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Rezensionen von Eternal-Hope:
Außergewöhnliche Geschichte über vier Generationen, voll von Symbolik und magischem Realismus
Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten von Anna Maschik
Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten, denn die verraten dich nicht, sie sterben still. Das scheint zum einen eine real-pragmatische Tatsache zu sein, die es der in diesem Buch vorgestellten Familie erleichtert, auch in Kriegszeiten, wenn sogar Schlachtungen der eigenen Tiere rationiert sind, gut zu überleben.
Henrike, die Urgroßmutter der Ich-Erzählerin Alma, gelingt es so immer wieder mal, heimlich ein Tier zu schlachten und alle Teile davon zu verwerten, um dem Gatten und Sohn auf Fronturlaub besondere, nahrhafte Köstlichkeiten anbieten zu können. Dieses Buch wäre aber nicht, was es ist, wenn es sich nicht lohnen würde, auch noch auf anderen Ebenen über diesen Satz nachzudenken: über das Leben und Sterben, über das Schlachten, über die, die im Verborgenen getötet werden.
Geboren-Werden und Sterben sind zwei wichtige Säulen, die dieses Buch tragen und beide von Frauen symbolisiert werden: da gibt es die tüchtige Hebamme Anna, die so vielen Kindern ins Leben hilft, während der Kriegszeit verweigert, eine illegale Abtreibung durchzuführen (und doch die ungewollt Schwangere auf den früh blühenden Weizen verweist, dessen Mutterkorn Fehlgeburten auslösen kann) und später doch solche durchführt, die manchmal gelingen und manchmal nicht.
Wirkt das Buch zuerst wie eine recht normale österreichisch-deutsche Bauerngeschichte, so zeigt auch diese Figur, dass mehr dahinter ist: Anna ist ein Archetyp, keine reale Figur, denn sie scheint jenseits von Zeit und Raum an ganz unterschiedlichen, weit voneinander entfernten Orten und zu verschiedenen Zeiten aufzutauchen. Genauso wie ihre Kollegin Nora, die die Menschen gemeinsam mit den schon vorangegangenen Ahnen über die Schwelle aus dem Leben und ins Jenseits begleitet. Gekleidet ist sie an der Oberfläche in schwarz, für die trauernden Hinterbliebenen, doch darunter trägt sie alle bunten Farben, die immer wieder mal an der einen oder anderen Stelle schillernd hervorblitzen.
Oft treten die beiden gemeinsam auf, denn nicht so selten liegen Geboren-Werden und Todesgefahr ganz nah beieinander: wenn eine misslungene Abtreibung dazu führt, dass das Baby, das schließlich Miriam, das ungeliebte dritte Kind und später die Mutter der Ich-Erzählerin Alma, sein wird, doch geboren wird. Oder auch, noch viel mysteriöser, wenn Henrike als erstes Kind einen Sohn gebärt, der viele Jahre nur schlafen wird und bei dem selbst der Pfarrer rät, dafür zu beten, er möge von seinem Leiden erlöst werden - und der dann auf einmal, fast schon erwachsen, plötzlich die Augen öffnet und ein fast normaler junger Mann wird, als hätte er im Schlaf alle nötigen Fähigkeiten dazu erworben, aber zeitlebens blind bleibt für so vieles.
Geschichten über das bäuerliche Österreich habe ich schon viele gelesen, aber noch keine, die mit diesem subtil und geschickt eingewobenen magischen Realismus und der punktgenauen, poetischen Sprache dermaßen zum Nachdenken anregt. Szenen des bodenständig-pragmatischen Alltags im ländlichen Umfeld wechseln sich mit magischen Einschüben ab und die Leserinnen und Leser sind angehalten, mit ihrer Aufmerksamkeit voll bei diesem Buch zu bleiben, um überhaupt zu bemerken, wann es wieder zu einem Wechsel zwischen den Welten kommt. Oder sind die beiden Welten, die bodenständig-pragmatische und die surreal-mystische, immer zutiefst miteinander verbunden und wir merken es nur nicht?
Hier zur Illustration noch ein paar ausgewählte Zitate aus diesem besonderen Buch:
"Sie weiß, dass sie auf dem Wochenmarkt zwölf Eier für eine Mark und ein Kilogramm Rindfleisch für drei Mark verkaufen und damit einen Tagelöhner bezahlen kann, um den Stallmist zu streuen. Sie weiß, wie man ein Fieber senkt, eine Wunde verbindet und eine Tinktur gegen Husten braut. Was sie nicht weiß, ist, wie man den Geschwistern die Mutter ersetzt." (S. 14)
"Schlafende sind mir nicht geheuer. Sie sind freiwillige Tote, die mich allein hier zurückgelassen haben. Wohin sie sind, kann ich nicht folgen und das verzeihe ich ihnen nicht." (S. 57)
"Nora zieht die Tür des Schlafzimmers hinter sich zu, darin ist es angenehm warm mit einem Geruch nach feuchter, dunkler Erde. Sie legt ihr schwarzes Kleid ab, darunter trägt sie heimlich bunte Farben. Das Schwarz ist wichtig für die Lebenden, doch sie ist sich sicher, dass die Toten ihr die Farben nicht verübeln. Nora mag ihre Arbeit, es ist das Einzige, wofür sie eine Begabung hat. Wenn sie über die Schwelle eines Hauses tritt, weiß sie sofort, ob hier ein Sterbender oder ein Toter liegt. Es ist ihr lieber, wenn sie nicht zu früh gerufen wird, wenn sie den Pfarrer und die Familie fortschicken und in Ruhe beginnen kann." (S. 199)
Leseempfehlung für alle, die sich auf eine besondere Erzählweise österreichisch-deutscher, bäuerlich geprägter Familiengeschichte unter der Linse des magischen Realismus einlassen können, der in diesem Buch gegen Ende zunehmend mehr Raum einnimmt, wodurch es sich immer weiter von der uns als bekannt angenommenen Realität entfernt, dadurch allerdings auf sehr interessante Art und Weise bisher Bekanntes aufbricht und mit seinen Metaphern neue gedankliche Wege anregt.
Sehr detailliert, aber interessant
Moskaus westliche Rivalen von Oliver Jens Schmitt
Die Geschichte der Region zwischen Nordkap und schwarzem Meer ist vielen Menschen in Mitteleuropa eher unbekannt, wird oft im Geschichtsunterricht kaum behandelt und kommt auch sonst in der öffentlichen Wahrnehmung wenig vor. Mit dem Ukrainekrieg ist sichtbar geworden, dass sowohl die skandinavischen Länder, als auch das Baltikum, Polen und einige weitere Regionen diese Bedrohung noch einmal stärker und unmittelbarer wahrnehmen als westeuropäische Länder.
Das hat auch viel mit der geografischen Nähe zu Russland und mit den geschichtlichen Erfahrungen mit diesem Nachbarn zu tun.
