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Rezensionen von Eternal-Hope:

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Zugänglich, interessant und Gräben überwindend

Anders von Bertolt Meyer

Bertolt Meyer ist selbst mit einer körperlichen Behinderung geboren worden: mit nur einem Unterarm. So hat er schon seit frühester Kindheit Erfahrungen damit gemacht, was es bedeutet, von der Gesellschaft als "anders" wahrgenommen zu werden. In diesem Buch widmet sich der Psychologieprofessor nun den Unterschieden zwischen Menschen, wie sie unsere Wahrnehmung einschränken und wie wir lernen können, diskriminierungsfrei und somit besser damit umzugehen.

Es ist ein kluges und persönliches Buch, das zum einen auf vielen persönlichen Erfahrungen aufgebaut ist und damit zugänglich ist, zum anderen aber auch den aktuellen Wissensstand aus der Psychologie zu den jeweiligen Themen gut verständlich und interessant erklärt und insgesamt sehr zum Nachdenken anregt.

Nach einer Einführung in das Thema Behinderung geht es erst einmal allgemein um Stereotype, um besser zu verstehen, wie diese die menschliche Wahrnehmung und Beurteilung anderer verkürzen, aber damit gleichzeitig viele Menschen zu Unrecht in eine Kategorie werfen, die, wenn überhaupt, nur einen winzigen Teil ihrer Persönlichkeit beschreibt. Danach geht es um spezielle Themen, die aktuell sehr viel diskutiert werden, wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Transidentität, Fremdenfeindlichkeit, Rechtspopulismus und ehemaliges Ost- vs. Westdeutschland und die Menschen aus diesen Regionen.

Besonders sympathisch habe ich gefunden, wie sich der Autor persönlich und nahbar auf diese Themen einlässt: so erzählt er etwa auch von seiner Homosexualität, dem Umgang damit und wie viele Lebensbereiche diese betrifft, sodass es eben nicht möglich sei, über dieses Thema zu schweigen, ohne ständig bei Fragen nach Partnerschaft, Urlaub oder Kindern lügen zu müssen. Dem Thema Fremdenfeindlichkeit nähert er sich anhand eigener Erfahrungen als Deutscher in der Schweiz an, ist sich aber seiner dabei insgesamt privilegierten Position bewusst und reflektiert diese. Zum Thema Diskriminierung Ostdeutscher bringt er keine eigenen Erfahrungen mit, hat allerdings einige Zeit dort beruflich verbracht, und nähert sich dem Thema mit der gebotenen Zurückhaltung an.

Wenn es schließlich um das Erstarken des Rechtspopulismus in der Gegenwart geht, bietet der Autor auch dafür schlüssige Erklärungen an und legt seine, wie in seinem Umfeld sehr verbreitet, eigene eher linke Position dar, zeigt dabei aber gleichzeitig Respekt für andere politische Positionen und setzt sich insgesamt für Dialog und Verständigung ein.

Insgesamt handelt es sich bei diesem Werk somit um ein interessantes und zugängliches Buch zu vielen aktuellen Themen, das ich Menschen verschiedenster politischer Einstellungen ans Herz legen will, um Neues zu lernen, die eigenen Positionen zu hinterfragen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

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Die Entzauberung eines Dichters

Das Flimmern der Raubtierfelle. Rilke und der Faschismus von Hans-Peter Kunisch

Was nehme ich aus diesem Buch mit? Rainer Maria Rilke hatte, für mich persönlich wenig überraschend, auch seine Schattenseiten, und das waren keine kleinen. So ist das ja bei vielen berühmten Menschen: wo viel Licht ist, ist oft auch so einiges an Schatten. Wer seine Gedichte bewundert, projiziert gerne so einiges in ihn hinein und meint etwa, so ein Mensch, der so feinfühlige Gedichte über die tiefsten Facetten der menschlichen Psyche und so schöne Naturbeobachtungen schreiben könne, der müsse immer empathisch sein, und politisch sowieso auf der richtigen Seite.

Nun, wie der Autor dieses Buches aufgrund von überlieferten Briefwechseln des Dichters mit einer italienischen Bekannten, aber auch weiteren Briefwechsel und Quellen klug analysiert, war Rilke keinesfalls immer sonderlich empathisch gegenüber realen Menschen, mit denen er in Austausch stand. Im Gegenteil, auf deren Sorgen und Nöte ging er teilweise kaum ein und idealisierte stattdessen den italienischen Faschismus und Mussolini. Einen großen Teil des Buches nimmt die Analyse dieser Briefwechsel zwischen Rilke und seiner italienischen Bekannten Lella ein. Diese erlebt, in Italien lebend, die Schattenseiten des aufziehenden Faschismus hautnah mit und weist Rilke darauf hin, doch seine Meinung ändert er nicht unbedingt, zu "groß und unbedingt ist mein Verlangen nach Ordnung", so schreibt er selbst in einem Brief an die Italienerin.

Auch sonst findet sich so einiges Fragwürdiges zur Persönlichkeit des großen Dichters, wenn man seinen Nachlass genauer analysiert: an sozialen Veränderungen scheint er nicht interessiert und spricht sogar dafür aus, dass die "Varietäten" der Natur, einschließlich der Bettler, bestehen bleiben, schon "um der Freude des Dichters an dieser leidenden Vielfalt" willen, denn sonst gäbe es ja weniger Material für seine Werke. In einem weiteren Austausch mit einer jungen Jüdin zu deren Volk und Religion zeigt er auch Ansichten, die heute als antisemitisch gewertet werden würden. Aufgrund seines Todes im Jahr 1926 ist zu seiner weiteren Entwicklung zu diesem Thema nicht mehr viel bekannt geworden.

Ich finde es eine wichtige Aufgabe, auch jene, die großartige und beeindruckende Werke hinterlassen haben, nicht blind zu idealisieren. Insofern sei dem Autor und dem Verlag für dieses wichtige Buch gedankt, das das Bild des Dichters Rainer Maria Rilke vervollständigt.

