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Rezensionen von LEXI:
Eine Liebesgeschichte mit tödlichem Ausgang
Tödliches Wangerooge. Ostfrieslandkrimi Faber und Waatstedt ermitteln von Elke Nansen
Eine Liebesgeschichte mit tödlichem Ausgang
„Was machen wir bloß, wenn wir Knut nicht entlasten können?“
Der kauzige alte Ostfriese und Seebär Knut Waatstedt wird anlässlich seines siebzigsten Geburtstags mit einem Urlaubsaufenthalt in Wangerooge überrascht. Auf der Insel lernt er eine gebildete und attraktive ältere Dame kennen, zarte Bande werden geknüpft.
Knuts Enkelin Rike und ihr Verlobter Richard Faber planen ebenfalls eine kleine Auszeit auf Wangerooge, doch Opa Knuts Schwarm taucht zum verabredeten Treffen nicht auf. Als am Strand eine Leiche gefunden und als Renata Freifrau und Baroness von Wintershausen identifiziert wird, gerät Opa Knut in allergrößte Schwierigkeiten. Denn die Tote aus altem deutschem Adel war seine Ferienliebe Rena Sommer. Die Polizei aus Emden wird aufgrund der Anwesenheit von Kriminalhauptkommissar Richard Faber auf Wangerooge mit dem Fall betraut, und es sieht nicht gut aus für Opa Knut – erschreckend viele Hinweise deuten auf ihn als Renatas Mörder.
Elke Nansens neuester Fall bringt die Gemüter der sympathischen Protagonisten Kriminalhauptkommissar Richard Faber und Kommissarin Rike Waatstedt in Wallung. Jeder, der den gutmütigen alten Ostfriesen Knut kennt, weiß um seinen aufrichtigen Charakter und um sein goldenes Herz. Doch aufgrund der persönlichen Betroffenheit wird den Kriminalbeamten aus Emden der Fall rasch wieder entzogen. Rike und Faber ermitteln dennoch weiter und setzen alle Hebel in Bewegung, um Opa Knuts Unschuld beweisen zu können. Ihr gesamtes Team steht dabei loyal hinter ihnen – und das Ermittlerpaar findet nicht nur durch Philipp Schorlau, Tamme Hehler, Sonja Withuus und Laurien Heiligenstadt, sondern auch durch Polizeioberkommissarin Ankia Kalsche aus Wangerooge tatkräftige Unterstützung. Ein tiefes Eintauchen in die Vergangenheit des Opfers bringt erste Erkenntnisse zu Tage, doch dieser Fall ist weit komplexer, als es zunächst den Anschein hatte. Eine hoch interessante Spurensuche führt schließlich sogar bis nach Amerika – und plötzlich passiert im Umfeld der von Wintershausen ein weiterer Mord.
Obgleich bereits in den bisherigen Fällen von Elke Nansen das Privatleben der Ermittler eine nicht unbedeutende Rolle spielt, bekommt es in diesem speziellen Mordfall durch Opa Knut als Hauptverdächtigen eine besondere Gewichtung. Rike und Faber sind angesichts der geschickt gelegten falschen Fährten, die allesamt zu Knut führen, am Verzweifeln. Eine vermeintlich verdächtige Person mit starkem Mordmotiv besitzt ein hieb- und stichfestes Alibi, das Team ist ratlos. Offiziell sind den Ermittlern aus Emden die Hände gebunden, doch die eingeschworene Gemeinschaft riskiert Kopf und Kragen, um Knut die Stange zu halten und dessen Unschuld zu beweisen. Während der große und kräftige „Wikinger“ Tamme Hehler und die beiden neuen Kommissarinnen Sonja Withuus und Laurien Heiligenstadt diesmal eher untergeordnete Rollen spielen, lehnt sich der Chef-Forensiker Dr. Philipp Schorlau aus Oldenburg weit aus dem Fenster. Er ist der Einzige, dem dieser Fall nicht entzogen wurde, und er riskiert viel, um dem zukünftigen Schwiegervater seines Freundes Richard Faber zu helfen. Im Zentrum des Geschehens steht diesmal mein liebster Nebendarsteller „Opa Knut“, der mir bereits in den Vorgängerbüchern ans Herz gewachsen ist. Seine Zuneigung zum Lebensgefährten seiner Enkelin gerät jedoch gefährlich ins Wanken, denn Richard Faber fällt die Aufgabe zu, den alten Ostfriesen zu verhaften. Die Verwicklungen in diesem komplexen Fall sind höchst interessant und werden erst nach und nach offenbart. Hervorzuheben ist auch der rätselhafte Prolog, der gleich zu Beginn Fragen aufwirft, und dessen Zusammenhang mit dem Mordfall sich dem Leser ebenfalls sehr lange nicht erschließt.
Ich fand es schön, den liebevoll gezeichneten Charakteren aus den Vorgängerbüchern wieder zu begegnen, schmunzelte über deren Eigenheiten und die Wortgeplänkel, die zum Teil auch den ostfriesischen Dialekt miteinbeziehen. Der einnehmende Schreibstil der Autorin und der durchgehende Spannungsbogen machten diese Lektüre zu einem Vergnügen. Ich bedauerte jedoch, dass Elke Nansen sich in diesem Buch verstärkt derber Ausdrücke und Flüche bediente – ein Umstand, den ich als negative Entwicklung betrachte und der zugleich meinen einzigen Kritikpunkt darstellt.
Fazit: Der Krimi „Tödliches Wangerooge“ bescherte mir einen sehr gut konstruierten Kriminalfall mit weitreichenden Verbindungen in die Vergangenheit. Er hat mich ausgezeichnet unterhalten und mir sehr gut gefallen. Abgesehen von den verbalen Entgleisungen kann ich das Buch absolut weiterempfehlen und würde es als bislang persönlichsten Fall der beiden Ermittler Rike und Faber bezeichnen.
Alles ist möglich dem, der glaubt!
Der weiße Löwe von Thabur von Damaris Kofmehl
Alles ist möglich dem, der glaubt!
„Vergiss nie, wessen Blut durch deine Adern fließt, Leandro. Ihr habt den Mut eines Löwen. Aber habt Ihr auch das Herz eines Löwen? Seid Ihr bereit, den Preis zu bezahlen, den Eure Berufung von Euch fordert?“
Als ein dem Okkulten zugewandter Haustechnikplaner aus Richterswil während einer Löwenjagd in Afrika plötzlich in die Enge getrieben wird, durchschreitet er ein Tor zwischen zwei Welten und gerät in das Abenteuer seines Lebens.