In diesem sehr umfangreichen und detaillierten, aber interessant erzählten und gut recherchierten Werk hat sich der Autor die Mühe gemacht, zeitlich bis ins Mittelalter zurückzugehen und von den ersten Ursprüngen der Kyjiver Rus' bis in die Gegenwart die Geschichte des moskauzentrierten Russlands und sein Verhältnis zu den nördlichen und westlichen Nachbarn darzulegen.
Ich habe in dem Buch viel Neues gelernt: etwa, dass Litauen einmal eine Großmacht war, warum Russland eine Hauptstadt hat, die so weit weg von der Mitte des riesigen Landes ist (weil in das entlegene, nordwestlich weitab der freien Steppen gelegene Moskau, damals Vladimir genannt, die aus dem asiatischen Osten kommenden bedrohlichen mongolischen Angreifer nicht so leicht hingekommen sind und dieser Ort deshalb relativ geschützt war), aber auch darüber, dass so manche Schachzüge, die das moderne Russland im Ukrainekrieg eingesetzt hat, eine jahrhundertealte Tradition haben (z.B. erst einmal mit kleinen Angriffen beginnen, zu denen man sich offiziell gar nicht bekennt, tarnen, täuschen, verschleiern und lügen als bewehrte Kriegsstrategie).
Wer dieses Buch lesen will, braucht viel Zeit, Energie und Interesse. Es ist eben kein grober Überblick, sondern ein äußerst detailliertes Werk, das sich große Mühe gibt, alle relevanten Informationen zu erfassen und in einen Sinnzusammenhang zu bringen. Für alle, die nur mal schnell ein paar Informationen über die Region haben möchten, ist es nicht zu empfehlen. Wer sich aber wirklich tiefgehend für die Geschichte dieser Region interessiert und die Wurzeln des heutigen Ukrainekonfliktes, aber auch generell die historische Entwicklung der russischen Föderation und sein Verhältnis zu den Nachbarn näher verstehen möchte und bereit ist, sich darauf tief einzulassen, dem kann ich dieses fundierte und interessante Werk auf jeden Fall empfehlen.
Ganz nah dran am Erleben eines Jugendlichen
Moskaus westliche Rivalen von Oliver Jens Schmitt
"Amokalarm" wurde von einem Autor verfasst, der beruflich jahrzehntelange Erfahrung mit Jugendlichen und viel Verständnis und Einfühlungsvermögen für sie mitbringt, und das merkt man! In diesem Buch sind wir ganz nah am Erleben des Jugendlichen H.C.Nachtnebel dran. In kurzen, intensiven Kapiteln und authentischer Sprache teilt der Jugendliche sein Erleben mit uns und wie spüren beim Lesen, wie sich die Ereignisse immer mehr zuspitzen bis zur Eskalation - auf die zwischendurch auch schon in ersten Kapiteln zu "Raum 24" ein Blick geworfen wird, ebenso wie auf die Momente kurz davor in den Kapiteln "Davor" - sodass wir schon sehr früh wissen, dass sich am Ende der Jugendliche mit einer Bombe und seinen Lehrern in einem abgeriegelten Klassenzimmer befinden wird.
Parallel dazu lernen wir H.C.Nachtnebel und seine Lebenswelt ausführlich kennen, in den "Vorher" genannten Kapiteln. Er ist ein mathematisch hochbegabter Jugendlicher, dem gleichzeitig viel daran liegt, seinen mathematisch weniger begabten Freunden die Versetzung zu sichern... auch mit diversen Tricks und Schummeleien. Dem Schulsystem und so einigen Lehrern steht er kritisch gegenüber und ist auch nicht auf den Mund gefallen.
Aufgewachsen ist er behütet, als Einzelkind mit liebenden Eltern, die sich für ihn interessieren und ihm viel Zeit und Energie gewidmet haben... doch auch ein noch so geliebtes Kind kommt irgendwann in die Pubertät, muss den eigenen Platz in der Welt und im Umgang mit dem anderen Geschlecht finden, und das ist für alle Jugendlichen eine herausfordernde Zeit, aus der nicht alle unbeschadet hervorgehen. Eine erste Liebe gibt es nämlich auch, zur neuen Mitschülerin Keira, die so selbstbewusst und aufgeweckt scheint und in die H.C.Nachtnebel sich so richtig heftig verknallt... doch meint es auch Keira wirklich ernst mit ihm?
Das Buch ist zu einem großen Teil aus der Sicht von H.C.Nachtnebel selbst geschrieben, doch ab und zu kommen auch andere Charaktere zu Wort, was es besonders spannend macht, z.B. der Schulleiter Dr. Fischer, der Vertretungslehrer Fatih Moreno, Freund Mateo, die Eltern oder die mysteriöse Keira. Diese Sichten sind eine wertvolle Ergänzung für das Buch und machen es noch interessanter und unterhaltsamer zu lesen.
Insgesamt ist "Amokalarm" ein sehr unterhaltsames, witziges und zugleich für ein wichtiges Thema sensibilisierendes Buch, das neben seinem großen Unterhaltungswert auch Tiefgründigkeit besitzt und Empathie insbesondere für die Lebenswelt männlicher Heranwachsender fördert. Alle Charaktere sind sehr authentisch gezeichnet, somit ist es ein Buch, aus dem man auch viel über junge Menschen lernen kann und das zum Nachdenken anregt. Ich kann es allen Jugendlichen, die gerne ein spannendes Buch lesen wollen, in dem sie sich wiederfinden können, aber auch allen Erwachsenen, die sich für Jugendliche interessieren, selbst Eltern sind oder beruflich mit jungen Menschen zu tun haben, nur wärmstens empfehlen! Auf weitere Bücher dieses Autors bin ich gespannt und freue mich darauf, sie zu lesen.
Kein Land ohne Blut
Adama von Lavie Tidhar
"Adama" von Lavie Tidhar ist ein hartes Buch. Die Härte, mit der sich die Überlebenden des Holocausts und die schon früher nach Israel ausgewanderten oder dort geborenen Juden dieses Land mit der Waffe erkämpft haben, wird spürbar. Erzählt wird eine Geschichte über mehrere Generationen.
Gründungsperson dieser Familie ist Ruth, die große Teile ihrer Familie im Holocaust verloren hat und die es geschafft hat, schon vor der Shoah nach Palästina auszuwandern und dort im Kibbuz lebt. Später kommt ihre Schwester Shosh(ana), die ein Konzentrationslager überlebt hat, für eine Weile dazu, außerdem gibt es Kinder und Enkel. Familie soll aber im Kibbuz nicht wirklich gelebt werden, die Kinder werden von Anfang an ihren Eltern entfremdet, gemeinschaftlich aufgezogen und sollen die Eltern nicht "Mama" oder "Papa" nennen, sondern nur beim Vornamen, siehe z.B. diese Stelle: "Yael gehörte ihr nicht, ihr gehörte nichts, jedenfalls nicht, solange sie im Kibbuz lebte. Yael war nur eine von vielen Rotznasen in der Masse der Kinder, unterschied sich durch nichts von Yoram und Ophek, den Kindern ihrer Schwester. Sie gehörten alle dem Kibbuz." (S. 228). Auch deshalb scheint in späteren Generationen, die so nicht mehr leben möchten, der Kibbuz ein aussterbendes Konzept zu sein.
