Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Stierle Kelten

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von MarcoL:

voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Ein sanfter, ruhiger Roman über die Sehnsucht nach dem Alleinesein

Nur die Laute der Vögel von Ursula Wiegele

Mit sanften Worten rollt dieser Roman heran, der so viel an Stille birgt, manchmal melancholisch anmutet, und dennoch eine zarte Musik verbreitet. Gambist
Luca, der seinen Lebensunterhalt als Gambist verdient, beschließt, auf einer Insel in der Lagune von Grado eine Auszeit zu nehmen. Er lässt sich vom alten Fischer Matteo auf die Insel bringen, um dort Körper und Geist zur Ruhe kommen zu lassen.

Elektrizität gibt es dort keine, seinem Smartphone gönnt er keinen Tropfen an Akkukapazität. So kommt er gar nicht in die Versuchung, sich mit den Belangen der großen weiten Welt mit all ihren Eskapaden stören zu lassen. Es ist ein kleines Paradies mit einer Hütte und Abstellschuppen, viel Natur; und zwei Katzen, um die sich Luca kümmern soll. Für Lebensmittelnachschub und allen anderen nötigen Sachen kümmert sich Matteo.
Eine trübe Vergangenheit mischt sich auf mit dem Idyll der Insel, und schließlich kann auch die Sonne durch das eher schwere Gemüt von Luca brechen und einen bahnenden Lichtstrahl für die Zukunft weisen.
Mit fünf Jahren hatte er seine Mutter unter tragischen Umständen verloren, das Verhältnis zu seinem Vater war nie von einer elterlichen Tiefe geprägt. Diese Trauma geistern auf der Insel herum, und die spärlichen Kontakte zur Außenwelt helfen Luca schließlich, einiges mit anderen Augen zu sehen und sich seiner Vergangenheit zu stellen.
Das kleine Idyll umgeben von Meer und Natur wird kaum gestört, nur die Laute der Vögel sind die ständigen Begleiter. Und die hungrigen Katzen, die die einzige Regelmäßigkeit in diesem Sommer in Lucas Auszeit bilden. Eines Tages im Spätsommer bringt jemand seine Gambe auf die Insel … die Weichen für die Zukunft stehen in der richtigen Position.
Es ist ein sanftes, ruhiges Buch, das beim Lesen entschleunigt und den Wunsch nach einer heilen, abgeschiedenen Welt schürt.
Sehr gerne gelesen und somit eine Leseempfehlung für diesen zarten Roman.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MarcoL
Ein sanfter, ruhiger Roman über die Sehnsucht nach dem Alleinesein
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Eine wunderbare Reise durch die Welt über die Kraft der Sprache. Absolut toll!

Wörterbuch einer Nomadin von Volha Hapeyeva

Selten hat mich ein Buch beeindruckt wie dieses hier. Und kaum wie zuvor war ich lange Zeit ideenlos, wie ich darüber in wohlst wollenden Wörtern schreiben könnte. Kein Roman, kein Sachbuch, kein Essay – es ist einfach eine Sammlung von Gedanken rund um das Thema der Sprache. Und diese Gedanken haben es in sich; nimmt uns doch die Autorin mit auf eine wunderbare Reise durch ihre Welt der Wörter.

Mit vielen eigenen Erfahrungen erläutert sie, was unterschiedliche Sprachen für Schätze bieten können, und wir finden uns in einer spannenden Welt wieder. Schnell entdecken wir, dass möglicherweise die gleichen Wörter in anderen Sprachen ganz eine andere Bedeutung haben können – oder manche Ausdrücke es tatsächlich nur in einer spezifischen Sprache gibt.
Volha Hapeyeva verabsäumt es dabei auch nicht, Bezüge zur Gesellschafts- und Geopolitik zu schaffen – und natürlich vor allem darauf, welche Macht Wörter haben.