Stilistisch ist es ein eher anspruchsvoll zu lesendes Werk, das schon aufgrund seiner Thematik voll von Referenzen auf Rilke-Gedichte ist. Daneben erfährt man aber auch viel Interessantes über die ersten Jahre des italienischen Faschismus unter Mussolini in Italien. Es ist ein interessantes Buch, für das man Zeit braucht und am besten einiges an Rilke-spezifischem Vorwissen mitbringt, um insbesondere von den Bezügen auf sein Werk voll profitieren zu können. Ich kann es jenen, die sich sehr für diesen Dichter interessieren und auch seine problematischen Aspekte kennen lernen möchten, auf jeden Fall empfehlen.

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Die Entzauberung eines Dichters
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Es gibt Hoffnung - die Menschen sind besser als gedacht

Hoffnung und Skepsis von Jamil Zaki

In den letzten Jahren hört man es überall: die Menschen würden immer weniger sozial werden, immer vereinzelter, immer schlechter. Man könne niemandem mehr vertrauen. Früher - wann auch immer das gewesen sein soll - sei alles besser gewesen. Weit verbreitet scheint eine zynische Haltung gegenüber anderen Menschen zu sein, geprägt von Misstrauen und Angst.

In diesem Buch geht der Autor, ein in der Forschung tätiger Psychologe, erst einmal auf die Definition des modernen Zynismus ein, der sich von den griechischen Kynikern, auf die das Wort zurückgeht, deutlich unterscheidet, und unserer Psyche und dem Kontakt mit anderen Menschen stark schadet. Wer eine zynische Einstellung zu anderen Menschen hat, geht davon aus, dass diese unehrlich und böse seien, und scheut tiefer gehende Verbindungen. Dabei zeigt Mail Zaki in seinem Buch anhand vieler Studienergebnisse auf, dass die Menschen weit besser sind, als sie voneinander annehmen: so wird systematisch stark unterschätzt, wie viele scheinbar verlorene Geldbörsen, in denen sich die Kontaktdaten des Eigentümers befinden, von den Findern an diesen zurückgegeben werden.

Auch gehen Collegestudierende davon aus, dass es sehr schwierig sei, mit anderen Studierenden in Kontakt zu kommen, weil die meisten dafür nicht offen seien - während wiederum fast alle von sich selbst sagen, sich Kontakte mit anderen zu wünschen, und sich auch experimentell zeigt, dass die meisten für Gespräche offen sind. Diese Haltung zeigt sich in vielen Bereichen: Kriminalitätsraten werden etwa stark überschätzt, auch wenn sie tatsächlich in vielen Regionen in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen sind.

Dieser verbreitete Zynismus schadet uns auf vielen Ebenen: er macht die Menschen einsamer, kränker, unverbundener. Leider wird diese Einstellung von vielen Medien noch geschürt, um ihre Auflagen- und Clickzahlen zu erhöhen. Dabei weiß man aus der Forschung, dass die Einstellung, die Menschen entgegen gebracht ist, enorm wichtig für deren Entwicklung und Selbstbild ist. Das gilt für Kinder und Jugendliche genauso wie für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Unternehmen: Menschen, denen misstraut wird, entwickeln sich wesentlich schlechter und verhalten sich deutlich unehrlicher und krimineller, als solche, denen mit einem positiven Menschenbild begegnet wird.

In diesem Buch finden sich also viele Ansätze dafür, wie wir zynische Einstellungen hinterfragen und ein hoffnungsvolleres, und dabei gleichzeitig nicht naives, realistischeres Menschenbild entwickeln und dadurch positive Beziehungen zu unseren Mitmenschen aufbauen können. Es ist möglich, skeptisch und wachsam zu bleiben, ohne dabei zynisch und abwertend zu werden, und insgesamt eine hoffnungsvolle und offene Einstellung zu kultivieren, ohne blinde Naivität. Dafür zeigt dieses inspirierende und interessante Buch viele Beispiele auf.

Besonders schätze ich auch das wissenschaftlich sehr sorgfältige Vorgehen des Autors. Nicht nur beruhen alle seine Aussagen auf wissenschaftlichen Studien, sondern im Anhang findet sich - zusätzlich zu praktischen Anwendungstipps für das persönliche Leben - eine fundierte Einstufung der präsentierten Ergebnisse danach, als wie stark gesichert diese in der Wissenschaft momentan gelten (viele oder weniger Studien, die diese belegen, eindeutige oder eher widersprüchliche Ergebnisse).

Das Buch ist sicher für alle, die sich für Psychologie interessieren und in diesem Bereich Vorwissen haben, besonders interessant, kann aber aufgrund seiner zugänglichen Schreibweise mit vielen Beispielen auch gebildeten Laien empfohlen werden.

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Es gibt Hoffnung - die Menschen sind besser als gedacht
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Poetisch, berührend, magisch, wunderschön - ein Jahreshighlight!

Die Riesinnen von Hannah Häffner

Ich lese jedes Jahr sehr viele Bücher. Doch gar nicht so oft berührt eines davon so tief mein Herz, wie das "Die Riesinnen" getan haben. Dieses Buch hat für mich einfach alles, was ich am Lesen liebe: eine unterhaltsame Geschichte mit tiefgründigen, sympathischen Figuren, eine poetische Sprache, philosophische Tiefe bei erzählerischer Leichtigkeit und so viel Weisheit und Liebe! Es ist ein ganz besonderes Buch, das mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird und aus dem ich mir unzählige Stellen herausgeschrieben habe.