Am interessantesten war für mich an diesem Buch tatsächlich die Schilderung des harten Alltags des Ankommens in Palästina in den späten 1940er Jahren und danach, sowie der kommunistisch organisierte Alltag im Kibbuz, ohne traditionelle Familienstrukturen oder Privateigentum und die extreme Betonung des Werts von Arbeit, siehe z.B. diese Stelle: "Jetzt traf Ruth sich mit all ihren alten Freunden und Freundinnen in einem hübschen, gemütlichen Saal, wo sie Produkte aus der Fabrik verpackten: eine leichte, unanstrengende Arbeit, aber immer noch Arbeit. Und die war im Kibbuz von allerhöchstem Wert. Arbeiter sein. Wer arbeitete, war jemand und war kein Schmarotzer. Ein Wort, das Ruth ausspie wie die schlimmste Beleidigung, schlimmer als alles andere. Wenn man hart arbeitete, spielte es keine Rolle, was man sonst machte." (S. 44)
Und sonst gemacht wird eine Menge, unter anderem mit der Waffe für das Land gekämpft, aber auch, in einer späteren Generation, für Geld Auftragsmorde verübt, und noch so einiges mehr. Es ist eine kalte Zeit, in der arabische Dörfer einfach ausgelöscht werden, denn: "Die Tzabarim waren nicht schwach wie die alten europäischen Juden. Sie waren neu und hart und die Herrscher in diesem Land, diesem "Adama". Sie hatte das Wort im Hebräischunterricht gelernt und hasste es. "Es gibt kein A-d-a-am-a ohne d-a-m", hatte ihr erster Lehrer stolz erklärt. "Dam" war Hebräisch und bedeutete Blut. Kein Land ohne Blut. Shosh hatte Blut satt." (S. 224)
Aber auch jüdische Flüchtlingskinder nicht sicher sind und laufen Gefahr, skrupellosen Menschenhändlern zum Opfer zu fallen, ohne dass es die meisten anderen Menschen besonders kümmert. Stark spürbar sind die tiefen Wunden und Traumatisierungen durch die NS-Zeit, und der starke Wunsch, weiterzuleben und das Leben weiterzugeben, siehe z.B. diese Stelle: "Shosh wünschte sich auch ein Baby. Von wem, spielte keine Rolle. Sie wollte neues Leben in die Welt setzen, neues Leben für all das verlorene. Schon allein, um den Nazis zu sagen, ihr konntet uns nicht alle töten, und jetzt sind wir hier, wir leben noch und wir schaffen neues Leben. Ein Baby zu bekommen, hatte etwas von einem Wunder." (S. 156)
An diesen erwähnten Themen sieht man also: das Buch behandelt wichtige Aspekte der Geschichte Israels und regt zum Nachdenken an. Damit komme ich allerdings auch schon zur Kritik: sprachlich und literarisch ist es weit entfernt davon, ein Meisterwerk zu sein. Die Sprache ist überwiegend sehr einfach, teilweise voll mit übertriebenen, unpassenden Metaphern. Es gibt unzählige für die weitere Handlung irrelevante Szenen zum Rauchen oder Essen, die in wiederholender Art detailliert geschildert werden. Die Charaktere sind simpel konstruiert, keinen davon konnte ich wirklich nachfühlen, insgesamt verbindet sie fast alle nur die Härte, die sie in sich tragen, ansonsten werden sie wenig individuell spürbar. Von der inhaltlichen Konstruktion her sind es auch eher einzelne Szenen, die geschildert werden, als ein in sich schlüssiger Thriller. Spannung kommt auch nicht wirklich auf. Insgesamt ist es also ein bestenfalls mittelmäßiges Buch, das ich nicht wirklich empfehlen kann, denn auch zu oben geschilderten Themen gibt es in der israelischen Literatur weit besseres.
Über tiefen Schlaf und eine augenöffnende Rolle
In deinem Schlaf von Ekaterine Togonidze
Manche Bücher sind in ihrer Einzigartigkeit ganz besonders, weil man so ein ähnliches Buch noch nie gelesen hat. Das kann sich auf die Inhalte genauso beziehen wie auf die Erzählweise. „In deinem Schlaf“ von Ekaterine Togonidze ist so ein Buch. Es stellt uns eine Welt vor, die mitteleuropäischen Leserinnen und Lesern in vielem fremd vorkommen wird: nicht nur handelt das Buch von Menschen im modernen Georgien, das sowieso schon für viele Deutschsprachige ein eher weißer Fleck auf der Landschaft ist.
Auch geht es um Themen, die wenig im Scheinwerfer der mitteleuropäischen Berichterstattung stehen: eine geschickte Verwebung der persönlichen und transgenerationalen Traumatisierungen als Folge des Abchasienkriegs in den 1990ern mit einem Familiendrama in der heutigen Zeit, bei dem ein Mädchen nach einem Schock des Allein-Gelassen-Werdens während eines Erdbebens in einen tiefen koma-ähnlichen Schlaf fällt.
Für dieses medizinische Phänomen gibt es einen Namen: es handelt sich um das Resignationssyndrom und es tritt hauptsächlich bei Flüchtlingskindern auf, deren Aufenthaltsstatus ungeklärt ist und die sich psychisch so tief verunsichert fühlen, dass sie unbewusst aus dieser gefährlichen Welt flüchten wollen, sodass ihr Bewusstsein sich auf unbestimmte Zeit verabschiedet.
Nia Kandelaki ist eine junge georgische Schauspielerin Anfang 30, verheiratet mit Demna, den sie eigentlich sehr liebt und der als Kind in den 1990ern mit einer Verwandten aus Abchasien in einen anderen Teil Georgiens flüchten musste. Vordergründig scheint Demna mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen, ist ein liebevoller Ehemann und Vater, geduldig und großzügig. Doch, für Nia als Mutter absolut unbegreiflich und unverzeihlich, hat er ausgerechnet, als es wirklich darauf angekommen wäre, als Vater in ihren Augen komplett versagt: als ein Erdbeben die Stadt erschütterte, ist er einfach davongelaufen und hat seine Tochter Gabriela alleine in der bebenden Wohnung zurückgelassen. Diese wurde körperlich zum Glück nicht verletzt, ist aber aufgrund des Resignationssyndroms nach dem Schock des Allein-Gelassen-Werdens in einen tiefen Schlaf verfallen, aus dem sie seit einem halben Jahr nicht aufgewacht ist.
