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Rezensionen von Eternal-Hope:
Von der Weisheit, die in der Trauer liegt
Zeit der Abschiede von Klaus Brinkbäumer
Klaus Brinkbäumer, Jahrgang 1967, kann in seinem Leben auf so einige Erfolge und Segnungen zurückblicken: eine jahrzehntelange erfolgreiche Karriere als Journalist, mehrere Jahre als Chefredakteur des Spiegels und danach als Programmdirektor des MDR, eine erwachsene Tochter aus einer früheren Ehe und einen kleinen Sohn aus der aktuellen Ehe mit Samiha Shafy, mit der er vor einiger Zeit ein Buch über Hundertjährige veröffentlicht hat.
Sein Lebensstil ist privilegiert und materiell abgesichert, er pendelt in den im Buch beschriebenen Jahren zwischen New York - wo er mit seiner Familie in einer Wohnung in Manhattan mit toller Aussicht lebt - und Deutschland. Außerdem war ihm das nicht selbstverständliche Glück vergönnt, seine beiden Eltern lange in seinem Leben zu haben und erst in den eigenen 50ern zu verlieren, als beide schon ein hohes Alter erreicht hatten. Doch der Verlust der Eltern, nochmal mehr beider innerhalb der Zeitspanne von wenigen Jahren, ist für jeden Menschen ein existenzieller Einschnitt und oft auch eine tiefe Krise.
In diesem Buch gelingt es dem Autor, den Abschnitt von den beiden sterbenden Eltern in einen größeren Rahmen einzubetten, in "sieben Jahre des Loslassens und Wiederfindens", wie es im Untertitel passend heißt.
Das Buch beginnt mit dem Tod der Mutter und dem Bedauern und Unverständnis des Sohnes darüber, dass der Vater diese alleine über die Schwelle begleitet und seinen Sohn nicht verständigt hat, um sich in den letzten Stunden von der Mutter zu verabschieden, obwohl dies aus Sicht des Sohnes leicht möglich gewesen wäre. Etwas, womit er noch länger zu hadern haben wird im Verlauf des Buches. Darauffolgend wird dann in bruchstückhafter und nicht chronologischer Form von den sieben Jahren der Abschiede erzählt: der Zeitspanne zwischen 2018 und 2024, im Leben des Autors und in der Welt. Dementsprechend beginnen auch viele Absätze nach folgendem Muster: "Es ist der 17. Februar 2019, im zweiten Jahr der Abschiede,..." (S. 19).
Der große Thema des Buches ist natürlich der Abschied von den beiden alten Eltern, zuerst von der Mutter, später vom Vater, doch es geht insgesamt noch um viel mehr: um die Weisheit des mittleren Lebensalters und die reifende Erkenntnis, dass vieles zu Ende geht und nie wieder kommt, dass wir selten wissen, wann etwas zum letzten Mal geschieht, und dass niemand von uns am Ende von Tod, Trauer und Schicksalsschlägen verschont bleiben wird im Leben. Eingebettet ist dieses Thema in die globale Situation und insbesondere in die Zeit der Coronapandemie, die bekanntlich in diese Zeit fiel. Diese Pandemie mit all den damit verbundenen Aspekten ist ebenfalls ein großes Thema in diesem Buch - somit empfehle ich die Lektüre dieses Buches nur jenen, die bereit sind, sich neben dem Thema Trauer und alte Eltern auch mit dieser Zeit noch einmal innerlich auseinanderzusetzen.
Es ist ein stilles, weises, tiefgründiges und nachdenklich machendes Buch eines gereiften Menschen, der in seinem Leben schon einiges erlebt und erfahren hat und nun insbesondere hervorgerufen durch das Sterben und den Tod der alten Eltern die Gelegenheit nutzt, seine Gedanken über Tod und Vergänglichkeit in Worte zu fassen. Ich habe mir während des Lesens einige treffende Zitate notiert, die ich hier teilen möchte:
"Trauer nimmt die Trauernden gefangen und verunsichert die Nichttrauernden, weshalb sie aus deren Sicht gezähmt und überwunden werden sollte." (S. 11)
"Die Erschütterung unserer Welt hatten wir doch gerade noch für ungefähr 2035 erwartet, mit etwas Glück für 2040, das lag an der scheinbaren Langsamkeit der Klimakrise, am scheinbar unzerstörbaren Westen. Unsere Eltern, im Krieg geboren, dann aber die Nachkriegsgeneration und die Generation Wiederaufbau, hatten uns Stabilität garantiert. Und jetzt müssen wir uns von viel zu vielem verabschieden, zu schnell. Geborgene Jahrzehnte enden." (S. 33)
"Dass wir zurückkommen werden, das sagen wir, aber ich musste lange genug leben, ehe ich es verstanden, wirklich verstand, fühlte und wusste: Dinge enden, verstreichen, zerbrechen, und dann sind sie vorbei, und vielleicht kommen neue Dinge, vielleicht aber folgt bloß Leere. Erwachsensein heißt zu verstehen, dass nichts bleibt und nichts wiederkehrt; heißt, mehrere Gefühle zugleich zu erleben, das Glück und die Trauer; heißt, all das zugleich auszuhalten, auszubalancieren und weiterzugehen." (S. 43)
"Die Welt und mein Leben sind voll von Geschichten und Dingen, die niemand jemals hatte kommen sehen. Und doch glaubte ich, das Leben planen und gestalten zu können, glaubten wir das nicht alle?" (S. 51)
"Kein erwachsener Mensch führt ein Leben ohne Brüche und ohne Wendungen, ohne all die Fehlentscheidungen und Zufälle, die uns hierhin lenken und dorthin werfen; manchmal, für die Glücklichen, kommen die Schläge spät, doch sie kommen. Die meisten Menschen möchten sich das eigene Leben als lineare Geschichte des Aufstiegs, der Addition von Wissen, Liebe, Geld und Ruhm erzählen, ich wollte das auch, doch dann kommt die Ahnung, dass das Leben so nicht bleiben wird. Nicht ist. Niemals war. Oder bestenfalls am Anfang, in der Jugend, so gewesen sein wird." (S. 81)
"Vom Land der Gesunden und dem Land der Kranken spricht auch Christopher Hitchens, und irgendwann kommt der Moment der Deportation für jeden. Danach: Sehnsucht nach der einstiegen Heimat und keine Chance auf Rückkehr." (S. 107)
"Es ist ganz egal, es spielt keine Rolle, wer in einem Leben zuletzt angerufen hat, wer der letzte Besucher war, der letzte Freund oder der letzte Gegner, der Abschied ist immer eine einsame Angelegenheit." (S. 124)
Insgesamt ist es ein Buch, das mich persönlich sehr berührt hat und in dem viel Tiefgründigkeit und Weisheit zu finden ist und das ich jenen, die sich mit den Themen Tod, Sterben, Vergänglichkeit und alte Eltern auseinandersetzen möchten, ans Herz legen kann. Ich empfehle, sich für dieses Buch Zeit zu lassen, sich darauf einzulassen, den Worten Raum zum Wirken zu geben und sie, am besten in einem Notizbuch, mit den eigenen Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen zu diesen Themen zu verbinden. Danke an den Autor für dieses ehrliche, persönliche Buch!
