der bei dem verstorbenen Säugling eine sogenannte "Lungenschwimmprobe" durchgeführt hatte. Dazu gibt es ein reales historisches Dokument, auf das sich der Autor stützt. Der Arzt hatte also das tote Baby obduziert, ihm die kleine Lunge entnommen und diese in Wasser eingelegt und über die Ergebnisse berichtet.
Dahinter stand die Annahme, dass ein Kind, das im Mutterleib verstorben sei, nie geatmet hätte, dadurch die Lunge schwerer sei und im Wasser sofort sinken würde. Während ein Kind, das lebendig zur Welt gekommen und erst danach verstorben sei, eine Lunge hätte, die sich erstmalig mit Luft gefüllt hätte, wodurch diese bei der Lungenschwimmprobe schwimmen und nicht sinken würde. Also ein wissenschaftlich-experimentelles Denken, das für die damalige Zeit sehr innovativ und neu war und dadurch noch nicht von allen anerkannt, auch in medizinischen Kreisen und umso mehr vor den stark religiös beeinflussten Gerichten.
Die Lungenschwimmprobe von Annas Baby geht - das erfahren wir schon ziemlich zu Anfang des Buches - zu Annas Gunsten aus: die kleine Lunge sinkt im Wasser, was auf ein totgeborenes Baby hindeutet. Nur wird das in einer noch so stark vom Mittelalter geprägten Zeit reichen, um die junge Frau vor dem Tode zu bewahren? Damit beschäftigt sich das Buch auf den folgenden vielen hundert Seiten. Und mit noch so vielem mehr.
Wir erleben die Gesellschaft in Leipzig und Umgebung Ende des 17. Jahrhunderts aus vielen Perspektiven mit und begleiten nicht nur das Leben von Anna und ihrer Familie, sondern blicken auch durch die Augen von Annas Strafverteidiger und seiner Familie, lernen den Arzt Dr. Schreyer etwas näher kennen, ebenso wie den Scharfrichter, seine Familie und Lebensumstände, diverse Priester und noch so einige andere Personen. Dadurch entsteht insgesamt ein lebendiges und facettenreiches Gesellschaftsporträt einer spannenden Zeit, das so viel mehr ist als nur die Abhandlung eines Gerichtsfalls.
Mir persönlich hat das Buch außerordentlich gut gefallen, weil es mich eben nicht nur unterhalten, sondern auch gebildet hat und ich das Gefühl habe, dank der umfangreichen Recherche des Autors und des in vielen Bereichen auf historischen Tatsachen beruhenden historischen Romans auch meine Geschichtskenntnisse deutlich erweitert zu haben. Auch zum Nachdenken darüber, was es bedeutet, wenn eine Epoche endet und die nächste beginnt, aber auch, was wir durch den wissenschaftlichen Ansatz gesellschaftlich alles gewonnen haben, regt das Buch sehr an. Von mir bekommt das Buch deshalb verdiente 5 Sterne!
Wem würde ich das Buch empfehlen? Zuerst einmal allen, die sehr an Geschichte, insbesondere Rechts- und Medizingeschichte, interessiert sind, die generell anspruchsvolle Bücher mögen und die sich von Literatur weit mehr erwarten, als nur unterhalten zu werden. Nur mit Vorbehalt empfehle ich es Menschen, die ansonsten fast nur historische Romane, Krimis und ähnliches lesen und bei denen der reine Unterhaltungsaspekt im Vordergrund steht - diese könnten das Buch durchaus an manchen Stellen als langatmig empfinden. Es ist eben deutlich mehr Gesellschaftsporträt als Krimi, und das behandelte Thema und die Epoche werden ausführlich und von vielen Perspektiven umkreist. Für mich macht das eine der herausragenden Qualitäten des Buches aus.
Wer aber mit der Erwartung an das Buch herangeht, einen "typischen" historischen Roman (diese sind oft sehr spannend geschrieben, was aber zulasten geschichtlicher Detailtreue und vielfältiger Perspektiven geht) zu lesen, könnte möglicherweise enttäuscht werden. Es empfiehlt sich jedenfalls, sich vor der Anschaffung genau darüber zu informieren, um was für ein Buch es sich handelt und zu reflektieren, ob man persönlich solche Bücher mag und sich auf so eine umfangreiche und tiefgehende Lektüre einlassen will.
Anschauliche Einführung in eine spannende Transformationsmethode
NeuroGraphik von Ingrid Werner
"Neurographik - die Anleitung aus der Praxis" von Ingrid Werner ist ein sehr hochwertig und wunderschön gestaltetes Buch: das zeigt sich schon am festen Einband mit dem wunderschönen Neurographik-Bild gleich als Titelbild, und zieht sich auch sonst durch das Buch, das mit vielen Farbbildern sehr anschaulich und ansprechend gestaltet ist.
Das Buch beginnt, nach einer kurzen Vorstellung der Autorin, in der wir erfahren, wie sie zu Neurographik gekommen ist, mit einer Einführung in die Methode. Offen und nahbar ermutigt die Autorin dabei dazu, die Methode einfach mal auszuprobieren und stellt gleich klar, dass dafür keinerlei Zeichenkenntnisse erforderlich sind. Es wird beschrieben, wie das neurographische Zeichnen dabei unterstützen kann, das eigene Leben zu transformieren und wie es auf das Unterbewusstsein wirkt. Auch Themen wie der innere Widerstand und der mögliche Umgang damit bekommen ihren Raum.
