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Rezensionen von MarcoL:

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Wer einmal lügt … packende Erzählkunst. Große Leseempfehlung.

Die Wahrheit über Ruby Cooper von Liz Nugent

Wer einmal lügt, dem glaubt man … immer wieder, sofern es überzeugend und geschickt angestellt wird. Und das Sprichwort, dass Lügen kurze Beinen haben, mag auch nicht immer stimmen, denn oftmals sind es Siebenmeilenstiefel.
Ruby Cooper wächst behütet in Boston auf. Ihr Vater ist Oberhaupt einer von ihm gegründeten Kirche, nebenbei ein erfolgreicher Geschäftsmann.

Ruby hat eine ältere Schwester, zu der sie aufschaut. Erin ist hübsch, und hat einen gefestigten Charakter. Und Ruby ist eifersüchtig, denn Erin hat einen Freund, der sie bedingungslos liebt.
Und das ist der Quell allen Übels. Es geschieht etwas … sehr Schlimmes; mit Ruby als Opfer.
Daraufhin sieht sich Rubys Mutter verpflichtet, ihre Tochter aus dem Schussfeld zu nehmen und zieht mit ihr zurück in die alte Heimat nach Dublin. Sie lässt Erin und ihren Mann zurück. Das einst so harmonische Familienkonstrukt beginnt nach und nach zu zerbröckeln. Ruby und Erin entfremden sich, letztendlich wird auch die Ehe geschieden. Und Ruby hat ein Geheimnis …mehr darüber wird von mir nicht erzählt.
In diesem Handlungsrahmen erzählt uns die Autorin in gekonnter und spannender Weise, wie es der Familie ergeht. Zugegeben gibt es ab und wann ein paar Längen im Buch, die nicht unbedingt nötig wären. Aber dennoch, Liz Nugent beschreibt perfekt die Kluft, in der Ruby sitzt - ihre Lügengespinste samt eiskalter Skrupellosigkeit auf der einen Seite, und aufkeimende Gewissensbisse mit der Angst vor den Konsequenzen, wenn alles ans Licht kommt, auf der Anderen. Man hasst Ruby gleichsam wie man mit ihr (und anderen Protagonist*innen) leidet.
Was wohl überwiegt? Und wie die Geschichte wohl enden mag?
Von mir gibt es 4,5 Sterne und eine klare Leseempfehlung für dieses weitere Werk aus der Feder der Autorin, deren andere Romane ich nur wärmstens anpreisen kann.

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Wer einmal lügt … packende Erzählkunst. Große Leseempfehlung.
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Genial erzähltes Mini-Familienepos über mehrere Generationen aus Chile.

Der Flug des Kondors von Miguel Bonnefoy

Genial erzähltes Mini-Familienepos über mehrere Generationen aus Chile.

Ende des neunzehnten Jahrhunderts wütete in Frankreich die Reblaus. Kaum ein Weinstock überlebte den Befall. So traf es auch das Weingut Lonsonier. Der Winzer rettete einen einzigen Stock, grub ihn aus und machte sich damit auf die beschwerliche Reise nach Kalifornien.

Das Schicksal spülte ihn in Chile an Land. Nach Erholung von den körperlichen Strapazen tat er das, was er konnte. Er wurde zu einem der erfolgreichsten Weinbauer im Land – aus einer einzige Pflanze. Es ging ihm gut, hat Ländereien und eine Familie. Dennoch waren und blieben sie immer Emigranten – Fremde in einem Land. Seine Kinder und EnkelInnen spürten den Sog in die alte Heimat Europa, quasi ein unbekannter, dafür umso interessanterer Ort.
Die Wirren der beiden Weltkriege führten die Nachkommen Lonsoniers auf den alten Kontinent, vom Drang getrieben, für Frankreich (denn sie waren immer noch Franzosen) in den Krieg zu ziehen. Zwei Generationen kommen verletzt, desillusioniert und völlig traumatisiert zurück nach Chile, wo das Leben seine Fortsetzung fand.
Der Autor verzaubert uns wieder, wie schon mit seinem Roman „Der Traum des Jaguar“, mit einer intensiven Familiengeschichte und einem politischen Close-up Chiles über mehrere Generationen. Wie es den einzelnen Protaginst:Innen erging – bitte selber lesen. Der Roman ist es absolut wert.
Der Erzählstil ist gewohnt sehr flüssig und angenehm. Mit starken Szenen und magischen Einflechtungen zaubert Bonnefoy ein plastisches Bild von Chile, sowie ein gutes Abbild der Gesellschaft. Geschichte wird hier mehr als lebendig, zum Greifen nah.
Und letztendlich kommt die Frage aller Fragen: Was ist Heimat? Auch wenn es nicht explizit als Handlungsfaden vorkommt, so drängt sich dieses Thema wie von selbst auf.
Ganz große Leseempfehlung für dieses weitere Meisterwerk, ganz großes Kompliment an die Übersetzerin Kirsten Gleinig.