Worum geht es? Um drei außergewöhnliche Frauen im fiktiven Dorf Wittenmoos im Schwarzwald, einem sehr konservativen Ort, in dem es erst einmal wenig Aufgeschlossenheit für Neues und Unkonventionelles gibt:

„In Wittenmoos ändern sich selten Dinge, darum geht es ja gerade. Das große Sichdrehen braucht eine Achse. Wer neu ist, suche sich seinen Platz, wer von hier stammt, bleibe auf seinem. Es hilft, in manchen Dingen, sofern man bereit ist, das Gewicht zu tragen. Ein Ort, an den man gehört, auch wenn man ihn sich nicht ausgesucht hat. Geh, und alles hinter dir zerfällt, bleib, und du musst bleiben, wer du bist, weil es sonst nicht funktioniert. Was ist Heimat, wenn nicht eine Zuflucht vor einer Angst, die du ohne sie nicht hättest?“ (S. 102)

Hier leben nun Liese, Cora und Eva: Großmutter, Mutter und Tochter - drei Generationen der Riessberger-Frauen, in der Zeit zwischen den 1960er-Jahren und heute. Es sind tatsächlich "riesige" Frauen, körperlich überragen sie alle anderen Frauen im Dorf deutlich, sind hager, blass, sommersprossig und rothaarig und damit schon äußerlich Ausnahmeerscheinungen, die nie Teil der Masse sein werden. Aber auch innerlich zeichnet die drei Frauen eine große Kraft aus: jeweils an die Zeitumstände angepasst, handelt es sich um mutige, selbstbestimmte und entschlossene Frauen, die auf ihre Weise jede für sich ihren Weg gehen.

Da ist Liese, deren Handlungsmöglichkeiten als Frau auf dem Dorf in den 1960er Jahren noch sehr begrenzt sind. Die eine lieblose Ehe mit dem Metzgerei-Erben Bernhard eingeht, von ihren Schwiegereltern verachtet wird und den Mann enttäuscht, als sie statt des gewünschten männlichen Erben "nur" eine Tochter zur Welt bringt: Cornelia, genannt Cora, lang, hager, blass und rothaarig wie die Mutter. Sie wird ihr einziges Kind bleiben, denn bald kommt Bernhard bei einem Unfall um, und so wird Liese die Tochter alleine großziehen und nebenbei gegen den Willen der Schwiegereltern für ihre Tochter die Metzgerei übernehmen, sich in einem fremden Betrieb und als Frau behaupten und gegen alle Widerstände damit erfolgreich sein.

Kraft gibt Liese der Wald, dem sie sich tief verbunden fühlt: „Man sieht es nicht, das Künstliche, der Wald hat sich seine Ungezähmtheit zurückgeholt. Wild und stur ist er, aber Liese findet ihn nicht bedrohlich. Ist er nicht. Nicht, wenn man ihn respektiert. Es ist, als hätte das dunkle Grün bei allen Schatten eine Wärme in sich. Man geht nicht verloren, im Wald, man wird bloß ein Teil von ihm.“ (S. 24)

Auch Cora hat es nicht leicht in Wittenmoos. Als Tochter einer Witwe und als großes, sommersprossiges, rothaariges Mädchen wird sie ausgeschlossen und gemobbt. Umso mehr bemüht sie sich, Stärke zu beweisen und die anderen zu beeindrucken: „Cora tut, was sie tut, nicht weil sie nicht anders kann, sondern weil sie kann. Wann immer sie denkt, dass sie sich nicht traut, traut sie sich einfach doch. Das hilft, irgendwie.“ (S. 137)

Cora träumt davon, das ungeliebte Dorf zu verlassen, auszubrechen, und die große Welt zu erkunden, und wird doch schließlich umständehalber dort hängenbleiben und ebenfalls als alleinerziehende Mutter ihre Tochter Eva dort aufziehen.

Eva nun hätte alle Möglichkeiten, das Dorf zu verlassen: doch, auch wenn auch sie groß, hager und rothaarig ist, ist sie im Gegensatz zu ihrer Mutter und Großmutter nun nicht mehr die Außenseiterin, sondern findet viele Freundinnen und Freunde, fühlt sich wohl in dem Dorf, liebt, wie ihre Großmutter, den Wald, und kann man den vielen Möglichkeiten, in die weite Welt zu reisen, die ihre Mutter so gerne vor ihr ausbreiten würde, wenig anfangen. Kurz unternimmt Eva als junge Erwachsene im Rahmen ihres Studiums und erster Beziehungen einen Ausflug in "die große weite Welt", studiert in einer größeren Stadt in Deutschland und führt eine Beziehung mit einem Mann aus sehr reichem Elternhaus, doch spürt dabei sehr deutlich, was nicht ihres ist, als sie ihren Partner in seinem Elternhaus besucht:

„Alles sieht so teuer aus, dass man nicht mehr atmen möchte, und Eva stellt sich vor, dass es irgendwo eine Tür gibt, eine versteckte, die in einen geheimen Teil des Hauses führt, mit Möbeln, auf denen man sitzen kann, und Dingen, die man anfassen darf.“ (S. 293)

Und so schließt sich der Kreis der Generationen: Eva liebt wie Liese den Wald, doch anders als diese fühlt sie sich auch in der Dorfgemeinschaft wohl und insgesamt in ihrem Heimatort zutiefst verwurzelt und angekommen. Sie erkennt, dass ihre Träume und Wünsche andere sind als die ihrer Mutter:

„Eva müsste das Gefühl haben, etwas zu verpassen, sie ist ja noch jung, aber das Gefühl kommt nicht. Es scheint alles richtig zu sein, wie es ist. Sie mag die Menschen, die sie umgeben, die unaufgeregt sind und freundlich, das macht der Wald mit ihnen. Sie mag, wenn sie selbst draußen ist, es fühlt sich jetzt anders an, alles eine Ahnung dessen, was sie erwartet, wo sie hingehört. Irgendwann wird sie ihren eigenen Wald haben, der unter ihren Händen und Augen wächst, jeden Tag zu etwas Neuem, er wird sich verändern, und sie wird ihn immer wiedererkennen und sich mit ihm verändern, denn das ist ihre Aufgabe.“ (S. 361)

So viele Themen werden in diesem Buch verhandelt: Ausgeschlossen-Werden und Dazugehören, sich selbst fremd oder verwurzelt fühlen, die eigene Wahl des Lebensweges und das, was das Schicksal uns bringt, Verbundenheit mit der Natur, Tochter-Mutter-Großmutter-Beziehungen, unkonventionelle Entscheidungen, der Mut zum Anpacken und vieles mehr.

