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Rezensionen von Ruth:

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Das Freibad als Soziotop

Seemann vom Siebener von Arno Frank

Arno Frank hat mich schon mit seinem Erstling „ So, und jetzt kommst du“, einem autobiographisch grundierten Roman, restlos überzeugt. Dort schickte er eine Familie mit einem Hochstapler als Vater auf ihrer Flucht durch halb Europa.
In seinem neuen Buch dagegen beschränkt er sich in Ort und Zeit „ Seemann vom Siebener“ spielt an einem einzigen Tag in einem Freibad.

Wie in einem Kammerspiel lässt er hier unterschiedliche Figuren aufeinandertreffen.
Es ist einer der letzten heißen Sommertage. Das treibt einige in Ottersweiler, einer Kleinstadt in der pfälzischen Provinz, ins heimische Freibad. Renate, kettenrauchend und kreuzworträtsellösend, sitzt an der Kasse. An ihr ziehen alle vorbei, Stammgäste wie Isobel Trautheimer und andere, die eher selten kommen, wie Josefine. Über allen wacht Kiontke; als Bademeister Herr über den Platz und zuständig dafür, dass alles sauber ist und funktioniert.
Arno Frank erzählt wechselweise aus verschiedenen Perspektiven. Dabei gewinnen die Figuren langsam an Profil, bekommen ihre eigene Geschichte.
Isobel, frühere Gymnasiallehrerin, kennt beinahe alle, die hierherkommen. Und sie kennt das Freibad von Anbeginn, hat doch ihr verstorbener Mann das Bad entworfen. Sie ist körperlich noch fit, schwimmt täglich ihre Runden, doch ihr Kopf lässt nach. Immer wieder hat sie Aussetzer, die sie zu verbergen sucht.
Lennart, weit gereister und berühmter Photograph, ist zur Beerdigung seines früheren Kumpels Max in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Beruflich ausgebrannt steht er an einem Kipppunkt seines Lebens. Ein Besuch im Schwimmbad weckt Erinnerungen an früher. Und hier trifft er auf Josefine, seine Jugendliebe. Doch auch die fragt sich gerade, wie ihr Leben weitergehen soll, nach dem Unfalltod ihres Mannes.
Die Erzieherin Melanie kommt mit ihrer Kindergartengruppe, um heute mit denen das „ Seepferdchen“ abzulegen. Und dann ist da noch das namenlose Mädchen, das an diesem Tag unbedingt den „Seemann“ vom Siebener machen möchte. Und das, obwohl der Siebener - Turm seit jenem Unglück gesperrt ist.
Dieser Unfall liegt wie eine dunkle Wolke über dem ansonsten wolkenlosen Tag. Nur in Andeutungen erfährt der Leser immer mal wieder etwas darüber und erst am Ende wird man Genaueres wissen und mit viel Aufmerksamkeit auch hinter die erzählerische Pointe kommen.
Kiontke z.B. fühlt sich verantwortlich und macht sich Vorwürfe, obwohl ihn keine Schuld daran trifft. Und das Mädchen hat sich seit jenem Tag völlig von der Welt zurückgezogen. Sie ist auch die Einzige, bei der Arno Frank aus der Ich- Perspektive erzählt. Bei allen anderen wendet er die personale Erzählform an.
Beide Erzählperspektiven erlauben ihm aber, ganz dicht an seinen Figuren zu sein.
Doch neben dieser Tragödie geht es auch um kleinere und größere Dramen im Leben der handelnden Figuren. Das alles wird mit leichter Hand und viel Humor und einer gewissen Melancholie erzählt. Dabei beweist Arno Frank Empathie, ein Gefühl für Spannung und sprachliches Können. So gibt er z.B. jeder seiner Figuren einen eigenen unverwechselbaren Ton. Und beinahe jede hätte das Potential für einen eigenen Roman.
Am Ende bleibt zwar manches offen; es liegt nun an der Phantasie des Lesers, sich auszumalen, wie es weitergehen mag.
Arno Frank versteht es auch meisterhaft, die Atmosphäre eines Sommertages im Freibad heraufzubeschwören. Man hört das Gelächter und Schreien vom Beckenrand, das Plätschern der Duschen, riecht die Mischung aus Sonnenöl und Pommes - Geruch, schmeckt die vertrauten Aromen der alten Eissorten vom Kiosk. Das weckt sicherlich bei vielen Lesern nostalgische Gefühle.
Dabei ist das Buch auch eine Liebeserklärung an das gute, alte Freibad, das man heute beinahe nur noch in der Provinz antrifft. Ohne großen Schnickschnack, ohne irgendwelchen Wellness - oder Fun- Bereich. Doch sein Ende scheint auch in Ottersweiler in greifbare Nähe gerückt zu sein.
„ Seemann vom Siebener“ ist ein unterhaltsamer, aber keineswegs banaler Roman, dem ich viele Leser wünsche.
Der „Seemann“ ist übrigens ein Kopfsprung, bei dem die Arme hinter dem Rücken bleiben.