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Genial erzähltes Mini-Familienepos über mehrere Generationen aus Chile.
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Amüsant und eindringlich über das Leben, die Liebe und die Nibelungen.

nôt von Philip Krömer

Das Nibelungenlied: Heldenepos oder Liebesgeschichte? Dem möchte Marget auf die Spur kommen, denn sie ist überzeugt, dass es sich dabei nur um die Liebe gedreht hat. Sie mietet sich für ein Forschungsretreat in einem abgelegenen Weingut ein, hoffend auf ausreichend Ruhe für ihr Vorhaben. Den Anfang genießt sie noch alleine.

Doch, wie es so üblich ist, bleibt es nicht dabei. Volkmar taucht auf, ein Lautenspieler, will nur eine Nacht bleiben. Das Vermieterehepaar rund um die geschäftige Kriemhild glaubt sogleich an ein verstecktes Spiel der beiden und beginnt diverse Versuche der Kuppelei.
Währenddessen entdeckt Marget ein pikantes Geheimnis, und das kurz aufgetauchte Ehepaar Zagel geht ihr mächtig auf die Nerven.
Der Winzerhof scheint noch so manch anderes Geheimnis zu hüten. Die ein oder anderen Enthüllungen samt Tragödien tröpfeln ein, einem guten Wein nicht unähnlich ob der Wirkung, die man im Leserausch mehr als genießen kann.
Krömer schafft hier auf seinen knapp 130 Seiten ein wunderbares Bild davon, was die Liebe sein kann oder sein soll. Es wird ein Totengesang auf dieses Gefühl, ähnlich wie das Nibelungenlied uns als ein Requiem für den tragischen Helden beglückt, der selbst nicht frei von Unschuld war.
Allein die Eröffnungssequenz – ein wunderbare Zusammenfassung der Sage rund um Siegfried und Hagen und all deren Zeitgenoss:Innen – macht diesen Roman mehr als wert.
Die Sprache ist wunderbar gewählt, lässt uns staunen und schmunzeln, und vergnügt eine Seite nach der anderen aufschlagen, bis wir am Ende selbst merken: was wäre eine Welt ohne der Liebe. Möge es jede und jeder selbst für sich entscheiden (und wahrscheinlich unisono zum selben Schluss kommen).
Sehr gerne gelesen, gebe ich eine begeisterte Leseempfehlung für diesen kleinen, aber sehr feinen Roman.

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Amüsant und eindringlich über das Leben, die Liebe und die Nibelungen.
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Ruhig und sanft, tief wie der Ozean. Eine wunderbare Geschichte von den Shetlands

Der Ozean so wild und weit von Malachy Tallack

Still und unaufgeregt, dafür voller Tiefe, erzählt uns Tallack die Geschichte von Jack. Er ist ein Eigenbrötler, lebt zurückgezogen in seinem Haus, hat wenig soziale Kontakte und ist eigentlich mit seinem Leben zufrieden. Auch wenn er selbst spürt, dass da möglicherweise etwas an ihm und seinem Leben vorbei gehen mag, richtet er sich in seiner Blase ein.

Einzig die Musik ist sein täglicher Lichtblick, an dem er sich immer und immer wieder erfreut.
Eines Tages findet er eine seltsame Schachtel vor seiner Haustüre – und findet einen Inhalt, den er am liebsten sofort wieder los werden möchte. Und das zwingt ihn ein wenig, das ein oder andere Gespräch im Dorf zu führen. Seine Mauer bekommt Risse und lässt etwas zu ihm durchsickern, was er für sich selbst abgeschlossen und immer abgewehrt hat …
Parallel zu Jacks Geschichte erfahren wir einiges über seine Eltern. In sich wechselnden Kapiteln baut der Autor hier eine zweite Welt auf, die sich schließlich mit der von Jack vereinigt. Jacks Vater Sonny verdingt sich auf einem Walfangschiff im Südatlantik. Ein harte Arbeit, bei der er dem Teufel so einige Male von der Schippe gesprungen ist – wie er erzählt. Er versteht, wie zerbrechlich die Welt sein kann, und kehrt auf die Shetlandinseln zurück, arbeitet hart (denn nichts anderes kann er) und gründet eine Familie.
Es ist dieser Wechsel in den Perspektiven, gepaart mit einer sanften Erzählweise, die uns das Leben auf den Inseln näherbringt. Ein Leben, das uns mit leisen Worten zeigt, wie filigran unsere Welt doch tatsächlich ist, und dass es gar nicht so schlecht sein kann, wenn in den eigenen Mauern Spalten sind, die für andere Gefühle durchlässig bleiben.
Ganz große Leseempfehlung für diesen wunderbaren Roman.

