Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Hennie :
Tiefe Einblicke in die Arbeit der Rechtsmedizin
Mit kalter Hand von Michael Tsokos
Michael Tsokos, Deutschlands bekanntester Rechtsmediziner, stellt hier den dritten Band um die Ermittlungen der Rechtsmedizinerin Dr. Sabine Yao vor.
Tsokos schreibt anschaulich. Das konnte ich schon bei seinen anderen Thrillern feststellen. Schnell war ich wieder in dem Geschehen drin. Außerdem ließen mich die kurzen Kapitel mit den Angaben zu Datum/Zeit/Ort schnell mit dem Lesen vorankommen.
Das gefällt mir.
Der ständige Wechsel zwischen den einzelnen Fällen macht das Lesen abwechslungsreich und spannend.
Dr. Yao ist mir schon bekannt als sehr akribische, wissbegierige Rechtsmedizinerin, die den Fällen gewissenhaft auf den Grund geht. Das ist hier auch so, besonders bei dem Pferderipperfall. Für sie stellt die Tierpathologie etwas ganz Neues dar. Sabine Yao arbeitet gemeinsam mit anderen Experten für die Soko Ross, bringt ihr Wissen ein.
Es ist viel von anderen Untersuchungen und skurrilen Tötungsarten die Rede. Fälle, die in der Rechtsmedizin auch noch bearbeitet werden müssen. Wir erfahren, wie es im Sektionssaal so zugeht. Gerüche, Beschaffenheit von Haut, Organen, Knochen, Muskulatur, Verwesungsszustände usw.. Davon berichtet Michael Tsokos sehr intensiv und authentisch. Obduktionen werden genau beschrieben; Befunde mit allen Details ausgewertet. Vielleicht ist das für sensible Menschen nicht zu empfehlen.
Im letzten Leseabschnitt (ab S. 226) geht es recht zügig zur Auflösung der Fälle um den Pferderipper und dem Leichenzerstückler. Die Täter spielen keine Rolle mehr. Ich hätte gern mehr zu den Hintergründen der beiden Verbrecher erfahren. Sabine Yao hat ihre Arbeit exzellent zu Ende geführt. Es wurde der Erweis erbracht, dass die Rechtsmedizin in enger Zusammenarbeit mit der Polizei die Täter überführt. Die Untersuchungsmethoden wurden verständlich dargelegt. Unmögliches wird möglich. Das hat mich tief beeindruckt.
Mit kalter Hand wird als Rechtsmedizin-Thriller bzw. als True-Crime-Thriller bezeichnet, aber gerade der Thrill fehlte mir in diesem Band.
Meine Bewertung: vier von fünf Sternen. Ich fühlte mich gut unterhalten und gebe deswegen gern meine Leseempfehlung.
Relativierung des Wahnsinns
Botanik des Wahnsinns von Leon Engler
Zuerst ist mir das verrückt schöne Cover aufgefallen. Da sind weder bestimmte Blumen noch bekannte Vögel abgebildet! Nach der Lektüre des Buches fiel mir auf, wie natürlich und unverkrampft der Titel und die Illustration bei dem Thema zusammenpassen.
Autor Leon Engler verarbeitet mit Botanik des Wahnsinns seine eigene familiäre Geschichte, ein Stammbaum des Wahnsinns.
Die Großmutter bipolar, zwölf Suizidversuche, der Großvater Stammkunde in Steinhof, die Mutter Alkoholikerin, der Vater depressiv. Und er blickt auf seinen eigenen Weg: Eine Kindheit im Münchner Arbeiterviertel. Die frühe Angst, verrückt zu werden. Die Flucht vor der Familie ins entfernte New York. Jahre in Wien mit Freud im Kaffeehaus. Und wie er schließlich doch in der Anstalt landet – als Psychologe. (Auszug aus dem Klappentext)
In 46 kurzen Kapiteln gelingt es ihm sehr eindrucksvoll episodische Einblicke in diese emotional komplizierte Familiengeschichte zu geben. Der Roman beginnt ungewollt komisch mit der Verwechslung des Hausrats der Mutter bei der Zwangsräumung ihrer Wohnung. Alles von Wert und damit auch die Erinnerungen landen in der Müllverbrennungsanlage. Es verbleiben die wert- und belanglosen Überreste.