Über die Kraft unserer Gedanken
SUPER SYNCHRONICITY - Tritt ein in die Frequenz der glücklichen Zufälle von Susanne Kos
Susanne Kos zeigt in ihrem Buch "Super Synchronicity" die Kraft der Visualisierung, Manifestation und zielgerichteten Gedanken auf. Es handelt sich um ein sehr praxisnah und zugänglich gestaltetes Buch, der Ton ist herzlich und persönlich, die Worte überzeugend. Hier schreibt eine Frau, die persönlich erlebt hat, dass die von ihr vorgestellte Methode funktioniert und die sich damit diverse, vor allem materielle und berufsbezogene, Ziele manifestiert hat.
Es ist im Kern die gleiche Methode wie in "The Secret" und vielen weiteren bekannten Manifestationsbüchern.
Schritt für Schritt und mit vielen Übungen führt die Autorin anschaulich durch die Methode und alle Lesenden, die diesem Weg folgen möchten, können das tun, werden dabei an der Hand genommen und durchgeleitet. Schon im Buch selbst kann man einige Übungen ausfüllen und findet dafür den nötigen Platz, begleitend dazu stellt die Autorin außerdem auf ihrer Website ein Arbeitsbuch zum Ausfüllen zur Verfügung, das man sich kostenlos runterladen kann.
Man spürt, dass der Autorin viel daran liegt, die Methode anschaulich zu vermitteln und auch auf mögliche Hindernisse und Widerstände bei der Umsetzung einzugehen.
Ich persönlich habe allerdings gespürt, dass diese Methode und die dahinter stehende Weltanschauung meiner persönlichen Spiritualität, meinem Glauben, meinen Werten und der Art und Weise, wie ich in der Welt sein, mich bewegen und etwas bewirken möchte, aber auch meiner Haltung von Vertrauen in etwas Höheres, Dankbarkeit und Demut gegenüber dem, was ich mit meinem menschlichen Gehirn nicht erkennen kann, in vielen Punkten fundamental entgegen steht.
Das ist kein Zweifel am Funktionieren der Methode, sondern an der Ethik dahinter und an den spirituellen Konsequenzen, resultierend aus meiner persönlichen Weltsicht. Ich möchte auch nicht in jeder freien Minute daran denken, mir aus dem Kopf irgendein - meist materielles und ich-bezogenes - Ziel zu manifestieren, wie es im Buch vorgeschlagen wird, sondern diese lieber mit einer Haltung von Dankbarkeit, Liebe und Vertrauen für die vielen Geschenke in meinem Leben füllen und auf den Weg vertrauen, auf dem ich mich von etwas Höherem geführt fühle und den ich nicht in jedem Detail kennen und selbst manifestieren muss.
Diese prinzipielle Kritik an der Methode ist aber nicht der Autorin anzulasten und eine Frage der persönlichen Haltung, Weltsicht und Spiritualität, deshalb ziehe ich dafür keine Sterne ab und gebe insgesamt 5 Sterne für ein sehr gut gestaltetes Buch, bei dem jede und jeder selbst entscheiden muss, ob die Methode einem entspricht. Wenn das so ist, dann ist es jedenfalls ein empfehlenswertes Buch, das diese Methode anschaulich, praxisnah und mit viel Herzblut vermittelt.
Rauhnächte psychologisch betrachtet
Rauhnächte - 12 Tage nur für dich von Tanja Köhler
Bücher und Materialien zu den Rauhnächten gibt es mittlerweile unzählige, das Thema scheint in den letzten Jahren ein richtiger Trend geworden zu sein. Deshalb fokussiere ich mich bei dieser Rezension speziell darauf, was dieses Buch von anderen zum gleichen Thema unterscheidet, denn da gibt es hier tatsächlich einiges:
Die Rauhnächte sind die Zeit "zwischen den Jahren", zwischen Weihnachten und Dreikönigstag.
Es gibt viele uralte spirituelle Traditionen, die damit verbunden sind, und auch die moderne Esoterik beschäftigt sich schon lange damit. Das ist für Menschen interessant, die zu diesen Themen eine Verbindung fühlen, kann aber für andere, die eher eine bodenständig-wissenschaftlich-rationale Weltsicht haben, abschreckend sein.
Deshalb sei schon an dieser Stelle gesagt: auch diejenigen, die von Esoterik absolut nichts halten und an nichts Übersinnliches glauben, können mit diesem Buch einen wertvollen psychologischen Begleiter zur Reflexion des eigenen Lebens finden und sind hier in bester Gesellschaft: die Autorin ist Psychologin, ebenfalls skeptisch gegenüber dem Esoterikbereich und hat damit auch ein psychologisches Rauhnächtebuch verfasst. Hier muss man an nichts glauben, man muss nichts als Orakel oder Wahrsagemethode sehen - es geht einfach um eine Gelegenheit zur tiefgehenden Reflexion des eigenen Lebens: einmal im Jahr zu den Rauhnächten tiefgehender und einmal im Monat überblicksmäßig.
Das wunderschön und einladend gestaltende Buch geht zuerst kurz auf die historischen Hintergründe und Traditionen der Rauhnächte ein, um dann Reflexionsfragen und Rituale für jede Rauhnacht und den damit verbundenen Monat vorzustellen. Jeder Tag/Monat ist dabei einem psychologischen Thema gewidmet, zu dem es inspirierende Texte und Fragen gibt, beispielsweise geht es am 25.12., der für den Januar steht, um Klarheit, am 1. Januar (August) um Entscheidungen oder am 4. Januar (November) um Wandlung.