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Das Freibad als Soziotop
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Kindheit und Jugend in Bulgarien

Samuels Buch von Samuel Finzi



Samuel Finzi, auf den großen deutschsprachigen Bühnen wie auch in Film und Fernsehen zu Hause, hat nun seinen ersten autobiographischen Roman vorgelegt.
Schon das Cover weckt Aufmerksamkeit: ein Photo des jungen Samuel beim Kopfstand inmitten einer Freundesclique. Allerdings steht das Bild Kopf, als trüge er die Welt.

Samuel, genannt Sancho, geboren 1966 in Plodiv, Bulgarien, wuchs in einer jüdischen Künstlerfamilie auf. Der Vater ist ein bekannter Theaterschauspieler, die Mutter eine renommierte Pianistin. Das künstlerische Milieu prägte von klein auf sein Leben. Schauspieler, Musiker und Theatermacher verkehrten im Haus. Theateraufführungen, Konzerte, Museumsbesuche und das Kino gehörten zum Alltag. Liebevoll und voller Dankbarkeit schreibt Samuel Finzi über seine Eltern und Großeltern.
Er erzählt von Ferien am Meer, von einem Parisaufenthalt bei der Verwandtschaft, von frühen Verliebtheiten und vom Schulalltag. Weil die Mutter ihn für unterfordert hält, meldet sie ihn in einer Experimentellen Schule an. Die steht unter dem besonderen Schutz der Kultusministerin, der Genossin Schiwkowa, Tochter von Todor Schiwkow, dem bulgarischen Staatsoberhaupt. Dass sie Jahre später unter mysteriösen Umständen umkommt - eventuell war es ein Auftragsmord - erfahren wir auch im Buch.
Überhaupt, und das ist für mich von großem Interesse, beschreibt Samuel Finzi an vielen Beispielen, was es heißt, in einem sozialistischen Staat aufzuwachsen. Schon früh ist bei ihm die Sehnsucht nach dem Westen, nach der Freiheit vorhanden. Die Erfahrungen bei seiner zweijährigen Wehrpflicht bestätigen ihn darin. Es wir ihm zusehends zu eng in diesem Land.
Ende der 1980er Jahre werden die Reisebedingungen gelockert, so dass Finzi seine in Bulgarien begonnene Schauspielausbildung im Westen weiterführen kann, erst in Paris, dann in Berlin.
Das Buch endet im Dezember 1989 , der dreiundzwanzigjährige Samuel Finzi landet in Berlin- Schönefeld.
Das Buch liest sich sehr unterhaltsam. Gespickt mit zahlreichen Anekdoten, voller Witz und Ironie schreibt Finzi über seine Kindheit und Jugend; uneitel, doch gerne auf eine Pointe hinzielend. Seine genauen Beobachtungen sorgen für ein anschauliches Bild vom real existierenden Sozialismus in Bulgarien. Das Künstlermilieu, in dem sich Finzi bewegt, ist ein angenehmes Kontrastprogramm dazu. Es ist freilich kein gefährliches Dissidentenleben, das Nonkonforme zeigt sich eher in kleinen Dingen und im Denken.
Mit leichter Hand begibt man sich mit diesem Roman auf eine Zeitreise in das Bulgarien der 1970er und 80er Jahre, lernt dabei einen sympathischen Künstler näher kennen und erfährt viel Wissenswertes über ein Land, das nicht so sehr in unserem Fokus liegt.
Vielleicht erfahren wir bald, wie es weiterging im Leben von Samuel Finzi.

