Kunden em pfehlungen
Rezensionen von niki:
Der Untergang Venedigs
Acqua alta von Isabelle Autissier
ch war schon sehr oft in Venedig. Unvergesslich wird bleiben, als ich zwei Tage nach dem ersten Lockdown dort hinfuhr und genau wusste, so werde ich Venedig nie mehr erleben. Es war beeindruckend: kaum eine Menschenseele war anzutreffen, nur Einheimische – das hatte Flair und Stimmung.
Isabelle Autissier konnte mich schon vor ein paar Jahren mit ihrem Roman „Herz auf Eis“ begeistern.
Auch Aqua alta ist kurzweilig und interessant zu lesen – ganz an „Herz auf Eis“ kommt es jedoch nicht heran.
Der Roman beginnt damit, dass Guido Malegatti in einem Krankenhaus erwacht und sich erinnert, dass die befürchtete Katastrophe eingetroffen ist: Venedig ist von einer gewaltigen Flutwelle erfasst worden und liegt in Trümmern. Auch der Sperrwall M.O.S.E., der dem italienischen Staat Milliarden gekostet hatte, konnte Venedig nicht schützen.
Mit einem Boot fährt Guido Malegatti durch das zerstörte Venedig, auf der Suche nach seiner Tochter Lea.
Die drei Mitglieder der Familie Malegatti stehen für unterschiedliche Sichtweisen auf Venedig:
Guido Malegatti, aufstrebender und ehrgeiziger Stadtpolitiker, ist zuständig für Wirtschaftsangelegenheiten, will eine Stadtentwicklung in Richtung mehr Tourismus, noch mehr Hotels, noch mehr Kreuzfahrtschiffe.
Seine Frau Maria Alba stammt aus dem alten Adel Venedigs, deren Familie drei Dogen hervorbrachte. Sie steht im Roman für die prachtvolle historische Geschichte Venedigs. Sie zeigt ihrer Tochter Lea die Schönheit der Stadt bei gemeinsamen Spaziergängen.
Seine Tochter Lea ist eine militante Umweltaktivistin und protestiert gegen Massentourismus, Kreuzfahrtschiffe und auch gegen den Vater, um ihr Venedig zu retten.
Der Roman ist sehr realistisch geschrieben und führt die Problematik Venedigs mit seinem Massentourismus deutlich vor Augen. Er schafft so ein Bewusstsein für eine mögliche Zukunft. Das Konzept der drei Sichtweisen auf Venedig finde ich besonders gelungen. Alles in allem ein sehr lesenswerter und wichtiger Roman!
Dysfunktionale Mutter-Tochter-Beziehung
Wir sitzen im Dickicht und weinen von Felicitas Prokopetz
Primär geht es um Valerie, deren Mutter Christina eine Krebsdiagnose erhält. Zugleich möchte Valeries Sohn Tobi mit 16 Jahren einen Sprachaufenthalt für ein Schuljahr in England absolvieren. Valerie wird somit aufgerieben zwischen Mutter- und Tochtersein.
Durch die Krebsdiagnose erwartet sich Christina, dass Valerie für sie da ist – jedoch ist die Beziehung schon längst so dysfunktional, dass Christina ihre Tochter damit nur mehr nervt.
Wie konnte es so weit kommen? In Rückblenden geht es auch um die weiblichen Vorfahren von Valerie – die beiden Großmütter und deren Geschichte, Erfahrungen und deren Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens. Wie wurden Valeries Mutter und Vater erzogen und unter welchen Umständen sind die beiden aufgewachsen? Wie war Valeries Mutter selbst als Mutter?
Felicitas Prokopetz gelingt mit ihrem Debüt in knappen Kapiteln ein eindringlicher Roman, der vorwiegend aus der weiblichen Perspektive zeigt, was es heißt Mutter zu sein – und das über Generationen. Welche Erwartungen hat die Gesellschaft und wie gehen einzelne Frauen damit um? Es geht dabei vor allem darum aufzuzeigen, wie sich dadurch die Beziehungen zu ihren erwachsenen Kindern später entwickeln.
Ein tiefgehender, schmerzlicher Roman, der die unterschiedlichen Sichtweisen der beiden Frauen verständnisvoll erzählt.
Unbedingte Leseempfehlung!
Nie von ihnen gehört?