Leandro begegnet einem weißen Löwen namens Arkyn, der einer uralten Prophezeiung gemäß gemeinsam mit seinem Schwertträger ins Königreich Thabur kommen und das Volk der Maripós aus ihrer Knechtschaft befreien soll. Leandro findet sich in einer ihm völlig fremden Gegend wieder, macht die Bekanntschaft eines Priesters des Lebendigen, der sich zugleich als Hüter des Juwels des Königs entpuppt. Das junge Waldmädchen Tajana beeindruckt ihn nicht nur mit ihren wunderschönen smaragdgrünen Augen, sondern vielmehr durch ihren Mut und Kampfesgeist. Gemeinsam mit dem einbeinigen Kunstschmied Jahron aus dem südlichen Erlenwald und dem völlig unmusikalischen Barden Björg schmieden die beiden einen waghalsigen Plan, um den tyrannischen Herrscher Rhakan zu stürzen und den Menschen ihre lange ersehnte Freiheit und Frieden zu bringen.
In meinem ersten Buch von Damaris Kofmehl entführte die Autorin mich in ein faszinierendes, aufregendes und vor allen Dingen atemberaubendes Abenteuer. Die beiden sympathischen und hervorragend charakterisierten Protagonisten müssen sich auf die Mission ihres Lebens begeben. Sie werden hierbei nicht nur mit den grausamen Schattenkriegern Rhakans, sondern auch mit finsteren und scheinbar unbesiegbaren furchterregenden Kreaturen konfrontiert. Die zentrale Figur dieses Buches ist der weiße Löwe Arkyn – ein majestätisches Wesen mit edlem Charakter, einer geheimnisvollen und kraftvollen Ausstrahlung. Die Geschichte erinnert an die Chroniken von Narnia – denn Arkyn ist der Gesandte des Lebendigen und das Leben selbst. Er bezwang die Schatten und lehrt Leandro bedingungslose Liebe. Durch einen schmählichen Verrat gerät der Löwe jedoch in Lebensgefahr – und Leandro scheint der Einzige zu sein, der zur sehnsüchtig erwarteten Erfüllung der alten Prophezeiung beitragen kann. Das Buch beinhaltet viele geistliche Wahrheiten und verbindet biblische Inhalte mit einer komplexen Fantasy-Geschichte und hochgradiger Spannung.
Die Autorin hat mich auch mit der Charakterzeichnung ihrer Figuren beeindruckt. Die Emotionen und Sehnsüchte der beiden Protagonisten, aber auch deren inneren Kämpfe und Ängste wurden authentisch dargestellt. Durch den Kampf des Lichts gegen die Schatten kommt bereits sehr früh ein hoher Spannungsbogen ins Spiel, der bis zum fulminanten Finale konstant aufrechterhalten wird. Der mitreißende Schreibstil, die bildhaften Beschreibungen von Konfrontationen mit den finsteren Kreaturen aus dem Schwarzen Berg und die adrenalingeladenen Szenen fesselten mich regelrecht an dieses Buch – ich konnte es kaum noch aus der Hand legen und fieberte an Leandros Seite dem Ausgang dieser Geschichte entgegen.
FAZIT: Obgleich ich Fantasy nicht zu meinen favorisierten Genres zähle hat Damaris Kofmehl mich mit ihrer Löwenblut-Saga voll und ganz überzeugt. Ich habe jede Seite dieses Buches genossen, durfte die vier tapferen Gefährten bis zur alles entscheidenden Schlacht um Thabur begleiten und genoss die tiefen Einblicke in biblische Wahrheiten.
Völlig begeisterte fünf Sterne und eine ganz klare Leseempfehlung für dieses grandiose Buch!
Der Glaube an die Unsterblichkeit
Unsterblich von Damaris Kofmehl
Der Glaube an die Unsterblichkeit
„Ich glaube nicht, dass die Sterblichkeit der größte Makel der Menschheit ist. Der größte Makel der Menschheit ist ihre grenzenlose Überheblichkeit.“
In einer Dschungelklinik im Amazonasgebiet werden gefährliche, streng geheime Experimente durchgeführt.
Das vorrangige Ziel eines Großprojekts der Europäischen Kommission namens „Human Brain Project“ ist es, künstliche Intelligenz zu erschaffen. Eine Organisation, bestehend aus skrupel- und gewissenlosen Menschen, schreckt auch vor Entführung, Folter und Mord nicht zurück, man geht buchstäblich über Leichen. Als die deutsche Studentin Mirja Roth die Gelegenheit zu einem Auslandspraktikum in besagter Klinik in Brasilien ergreift, ahnt sie noch nicht, dass sie sich dadurch in Lebensgefahr begibt. In höchster Not kontaktiert sie ihren Bekannten Raven Adam und bittet ihn um Hilfe. Der sympathische Pflegehelfer und Freerunner war ebenso wie sein kürzlich verunglückter Bruder Julian in Mirja verliebt und setzt nun alles dran, der jungen Frau zu helfen. Doch er merkt rasch, dass alle Menschen, die Kontakt mit Mirja hatten, plötzlich spurlos verschwinden. Sowohl für Mirja, als auch für Raven, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit – denn die Organisation versucht, ihre Machenschaften um jeden Preis geheim zu halten.
Thomas Franke erzählt in seiner aktuellen Neuerscheinung die atemberaubende Geschichte eines wissenschaftlichen Experiments skrupelloser Wissenschaftler, die sich durch eine in Aussicht gestellte Unsterblichkeit hohe Profite erhoffen. Der Roman wird in verschiedenen Zeitebenen erzählt. Der Prolog startet im Februar des Jahres 2016 in Berlin, die Schauplätze der Handlung sind abwechselnd die Dschungelklinik in Brasilien im Jahre 2023, sowie das Umfeld des Raven Adam in Berlin 2024. Dazwischen findet man immer wieder Rückblenden in in Form von implantierten Erinnerungen einer gewissen „Elly“. Während in Brasilien der reiche Wissenschaftler Dr. Philip Morgenthau, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Neurologie und Neurochirurgie, und sein Kollege Dr. Michael Krüger für die Aktivitäten der Stiftung verantwortlich zeichnen, agieren in Berlin der seit dem Tod seines Bruders traumatisierte Raven Adam sowie eine schwer durchschaubare attraktive Hackerin namens Leela als Hauptfiguren der Handlung. Die einzelnen Kapitel enden meist mit einem Cliffhanger – ein Faktor, der erheblich dazu beiträgt, den Spannungsbogen konstant hoch zu halten.
Die einzelnen Charaktere sind überzeugend ausgearbeitet, das Hauptaugenmerk liegt auf den Protagonisten Mirja und Raven. Zahlreiche Nebenfiguren bereichern die Handlung, einige von ihnen konnte ich lange Zeit nicht einschätzen - ob Freund oder Feind stellte sich manchmal erst im Verlauf des Buches heraus. Meine größte Sympathie galt der alten Dame Eleonore von Hovhede, die sich als eine der Schlüsselfiguren dieses Romans entpuppt. Ihre kluge und freundliche, aber dennoch unnachgiebige Art sowie ihr tiefer, unerschütterlicher Glaube haben mich berührt. Auch die hübsche Leela, deren widersprüchliches Verhalten mich an mancher Stelle stutzig machte, wurde rasch zu einer meiner liebsten Nebendarstellerinnen.