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Kindheit und Jugend in Bulgarien
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Ein mythischer Ort

Der weiße Fels von Anna Hope

Der titelgebende weiße Fels ragt vor der Pazifikküste Mexikos aus dem Meer. Für die Wixarika, einer indigenen Volksgruppe Mexikos, ist es ein heiliger Ort. Hier liegt für sie der Ursprung des Lebens. „ An diesem Ort verliebte sich die Formlosigkeit zum ersten Mal in die Form. Und so, genau so wurde die Welt geboren, an jenem Ort und zu jener Zeit.

“ so heißt es im Roman.
Dieser mythische Ort ist der Fixpunkt für vier Erzählungen, die die englische Autorin Anna Hope zu einem Roman verwebt hat. Dabei begibt sich der Leser auf eine Zeitreise, die beinahe 250 Jahre umfasst. Alle Geschichten basieren auf tatsächlichen Ereignissen.
In „ Die Schriftstellerin“ reist im Jahr 2020 eine namenlose Frau, die sehr viele Parallelen zur Autorin aufweist, gemeinsam mit ihrem Ehemann und der dreijährigen Tochter nach San Blas, diesem kleinen Fischerdorf am Pazifik. Hier möchten sie dem weißen Felsen ein Opfer bringen, als Dank für die langersehnte Mutterschaft. Die Fahrt hierher war anstrengend, vor allem für das Kind. Und für das Ehepaar wird es die letzte gemeinsame Reise sein. Danach werden sie sich trennen.
Im Jahr 1969 verbringt der „ Sänger“, den man eindeutig als Jim Morrison, den Frontman der „ Doors“ identifiziert, ein Wochenende am gleichen Ort. Hierher ist er geflüchtet vor den Anforderungen seiner Bandkollegen, vor aufdringlichen Fans und vor den amerikanischen Behörden, in deren Visier er geraten ist. Mit Hilfe von Alkohol und Drogen möchte er an diesem spirituellen Ort, den weltberühmten Star hinter sich lassen, wieder zu sich selbst finden.
Im Jahr 1907 werden hierher zwei Mädchen aus dem Stamm der Yoemem zur Zwangsarbeit verschleppt. In ihrer Heimat in Arizona muss ihr Volk Platz machen für Expansionsansprüche der Amerikaner. Und hier dürfen sie mit ihrer Sklavenarbeit den Fortschritt und den Reichtum Mexikos vorantreiben.
Im 18. Jahrhundert war dieser Ort strategischer Ausgangspunkt für die spanischen Kolonisatoren. Im Auftrag des spanischen Königs soll im Jahr 1775 ein Kapitänleutnant von San Blas aus die amerikanische Westküste erkunden und in Besitz nehmen.
Die Autorin arbeitet sich kapitelweise in die Vergangenheit zurück. Dann bekommt der Fels selbst auf einer Seite eine Stimme und danach geht es rückwärts bis in die Gegenwart. Die beiden Kapitel über die Schriftstellerin bilden somit die Klammer des Romans.
Jede der Erzählungen steht für sich. Was sie eint ist ihr jeweiliger Bezug zum weißen Felsen. Ist er für die eine Adressat eines Dankesopfers, bittet ihn Jahrhunderte zuvor ein junger Spanier um Vergebung. Erhofft sich das indigene Mädchen vom Felsen Schutz und Rettung, soll er dem Sänger Ruhe und Erlösung bringen. Für alle ist dieser Felsen mehr als eine Gesteinsformation.Er bekommt einen eigenen Charakter, zeigt sich mit menschlichen oder tierischen Zügen.
Doch nicht nur der Felsen ist ein durchgehendes Motiv. Es geht immer wieder um Ausbeutung, um Zerstörung und Aneignung.
Gleich zu Beginn fragt sich die Schriftstellerin, welches Recht sie hat, sich einer uralten Religion zu bedienen, um ihre ganz privaten Wünsche zu äußern. Und als sie an diesem heiligen Ort auf Geschichten stößt, die sie für ihre Arbeit als Autorin benutzen will, sieht sie sich selbst in einer langen Tradition. „ Was will sie hier, wenn nicht ebenfalls schürfen? Sich am Rohmaterial der Geschichte bedienen und aus den Schmerzen, der Mühsal und den unvorstellbaren Verlusten eine Geschichte formen, die sich verkaufen lässt. Sie ist genauso korrupt wie alle anderen. Genauso ausbeuterisch wie jene, die vor dreihundert, vierhundert oder fünfhundert Jahren auf der Suche nach Gold an diesen Ort kamen.“
Anna Hope hat mit „ Der weiße Fels“ einen klugen, reflektierten Roman geschrieben, der zeitlose Fragen stellt. In einer z.T. nüchternen, dann wieder poetischen Sprache entwickelt sie ihre Geschichten, entwirft Figuren, die in Erinnerung bleiben und schafft Bilder voller Eindrücklichkeit und Schönheit. Auch wenn mich nicht jedes Kapitel gleichermaßen erreichen konnte ( am wenigsten hat mich die Geschichte um den Sänger interessiert), so habe ich das Buch doch sehr gerne gelesen.
Der Zukunftsangst der Schriftstellerin, ihrer Zerrissenheit und Unsicherheit stellt sie die Kraft der Liebe gegenüber. Auch wenn sie ihrer Tochter keine Sicherheit und keine unbeschwerte Zukunft bieten kann, so kann sie von ihrem Kind lernen, das Leben im Augenblick zu leben.