Fragmentarisch springt er zwischen den Generationen seiner Familie hin und her. In die Biografie seiner Mutter gibt er tiefere episodenhafte Einblicke. Auch mit dem Vater setzt er sich intensiver auseinander. Dabei gefällt mir, wie der Ich-Erzähler es versteht, nicht zu urteilen oder zu verurteilen. Die Authentizität berührt mich. Es wird berichtet mit einer Wahrhaftigkeit, mit einer Klarheit, mit wunderbarer Echtheit, die mich tief beeindruckt. Seine Gedanken, die er ohne Anklage gegen irgendwen niederschreibt, sind wohlformuliert, mit Zitaten durchsetzt und durch seine Arbeit als Psychologe sehr professionell. Es gibt höchstens mal klitzekleine Anklänge von Wut, die hervorblitzen, aber wer will ihm das bei solch einer Häufung von psychischen Erkrankungen in einer, nämlich seiner Familie verdenken!? Ganz stark auch, wie er das mitteilt, wie heute in der Psychiatrie die Menschen gegenüber früheren Zeiten behandelt werden. Jede Person in der Klinik ist ein Individuum, nicht die Diagnose.
"Die Psychiatrie ist alles mögliche, aber kein Ort für einfache Antworten... Die Psychiatrie ist kein Ort für gesellschaftliche Fragen.“ S. 96
Leon Engler hat mir mit dieser Erzählung den Wahnsinn relativiert. Was und wer ist schon normal?
Ich vergebe meine Lese- und Kaufempfehlung mit der Höchstbewertung!
Die vermisste Tochter und der demente Vater
Himmelerdenblau von Romy Hausmann
Die Begeisterung, die Romy Hausmanns Thrillerdebüt „Liebes Kind" bei mir auslöste, vermochte „Himmelerdenblau" nicht zu erreichen. Was mir am meisten fehlte, war leider die kontinuierliche Spannung. Den teilweise überbordenden Hype um dieses neue Buch teile ich nicht.
Bis ich mich in diese Geschichte so richtig einfinden konnte, dauerte es ziemlich lang.
Es gab viele Hemmnisse, zu viele Nebenschauplätze, die sich am Ende für mein Verständnis als überflüssig erwiesen. Auch die Podcast-Szenen fand ich entbehrlich.
Aus wechselnden Perspektiven erfahren wir, wie erneut zu der vor 20 Jahren spurlos verschwundenen Julie intensive Nachforschungen betrieben werden. Die junge Podcasterin Liv Keller nimmt den Fall wieder auf und gewinnt Julies Vater Theo für das Vorhaben, bevor er durch die fortschreitende Demenz sein Gedächtnis vollends verliert. Die jüngere Tochter Sophia zeigt wenig Begeisterung für das Vorhaben
Der Fokus liegt mehr auf dem Verschwinden des Vaters in seiner Demenz als auf dem Vermisstenfall der Tochter, der oft im Hintergrund verschwindet und zu verblassen droht. Die eindringliche Schilderung des Verlaufs der Krankheit berührt und macht betroffen. Die Erkrankung führt die Autorin sehr eindrucksvoll aus. Sie bringt das Vergessen, die langsame Auflösung der Persönlichkeit, die schrägen bzw. falschen Wörter, die Wortfindungsstörungen, kurz die allgemeine Hilflosigkeit sehr gut in dem kleingeschriebenen Text sowie in den Aktionen zum Ausdruck.
Ich nenne diesen Roman nicht Thriller, sondern eine tragische Geschichte, die viele Menschen ins Unglück stürzt. Falsche Entscheidungen ziehen ungeahnte Konsequenzen nach sich und beeinflussen mehrere Leben negativ. Die meisten der Protagonisten blieben mir fremd, da sie auch sehr unschöne Charaktereigenschaften offenbarten. Für Julies Exfreund Daniel allerdings empfand ich Mitgefühl.
Im gesamten Kontext betrachtet und beim nochmaligen Lesen einiger Sachverhalte, bspw. die Rolle Laras, schätze ich ein, dass das Buch gut durchdacht und nachvollziehbar erzählt wurde. Indes gab es für mich einige Längen und es hätte auf einiges verzichtet werden können.