Nia hat Demna wütend aus der Wohnung geworfen, hält die schlafende Tochter von ihm fern und will sich von ihm trennen. Selbst kümmert sie sich aufopferungsvoll – teilweise mit Unterstützung einer Pflegerin und ihrer Mutter für die Zeit, wenn sie selbst arbeiten muss –
Tag und Nacht um die Pflege der bewusstlosen Gabriela, während sie gleichzeitig versucht, den Lebensunterhalt der Familie zu sichern und für Rollen in ihrem Beruf als Schauspielerin vorsprechen geht. Da wird ihr überraschend tatsächlich eine wichtige Hauptrolle angeboten: die der Anna, einer jungen abchasischen Flüchtlingsfrau in den 1990ern, die aus eben dem Krieg flieht, aus dem auch Nias Mann Demna als Kind geflohen ist, worüber sie aber nie miteinander gesprochen haben.
Über weite Teile des Buches wechselt die Geschichte zwischen den zwei scheinbar unverbundenen Settings, die doch in der Tiefe so viel miteinander zu tun haben, was sich immer mehr zeigt: einerseits Nia in ihrer Rolle als Mutter, die sich um die schlafende Gabi kümmert. Andererseits Nia in ihrer Rolle als Schauspielerin, die die flüchtende und vom Krieg gezeichnete Anna spielt, und in dem sehr authentischen Filmsetting unter physischen und emotionalen Belastungen ein wachsendes Verständnis dafür entwickelt, was es bedeuten kann, alles zurücklassen und verzweifelt unter Lebensgefahr über die eisigen Berge flüchten zu müssen.
Wie wird sich diese Entwicklung Nias auf das Verhältnis auf ihre eigene Persönlichkeit, aber auch auf das Verhältnis zu ihrer Familie auswirken? Wie geht es mit ihrer Ehe weiter? Was liegt hinter Demnas scheinbar rätselhaftem, so rücksichtslos wirkendem Verhalten während des Erdbebens? Und gibt es Hoffnung für die kleine Gabriela, jemals wieder aus ihrem komatösen Zustand zu erwachen?
Mit all diesen Fragen und noch vielen weiteren beschäftigt sich dieses Buch. Wir lesen es aus Nias Perspektive und sind ganz nah an ihrer Wahrnehmung dran. Nia ist eine sehr fleißige, engagierte Frau, eine besorgte, aufopferungsvolle Mutter und tüchtige Schauspielerin. Besonders empathisch und mitfühlend ist sie erst einmal nicht, doch macht sie im Laufe des Buches durchaus eine interessante Entwicklung durch.
Insgesamt ist es ein spannendes Psychogramm einer jungen Frau, die in vielem kulturell sicherlich ganz anders geprägt ist, als wir es aus Mitteleuropa kennen, und noch viel mehr als das: ein Buch, das nachdenklich macht und aufrüttelt in Bezug auf die Wunden, die durch Kriege und die damit verbundenen Traumatisierungen auch in diesem Moment so vielen Menschen zugefügt werden und die noch jahrzehntelang Auswirkungen nicht nur auf diese Menschen selbst, sondern durch das Phänomen der transgenerationalen Traumatisierung und familiären Weitergabe von destruktiven Mustern auch auf ihre Nachfahren haben.
Das Buch liest sich unglaublich spannend und hat auf mich einen richtigen Sog ausgeübt beim Lesen: atemlos habe ich die Geschichte immer weiterverfolgt und beide Erzählstränge – sowohl der rund um die schlafende Gabi als auch das sehr anschaulich geschilderte Filmsetting am inszenierten Kriegsschauplatz – haben mich überzeugt, fasziniert und gefesselt. Auch sprachlich ist das Buch besonders: in einer Dichte und Eindringlichkeit geschrieben, die ihresgleichen sucht.
Hier Sprachbeispiele aus beiden Abschnitten:
Nia als aufopferungsvolle Mutter und ihr innerer und zum Teil auch hörbar verbalisierter Monolog an die schlafende Gabriela:
„Ich spreche heiter, so heiter ich kann. Diese Rolle habe ich bekommen – die Rolle meines Lebens – und ich spiele sie. Aber ich habe immer Angst, ich habe Angst vor jedem vergangenen Tag, denn es sind schon einhundertvierundachtzig Tage, seitdem du schläfst, du bewegst dich nicht und wirst immer schlaffer. Dein Körper ist erschlafft, Muskeln – kraftlos, Reflexreaktionen – abgebaut. Gabriela, bitte, wach auf“ (S. 8)
Im Vergleich dazu nun eine der vielen Szenen aus dem Filmdreh, bei dem Nia die flüchtende Anna spielt:
„Szene 40. Außenbereich. Tag. Fortsetzung. Vergangenheit.
Annas Nachbarhaus bei Sochumi.
Das Haus steht lichterloh in Flammen, lodert und bricht in sich zusammen. Dichte Rauchschwaden steigen in den Himmel. Vor dem Haus rollen gepanzerte Fahrzeuge vorbei. Soldaten mit Sturmgewehren sitzen obenauf. Menschen hasten durcheinander, ihre Habseligkeiten auf den Rücken geschnallt. Einige beladen Autos in hektischer Eile. Anna geht mit dem Kind in entgegengesetzter Richtung der Panzer. Sie nähert sich einem Auto, spricht mit dem Fahrer und steigt ein.“ (S. 159)
Ekaterina Togonidze ist definitiv ein Ausnahmetalent als Schriftstellerin und ich werde sehr gerne demnächst weitere Bücher von ihr lesen. Für mich ist das Buch eines der absoluten Lesehighlights dieses Jahres! Nebenbei habe ich auch so viel über Georgien, den Abchasien-Konflikt, das Resignationssyndrom, transgenerationale Traumatisierung, aber auch darüber, wie Filme gemacht werden können (und auch, wie sie vielleicht nicht gemacht werden sollten) gelernt.
Danke an den Septime-Verlag dafür, diese Autorin auf Deutsch übersetzt und das Buch somit auch deutschsprachigen Leserinnen und Lesern zugänglich gemacht zu haben. Leseempfehlung für alle, die ein ganz besonderes, spezielles, einzigartiges Buch lesen möchten!
Ein Mord an einer Frau: eine Mama, Freundin, Tochter fehlt für immer
Da, wo ich dich sehen kann von Jasmin Schreiber
Die Familie der 9-jährigen Maja liegt in Scherben: die Mutter Emma ist tot, ermordet von ihrem Mann, der Vater als Mörder im Gefängnis. Und mittendrin ein kleines Mädchen, das sich selbst schuldig fühlt, weil es den Papa ja auch irgendwie liebt, aber sich das nicht mehr erlauben will. Nicht einmal in den Spiegel schauen will Maja mehr, denn dort sieht sie ihre roten Locken, genau die gleichen, wie ihr Papa hat.