"Einige Herren sagten etwas dazu" von Nicole Seifert
Nicole Seifert hat sich die Gruppe 47 unter die Lupe genommen und ihren Fokus auf die Frauen dieser Gruppe gelegt.
20 Jahre lang traf sich die Gruppe 47 regelmäßig. Gefürchtet, und doch als Erfolg zu verbuchen, waren Einladungen zur Lesung der eigenen Texte vor der Gruppe. Anschließend wurden diese besprochen und einer harten Kritik unterzogen – die vor allem für Männer durchaus positiv ausfallen konnte.
In der Gruppe 47 positiv aufzufallen, bedeutete oftmals für die weitere Karriere einen deutlichen Schub.
Was mir besonders gut gefallen hat: dass hier verdeutlicht wird, wie unterschiedlich Frauen und Männer dieser Kritik unterzogen wurden: Männer wurden literarisch beurteilt, bei den Frauen ging es vor allem um ihr Äußeres; sie wurden somit auch bald vergessen, bis auf einige wenige.
Mit großem Genuss habe ich das Buch an einem Wochenende verschlungen. Auch mit dem Gefühl, wieder etwas kennengelernt zu haben – mir unbekannte Schriftstellerinnen, deren Werke und Biografien. Sowie, welchen Fokus es noch braucht, um zu sehen, wie Frauen einfach von der Bildfläche verschwinden – wie die Frauen der Gruppe 47.
Wie ein reales Leben
Lil von Markus Gasser
arah Cutting erzählt die Geschichte ihrer Vorfahrin Lillian Cutting, der Eisenbahnunternehmerin und Millionärin. Beim Lesen teilt man fast die Meinung, 1880 hätte Lillian Cutting wirklich gelebt.
Nach dem Tod ihres Mannes Chev führt Lil die Geschäfte klug und erfolgreich weiter. Ihr Sohn Robert und die New Yorker Gesellschaft sind sich jedoch einig, dass diese Frau zu starr und eigensinnig ist.
Sie verhält sich nicht so, wie eine Frau es tun sollte – unterwürfig und angepasst. Robert lässt seine Mutter in einer Psychiatrie verschwinden und entmündigen, nachdem sie morphinsüchtig ist, um an ihr Geld zu kommen. Doch man legt sich nicht mit Lillian Cutting an!
Ein herrlich unterhaltsamer Roman, über eine exzentrische Frau, der Unrecht getan wurde, weil sie nicht in die damalige Zeit passte.
Die Geschichte einer Obsession
Muna oder Die Hälfte des Lebens - von Terézia Mora
Muna lernt Magnus Otto kurz vor ihrem 18. Geburtstag in der Redaktion einer kleinen Zeitung kennen. Gleich von Beginn an entwickelt Muna eine Obsession: sie besucht Veranstaltungen, wo sie damit rechnet ihn zu treffen, oder sie fährt zu seinem Haus und wartet dort auf ihn – ständig ist sie auf der Lauer.
Er jedoch ist eher abweisend. Nach einer gemeinsamen Nacht bleibt Magnus für sieben Jahre verschwunden. Erst durch Zufall sollen sie sich nach sieben Jahren wieder begegnen.
In dieser Zeit führt Muna Beziehungen, die alle samt eher schlecht sind, versucht ihr Studium und schlecht bezahlte Jobs unter einem Hut zu bringen.
Die Beziehung zwischen Magnus und Muna ist auch nach dem Neuanfang sieben Jahre später mehr als toxisch und Muna kann einfach nicht von diesem Typen lassen. Magnus demütigt sie, ist gewalttätig und ihr gegenüber ablehnend. Sie reist ihm hinterher, vernachlässigt Studium und Jobs. Muna ist wieder wie besessen von Magnus, kontrolliert ihn und hat Angst verlassen zu werden.
Der Schreibstil ist speziell, ein Teil der Geschichte spielt sich in Munas Kopf ab – wir folgen ihren Gedanken; was sie nicht denken darf, wird im Text durchgestrichen.
Eine Coming-of-Age Geschichte der besonderen Art, die trotz mancher Längen fesselnd zu lesen war.
Was für eine geniale Wiederentdeckung
Eine Tochter Harlems von Louise Meriwether
Harlem 1934, die Jahre der Wirtschaftskrise haben Amerika und ganz besonders die Bevölkerung Harlems getroffen. Die 12-jährige Francie lebt mit ihrer Familie in einer mehr als bescheidenen Wohnung auf engen Raum. Der Vater versucht als Einsammler im illegalen Lotteriespiel die Familie über Wasser zu halten, die Mutter putzt halbtags bei einer weißen Familie.