Das verschwommene blaue Cover und der romantische Titel sind gut gewählt und passen hervorragend zu der Geschichte.
Soweit meine Beurteilung! Trotz der Kritikpunkte gebe ich meine Lese- und Kaufempfehlung. Ich ziehe einen Stern ab und bewerte mit vier von fünf Punkten.
Keiner muss perfekt sein!
Menschenhausen von Rusanna Danielian
In Menschenhausen dürfen die Einwohner alle irgendwie sein. Jeder darf so sein, wie er ist. Die Andersartigkeit eines Menschen steht im Vordergrund. Die Botschaft, die mit der Geschichte vermittelt werden soll: Keiner muss perfekt sein. Das funktioniert in Menschenhausen ganz gut, bis eines Tages im Ort die wunderschöne Miss Betty auftaucht.
Plötzlich fangen alle an, ihre bis dahin nie thematisierten Makel zu verstecken. Sie schämen sich sogar dafür. Bei den eigentlich zufriedenen Bewohnern treten mit dem Auftauchen der makellosen jungen Frau die negativen Charaktereigenschaften zutage. Sie empfinden Neid, Mißgunst, Scham. Doch auch die attraktive Betty hat ein gut gehütetes Geheimnis. Ihr Fehler ist gut versteckt.
Das Buch wird für das Lesealter ab acht Jahren empfohlen und ist ansprechend und kindgerecht in schöner Farbigkeit gestaltet. Ich denke, dass es gemeinsam mit den Kindern gelesen werden sollte. Das Thema ist nicht so einfach. Damit sollte man die jungen Leser nicht allein lassen.
Es regt zum Nachdenken, Diskutieren und fairen Umgang miteinander an.
Zwei Leben, das Leben davor und das danach
Zwei Leben von Astrid Korten
Ich kenne schon viele Bücher von Astrid Korten, die meisten waren Thriller, und ich habe sie ausnahmslos mit Begeisterung gelesen. Nun konnte mich die Autorin erneut überraschen mit einer neuen Seite ihres schriftstellerischen Könnens. Sie legte ihren ersten historischen Familienroman vor, der auf Erzählungen ihrer Großeltern basiert.
Erscheinungstermin: 28.05.2025 Herausgeber: BoD – Books on Demand
Der Prolog führt in den verschneiten Dezember 1941. Die Szene folgt einer geschickten Dramaturgie. Noch wissen wir nicht, wer die Frau ist, die mit blutbefleckter Kleidung von russischsprechenden Männern in bedenklichem Zustand aufgefunden wird. Schon auf der nächsten Seite gibt es einen Zeitsprung ins Jahr 2013. Großmutter Xannas Begräbnis findet statt und Enkelin Nora muss feststellen, dass sie ihre 90 jährige Oma nie richtig kennenlernte. Beim Sichten des Nachlasses findet sie auf dem Dachboden eine Schatulle mit rätselhaftem Inhalt. Zum gleichen Zeitpunkt verläßt Noras Ehemann sie und den kleinen Sohn abrupt und möchte Neues beginnen. Aus ihrem seelischen Gleichgewicht gebracht, begibt sich die junge Frau mit dem Journalisten Andreas auf die geheimnisvollen Spuren der Großmutter...
Auf 271 Textseiten (das ist so in meiner Printausgabe) und in kurzen Kapiteln entwickelt sich eine erschütternde, tief ergreifende Geschichte, die in den 2. Weltkrieg zurückreicht. Die Handlungsebenen verlaufen abwechselnd in Gegenwart und Vergangenheit. Die Hauptpersonen sind Nora Weiß und Hannah/Xanna. Die wesentlichen Handlungsorte sind Aachen in Deutschland und Glusk in Weißrussland.