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Ein mythischer Ort
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Die Entwicklung eines Schriftstellers

Das glückliche Geheimnis von Arno Geiger

Das glückliche Geheimnis des Arno Geiger wird gleich in den ersten Sätzen enthüllt: Ein Vierteljahrhundert machte der Autor Streifzüge durch Wien, anfangs zu Fuß, später erweitert er seinen Radius mit dem Fahrrad. Dabei wühlte er kopfüber in Altpapiercontainern, immer auf der Suche nach Verwertbarem.

Ausgelöst wurde diese Passion durch einen Zufallsfund, fünf große Kartons voller Bücher. Zu dieser Zeit war Arno Geiger ein mittelloser Student mit dem Berufswunsch Schriftsteller. Seine Funde verhalfen ihm zu Zufallslektüren, aber vor allem trugen sie zu seinem Lebensunterhalt bei. Geiger verkaufte seine „ Beute“ auf Flohmärkten und wertvollere Stücke, wie seltene Bücher, Briefmarkensammlungen oder Druckgrafiken, an Auktionshäuser. Ein Bündel lithografierter Postkarten der Wiener Werkstätten brachten ihm einmal ein halbes Jahresgehalt ein.

Arno Geiger beschränkt sich in seiner autobiographischen Erzählung nicht nur darauf, sein Geheimnis zu lüften, sondern er lässt uns auch an seinem Privatleben teilnehmen. Wie in jedem menschlichen Leben spielen Liebesglück und Liebesleid, Krankheit und Tod auch in seinem Leben eine große Rolle.
Wir lesen deshalb von seinen langjährigen Beziehungen zu M. und K. und den diversen Affären dazwischen. Einerseits diskret -er verwendet jeweils den Anfangsbuchstaben als Kürzel- andererseits sehr freimütig und offen schreibt er von Untreue, Streitereien und Beziehungskrisen. Dass seine Ehe mit K., einer Ärztin, heute so stabil und glücklich ist, liegt für den Autor in den gemeinsam durchgestandenen „ schlechten Jahren“. So vermag er auch darin etwas Positives sehen.
Es geht im Buch ebenfalls um das Verhältnis des Autors zu seinen Eltern. Die Demenzerkrankung seines Vaters, die er sehr einfühlsam in seinem Buch „ Der alte König in seinem Exil“ geschildert hat, spielt eine wesentliche Rolle, genauso wie die Beziehung zur Mutter.