Hier ein Buchzitat aus dem Kapitel Wandlung: "Die Energie der elften Rauhnacht ist dem November zugeordnet. Wie kein anderer Monat steht er für das Abschiednehmen. Wobei in jedem Abschied auch immer ein Neubeginn steckt. So weit denken wir aber leider nicht. Das Bewusstwerden der Vergänglichkeit gibt uns die Möglichkeit, uns eine wesentliche Frage zu stellen: Was ist es, was mein Leben ausmacht und sinnstiftend ist?" (S. 111)
Passende Handlungsideen dazu sind dann etwa eine Dankbarkeitsliste oder auch eine Laudatio über das eigene Leben und die eigenen Fähigkeiten und ein Rückblick vor dem Hintergrund der Frage "Wozu war etwas gut", um darauffolgend loslassen und in eine gute Zukunft gehen zu können. Auch systemische Themen werden mit einbezogen, z.B. mit folgender Reflexionsfrage: "Welche Eigenschaften deiner Familie und früherer Generationen helfen dir, dich auf dich selbst zu besinnen und deinen ganz persönlichen Lebensweg zu gehen?" (S. 113)
Besonders wertvoll finde ich auch, dass es im letzten Teil des Buches - anschließend an die Übungen für die Rauhnächte selbst - für jeden tatsächlichen Monat im neuen Jahr eine Rückschauanleitung gibt, mittels der man sich nochmal an die während den Rauhnächten behandelten Themen erinnern kann, die eigenen Notizen dazu durchschauen kann und überprüfen kann, wie sehr man noch dem Weg, den man für sich für dieses Jahr gewünscht hat, folgt, und wo man Anpassungen vornehmen möchte.
Insgesamt ist es ein wertvolles Buch zu den Rauhnächten, das eine erfrischende neue, humorvolle und persönliche Perspektive einer Psychologin auf das Thema bietet, und, wie erwähnt, auch für Menschen abseits der traditionellen Zielgruppe spiritueller Bücher wertvolle Inspirationen bieten kann.
Dieses Buch spricht mir aus der Seele
UNIversal gescheitert? von Lisa Niendorf
Vor kurzem habe ich "UNIversal gescheitert?" von Lisa Niendorf fertig gelesen und ich bin voll der Bewunderung für dieses großartige Buch einer mutigen Frau, die so vieles von dem, was ich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen im Laufe der Jahre als Studierende und Mitarbeitende auf unterschiedlichen Universitäten erlebt haben, offen ausspricht.
Wie die Autorin das am Anfang ihres Buches anspricht, gibt es in den Köpfen vieler Menschen immer noch ein überhöhtes, idealistisches Bild von Universitäten und Wissenschaft, als ob das ein heiliger Raum wäre, in dem keine Missstände herrschen würden.
Wer aber näher mit diesem System in Berührung kommt, ob als Studierende oder später vielleicht als hoffnungsvolle Doktorandin oder wissenschaftlicher Projektmitarbeiter, wird oft bitter desillusioniert von all den Missständen, die es da gibt und gegen die man sich oft so machtlos fühlt. Denn kaum jemand unterhalb der ordentlichen Professuren - die nur von ganz wenigen privilegierten Menschen und wenn überhaupt, meist erst frühestens im mittleren Erwachsenenalter erreicht werden - hat kaum jemand eine gut abgesicherte Position auf einer Universität, die es erlaubt, offen Kritik zu üben, ohne die eigene Vertragsverlängerung zu gefährden.
Ich schätze die Ehrlichkeit der Autorin, mit der sie zugibt, selbst eine der wenigen zu sein, die im akademischen Mittelbau einen unbefristeten Vertrag erhalten haben, und wie das ihr dabei hilft, sich zu trauen, so ein mutiges Buch zu schreiben, das viele Widerstände so deutlich offen legt.
Um welche Missstände geht es in dem Buch? Um stark unterfinanzierte Universitäten, marode Gebäude, überfüllte Studiengänge. Um ein extrem hierarchisches System, in dem, wie oben beschrieben, alle unterhalb der allerhöchsten Positionen auch bei exzellenten Leistungen und noch so viel Fleiß und Anstrengung ständig um ihre Stelle zittern müssen, und das strukturell zu Machtmissbrauch regelrecht einlädt.
Denn es handelt sich bei näherer Betrachtung um ein System, das Ausbeutung und Missbrauch nicht nur verleugnet, sondern teilweise regelrecht fördert: denn Karriere macht etwa, wer die meisten Publikationen aufweisen kann. Und wer dafür abhängige wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausnützt, ihnen viele unbezahlte Überstunden aufbrummt, sie fast die ganze Arbeit alleine machen lässt und dann aber ausschließlich den eigenen Namen auf die Publikationen schreibt, der hat auf dem Papier eine längere und eindrucksvollere Publikationsliste vorzuweisen. Ehrlichkeit, Redlichkeit und insbesondere die Qualität der eigenen Lehre oder gar besonderes Engagement für Studierende zählen hingegen kaum etwas für das Vorankommen im akademischen Bereich, können sogar hinderlich sein.
Der Autorin gelingt es, überzeugend und anhand von vielen Beispielen und einer fundierten Analyse des Aufbaus des wissenschaftlichen Systems, zu zeigen, dass die vielen Missstände in diesem Bereich eben keine Ausnahmefälle sind, sondern mit der Struktur dieses Systems zusammenhängen, welche zum Teil aktiv und bewusst aufgebaut wurde und geschützt wird, um die Interessen der Mächtigen zu vertreten. Da ist es auch kein Wunder, dass mit jeder Hierarchieebene auf den Universitäten mehr weiße heterosexuelle Männer aus sozioökonomisch privilegierten Milieus vertreten sind und alle, die in einer oder mehreren Kategorien davon abweichen, weil sie etwa Frauen, queer, migrantisch, mit Betreuungspflichten oder aus Arbeiterfamilien sind, sich schwer tun, hier ihren Platz zu finden und ihn zu behalten. Denn Menschen fördern meist die, die ihnen ähnlich sind, und auch Themen wie Rassismus, Diskriminierung, Ausbeutung und sexualisierte Gewalt sind nicht nur in der Gesamtgesellschaft, sondern auch auf Universitäten weit verbreitet, wie die Autorin eindrucksvoll anhand von aktuellen Zahlen und Beispielen belegt.