S.16/17: „ [...] indem man eine Parallele zwischen Frauen und kleinen Nationen zieht. Beide stehen in einem asymmetrischen Verhältnis zu einer dominanten Macht – Frauen gegenüber Männern, kleine Nationen gegenüber großen oder ehemaligen Imperien. […] Sie haben kein Recht auf Fehler […] Das, was Frauen und kleinen Nationen gleichermaßen betrifft, entspringt ein und demselben System: dem Patriarchat – einer Denk und Herrschaftsordnung, die strukturell Ungleichheit erzeugt und aufrecht erhält.“

Die Autorin, geboren in Belarus, mit Regime und Russlandabhängigkeit bestens vertraut, gibt uns viele interessante Einblicke in die Unterschiede der Linguistik der Nationen und somit Ländersprachen, oftmals direkt im Vergleich zwischen Deutsch und Belarusisch, aber auch die sprachlichen Nuancen im Englischen oder gar Japanischen. Spannend hier auch ein kleiner Auszug über das Wort „Muttersprache“:
S. 104: „Muttersprachler*in oder nativ speaker heißt auf Belarusisch nos'bit movy – was buchstäblich bedeutet: Träger der Sprache. Kein Wort über Mutter oder Heimat, wichtig ist die Handlung, der Prozess, vielleicht denkt man über Sprache nach, wie man über ein Kleid nachdenkt oder einen Anzug.“

S. 105: „Sprache ist Teil der Identität, und verschiedene Sprachen geben uns verschiedene Blickwinkel auf die Welt und uns selbst.“

Sprache und/oder Wörter können sehr mächtig und eine furchtbare Waffe sein, besonders in der heutigen Zeit. Aber auch das Gegenteil ist der Fall.

S.122: „Andererseits kann Sprache selbst zum Ziel der Vernichtung werden. Eine Sprache kann verboten werden (wie es beim Belarusischen lange Zeit der Fall war) […] können zum Linguizid oder zum Sprachentod führen.“

Mich erinnert das auch an das Verbot der Deutschen Sprache in Südtirol ab 1923/24.

Und letztendlich sind auch Sprache und Literatur ein Rettungsanker, besonders in krisengebeutelten Zeiten.

S.130: „Beim Lesen begreifen wir, dass wir nicht alleine sind, dass wir unsere Gedanken und Gefühle teilen können – das bewahrt uns vor der Isolation. Das ist aber auch der Grund, warum Diktatoren und totalitäre Regime so viel Angst vor der Literatur haben oder warum sie sie immer kontrollieren wollen.“(bestes Beispiel dieser Tage die USA).

Eigentlich könnte ich hier jede Seite zitieren, so beeindruckend und toll finde ich dieses Buch mit tausenden klugen Gedanken. Und am beeindruckendsten finde ich die Art und Weise, wie Volha Hapeyeva uns dies alles näherbringt. Allein ihre Sprache ist ein angenehmer Fluss der Wörter, der sanft dahin treibt, uns immer wieder gerne zum Verweilen einlädt, um in den eigenen Reflexionen zu baden wie in einem warmen, klaren See der Erkenntnis.
Ganz große Leseempfehlung – anders kann ich es nicht ausdrücken. Und lest auch die anderen Werke der Autorin. Ihren Roman „Samota“ kann ich euch nur wärmstens ans Herz legen, genauso wie ihr feines Gespür für die Lyrik.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MarcoL
Eine wunderbare Reise durch die Welt über die Kraft der Sprache. Absolut toll!
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Intensive Gesellschaftsstudie, Ausgrenzung, Sensationslüsternheit. Wunderbar erzählt.

Kleine Schwächen von Megan Nolan

Irland, Ende der Siebzigerjahre. Carmel, noch kaum eine Frau und auch kein Kind mehr, wird schwanger. Sie verdrängt es, denkt einfach nicht daran. Und wenn man nicht mehr daran dankt, dann ist es auch nicht geschehen. Doch eines Tages wird es unausweichlich, aber Carmel schweigt. Ihre Mutter Rose sieht im bigotten Irland keine Möglichkeit, noch etwas zu tun, und reist mit Carmel kurzerhand nach London.