Der sprachlich-stilistische Aufbau dieses Buches hat mir sehr gut gefallen. Dem hohen Spannungsfaktor und der mitreißenden Handlung ist es zudem geschuldet, dass man diesen über 550 Seiten umfassenden Roman kaum aus der Hand legen kann. In atemloser Neugier heftete ich mich gedanklich an die Fersen von Mirja und Raven und versucht an ihrer Seite, den gnadenlosen Verfolgern zu entkommen und dem tödlichen Geheimnis auf den Grund zu gehen. Thomas Franke zeichnet ein äußerst einnehmender Schreibstil aus, ich bedauerte lediglich die vermehrte Verwendung derber Ausdrücke im Buch – ein Faktor, den ich persönlich grundsätzlich ablehne und den ich vor allem bei Büchern aus christlichen Verlagen enttäuschend finde.
Fazit: Mit seiner Neuerscheinung wagte der Autor sich an ein neues Genre und hat - für meinen persönlichen Lesegeschmack – mit „Unsterblich“ sein bislang bestes Buch geschrieben. Als begeisterter Leser von Spannungsromanen und großer Fan christlicher Romane stellt dieses Werk für mich die perfekte Kombination aus Abenteuer und Glaube dar. Einzig die reichliche Verwendung von Schimpfwörtern vermochte mein Lesevergnügen ein klein wenig zu trüben… wirklich schade, denn dieses Buch wäre ansonsten auf der Stelle zu einem meiner größten Highlights dieses Lesejahres avanciert.
Ich empfehle dieses Buch sehr gerne weiter!
Der „Katharina-Code“ und vierzehn rote Rosen
Wisting und der Tag der Vermissten von Damaris Kofmehl
Der „Katharina-Code“ und vierzehn rote Rosen
Der mysteriöse „Katharina-Code“, der nie entschlüsselt werden konnte, und vierzehn rote Rosen beschäftigen den erfahrenen Ermittler William Wisting auch noch vierundzwanzig Jahre nach dem Verschwinden von Katharina Haugen aus Kleivervei. Der professionell agierende Abteilungsleiter befasst sich seit damals mit diesem ungeklärten Fall, ein jährlicher Besuch bei dem Ehemann Martin Haugen führte im Laufe der Zeit zu einer eigenartig anmutenden Freundschaft zwischen dem damals Tatverdächtigen und dem Ermittler.
Wisting hatte nie wirklich an Martin Haugens Unschuld geglaubt, doch sein Alibi war und blieb hieb- und stichfest. Als ein Ermittler der neu gegründeten Cold-Case-Unit in Oslo seinen ersten Fall in Angriff nimmt, stößt er bei der Wiederaufnahme des Entführungsfalles um die Unternehmerstochter Nadia Krogh auf Parallelen zum Verschwinden von Katharina Haugen. Der zielstrebige Kripo-Beamte Adrian Stiller rollt gemeinsam mit William Wisting beide Fälle neu auf und Wistings Erfahrung, sein Feingefühl und diplomatisches Geschick sind gefordert, um die Wahrheit endlich ans Licht zu bringen.
Jørn Lier Horst liefert mit seiner aktuellen Neuerscheinung einen grandiosen Einstieg in eine neue Buchreihe. Seinem liebenswerten Protagonisten William Wisting stellt er einen korrekten, ergebnisorientierten und sympathischen jungen Ermittler zur Seite, der alle Hebel in Bewegung setzt, um seinen ersten Fall erfolgreich abzuschließen. Polizeijuristin Christine Thiis sowie Wistings Kollege und Stellvertreter Nils Hammer spielen hierbei jeweils nur eine untergeordnete Rolle.
Die sprachlich-stilistische Gestaltung dieses Kriminalromans hat mir ausgezeichnet gefallen. Der ruhige, bedächtige Erzählstil, seine akribischen Beschreibungen von Personen und Handlung sowie seine interessant gestrickten Fälle haben mich bereits bei meiner ersten Lektüre des Autors Jørn Lier Horst vollends überzeugt. Auch im vorliegenden Krimi blieb er seinem Schreibstil treu und sorgte erneut für Lesevergnügen vom Feinsten. Altvertraute Fakten werden dem Leser zur Kenntnis gebracht, verschiedene Aspekte dieser komplexen Fälle neu beleuchtet, längst erkaltete Spuren dank neuer technischer Errungenschaften nachverfolgt. Neben der Ermittlungsarbeit der Polizei wird auch dem Privatleben des Protagonisten große Aufmerksamkeit zuteil. Williams Tochter Line ist als engagierte Journalistin beruflich in die beiden Fälle involviert, Lines Tochter Amalie und Wistings Sohn Thomas bereichern jene Handlungsstränge, die Wistings Privatleben thematisieren. Darüber hinaus richtet sich der Fokus zeitweilig auf einige Zeugen und Verdächtige von damals. Sind Martin Haugens manipulative und rachsüchtige Ex-Ehefrau, sein wortkarger und vorbestrafter Nachbar und der Ex-Freund des zweiten Opfers tatsächlich von jedem Verdacht erhaben? Oder sticht Wisting durch seine erneuten Befragungen in ein Wespennest und provoziert damit unbedachte Äußerungen und Handlungen?
Der Spannungsbogen wurde die gesamte Handlung über konstant aufrecht gehalten. Ich fühlte mich sehr gut unterhalten und wurde durch das ungewisse Schicksal der beiden verschwundenen Frauen, Sprache und Handlung vollständig in den Bann dieser Geschichte gezogen. Ein hochwertiges Cover und eine lesefreundliche Schriftgröße runden meinen positiven Gesamteindruck ab.
FAZIT: Dieser Roman aus der Feder meines favorisierten nordischen Krimiautors hat meinem Lesegeschmack in jeder Hinsicht entsprochen. Die komplexe Handlung, die Konzentration auf die Ermittlungsarbeit, das bedächtige und ruhige Erzähltempo und die hervorragend ausgearbeiteten Charaktere machen den Reiz dieses beschaulichen Krimis aus. „Wisting und der Tag der Vermissten“ bescherte mir ein unterhaltsames und interessantes Lesevergnügen und ich genoss es, an Kommissar Wistings Seite dem Rätsel um das Verschwinden der beiden Frauen auf die Spur zu kommen. Dem nächsten Band dieser Reihe sehe ich bereits jetzt mit großer Erwartungshaltung und Freude entgegen. Völlig begeisterte fünf Sterne und eine ganz klare Leseempfehlung!
Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus.
Revolution im Herzen von Damaris Kofmehl
Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus.