Die Autorin zeigt ein feines Gespür für menschliche Charaktere und Verbindungen, für die Natur in all ihren Facetten genauso wie für Klassenunterschiede und das Gefühl des Nicht-Dazugehörens, aber auch das Glück, das damit verbunden ist, zu spüren, wo man sich zutiefst zu Hause und zugehörig fühlt.

Die vielen Zitate sollen zeigen, durch was für eine besondere, poetische und punktgenaue Sprache sich dieses Buch auszeichnet und dabei die Natur genauso wie die menschliche Psyche in all ihren Farben und Tiefen erlebbar und spürbar macht. Es ist ein zutiefst emotionales Buch auf hohem literarischem Niveau, das tief berührt. Damit gehört es für mich zu den allerbesten Büchern, die ich jemals gelesen habe, und ich kann es einer breiten Leserschaft absolut ans Herz legen! Hoffentlich werden wir von dieser talentierten Autorin noch viele weitere Werke genießen können.

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Poetisch, berührend, magisch, wunderschön - ein Jahreshighlight!
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Faszinierende neue Einblicke in die Geschichte Afrikas

Motherland von Luke Pepera

Was fällt den meisten Menschen ein, wenn sie an die Geschichte Afrikas denken? Kolonialisierung und transatlantischer Sklavenhandel. Vielleicht noch die alten Ägypter. Und das war es schon ziemlich. Dabei gibt es dabei so viel mehr zu entdecken. Der Historiker, Archäologe und Anthropologe hat selbst bei einem Besuch in einem Museum in seiner Heimat Ghana in seiner Jugendzeit die Erfahrung gemacht, wie wenig vielfältig die afrikanische Geschichte dort zum damaligen Zeitpunkt dargestellt wurde, und das zum Anlass genommen, das zu ändern zu versuchen.

In diesem Buch nimmt er uns mit auf eine faszinierende Reise durch verschiedenste kulturelle Aspekte unterschiedlicher Regionen des afrikanischen Kontinents. Dabei wird deutlich, wie reich die afrikanische Vielfalt an Kulturen immer schon gewesen ist: da gab es mächtige Herrscher und Herrscherinnen, überraschend viele Gesellschaften, in denen Frauen mindestens gleichberechtigt waren und gemeinsam mit den Männern über alle wichtigen Anliegen bestimmten oder sogar alleine in der Position als "Königinmutter" den nächsten Herrscher auswählen konnten, aber auch selbst blutige Kriege und Schlachten anführten. Es gab tüchtige Kaufleute, Händler und Seefahrer, die im regen Austausch mit allen umliegenden Regionen waren.

Der Glaube an Hexerei und traditionelle Rituale im Umgang damit sind ein großes Thema, genauso wie Mythen und Sagen, wie die Geschichte vom Spinnengott Ananse. Besonders interessant ist dabei, dass diese Figur sowohl bei den Menschen am afrikanischen Kontinent als auch bei den versklavten Menschen in der Karibik und ihren Nachfahren eine Rolle spielte, aber jeweils an die spezifischen Lebensbedingungen angepasst wurde.

Überhaupt spielen Geschichten und mündlich Vorgetragenes eine große Rolle in vielen afrikanischen Kulturen: für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, zum Loslassen und Ausagieren von Emotionen, zur Lösung von Konflikten und für die Weitergabe von Wissen. Eine moderne Form davon ist etwa der Rap. Auch die Ahnen spielen eine große Rolle und werden in so einigen afrikanischen Kulturen als lebendige Tote betrachtet, die ihre Nachkommen schützen und zu denen man eine respektvolle Beziehung pflegen sollte, um sicher und gesund zu bleiben.

Sehr interessant für mich waren auch die Ausführungen zum Thema Rassismus und dass dieser eine relativ neue "Erfindung" zu sein scheint, während davor über mehrere Jahrtausende Menschen unterschiedlichster Hautfarben miteinander im privaten und geschäftlichen Austausch und auch hochrangige Positionen für alle davon zugänglich waren, ohne dass irgendeine davon abgewertet worden wäre.

Ein Werk wie dieses muss sich notwendigerweise beschränken und kann nicht den Anspruch auf Vollständigkeit haben. Insofern handelt es sich um ausgewählte Einblicke in jene kulturellen Aspekte, die dem Autor gerade besonders interessant zu erzählen oder besonders repräsentativ schienen. Insgesamt ist dabei eine vielperspektivische Neuerzählung der afrikanischen Geschichten und Kulturen entstanden, von der ich definitiv sagen kann, dass sie mein Afrikabild sehr erweitert und bereichert hat.

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Faszinierende neue Einblicke in die Geschichte Afrikas
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Über das hohe Lebensalter und die damit verbundenen Abschiede

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén

Bo ist 89 Jahre alt. Vor einiger Zeit musste seine schwer demente Frau Fredrika, mit der er über 60 Jahre lang verheiratet war, in ein Pflegeheim ziehen. Wenn er sie dort mit dem gemeinsamen Sohn besucht, erkennt sie die beiden nicht einmal mehr. Selbst ist Bo geistig noch sehr fit, abgesehen von der normalen Altersvergesslichkeit.

Doch sein Körper lässt ihn immer mehr im Stich: manchmal schafft er es nicht mehr rechtzeitig aufs Klo und feinmotorische Tätigkeiten wie das Öffnen eines Hosen- oder Hemdknopfes fallen ihm schwer.

Er wohnt noch alleine mit seinem geliebten Hund Sixten in seinem alten Haus und wird regelmäßig von einem ambulanten Pflegedienst besucht und unterstützt. Sein Hund ist eine seiner größten Freuden und er kann nicht vorstellen, sich von diesem zu trennen - auch wenn sein Sohn Hans immer wieder darauf drängt, den Hund herzugeben, denn Bo könne sich nicht mehr gut genug um ihn kümmern, sei nicht mehr zu langen Spaziergängen mit ihm in der Lage und außerdem fürchte der Sohn, sein Vater könne bei einem der Spaziergänge im Wald stürzen und sich schwer verletzen. Doch lange weigert sich Bo mit allen Mitteln dagegen, für den Hund ein neues Zuhause zu suchen...