Ob sie viel von ihm hat? Ob in ihr auch eine Mörderin steckt? Da gibt es diese dunklen Stimmen, die ihr Ungutes zuflüstern... vielleicht wird sie auch bald im dunklen, feuchten Grab liegen und von den Würmern gefressen werden, so wie Mama? Oder wird ihr Papa auch sie mal ermorden, da er ja ein Mörder ist?
Im Zentrum dieses berührenden Buches steht also dieses kleine Mädchen, das nach dem Femizid an der Mutter quasi elternlos und schwer traumatisiert zurückgeblieben ist. Es ist ein fiktiver Roman, aber er hat einen wahren Kern: leider werden jedes Jahr auch in Deutschland, in Österreich und in vielen anderen Ländern unzählige Frauen von ihren Partnern oder Ex-Freunden ermordet. Oft dann, wenn sie sich aus einer gewalttätigen Beziehung lösen möchten, sich nicht mehr alles gefallen lassen oder es ihnen schon gelungen war, sich aus dieser Beziehung zu befreien. Auch die Autorin Jasmin Schreiber hat so einen Fall in ihrem Umfeld erlebt und widmet das Buch ihrer "Nachbarin, die dieses Jahr von ihrem Ehemann vor den Augen ihres gemeinsamen Kindes in ihrer Wohnung erstochen wurde."
Es ist ein aufrüttelndes, berührendes Buch, das die Tragik hinter all diesen Femiziden und das Leid all der Menschen, die davon betroffen sind, spürbar macht, das betroffen und wütend machen kann und im besten Fall dazu beiträgt, sich dafür einzusetzen, dass sich endlich etwas ändert in unserer Gesellschaft, in der immer noch viel zu oft, wie im Buch erwähnt wird, manche Männer Frauen einfach ermorden, weil sie es wollen und weil sie es können.
Die Buchkapitel sind abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven geschrieben: da gibt es die schon erwähnte kleine Maja, die erst einmal bei den Großeltern mütterlicherseits unterkommt, bis die Obsorge endgültig geklärt ist. Die sich dort zusätzlich zum Verlust der Mutter in ein neues Umfeld eingewöhnen muss und bei lieben Verwandten ist, die sie zwar über alles lieben und sich liebevoll um sie kümmern, die aber selbst schwer getroffen vom Tod der eigenen Tochter sind. Dann gibt es Liv, ehemalige Astrophysikerin und jetzige Lehrerin, begeisterte Naturwissenschaftlerin und langjährige beste Freundin von Emma, die eigentlich bewusst kinderfrei lebt, aber Emmas Patentante ist und nun immer mehr in die Rolle einer Ersatzmama für das kleine Mädchen kommt und sich nicht sicher ist, ob sie dieser Aufgabe gewachsen ist und wie sie sie ausfüllen soll. An ihrer Seite ist die alte Hündin Chloé, zu der Emma eine tiefe Verbindung spürt und die aber leider schon eher am Ende ihrer Lebenszeit angekommen ist. Später kommen noch weitere Charaktere dazu, etwa die Großeltern väterlicherseits, zu denen Maja vor dem Tod ihrer Mutter sogar engeren Kontakt hatte, weil sie in der Nähe gewohnt haben - aber vielleicht auch, weil ihr manipulativer Vater daran gearbeitet hat, die Tochter bewusst nicht nur von ihrer Mutter, sondern auch von deren Eltern zu entfremden.
Sehr sympathisch finde ich, dass alle Charaktere tiefgründig und facettenreich geschildert sind. Hier gibt es kein reines Schwarz-Weiß und ich konnte zum Beispiel nicht nur mit den eindeutigen vordergründigen Sympathieträgern Maja, Liv und den Großeltern mütterlicherseits, die ihre Tochter verloren haben, sondern auch mit den Großeltern väterlicherseits, die entsetzt feststellen mussten, dass ihr Sohn ein Mörder ist, sehr mitfühlen.
Gestaltet ist das Buch insgesamt sehr liebevoll, aufwendig und authentisch: da gibt es Kinderzeichnungen von Maja, Gespräche mit einer Kinderpsychologin, Obduktionsakten, Gerichtsprotokolle, das Nachdenken über Parallelwelten, in denen jemand anders gehandelt hätte und Emma noch am Leben wäre, und vieles mehr. Alles davon ist jeweils sprachlich passend dargestellt. Dadurch ist es der Autorin gelungen, sich dem Thema Femizid von vielen Seiten anzunähern. Besonders ist hervorzuheben, dass es dabei um die Perspektive all der Opfer - der Ermordeten und der Menschen, die vom Mord an ihr am stärksten betroffen sind - und nicht um die Perspektive des Mörders geht; jenem wird somit keine Bühne geboten.
Es ist ein Buch, das literarisch ausgezeichnet geschrieben ist: berührend, authentisch, mit tollen, zu den jeweiligen Charakteren passenden Sprachbildern und die Trauer tief fühlbar zeigend. Ich kann das Buch insgesamt einem breiten Publikum absolut empfehlen, es verdient es, gelesen zu werden und dazu beizutragen, für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren.
Berührend, authentisch und Mut machend
Nach Grau kommt Himmelblau von Thomas Reinbacher
"Nach grau kommt himmelblau" von Dr. Thomas Reinbacher ist ein zutiefst berührendes Memoir eines Menschen, der es geschafft hat, nach mehrmaligen schweren depressiven Phasen samt langen Aufenthalten auf der stationären Psychiatrie wieder zurück in ein glückliches Leben zu finden. Aus dem blauen Himmel des überragenden Erfolges einer großen Karriere bei bekannten Weltkonzernen war der Autor mitten ins tiefste Elend der Depression gestürzt, kurze Zeit, nachdem er Vater eines kleinen Sohnes geworden war.
Und es dauerte so einige Zeit, bis er sich eingestehen konnte, nicht nur eine kurzfristige Krise oder ein Burnout durch Überarbeitung, sondern eine richtige Depression zu haben, und bis er sich auf den Weg zurück bzw. in ein neues Leben, der nicht gerade, sondern mit vielen Hindernissen gepflastert ist, voll und ganz einlassen konnte.
Eine Depression zu haben ist nichts Seltenes, leider sind viele Menschen davon betroffen. Doch nur wenigen gelingt es danach, die eigene Erfahrung in so authentische und berührende Worte zu fassen, wie das dem Autor mit seinem Buch gelungen ist. Ich hatte selbst einen nahen Angehörigen mit einer schweren Depression und habe so vieles wiedererkannt: sowohl in Bezug auf seinen Zustand als auch hinsichtlich der Psychiatrieaufenthalte. Zu meinem großen Bedauern hat mein Angehöriger den Weg aus der Depression heraus nicht mehr gefunden... nach der Lektüre des Buches dieses Autors verstehe ich jetzt aber noch einmal mehr, wie schwierig das ist und wie viel Kraft es erfordert, aber auch was für eine bedeutende Rolle dabei günstige Rahmenbedingungen und soziale Unterstützung spielen. Glücklicherweise hatte der Autor sowohl einen unterstützenden Arbeitgeber als auch eine liebende Familie und verständnisvolle Freunde an seiner Seite.