Und dann werden die Lesenden auch schon eingeladen, direkt in die erste Selbsterfahrung mit dieser Methode einzuzeigen und eine erste neurographische Zeichnung anzufertigen. Also dazu erst einmal ein Thema zu aktivieren, Glücksbubbles zu zeichnen, diese mit neurographischen Linien, Feldlinien und Farbe zu ergänzen, alle Ecken abzurunden und am Ende einen Bereich bewusst auszuwählen und zu fixieren. Ich habe diese Zeichnung anhand der Anleitung und ohne vorige Neuroraphik-Erfahrung angefertigt und es war leicht zu schaffen, weil die Anleitung wirklich sehr gut und detailliert ist und mich Schritt für Schritt durch den Prozess geführt hat.
Nach dieser ersten eigenen Zeichenerfahrung wird im nächsten Kapitel detailliert auf praktische Tipps und Tricks für das neurographische Zeichnen eingegangen, so gibt es z.B. Tipps für die Wahl des passenden Materials, für die Themenwahl und Aktivierung des Themas, für Feldlinien, Fixierung und WOW-Effekt. Mit diesen Tipps kann man schon sehr schöne und wohltuende erste neurographische Zeichnungen erstellen.
Schließlich beinhaltet das Buch noch zwei weitere konkrete Zeichenanleitung, eines zur Aktivierung der eigenen Ressourcen und eines zum Thema "Heilung über deine Hand".
Wer also vorab wissen möchte, wie viele konkrete Zeichenanleitungen sich in diesem Buch befinden: es sind drei.
Damit komme ich auch schon zu dem Punkt, warum ich diesem Buch, das mir grundsätzlich in vielen Bereichen sehr gut gefällt und mich inspiriert hat, vier Sterne gebe statt fünf, und das ist das letzte Kapitel "Anwendungsbereiche der Neurographik". Ich verstehe die gute Absicht der Autorin, hier die Vielfalt der unterschiedlichsten Anwendungsmöglichkeiten der Neurographik anhand von Beispielen aufzuzeigen. Wir lesen über Klientinnen und Klienten, die z.B. abnehmen oder mit dem Rauchen aufhören wollen, oder Probleme in ihrer Familie harmonisieren, ein berufliches Projekt retten, sich selbst mehr annehmen oder die eigenen Rollen im Leben besser verstehen.
Diese Beispiele sind auch an sich sehr interessant und zu vielen gibt es schöne neurographische Zeichnungen, allerdings werden jeweils viele neurographische Modelle genannt, die neugierig machen, aber nicht näher erklärt werden. Das kann speziell am Anfang des Kapitels beim Lesen auch verwirrend sein, weil zumindest mir nicht gleich klar war, dass sich auf Modelle bezogen wird, die eben im Buch nicht vorkommen und auch nicht näher erklärt werden. Um diese konkret kennen zu lernen, braucht es dann wohl den Besuch der Kurse in dieser Methode. Es ist kein Buch für das komplette Selbststudium der Neurographik oder ein umfangreiches Nachschlagewerk sämtlicher Zeichenmethoden, das war aber wohl auch nicht die Intention der Autorin.
Wem kann ich somit das Buch empfehlen? Allen, die gerne einen ersten Einblick in die Methode der Neurographik gewinnen wollen, um ein erstes Gefühl zu entwickeln, ob das für sie etwas sein könnte und ob sie gerne weitere Schritte gehen und einen Basiskurs oder eine längere weiterführende Ausbildung in diesem Bereich beginnen möchten.
Ein ganz besonderer Lesegenuss für Fans nordischer Mythologie & Mystik
Sisters in Blood - Der Schwur von Genevieve Gornichec
Wie habe ich dieses Buch geliebt und mich jedes Mal schon so unendlich aufs Weiterlesen gefreut! Schon lange habe ich kein so spannendes Buch mehr gelesen, das Elemente aus historischem Roman mit Mythologie, Fantasy und aktuellen Themen auf authentische Weise verwebt, authentische Charaktere und eine spannende Geschichte hat und dabei stets so interessant zu lesen ist!
"Sisters in Blood - Der Schwur" von Genevieve Gornichec ist eine moderne Interpretation nordischer Mythologie, angelehnt insbesondere an die isländische Saga von Gunnhild und Erik (die Geschichte selbst spielt allerdings nicht in Island, sondern überwiegend in Norwegen).
Es geht um drei Mädchen, die sich als Teenager durch einen Blutsschwur aneinander binden und dabei versprechen, sich immer gegenseitig zu unterstützen und füreinander einzustehen: die beiden Schwestern Signy und Oddny, und ihre Freundin Gunnhild. Und damit verbunden um eine Weissagung, dass eine der dreien das Schicksal der anderen beiden überschatten und verdunkeln würde und deren Wege untrennbar miteinander verbunden seien.
