Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Krani:
Reizlos
Schwarzer September von Sandro Veronesi
Gigio erzählt die Geschichte des Sommers, als er zwölf Jahre alt war, und an dessen Ende seine Familie für immer zerstört wurde. Er ist ein Einzelgänger, der sich für Sport interessiert und sich mit allen möglichen Disziplinen gut auskennt. Selber betreibt er aber keinen Sport. Er begeistert sich für die Olympischen Spiele 1972 und für Sammelbildchen, und er verliebt sich zum ersten Mal.
Der Stil ist flüssig und gut zu lesen. Das braucht es auch, denn die Geschichte selbst ist reizlos. Obwohl gesagt wird, dass noch etwas Schlimmes kommt, wird in keiner Weise Spannung aufgebaut. Es ist ein ganz normaler Sommer, das Geschehen plätschert vor sich hin. Die Geschichte funktioniert auch nicht als Coming-of-Age-Story, denn der Protagonist erlebt keine Entwicklung, höchstens eine leichte Irritation, die ein Entwicklung roch sich ziehen könnte. Er ist ein ganz normaler Junge kurz vor der Pubertät, dem bis zur Katastrophe nichts Ungewöhnliches widerfährt.
Auch als diese endlich da ist, kommt die Geschichte immer noch nicht in Gang. Im Gegenteil: Sie endet. Das ist etwas enttäuschend.
Chaotisch
Die Enthusiasten von Markus Orths
Es geht um ein Buch. Das zehnte Buch von Laurence Sterne ist angeblich aufgetaucht und eine Gruppe Fans will es unbedingt haben. Im Zentrum dieser Gruppe steht Vince Bär, über dessen buchverrückte Eltern und Geschwister ebenfalls berichtet wird.
Von einer Geschichte kann man hier kaum reden. Es sind Erzählungen, Erinnerungen, Assoziationen, weiter gedachte Ideen, Zitate aus Büchern.
Die Sprache ist ausgefeilt und selbst immer wieder Thema. Das Ganze mäandert und wächst sich weitschweifig aus. Doch es liest sich trotzdem flüssig und leicht. Die Personen sind genauso schräg wie der ganze Text, der so viele einzelne Geschichten enthält. Es ist ein Abenteuer, das zu lesen.
Völlig hingerissen war ich, als zum Ende hin sich doch noch alles rundet, alle Fäden verknüpft werden und es trotz der äußerst chaotischen Erzählweise mit einem ganz neuen Aspekt doch noch eine Auflösung gibt. 5 Sterne!
Sinnlich
Halber Stein von Iris Wolff
Sine stammt aus Siebenbürgen, was die meisten wohl erst einmal googeln müssen. Nun ist ihre Großmutter verstorben, und sie reist mit ihrem Vater in die alte Heimat, um Abschied zu nehmen.
Heimat ist das zentrale Thema des Romans, in dem sonst nicht viel passiert. Es werden Kindheitserinnerungen geschildert, meist sehr sinnlich, die eng mit der Landschaft verbunden sind.
Erinnerungen und Gegenwartseindrücke gehen dabei absatzlos ineinander über. In den poetischen Naturbeschreibungen vermischen sich Gedanken und Träume mit Sines Suche nach eigener Identität. Sie ist gerade mit dem Studium fertig und hat noch nicht entschieden, was sie weiter machen möchte. Sie führt Gespräche mit Menschen, die sie kaum kennt, und die ihr von ihrer Herkunft erzählen. Das wird manchmal auch philosopisch.
Insgesamt ist das nicht leicht zu lesen. Für soviel Nachdenklichkeit, Sinnsuche und auch Poesie muss man schon etwas Geduld haben. Menschen, denen Heimat aktuell ein wichtiges Thema ist, könnten hier Inspiration finden. Auch wenn sie nicht aus Siebenbürgen stammen.
Etwas unklar
Spielverderberin von Marie Menke
Sophie, Lotte und Romy sind Schulfreundinnen in einem kleinen Dorf. Vier Jahre später haben sie fast vollständig den Kontakt zueinander verloren und treffen sich erstmals wieder. Sophie erzählt in Ich-Form.
Die Personen sind lebensnah und glaubhaft geschildert, der Stil ist sehr angenehm zu lesen.
Sophie muss eine Menge Verwirrungen durchstehen: will sie weiter auf dem Land leben oder in die Stadt ziehen? Ein Studium aufnehmen oder eine Ausbildung anfangen? Ist sie homosexuell? Nicht nur Sophie weiß nicht, was sie will, muss in dieser Lebensphase aber wichtige Entscheidungen über ihr Leben und ihre Zukunft treffen. Was sie wirklich ausbremst, wird aber nicht klar. Die Freundinnen sind einander da keine Hilfe.