In der Abtreibungsklinik wird aber nur bestätigt, was alle schon wissen: es ist zu spät. Rose beschließt, ihre Heimat in Irland aufzugeben, denn dort zeigen nur alle mit dem Finger auf sie. Sie nehmen in London eine Wohnung, lässt ihren Mann John Green und dessen Sohn aus erster Ehe, Richard, nachkommen. Sie versuchen, aus ihrer Situation das Beste zu machen.
Carmel ist überlastet, kümmert sich nicht um ihre Tochter Lucy. Das übernimmt Rose, während sich John um seine eigenen Dinge kümmert und Richard total dem Alkohol verfallen ist. Irgendwie vegetieren sie alle am Rande der Gesellschaft.
Rose stirbt unerwartet, und nun muss Carmel wohl … aber es ist schwer. Als Mia, eine Schulkameradin aus besseren Kreisen der mittlerweile zehnjährigen Lucy, verschwindet und kurze Zeit darauf tot aufgefunden wird, ist es allen klar. Das kann nur Lucy gewesen sein, denn die beiden wurden kurz vor dem Unglück noch zusammen gesehen. Die versteckt sich aber in ihrer eigenen Welt, spricht nicht. Lucy kommt kurzerhand in Gewahrsam, und die Presse wittert DIE Sensation.
Journalist Tom setzt alles daran, die Exklusivstory zu bekommen. Die Familie wird vom Mob abgeschottet, in ein Hotel mit allen Annehmlichkeiten verfrachtet. Inklusiv All-you-can-drink für John und Richard. Es werden sogar Reporter in Irland beauftragt …
Nolan zeichnet mit diesem Roman sehr starke Bilder. In einer nüchternen, beinahe teilnahmslosen Sprache werden wir Beobachter einer Familie, die immer Rand stehen wird, auch wenn sie sich manchmal bemühen, ihren Status zu verändern. Tom ist ein Paradebeispiel an einer überzogenen Charakterdarstellung.
Glatt, ohne Skrupel, ohne Menschlichkeit spiegelt er das wider, was die Gesellschaft mit Außenseitern zu tun pflegt und steht sinnbildlich für die Sensationsgeilheit der Gesellschaft und vieler Medien, denen Schlagzeilen wichtiger sind als Inhalte. Was machen wir mit gebrochenen Menschen? Was machen Männer mit Frauen wie Carmel, die schön sind, aber das Leben unnahbar, verbittert gemacht hat? Was machen gesellschaftlich bessergestellte Menschen, wenn ihre behüteten Kinder mit jenen aus der armen Bevölkerungsschicht zusammenkommen? Und was macht die Gesellschaft, auf wenn wird als erstes gezeigt, wenn was passiert?
Ganz große Leseempfehlung für diesen Pageturner und gut dargestellte Gesellschaftsstudie.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MarcoL
Intensive Gesellschaftsstudie, Ausgrenzung, Sensationslüsternheit. Wunderbar erzählt.
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Randnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Leichte Literatur für Zwischendurch mit etwas nordischem Feeling

Das Unwetter von Brit Bildøen

Dorte wollte nur ein schönes Fest organisieren. Ihr Eltern waren nun fünfzig Jahre verheiratet, da sollte es schon was besonderes werden – in einem abgelegenen Hotel am Rande zur Wildnis, wo es anscheinend Wölfe und Luchse gab.
Aber sie würde eh alles falsch machen, so ihr Mindset – denn ihre Familie mit ihrer Schwester Annette samt Schwager oder ihren Eltern im Speziellen haben doch immer was zum Nörgeln, und wenn es nur darum ging, weil Dorte weder eine eigene Familie noch Kinder wollte.