Passend dazu ist das Buch in drei Teile gegliedert: zuerst erzählt der Autor seine Geschichte, den Absturz in die tiefe Depression und den Weg zurück, über mehrere Klinikaufenthalte. Danach gibt es Raum für die "Sicht der anderen", hier erzählen seine Frau, ein guter Freund, und "sein altes Ego". Dadurch wird die Sicht der Angehörigen deutlich, aber auch, speziell im letzten dieser drei Kapitel, wie wenig Verständnis Menschen (in diesem Fall der Autor selbst vor seiner Krise) für das Wesen einer Depression haben können, wenn sie diese noch nicht selbst erlebt haben oder im nahen Umfeld damit konfrontiert waren.
Im dritten Teil finden sich schließlich noch Selbsttests für Burnout und Depression, Antworten für Betroffene, Tipps für Angehörige und Kontaktadressen für Hilfe im Akutfall.
Sehr berührend ist, wie persönlich das Buch erzählt ist und wie etwa Spotify-Links zu Musik, die dem Autor in gewissen Situationen viel bedeutet hat und die er mit seinen Emotionen verbindet, eingebaut sind. Auch sonst ist das Buch trotz des dunklen Themas sehr humorvoll geschrieben: zum Beispiel ist anhand von Kackhäufchen und Herzchen dargestellt, an welche Methoden der Autor große Erwartungen hatte und welche diese erfüllt oder übertroffen haben, aber auch, welche enttäuschend waren.
Besonders interessant und hilfreich fand ich auch das Thema: "Was sind eigentlich meine Werte im Leben?", das dem Autor zum ersten Mal in der Psychotherapie begegnete (von den Werten "Kompetenz", "Großes erreichen", "Anerkennung", "Karriere" und "Perfektion" aus der Zeit vor der Krise hin zu "Akzeptanz", "Kreativität", "Papa sein", "Andere unterrichten" und "Tüfteln" für das Leben danach) und das er so hilfreich fand, dass er dazu gemeinsam mit seiner Frau ein eigenes Kartenset entwickelt hat, das ich mir ebenfalls besorgt habe und das ich auch sehr empfehlen kann.
Insgesamt ist es ein sehr berührendes und hilfreiches Buch, das ich allen, die selbst von Depressionen betroffen sind, Betroffene kennen oder sonst mit dem Thema zu tun haben - und das sind eigentlich, ob bewusst oder unbewusst, alle Menschen, denn es gibt so viele Menschen mit Depressionen, dass jeder privat oder beruflich welche kennt, egal, ob man darüber schon nachgedacht hat oder nicht - nur wärmstens empfehlen kann.
Tiefe Veränderung beginnt im Nervensystem
Rauhnächte - Reguliere dein Nervensystem und schaffe die Basis für persönliches Wachstum von Tanja Suppiger
Bücher über die Rauhnächte gibt es mittlerweile viele am Markt. Was unterscheidet dieses Buch von den anderen? Es ist sein klarer Fokus auf das autonome Nervensystem und auf seine Bedeutung für Veränderungen in unserem Leben. Die Autorin beschreibt schlüssig, woran viele gute Vorsätze und Visionen scheitern: an unserem eigenen Körper und Nervensystem.
Denn wenn wir uns innerlich nicht sicher fühlen, erstarren wir, und das macht Veränderung fast unmöglich - selbst, wenn wir sie uns noch so sehr wünschen. Es ist also empfehlenswert, sich erst einmal mit dem autonomen Nervensystem zu befassen und damit, wie man sich selbst in einen angenehmen, ruhigen, entspannten Zustand bringen kann, aus dem heraus die Arbeit an Zukunftsvisionen deutlich vielversprechender ist.
Noch ein weiterer Punkt, durch den sich das Buch unterscheidet: es beginnt nicht direkt mit den Rauhnächten, sondern schon mit der Zeit davor: mit den Sperrnächten ab dem 8. Dezember. Auch diese gehen auf eine alte, bäuerliche Tradition zurück: es ist die Zeit, in der die Arbeitsmaterialien des vergangenen Jahres für den Winter weggesperrt wurden, anstehende Arbeiten abgeschlossen wurden und insgesamt das Jahr sowohl auf der praktischen Ebene als auch spirituell zu einem bewussten Abschluss gebracht wurde, um sich dann bewusst auf die Rückkehr des Lichts mit der Wintersonnenwende, das Weihnachtsfest und danach die transformative Kraft der Rauhnächte und des Jahreswechsels einzulassen.
Somit setzt dieses Buch insgesamt deutlich früher an als viele andere Rauhnachtsratgeber und zeigt, wie man auf vielfältige Art und Weise den Boden für gewinnbringende Rauhnächte bereiten kann. Nach einer kurzen Einführung in das Thema widmet das Buch ein ausführliches Kapitel der Erklärung des autonomen Nervensystems als Grundlage für die Visionsarbeit in den Rauhnächten. Sympathikus und Parasympathikus werden beschrieben, genauso wie der Vagusnerv und die drei Hauptzustände des autonomen Nervensystems.
Dabei gelingt es der Autorin, eine zugängliche und leicht verständliche Sprache zu wählen, sodass diese medizinischen Themen auch für Menschen, die damit noch nicht viele Berührungspunkte hatten, anschaulich dargestellt sind. Weiters geht es um unser individuelles Stresstoleranzfenster und darum, wie wir dieses erweitern und die Rauhnächte als Zeit der inneren Stabilisierung nützen können: die Rauhnächte als sicherer Raum, von dem aus wir eine Transformation beginnen können.
Psychologisch betrachtet ist das Buch gut recherchiert und bietet solide Informationen über das autonome Nervensystem und über leicht anwendbare Techniken, sich selbst zu regulieren und zu stabilisieren, zum Beispiel über die Atmung, über die Verbindung mit anderen Menschen und über die bewusste Wahrnehmung von "Glimmern", kleinen Momenten der Freude und Sicherheit (z.B. ein Sonnenstrahl, das Rascheln der Blätter im Wind,...).