„Es gibt Menschen, deren Präsenz man sogar dann spüren kann, wenn sie in einem Nebenzimmer sitzen. Karl war so ein Mensch.“
Die ersten Szenen dieses Buches berichten von einem jungen Mädchen namens Helena Demuth, das „Zitterhand“ gehänselt wird und auf einem Hof in Sankt Wendel unter ärmsten Verhältnissen mit sechs Geschwistern aufwuchs.
Lenchen kämpft umsonst darum, geliebt zu werden - ihre Mutter ist eine verhärmte und harte Frau, einzig ihr verstorbener Vater liebte seine Tochter über alles. „Pabbi“ war es auch, der seinem klugen und lerneifrigen Lenchen das Spiel der Könige beibrachte und dadurch ihr Leben prägte. „Ein Schachspiel ist voller Ereignisse und überraschender Wendungen. Oft kann man durch viel Nachdenken einen Ausweg aus den schwierigsten Situationen finden.“
Lenchens Lebensweg führt sie als Dienstmädchen zur Familie von Westphalen, nach der Verehelichung der Tochter des Hauses mit Karl Marx bleibt sie fortan in deren Diensten. Die Marxens werden wie eine Familie für sie – und im Laufe der Jahre verliert Lenchen auch ihre Angst vor dem „düsteren Karl“, der sie mit seinen unbarmherzigen und abschätzigen Blicken und seiner aufbrausenden lauten Art stets eingeschüchtert hatte. Das „schwarze Ungetüm aus Trier“ mit dem Spitznamen „Mohr“ entdeckt Lenchens Leidenschaft für das Schachspiel – und es kommt zu einer Annäherung mit ungeahnten Folgen.
Claudia und Nadja Beinert haben sich mit diesem prachtvollen Roman pfeilgerade in mein Herz geschrieben. Das Autorenduo schaffte es, mein Interesse für den stürmischen und mitreißenden Revolutionär zu wecken, dessen großes ökonomisches Standardwerk unter dem Titel „Das Kapital“ Weltruhm erlangte. In überaus einnehmendem Schreibstil und mit hervorragend charakterisierten handelnden Figuren erzählen sie die Geschichte eines Philosophen, Gesellschafts- und Wirtschaftstheoretikers, der sich gemeinsam mit dem befreundeten Fabrikantensohn Friedrich „Fritze“ Engels der Revolution und dem Sturz der preußischen Monarchie verschrieb. Wundervoll recherchierte historische Hintergründe wurden mit der Geschichte von Helena Demuth verwoben, der Kampf um soziale Gerechtigkeit für alle, die Revolution des Bürgertums und der Arbeiter, aber auch die Lebensumstände und die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Arm und Reich wurden eindrucksvoll dargestellt. Mit der Ich-Erzählerin „Lenchen“ Demuth begleitet man Karl und Jenny Marx von Jugend an, erlebt mit ihnen private Höhen und Tiefen, darf deren Bemühungen um den Kommunismus aus nächster Nähe mitverfolgen. Claudia und Nadja Beinert gelang es auf faszinierende Art und Weise, Geschichte lebendig zu machen. Liebevoll ausgearbeitete Charaktere an der Seite der Protagonisten Lenchen, Karl und Jenny Marx bereichern die Handlung darüber hinaus. Die Autorinnen verwoben gekonnt fiktive Ereignisse mit historisch belegten Tatsachen, in einem ausführlichen Nachwort gehen sie auf diese historischen Fakten detailliert ein. Das Glossar am Ende dieses Buches stellt eine willkommene und hilfreiche Ergänzung dar.
Abschließend möchte ich die hochwertige optische Aufmachung dieses Buches hervorheben, das zudem mit einem bezaubernden Cover punktet. Die Gestalt eines sitzenden Mädchens in Dienstbotenkleidung und einem Bündel handgeschriebener Briefe in Händen weist bereits im Vorfeld auf einen Briefwechsel der Protagonistin hin, der erhobene Buchtitel in blutroter Schrift zieht unweigerlich die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich. Den Beginn des Buches ziert eine alte Landkarte von London um 1850, während sich auf den beiden letzten Seiten ein auf Pergamentpapier abgedrucktes Lied von Carl Theodor Müller befindet.
Fazit: „Revolution im Herzen“ ist eine Lektüre, die mich begeistert hat. Hervorragend recherchierte historische Fakten, authentische Charaktere und das faszinierende Eintauchen in das Leben und Umfeld des Karl Marx sorgten für allergrößten Lesegenuss. Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen und ich kann es jedem Leser empfehlen, der tief in diese Zeit eintauchen und Geschichte hautnah erleben möchte.
Fünf Bewertungssterne und eine uneingeschränkte Leseempfehlung für dieses fantastische Buch!
Ein neuer Fall für Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn
Revolution im Herzen von Damaris Kofmehl
Ein neuer Fall für Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn
„Ich habe die Gesichter meiner Lieben vergessen. Und wie ihre Stimmen klangen. Es fühlt sich an, als hätte ich da draußen nie existiert. Als hätte ich immer hier gelebt, in diesem Bunker, in dem ich nicht leben und nicht sterben kann.“
Nachdem der streitsüchtige und aggressive Sonderling Josef Hader tot aufgefunden wurde, entdecken die Ermittler unter der Küche der alten Deichmühle eine versteckte schalldichte Kammer.
Und obgleich das Team der Kripo Itzehoe aufgrund eines Mordes in einer Tankstelle alle Hände voll zu tun hat, richtet sich das Augenmerk der Polizeibeamten immer mehr auf einen ungeklärten alten Entführungsfall. Die eigensinnige und zielstrebige Polizistin Frida Paulsen und ihr Kollege Bjarne Haverkorn werden mit der Untersuchung der Deichmühle betraut und müssen sich erneut mit dem spurlosen Verschwinden von Anneke Jung vor zehn Jahren befassen.
Auch im vorliegenden dritten Band der Elbmarsch-Krimireihe von Romy Fölck stehen die beiden Ermittler Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn im Mittelpunkt. Die taffe Frida wohnt seit kurzem auf dem Hof ihrer Eltern, ihr ehemaliger Vorgesetzter wurde durch einen selbstbewussten und perfektionistisch veranlagten Karrieristen ersetzt. Fridas berufliches und privates Leben werden in diesem Band gehörig durcheinandergebracht. Bjarne Haverkorn hingegen erholt sich von einer schweren Rauchvergiftung. Der erfahrene Kriminalist steht kurz vor dem Eintritt in seinen wohlverdienten Ruhestand, seine Ehe ist zerrüttet und besteht nur noch auf dem Papier. Bjarne ist emotional tief in Annekes Fall involviert, in seinem häuslichen Umfeld kommt es obendrein zu gravierenden Veränderungen. Mit Frida und Bjarne präsentiert Romy Fölck ein eingespieltes Ermittlerteam, das mir auf Anhieb sympathisch war. Die Charakterzeichnung dieser beiden Protagonisten empfand ich als äußerst gelungen und ich fand mich auch als Quereinsteiger in diese Buchreihe rasch zurecht. Prägnante vergangene Ereignisse werden kurz erwähnt, die Figuren hervorragend dargestellt. Die Autorin wartet auch mit interessanten Nebenfiguren auf. Sowohl das Team der Mordkommission, als auch Familienmitglieder und Freunde der Protagonisten stellen interessante und zum Teil durchaus vielschichtige Akteure dar. Darüber hinaus werden einige Personen unter die Lupe genommen, die irgendwann einmal Kontakt zu dem alten Einzelgänger in der Deichmühle und dessen Familie hatten. Zu guter Letzt sorgen auf dem elterlichen Hof der Frida Paulsen ein alter ungarischer Hirtenhund namens Arthur, ein Hengst mit dem klingenden Namen Cobain sowie der Esel Hetfield für Amüsement.