Die Brüder sind perspektivenlos: ihr älterer Bruder hat sich einer gefürchteten Bande angeschlossen, der jüngere Bruder ist anfangs noch der Musterschüler, schmeißt jedoch dann die Schule hin.
Francie erzählt mit einer fast naiven Selbstverständlichkeit, wie sie sich vom Bäcker oder Metzger in die Unterhose greifen lässt – für ein paar Bonbons oder ein paar Suppenknochen extra, um das Überleben zu erleichtern. Ihr Alltag ist geprägt von Rassismus, Gewalt, Armut und Sexismus. Die aufgezählten Fakten klingen trist, jedoch geht Francie damit so leicht um, dass man zwischendurch schmunzeln muss.
Der Roman „Eine Tochter Harlems“ von Louise Meriwether wurde jetzt wieder entdeckt und neu aufgelegt. Einfach Wow, wie es Meriwether gelang, diese schwierige Thematik so leicht zu erzählen. Eine absolute Empfehlung.
Aus dem Englischen von Andrea O’Brien
Dieser Roman stellt wichtige Fragen am Ende des Lebens
Das späte Leben von Bernhard Schlink
Martin, 76 Jahre, erhält die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs und die Aussicht, noch zirka zwölf Wochen zu leben, die Hälfte davon vermutlich in gutem Zustand. Was kann er seiner jungen Frau Ulla und dem sechsjährigen Sohn hinterlassen? Was kann er für die beiden noch tun? Wie soll er die verbliebene gemeinsame Zeit mit seinem Sohn nützen? Wie ihm etwas mitgeben, so dass er sich später, wenn er einmal erwachsen sein wird, an ihn erinnern kann? Was wird bleiben, wenn er einmal nicht mehr ist? Alles Fragen, die Martin sich stellt.
Ein melancholisches Buch, das sehr nachdenklich stimmt über eine der wichtigsten Fragen des Lebens: wie gestaltet man die Zeit, wenn man erfährt, dass der Tod unmittelbar bevorsteht? Ein schwieriges Thema, das in diesem Buch sehr sensibel, jedoch nicht wehleidig umgesetzt wird.
Ganz große Empfehlung.
Was für ein Meisterwerk
Der eiserne Marquis von Thomas Willmann
Wohl eines der besten Bücher die ich 2023 gelesen habe.
Erzählt wird uns Ratten – so die Bezeichnung des Erzählers für uns Leser*innen - die Lebensgeschichte des Jakob Kainer aus einer Irrenanstalt.
Wir befinden uns mitten im 18. Jahrhundert. Jakob Kainer kommt vom Land in die Großstadt Wien und beginnt dort als Uhrmacherlehrling.
Nach der Begehung eines Mordes (auch das berichtet uns der Erzähler gleich zu Beginn) muss er aus Wien flüchten und begibt sich als Soldat in den Dienst des Preußenkönigs.
Aufgrund einer schweren Kriegsverletzung verbringt er längere Zeit in einem Lazarett und wird dort vom Marquis D. ausgewählt, in seine Dienste zu treten. Jakob Kainer besitzt großes handwerkliches Geschick. Der Marquis D. leidet an einer Krankheit, die ihm immer wieder dazu veranlasst, sich den Arm stückchenweise zu amputieren und als Ersatz dient ihm ein eiserner Arm, der ihm direkt in die Wunde eingenäht wird.
Um dies zu optimieren und eventuell auch andere Körperteile oder Organe zu ersetzen, werden Versuche an Menschen und Tieren im Keller der Villa des Marquis D. durchgeführt, die überaus gruselig sind. Dies vermittelt der Geschichte eine besonders düstere Stimmung, da vieles sehr detailreich dargestellt wird – man kann sich das sehr real vorstellen.
Der Roman ist ein dicker Wälzer von über 900 Seiten, doch jede einzelne habe ich mit großem Genuss gelesen. Gerade die außergewöhnliche Sprache macht diesen Roman so faszinierend – ganz so, als ob dieser im 18. Jahrhundert geschrieben wurde; dies ist vielleicht am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, dann jedoch gut und quasi authentisch zu lesen. Ein Meisterwerk, wie von einem der großen, alten Franzosen geschrieben.