Doch „ Das glückliche Geheimnis“ erzählt vor allem vom mühevollen Weg des Schriftstellers Arno Geiger, von Selbstzweifeln und einem Leben in prekären Verhältnissen und von seinen Erfahrungen im Literaturbetrieb. Seine ersten Bücher verkaufen sich schlecht; eine Lesung in Klagenfurt stößt auf wenig Resonanz. Erst mit seinem 2005 erschienenen Roman „ Es geht uns gut“ gelang ihm der Durchbruch. Das Buch erhält den erstmals verliehenen Deutschen Buchpreis. Doch der Erfolg fordert seinen Tribut, ein Burnout ist die Folge. Das „ Vater- Buch“ wird ebenfalls zu einem Bestseller; sein letzter Roman „ Unter der Drachenwand“ gilt vielen als sein bester.
Wesentlich zu seiner Entwicklung als Schriftsteller beigetragen, haben seine Funde aus dem Müll, davon ist Arno Geiger überzeugt. Hat er anfangs überwiegend Verkaufbares aus den Containern gefischt, so suchte er später ganz gezielt nach Tagebüchern und Briefen. Hierin fand Geiger das wirkliche Leben; das habe ihm eine enorme Menschenkenntnis gegeben, ein notwendiges Wissen für einen der, „ vom Leben der Menschen erzählt.“ „ Ich kenne Glück und Kummer aus zwei Jahrhunderten,… Mir ist das eine Menschliche nicht fremder als das andere.“ so heißt es im Buch. Z. B. hat Arno Geiger als Vorbereitung für seinen Roman „ Die Drachenwand“ etwa 20.000 Briefe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs gelesen, sehr viele davon im Abfall gefunden.
Aus diesen authentischen Zeugnissen entwickelt Geiger eine Poetologie für sein Schreiben. „ Ein Künstler des Ungekünstelten“ will er sein. Und er habe, wie er überspitzt formuliert, aus Tagebüchern mehr gelernt als aus dem ganzen Proust. Doch ohne Kunst entsteht keine Literatur. Das weiß auch Arno Geiger. „Aber eine Katze, wenn sie auch zehn Kanarienvögel frisst, kann deshalb noch lange nicht singen. Es braucht eine literarische Verwandlung, eine Form, eine Sprache.“

Scham über sein „ Doppelleben“ hat Geiger oftmals empfunden, deshalb wussten davon auch nur wenige. Sein Abtauchen in Altpapiercontainern ließ sich nicht mit seinem „ Selbstbild eines souveränen Künstlers“ vereinbaren. Dass er als gefeierter Autor nie dabei erkannt wurde, verwundert ihn wenig. Wer in Müll wühlt, hat kein Ansehen. „ Und wer kein Ansehen hat, der ist unsichtbar.“

Etwaigen Vorwürfen, dass er durch das Lesen von persönlichen Briefen und Tagebüchern die Privatsphäre anderer verletzt, kommt Arno Geiger zuvor. Durch das Wegwerfen verwandelt sich das Private in Abfall und er macht daraus dann ein Dokument.

Gleichzeitig ist das Buch eine kleine Kulturgeschichte des Abfalls. Im Müll findet sich das kulturelle Gedächtnis. „ Denn in den Müll kommt, was erledigt ist, und in diesem Erledigten gibt eine Gesellschaft Auskunft über sich selbst.“
Im Verlaufe von Arno Geigers Sammlertätigkeit hat sich auch der Inhalt der Papiercontainer verändert. Fanden sich früher vermehrt Liebesromane, so sind heute die Krimis in der Überzahl, statt Zeitungen und Handschriftliches vermehrt Verpackungsmüll, statt Sexhefte Pizza- und Weinkartons.

Arno Geiger hat mit „ Das glückliche Geheimnis“ ein sehr persönliches Buch vorgelegt. Mir gefiel die Mischung aus Privatem und Essayistischem und ich habe diese kluge, unterhaltsame und selbstironische Erzählung sehr genossen. Der Autor wünscht sich, „ dass alle, die das Buch lesen, darin etwas für sie Wichtiges finden.“ Das ist ihm auf jeden Fall gelungen.

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Die Entwicklung eines Schriftstellers
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Ein wichtiges Thema kindgerecht umgesetzt

Wieso? Weshalb? Warum? Band 51 - Mutig, stark und selbstbewusst von Patricia Mennen

Alle Eltern wünschen sich starke und selbstbewusste Kinder, denn ein positives Selbstbild stärkt sie für ihr ganzes Leben. Sie begegnen neuen Anforderungen voller Tatendrang und Neugierde, werden aber auch mit Rückschlägen leichter fertig. Selbstbewusstsein ist nicht zu verwechseln mit Egoismus, denn
Menschen, die in sich gefestigt sind, fühlen sich anderen weder überlegen noch stellen sie ständig Vergleiche an.