Sprachlich ist das Buch sehr zugänglich und gut verständlich geschrieben und die Autorin hat sich große Mühe gegeben, sich nicht hinter akademischer Sprache zu verschanzen, sondern das Buch für eine breite Menge an Interessierten lesbar zu machen und alle nicht allgemein bekannten Konzepte zu erklären.
Ich wünsche diesem Buch von Herzen, dass es viele Leserinnen und Leser findet, in der allgemeinen Bevölkerung, aber auch unter jenen in Machtpositionen, bei denen es vielleicht ein Umdenken bewegen möge, um eine wissenschaftliche Landschaft zu gestalten, die gerade die engagiertesten und klügsten Köpfe aus der gesamten Bevölkerung nicht frustriert und vertreibt, sondern wertschätzt und ihnen einen Raum gibt, sich einigermaßen abgesichert zu entfalten und damit zum Wohle aller zur Vielfalt der Perspektiven im wissenschaftlichen Bereich beizutragen. Das würde den aktuellen und zukünftigen Studierenden, der Forschung und der Gesamtgesellschaft sehr zugute kommen. Danke für dieses mutige Buch!
Wo die Fallwinde die Berge hinab Richtung Meer sausen...
Noatun von William Heinesen
... da sind wir in Noatun: in der neuen Heimat mutiger, eigensinniger und individualistischer Menschen, die sich tapfer allen Widrigkeiten von Wind und Wetter entgegen stellen, um hier ein bescheidenes, unabhängiges neues Leben aufbauen zu können.
Die Geschichte spielt auf den Färöer-Inseln, in einer eher unwirtlichen Gegend mit langen, harten, dunklen Wintern und nur kurzen, hellen Sommern, voll von Stürmen und mitten im Meer.
Hier gibt es einen bisher unbesiedelten Ort, der Unheil verheißend Dodmandsdal (ja, das heißt übersetzt "Totmannstal") genannt wurde und an dem sich nun eine Gruppe von Menschen neu niederlässt.
Das Land muss erst von Steinen befreit und urbar gemacht werden, Häuser müssen erst gebaut werden und jedes Mal, wenn man den Ort verlassen will, um in einer größeren Ortschaft etwas zu erledigen, muss man einen von zwei gefährlichen Wegen auf sich nehmen: zu Fuß über die unwirtlichen Berge, den starken Winden ausgesetzt, auf jeden Tritt achtend, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Oder mit einem kleinen Boot über das aufgeschäumte und unruhige Meer.
Für die langen, harten Winter müssen vorausschauend Vorräte an Nahrung und Heizmaterial angelegt werden, die doch in manchen Zeiten nur ganz knapp reichen. Und auch von so manchen Krankheiten und sonstigen Unglücken bleibt die neue tapfere Gemeinschaft nicht verschont.
Nein, Noatun ist kein Ort für bequeme, faule oder ängstliche Menschen! Doch wer fleißig und arbeitsam ist und sich einbringen möchte, der wird in dieser Gemeinschaft herzlich willkommen geheißen und aufgenommen.
Damit kommen wir zu den Menschen in dieser ungewöhnlichen neuen Siedlung: allesamt interessante Originale. Da gibt es den alten Angelund, seine Frau und seine erwachsenen Kinder samt Enkeln. Die junge Sara, die früh verwitwet wird, nachdem ihr Mann auf See tödlich verunglückt. Ihr Schwager, der Bruder ihres verstorbenen Mannes, der auf einmal nach Noatun kommt, sich um Sara kümmern will und sehr mysteriös wirkt. Tilda, die eine kinderlose Ehe mit ihrem Mann führt, erst einmal klar zu wissen scheint, was gut und was schlecht sei, und im weiteren Verlauf des Buches dann in so einigem überrascht. Einen Bauern, der die Siedlung aus der Ferne mit Skepsis beobachtet. Einen Kaufmann und einen Rechtsanwalt im nächstgrößeren Ort. Einen kognitiv leicht zurückgebliebenen, dafür körperlich umso härter arbeitenden Feldarbeiter, der sich nach langen Jahrzehnten des Ausgenutzt-Werdens bei einem Bauern nun dieser Gemeinschaft anschließt, jeden Tag hart arbeitet, aber auch seine persönlichen Grenzen setzt, und am Ende auch für seine ältere Schwester einen Platz dort findet. Und noch so einige mehr.
Abwechselnd werden die Geschichten all dieser Menschen und ihre Beziehungen zueinander erzählt, als eine Art Kollektivroman. Mir hat diese Erzählweise sehr gefallen, weil ich das Gefühl bekommen habe, wirklich einen umfassenden Einblick in die Lebensbedingungen nach einer Landnahme auf den Färöer-Inseln in den 1930er-Jahren zu bekommen (das Buch wurde im Original 1938 veröffentlicht und nun neu übersetzt).
Es ist eine sehr interessant erzählte Geschichte und die darin porträtierten Menschen und ihre Gemeinschaft haben mir viel an Bewunderung abgerungen in Bezug auf die Stärke und den Mut, mit denen sie den harten Umweltbedingungen trotzen, sich mit Eigensinn und Liebe ihren eigenen Ort aufbauen, aber gleichzeitig mit viel Herzlichkeit und Offenheit auch Neuankömmlinge bei sich aufnehmen und integrieren.
Insgesamt ist es ein Buch, mit dem ich sehr gerne verweilt bin, weil es gerade durch die liebenswerten Charaktere so viel Hoffnung in sich trägt und zeigt, wie Menschen auch unter herausfordernden Bedingungen sich für das, was ihnen wichtig ist, einsetzen, dabei ihren Individualismus bewahren und gleichzeitig in einer Gemeinschaft sich gegenseitig unterstützen können.
Luftig-leichte medizinische Wissensvermittlung für Laien
Organisch von Giulia Enders
Vor mehr als zehn Jahren hat die junge Medizinstudentin Giulia Enders - wohl, wie es ihr wichtig ist zu erwähnen, auch damals schon grafisch und auch schon mit gutem Rat unterstützt von ihrer Schwester Jill - ein beeindruckendes, sehr humorvolles Buch über den Darm herausgegeben: "Darm mit Charme".