Signy wird schließlich als junge Frau von Räubern verschleppt, während Oddny sich retten kann und gemeinsam mit Gunnhild alles daran setzt, ihre Schwester frei zu bekommen.
Im englischsprachigen Original heißt das Buch "The weaver and the witch queen". Das zeigt schon an, dass entgegen der deutschsprachigen Beschreibung nicht alle drei Schicksale gleich viel Raum im Buch bekommen: hauptsächlich erleben wir das Buch aus der Perspektive von Oddny und Gunnhild sowie weiterer Personen in ihrer Umgebung. Diese erleben auf der Suche nach der verschleppten Signy viele spannende Abenteuer, schließen Freundschaften, müssen entscheiden, wem sie vertrauen können und wem nicht usw.
Spannend habe ich auch gefunden, dass die Frauenrollen in dem Buch eine Mischung aus Tradition und modernen Ansätzen sind: es gibt Mädchen, die von ihren Eltern in arrangierte Ehen gedrängt werden, aber gleichzeitig auch Frauen, die als Hexen oder Wahrsagerinnen unabhängig leben und hoch respektiert werden, und sogar eine Anführerin einer Räuberbande und Kämpferinnen. Und Gunnhild heiratet aus freien Stücken (und um mehr Mittel zu haben, um Signy zu retten) den Königssohn Erik und handelt dafür knallhart diverse Bedingungen aus.
Derzeit gesellschaftlich aktuelle Themen wie Konsens in der Sexualität und generell vielfältige Formen der Geschlechteridentität finden ebenfalls Platz im Buch. So gibt es auch queere Charaktere und die Autorin schreibt im Nachwort, dass sie sich selbst dieser Community zuordne und es diese Menschen immer schon gegeben habe.
Für mich persönlich waren diese modernen Themen durchaus gut und authentisch ins Buch eingebaut und eine Bereicherung - unabhängig davon, wie die historischen Wikinger, über die ich viel zu wenig weiß, nun tatsächlich damit umgegangen wären. Für jemanden, der darüber gar nichts lesen will, ist es aber vielleicht kein Buch, dazu ist der Stellenwert dieses Themas zu prominent.
Insgesamt habe ich die verschiedenen Charaktere als liebevoll durchdacht erlebt, mit einer authentischen Reifung und Persönlichkeitsentwicklung im Buch. Das Buch hatte für mich insgesamt deutlich mehr Tiefe und hat mehr zum Nachdenken angeregt als viele andere Bücher aus der Kategorie "Historischer Roman". Besonders mochte ich auch die Bezüge zum nordischen Glaubens- und Mythologiesystem sowie die Praktiken der Frauen im Bereich Heilung, Zauberei und Wahrsagerei, das hat dem Buch einen ganz besonderen mystischen Touch gegeben.
Von der Autorin gibt es ein weiteres Buch, das bisher meines Wissens nur auf Englisch erschienen ist: "The witch's heart". Ich habe mir dieses schon besorgt und werde es auf jeden Fall auch lesen, wie auch zukünftige Bücher der Autorin, denn ich bin begeistert!
Berührende wahre Geschichten aus dem Berufsalltag einer Hospizschwester
Zwischen den Welten von Hadley Vlahos
"Zwischen den Welten" von Hadley Vlahos ist ein ganz besonderes Buch einer mutigen und einfühlsamen jungen Frau, das in mir sicher noch lange emotional nachwirken hat und transformiert hat, wie ich über den Prozess des Sterbens und damit das Ende des Erfahrungsprozesses im menschlichen Körper und den Übergang in ein unbekanntes Danach denke.
Sterben und der Tod - das sind Themen, mit denen sich viele Menschen lieber nicht so genau befassen, solange sie es nicht müssen. Und die uns doch immer wieder im Leben einholen, in Form geliebter Menschen, die wir durch den Tod verlieren, bis wir schließlich selbst an der Reihe sind. Hadley Vlahos wurde schon jung mit heftigen Themen konfrontiert: als Jugendliche hat sie den plötzlichen Tod eines guten Freundes miterleben müssen, dann wurde sie im Alter von 20 Jahren ungeplant alleinerziehende Mutter, hatte mit sozialer Ausgrenzung durch ihre sehr religiöse Familie und mit Armut zu kämpfen, und musste ihr Studium abbrechen, um ganz alleine für ihren Sohn zu sorgen.
Das ursprünglich von ihr geplante Studium und ihre ursprünglichen Berufswünsche (einer davon Schriftstellerin - wie schön, dass sie sich dem mit diesem Buch doch noch annähern konnte) ließen sich erst einmal nicht mehr realisieren... aber was möglich war, war die Ausbildung zur Krankenschwester und schließlich zur Hospizschwester. Im jungen Alter von 22 begann Hadley also, als Hospizschwester sterbenden Menschen zur Seite zu stehen, ihre Schmerzen zu lindern, für sie da zu sein und für einen möglichst angenehmen, sanften und selbstbestimmten Übergang aus diesem Leben zu sorgen.