Astrids Schreibstil ist wieder so mitreißend, so spannend, wie ich es von ihren Thrillern kenne, dass es mir schwerfiel, das Buch auch mal wieder aus den Händen zu legen. Die Charaktere der Haupt- und Nebenpersonen sind ausnahmslos authentisch dargestellt. Mir ging besonders eine Szene sehr tief ins Herz und an die Nieren. Ich musste innehalten, tief Luft holen, um das unfassbare Geschehen zu verstehen. Mir fehlen die Worte für solche Grausamkeiten! Dem entgegengesetzt sind zum Glück im Roman einfühlsame, gefühlvolle Szenen, die das Dasein lebenswert machen. Das unterstreicht das wunderschöne, farbenfrohe Cover mit den beiden im Flug befindlichen Schwalben und den zwei Mohnblumen.
S. 270 „Das Leben ist unvorhersehbar. Es kann immer in alle Richtungen gehen.“
Dieses Buch brachte mich, da ich bereits im achten Jahrzehnt meines Lebens bin, erneut zum Nachdenken, was ich eigentlich über meine Ahnen weiß bzw. was nicht.
Fazit:
Zwei Leben – Hinter dem Schweigen ist eine Geschichte, die von unvorstellbarem Leid berichtet. Doch nicht die Gefahren, die Schrecken des Krieges gewinnen die Oberhand, sondern es gibt Hoffnung auf Liebe und Glück, auf die schönen Momente des Lebens. Der Roman hat mich tief berührt und hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck auf mich.
Für mich ist das Buch ein Lesehighlight 2025! Deshalb von mir die Höchstbewertung!
Nachsatz:
Die NS-Zeit war eine unfassbar schlimme Zeit und was mit den Juden geschehen ist, darf sich niemals wiederholen! Der jetzigen gesellschaftlichen Entwicklung mit ihren rechtsextremen Auswüchsen muss dringendst entgegengewirkt werden.
Vom Embryo zum Schauspielstar
Sputnik von Christian Berkel
In seinem ersten Buch „Der Apfelbaum“ beschreibt Christian Berkel in eindrucksvoller Weise ein ganzes Jahrhundert deutscher Geschichte anhand der ungewöhnlichen Liebe seiner Eltern Sala und Otto in der Zeit der Nationalsozialisten. Diese aufregende, oft quälende und bittere Story der beiden aus sehr unterschiedlichen Schichten stammenden Menschen bildete den Kern des Buches.
In „Ada“ wird aus der Ich-Perspektive der Hauptfigur eine wesentlich dichtere autofiktionale Geschichte abgebildet. Das geschieht über einen Zeitraum von fast 50 Jahren. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf den 50er und 60er Jahren, die 70er und 80er sind ausgeblendet. Aus dem Bruder Peter des Autors in der Realität wurde in der Fiktion die Schwester Ada, die 1945 nach einer schwierigen Geburt in Leipzig das Licht der Welt erblickt.
Auch der dritte Roman Christian Berkels ist autofiktional. Die Erzählung erfolgt aus der Ich-Perspektive und ist in drei Teile gegliedert.
Mit Sputnik verfasste Berkel weitgehend seine eigene Lebensgeschichte, sein Werden, Wachsen und Fortkommen. Es ist für mich sehr beeindruckend, wie er das literarisch beginnt. Er fängt nämlich an mit der vorgeburtlichen Erinnerung. Sehr außergewöhnlich und lesenswert! Das muss einem erst einmal einfallen! Später kommen wiederholt die Erinnerungen an Mutter und Vater hinzu, die der Autor in seinen vorherigen Büchern ausführlich beschrieben hatte – die nicht alltägliche, schmerzvolle und komplizierte Geschichte der Eltern, die immer wieder thematisiert wird.
In sehr jungen Jahren darf Sputnik in Frankreich seine Erfahrungen sammeln, sowohl in sexueller Hinsicht als auch erste prägende Erkenntnisse für den schauspielerischen Beruf. Der Autor lässt uns teilhaben an seiner Entwicklung und zeigt dabei viele Facetten der Orientierungs- und Hilflosigkeit, Zerrissenheit und Selbstzweifel. Die Liebe zum Theater und der Literatur weisen ihm den Weg. Er kehrt zurück nach Deutschland.
Alles habe ich nicht verstanden bzw. kann es nicht einordnen. Was ist Wahrheit, was Fiktion? Im Gegensatz zum Apfelbaum und Ada, die ich mit fünf Sternen bewertete, ziehe ich hier einen Stern ab. Vier von fünf Sternen und meine Kauf- und Leseempfehlung!