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Ruhig und sanft, tief wie der Ozean. Eine wunderbare Geschichte von den Shetlands
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Heimat, Natur und viel Gefühl anno 1893

Johannifeuer von Susanne Betz

Ein Bergdorf im Großraum Mittenwald. Die Arbeit im auslaufenden neunzehnten Jahrhundert ist hart und entbehrungsreich, meistens reicht der Ertrag gerade mal zum überleben.
Vroni Graseggers zweiter Ehemann Anton (sieh trauert ihrem verblichenen ersten Gemahl, der außer Gewalt nichts für sie übrig hatte, in keinster Weise nach), ist mehr ein Tagträumer denn ein hart arbeitender Bauer.

Aber er versucht den Hof mit frischen Ideen voran zu bringen, möchte investierten und ausbauen. Schließlich gilt es in Zukunft einige Mäuler mehr zu füttern.
Die Beziehung ist … mehr oder weniger ein Arrangement … ohne große Gefühle.
Und wenn dann da nicht der renommierte britische Arzt Reginald Langdon-Down, Spezialist für die damals sehr weit verbreitete „mongolische Krankheit“ (es lebe die Genpool-Überschneidung), in Vronis Leben auftauchen würde und so manches Blut in Wallung bringt, wären so manche Gefühle unbekannt geblieben; besonders am Tag der Johannifeuer.
Im Kontrast zur schweren Arbeit an den Bauernhöfen steht Vronis Schwiegermutter, ein sehr großer Kropf als Erkennungsmerkmal, die ein für die Bergwelt sehr untypisches Mindset hat und nicht nur exzentrisch wirkt, sondern auch gerne mal abseits der aufgezwungenen Normen von Tradition und Kirche handelt. Ein Protagonistin, die man einfach mögen muss.
So kann man im großen und ganzen den Roman zusammenfassen – das klassische Setting für einen schmonzettierten Heimatroman. Sogar ein Wilderer kommt vor …
Dennoch bewegt sich der Roman etwas abseits dieses Genres. Wunderbare Naturbeschreibung und Stimmungsbilder werten dieses Buch auf, machen es zu einem feinen Sommerroman mit viel, aber nicht übertriebenen Gefühl. Kleine Seitenhiebe auf das sterbende Königreich (Ludwig II ist tot, sein Bruder Otto in der Klapse, und der Prinzregent … naja) runden mit etwas Geschichte alles ab.
Gerne gelesen, gut für warme Tage, an denen der Denkmuskel eh schon auf Stand-by läuft und somit eine Leseempfehlung für alle, die sich leicht mit geschickt gesetzten Buchstaben berieseln lassen möchten.

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Heimat, Natur und viel Gefühl anno 1893
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Vielschichtig, vielsagend. Ein spannender „Zukunfts“-Roman, mit aktueller Brisanz, wunderbar erzählt.

Tal der Schwalben von Seraina Kobler

"Es ist nicht die Landschaft, die bedroht ist. Sie verschwindet nicht, wir verschwinden. Die Natur hat keine Tränen, sie träumt nicht. Sie wird einfach eine andere sein".

Dystopie? Utopie? Thriller? Gar nichts davon oder alles zusammen? Schwer lässt sich dieser wunderbare Roman in eine Genre-Schublade stecken.