Immer wieder wird Spannung aufgebaut. Irgend etwas ist passiert, das die Beziehungen der drei belastet. Eine von ihnen ist offenbar psychisch krank, es gibt Schuldgefühle, deren Ursache nicht erklärt wird.
Eine richtige Auflösung gibt es nicht. Auch eine gute Entscheidung, mit der alle leben können, wird nicht getroffen. Wie im richtigen Leben.
Etwas verwirrend
Real Americans von Rachel Khong
Lily, Tochter chinesischer Einwanderer in den USA, macht nach dem Studium ein Praktikum in einem angesagten Gentechnik-Startup. Im zweiten Teil des Buches steht ihr Sohn im Mittelpunkt, im dritten Teil dann ihre Mutter, eine Bauerntochter, die aus ärmlichsten Verhältnissen geflohen war.
Die Personen sind sehr lebensnah geschildert.
Was es bedeuten kann, zwischen zwei Kulturen zu leben, hat die Autorin selbst erfahren. Neben der Herkunft spielt auch das Geld eine wichtige Rolle. Und, was hier später noch dazukommt, ist die genetische Veranlagung und der Einfluss, den Wissenschaft heute darauf nehmen kann, die Epigenetik.
Was macht einen Menschen aus? Welche Rolle spielen die Gene für die Persönlichkeit? Kann man destruktive Merkmale mit epigenetischen Methoden unterdrücken, und was folgt daraus für den Menschen? Je klarer es wird, was genau hier an Kindern manipuliert wurde, umso gruseliger erscheint das Gelesene im Nachhinein.
In dieser Gemengelage Orientierung zu finden, ist Thema des Romans. Eine solche Menge an Einflüssen ist ganz und gar amerikanisch – Real American. Das Land ist ein Schmelztiegel unterschiedlichster Lebensweisen und Herkünfte. Mir war das etwas zuviel auf einmal.
Gruselig und spannend
Wer die Toten stört von A. Rae Dunlap
James Willoughby ist ein junger Mann aus gutem, aber verarmtem Hause. Er will Arzt werden und kommt zum Studium nach Edinburg. Hier arbeiten die besten Anatomen jener Zeit an echten Leichen.
Die Geschichte ist sprachlich ganz im Stile jener Zeit geschrieben. Das Gruselige, das Toten anhaftet, weht geradezu durch durch die Buchseiten.
Huh! Manche der eigentlich grauenhaften Szenen erscheinen durchaus komisch. Und es ist schließlich der Beginn der modernen Medizin. Nur so kann man erfahren, wie es im menschlichen Körper aussieht: indem man ihn aufschneidet und hineinsieht.
In diesem Spannungsfeld entwickelt sich der junge James, und ebenso der Roman. Stehen zuerst noch der Gruselaspekt und die Faszination im Vordergrund, so wird das Ganze schnell zu einem Krimi und dann zu einem Thriller, in dem es darum geht, nicht selber zur Leiche zu werden, sondern Mörder zu überführen. Ganz nebenbei erlebt James noch eine ungewöhnliche Liebesgeschichte.
Es passiert also eine ganze Menge auf diesen vierhundert Seiten. Lesen!
Anstrengend
Sieben Jahre von Tanja Kinkel
An den europäischen Fürstenhöfen im 18. Jahrhundert herrschen Intrigen, Machtspiele, Verrat. Mittendrin: der deutsche König Friedrich der Zweite und seine Geschwister, allesamt Kinder des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I.
Das Buch ist schön gemacht mit Farbschnitt und Lesebändchen, ist aber mit über 800 Seiten auch ein dicker Wälzer.
Das Cover lässt vermuten, dass es um das Leben der Höflinge in den preussischen Schlössen geht, was so nicht stimmt. Es gibt eine Liste der Hauptpersonen. Eine Karte wäre hilfreich gewesen. Die auftretenden Personen sind historisch verbürgt, die Briefe echt.
Die ersten Szenen werfen ein emotionales Schlaglicht auf die grausame Erziehung der Kinder des Soldatenkönigs. Diese „dysfunktionale Familie“ steht im Zentrum der Geschichte, im Wesentlichen der älteste Sohn, Friedrich der Zweite, König von Preußen, und seine Brüder Wilhelm und Heinrich. Darüber hinaus werden weitere Hauptpersonen und Einzelschicksale geschildert. Das macht es schwierig, den Überblick zu behalten und dranzubleiben. Jede einzelne Persönlichkeit ist zwar glaubhaft und teilweise sehr emotional dargestellt, aber es sind einfach zu viele. Der „Mohr“ Hannibal, der eine Außenseiterrolle einnimmt, macht das Ganze ein wenig fassbarer.