Sehr persönlich und berührend erzählt Hadley in dem Buch sowohl aus ihrem eigenen Leben als auch aus ihrem Berufsalltag. Dazu schildert sie insgesamt etwa zwölf Fälle von sterbenden Menschen, die sie als Hospizschwester begleitet hat, meistens zu Hause bei den jeweiligen Menschen, gelegentlich auch im Spital. Wir erleben die Begleitung dieser Menschen hautnah mit, ab dem ersten Kontakt, den Hadley als Hospizpflegerin mit ihnen hatte, über die laufenden Kontakte bis zu ihrem Tod.
Dabei wird deutlich, wie einfühlsam, menschlich und mutig Hadley ist, wie sie mit all diesen Menschen eine nahe Beziehung eingeht und sich berühren lässt, aber gleichzeitig auch sich selbst reflektiert und daran arbeitet - zeitweise auch mit therapeutischer Unterstützung - an diesem fordernden Beruf, den die meisten nach kurzer Zeit wieder verlassen, zu wachsen statt auszubrennen.
Wir erleben mit, wie Hadley aus jeder Begegnung etwas für sich persönlich mitnimmt, daran wächst und reifer wird und wie sie es am Ende auch schafft, gegen Ungerechtigkeiten und unnötige Formalismen und Hierarchien aufzubegehren und sich bedingungslos für das Wohl ihrer Schützlinge einzusetzen.
Auf der einen Seite kann das Buch also auch als Memoir über Hadley und ihren persönlichen Entwicklungs- und beruflichen Emanzipationsprozess gesehen werden.
Auf der anderen Seite vermittelt es aber auch über die Fallgeschichten viel Wissen über den Sterbeprozess und über die teilweise unerklärlichen Phänomene, die dabei immer wieder auftreten, unabhängig von vorigen religiösen Überzeugungen der Sterbenden: so gibt es zum Beispiel bei sehr vielen Sterbenden aller möglichen religiösen Hintergründe und auch bei Atheisten und Atheistinnen das Phänomen, dass diese am Ende ihres Lebens den Eindruck haben, von wohlmeinenden schon verstorbenen Angehörigen begleitet, getröstet und abgeholt zu werden, und zwar in einer Form, die sich von sonstigen Halluzinationen oder Wahnvorstellungen deutlich abgrenzt.
Und wir erfahren auch, dass der Tod, wenn er auf natürlichem Weg eintritt, oft ein gradueller Prozess ist, ein Immer-Weniger-im-Leben-sein, ein schrittweiser Abbau von Körperfunktionen und Bewusstsein, bis schließlich der tatsächliche Tod eintritt. Und dass dieser Prozess oft zeitlich relativ genau eingrenzbar ist: für mit dem Thema Erfahrene gibt es oft eindeutige Zeichen, dass der Sterbeprozess begonnen hat und der Tod sehr wahrscheinlich innerhalb der nächsten ca. 72 Stunden eintreten wird.
Es ist also ein in vielerlei Hinsicht lehrreiches und berührendes Buch, das wertvolle Informationen für alle bietet, die bereit sind, sich nicht nur intellektuell, sondern auch emotional (ich habe beim Lesen der Geschichten immer wieder weinen müssen) auf ein zwar dunkles und tiefgehendes, aber doch auch transformatives Thema einzulassen, das uns früher oder später alle betrifft. Absolute Leseempfehlung für alle, die mutig genug für diese Konfrontation sind!
Beziehungen zwischen Schwestern überschattet von Trauer und Sucht
Blue Sisters von Coco Mellors
Schon das Titelbild der "Blue Sisters" gibt einen guten ersten Eindruck, worum es im Buch geht: wir sehen eine Frau, die sehr traurig, verzweifelt und verschlossen wirkt. Die Blue Sisters sind die vier Mädchen der Familie Blue, die sich eigentlich einen Sohn gewünscht hatte, aber damit nie erfolgreich war.
Ich stelle mal die Schwestern vor, beginnend mit der ältesten: Avery, eine erfolgreiche Anwältin und mit einer Frau verheiratet, auf der die Verantwortung der Miterziehung ihrer drei jüngeren Schwestern schwer gelastet hat. Hochbegabt, sehr diszipliniert und mit einer kurzen, aber heftigen Suchtvergangenheit Anfang ihres Erwachsenenlebens, die sie aber doch überwiegend hinter sich lassen konnte. Dann Bonnie, die psychisch noch am gesündesten wirkt, Halt in ihrem Glauben findet und eine erfolgreiche Karriere im Box-Hochleistungssport verfolgt. Schließlich Nicky, die nicht mehr lebt, weil sie an zu vielen Tabletten gestorben ist. Die Endometriose hatte und dadurch chronische Schmerzen, die sie mit den Tabletten bekämpfen wollte, die aber auch eine beliebte Lehrerin war, sozial, liebenswürdig und offen, und sich so sehr eine eigene Familie mit Partner und Kindern gewünscht hat, wozu es aber nicht mehr kam. Dann die jüngste, Lucky, die als Teenager die High School abgebrochen hat, um eine erfolgreiche, aber problematische Karriere als Model zu starten, und die ebenfalls ein Suchtproblem hat.