Möglicherweise passte auch ihrem Zwillingsbruder Karl etwas nicht … aber sie gab sich Mühe.
Das Wetter war alles andere als prächtig – Dauerregen – und natürlich ein Erdrutsch, der das Ressort von der Außenwelt abschottete. Die Familie wären die einzigen Gäste im Hotel von Ole gewesen, hätte dieses Unwetter nicht zwei Jäger in letzter Sekunde angespült. Im Gepäck Waffen und vergiftete Fleischköder. Beides unachtsam in der Vorhalle abgelegt … und der Hund von Annette macht eben mal Hundedinge …
Der Roman liest sich leicht und locker, aber von der sonst so typischen nordischen Düsternis, welche solche Literaturgenres im Allgemeinen versprechen, findet sich leider nichts. Es werden auch keine alten Familiengeheimnisse ans Tageslicht gefördert. Hauptaugenmerk liegt auf dem Lagerkoller (gerade mal 2 Tage) und eben einer traurigen Sache, die da passiert, ohne so richtig eine Spannung zu erzeugen. Man liest weiter in der Hoffnung auf einen großen Showdown oder was auch immer … falsche Erwartung? Keine Ahnung. Es dreht sich viel um das Seelen- und Liebesleben von Dorte. Und ja – die Thematik der Wölfe und der sinnlosen wie grausamen Jagd wird zumindest sehr gut angesprochen, und so entwickelt sich der Roman in eine Art Pro-Wolf Plädoyer, was ja an sich nicht verkehrt ist.
Fazit: der Roman ist eine feine Lektüre für Zwischendurch und kalte Winterabende, der sich schnell weg liest. Einen großen literarischen Anspruch darf man tatsächlich nicht haben.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MarcoL
Leichte Literatur für Zwischendurch mit etwas nordischem Feeling
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Familiengeschichte aus dem irischen Landadel

Das gute Benehmen von Molly Keane

Aroon, die Ich-Erzählerin, wächst in einer irische Familie aus dem Landadel auf. Einst vermögend, verprassen die Eltern ihren Reichtum ohne Rücksicht und wohl auch ohne besseren Wissens, wie denn überhaupt die maroden Kassen gefüllt werden sollen, das letzte Geld. Die Erbin Aroon erzählt uns ihre Geschichte, von guten Tagen, von zunehmend schlechteren Tagen, und auch viel über sich selbst.

Auch sie lebt in einer Art Scheinwelt – einer gefühlten Parallelwelt zum realen Leben, in der Hoffnung, dass Richard, ein Lebemann von einer befreundeten englischen Familie, sie endlich ehelicht. Denn, er kannte sie doch, kam ihr doch einmal für eine äußerst kurze Zeit sehr nahe. Ein sehr spärlicher Briefverkehr wuchs, aber es entwickelte sich daraus nie mehr. Es gab von Seitens Richards nie eine Zusage, oder ein Versprechen. Er war „nur“ mit Hubert, Aroons Bruder, gut befreundet – mehr als gut – doch das wurde nie und nimmer ausgesprochen; vor allem in jener Zeit vor hundert Jahren. Hubert ist ein Dandy, Aroon das Gegenteil davon; korpulent und dem guten (und vielen) Essen mehr als zugeneigt.
Als Hubert bei einem Autounfall ums Leben kommt, verschließen sich Aroons Eltern komplett. Ihre Mutter tut so, als wäre nichts passiert, ihr Vater, ein leidenschaftlicher Jäger, ein Wrack. Irgendwann scheint Aroon zu verstehen, in welcher Welt sie lebt – aber es ist zu spät. Nach dem Tod des Vaters kümmert sie sich zusammen mit der resoluten Hausangestellten Rose um ihre Mutter … und der Kreis der Rache zur Eröffnungssequenz schließt sich.
Der Roman plätschert so dahin, ist eigentlich leicht und flüssig geschrieben, aber verzettelt sich manchmal für meinen Geschmack doch zu sehr und zu lustlos in Einzelheiten und dem Familiengeschehen. Auf der anderen Seite lässt einen die Autorin tief und leicht in die Erzählung eintauchen, und gibt uns ein gutes Abbild jener Gesellschaftsschichten.
In Summe hat mich der Roman zwar nicht restlos überzeugt, war aber dennoch eine angenehme Lektüre, die ich möglicherweise mit einer zu hohen Erwartungshaltung anging.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MarcoL
Familiengeschichte aus dem irischen Landadel
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Gepflegter Nervenkitzel und Spannung pur aus Island.