Fazit: „Sterbekammer“ war meine erste Lektüre aus der Feder von Romy Fölck und hat mir durch einen sehr gut konstruierten Kriminalfall, überzeugende Charaktere und dem einnehmenden Schreibstil großes Lesevergnügen bereitet. Der Spannungsbogen wird durch die in eigenen Kapiteln festgehaltenen Gedanken des Entführungsopfers hoch gehalten und man hofft bis zur letzten Seite, dass die Ermittler bei ihrer Suche nicht auf sterbliche Überreste, sondern auf eine Überlebende stoßen. Große Spannung, toller Schreibstil und ein überraschendes Ende sorgen für hervorragende Unterhaltung - gerne vergebe ich für diesen Krimi fünf Sterne und eine Leseempfehlung!
Das Portrait einer faszinierenden Persönlichkeit
Die englische Fürstin von Sabine Weigand
Mary Theresa Olivia Cornwallis-West, Fürstin von Pless, Gräfin von Hochberg und Freifrau zu Fürstenstein – das Portrait einer faszinierenden Persönlichkeit
"Ich habe versucht, dich zu lieben.“ (Daisy – Mary Theresa Olivia Cornwallis-West)
„Das ist nett von dir, meine Liebe, aber nicht nötig.
“ (Fürst Hans Heinrich von Pless, Graf von Hochberg)
Mary Theresa Olivia Cornwallis-West, „Daisy“ genannt, ist das erstgeborene Kind einer Aristokratenfamilie, ein temperamentvoller und ungezähmter Wildfang. Die prekäre finanzielle Lage veranlasst ihre Eltern dazu, ehrgeizige Heiratspläne für ihre Tochter zu schmieden. Als Debütantin bezaubert Daisy bei ihrer Einführung in die Gesellschaft mit ihrer Schönheit und ihrem Charme, sie wird umschwärmt und erobert die Männerwelt Londons im Sturm. Die Werbung eines schwerreichen Fürsten aus deutschem Uradel bedeutet für Daisys Eltern die Erfüllung all ihrer Träume. Obgleich das Mädchen den langweiligen, kühlen und äußerst reservierten Dreißigjährigen nicht mag, bleibt ihr keine Wahl. Nach der Eheschließung mit Fürst Hans Heinrich von Pless muss die Achtzehnjährige ihre Familie und ihr Heimatland verlassen und sich in ihr neues Leben im prunkvollen Fürstenstein einfügen, das von Vorschriften, Verboten und Zwängen beherrscht ist.
Sabine Weigand erzählt in diesem beeindruckenden Portrait die Geschichte einer wenig bekannten, faszinierenden Persönlichkeit und nimmt ihre Leser mit auf eine interessante Reise, die im Jahre 1883 beginnt. Die Erzählperspektive der Autorin wechselt mit Erinnerungen Daisys als Ich-Erzählerin, diverse Zeitungsartikel über die Fürstin, aber auch die Wiedergabe zahlreicher Briefe aus Korrespondenzen mit der Fürstin bereichern dieses Buch ungemein. Sabine Weigand Autorin konzentriert sich in erster Linie auf die Lebensgeschichte ihrer Protagonistin, dank ihrer hervorragenden Recherchearbeit fungieren die politischen Ereignisse jener Zeit als aufwühlende Rahmenhandlung. Man erfährt von Daisys Schwierigkeiten, sich in Deutschland zurechtzufinden, ihrem Ringen um die Zuneigung ihres kalten und unnahbaren Ehemannes sowie die Geburt ihrer gemeinsamen Kinder. Das Luxusleben der englischen Fürstin in ihrem prunkvollen Zuhause wird ebenso thematisiert wie der verschwenderische Umgang ihres Ehemannes mit seinem Reichtum oder das Aufbegehren der jungen Ehefrau, wenn es um soziale Gerechtigkeit und Wohltätigkeit geht. Entgegen der Kälte und Gleichgültigkeit ihres Ehemannes den Armen gegenüber riskiert Daisy sehr viel, setzt sich laufend über Hans Friedrichs ausdrückliche Verbote hinweg, um Not und Elend zu lindern. Die junge Fürstin wird von der Bevölkerung hochgeschätzt und als „Engel von Waldenburg“ verehrt. Durch ihr mutiges Engagement und dank ihrer diplomatischen Art ist ihr sogar Kaiser Wilhelm sehr zugetan. Doch als Europa zielstrebig auf einen Krieg zusteuert, scheitert auch Daisy mit ihren Bemühungen, auf die Regenten und hochrangige Entscheidungsträger positiv einzuwirken.
Die Figuren dieser Handlung wurden sehr detailliert ausgearbeitet, den Gedanken und Gefühlen der Protagonisten großzügig Raum gegeben. Daisy und Hans Friedrich sind zwei starke Protagonisten, gefangen in einer lieblosen Ehe und völlig konträr im Denken und Handeln. Ihnen wurden zahlreiche Nebenfiguren – fiktive, wie auch historisch belegte Persönlichkeiten – zur Seite gestellt. Meine größte Sympathie galt dem bescheidenen und treuen Joschi Siebenbürger, der von Daisy unter die Fittiche genommen wurde und schon bald als persönlicher Begleiter und Beschützer der Fürstin fungierte. Auch die liebevolle alte Bedienstete namens Emma Kollischan zählte zu meinen absoluten Favoriten – die lebenskluge Frau mit dem großen Herzen erwies sich für Daisy als ganz besonderer Segen.
Der Schreibstil der Autorin hat mir ausnehmend gut gefallen. Die persönliche Geschichte der Daisy von Pless wurde durch die Emotionen, Gedanken und Träume der jungen Frau bereichert. Die politische Situation in Europa und der Ausbruch des Krieges stellten wertvolle geschichtliche Hintergrundinformationen dar. Das verschwenderische und prunkvolle Leben des Adels und die herrschenden Standesdünkel bildeten einen starken Kontrast zum Überlebenskampf der bettelarmen, hungernden Bevölkerung. Sabine Weigand legte besonderes Augenmerk auf die Arbeiter in den Kohlebergwerken des Fürsten. Die Geschichte des bettelarmen Bergarbeitersohnes Josef Siebenbürger wurde kapitelweise als „Joschis Geschichte“ eingebunden. Soziale Missstände, bittere Armut, aber auch das Aufgebehren der Bevölkerung waren gewichtige Themen dieses Buches.