Dieses Buch wurde ein Bestseller und auch ich, ein paar Jahre älter als die Autorin und medizinisch sehr interessiert, habe es geliebt und dachte mir: was für ein Ausnahmetalent in der medizinischen Wissensvermittlung!
Umso neugieriger war ich nun, ein Jahrzehnt später, auf das neue Sachbuch der nun praktizierenden Ärztin Giulia Enders. Diesmal hat sie sich gleich mehreren Organen angenommen: in fünf große Kapitel gegliedert, geht es nun um Lunge, Immunsystem, Haut, Muskeln und um das Gehirn. In gewohnt witziger und nahbarer Sprache der Autorin beginnt jedes Kapitel mit einer kurzen persönlichen Geschichte aus dem Leben und der Familie der Autorin, um dann zu den jeweiligen Organen überzuleiten. Sehr interessant und amüsant habe ich gefunden, wie die Autorin versucht, den Leserinnen und Lesern durch metaphorische Bezüge und Verbindungen die Funktionsweise und den Sinn der jeweiligen Organe näher zu bringen, beispielsweise wenn sie das Immunsystem mit der gut abgeschotteten, aber im Inneren sehr gastfreundlichen Villa eines Freundes der Familie vergleicht. Auch inhaltlich habe ich so einiges Interessantes gelernt und aus dem Buch mitnehmen können: über die enorme Reaktionsfreudigkeit von Sauerstoff und seine Rolle in der Menschheitsentwicklung, darüber, dass nicht nur Bakterien, sondern auch Viren nützlich sein können, über die verschiedenen Arten der Muskelkraft und über so einiges mehr.
Insgesamt bleibt bei mir aber dennoch das Gefühl zurück, bei vielen der behandelten Themen sehr an der Oberfläche gekratzt zu haben, viel mehr als bei "Darm mit Charme". Mir ist bewusst, dass dieses Buch kein detailliertes medizinisches Fachbuch ist und sein kann, dennoch hatte ich beim Vorgänger den Eindruck, es wurde etwas mehr in die Tiefe gegangen. Vielleicht ist das der Tatsache geschuldet, dass sich hier gleich fünf Organe den Platz teilen mussten.
Im Anhang findet sich ein Quellenverzeichnis, hier hätte ich mir Referenzen und Bezüge zu den konkreten Textstellen gewünscht, um noch leichter selbst bestimmte Themen vertiefen zu können.
Es fällt mir schwer, das Buch abschließend zu beurteilen: nicht nur für die Autorin, sondern auch für mich ist mehr als ein Jahrzehnt vergangen, ich habe jetzt deutlich mehr medizinisches Wissen als damals und stelle vielleicht auch aus dieser Perspektive höhere Ansprüche an ein Buch, das gar nicht für ein medizinisch vorgebildetes Publikum gedacht war. Insgesamt ist es immer noch ein unterhaltsames und informatives, humorvoll und leichtfüßig geschriebenes Buch, das ich allen, die sich für den menschlichen Körper interessieren und noch kaum etwas darüber wissen, auf jeden Fall als leichten Einstieg und gute wissenschaftliche Unterhaltung empfehlen kann.
Macht das Nachkriegsdeutschland fühlbar
Tanzende Spiegel von Annette Byford
"Tanzende Spiegel" von Annette Byford ist eine autofiktionale Geschichte, die zum Teil auf dem Leben der Mutter der Autorin basiert. Diese war in den Nachkriegsjahren in Deutschland eine junge Frau, zu einer Zeit, als es einen großen Frauenüberschuss und damit bei weitem nicht für jede interessierte Frau einen passenden Heiratspartner gab: "Zwei von fünf Männern, die zwischen 1920 und 1925 geboren wurden, sind nicht aus dem Krieg zurückgekehrt, fünf Millionen deutsche Soldaten sind gefallen, und achteinhalb Millionen befinden sich noch in Kriegsgefangenenlagern" (S.
18).
Doch erst einmal ist sie eine lebenshungrige, intelligente und gebildete junge Frau, die als Diplom-Volkswirtschaftlerin in einem Büro arbeitet und dort Wirtschaftsdaten analysieren soll. Währenddessen wirbt Walter um sie, ein junger Medizinstudent und scheinbar ein guter Fang. Sie willigt in die Verlobung ein, will sich jedoch lange auf keinen Hochzeitstermin festlegen. So richtig klar ist sie sich nicht, ob sie überhaupt heiraten soll, und Leidenschaft für Walter ist im Buch von ihrer Seite aus keine zu spüren... er wäre halt eine sehr gute Partie in einer schwierigen Zeit, und sie als seine Gattin für ihr Leben ökonomisch abgesichert. Es wäre die vernünftige Entscheidung.
Außerdem gibt es da auch noch die netten älteren Schwestern von Walter, die ihre zukünftige Schwägerin mit offenen Armen aufnehmen, sich auf sie freuen und ungeduldig auf die Hochzeit warten: "Sie scheinen sie alle sehr gern zu haben, denn Walter ist ihr kleiner Bruder, ihr Lieblingsbruder, und in ihren Augen ist meine Mutter fraglos die Richtige. Für ihn hat es nie wirklich eine andere gegeben, das wissen sie. Sie ist die Richtige, und sie werden sie liebhaben, und damit basta." (S. 59)
Glücklicherweise studiert Walter an einem Ort weiter weg, sodass sie sich nur alle paar Monate kurz sehen und sonst Briefkontakt unterhalten, sodass sie ihr freies, unabhängiges Leben als junge Frau erst einmal weiter führen kann und sich nicht entscheiden muss. Und da gibt es auch noch ihren älteren, verheirateten Chef, dessen Frau und Kinder ebenfalls weiter weg wohnen und mit dem sie sich seltsam verbunden fühlt...
Soweit zum Setting der einen Geschichte, die dieses Buch erzählt und die offenbar nah an der Lebensgeschichte der Mutter der Autorin ist. Diese Geschichte habe ich sehr gerne und mit großem Interesse gelesen und sie hat die Nachkriegszeit in Deutschland für mich, die ich erst einige Jahrzehnte danach geboren wurde, lebendig gemacht. Die Sprache ist eher einfach, dabei gut verständlich und dem Genre angepasst. Die Geschichte wird in kurzen Kapiteln erzählt, immer wieder unterbrochen durch kursiv geschriebene Reflexionen der Tochter, die in der Gegenwart als Psychotherapeutin arbeitet, und insbesondere durch deren Leben in der Gegenwart.