Dieses Buch hat mich sehr tief berührt. Es ist aus der Sicht von Bo geschrieben, der von seinem Alltag erzählt, sich immer wieder in der Du-Form an die geliebte, demente Ehefrau wendet, und uns an den Erinnerungen an sein Leben teilhaben lässt. So viele einzelne Momente ziehen an ihm innerlich vorbei, während er sich immer mehr von der äußeren Welt abwendet und seinem Tod nähert: von dem harten, fordernden Vater und der Befreiung von diesem, von der liebevollen, aber schwachen Mutter, von vielen glücklichen Ehejahren mit Fredrika, von der Freude über den gemeinsamen Sohn und später über die Enkelin und dem Erstaunen darüber, was für eigenständige, von einem selbst ganz unterschiedliche Wesen da entstanden sind, von der Freundschaft zu einem ebenfalls alten, lebenslang alleinstehenden Freund, der mehr in der Welt herumgekommen ist als Bo selbst, und von vielem mehr. Zwischen den einzelnen Kapiteln eingefügt sind kurze Notizen des Pflegeteams, z.B. "8:15 Uhr: Medikamentengabe + Atemtrainer. Bo mürrisch, weigert sich, seinen Haferbrei zu essen. Er will, dass ich mit dem Hund rausgehe, aber ich habe keine Zeit. Eva-Lena." (S. 199)

Geschrieben von einer Autorin, die selbst noch nicht einmal 40 ist, empfinde ich die Erzählstimme als äußerst authentisch. Wahrscheinlich verfügt die Autorin über viel Einfühlungsvermögen und stand ihrem Großvater sehr nahe: die Idee für dieses Buch, ihr Debüt, entstand, nachdem sie ein Heft mit Notizen seines Pflegeteams gefunden hatte.

Es finden sich viele tiefsinnige Gedanken übers Älter-Werden, pflegebedürftig werden und den Tod in diesem Buch und darüber, was es bedeuten, ans Ende des Lebens zu kommen. Damit hilft das Buch, sich in die Perspektive von Menschen am Ende ihres Lebens hineinzuversetzen:

"Wegen der Herztabletten musste ich die Arthritismedikamente absetzen; aber zum Glück verursachen die Finger keine großen Schmerzen. "Herz oder Gelenke", sagte der Honorararzt mit einem blöden Lächeln im Gesicht. "Da fällt die Entscheidung nicht schwer, oder?" (S. 19)

"Bei Sixtens Anblick denke ich automatisch an Hans. Ich werfe die Fotos auf den Tisch. Wenn Ellinor meine Tochter und nicht meine Enkelin wäre, wenn sie anstelle von Hans das Sagen hätte, dann wäre alles besser. Sie würde mir Sixten niemals wegnehmen." (S. 111)

"Der Körper ist schwer. Schwerer als üblich. Schwankend setze ich mich auf dem Bettrand auf. Die Matratze ist so weich, dass ich Mühe habe, das Gleichgewicht zu halten." (S. 258)

"Ture war ein langes Leben vergönnt", sagt die Pastorin. Deshalb ist die Kirche auch so leer. Die meisten seiner Bekannten sind gestorben. (S. 351)

Natürlich ist es auch ein trauriges Buch, denn es sind traurige Themen, von denen es handelt: Älter werden, pflegebedürftig werden, Menschen verlieren, Tiere verlieren, Fähigkeiten verlieren, immer weniger Selbstbestimmung, Schmerzen, Abschied nehmen, Sterben. Doch sind es dabei zugleich zutiefst existenzielle Menschheitsthemen, mit denen wir alle früher oder später konfrontiert werden, und es lohnt sich sehr, sich damit auseinanderzusetzen. Dafür kann ich dieses warmherzige und berührende Buch einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen!

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Umfangreiche und interessante Einführung in die Quantentheorie

Warum niemand die Quantentheorie versteht von Frank Verstraete; Céline Broeckaert

Quantenphysik - viele haben von diesem Thema gehört, aber durchaus Respekt davor, sich näher damit zu befassen. Zu groß ist oft die Angst, höhere mathematische Zusammenhänge nicht mehr zu verstehen.

Auch deshalb gibt es mittlerweile einige Bücher am Markt, die versuchen, dieses komplexe und spannende Gebiet verständlich zu erklären.

Dieses ist eines davon: hier haben sich ein Physikprofessor und seine Frau, eine Künstlerin, zusammengetan, um zu versuchen, die Grundlagen der modernen Physik in möglichst verständlicher Sprache darzustellen.

Herausgekommen ist ein sehr interessantes Buch, das mit wenig Mathematik und Formeln auskommt, aber sich immer noch auf einem eher hohen Niveau bewegt. Bevor es um die Quantentheorie selbst geht, wird ausführlich auf die Geschichte der Physik eingegangen und erzählt, welche berühmten Männer und Frauen (ja, auch davon gab es so einige, die im Buch auch Würdigung finden) durch welche Experimente auf verschiedene physikalische Naturgesetze gekommen sind. Sehr interessant für alle historisch Interessierten.

Wer sich aber rein für die Quantentheorie selbst interessiert, hat mit diesem umfangreichen Teil vielleicht nicht so viel Freude, auch wenn er durchaus hilfreich ist, um zu verstehen, welche bisherigen Annahmen diese über den Haufen geworfen hat.

Sehr lesefreundlich ist, dass das Buch kompliziertere Abschnitte, die für das nähere Verständnis nicht zwangsläufig erforderlich sind, in blau darstellt. So können diese von daran nicht interessierten Leserinnen und Lesern übersprungen werden. Weiters versuchen die Autoren, mit Hilfe von Graphiken und Abbildungen und durch die Beschreibung vieler Experimente, die Inhalte so verständlich wie möglich zu vermitteln.