Chinesische Familienpolitik im 20. und 21. Jahrhundert
Die Gebärmutter von Sheng Keyi
Der Roman ist eine epische Familiengeschichte, die die Familienpolitik der letzten hundert Jahre in China im Fokus hat und unglaublich genial erzählt.
Die Geschichte wird weder chronologisch erzählt, noch hat sie nur eine Person im Fokus. Es geht vielmehr um das Schicksal von Frauen der Familie Chu im 20.
und 21. Jahrhundert in China.
Die Großmutter, Qi Nianci, um 1900 geboren, eine Frau, der noch die Füße gebunden wurden und die früh Witwe wurde, hält mit eiserner Hand die Familie zusammen. Aus ihrer Ehe geht ein Sohn hervor, der früh verstirbt. Er hinterlässt seine Frau Wu Aixiang, fünf Töchter und einen Sohn.
Wir erleben in diesem Roman vor allem die fünf Töchter, die der Ein-Kind-Politik in China ausgesetzt sind. Werden Frauen mit einem zweiten Kind schwanger, müssen sie hohe Strafen zahlen und werden oftmals sterilisiert – indem die Eileiter unterbunden werden. Abtreibungen, anders als bei uns, erfolgen hingegen oftmals weit nach der 12. Schwangerschaftswoche. Die Frauen leiden psychisch, aber auch körperlich an den Folgen dieser Maßnahmen.
Abtreibung und Sterilisation als eine Form von Verhütung, so mein Eindruck beim Lesen, wird deshalb auch kaum tabuisiert. Befremdlich fand ich, dass es keine Fristenlösung in China gibt, also auch noch knapp vor der Geburt abgetrieben wird.
Ich fand den Roman geradezu genial: interessant, bereichernd und unglaublich wichtig. Es geht um Selbstbestimmung von Frauen im Kontext der chinesischen Gesellschaft über mehrere Generationen hinweg.
Absolute Empfehlung.
Tagebuch und Roman einer unerwarteten Zwillingsschangerschaft
Fremdlinge von Anna Katharina Laggner
Unerwartet wird Anna Katharina Laggner, die Autorin, schwanger. Sie hat bereits ein Kind und war im Kopf schon wo anders. Sie wollte wieder auf Reisen gehen, freute sich auf mehr Freiheit und Zeit für sich. Und dann wird sie plötzlich damit konfrontiert, ein Kind zu erwarten. Zuerst nimmt sie es einfach hin, jedoch als sie erfährt, dass sie zu Zwillingen schwanger ist, kommen ihr Zweifel, ob sie das möchte.
Sie überlegt einen Abbruch und führt Protokoll, ob sie dies bereuen würde in zehn oder zwanzig Jahren.
Ständig stellt sie sich die Sinnfrage, ob berufliches Weiterkommen sinnstiftend ist oder sind es Kinder, die dem Leben Sinn geben? Sie wägt für sich nachdenklich ab und führt intelligente Argumente an – für beide Optionen. In ihre Überlegungen fließen feministische Überlegungen ein, wie zB dass sich der Staat erstmals für ihren Körper aufgrund ihrer Schwangerschaft.
Wichtig aus meiner Sicht ist, dass sie mit diesen Zweifeln und Überlegungen nicht allein ist. Sie bespricht alles mit ihrem Partner. Wesentlich erscheint mir in diesem Buch weiters, dass auch Männer gerne Väter werden wollen; dass Abtreibung auch für sie Thema ist, da es sie betrifft und es für sie ebenso schmerzhaft ist, wenn ein von ihnen gezeugtes Kind abgetrieben werden soll.
Immer wieder hofft sie auch, dass ihr diese Entscheidung abgenommen wird, dass es einen natürlichen Abgang von einem der beiden Kinder gibt – so dass es für sie ohne ihr Zutun entschieden wird.
Der Roman führt das Für und Wider eines Schwangerschaftsabbruches und dessen Konsequenzen gut vor Augen. Es kommt deutlich zum Ausdruck, dass eine Abtreibung eine verantwortliche und wohlüberlegte Entscheidung ist.
Der Roman ist mit Humor gespickt und wahnsinnig gut geschrieben. Nachvollziehbar ist das Erleben einer Schwangerschaft dargestellt. Wie Fremde und Bekannte oftmals distanzlos sind. Besonders gut gefallen haben mir die Situationen im AKH, da hatte ich alles bildlich vor mir.