Denn in diesem Buch gibt es noch eine zweite Geschichte, das Gegenwartssetting, in dem eine in England lebende und praktizierende, ursprünglich aus Deutschland stammende, Psychotherapeutin - die Tochter der erwähnten Mutter - ihr gegenwärtiges Leben und insbesondere ihr Verhältnis zu ihren Patientinnen und Patienten analysiert und in Verbindung zum Leben ihrer Mutter bringt. Während sie über ihre Patientinnen und Patienten nachdenkt, kommen ihr immer wieder Kindheitserinnerungen, z.B. "Ich konnte mich nicht ändern, konnte nicht ungeschehen machen, dass ich größer war als alle anderen in meiner Familie, dass mein Haar dunkel war unter all den Blonden. Immer wenn wir die Familienfotoalben herausholten, sagte meine Mutter, wie ähnlich ich ihr als Kind sah. Ich wusste damals schon, dass das nicht stimmte. Nur ihre Augen. Ich liebte ihre Augen und das half. Ich hatte ihre Augen." (S. 62)
Diese Geschichte hat mich beim Lesen etwas weniger begeistert als die Erzählung über die Mutter selbst. Zu diesen Teilen habe ich innerlich keine starke Verbindung aufbauen können, war streckenweise genervt von den auf mich unreif wirkenden Grenzüberschreitungen der eigentlich altersmäßig schon reiferen (sie hat schon einen Enkel und ist verwitwet) Therapeutin gegenüber den ihr Anvertrauten und auch von ihren Reflexionen über diese.
Zum Beispiel urteilt sie innerlich wiederholt ziemlich ungnädig über das Äußere ihrer Patientinnen, sobald diese auch nur minimal vom Idealgewicht abweichen... auch das eine Spiegelung der Mutter und ihres Verhaltens, damit durchaus interessant zu lesen, aber in der Häufigkeit eine unsympathische Figur zeigend. Hier etwa eine Stelle, bei der sie auf einem Konzert andere, fremde Menschen beobachtet und beurteilt: "Vor mir eine Frau mittleren Alters, leicht übergewichtig und aus ihrem weißen Minikleid herausplatzend..." (S. 139).
Mit dieser Therapeutin wurde ich nicht warm und besonders schräg wurde für mich die Geschichte, als sie eine Art Verliebtheit gegenüber einer Patientin aufzubauen scheint, die für mich nicht zu dieser Figur passte und ich nicht nachvollziehen konnte: "Doch in der Nacht träume ich wieder von ihr. Wir liegen im Bett, beide nackt, sie liegt hinter mir, und ich fühle ihre Hände auf meinem Körper." (S. 117).
Manchmal frage ich mich bei der momentanen Häufung dieser Themen in der Gegenwartsliteratur, ob es mittlerweile eine ungeschriebene Regel gibt, die verlangt, dass den Zeitgeistströmungen folgend in fast jedem veröffentlichen Roman queer-sexuelle Szenen vorkommen müssen, ob es sonst zum Buch nun passt oder nicht. Ich bin durchaus offen dafür, auf authentische Art und Weise über dieses Thema zu lesen, hier wirkt es auf mich aber künstlich hineinkonstruiert und unpassend.
Dieser Verliebtheit folgend überschreitet die Therapeutin mehrere ethische professionelle Grenzen, im vollen Bewusstsein dieser Grenzüberschreitungen. Das hat durchaus eine Parallele zu einigen weiteren Geschehnissen im Handlungsstrang mit der Mutter und ist insofern eine interessante Spiegelung. Dennoch habe ich diese Teile nicht sehr gerne gelesen, sie haben sich für mich beim Lesen komisch angefühlt und ich war immer froh, wenn ich wieder im Handlungsstrang mit der Mutter war, deren Geschichte ich gespannt weiterverfolgt habe.
Das mag damit zu tun haben, dass diese Psychotherapeutin - wie die Autorin am Ende des Buches darstellt - im Gegensatz zur auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichte der Mutter, fiktiv ist und auch ihre Patientinnen und Patienten und deren Beziehungen zu ihnen erfundene Charaktere sind. Insgesamt ist für mich die Figurenentwicklung in diesem Teil aber nicht ganz so gelungen wie im sehr authentischen und berührenden Teil, in dem es um die Mutter und ihre Lebensgeschichte geht und bei dem ich mich jedes Mal sehr gefreut habe, wenn es wieder in diesem, für mich sehr interessanten, Erzählstrang, weiterging.
Literarisch betrachtet verstehe ich aber die Intention der Autorin, dieses Setting zu wählen und es finden sich tatsächlich bei näherem Hinsehen einige interessante Parallelen und Spiegelungen im Leben der fiktiven Tochter, das von der Mutter und ihren Entscheidungen bis heute geprägt ist, und in dem sich gleichzeitig interessante Gedanken über den Therapieprozess an sich finden:
"Ich bin schließlich Psychotherapeutin geworden. Dieses Haus bewohne ich, durch diese Räume des Erinnerns und Vergessens wandere ich immer und immer wieder. Ich helfe Menschen, das zu sagen, was sie sagen müssen, zu betrauern, was sie betrauern müssen, sich dem zu stellen, was geschehen ist, sich zu erinnern. Ich tue das, weil es meinen Patienten hilft, aber ich tue es nicht nur für sie, das weiß ich schon lange." (S. 53)
"Wenn du und ich richtig zusammenarbeiten wollen, wenn du dich wirklich darauf einlässt, dann werden zwei Dinge passieren, von denen du noch nichts weißt. Erstens: Wir beide werden eine professionelle Beziehung führen, die aber zugleich seltsam intensiv und intim sein wird. Zweitens: Wenn das Ende kommt, wird es nicht schmerzlos sein." (S. 151)
Insgesamt ist es, wie erwähnt, mit ganz leichten Abstrichen in Bezug auf den Erzählstrang der Therapeutin, ein lesenswertes und interessantes Buch insbesondere für alle, die sich dafür interessieren, was es bedeutet haben könnte, in der Nachkriegszeit eine junge Frau zu sein, sowie für alle mit Interesse an transgenerationaler Weitergabe von Verhaltensmustern und -einstellungen.