Durch die zahlreiche Korrespondenz der Fürstin darf der Leser die Ereignisse intensiv miterleben. Angesichts der Vielzahl an Namen empfand ich das im Buch befindliche Personenregister als wichtiges Element. Der für mich interessanteste Abschnitt war der Anhang, in dem die Autorin nicht nur die wichtigsten Eckdaten des Lebens der Daisy von Pless dokumentierte, sondern auch darauf hinwies, bei welchen Ereignissen es sich um Fiktion, und bei welchen um historisch belegte Tatsachen handelte.
FAZIT: Sabine Weigand hat mir ihrer Neuerscheinung „Die englische Fürstin“ eine eindrucksvolle Romanbiographie geschaffen, die mir ausgezeichnet gefallen hat. Historische Fakten und Fiktion wurden effektvoll zu einem imposanten Roman verwoben. Daisy von Pless – Mary Theresa Olivia Cornwallis-West, die spätere Fürstin von Pless, Gräfin von Hochberg und Freifrau zu Fürstenstein – war mir bis zu diesem Zeitpunkt völlig unbekannt. Ich habe der Autorin höchst interessante Einblicke in das Leben und Wirken dieser mutigen und starken Frau zu verdanken. Begeisterte fünf Sterne und eine klare Leseempfehlung!
Ich bin Ärztin. Ich bin nach Berlin gekommen, um kranken Menschen zu helfen.
Die Charité: Aufbruch und Entscheidung von Ulrike Schweikert
Ich bin Ärztin. Ich bin nach Berlin gekommen, um kranken Menschen zu helfen.
Der Lebenstraum von Dr. Rahel Hirsch steht kurz vor seiner Erfüllung. Die junge Ärztin aus Frankfurt darf als medizinische Pionierin im Jahre 1903 ihre Volontärstelle an der Berliner Charité antreten. Rahel findet in dieser von Männern dominierten Welt in ihrem Vorgesetzten Professor Dr.
Friedrich Kraus große Unterstützung. Darüber hinaus entpuppt sich auch der junge Arzt Dr. Theodor Brugsch als wohlmeinender und hilfsbereiter Kollege, der Rahel als ebenbürtig behandelt und bald sogar ihre Zusammenarbeit sucht. Das Misstrauen und die Ablehnung der anderen Ärzte verletzen Rahel, doch mit eiserner Disziplin und großem Ehrgeiz gelingt es ihr nach und nach, sich Respekt zu verschaffen. Die hart arbeitende Frau konzentriert sich einerseits auf die Arbeit mit ihren Patienten, widmet sich andererseits aber auch mit unermüdlichem Einsatz für die Forschung. Als sie während eines unerfreulichen Zwischenfalls auf den Straßen Berlins die Bekanntschaft einer temperamentvollen und hübschen jungen Frau namens Barbara Schubert macht, bedeutet dies für die beiden so unterschiedlichen Frauen den Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Doch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges brechen schwere Zeiten für Rahel und Barbara an…
Im zweiten Band zur Geschichte der Charité, das vom königlichen Pesthaus zur modernen Klinik avancierte, präsentiert Ulrike Schweikert zwei mutige und starke Frauen als Protagonistinnen. Während die Ärztin Dr. Rahel Hirsch einem privilegierten jüdischen Elternhaus entstammt, das ihr ein Medizinstudium in Zürich und Straßburg ermöglichte, muss Barbara Schubert als Wäscherin in der Charité arbeiten und als Mitbewohnerin in der winzigen Wohnung ihrer verwitweten Tante ein Auslangen finden. Im Zeitraum von 1903 bis 1938 darf man anhand der beiden Protagonistinnen sowohl das Leben der privilegierten Gesellschaft, als auch die Lebensumstände der hart arbeitenden Bevölkerung Berlins, mitverfolgen. Während Rahel die Geisel Syphilis und deren Bekämpfung sowie die Entwicklungen in der Medizin beschäftigen, interessiert sich die wissbegierige Barbara für Politik und die Rechte der Frauen, sie wird ein engagiertes Mitglied der Frauenrechtsbewegung. Durch die Person des Michael Frankl lernt man leidenschaftliche Flugzeugkonstrukteure und Pioniere der Lüfte kennen. In ihrer kargen Freizeit dürfen Rahel und Barbara das Entstehen der ersten bewegten Bilder und der ersten Lichtspielhäuser mitverfolgen, als historischer Hintergrund wird eine Welt gezeigt, die geradewegs auf einen Krieg zusteuert. Die Kriegsereignisse werden dem Leser durch die Erfahrungen von Barbaras Cousin Franz, aber auch durch verschiedene Briefe von der Front vermittelt.
Der einnehmende Schreibstil der Autorin wird durch hervorragend charakterisierte handelnde Figuren ergänzt, die Einbindung des Berliner Dialekts in Gesprächen mit Barbara Schubert und ihren Verwandten trägt darüber hinaus zur Authentizität bei. Neben fiktiven Figuren brachte die Autorin auch zahlreiche historische Persönlichkeiten in die Handlung ein. So darf man sich auf Einblicke in das Leben des Arztes und Wissenschaftlers Professor Paul Ehrlich freuen, der als Forscher maßgeblich zur Entwicklung eines Diphterie Serums beitrug und die moderne Chemotherapie begründete. Auch das Leben des Internisten Dr. Theodor Brugsch und die Erkenntnisse des Mediziners und Mikrobiologen Robert Koch sowie des Immunologen Doktor August von Wassermann sind Themen dieses Buches. Zu guter Letzt wird durch die Interessen und Aktivitäten der Protagonistin Barbara Schubert diversen Frauenaktivisten eine kleine Rolle zuteil.
Fazit: Ulrike Schweikert präsentiert mit dem vorliegenden Buch einen sehr unterhaltsamen und durch die hervorragend recherchierten historischen Hintergründe zugleich auch hoch interessanten zweiten Band einer Reihe, die man durchaus auch unabhängig voneinander lesen kann. Der Autorin ist es erneut gelungen, mich vollends zu begeistern. Sowohl der einnehmende Schreibstil, als auch die in die Handlung eingebrachten historischen Fakten und die authentischen Figuren dieses Buches bescherten mir ein herausragendes Leseerlebnis. Ich sehe dem dritten Band dieser Reihe bereits mit großer Vorfreude entgegen!