Insgesamt ist es aber bei allen Versuchen, die Quantentheorie einfach darzustellen, dennoch ein Buch, das sich an gebildete Menschen richtet, die bereit sind, komplexen Denkmustern zu folgen und diese nachzuvollziehen. Ich habe einiges Neues gelernt, manches aber nicht komplett verstanden, dies ist aber wohl meinem mangelnden Vorwissen in diesem Gebiet anzulasten und nicht dem interessanten, aber schon anspruchsvollen Buch.

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Umfangreiche und interessante Einführung in die Quantentheorie
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Der Preis des sorglosen Umgangs mit unseren Daten

Das Dream Hotel von Laila Lalami

Sara Hussein hat vor kurzem gemeinsam mit ihrem Mann Elias Babyzwillinge bekommen. Weil sie vor lauter Übermüdung kaum mehr funktionieren konnte, hat sie sich eine Neuroprothese zur Schlafverbesserung in ihren Kopf einsetzen lassen. Ihr Mann hatte so etwas schon seit längerem und sie wollte mit ihm mithalten und auch für ihre Kinder eine wache, präsente Mutter sein können.

Außerdem nutzt Sara schon lange, wie so viele von uns, das Internet und Social Media, hinterlässt überall ihre digitalen Spuren und wird auch im analogen Leben oft von Videokameras aufgezeichnet. Ist ja nichts dabei, das ist ja jetzt unser Leben, oder?

Bis all diese Kleinigkeiten Sara zum Verhängnis werden: auf der Rückreise von einer Konferenz in London fällt sie bei der Einreise in die USA bei der Sicherheitskontrolle auf. Eines kommt zum anderen: durch die Neuroprothese wurden Saras Träume ausgewertet und ihr wird vorgeworfen, eine Gefahr für ihren Mann zu sein. Der Algorithmus habe durch die Analyse ihrer Träume, gemeinsam mit anderen gesammelten und willkürlich gewichteten, gegen sie verwendeten Informationen aus ihrem Leben, einen zu hohen Risikowert ausgerechnet, deshalb müsse sie vorerst für drei Wochen zur eigenen und fremden Sicherheit in einem Zentrum "einbehalten" werden. Das sei kein Gefängnis, nur eine Sicherheitsmaßnahme, und ja auch erst einmal nur für drei Wochen. Dass Sara verzweifelt versucht, sich gegen die Einweisung zu wehren, verschlechtert ihren Risikowert weiter.

Schnell stellt sich heraus, dass sich das Einbehaltezentrum nur wenig von einem Gefängnis unterscheidet und die Insassinnen kaum Rechte haben. Es gibt ein langes Regelbuch, das jede auswendig lernen muss, zusätzlich können aber ständig willkürlich neue Regeln aufgestellt oder Privilegien entzogen werden. Verlangt wird absolute Unterwerfung unter das System und Gehorsam gegenüber den Aufsehern, doch auch dann wird kaum eine Frau nach den versprochenen drei Wochen entlassen, sondern der Aufenthalt wird immer wieder verlängert, auf unbestimmte Zeit.

Parallel dazu erleben wir eine Gesellschaft, die sich damit abgefunden hat, dass die Daten von Menschen überall ausgewertet und kommerziell und politisch genutzt werden. Viele finden es sogar gut, dass damit die Gesellschaft sicherer werde, weil zukünftige Verbrechen verhindert werden würden, wenn man Menschen festnehmen könne, bevor sie diese begehen würden. Das ungerechte und menschenverachtende System dahinter wird nur von wenigen erkannt oder angezweifelt. Das muss auch Sara nach ihrer Festnahme erfahren: alle glauben an das System und seine Gerechtigkeit. Wer inhaftiert wurde, mit der muss irgendetwas nicht stimmen. Ihr Mann wirft ihr vor, sich im Zentrum offensichtlich nicht kooperativ genug zu verhalten, sonst wäre sie ja schon längst wieder frei. Auch ihr Vater – ein marokkanischer Immigrant, der sein ganzes Leben lang gelernt hat, sich dem amerikanischen System anzupassen und sich unauffällig zu verhalten – meint, sie wäre wohl nicht unterwürfig genug aufgetreten, sonst wäre sie am Flughafen nicht festgenommen worden.

Da zeigt sich wieder, was wir auch aus der Realität kennen: bestehende Systeme werden nur sehr wenig hinterfragt und viele Menschen glauben, es gehe schon immer alles mit rechten Dingen zu, und es werde schon gerechte Gründe dafür geben, wenn jemand in einem Anhaltezentrum sitze: das psychologische Phänomen des Glaubens an eine gerechte Welt. Auch die Frauen, die neu in das Zentrum eingeliefert werden, glauben anfangs immer noch, dass sie sich mit Wohlverhalten eine schnelle Entlassung verdienen könnten und nur „die anderen“ die gefährlichen potentiellen Straftäterinnen seien, nicht sie selbst. So kommt es, auch verstärkt durch die ständige Überwachung, sehr lange zu kaum Solidarisierung unter den inhaftierten Frauen.

Das „Dream-Hotel“ von Laila Lalami ist eine kluge und erschreckende, sehr realistisch konstruierte Dystopie, die in einer nicht so fernen Zukunft spielt und unserer modernen Gesellschaft in vielem einen Spiegel vorhält. Abgesehen von der Träume aufzeichnenden Neuroprothese gibt es große technologische und gesellschaftliche Ähnlichkeiten zu der Zeit, in der wir uns schon jetzt befinden und in der große Unternehmen unsere Daten systematisch sammeln, aufbereiten, für ihre Zwecke nutzen und davon ausgehen, dass wir mit der Zustimmung zu ihren Nutzungsbedingungen schon so gut wie alle eigenen Rechte diesbezüglich aufgegeben hätten (wie es auch im Buch vorkommt).