Humorvoll geschriebener Versuch, sich dem Wiener Lebensgefühl anzunähern
So tickt Wien von Norbert Philipp
Was macht Wien aus? Wie kann man die Seele dieser Stadt verstehen lernen?
Diesem vielschichtigen Thema nähert sich der "Presse"-Journalist, Kulturvermittler und Fremdenführer Norbert Philipp mosaikhaft von verschiedenen Seiten an. Das Buch liest sich unterhaltsam und leicht, auch wenn es ein paar Seiten gebraucht hat, bis ich mich eingelesen gehabt habe.
In lockerem, essayartigem Stil geht der Autor auf verschiedene Aspekte Wiens ein: da geht es um die verschiedenen Architekturprojekte wie die Oper oder ein Jahrhundert später das Museumsquartier, die alle am Ende nicht ganz so aussahen als ursprünglich geplant, aber schlussendlich ihren Platz im Herzen der Menschen gefunden haben. Genauso wie um Wienerlieder, Wiener Schmäh, aus der Zeit gefallene Fiaker, aber auch die Donauinsel und Neue Donau (ein marketingtechnisch wesentlich günstigerer Name als das ursprüngliche "Entlastungsgerinne", der zeigt, wie sich Wien charmant zu verkaufen weiß), die Fußgänger- und Begegnungszone auf der Mariahilfer Straße oder die Seestadt Aspern.
Ganz viel Prägung aus der Habsburgermonarchie gibt es, die man bis heute an vielen Gebäuden insbesondere in der Innenstadt oder an den sich immer noch so nennenden k.u.k. Hofzuckerbäckereien merkt, aber auch an der legendären Gemütlichkeit der Wienerinnen und Wiener, die einerseits mit einer Abgrenzung von den preußischen Tugenden verbunden war und andererseits auch mit einer Resignation zu Zeiten des Absolutismus, als man eh nicht viel tun konnte, fürs Nichtstun aber wiederum nicht belangt werden konnte: "Man kann Wien nicht unterstellen, dass es nicht versucht hätte, sich mit der Zeit zu arrangieren. Aber eben in seinem eigenen Tempo. Dass die Zeit anderswo fließt und läuft, aber hier nur tröpfelt und strawanzt, dafür kann man ja nix." (S. 129)
Immer wieder auch die Frage danach, was Wien und die dort lebenden Menschen verbindet und zusammenhält: "Doch in die riesigste von allen bringt man die größte Gemeinsamkeit unter: die Stadt selbst, in der man lebt. Sie ist die Klammer. Sie betrifft alle zugleich. Wie das Wetter, Sonntag und Winterschlussverkauf. Wien verbindet. Ob man will oder nicht." (S. 84)
Dabei hat Wien aber auch schon immer von der kulturellen Vielfalt gelebt, die die unterschiedlichen Menschen, die hierher gezogen sind, in die Stadt eingebracht haben: "Die "Wiener Luft" zwischen Kapuziner Gruft und Spitze des Donauturms ist prall gefüllt mit den unterschiedlichsten kulturellen Molekülchen. Doch das Einzige, was hier höchstwahrscheinlich nicht herumschwirrt, ist so etwas wie ein "echter Wiener". Dieser ist inzwischen hauptsächlich eine Figur der Folklore. Und war es höchstwahrscheinlich auch immer. Oder besser gesagt: eine Figur der Mythologie. Natürlich glaubt man manchmal, eine unscharfe Silhouette von ihm an irgendeiner Ecke gesehen zu haben, aber das glaubt man vom Christkind und vom Ungeheuer von Loch Ness auch." (S. 112)
Als eine, die ihr ganzes Leben in der Nähe von Wien verbracht und auch einige Jahre dort gelebt hat, habe ich die Lektüre des Buches sehr unterhaltsam und interessant gefunden, einiges wiedererkannt und viel Neues gelernt. Insofern kann ich das Buch allen, die sich für Wien interessieren, durchaus empfehlen.
Klar sein muss einem dabei, dass es sich um eine humorvolle Kulturcharakteristik und keinen klassischen Reiseführer handelt. Im Anhang des Buches findet sich außerdem eine Literaturliste, mit der das Thema noch weiter vertieft werden kann, wenn sie auch kein richtiges Quellenverzeichnis ist, in dem man einzelne Details nachschlagen könnte, was ich ein bisschen schade finde.
Insgesamt ist es jedenfalls ein interessantes, gut geschriebenes und humorvolles Werk, das viele Aspekte der Wiener Kultur gut auf den Punkt bringt und interessante Hintergründe dazu liefert.
Psychogramm eines Opportunisten
Chamäleon von Yishai Sarid
Shai scheint als Journalist in Israel die besten Berufsjahre hinter sich zu haben: nach einem kurzen Ausflug in die Fernsehwelt war er als uncharismatisch abgestempelt worden und auch seine politischen Kommentare sind nicht mehr so gefragt wie früher. Beruflich und einkommensmäßig sieht er sich am Abstellgleis.
Auch mit seiner Ehe steht es nicht zum Besten: seine Frau wird von einem anderen Mann umgarnt, die beiden gemeinsamen Kinder sind nahezu erwachsen, das Verhältnis zu ihnen ist eher distanziert. In der Wohnung würden diverse Instandhaltungsarbeiten anstehen, die sich das Paar nicht so recht leisten kann. Es ist zwar insgesamt noch immer kein schlechtes Leben, das Shai da führt, und vieles ist immer noch angenehm und in Ordnung... doch der mangelnde Erfolg kratzt sehr am Ego des Mannes mittleren Alters.
Eines Tages schreitet er in einem Akt der Zivilcourage in Jaffa spontan ein, wird dafür von drei jungen arabisch wirkenden Männern bedroht und von deren Hund gebissen, kommt ins Krankenhaus und setzt einen wütenden Social-Media-Post ab, der ihn interessant für ein Interview in einem rechtspopulistischen Sender macht.