BLUT von Yrsa Sigurdardóttir

Dieser Thriller baut auf mehreren Handlungssträngen auf, die ziemliche lange den Anschein erwirken, nichts miteinander zu tun zu haben. Erst langsam wirft uns die Autorin geschickt ein paar Häppchen zu, um unseren Wissenshunger zu stillen. Aber nein – es macht uns nur noch hungriger nach Informationen.

Und so sehr wir auch versuchen, während der Lektüre das Puzzle zu lösen – es fehlen die wichtigsten Teile. Die gibt es natürlich erst zu Ende dieses spannenden Buches.
Eine Straße mit zwei Familien, die sich sprichwörtlich bis aufs Blut streiten und sich bekriegen. Wer hat angefangen mit dem ganzen Horror? Und warum?
Die junge Gunndis bekommt sehr kurzfristig den Auftrag, als Köchin für ein paar Tage auf einem Fischtrawler zu arbeiten. Der eingeplante Koch ist nicht zum Dienst erschienen, und die Zeit drängt. Das ist für sie DIE Gelegenheit, endlich mal einen fixen Job zu bekommen und sich zu empfehlen. Denn auch ihr Vater war Schiffskoch. Allerdings liegt darüber ein dunkler Schatten – und kaum an Bord, scheinen diese Schatten Gestalt anzunehmen und die unselige Vergangenheit wieder aufleben zu lassen.
Auf einer Mülldeponie werden menschliche Gebeine gefunden. Besonders alt können sie nicht sein, von neuerem Datum auch nicht. Und natürlich stellt sich die Frage, wessen Knochen das überhaupt sind. Hier kommt das Ermittlerteam mit Karo, Tyr und Idunn, bekannt aus den vorangegangenen Romanen, ins Spiel. Allerdings geht es vorerst hauptsächlich darum, die Wogen zwischen den verfeindeten Familien zu glätten, und Licht ins Dunkel der Gebeine zu bringen. Nennenswerte Straftaten sind noch nicht geschehen – aber dennoch schweben dunkle Wolken über jedes Setting, bereit, alles Licht zu verschlucken, die Leser*innen im Dunkeln tappen zu lassen. Spannend (ich wiederhole mich) und atmosphärisch.
Und dann wird eine weitere Leiche entdeckt. Ein Mord, wie sich schnell herausstellt, der die Lawine so richtig auslöst.
Wunderbar erzählt – so muss Thriller sein. Und das ohne Gemetzel oder meuchelnden Wahnsinnigen, und eigentlich auch ohne Blut – da finde ich den Titel echt irreführend und fehl an Platz (aber auch der Originaltitel lautet so (ähnlich)). Egal – der Lektüre tut dies keinen Abbruch.
Gerne gebe ich eine große Leseempfehlung für alle Freunde des gepflegten Nervenkitzels, und jenen, die es noch werden möchten.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MarcoL
Gepflegter Nervenkitzel und Spannung pur aus Island.
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Eine Geschichte über Moral und dem Wahnsinn des Weißen Mannes. Brillant erzählt.

Trophäe von Gaea Schoeters

Hunter White – allein der Name ist schon Programm – tötet gerne. Sehr gerne, denn er ist leidenschaftlicher Jäger. Wahrscheinlich der Prototyp eines Jägers. Zu seinen Big Five fehlt ihm jetzt nur noch ein Spitzmaulnashorn. Drei Jahre hat er auf die Lizenz gewartet, um den tödlichen Schuss abgeben zu dürfen.