Es ist also ein sehr kluges Buch, das nachdenklich darüber macht, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, aber auch, in welcher wir jetzt schon leben und welches enorme Risiko damit verbunden ist, unsere Daten gewinnorientierten Unternehmen zur Verfügung zu stellen – aber auch, wie schwierig es ist, aus diesem System auszusteigen: auch im Buch gibt es einzelne Aussteiger, aber diese müssen wie vor Jahrhunderten leben, um sicherzustellen, keine Daten von sich preiszugeben.

Geschrieben ist das Buch auf eine sehr spannende, aber auch beklemmende Art und Weise. Ich habe mich sehr mit der „einbehaltenen“ Sara und den anderen Frauen verbunden gefühlt, mit ihnen mitgefiebert, auf Entlassung gehofft und bin mit ihnen wütend über dieses zutiefst ungerechte System geworden. Die Lektüre hat also neben dem aufrüttelnden Faktor auch einen guten Unterhaltungswert.

Das Ende habe ich auch durchaus plausibel gefunden, auch wenn man inhaltlich aus einigen Themensträngen und aus dem Thema insgesamt noch ein bisschen mehr machen hätte können, deshalb in Summe 4 von 5 Sternen.

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Solides Buch für Irving-Fans

Königin Esther von John Irving

Der amerikanische Schriftsteller John Irving schreibt seit bald sechs Jahrzehnten Bücher. Sein Debüt "Lasst die Bären los" ist 1968 erschienen, weitere bekannte Werke sind z.B. "Gottes Werk und Teufels Beitrag" oder "Witwe für ein Jahr". Auch ich kenne den Autor und einige seiner Bücher schon seit mehreren Jahrzehnten.

Vor diesem Hintergrund schreibe ich auch diese Buchrezension: als eine, die schon mehrere Werke von ihm gelesen hat, dadurch die Möglichkeit hatte, auch in dem neuesten Buch "Königin Esther" wiederkehrende Muster und Themen zu bemerken und die grundsätzlich dem Autor und seinem Werk wohlwollend gegenüber steht.

Wer den Autor kennt, weiß, wie er schreibt: sehr ausufernd, mit vielen Details und unkonventionellen Charakteren, die gesellschaftliche Normen durchaus in Frage stellen und sich ungewöhnlich verhalten. Themen wie das Recht auf Abtreibung, Waisenkinder, queere Liebe, sehr liberale Vorstellungen von Partnerschaft, Liebe und Sexualität, Ringen, Männer abseits der verbreiteten Schönheitsideale, die Stadt Wien und Charaktere, die selbst schriftstellerische Ambitionen haben, kommen in Werken von John Irving immer wieder vor. Wenn man sich mit der Biografie und Familiengeschichte des Autors beschäftigt, zeigen sich auch hier viele Verbindungen zu seinem persönlichen Leben auf: so hat der Autor selbst Geschwister, die homosexuell sind, Ringen war für ihn als junger Mann ebenfalls von großer Bedeutung und er scheint prägende Jahre in Wien verbracht zu haben.

"Königin Esther" führt nun viele diese Themen und offenen Fäden weiter und zusammen. Wir begegnen einer sehr unkonventionellen amerikanischen Familie Anfang des 20. Jahrhunderts, die "Au-Pair-Mädchen" für die Kinderbetreuung ihrer zahlreichen Töchter sucht. Die "Au-Pair-Mädchen" werden gut behandelt und Teil der Familie. Sie alle stammen aus Waisenhäusern, eines davon, das letzte Au-Pair-Mädchen für die jüngste Tochter Honor, wird Esther sein, die im Waisenhaus von Dr. Larch (diese sind aus "Gottes Werk und Teufels Beitrag bekannt") aufgewachsen ist, deren Mutter ermordet wurde, als sie ein Kleinkind war, und die weiß, dass sie jüdischer Abstammung ist.

Auch Esther wird ein Teil der Familie und sie wird sogar ein sehr unkonventionelles Arrangement mit Honor eingehen: da Esther eine Schwangerschaft und Geburt erleben, aber keine Mutter sein will, während Honor gerne ein Kind, aber keinerlei sexuelle Beziehung, hätte, vereinbaren die beiden Frauen, dass Esther für Honor ein Kind bekommt, das sie dieser überlässt: es wird der Junge Jimmy. Dieser wird, wie besprochen, von Honor und im Kreise der Verwandtschaft aufgezogen, während Esther sich nach einem kurzen Aufenthalt in Wien bald nach Israel begibt, um sich dort um "ihre jüdischen Angelegenheiten" in Zusammenhang mit dem Kampf für den neu entstehenden Staat Israel zu kümmern, jahrzehntelang.

Jimmy wird als junger Mann einige Zeit in Wien verbringen und währenddessen auf Anraten der Familie (um sich einer Einberufung in den Vietnamkrieg zu entziehen) ebenfalls in einer sehr unkonventionellen Konstellation, gemeinsam mit einem lesbischen Paar aus den Niederlanden, Vater einer Tochter werden.

Welche Themen verhandelt dieses sehr umfangreiche Buch neben den oben erwähnten? Jedenfalls spielen die Anfangsjahre des modernen Israels und die Frage, ob und wodurch man jüdisch wird und welche Rolle biologische Abstammung vs. soziale Elternschaft spielen, eine große Rolle. Diese Themen waren für mich beim Lesen auch sehr interessant.

Zwischendurch hatte das Buch aber einige große Längen aufzuweisen, die für mich das Lesen insbesondere im Mittelteil etwas zäh gestaltet haben. Gefühlt eine Ewigkeit lang hält sich der junge Jimmy in Wien in einer WG auf und es geht die ganze Zeit gedanklich um Sex und um den von der Familie empfohlenen Plan, schnellstmöglich eine Frau zu schwängern - und das als in dieser Hinsicht völlig unerfahrener junger Mann. Überraschenderweise gelingt dieses Vorhaben dann aber dennoch auf Anhieb, so wie auch bei Esther Ende 30. Man darf hier und auch an so manchen anderen Stellen keinen zu hohen Anspruch an den Realismus des Beschriebenen anlegen.