Und das ist auch gut so.
Viele Elemente verbinden sich hier zu einem äußerst stimmigen Roman, der einen nachdenklich hinterlässt; vor allem mit der Frage: was wird alles auf uns zukommen in naher Zukunft, was lässt sich noch abwenden?
Denn eines ist klar: Die Autorin erzeugt ein Szenario, dass noch nicht Realität ist, aber gute Chancen hat, es zu werden.
Die Klimakrise schreitet munter voran, die „Mächtigen“ tun nichts, um sie aufzuhalten. Sie ziehen ihren Nutzen und Profit daraus. Das Wohl weniger gegen das Leid der Massen (wem kommt es in unserer gegenwärtigen, geopolitischen Situation bekannt vor?).
Die Schweiz ist mittlerweile zu einer Mega-City mutiert. Nur die Alpen sind ein geschützter Raum, der nur spärlich bewohnt werden darf. Die Bergbauern und Anwohner der Täler wurden vertrieben, um der Energiegewinnung Platz zu machen. Riesige Kraftwerke sind entstanden.
Und nun soll der Wissenschaftler Alesch auch die letzten verbliebenen Bewohner seines Geburtsortes Pradetta überzeugen, ihre Heimat zu verlassen. Er kehrt zurück, und ein Zwiestreit beginnt sich in ihm zu regen. Und nicht nur das: unerklärte Wetterphänomene, gar ein Komplott und eine Verschwörung … die Zeit wird knapp …
Die Story kommt trotz all der Brisanz relativ unaufgeregt daher, ja manchmal wirkt alles nüchtern, von außen beobachtend. Und dennoch taucht man während der Lektüre tief in die Geschichte ein, lernt die Protagonist*innen kennen, als wären sie aus Fleisch und Blut.
Seraina Kobler hat hier ein brennendes Thema aufgenommen und sehr genial umgesetzt.
Der Roman ist vielschichtig wie spannend aufgebaut und regt einen, wie schon erwähnt, sehr zum Nachdenken an.
Ganz große Leseempfehlung .

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Vielschichtig, vielsagend. Ein spannender „Zukunfts“-Roman, mit aktueller Brisanz, wunderbar erzählt.
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Wie man aus Bulgarien flüchtet. Oder eine ganz besondere Familiengeschichte

Schwimmen in der Tinte von Rumiana Ebert

Wie mag es wohl sein, denn innigen Wunsch und Drang zu verspüren, seine Heimat verlassen zu wollen, um in der Fremde ein neues Leben aufzubauen.
Die Autorin geht an diese Fragestellung mit eigenen Erlebnissen sowie die ihrer Familie heran und erzählt uns in vielen Episoden vom Aufbruch und vom Ankommen.

In Etappen, mühsam wie kämpferisch, setzt die Mutter der Autorin alles daran, Bulgarien zu verlassen. Eine direkte Flucht scheint nicht möglich, also versucht sie es mit Diplomatie anzugehen. Über Jobs, die ihr die Ausreise in ein anderes kommunistisches Land ermöglichen. Vorzugsweise Berlin, denn man sagt sich in Bulgarien, dass man dort einfach so über die Grenze von Ost- nach Westberlin spazieren kann. Ein Trugschluss, wie sich herausstellt. Außerdem durfte sie niemals Familienmitglieder auf ihren Reisen mitnehmen, die wurden quasi als Pfand im Land behalten.
Doch eines Tages gelingt ihr der große Schritt in den Westen. Bis alle Familienmitglieder nachkommen können, vergeht Zeit. Viel Zeit.
Doch was ist besser im neuen, „gelobten“ Land. Die Ankunft erweist sich als schwierig, den Lebensunterhalt zu verdienen genauso.
Die Bindungen zur Heimat erschweren alles, Ausgrenzungen und Demütigungen tragen das ihre dazu bei, dass man manchmal verstohlen auf das alte Leben zurück blickt. War wirklich alles so schlecht? Letztendlich wird diese Frage mit einem Ja beantwortet, denn die Freiheiten der westlichen Welt, die es nicht zu jedem Preis gibt, überwiegen.
Verschiedene Einblicke in die Lebensgeschichte der Familie fügen sich im Roman aneinander. Szenen von Glück und Leid der einzelnen Personen setzen sich letztendlich zu einem großen, überschaubaren Ganzen zusammen. Auch wenn es beim Lesen ab und wann etwas Durchhaltevermögen kostet. Nichts desto trotz ist der Roman flüssig zu lesen und gibt tiefe Einblicke die Welt der Flucht vom stählernem Kommunismus in die knallharte Realität der freien Marktwirtschaft.
Gerne geben ich eine Leseempfehlung für diese interessanten, familiären Einblicke.