Eine gute Möglichkeit, Kinder auf ihrem Weg zu mehr innerer Stärke und Selbstbewusstsein zu begleiten, stellt das neue Buch aus der Reihe „ Wieso Weshalb Warum“ dar.
Es geht zuerst um die Einzigartigkeit und Gleichwertigkeit jedes Menschen. Angst, Mut und Vorsicht werden an verschiedenen Beispielen anschaulich gemacht, ebenso Erfolge und Rückschläge. Wann ist Vertrauen angesagt, wo muss ich mich abgrenzen und Nein-sagen ? Die Bedeutung, einer Gemeinschaft anzugehören und das schreckliche Gefühl, ausgeschlossen und ausgegrenzt zu werden, wird ebenfalls thematisiert. Außerdem liefert das Buch konkrete Vorschläge zu mehr Kraft und Selbstbewusstsein.
Die Begleittexte sind leicht verständlich und die farbenfrohen Illustrationen zeigen Szenen aus dem kindlichen Alltag.
Ein rundum gelungenes Buch, das viele Möglichkeiten bietet, mit dem Kind ins Gespräch zu kommen.

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Zeugnis für die Widerstandskraft des ukrainischen Volkes

Rote Sirenen von Victoria Belim

Victoria Belim ist in der Ukraine geboren und aufgewachsen. Mit 15 Jahren wanderte sie mit ihrer Familie in die USA aus, studierte dort Politikwissenschaften und lebt und arbeitet heute in Belgien. In ihrem Debutroman beschäftigt sie sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte.
Als im Jahr 2014 Russland die Krim annektiert und auf dem Maidan in Kiew die Gewalt zwischen Polizisten und Demonstranten eskaliert, beschließt die Journalistin Victoria Belim im fernen Brüssel einen Besuch in der alten Heimat.

Der letzte Auslöser für ihren Entschluss war ein kurzer Vermerk im Notizbuch ihres Urgroßvaters: „ Bruder Nikodim, verschwunden in den 1930ern im Kampf für eine freie Ukraine.“ Seltsam, niemals wurde in der Familie über Nikodim gesprochen.
Die Neugierde war geweckt, Victoria Belim wollte die Wahrheit über diesen unbekannten Urgroßonkel herausfinden.
Sie reist zu ihrer Großmutter Valentina nach Bereh, einem kleinen Ort in der Nähe von Poltawa. Doch diese hält wenig davon, in der Vergangenheit herumzuwühlen. Deshalb verweigert sie ihrer Enkelin irgendwelche Auskünfte und kümmert sich stattdessen wie gewohnt um ihren großen Obst- und Gemüsegarten. Victoria hilft ihr bei der Gartenarbeit, obwohl sie wenig davon versteht. Unter der Anleitung der Großmutter lernt sie die Stämme der zahlreichen Kirschbäume zu kalken, Kartoffeln anzupflanzen und den Garten von Unkraut freizuhalten.
Dazwischen aber begibt sich die Autorin immer wieder auf die Suche nach ihrem verschwundenen Urgroßonkel. Bei ihrer Recherche trifft sie auf viele Menschen, genießt deren Gastfreundschaft und Unterstützung, doch die Hinweise sind dürftig.
Fündig wird Victoria Belim erst im Hahnenhaus in Poltawa. Die titelgebenden Sirenen schmücken dort das Eingangsportal und werden im Volksmund Hähne genannt. Dieses schöne Gebäude war für die Bewohner der Stadt ein Ort des Schreckens. Hierin war zu Sowjetzeiten der berüchtigte Geheimdienst untergebracht. „ Die Bewohner von Poltawa scherzten, das Hahnenhaus sei das höchste Gebäude der Stadt, denn selbst im Keller könne man bis nach Sibirien sehen.“ Im Keller waren die Folterkammern der Tscheka und auf dem Höhepunkt des Großen Terrors, in den Jahren von 1937 bis 1938, wurden hier massenweise Menschen unter den absurdesten Vorwürfen festgehalten, gequält, zur Deportation verurteilt oder gleich ermordet.
Heute sind hier nun die Akten der Opfer des kommunistischen Terrors archiviert und hier endlich löst sich das Rätsel um Nikodim.
Der Leser macht sich gemeinsam mit der Autorin auf die Suche nach der Vergangenheit. Dabei wird deutlich, dass die Familiengeheimnisse eng verknüpft sind mit der leidvollen Geschichte des Landes. Für viele Ukrainer ist es schmerzhaft, sich zu erinnern. Lieber wird das Vergangene verdrängt und man konzentriert sich auf die Bewältigung des Alltags. So wie es Großmutter Valentina macht. Die Arbeit im Garten schenkt ihr Ruhe und Zufriedenheit. Gleichzeitig versorgt er sie mit dem Lebensnotwendigen.
Doch Verdrängen kann keine Lösung sein. Das bekommt auch Victoria zu spüren, die ebenfalls ein familiäres Trauma verarbeiten muss.