Fazit:
Mich faszinierte erneut der gewandte, detaillierte, wohlformulierte Sprachstil des Autors.
Churchills Geheimnis, bleibt es eins?
Was am Ufer lauert von Lenz Koppelstätter
Wie schon im ersten Teil findet die junge Gianna Pitti, die als Polizeireporterin bei der Zeitung Messagero di Riva arbeitet, im Wasser des Gardasees eine Leiche. Dieses Mal ist es eine Frau und wie sich bald herausstellt, war das ihre Informantin. Im Auftrag ihres Vaters sollte Gianna eine CD-Rom mit wichtigen Daten übernehmen.
Leider findet sie nur die Hülle mit unvollständigem Hinweis zu Churchills Geheimnis...
Das ist der spannende Ausgangspunkt und ich begann mit großer Erwartung zu lesen. Wie im ersten Teil wird das italienische Flair, die Urlaubsstimmung am Gardasee, die italienische Art zu leben, wunderbar eingefangen. Die eigentliche Geschichte mit dem grandiosen historischen Hintergrund unter Beteiligung großer Namen ist für meinen Lesegeschmack ein wenig zu ausufernd geraten. Viel Raum nehmen die Geschichte der Adelsfamilie Pitti-Sanbaldi und die Macken des Marchese Francesco (Bruder von Arnaldo und Onkel von Gianna) ein. Dazu gibt es noch einige Protagonisten im Arbeitsumfeld Giannas, ihre Chefin Elvira Sondrini, dann die Exfrau Arnaldos, Clara sowie deren jungen Lebensgefährten Patrick, ein Historiker... Aus wechselnden Perspektiven setzt sich die Handlung fort, erst gemächlich bis es immer brisanter wird. Am Ende gibt es eine Auflösung, aber nicht die erwartete. Churchills Geheimnis, bleibt es eins?
Interessante Beigaben:
Giannas sich ständig ändernde To-Do-Liste, ein Kreuzworträtsel und ein Plätzchenrezept, das eine wichtige Rolle spielt.
Fazit:
Ich wiederhole meine Einschätzung vom ersten Teil: Auch Was am Ufer lauert ist eine Werbung für die Urlaubsregion Gardasee, eine schöne Urlaubslektüre. Ich freue mich auf Teil 3 und auf die Lösung noch ungeklärter Fragen.
Danas Geschichte
Die Nacht von Marc Raabe
Ich habe schon einige Thriller von Marc Raabe gelesen. Der Morgen war dabei, aber leider nicht der 2. Band Die Dämmerung der Art Mayer-Reihe. Das werde ich sehr bald nachholen. Es ist aber in meinen Augen nicht zwingend notwendig die beiden Bücher gelesen zu haben, bevor man den dritten Band beginnt.
Sie sind auch für sich verständlich.
Nun, Die Nacht ist sehr dramatisch und handelt von Dana Karasch, der Mutter von Milla und Art Mayers Nachbarin. Sie ist seit 1 ½ Jahren spurlos verschwunden. Genauso wie ihr kleiner Bruder vor 15 Jahren. Der als barsch und unnahbar geltende Mayer interessiert sich als einziger für den Fall. Die kleine Milla hat sein Herz erobert. Er muss dem Mädchen und der inzwischen dementen Großmutter Christine Karasch unbedingt helfen und bittet einen einflussreichen Freund um Hilfe. Bald darauf erhält er einen Hinweis, der ihn zu einer verlassenen Wohnwagensiedlung mitten im Wald führt. Nele Tschaikowski und er finden neben Fotos von Jugendlichen einen bekannten Berliner Richter vom Oberlandesgericht ermordet vor. Sie fotografieren in großer Eile den Tatort, da sich ein Waldbrand in rasender Geschwindigkeit ausbreitet...
In 40 Kapiteln, dem Prolog und drei Teilen, die mit knappen, aber treffenden Überschriften betitelt sind: I. Die Lügner; II. Die Wahrheit; III. Die andere Wahrheit und mit wechselnden Perspektiven, folgte ich der spannenden Handlung.