Er ist ja kein Wilderer – denn das unterscheidet ihn ja von allen anderen Schießwütigen. Er bezahlt eine sehr hohe Summe dazu, besteht darauf durch den afrikanischen Busch geführt zu werden, nimmt sogar die Strapazen einer Wanderung und das Übernachten unter freiem Himmel in Kauf – und ist sehr stolz darauf. Denn nichts verbindet einen Mann mehr mit der Natur als der Kreatur im eigenen Habitat aufzulauern. Er verzichtet auch darauf, danach mit dem erlegtem Großwild stolz damit herum zu posen. Das macht er dann mit der ausgestopften Trophäe zu Hause, denn seine Frau steht ja voll darauf. Wer weiß, ob sie ihn nicht schon längst verlassen hätte, würde er sich nicht immer so als Mann präsentieren.
Allerdings – die Jagd geht schief, andere kommen ihm zuvor. Wahrscheinlich Wilderer, die es nur auf das Horn abgesehen haben. Das ist natürlich ein Schlag ins Gesicht für die Erhaltung der Art, denn nur Hunter und der Leiter des Reservats achten darauf, nur bestimmte Tiere zu töten. Solche, die für die Herde keinen Zweck mehr haben … Hunter ist eben der schönste, beste, reichste, edelste, rücksichtvollste und weißeste Mann der Welt – und sehr enttäuscht, dass das Nashorn nicht durch seine Kugel starb.
Aber, so flüstert ihm der sein Jagdleiter zu – ob er schon mal von den Big Six gehört habe? Dazu machen sie sich auf in die Weite der Savanne – zu den Ureinwohnern – die sich von der Natur nur das holen, was sie zum Überleben benötigen – gnädigerweise mit der Erlaubnis des Weißen Mannes, der die Stämme in karge Reservate eingepfercht hat um sie unter Kontrolle zu halten. Hunter White kann der Mutter der Unmoralität nicht widerstehen – trotz der hohen Summe. Wie es ausgeht … wird natürlich nicht verraten.
Dieser Roman trieft nur so von Sarkasmus und Kritik. Und beinahe könnte man den Verdacht haben, die Autorin goutiert die Großwildjagd, so präzise kommen die Argumente von White daher. Sie spielt dabei mit unseren Gefühlen – und baut ein Bild des Weißen Mannes auf, das an Realität nicht zu überbieten ist. Treffender kann die Art und Weise, wie der Postkolonialismus wütet, nicht beschrieben werden – eingepackt in einen Pageturner, den man nicht mehr aus der Hand legen kann.
Ganz große Leseempfehlung für diesen ausnehmend guten Roman.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MarcoL
Eine Geschichte über Moral und dem Wahnsinn des Weißen Mannes. Brillant erzählt.
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Intensive Dystopie wozu ein Mensch alles fähig sein kann.

Cumulus 2161 von Jan Off

Im Jahr 2161 hat sich auf unserem Planeten so einiges geändert. Es leben nur mehr dreißig Millionen Menschen, es gibt eine rigorose Geburtenkontrolle, und die Kinder/Jugendliche wachsen in einem gesteuerten Umfeld, im Safe Space, auf. Es gibt keinen Besitz mehr, keine Aggressionen, Gewalt, Neid, Eifersucht, usw.