In der Zeit ein Jahr nach Nickys Tod, aus der die meisten Szenen geschrieben sind, ist Avery 33 Jahre alt, Bonnie Anfang 30, und die beiden jüngsten in den 20ern. Die drei verbliebenen Schwestern trauern um Nicky, und das bringt manche Probleme, die sie auch davor schon in ihren Leben hatten, noch stärker zum Vorschein, bietet aber auch Gelegenheiten, wieder mehr miteinander in Kontakt zu kommen.
Dann gibt es noch die Eltern, die im Buch überraschend blass bleiben und nur gelegentlich in Erwähnungen oder kurzen Nebenszenen vorkommen.
Wir erleben das Buch - nach einer kurzen allgemeinen Vorstellung aller vier Schwestern und deren Charakteristika aus der Erzählerperspektive am Anfang - beim Lesen abwechselnd aus den Perspektiven der drei überlebenden Schwestern Avery, Bonnie und Lucky, während die verstorbene Nicky nur aus der Außenperspektive geschildert wird.
Wie schon im vorigen Absatz beschrieben, ist es den Schwestern überwiegend gelungen, jeweils extrem erfolgreiche Karrieren in ihrem Feld zu erreichen, trotz aller Probleme und Schwierigkeiten. Leistungsorientierung, Disziplin und Leidensfähigkeit sind wohl leitende Prinzipien in dieser Familie, und es scheint sich um extrem talentierte junge Frauen zu haben, die auch noch so viel Glück und passende Umstände haben, dass es mit den Karrieren klappt. Den "normalsten" Job, den als Lehrerin, hatte noch die verstorbene Nicky.
Gleichzeitig ist die Familie überschattet vom Thema Sucht, sowohl nach Alkohol als auch nach diversen Drogen und Tabletten sowie problematischem Sexualverhalten, und fast alle Schwestern kämpfen immer wieder mit einem großen Suchtproblem, das wohl auch schon mindestens den Vater und seine Herkunftslinie betroffen hat und sich durch das ganze Buch zieht. Dieses Thema nimmt auch insgesamt im Buch einen sehr großen Raum ein, einen größeren, als mir persönlich beim Lesen gut gefallen hat.
Es gab viele Szenen im Buch, die ich sehr mochte: insbesondere die, bei denen ich die Schwestern mit ihren individuellen Eigenschaften und in Beziehungen mit anderen Menschen oder miteinander näher kennen lernen konnte. Diese Teile hatten für mich Authentizität und Tiefe, die verschiedenen Persönlichkeiten kamen klar hervor, und sie waren spannend zu lesen. Gleichzeitig gab es aber auch immer wieder Stellen, die mich gelangweilt bis verärgert haben, in denen seitenweise Suchtverhalten in diversen Bars und Lokalen geschildert wurde, und die ich dann nur noch überflogen habe, um hoffentlich bald wieder zu einer interessanteren Stelle - von der es im grundsätzlich guten Buch ja viele gibt - zu kommen.
Insgesamt ist es ein Buch, das mir sehr gut gefallen hat und das auch emotional noch lange nachwirken wird. Ich finde es schön, wie differenziert die Beziehungen zwischen den Schwestern dargestellt werden und wie klar herauskommt, wie ambivalent und vielschichtig diese sein können und welche Elemente - etwa das gemeinsame Aufwachsen mit den gleichen Eltern und die Rollen, die das mit sich bringt, die ähnliche Prägung durch die Familie, die aber dann doch manches zwar vordergründig ähnlich aussehen lässt, aber die Schwestern in vielen Bereichen, kombiniert mit ihrer unterschiedlichen Persönlichkeit, wiederum doch in ganz verschiedene Richtungen gehen lässt - dazu beitragen, dass diese Beziehungen nochmal wesentlich anders sind als einfach Freundschaften zwischen Frauen. Ich habe selbst zwei Schwestern und habe so einiges wiedererkannt. Mir hat es auch gefallen, ein Buch speziell über Geschwisterbeziehungen zu lesen.
Wenn also das Suchtthema nicht dermaßen dominant und ausgebreitet worden wäre, dann wäre es für mich ein 5-Sterne-Buch. So gibt es einen Punkt Abzug dafür, insbesondere für die gefühlt zu starke Wiederholung der immer ähnlichen Suchtszenen, die ich bei Wiederholung gar nicht mehr gerne gelesen habe und die meiner Meinung nach auch nicht unbedingt dermaßen viel Raum einnehmen hätten müssen, um die grundlegende Botschaft des Buches, wie sehr diese Familie davon überschattet ist, rüberzubringen. Stattdessen hätte es mir gefallen, wenn die Beziehung zu den Eltern noch mehr Raum im Buch gekommen hätte - eine kurze Szene zwischen Avery und der Mutter ziemlich am Ende zeigt, dass dafür durchaus Potential gewesen wäre und das Buch und auch der Blick auf die vier Schwestern davon noch mehr bereichert werden hätte können.
Ich empfehle das Buch allen, die sich für Geschwisterbeziehungen, insbesondere solche zwischen Schwestern, interessieren, und die kein Problem damit haben, dass es trotz aller auch humorvollen Szenen und gelegentlicher schöner Momente über weite Teile auch ein sehr trauriges Buch ist.