In Rückblicken erfahren die Lesenden vom Leben Danas und sind damit mit ihrem Wissen gegenüber den Ermittlern im Vorteil. Sie erleben dabei das Geschehen recht anschaulich und sehr spannend in kleinen Häppchen, da sich die Schauplätze stets ändern, was dem Mädchen, bzw. später der jungen Frau, widerfährt. Von der Vergangenheit wechseln die Kapitel in die Gegenwart und umgekehrt.
Es beginnt als Dana noch ein Mädchen ist und in einer Wohnwagensiedlung mit dem kleinen Bruder, der Mutter und dem gewalttätigen Stiefvater lebt. Die Atmosphäre dort ist düster und unheimlich. Es gibt dubiose Charaktere. Marc Raabe versteht es erneut die Figuren lebensecht zu beschreiben. Beim Lesen überkam mich wiederholt ein beklemmendes Gefühl.
Zum Ende hin gibt es zumindest einen optimistischen Ausgang für die achtjährige Milla, die ich ins Herz geschlossen habe durch ihre erfrischende Art. Warum ist die Kleine schon so abgeklärt? Es bleiben noch einige Fragen offen für die nächste Folge. Ich hoffe zumindest, dass es Antworten geben wird!
Teil vier der Art Mayer-Reihe Im Morgengrauen erscheint im nächsten Frühjahr 2026, am 26. März 2026. Darauf freue ich mich sehr!
Ich vergebe die Höchstbewertung und meine unbedingte Lese- und Kaufempfehlung, vor allem für Thrillerfans.
100 Jahre Familiengeschichte (1924 bis 2024)
Vor hundert Sommern von Katharina Fuchs
Wäre diese traumatische Geschichte von vor hundert Jahren ans Tageslicht gekommen, wenn Elisabeth in ihrem Zuhause hätte bleiben können bis zu ihrem Tod? Ich glaube nicht. Doch die 94jährige kann sich nicht mehr allein versorgen und wechselt in ein Pflegeheim. Tochter Anja und Enkelin Lena kümmern sich um die Wohnung und den Nachlass.
Dabei fallen der jungen Kunststudentin verschiedene Dinge in die Hände, die Fragen aufwerfen und nach Klärung verlangen. Sie forscht bei der Großmutter nach der Vergangenheit und nach dem aufschlussreichen Leben ihrer Tante Clara, Lenas Urgroßtante...
Für mich war es die zweite erfreuliche Begegnung mit einer Geschichte von Katharina Fuchs.
Ihr Schreibstil und die Darstellung ihrer Charaktere in dem jeweiligen Kontext, ob nun in der Gegenwart oder vor über 100 Jahren (hier 1924), sagen mir sehr zu. Der Roman springt in den Zeitebenen zwischen Lena, Anja, und Clara hin und her und die Kapitel sind zusätzlich überschrieben mit Ort, Monat und Jahreszahl. So konnte ich mich leicht in den Zeiten zurechtfinden. Die Handlungsorte sind Berlin und Hamburg. Die einprägsamen Schilderungen verschafften mir recht schnell lebendige Szenen und Bilder. Vor allem entsteht eine besondere Atmosphäre, wenn man eintauchen darf in die Erlebniswelt von Clara. Da hätte ich gern mehr davon erfahren.
Mir gefällt es, dass in beiden Zeitebenen geschichtliche, politische Ereignisse ins Geschehen mit einfließen. 1924 ist es u.a. die Währungsreform, die den Menschen neue Hoffnung bringt und den Grundstein legt für eine finanzielle Stabilisierung. Diskriminierende Ungerechtigkeiten bei der der Bezahlung von Frauen und Männern in der Flaschenreinigung der Berliner Kindl-Brauerei kommen zur Sprache (1 Pfennig für 20 gespülte Flaschen durch Frauen gegen 1Pf. für 12 gespülte Flaschen durch Männer). Solche Diskrepanzen werden mit fadenscheinigen Begründungen abgetan. In der Gegenwart sind es Demonstrationen und das Wiedererstarken des Antisemitismus, eine sehr beunruhigende Entwicklung, die Parallelen zur Geschichte aufweist. Die Autorin greift viele Themen auf, die Doppelbelastung der Frau in Familie und Beruf, Mobbing, politische Stimmung an Unis, veganes Leben...