Dazu schreibt die Autorin: "Viele Menschen glauben, dass sie sich erst verändern müssen, um sich sicher zu fühlen. Doch es ist genau umgekehrt: Erst wenn wir Sicherheit spüren, ist Veränderung überhaupt möglich. Deshalb sind die Rauhnächte nicht nur eine Zeit der Manifestation, sondern eine Zeit der Regulation. In diesen Nächten schenken wir unserem Nervensystem bewusst Glimmer-Momente. Wir lernen, Sicherheit nicht nur im Außen zu suchen, sondern sie in uns zu spüren. Und genau daraus entsteht die tiefste Transformation." (S. 43)
Im Buch finden sich viele Übungen zur Schulung der Sinne, zur Körperwahrnehmung und zur Verbindung mit dem eigenen Inneren, sowohl in den einführenden Kapiteln, als auch dann bei den jeweiligen Sperrnächten oder Rauhnächten.
Detailliert beschrieben und liebevoll bebildert wird dann in die insgesamt etwa einen Monat (von 8.12. bis 6.1.) dauernde Zeit zuerst der Sperrnächte, dann der Wintersonnenwende und schließlich der Rauhnächte hineinbegleitet. Es beginnt mit den Sperrnächten, dabei sind jeder Sperrnacht etwa drei Seiten gewidmet. Diese beginnen mit einführenden Worten zum Thema der jeweiligen Sperrnacht (z.B. "Sicherheit" für die erste Sperrnacht), dann folgen Reflexionsfragen dazu (z.B. "Wann hast du dich im vergangenen Jahr sicher gefühlt?", "Wo hast du Sicherheit eher im Außen gesucht - und wo hast du sie in dir selbst gefunden?", S. 67) und schließlich gibt es noch eine abschließende körperbezogene Übung, zum Beispiel zum bewussten Atmen.
Im letzten Drittel des Buches schließlich geht es um die Rauhnächte selbst. Auch hier ist wieder jede Rauhnacht einem übergreifenden Thema gewidmet, das an die vorher schon bearbeiteten Themen der Sperrnächte erinnert - doch nun geht es nicht um den Rückblick auf das vergangene, sondern um die Vision für das zukünftige Jahr. Beispielsweise geht es auch in der ersten Rauhnacht wieder um Sicherheit, doch nun mit dem Blick auf die Kraft der Wurzeln für das neue Jahr und auf die Entscheidungen, die wir heute treffen können, um unsere innere Stabilität für das neue Jahr zu stärken. Auch hier gibt es wieder körperbezogene Übungen sowie einen Manifestationsimpuls, für den Januar z.B. "Was wäre, wenn dein Alltag selbst zu einem sicheren Raum wird?" (S. 111)
Insgesamt handelt es sich um ein sehr liebevoll gestaltetes und ansprechendes, psychologisch fundiertes Buch, das eine gute Basis für die eigene Bewusstseinsarbeit bietet und das ich auch aus beruflicher Sicht als Psychologin allen an Weiterentwicklung interessierten Menschen wärmstens empfehlen kann.
Von der vergeblichen Sehnsucht nach einem Ankommen
No Way Home von T.C. Boyle
"No way home", der neue Roman von T.C.Boyle, beschäftigt sich vordergründig nicht so stark mit aktuellen Gesellschaftsthemen wie manche andere seiner Bücher. Sieht man aber genauer hin, dann tut er das sehr wohl. Porträtiert werden drei unreife junge Erwachsene, die alle drei sich auf ihre Art entwurzelt und heimatlos fühlen und auf der Suche nach Sicherheit, Geborgenheit und Bestätigung sind: nach einer äußeren Heimat für die innere Heimatlosigkeit.
Drei Menschen, die diesen Halt nicht in sich selbst finden können und ihn deshalb, natürlich vergeblich, in einer anderen Person suchen müssen.
Da gibt es Terry, einen jungen Assistenzarzt in Los Angeles, den der Zufall erst einmal gelegentlich in die abgelegene Wüstenstadt Boulder City verschlägt: denn hier war der Altersruhesitz seiner Mutter (aber nicht der Ort und das Haus, an dem er aufgewachsen ist - seine Heimat ist es hier nicht), hier hatte sie ein Haus gekauft und bewohnt, und nun ist sie plötzlich verstorben und an ihm ist es, das Haus zu erben, sich um ihren Hund Daisy zu kümmern und sich um alle bürokratischen Formalitäten zu kümmern. Terry ist ein engagierter und völlig überarbeiteter Arzt, mit kaum Privatleben und nur wenig Erfahrungen mit Frauen. Auch die mit der Abwicklung des Erbes verbundene Bürokratie ist ihm fremd und er fühlt sich innerlich dieser Sache kaum gewachsen. Sein bisheriger Werdegang mit der starken Konzentration auf das Medizinstudium und den ersten Jahren als Arzt hat wohl seine intellektuellen Fähigkeiten gefordert und gefördert und ihm einen sechsstelligen Schuldenberg an Studiengebühren hinterlassen, ihn aber emotional nicht erwachsen werden lassen.
So kommt es ihm durchaus gelegen und er wehrt sich höchstens halbherzig, als die sehr attraktive und nach einer Trennung von ihrem impulsiven Ex-Freund Jesse temporär obdachlose Bethany ins Haus von Terrys Mutter einziehen will und verspricht, sich um das Haus und den Hund sowie die mit dem Erbe verbundene Bürokratie zu kümmern. Zwar sagt er erst einmal "nein" dazu, sie macht es trotzdem, zieht einfach ein, stellt ihn vor vollendete Tatsachen. Statt sie entschlossen hinauszuwerfen, verfällt er ihren äußeren Reizen und die beiden beginnen eine sexuelle Beziehung. Er fühlt sich von ihr sehr angezogen - so eine attraktive Frau hat sich wohl noch nie für ihn interessiert - auch wenn sie abgesehen von der körperlichen Attraktivität viele problematische Persönlichkeitseigenschaften aufweist, das Haus verkommen lässt, ihre dubiosen Freunde gegen seinen Willen dorthin einlädt, um wilde Partys zu feiern, und nicht einmal davor Halt macht, sich dort gegen Terrys ausdrücklichen Wunsch mit ihrem Ex Jesse zu treffen, mit unangenehmen Folgen verschiedenster Art für Terry. Dennoch wird Terry sie nicht los und überlegt letztlich in seiner grenzenlosen Naivität sogar, sie zu heiraten. Bethany wiederum erhofft sich von der Verbindung mit ihm sozialen Aufstieg - immerhin ist er Arzt - und materielle Absicherung.
Der dritte im Spiel ist Jesse, Lehrer an der Junior High School, leidenschaftlicher Motorradfahrer, impulsiv und zu Gewalt neigend und der vermeintliche Ex Bethanys, mit dem sie fünf gemeinsame Jahre verbracht hat, der ihr in Bezug auf das soziale Milieu viel ähnlicher ist als Terry und von dem auch sie sich nicht so wirklich lösen will, was aus dem Ganzen eine sehr toxische Dreiecksgeschichte macht. Auch er will Bethany nicht loslassen, erhebt Besitzansprüche auf sie, ist eifersüchtig auf Terry, den er als "Spießer" ansieht und dafür zutiefst verachtet, und meint, eine tiefe Verbindung zu Bethany zu fühlen.