Was hingegen Esther genau in Israel in Verbindung mit Hagana und Mossad macht, wird immer nur kurz angedeutet. Hierüber hätte ich gerne mehr erfahren, das wäre interessant für mich gewesen. Wären manche Stellen im Buch also ausführlicher erzählt, während einiges andere gekürzt worden wäre, hätte es mir insgesamt noch deutlich besser gefallen.

Dennoch ist es in Summe ein lesenswertes, unterhaltsames Buch mit liebenswerten Charakteren, das ich insbesondere den Fans von John Irving, die seine Schreib- und Erzählweise kennen und schätzen, empfehlen kann.

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Solides Buch für Irving-Fans
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Eine Reise durch die vielen Facetten der Mutterschaft in einem konservativ-autoritären Staat

Mutters Sprache von Wlada Kolosowa

Lisa ist als Kind mit ihrer Mutter aus der Russischen Förderation nach Deutschland ausgewandert. Nun hat sie selbst gerade mit ihrem Partner eine kleine Tochter bekommen. Da erfährt sie, dass ihre russische Hebamme Aljona demnächst in den hohen Norden Russlands fahren will, ins Grenzgebiet bei Nikel, nahe dem Weißmeer.

Dieselbe Gegend, aus der auch Lisa stammt, und in der immer noch ihre sehr alte Oma lebt, die ihr telefonisch mitteilt, dass sie wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben hat. So entschließt sich Lisa, gemeinsam mit Aljona und mit der kleinen Babytochter Eva die Reise in die Gegend über dem Polarkreis anzutreten.

Wir befinden uns in der Gegenwart, nach dem Beginn der russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, also in einer Zeit, in der man nicht mehr so einfach von Deutschland direkt nach Russland fliegen kann. Wer nach Russland möchte, muss teure Flüge über die Türkei buchen oder - wie diese Frauen es machen - nach Helsinki oder ins Baltikum fliegen und von dort mit dem Bus weiter nach St. Petersburg fahren, von wo aus Züge weiter in den Norden fahren. Eine anspruchsvolle Reise mit einem kleinen Baby, auch wenn man Russisch kann. Zumindest muss Lisa aber als Frau im konservativen Russland der Gegenwart nicht fürchten, an die ukrainische Front geschickt zu werden. Es ist eine Zeit, in der auch wegen dieser Gefahr aus dem Ausland fast nur Frauen die Reise nach Russland wagen und diese sehen dann in Russland allgegenwärtig Plakate mit Propaganda für den Einsatz an der Front, denn dieser sei extrem gut bezahlt und nur dann sei man ein echter Mann, wird verbreitet.

Auch den Frauen wird eine klare Rolle zugeschrieben: die Verbesserung der enorm niedrigen Geburtenrate: in Werbespots vermitteln süße Kinder die Botschaft, wie schön es wäre, wenn es wieder mehr von ihnen geben würde. Homosexuelle Menschen wiederum werden im Russland der Gegenwart verfolgt: sie stehen ständig mit mindestens einem Bein im Gefängnis, denn "Propaganda für nicht-traditionelle Partnerschaften" ist unter der aktuellen Regierung strafbar geworden. Zwei Frauen in einer lesbischen Beziehung trauen sich auf der Straße kaum einander zu umarmen, denn das ist gesellschaftlich nur Verwandten oder Heterosexuellen gestattet. Unglaublich, wie schnell sich eine Gesellschaft, die noch vor gar nicht so langer Zeit das lesbische Frauenduo t.A.T.u. zum Eurovision Songcontext schicken konnte, nun in eine extrem konservative und autoritäre Richtung entwickelt hat!

Bei der Lektüre lernt man also wie nebenbei sehr viel über die Atmosphäre und das Leben im Russland der Gegenwart, aber nicht nur darüber: insgesamt gibt es drei Erzählstränge: den von Lisa, den von Aljona und den von Taja. Während Lisas und Aljonas Perspektiven in der jetzigen Zeit spielen, nimmt Taja uns mit in das Leben als junge Frau in Russland in der Zeit unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion: als alte Verbindungen und Privilegien nichts mehr galten, die Wirtschaft erst einmal zusammenbrach, viele Menschen im Rahmen von Privatisierung und Pyramidenspielen alles verloren, eine kurze Zeit der Anarchie, aber auch der Möglichkeit zur starken Gesellschaftskritik herrschte, aber auch viel Gewalt verbreitet war. Im hohen Norden mit all seinen klimatischen Einschränkungen und geringen wirtschaftlichen Perspektiven war das Leben noch eine Spur härter als in vielen anderen Regionen.

Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, ist das der Mutterschaft in ihren vielen Facetten: nicht nur Lisa als junge Mutter und Teil eines heterosexuellen Paares, sondern auch unkonventionelle Familienstrukturen, lesbische Liebe, Leihmutterschaft, Samenspende, künstliche Befruchtung und vieles andere sind Teil der Erzählung und werden differenziert und facettenreich betrachtet. Dabei ist insgesamt eine sehr spannende und gut lesbare Geschichte entstanden, bei der man wie nebenbei sehr viel lernt, zum Nachdenken angeregt wird und gleichzeitig bestens unterhalten wird.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich habe es mit viel Freude und Interesse gelesen. Die Einblicke in das Leben in der russischen Polarregion waren sehr interessant für mich und wirkten auch authentisch geschildert, von einer Autorin, die selbst aus dieser Region stammt. Die momentanen Entwicklungen in Russland machen sehr nachdenklich und zeigen auf, wie wichtig es ist, für Freiheit und Vielfalt in unserer Gesellschaft in Mitteleuropa einzutreten, solange das noch möglich ist.

Insgesamt kann ich dieses wichtige und gut geschriebene Buch einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen. Auch für mich wird es sicher nicht das letzte Buch dieser großartigen Autorin gewesen sein.

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Eine Reise durch die vielen Facetten der Mutterschaft in einem konservativ-autoritären Staat