Ein Roadtrip voll Trauer und Freundschaft
Das Verhalten ziemlich normaler Menschen von K. J. Reilly
Der Jugendliche Asher Hunter ist traurig, verzweifelt, voll Wut. Er hat seine Mutter vor einem Jahr in einem tragischen Verkehrsunfall verloren, als sie zu einem Einkaufszentrum fahren wollte, um für ihn neue Fußballschuhe zu kaufen. Der betrunkene Fahrer eines Lastwagens, der diesen verursacht hat, wurde wegen schlampiger Polizeiarbeit und daraus resultierend aus Mangel an Beweisen frei gesprochen.
Nun besucht er diverse therapeutische Selbsthilfegruppen für Menschen, die jemanden verloren haben, sowohl solche für Jugendliche als auch welche für ältere Menschen, in denen er der einzige Jugendliche ist. Dort lernt er die beiden Jugendlichen Sloane und Will kennen, sowie den alten Henry, der um seine verstorbene Frau, seine große Liebe, trauert. Asher überzeugt die drei, ihn auf einen Roadtrip quer durchs Land zu begleiten, ohne ihnen zu sagen, dass er vorhat, dort den Mann zu töten, der den Unfalltod seiner Mutter verschuldet hat.
Das Buch ist ein Jugendbuch und so liest es sich sehr leicht, mit authentischer, frischer Jugendsprache und kurzen Kapiteln. Wir begleiten Asher durch seine Trauer und all die vielfältigen Gefühle, die damit verbunden sind, genauso wie seine fehlenden Erinnerungen an den Unfalltag sowie seine panische Angst, er könnte auch noch seinen Vater oder seine kleine Schwester verlieren, und seine Versuche, alles abzusichern und das Leben unter Kontrolle zu bekommen. Dabei bahnen sich zarte freundschaftliche Bande zwischen ihm und den anderen drei Trauernden an, sowie eine beginnende Romanze mit Sloane.
Es ist ein emotional tiefgehendes Buch, das dazu beitragen kann, sich verstanden und begleitet zu fühlen, wenn man selbst jemanden tragisch verloren hat - oder auch, mit anderen mitfühlen zu können, denen so etwas passiert ist, wenn man es selbst noch nicht erlebt hat. Insofern ist es ein wichtiges Buch. Die menschlichen Verbindungen darin sind sehr berührend und zugleich humorvoll geschildert und trotz aller Schwere und Tiefe des dahinterliegenden Themas macht das Buch doch auch Hoffnung auf die Stärke der Resilienz durch menschliche Beziehungen.
Berührend, authentisch und gut recherchiert
Suche liebevollen Menschen von Julian Borger
In "Suche liebevollen Menschen" erzählt Julian Borger die wahre Geschichte seines Vaters Robert "Bobby" Borger und einiger weiterer jüdischer Kinder aus Wien, die 1938/1939 etwa zwischen 8 und 14 Jahre alt waren und vor dem Holocaust gerettet werden konnten.
Nach der NS-Machtübernahme 1938 in Wien wurden bekanntlich die Bedingungen für die dort lebenden Juden immer schlimmer und viele suchten nach einer Möglichkeit, zu fliehen.
Leider war das sehr schwierig, weil kaum andere Länder bereit waren, die Flüchtlinge aufzunehmen und ihnen Visas auszustellen.
So suchten einige Eltern verzweifelt nach einer Möglichkeit, zumindest ihre Kinder erst einmal in Sicherheit bringen zu können, und später hoffentlich nachzureisen, auch wenn das bedeutete, sich von ihnen trennen zu müssen und sie alleine mit dem Zug von dem Wiener Westbahnhof aus ins Ausland zu schicken, in ein ungewisses Schicksal, zu Pflegefamilien in Großbritannien, die sie nur aus ein paar Briefen kannten. In Großbritannien versuchten die Kinder dann, mit bescheidenen Sprachkenntnissen und meist ohne relevante Kontakte, ihr Möglichstes, um ihre Eltern auch nachkommen lassen zu können. Manche schafften es, andere nicht. Manche konnte später wieder mit ihrer Familie vereinigt werden, andere mussten später erfahren, dass ihre Angehörigen im Holocaust ermordet worden waren und nur sie überlebt hatten.
Die Großeltern von Julian Borger gaben also, so wie einige andere Eltern, im Manchester Guardian in Großbritannien eine Anzeige auf, in der sie ihre Kinder und deren Qualitäten anpriesen, in der Hoffnung, liebevolle Pflegeeltern für sie zu finden. So etwa die Kurzanzeige der Familie Borger im Original: "I seek a kind person who will educate my intelligent boy, aged 11, Viennese of good family. Borger, 5/12 Hintzerstrasse, Vienna 3."