Die politischen Beziehungen und all die Strategien und Schlachten im Einzelnen zu verfolgen und zu verstehen, ist mir leider nicht immer gelungen. Das ständige Töten und Zählen von Toten – tausende, ja zehntausende Menschen, jedes Mal - wirkt nicht nur grausam, sondern auch ermüdend. Die Autorin hat sehr umfassend und detailreich recherchiert, aber es hätte schärfer fokussiert, ein klarer Schwerpunkt gesetzt werden müssen.
Für mich war es in erster Linie anstrengend. Für die, die sich mit dieser Zeit in der deutschen Geschichte gut auskennen, ist es eine interessante Interpretation.
Beeindruckend
Die Knef von Moritz Stetter
Hildegard Knef (*1925) war als Schauspielerin, Sängerin und Autorin sehr erfolgreich. Dieses Buch schildert ihr Leben als Bildergeschichte in Form künstlerischer Comics. Zahlreiche Zitate sind eingebaut.
Hier werden die emotionalsten Momente aus dem Leben der Knef künstlerisch dargestellt. Die Zeichnungen deuten die Personen nur an, im Mittelpunkt stehen Erlebnisse und Emotionen.
Es ist hilfreich, dass die wichtigsten Personen am Anfang schon gezeigt und vorgestellt werden.
Die Darstellung folgt der Chronologie. Der Schwerpunkt auf Knefs Gefühlswelt wird der Künstlerin gerecht. Die Bilder zeigen ihre Wahrnehmung und deuten Konflikte an. Sie ist eine sehr selbstständige Persönlichkeit, aber das gesteht man Frauen in der Nachkriegszeit nicht zu. Dennoch hat sie Erfolg in der Rolle als „moderne, unabhängige Frau“. Und später auch als Sängerin und mit eigenen Liedern.
Das Buch ist auch handwerklich richtig schön: Ein fester Einband, ein großes Format und dickes Papier, das sich gut anfühlt. Comic ist heute eine eigene Kunstform. Dies ist ein beeindruckendes Beispiel.
Inspirierend
Sonnenaufgang Nr. 5 von Carsten Sebastian Henn
Eine alte Filmdiva möchte eine Autobiografie schreiben und engagiert den Ghostwriter Jonas. Er schreibt mit, doch er erfährt Dinge aus ihrer Vergangenheit, die ganz andere Geschichten erzählen. Das wirft Fragen auf danach, was eigentlich wahr ist. Und Fragen danach, wie wir mit Erinnerungen umgehen wollen, insbesondere mit solchen, die uns belasten.
Ein spannendes Thema! Der Autor ist bereits mit dem „Buchspazierer“ bekannt geworden.
Die Geschichte ist flüssig erzählt, das Lesen macht Freude. Stella, die Filmdiva, ist in ihrer Arroganz und Verletzlichkeit sehr überzeugend. Das wird noch dadurch getoppt, dass wir immer wieder auf ihre Fans treffen. Für Jonas ist dies der erste Auftrag. Er wird nicht zum Fan, sondern kommt ihr persönlich nahe, gerade weil er auch andere Seiten ihrer Lebensgeschichte erfährt. Doch Stella hat ihn und ihre Erinnerungen jederzeit fest im Griff, solange bis sie die Zusammenarbeit beendet und Jonas entlässt. Ob es zum Schluss zu einem Buch kommt, sei hier nicht verraten.
Ein Anstoß, auch über eigene Erinnerungen einmal neu nachzudenken.
Leicht
Alle weg von Stefan Maiwald
Der Autor lebt als Zugezogener in einem Urlaubsort an der Adria. Wie sich das anfühlt, wenn im Winter alle Touristen weg sind, beschreibt er hier in kurzen Episoden, die auf die Wintermonate verteilt sind. Über sein Leben im Sommer hat er bereits berichtet, auch auf seinem Blog.
Viel passiert hier nicht.
Die kurzen Texte schildern italienische Lebens- und Denkweisen bis hin zu Rezepten sowie Episoden aus dem winterlichen Alltag. Einiges ist durchaus interessant und fällt nur dem Auswärtigen auf. Die Beobachtung und Beschreibung der Menschen, die sich dort in der Bar versammeln oder im Tennisclub aufschlagen, erinnert ein bisschen an die Geschichten von Ephraim Kishon. Viele sind charmant und ein bisschen witzig, manche auch belanglos. Es bleibt ganz unpolitisch.
Leichtes Geplätscher für Italienfans, manchmal satirisch.