Wacholderschnaps und heiße Schokolade
Die Charité: Aufbruch und Entscheidung von Ulrike Schweikert
Wacholderschnaps und heiße Schokolade
Die Weltenbummlerin Daisy Wickens kommt anlässlich des Todes ihres Großonkels Reginald „Reg“ nur ungern in das kleine Städtchen Ottercombe Bay in Devon zurück. Zu viele schlimme Erinnerungen sind mit diesem Ort verbunden, an dem Daisys Mutter in sehr jungen Jahren unter ungeklärten Umständen starb.
Die Testamentseröffnung versetzt der jungen Frau jedoch einen Schock: um das großzügige Erbe ihres Verwandten antreten zu können, muss Daisy sich dazu verpflichten, ein Jahr lang in Ottercombe Bay zu wohnen. Für die rastlose Seele, die bislang ein Nomadenleben ohne Besitztümer und ohne Bindungen führte, ist es schlichtweg unvorstellbar, sich auf diese Bedingung einzulassen. Eine Verletzung ihrer Tante und die Überredungskünste einer Freundin aus Kindheitstagen bringen Daisy jedoch zum Umdenken. Schließlich investiert sie ihre gesamte Energie in die Renovierung ihres Erbes. Daisy möchte das ehemalige Bahnhofsgebäude in eine Bar umwandeln, diese nach Ablauf des festgelegten Jahres gewinnbringend verkaufen, und sich mit ihrem Motorrad wieder auf Wanderschaft begeben. Doch sie hat weder mit den Hindernissen, die ihr in den Weg gelegt werden, noch mit der Tatsache gerechnet, dass Ottercombe Bay und ihre Bewohner sich langsam, aber sicher, einen Weg in ihr Herz bahnen.
Im Gegensatz zu Bella Osbornes Erstlingswerk „Neues Glück in Willow Cottage“, welches ich als großes Lesehighlight empfand, war ich von der vorliegenden Neuerscheinung enttäuscht. Der einnehmende Schreibstil der Autorin wurde mir durch viele Kleinigkeiten verleidet. Derbe Ausdrücke und die für meinen Geschmack viel zu zahlreiche Verwendung des Fluches „Kack-eri-ki“, aber auch die permanenten Konfrontationen mit dem verwöhnten und rüpelhaften Mops Bugsy Malone, den Daisy als kleines vierbeiniges Monstrum betrachtet, waren für meinen Geschmack ausufernd. Ich hätte mir gerne auch das stete „Furzen“ oder „Pupsen“ bei jedem Auftritt dieses Tieres erspart, das irgendwann nur noch abstoßend auf mich wirkte. Leider konnte ich mich auch nicht für die beiden Protagonisten erwärmen, die mir bis zur letzten Seite unsympathisch blieben.
Ich hatte den Eindruck, dass die Autorin versuchte, zu viel in diese Geschichte einzubringen. Onkel Reginalds Versuch, seine Großnichte durch seinen letzten Willen dazu zu bringen, Wurzeln zu schlagen, ist Kernthema des Buches. Daisy nennt seine Aktion zwar „Erpressung aus dem Jenseits“, geht aber zähneknirschend auf die testamentarisch festgelegten Bedingungen ein. Das Wiedersehen mit Daisys alten Freunden Jason Fenton, Max Davey und Tamsyn Turvey sorgt ebenfalls für einige Turbulenzen im Buch. Die Charaktere empfand ich an mancher Stelle als überzogen und widersprüchlich, ich konnte deren Denken und Handeln oft nicht nachvollziehen. Daisy wird als selbstständige und taffe Frau präsentiert, die jahrelang auf ihrem Motorrad und einem Bündel Habseligkeiten durch die Welt zog. Auf mich wirkten ihre Handlungen im vorliegenden Buch jedoch unreif, wankelmütig und unentschlossen. Auch das immerwährende Auf und Ab zwischen Daisy und ihrem alten Jugendfreund war ermüdend und irgendwann nur noch langweilig. Die Autorin entschloss sich zudem, ihre Protagonistin mit der Aufarbeitung der Vergangenheit zu beschäftigen. Und so macht Daisy sich auf die Suche nach der wahren Todesursache ihrer Mutter Sandy. Der ehemalige Unruhestifter des Ortes, dessen krimineller Vater, der örtliche Polizeibeamte und ein zwielichtiger Franzose sorgen darüber hinaus für einige Aufregungen und amouröse Verwicklungen. Daisys Tante Coral hatte anfangs gute Aussichten, meine favorisierte Nebenfigur zu werden. Leider entwickelten sich die ältere Dame und ihre Beziehung zu Daisy nicht weiter. Tante Coral blieb blass und abgesehen von einer überraschenden Entwicklung am Ende des Buches eher am Rande des Geschehens. Die nebenan wohnende Tamsyn Turvey wird als entzückende, ein wenig verrückte und einzigartige Jugendfreundin Daisys vorgestellt. Ich empfand sie jedoch als naiv und zudem als etwas dümmlich und unterbelichtet dargestellt. Auch hier bedauerte ich das Potenzial, das verschenkt wurde.
Aus meiner Sicht kann Bella Osborne mit ihrer Neuerscheinung „Wacholderglück“ nicht an den grandiosen Vorgänger anknüpfen. Sie enttäuschte mich vielmehr durch eine auf mich etwas unausgegoren wirkende, wenig unterhaltsame Geschichte mit blassen und unglaubwürdigen Charakteren. Ich war mehrfach versucht, das Buch abzubrechen und kann es im Gegensatz zum ersten Roman dieser Autorin nicht weiterempfehlen. Schade.
Was geschah in jener Septembernacht 1908 mit Celia Sudworth?
Hill House - Sturm über Mandeville Park von Annis Bell
Was geschah in jener Septembernacht 1908 mit Celia Sudworth?
Im Prolog dieses Buches wird Rose Mandeville im September des Jahres 1908 Augenzeugin einer höchst seltsamen Szene. Mitten in der Nacht wird ihre Bekannte, die junge Lady Celia Sudworth, gegen ihren Willen aus dem Haus geschafft. Diese Beobachtung prägt sich tief in Rose ein.