Sympathisch ist in diesem Roman keine der drei menschlichen Figuren, nur mit dem klugen Hund Daisy habe ich mitgefühlt. Alle drei Hauptcharaktere sind zutiefst unreif, unreflektiert und machen über den Roman keine sichtbare Charakterentwicklung durch. Dadurch wiederholen sich verschiedene Situationen in ihrem Leben auch immer wieder, beispielsweise versucht Terry immer wieder auf zaghafte und ungeschickte Art, Bethany Grenzen in Bezug auf den sorglosen Umgang mit seinem Eigentum aufzuzeigen, doch werden diese Versuche nie vehementer oder entschlossener und bleiben immer erfolglos. Bethany wiederum verharrt in ihrer Schwebesituation zwischen den beiden Männern selbst dann noch, als sich einige Ereignisse deutlich zuspitzen, die bei einer psychisch gesünderen Frau längst zu einer Distanzierung geführt hätten. Auch Jesse ist und bleibt der impulsive, zu gewalttätigen Ausbrüchen neigende Mann, der er immer war.
Das Ganze findet vor der Hintergrundkulisse von Boulder City statt, die als unattraktive und wenig Perspektiven für junge Leute bietende Wüstenstadt wirkt, in der die einzigen Freizeitaktivitäten zielloses Herumfahren mit dem Motorrad oder Saufen in Lokalen zu sein scheinen.
Reine Dreiecksgeschichten und Liebesdramen sind nichts, was ich normalerweise gerne lese, und ich schätze es sonst auch, wenn es eine charakterliche Weiterentwicklung der Figuren gibt. Dieses Buch hat mich dennoch sehr überzeugt, denn es ist auf eine Art und Weise geschrieben, in der ich gerade diese Stagnation der Charaktere und ihr Verweilen in ihrer Unbewusstheit und den daraus resultierenden Schwierigkeiten sehr glaubhaft finde.
Solche Menschen gibt es viele, und Boyle gelingt es hier, sie in ihrem Umfeld treffend zu porträtieren, und dabei gleichzeitig zum Nachdenken darüber anzuregen, was es für eine Gesamtgesellschaft bedeutet, wenn es viele solcher Menschen gibt und wie genau die dahinterstehenden Sehnsüchte nach einer inneren wie äußeren Heimat und einem Ankommen, ohne wirklich die dafür erforderliche innere und äußere Arbeit leisten zu müssen, sehr leicht von politischen Verführern eingefangen werden können (das ist nicht Hauptthema des Romans, schwingt für mich aber zwischen den Zeilen mit). Damit ist es ein düsteres, aber durchaus treffendes Gesellschaftsporträt des modernen Amerikas in den 2020er Jahren.
Auch sprachlich weiß Boyle genau, was er tut, und jeder Satz sitzt. Hier ein paar Beispiele:
"Leute, die behaupteten, die Wüste zu lieben, redeten immer von unverstellter Weite, aber für ihn war es mehr wie die Sohle eines alten Joggingschuhs: nichts als Druck und abgewetztes Profil. Dass die Wüste leer war, hatte einen Grund - sie war ein negativer Raum zwischen einem selbst und einem Ort, wo man sein wollte, eine letzte Zuflucht für Heilige und Skorpione." (S. 15)
"Das Wasser war kalt, und er blieb nicht lange drin. Auf dem Board hatte er keine Probleme mit dem Gleichgewicht, auch wenn dieser Sport - das ganze Konzept - ihm neu war. Der See war ebenfalls neu, jedenfalls diese intime Bekanntschaft mit ihm." (S. 56)
"Er schlief im Gästezimmer, und nicht mal der Hund leistete ihm Gesellschaft." (S. 293)
"Sie machte keinen Versuch aufzuräumen, noch nicht jedenfalls. Sie ließ Jesse stänkern, bis ihm die Luft ausging, und dann stand sie auf und zog Schuhe und Jacke an." (S. 368)
Insgesamt ist es ein tiefgründiges und interessantes Buch, das ich allen empfehlen kann, die sich für das moderne Amerika und seine vielfältigen Probleme interessieren und die kein Problem damit haben, ein Buch ohne (menschliche) Sympathieträger zu lesen.
Über die Verfeinerung der eigenen Energie durch den schamanischen Weg
Energetische Selbstfürsorge von Benjamin Maier
Mit "Energetische Selbstfürsorge" hat der schamanische Lehrer und Heilpraktiker Benjamin Maier ein interessantes Buch herausgebracht, das allen, die für den schamanischen Weg offen sind und vielleicht schon ein bisschen Vorwissen und Erfahrungen in diesem Bereich haben, wertvolle, praktische Tipps zur Verbesserung des eigenen Energiefelds in die Hand gibt.
Das Buch ist sehr praxisnah aufgebaut. So beginnen neue Kapitel oft mit Selbsttests, bei denen man anhand von Fragen einschätzen kann, von welchem Ausgangsniveau man bei dem jeweiligen Thema startet, z.B., wenn es um das eigene Energielevel geht (das kann man mit Fragen wie "Weißt du genau, was du willst?", "Wie klar ist dein Geist?" oder auch "Spürst du dich selbst unter anderen Menschen?" näher erforschen).
Um Lebensenergie und das Energielevel geht es überhaupt sehr viel in dem Buch, als Basis für alles andere im Bereich energetische Selbstfürsorge. Davon handelt etwa die ganze erste Hälfte des Buches. Der Autor beschreibt, wie sich das Energielevel auf alle Lebensbereiche auswirkt, ob es nun um Gesundheit, Beziehungen, spirituelle Fähigkeiten oder beruflichen Erfolg geht. Ausführlich geht es auch um das Energiesystem insgesamt und die Energieströme im menschlichen Körper und um ihn herum aus schamanischer Perspektive. Diese Kapitel habe ich auch sehr interessant gefunden, hätte mir aber hier und auch an so einigen anderen Stellen - da so manches davon für mich neu war - ein paar illustrierende Grafiken gewünscht.
In der zweiten Hälfte des Buches geht es dann wirklich konkret um energetische Selbstfürsorge und darum, wie man, zum Beispiel durch Rituale und Kontaktaufnahme mit Naturgeistern, sich selbst schützen, transformieren oder das eigene Energielevel erhöhen kann. Gut gefallen hat mir dabei insbesondere, dass der Autor dabei auch auf mögliche Risiken und Gefahren hinweist, die damit verbunden sein können.
Insgesamt ist es ein sehr interessantes, praxisnahes und hilfreiches Buch eines Menschen, der glaubwürdig vertritt, in diesem Bereich sehr viel Wissen und praktische Erfahrung zu haben und von dem am schamanischen Weg Interessierte viel lernen können.