Die Verbundenheit der Autorin mit ihrer alten Heimat und die Liebe zum Land sind auf jeder Seite spürbar.
Mit diesem Roman bekommt der Leser einen tiefen Einblick in die Seele der ukrainischen Bevölkerung, ihre Kultur und ihre Traditionen und zugleich jede Menge Informationen über die Historie dieses Landes, unabdingbar, um die aktuelle Lage besser zu verstehen .
Vor dem Hintergrund des jetzigen Krieges gewinnt das Buch eine ungeheure Bedeutung und Aktualität. Im Vor- und Nachwort geht die Autorin auf die neuen Geschehnisse ein und sie stellt dabei die berechtigte Frage, „ ob wir 2022 in diese Situation geraten wären, wenn sich die Welt 2014 mehr um mein Land geschert hätte.“
Mit „ Rote Sirenen“ ist der Autorin eine sehr persönliche und ergreifende Familiengeschichte gelungen, das Zeugnis ablegt von der Widerstandskraft des ukrainischen Volkes.

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Zeugnis für die Widerstandskraft des ukrainischen Volkes
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Geschichten aus dem kindlichen Alltag

Bildergeschichten zum Mitmachen: Hier kommt Finni Fuchs von Katja Reider

Finni Fuchs ist ein aufgeweckter, liebenswerter Fuchs im Kindergartenalter. In fünf Geschichten begleiten wir ihn durch seinen Tag. Es beginnt mit dem Aufwachen am Morgen. Finn ist der Erste in der Familie, der munter ist. Mama darf noch ein bisschen weiterschlafen, während Finn und sein Papa schon mal das Frühstück richten.

Im Kindergarten fällt dem kleinen Fuchs der Abschied von seinem Papa noch schwer, doch bald spielt er fröhlich mit seinen Freunden. Nach dem Einkaufen darf Finn seiner Mama beim Kuchenbacken helfen für den Besuch von Oma und Opa. Und am Abend nach der Gutenachtgeschichte fallen dem kleinen Fuchskind die Augen zu.
Mit viel Einfühlungsvermögen und einer Portion Humor werden jede Menge Episoden beschrieben, die kleinen Kindern vertraut sind. Das lädt zur Identifikation ein und zum Gespräch.
Die farbenfrohen Illustrationen sind allerliebst und voller Details zum Entdecken und Benennen. An der Mimik der Figuren lässt sich sehr gut die jeweilige Stimmungslage erkennen. Große ein- oder doppelseitige Bilder wechseln mit kleineren Bildern ab; die Textanordnung passt sich dem an. Die Sprache ist leicht verständlich, aber nicht anspruchslos. Einzelne Zwischenfragen beziehen das zuhörende Kinder mit ein und fordern von ihm Aufmerksamkeit und genaues Hinschauen.
Am Ende gibt es noch eine kleine Finn- Figur zum Herausnehmen und drei Kleidungsvariationen zum Anziehen. Allerdings ist das Papier zu dünn für kleine Kinderhände.
„ Hier kommt Fuchs“ ist ein wunderschönes Bilderbuch zum Vorlesen mit einem Protagonisten, den man gleich ins Herz schließt.

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Geschichten aus dem kindlichen Alltag