Auf diese Anzeigen konnten sich nun Menschen aus Großbritannien melden, die bereit waren, eine gute Tat zu vollbringen und ein jüdisches Kind aus Wien bei sich als Pflegekind aufzunehmen und damit zu retten (und leider auch manche, die einfach nur eine billige Arbeitskraft suchten, die sie ausbeuten konnten). Robert Borger hatte Glück und landete tatsächlich bei liebevollen Menschen, und auch seine Eltern konnten später nach Großbritannien nachkommen. Er wurde erwachsen, heiratete, wurde selbst Vater von vier Kindern (eines davon der Autor) und Psychologe. Und doch nahm er sich später das Leben (ein spätes Opfer Hitlers, wie seine alte Pflegemutter bestürzt kommentierte), was seinen Sohn, neben all der Trauer, veranlasste, die Geschichte seines Vaters genauer zu erkunden und ihn erst die Details dieser erfahren ließ.
Julian Borger, der Sohn, hat keine Mühen gescheut, um neben der Geschichte seines Vaters und seiner eigenen Herkunftsfamilie auch möglichst viele Geschichten der anderen Kinder aus den Anzeigen im Guardian zu recherchieren und deren Lebenswege im Buch zu dokumentieren. Tatsächlich konnte er sieben weitere Kinder bzw. deren Nachkommen aufspüren und viele Informationen über deren Geschichten recherchieren: vereinzelt lebten diese selbst noch, ansonsten hatten sie ihren eigenen Kindern viel davon erzählt und manche sogar Interviews dazu gegeben, Tagebücher geführt oder Memoirs geschrieben.
So ist es ein sehr spannendes, berührendes und gut lesbares Buch geworden, in dem die Geschichten der insgesamt acht Kinder und ihrer Familien beim Lesen vor dem inneren Auge lebendig und nachfühlbar werden. Von den meisten Kindern und ihren Familien gibt es sogar Fotos im Buch, das schafft noch eine stärkere Verbindung zu ihnen.
Es ist ein Buch, das zu Tränen rührt, traurig und wütend macht, aber gleichzeitig auch Hoffnung gibt durch die Geschichten des Gerettet-Werdens, der Überlebens und der guten Menschen, die es auch in noch so dunklen Zeiten ebenfalls gibt, und die zur Rettung dieser Kinder beigetragen haben. Und es ist ein sehr aktuelles Buch, das nachdenklich macht nicht nur über diese dunkle Zeit vor vielen Jahrzehnten, sondern auch über die heutige Zeit und unseren Umgang mit Menschen, die flüchten müssen, über Abweisung, Unterstützung, Resilienz und transgenerationale Weitergabe von Traumata. Absolute Leseempfehlung!
Langweilig und schwierig zu lesen
Intermezzo von Sally Rooney
"Intermezzo", der neue Roman der gefeierten Autorin Sally Rooney, ist im Hardcover wunderschön gestaltet, mit wertigem, neugierig machendem Cover und Farbschnitt. Es war mein erstes Buch der Autorin, doch was ich bisher von ihr gehört habe, hat mich neugierig auf ein wirklich gutes, spannendes Buch mit tiefgehenden Charakterisierungen der Personen gemacht.
Vielleicht ist es ja wirklich ein gutes Buch... aber ich persönlich habe den Zugang dazu nicht gefunden. Es wird aus der Sicht der beiden Brüder Ivan, Anfang 20 und professioneller Schachspieler, Peter, zehn Jahre älter und Anwalt, und der Frau Margaret geschrieben.
Das Buch beginnt mit einem Kapitel aus Peters Perspektive und da hätte ich schon fast abgebrochen, so mühsam war das zu lesen, wie ein aneinandergereihter Strom an Gedanken, manchmal auf eigenwillige Art interessant, überwiegend aber sehr mühsam zu lesen, sodass wenig Lesefreude aufgekommen ist. Die Peter-Kapitel im Buch sind alle in diesem Stil geschrieben.
Stilistisch sehr anders und deutlich einfacher zu lesen, für mich aber inhaltlich trotzdem nicht packender, waren die Kapitel aus Ivans und Margarets Perspektive.
Insgesamt geht es um den Tod des gemeinsamen Vaters, den die beiden Brüder, die sich sonst im Leben nicht viel zu sagen haben, verarbeiten, sowie deren schrägen Blick auf die Welt und diverse Beziehungen. Das hätte interessant sein können, hat mich aber emotional überhaupt nicht gepackt, sodass für mich das Buch überwiegend sehr zäh und langatmig zu lesen war.
Drei Sterne, weil man am Stil der Autorin merkt, dass sie durchaus schreiben kann, spannende Gedanken hat und treffende, interessante Metaphern findet, z.B. als Margaret über die Beziehung zum deutlich jüngeren Ivan nachdenkt (S. 199): "Margaret wird daran erinnert, wie sie sich fühlte, als sie Ivan kennenlernte: als hätte sich das Leben aus einem Netz befreit."
Solche tiefgründigen und philosophischen Betrachtungen finden sich einige im Buch, und diese sind, wie die Autorin im Anhang anmerkt, auch bewusst eingebaut. Daran merkt man die umfassende Bildung der Autorin, die das Buch sehr bereichern hätte können, wenn es mich inhaltlich mehr gepackt hätte und mich die Charaktere emotional nicht so gleichgültig gelassen hätten.