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Wie man aus Bulgarien flüchtet. Oder eine ganz besondere Familiengeschichte
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Ein wunderbares, im Prinzip komplexes Buch, das einen mit Leichtigkeit durch die Seiten schweben lässt

Einfallende Dämmerung von Christian Haller

Einmal mehr zeigt Christian Haller, dass er zu den ganz großen Erzählern im Literaturbetrieb gehört. 2023 wurde er mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Auch diese Novelle hat das Zeug dazu. Seine philosophischen Ansätze und Fragen, die diesmal das Thema „Alter“ betreffend, verpackt er wunderbar in eine angenehme Sprache und in eine gut aufgebaute Handlung.

Paul Balint ist Mikrobiologe. Er hat sich Zeit seines Lebens der Wissenschaft verschrieben und sein Leben damit ausgefüllt. Zu seinem 80. Geburtstag wird eine Feier in Paris organisiert. Ehemalige Kollegen kommen, er wird geehrt und erlebt einen wunderbaren Abend. Und zugleich erscheint ihm dieser Tag wie ein Abschied von einem gelebten Leben zu sein. In Rückblicken lässt uns der Autor an den Erinnerungen von Balint teilhaben, während die Gegenwart ihr unbarmherziges Netz auswirft.
Vor zehn Jahren hat ihn seine Langzeitlebensgefährtin Carla verlassen. Freiwillig, um noch etwas anderes im Leben zu suchen als die gemeinsame Vergangenheit. Balint hat sich damit arrangiert, sein Leben neu organisiert, und dennoch vergeht kein Tag, an dem er nicht an sie denken muss. Eine Stütze für ihn wird ihm sein Psychotherapeut Steinberg. Beide entwickeln im Laufe der Jahre ein freundschaftliches Verhältnis zu einander, mit tiefen Gesprächen und Ratschlägen für beide Personen.
Was ist das, das „Altern“. In welchen Stufen läuft es ab? Wann beginnt es überhaupt? Und so entwickeln sie die Theorie von „Jungem Alter“ und „Altem Alter“. Balint beginnt seine Umgebung mit anderen Augen zu sehen, nicht nur im mikrobiologisch-wissenschaftlichen Kontext, sondern er versucht auch hinter allem einen Sinn und eine Seele zu suchen. Ganz allmählich begreift er, dass das hohe Alter nicht nur eine unausweichliche Herausforderung darstellt, mit Vergangenem abzuschließen und einen verfallenden Körper in die Zukunft tragen zu müssen. Das hohe Alter bedeutet nicht nur Verlust, es kann auch eine Befreiung sein. Eine Befreiung von all den Gedanken, die nicht mehr mit irgendwelchen Zwängen daher kommen.
Ich darf das tun, muss es aber nicht mehr. Ich kann alles beobachten, muss nichts mehr hineininterpretieren. Und ich muss nichts mehr werden, das pure „Sein“, das „Carpe diem“ soll das Motto jeden Morgens sein und nicht das „Memento mori“
Ein wunderbares, im Prinzip komplexes Buch, das einen mit der Leichtigkeit durch die Seiten schweben lässt, die die Erfahrung eines ganzen Lebens beinhaltet. Ich finde auch Titel und Cover äußerst treffend gewählt. Sehr gerne gelesen und damit eine absolute Leseempfehlung.

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Tiefe Einblicke in die Gesellschaft Simbabwes, spannend, informativ, humorvoll. Große Leseempfehlung

Die Avenues von Farai Mudzingwa

Die „Avenues“ sind ein Stadtteil von Harare, Hauptstadt und Mittelpunkt von Simbabwe. Es ist das angesagte Viertel der (Neu-)reichen und Schönen. Wer vom Land kommt und es zu etwas bringen wird, sieht zu, dort unter zu kommen.
Jezda verbringt weit ab von der Stadt eine Kindheit und Jugend mit Gleichaltrigen, die je ihr Ende findet.