Ihre Suche nach der seither wie vom Erdboden verschwundenen jungen Frau zieht sich wie ein roter Faden bis zur letzten Seite dieses Buches und hat eine überaus starke Motivation: „Celia steht für all jene Frauen, die keine Stimme haben, weil sie keine Rechte haben, weil andere über ihr Schicksal bestimmen.“
Der zweite Band der Trilogie aus der Feder von Annis Bell konzentriert sich auf Lady Rose Mandeville, eine jener drei Freundinnen, die in einem ungewöhnlichen Haus auf den Hügeln, umgeben von Hecken, einem Rosengarten und Zypressen und einem See im Wald ihre Kindheit verbrachten. „Damals glaubten wir, es würde niemals enden, wir dachten, dass das Leben unendlich ist und jeder neue Tag nur noch schöner und verheißungsvoller würde…“ Der Kriegsausbruch beendete das Wunschdenken und die Träume von Alice Buxton, Rose Mandeville und Vera Lyttleton. Während der Kontinent in Blut und Tränen versinkt, kämpfen die drei jungen Frauen auf ihre Weise um ihr Glück. Alice, die Protagonistin des ersten Buches, lebt mit ihrem Vater Geoffrey in Hill House und unterrichtet in ihrer Montessori-Schule. Die überzeugte Pazifistin ist eine liebenswerte und fröhliche Frau, mitfühlend und hilfsbereit. Sie führt ein unkonventionelles Leben und ist glücklich mit ihrer großen Liebe Lorenzo Ranieri. Doch Lorenzo befindet sich derzeit als neutraler Beobachter und unbefangener Berichterstatter mitten im Kriegsgebiet.
Die selbstbewusste Rose besitzt eine ausgeprägte Persönlichkeit und einen starken Charakter. Sie wehrt sich vehement gegen die nachdrückliche Erwartungshaltung ihrer aristokratischen Eltern und bricht aus ihrem vorbestimmten Leben aus. Das Engagement im Kampf der Frauen um das Wahlrecht und die Gleichberechtigung bestimmt ihr Denken und Handeln. Roses Ruf als streitbare Suffragette und ihr Kontakt mit führenden Persönlichkeiten der Frauenrechtsbewegung bringen sie wiederholt in Schwierigkeiten. Doch die blonde Schönheit setzt alle Hebel in Bewegung, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ihre Bemühungen, den Menschen die Schattenseiten des Krieges bewusst zu machen und ihr Plädoyer für soziale Reformen, faire Arbeitsbedingungen und gleiche Rechte hinsichtlich Kinder und Besitz machen sie zu einer Frau, die man kritisch im Auge hat. Roses verbotene Gefühle für den unglücklich verheirateten Anwalt Michael Wodehouse werden von dem charismatischen Juristen erwidert, doch Rose widerstrebt es zutiefst, eine Ehe zu brechen und eine heimliche Affäre zu beginnen. Der Wunsch nach einer Scheidung ruft Michaels rasend eifersüchtige und rachedürstende Ehefrau Blanche auf den Plan.
Während Alice und Rose sich in relativer Sicherheit befinden, setzt Vera ihre Fähigkeiten als ausgebildete Krankenschwester mitten im Kriegsgebiet ein. Vera ist in diesem Folgeband ein wenig weicher geworden, ihre schwierige, verschlossene und eigensinnige Art wich einer gewissen Umgänglichkeit und Toleranz anderen Menschen gegenüber.
In dieser Fortsetzung trifft man auf viele bekannte Gesichter aus dem ersten Band, auch Spencer Mandeville wird eine gewichtige Rolle zuteil. Der liebenswerte und großherzige Bruder von Rose fliegt als Pilot für die Royal Flying Corps Kampfeinsätze und gilt nach einem feindlichen Artilleriefeuer bei Neuve-Chapelle als vermisst. Roses Mutter Margaret, die kalte und unmenschliche Duchess Mandeville, war mir bereits im ersten Band zutiefst unsympathisch, was sich auch im vorliegenden Buch nicht änderte. Ihr Ehemann, Duke Douglas Mandeville, findet sich als Mitglied der britischen Hocharistokratie mit der neuen Situation nicht zurecht. Sein außer Kontrolle geratener Hang zum Spiel und seine zahlreichen Affären brachten die Familie bereits an den Rand des Ruins. Ob er fähig ist, im zweiten Band seine Fehler wiedergutzumachen?
Die Autorin brachte zudem weitere interessante und vielschichtige Akteure in die Handlung ein. Neben Alices exzentrischen, aber liebenswerten Künstlerfreund Raymond „Ray“ Saull betritt mit der Malerin Mabel Goodwyn eine ungezwungene Befürworterin des Frauenwahlrechts die Bühne. Sie unterstützt Roses Bestreben nach Unabhängigkeit und gewährt ihr Unterkunft. Major Steve Norbury ist mir auf der Stelle ans Herz gewachsen. Der junge Offizier aus dem kleinen Fischerdorf Coverack in Cornwall verliert trotz einer schlimmen Verwundung niemals seine lebensbejahende Haltung und wird nicht nur für Spencer, sondern auch für Rose zu einer wichtigen Figur. Auch der sympathische Butler der Buxtons namens Newton erhielt einen kleinen Gastauftritt – er ist für Rose ein Fels in der Brandung und bezaubert durch seine umsichtige und mitfühlende Art. Zu guter Letzt erhielten in diesem Buch auch namhafte Figuren der Frauenbewegung eine Rolle, der interessierte Leser darf sich auf kleine Einblicke in die Aktivitäten von Sylvia und Christabel Pankhurst, Jodie Green, Millicent Fawcett, Lady Phyllis Linnsdale und Doktor Florence Dalgrave freuen.
Sowohl der einnehmende Schreibstil, als auch die bildhaften Beschreibungen der Autorin und die hervorragende Charakterzeichnung der handelnden Figuren haben mir erneut ein herausragendes Lesevergnügen bereitet. Die Kriegshandlungen und die britische Suffragetten Bewegung bilden bedeutende Rahmenhandlungen, sie bringen Spannung und Emotionen ins Buch. Das Festhalten an der alten Gesellschaftsordnung und an ihren Standesdünkel wird durch den Duke und die Duchess of Mandeville veranschaulicht. Doch auch sie können der Aufbruchsstimmung und dem Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung nicht mehr viel entgegenhalten. „Wenn man den weiblichen Verstand schärft, indem man ihn bildet, ist Schluss mit dem blinden Gehorsam.“ (Mary Wollstonecraft, 1759 - 1797)
FAZIT: Wie bereits dessen Vorgänger hat mich auch der zweite Band dieser eindrucksvollen Trilogie sofort in seinen Bann gezogen. „Sturm über Mandeville“ besticht durch eine perfekte Mischung aus Abenteuer, Liebe und Romantik und bietet darüber hinaus Einblicke in die Ereignisse im Ersten Weltkrieg. Das Buch thematisiert die Kämpfe mutiger und entschlossener Frauen um jene Rechte, die ihnen von Natur aus zustehen, aber in einer von Männern beherrschten Gesellschaft vorenthalten wurden. Ich würde interessierten Lesern jedoch zum besseren Verständnis die Einhaltung der Reihenfolge dieser Trilogie empfehlen:
1. Hill House. Die drei Freundinnen.
2. Hill House. Sturm über Mandeville Park.
Begeisterte fünf Sterne für dieses überaus unterhaltsame und spannende Leseerlebnis, das ich sehr genossen habe. Ich sehe dem Erscheinungsdatum des finalen Bandes bereits mit großer Vorfreude und hoher Erwartungshaltung entgegen.