Schnell realisiert Shai seine Chance: wenn er, der sich bisher als politisch eher linksstehend eingeschätzt, die Dinge differenziert von verschiedenen Seiten aus betrachtet, vorsichtig formuliert und dementsprechende journalistische Kommentare verfasst hat, die Seiten wechselt und seine Botschaften zuspitzt, dann besteht die Chance, wieder gefragt zu sein. Dann darf er regelmäßig im Fernsehen auftreten, wieder viel besser verdienen, wird zu Abendessen mit wichtigen Politikern eingeladen und kommt sogar in die engeren Kreise des Premierministers. Mit so viel mehr Geld und Status könnte er auch für seine Frau wieder attraktiver werden, meint er. Was macht es schon, dafür seine bisherigen politischen Einstellungen und moralischen Prinzipien über Bord zu werfen und sich den Rechtspopulisten anzubiedern, wenn es dort so viel für ihn zu gewinnen gibt?
Wir erleben das ganze Buch aus Shais Perspektive. Dieser ist ein nicht besonders interessanter Charakter, der über keine sonderlich bemerkenswerten Eigenschaften oder Talente verfügt, selbstbezogen ist und zum Opportunismus neigt. Es ist also ein Buch über die Psyche eines eher nicht so sympathischen Menschen. Das Erzähltempo ist eher gemächlich, der Autor nimmt sich viel Zeit dafür, die langsame Zuspitzung der Ereignisse in vielen kleinen Detailszenen darzustellen. Das ist nicht unbedingt langweilig, aber man muss sich die Zeit und Ruhe dafür nehmen.
Wenn man das kann und will, ist es ein durchaus empfehlenswertes Psychogramm eines Opportunisten, das die vielen kleinen Schritte auf dem Weg zum öffentlichen Vertreten immer radikalerer Positionen und zum Verrat an den eigenen ursprünglichen Werten gut darstellt und dabei nachdenklich über die aktuelle politische Landschaft in Israel, aber auch über die Verflechtungen zwischen Medien, Kultur und Politik in diesem und in anderen Ländern macht.
In der Seele endet der Krieg nie
Blinde Geister von Lina Schwenk
Eigentlich gab es in Mitteleuropa viele Jahrzehnte der Friedenszeiten nach dem 2. Weltkrieg. Doch bei vielen, die den Krieg erlebt haben, ist das in der Seele nie angekommen und die Traumata werden auch über Erziehung und familiäre Bindungen und Muster an die jüngeren Generationen weitergegeben.
Das zeigt "Blinde Geister" von Lina Schwenk, das meiner Ansicht nach völlig zu Recht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2025 gelandet ist, sehr eindringlich.
In vielen kleinen Szenen wird eine Familie porträtiert, nicht immer in chronologischer Form und nicht notwendigerweise einem klaren Muster folgend, aber immer die Angst und den Schmerz der Traumatisierung aufzeigend.
Da gibt es den Vater Karl, der im Krieg war und diesen in den Jahrzehnten danach mit seiner Familie nachinszeniert: bei den kleinsten Anlässen muss in den feuchten, dunklen Keller geflüchtet werden, um sich vor einer vermeintlichen Gefahr zu schützen, zu einer Zeit, in der längst Frieden herrscht. Doch er ist nicht der einzige: Tochter Olivia wird im Turnunterricht regelrecht gedrillt und muss sich dort paramilitärischen Übungen unterziehen, die erst nach Elternprotesten etwas abgemildert werden. Ob und was der Mutter Rita, die "den Krieg am Land zu Hause sitzend abwarten konnte" während dieser Zeit passiert ist, darüber wird nicht gesprochen. Jedenfalls macht sie bereitwillig mit, wenn ihr Mann Karl mit der ganzen Familie seine Kellerübungen abzieht, und beginnt erst spät, diese vor den Töchtern zu hinterfragen.
Eine der Folgen all dieser Störungen in der Familie: die erwachsene Tochter Rita wird psychotisch, hört Stimmen und muss immer wieder in die geschlossene Psychiatrie eingeliefert werden, während ihre Schwester es zumindest an der Oberfläche schafft, ein normal wirkendes, angepasstes Leben zu führen.
Es ist ein relativ kurzes Buch, das aber aufgrund der nicht-chronologischen Erzählweise nicht ganz einfach zu erschließen ist und durchaus seine Zeit braucht. Die Autorin findet viele bemerkenswerte und eindringliche Sprachbilder, die die beklemmende Atmosphäre des Aufwachsens mit einem kriegstraumatisierten Vater sehr spürbar machen, hier ein paar Beispiele:
"Karl lehnte sich immer nur irgendwo an und rief nach Rita. Wenn es nichts zum Anlehnen gab, griff er nach seinen Hosenträgern wie nach einem schweren Rucksack." (S. 23)
"Ich konnte schon morgens spüren, wie der Tag werden würde, an der Art, wie Karl in die Küche kam." (S. 33)
"Ich bin jetzt erwachsen. Ich wasche meine Kleidung selbst und regele meine Arzttermine. Meine Pullis habe ich dieses Frühjahr gespendet. Es war so kalt. Sogar den Mantel habe ich abgegeben, dabei steht der wirklich niemandem. Ich konnte nicht ertragen, dass so viele da draußen frieren." (S.47)
"Du kannst meistens hören, ob du sicher bist", hatte Karl mir bei einem der seltenen Waldspaziergänge erklärt. "Lausche einfach ganz genau, sei geduldig, atme ruhig, und wenn du die Geräusche nicht kennst, warte ab." (S. 58)
"Trotzdem gibt es Dinge, die habe ich ihm nicht erzählt. Dass man einen Keller braucht. Dass es nicht falsch ist, eine gepackte Tasche im Schrank zu haben, mit Büchern und Batterien. Dass es mit Kind schwieriger wird, sich zu verstecken." (S. 91)
"Sie wusste, für Karl war Sicherheit entweder vier geschlossene Wände unter der Erde oder ein komplett freier Himmel über dem Land." (S. 155)
Mich hat das Buch sehr berührt und mich an vielen Stellen daran erinnert, auf wie viele Weisen auch mein Familiensystem nach wie vor von den Kriegstraumata der Vorgenerationen berührt wird, dabei bin ich, wie die Autorin dieses Buches, in den 1980er Jahren geboren. Kurz thematisiert das Buch auch sehr aktuelle Themen wie den momentanen Krieg in der Ukraine, und wie durch diesen alte Traumata wieder hochkommen können.
Es ist insgesamt ein sehr wichtiges Buch, das ich einer breiten Leserschaft empfehlen kann, sofern man im eigenen Leben gerade auch psychisch und emotional genug Raum findet, sich auf dieses schwere Thema einzulassen.