Alles ist zum Wohle der Bewohner geregelt. Erst an der Schwelle zum Erwachsenenalter dürfen sie, sobald das System glaubt, sie sind reif dazu, ihr Camp verlassen und in einem benachbarten Ressort eine Familie zwecks Erhaltung der Spezies Mensch gründen.
Die Schlafenszeiten sind fix geregelt, quasi auf „Knopfdruck“. Doch Tristan wacht eines Nachts unvermutet auf. Und nicht nur einmal. Er steht auf, obwohl er das nicht dürfte, und geht auf kleine Erkundungsreisen.
Seine Neugier siegt über seine Furcht, entdeckt zu werden. Er schafft es über den Zaun in den Bereich der Familien – ein Ort, der wie ein Dauerparadies gehandelt wird. Doch drüben scheint es anders zu sein, wie erzählt wird. Viel anders. Und er wird entdeckt.
Er kommt in ein neues Lager. Plötzlich muss er sich beweisen, zur Ergötzung anderer … und das Thema Gewalt bekommt ein neue Dimension.
Mehr kann und will ich nicht verraten – denn das würde den Appetit auf das, was dann tatsächlich alles passiert, nehmen.
Diese Dystopie zeigt unmissverständlich auf, zu was der Mensch alles fähig wird (oder sein muss), wenn es um die eigenen Vorteile geht. Wie schnell die indoktrinierten Verhaltensweisen und Denkmuster ad acta gelegt werden, Skrupel verschwinden, und die Macht über andere dominiert.
Parallelen zu „Die Welle“ sind vorhanden – doch hier in diesem Roman wird noch ein Scherflein daraufgelegt – und entlässt die Leser*innen mit offenem Mund.
Die Sprache ist direkt, knapp und treibt einen durch die Seiten – Pageturner ist da das richtige Wort.
Ganz große Leseempfehlung für diesen dystopischen Ausflug in die Zukunft und in die psychologischen Grundsätze des Objekts Mensch.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MarcoL
Intensive Dystopie wozu ein Mensch alles fähig sein kann.
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Ein Fantasy-Spektakel sonder gleichen. Ganz große Erzählkunst!

Qwert von Walter Moers

Was für ein unglaublich fantastischer Ritt doch dieses Buch ist. Fans von Walter Moers kommen hier voll auf ihre Kosten, denn der Autor strotzt wieder mal nur so von Fantasie und Einfallsreichtum.
Qwert, der Gallertprinz und alter Bekannter aus anderen Büchern, stürzt durch ein Dimensionsloch in die Welt Orméa – und findet sich als DER Ritter zahlreicher Romane schlechthin wieder - als Prinz Kaltbluth.

Gefürchtet wie bewundert, kommt er mit seiner Rolle vorerst nur schwer zurecht. Zum Glück hat er „Tarnmeister“, seinen unsichtbaren Degen, der immer dann hilft, wenn es richtig brenzlig wird (also recht oft). Ganz am Anfang sieht er sich schon gezwungen, eine holde Maid zu befreien. Allerdings war das schöne Antlitz der jungen Frau nur eine Seite der Medaille, denn in Wahrheit ist sie eine Janusmeduse. Ihr anderes Gesicht macht das, was Medusen üblicherweise so tun – sie versteinern alles, was sie erblicken. Und dennoch entspannt sich zwischen den beiden doch so etwas wie eine Romanze – gibt natürlich niemand zu. Sie verlieren sich, dann finden sie sich wieder, wobei immer einer der beiden aus einer Gefahr gerettet werden muss. Und das, obwohl die Janusmeduse – liebevoll Jadusa (ein Kofferwort – und davon werden sehr viele mantrahaft verwendet) genannt – so ziemlich das gefährlichste Wesen in ganz Orméa ist.
Außerdem bekommt Qwert alias Kaltbluth Unterstützung von seinem (ehemaligen) Knappen Oyo und einem treuen Reittier.
43 Abenteuer muss der Gallertprinz in der leibgewordenen Statur des Helden erleben, erleiden und durchstehen, bis er – nun ja – wird natürlich nicht verraten.
Aber bis dahin kommen Flederfrösche vor, verschiedenste Ritter (gläserne (gruselig), hölzerne, eiserne, rote, blaue, usw.), Kristallskorpione (sehr böse), Riesengletscherzwerge, Ehrenrittertum samt Duellen, usw. vor.
Man reitet durch den Roman, staunt und staunt und staunt – auch über die tollen Illustrationen des Autors, die diesen 580 Seiten Klops sehr bereichern.
Große Leseempfehlung für alle Freunde von Zamonien, und die es noch werden möchten.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MarcoL
Ein Fantasy-Spektakel sonder gleichen. Ganz große Erzählkunst!
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Magischer Realismus und klare Sprache sprechen aus, was auf Haiti falsch läuft. Ein brutales Abenteuer und Machtspiel.