Sehr düster mit wenig Entwicklung
Aus dem Haus von Miriam Böttger
"Aus dem Haus" ist das Debüt der Autorin Miriam Böttger. Das berücksichtige ich bei meiner Beurteilung des Buches mit und gebe dem Buch - schwankend zwischen 2 und 3 Sternen - nun doch 3 Sterne.
Wie komme ich zu dieser Beurteilung?
Zuerst einmal: für mich war das kein angenehmes Buch zu lesen und ich habe mich trotz der kurzen Kapitel streckenweise so gelangweilt, dass ich es vermutlich abgebrochen hätte, wenn ich es nicht im Rahmen einer Leserunde gelesen hätte.
Es geht um eine Familie und diese ist, wie aus einem Interview mit der Autorin zu erkennen und auch aus der Lektüre des Buches zu vermuten ist, wohl die eigene Herkunftsfamilie der Autorin, und deren notorische Depressivität und Unzufriedenheit mit dem Leben.
Eigentlich ist es eine materiell gut gestellte Mittelstandsfamilie und es passiert außer der inneren Einstellung der Charaktere kein existenzielles Unglück, dennoch wird nur gejammert, genörgelt und alles durch die negative Brille betrachtet, ob nun das (300 Quadratmeter große und selbst geplante und in Auftrag gegebene) Eigenheim in Kassel, Kassel selbst und die dort lebenden Menschen, sämtliche anderen Menschen usw.
Das passiert insbesondere durch die Mutter (so wie wir sie aus Sicht der Tochter kennen lernen), aber auch durch die Tochter/Erzählerin, durch deren Blickwinkel auch so ziemlich alle anderen Charaktere (z.B. diverse weitere Verwandte) und Umstände im Buch negativ erscheinen. Der einzige Kontrastpunkt dazu ist die Vergangenheit, die jeweils verklärt wird: viele Jahrzehnte lang ist das das zurück gelassene Leben in Süddeutschland, später aber auch, sobald man es nicht mehr hat, das für alles Unglück verantwortlich gemachte Haus in Kassel.
Für alles sonst, was in der Gegenwart jeweils positiv sein könnte - ein recht hoher materieller Wohlstand, Zuwendungen anderer Menschen etc. - scheint es keinerlei Dankbarkeit oder Wertschätzung der Charaktere zu geben. Der Vater bleibt eher blass gezeichnet, sich den Launen der Mutter und Tochter hingebend und still leidend.
Unrealistisch finde ich die Figuren nicht, ich kenne solche Menschen und Familiendynamiken durchaus aus meinem eigenen Umfeld und finde sie damit treffend gezeichnet, wenn auch aus einem sehr negativen Blickwinkel heraus und leider ohne Charakterentwicklung. Auch wenn sich die Darstellung der Familie über Jahrzehnte hinzieht, fühlt es sich beim Lesen eher wie eine Momentaufnahme an, als wie eine Geschichte, und es gibt auch keinen wirklichen, interessanten Spannungsbogen.
Das Buch zieht einen beim Lesen in eine sehr düstere, dunkle Wolke einer unglaublich negativen Lebenseinstellung mit hinein. Das macht es so unangenehm... andererseits kommt ein Teil der Sterne, die ich nun doch vergebe (immerhin sind es nicht 0) daher, dass diese Negativität und dieses Unglück durchaus sehr authentisch geschildert werden und zwar so, dass wir beim Lesen diese Gefühle mitempfinden, so unangenehm sie auch sein mögen.
Darin zeigt sich wiederum das schriftstellerische Talent der Autorin, ebenso wie durch vereinzelte extrem treffende und gute Formulierungen (z.B. die im Klappentext erwähnte, dass jede Familie ihre eigene Sekte sei und um irgendeine Vorstellung kreise, bei ihrer Familie sei es die Vorstellung vom Unglücklich-Sein), die aber wiederum stilistisch durch ebenfalls oft vorkommende, mühsam zu lesende, ewig lange Schachtelsätze überschattet werden.
Insgesamt hat das Buch einiges an Potential und hätte mit einer grundlegenden Überarbeitung durchaus ein sehr lesenswertes und gutes Buch werden können. Die Hintergrundthematik, Menschen darzustellen, die so eine negative Lebenseinstellung haben, dass sie durch nichts zufrieden zu stellen sind, ist eine sehr interessante, und das damit verbundene Gefühl zu vermitteln, gelingt der Autorin auf authentische Weise.
Gewünscht hätte ich mir dennoch mehr Charakterentwicklung, mehr Spannung, mehr Handlung, prägnantere Sätze (an manchen Stellen gelingt dies, an anderen weniger) und insgesamt damit ein interessanteres Leseerlebnis. Außerdem entweder vielfältigere Perspektiven oder mehr Informationen über die Tochter/Ich-Erzählerin, die abgesehen von ganz seltenen eingestreuten Details für mich als Figur sehr blass bleibt (vielleicht aber auch ein Stilmittel, um zu zeigen, wie sehr dieses unglückliche Familiensystem sie verschlungen hat).
Die Autorin hat aber zweifellos Talent und ich bin gespannt auf weitere Bücher von ihr, die vielleicht dann über diese Anfangsschwierigkeiten hinausgehen werden.