Das Buch hat mich gut unterhalten. Es zeigte mir aber auch eindringlich die Entwicklung der Emanzipation der Frauen. Da gibt es heute noch viel zu tun!
Zum Ende hin wird ein wenig hastig das tragische Familiengeheimnis abgehandelt. Da hätte es noch die eine oder andere Erklärung bedurft. Die NS-Zeit war eine unfassbar schlimme Zeit und was mit den Juden geschehen ist, darf sich niemals wiederholen! Der jetzigen gesellschaftlichen Entwicklung mit ihren Auswüchsen muss dringendst entgegengewirkt werden.
Fazit:
Das Buch umfasst mehrere Generationen und wird lebendig und einfühlsam erzählt. Die Grundlage für den Teil von vor hundert Jahren bildet die Großtante Clara von Katharina Fuchs. Das erfährt man im aufschlussreichen, erklärenden Nachwort.
Meine Empfehlung für die Lektüre, die sich mit der Historie und der Zeitgeschichte befasst. Ich bewerte mit vier von fünf Sternen.
Für mich war das nichts
Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben von Anika Decker
Die Protagonistin Nina steht kurz vor ihrem 50. Geburtstag. Sie ist geschieden, Mutter von zwei erwachsenen Kindern und lebt in einer Anderthalb-Zimmer-Wohnung. Ihr Resümee der vergangenen Zeit fällt nicht wirklich aufbauend aus und zusätzlich fühlt sie die lästigen Beschwerden der beginnenden Wechseljahre.
Im krassen Gegensatz zur Lebensweise Ninas residiert der angeblich bankrotte Ex-Mann mit der jungen Influencerin und den gemeinsamen Zwillingstöchtern in einer repräsentativen Villa im Berliner Ortsteil Grunewald. Bei einem der für mich unverständlichen Besuche Ninas zu den Partys der jungen Frau trifft sie auf den zwanzig Jahre jüngeren David. Sie verliebt sich Knall auf Fall in ihn. Das bringt sie und ihr Leben vollkommen durcheinander. Doch das reicht nicht. Plötzlich hat jeder eine Meinung dazu...
Nachdem ich durch den etwas sarkastisch wirkenden Titel auf dieses Buch aufmerksam wurde und den Klappentext las, erwartete ich eine andere Lektüre. Ich erwartete eine Geschichte, die den großen Altersunterschied zwischen Nina und David feinfühlig thematisiert. Doch weit gefehlt! In den 27 Kapiteln spielen die Beiden nicht die Hauptrollen. Es kommen sehr viele Themen zur Sprache, die an für sich wichtig sind, aber leider alle nur angerissen und flüchtig behandelt werden. Als ich dann las, dass Anika Decker als Drehbuchautorin arbeitet, konnte ich diese Vielfalt einordnen. In einem Film als Schenkelklopfer und geräuschvolles Lachen aus der Konserve ist vieles besser vorstellbar. Humorig und amüsant ist der Grundtenor des Buches. Ich fand es an vielen Stellen nicht angebracht. Mir blieb das Lachen oft im Hals stecken. Die Rolle der Frau im 21. Jahrhundert sollte anders aussehen als hier dargestellt. Das Patriarchat blitzt aus jeder Ecke. Am schlimmsten fand ich das Vorgehen gegen den Machtmissbrauch in der Filmbranche. Sauer aufgestoßen sind mir auch die gelangweilten Schickimicki-Weiber. Gehen die doch auf Einladung der Frau vom Schönheitschirurgen mal alle gemeinsam auf die Schnelle zum Gesicht botoxen und zum Bauchfett wegschmelzen. („Für sie scheint diese Prozedur genauso zur Körperpflege zu gehören wie Zähneputzen.“ S. 190)
Wichtige Themen werden angeschnitten, aber mit keinem wird sich näher befasst. Es verläuft vieles im Bedeutungslosen. Ich bezeichne das alles nicht nur als Klischees. Es ist leider die Realität, die in Filmen als lustig verkauft wird.
Ich hätte auf mein Gefühl hören und das Buch trotz des verführerischen Titels links liegen lassen sollen!