Zudem überschattet ein tragischer Unfall seinen Weg aus dem unbedarften Kindesalter, das in traumatisiert.
Er kämpft sich durch, macht eine Art Ausbildung, und dank seiner unbekümmerten Art (nach außen hin) und der Hilfe von Bekanntschaften schafft er es letztendlich von einem Vorstadt-Slum in die „Avenues“. Schnell merkt er, dass auch dort nicht alles Gold ist, was glänzt. Korruption sind die täglichen Begleiter, und die Prostitution scheint dort erfunden worden zu sein.
Mittendrinnen in diesem Wirrwarr aus urbanem und ständig pulsierenden und aufstrebenden Wahnsinn drängt sich die Vergangenheit des Landes hinein. Die Flüsse und Sümpfe, die früher dort waren, wo jetzt die Stadt steht, wurden trockengelegt und sind verschwunden; und dennoch drängt sich das Wasser manchmal an die Oberfläche, erzeugt feuchte Stellen, so manche Pfütze und Trugbilder von Geistern. Doch sind es tatsächlich Geister?
Der Hauptgrund, warum Jezda in die Avenues zieht, ist die Suche nach seiner Schwester Natsai. Sie ging vor ihm dorthin, und verschwand spurlos. Ein Ereignis in ihrer Kindheit könnte Auslöser hierzu sein … und so entsteht ein spannender Mix aus Mythologie und brutaler Gegenwart. Jezdas Eltern sind unfähig, zu helfen. Sie haben sich blind dem Christentum verschworen, und den alten Religionen abgesagt.
So entsteht eine latente Korrelation zwischen dem was war, und dem was ist. Eine fröhlich bunte Gesellschaft wird vom Grau der Stadt verschluckt, weggespült vom Wasser, das einst dort war. Die Prostitution, auch wenn es nicht explizit angesprochen wird, ist finanzielle Hoffnung und Fallstrick zugleich für die Mädchen in den Avenues. Und wie das alte Land verschwindet, trockengelegt wurde, verschwinden immer wieder junge Frauen im Sumpf der „Avenues“.
Es ist ein sehr spannendes Buch, das die Folgen des britischen Kolonialismuswahnsinns geschickt in die gegenwärtigen Situationen der Hautstadt wie des ganzen Landes einwebt, und als Beispiel ein paar junge Menschen als Hauptprotagonisten auswählt. Mit einer frischen Sprache, und auf eine fröhlich-humorvolle Art, informativ und mit einigen interessanten (und auch sarkastischen) Fußnoten, entpuppt sich dieser Roman zu einem absoluten Pageturner, den man nicht mehr aus der Hand legen kann.
Absolute Leseempfehlung – nicht nur für jene, die gerne mal über den eigenen (literarischen) Tellerrand blicken möchten.

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Begegnungen in und mit Polen. Warmherzig, voller Freundschaft und Wertschätzung

Café Amatorska von Leander Steinkopf

Diese Novelle ist eine Begegnung der Generationen. Und eine Begegnung zwischen Deutschland und Polen – zwei Staaten mit einer ganz besonderen Beziehung zueinander. Was sucht ein junger Schriftsteller im „neuen“ Polen, eingebettet zwischen Vergangenheit und urbanem Feeling?
Er findet Gastfreundschaft und Geborgenheit in der kulturellen, literarischen Szene und auch in der nationalen Kulinarik.

S.18: „Zwei Teller auf der Tischdecke, einen für jeden von uns, aber sie standen dort nicht für Anna, sondern meinetwegen, weil ich der Gast war, weil man sich um mein Wohlergehen mühte. Und so wurde mir das Purpur im Suppenteller zur Erkennungsfarbe der Gastfreundschaft; ein Geschmack bedeutet mir fortan diese Tugend; in diese Brühe schien mir all die Freundlichkeit eingekocht, die mir in den zwei Wochen meines damaligen Dortseins widerfahren war.“

Es sind Begegnungen, Freundschaften, die dieses Buch ausmachen. Vergleiche zwischen tristem Regen und Sonnenschein, Unterschiede zwischen Krakau und Warschau. Dazwischen Treffen, Kollegialität und und eine feine, poetische Sprache.

S.22: „Bis eben war ich noch glücklich gewesen, nun hatte ich dummerweise damit begonnen, von diesem Abend etwas zu erwarten. Die Nadel hatte sich von Genügsamkeit auf Einsamkeit gedreht.“
...
„Ihr Lächeln war so fein, weil sie es festhielt, bevor es ausuferte.“

Wie schön sind diese beiden Sätze, die auf so poetische Weise ausdrücken, was wir selbst schon oft erfahren haben.
Verschränkungen zwischen Deutschland und Polen werden offenbar, auf der persönlichen Seite, auf der kulturellen Ebene genauso wie auf der wissenschaftlichen. Mit Zartgefühl, ohne Pomp, bringt der Autor diese Erkenntnisse ein, als wären sie Ergebnisse eines einfachen Gesprächs im Café gewesen, genauso wie tiefgründige Gespräche in einer vertrauten Zweisamkeit. Eine Zweisamkeit, die nicht fordert, sondern einfach nur gibt, ohne Zwang. Der Intellekt, das freie Denken kennt eben keine Grenzen.
Sehr gerne gelesen und viel dabei gelernt. Große Leseempfehlung.

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