An der Kreuzung der Parallelstraßen von Gary Victor

Gary Victor gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Haitis. Sein literarisches Schaffen zeugt meistens von einer intensiven Gesellschaftskritik - auch in seinen Krimis.
Dieser Roman, der 2000 im Original erschien, liegt nun in einer Deutschen Erstübersetzung vor. Er spielt am Ende der 1990er Jahre und erzählt von Eric, einem ehemaligen Beamten.

Strukturanpassungen und Staatswillkür, gefüttert von einem korrupten Regime, machten ihn arbeitslos – seine damalige Partnerin wandte sich sofort von ihm ab, als er ihren gewohnten Lebensstil nicht mehr finanzieren konnte. Der Hass in Eric wucherte. Er machte die Obrigkeit für sein Unglück verantwortlich und begann, in Port-au-Prince die Verantwortlichen zu suchen und zu richten. Wer ihm dabei im Weg stand, wurde kaltblütig erschossen. Sein erstes auserwähltes Opfer war der Finanzminister. Doch dieser war schlau genug, Eric weitere „Schuldige“ zu präsentieren und sich selbst als Opfer zu inszenieren. Die Jagd setzte sich fort.
Mittlerweile versank Haiti im Chaos. Eine Heiligenstatue wurde lebendig und machte ihr eigenes Rache-Ding. Spiegel wurden blind, und alles Geschriebene stand auf einmal rückwärts da. Auch die Menschen begannen, rückwärts zu sprechen. Die absolute Anarchie startete, während der Präsident und seine Untergebene in Saus und Braus lebten und sich um die arme Bevölkerung nicht kümmerten.
Die Sprache ist meistens äußerst direkt. Der magische Realismus, dem sich der Autor hier bedient, lockert einiges auf und macht es gleichzeitig bildhafter und schärfer. Das Töten von Menschen erfolgt in einer kaltblütigen Geläufigkeit, ohne Skrupel und Gewissen – und steht für das Verhalten der Regierenden gegenüber der Bevölkerung. Das Erblinden der Spiegel ist hier eine starke Metapher für den sterbenden Widerstand und die Willkür der Mächtigen.
Manche Szenen sind wirklich nichts für empfindliche Mägen. Auch der Autor selbst hat lange gezaudert, ob er den Roman in der vorliegenden Form überhaupt veröffentlichen soll, weil er ihm oftmals zu brutal vor kam.
Er tat es – und wurde dafür ausgezeichnet. Zu recht – es ist ein kafkaesker Amoklauf, der aufzeigt, was im Land schiefläuft, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten. Das Einfließen des Magischen Realismus' ist in einem von der Voodoo Kultur geprägtem Land beinahe schon ein Muss. Auch der Titel ist sehr stichhaltig: die Lösung der gestellten Aufgaben findet Eric an der Kreuzung der Parallelstraßen – also eigentlich nirgends, erst in der Unendlichkeit.
Sehr gerne gelesen, trotz mancher schockierender Szenen, - und gerne gebe ich eine Leseempfehlung für alle, die dieses Abenteuer wagen – oder auch mal über den Tellerrand blicken wollen. Es ist eine Regimekritik der anderen Art, wie wir sie in der europäischen Literatur wohl eher kaum finden. Die Werke des Autors kann ich alle uneingeschränkt empfehlen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MarcoL
Magischer Realismus und klare Sprache sprechen aus, was auf Haiti falsch läuft. Ein brutales Abenteuer und Machtspiel.