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Rezensionen von Gertie G.:
Eine Mordserie in Luxemburg
Die Knuedler-Verschwörung von Claude Dominicy
Luxemburg, das kleine, aber finanzkräftige Fürstentum mitten in Europa ist der Schauplatz dieses Krimis, der einen tiefen Blick auf die Abgründe der Politik gibt. Also nicht, dass sich diese Straftaten wirklich so abgespielt hätten, aber um ihre Macht zu erhalten, schrecken Politiker egal aus welchem Land, vor wenig zurück.
Doch von Beginn an:
Bei einem Empfang werden zwei hochrangige Politiker vergiftet. Wenig später ein dritter. Kriminalkommissarin Dany Kerner wird mit den Ermittlungen betraut, gleichzeitig von ihrem Vorgesetzten und dem Staatsanwalt nach allen Regeln der Kunst behindert und mit einem Disziplinarverfahren bedroht.
Dennoch kann Dany es nicht lassen und stochert weiter im Leben der Opfer herum. Dabei stößt sie auf zahlreiche Ungereimtheiten. Der Verdacht massiven Machtmissbrauchs steht im Raum. Nur wozu? Mehr Geld oder mehr Einfluss? Und was hat der Selbstmord eines Kommunalpolitikers mit der Mordserie zu tun?
Nachdem sie auf eine Mauer des Schweigens stößt, spannt sie einen Journalisten für ihre Recherchen ein. Dass Opfer, Polizeichef und Staatsanwalt in den selben Männerklubs verkehren, lässt an eine Verschwörung denken.
Meine Meinung:
Der Krimi hat mir sehr gut gefallen. Luxemburg als Schauplatz war für mich neu, die Willkür und Machenschaften mancher Politiker nicht.
Der Plot ist gut durchdacht und spannend angelegt. Einzig der Prolog passt nicht ganz dazu.
Ich habe recht bald geahnt, wer hinter den Morden stecken könnte und was das Motiv ist. Die Auflösung hat mir recht gegeben. Trotzdem hatte ich spannende Lesestunden, denn wie so oft, interessiert mich der Weg der Ermittler zum Täter.
Die privaten Probleme von Dany Kerner, sie ist mit einer Frau verheiratet, hätten nicht ganz so breit ausgewalzt werden müssen. Kurz hatte ich ja Danys Ehefrau, die selbst in der Politik mitmischt, in Verdacht, in der Mordserie eine Rolle zu spielen. Aber, obwohl die militante Umweltschützerin Dany das Leben mehr als schwer macht, ist sie für so ein Mordkomplott nicht intelligent genug.
Fazit:
Ein Krimi mit einer neuen Ermittlerin, der durchaus Zeug zu einer Reihe hat. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.
Ein gelungener Reihenauftakt
Ein tödlicher Jahrgang von Beate Maxian
Mit diesem Krimi, der Auftakt zu einer neuen Reiheist, hat Beate Maxian mit Lou Conrad, eine neue Ermittlerin erschaffen, die weiß, worauf es ankommt. Denn Lou ist nach Jahren als Inspektorin beim LKA Niederösterreich in ihren Heimatort Marienkirchen zurückkehrt. Dort führt sie ihr eigenes Delikatessengeschäft und verkauft kulinarische Spezialitäten aus der Wachau und hilft auch ab und zu ihren Eltern auf deren Weingut, die es lieber gesehen hätten, wenn Lou den Familienbetrieb übernähme.
Gemeinsam mit dem Berner Sennenhund Michelin lebt sie in einem kleinen Winzerhaus. Als es auf der Reide des bekannten Winzers Markus Haller brennt und er selbst erschossen zwischen den Weinstöcken liegt, erwachen ihre Ermittlergene wieder, zumal der örtliche Imker in der Nähe des Tatorts gesehen worden ist und mit Haller einen Streit hatte.
Auch Lous ehemalige Vorgesetzte Verena Badinger scheint sich auf den Imker einzuschießen. Doch ist der Imker wirklich der Täter? Und warum verhalten sich Ehefrau und Tochter des Toten so eigenartig?
Als dann noch Lous frühere Jugendfreundin Mona, die in Kürze mit ihrem Mann Fabio in Marienkirchen ein Restaurant eröffnen wollte, verschwindet, setzen sich Lou und Fabio ins Autor und fahren nach Südtirol, an deren letzte Arbeitsstätte. Das ist allerdings nicht der einzige Grund nach Südtirol zu reisen, denn auch Markus Haller hat dort geschäftliche Interessen.
Meine Meinung:
Nach der erfolgreichen Reihe rund um Sarah Pauli, hat Beate Maxian mit der ehemaligen Polizistin Lou Conrad eine weitere sympathische Ermittlerin geschaffen. Auch der Berner Sennhund Michelin hat seinen Platz. Schmunzeln musste ich über die diversen Dorfbewohnerinnen, die ähnlich wie Nachrichtendienste, sämtliche Neuigkeiten sofort weitergeben. Nichts bleibt geheim in Marienkirchen.
Geschickt sind Tourismuswerbung und Alltagsgeschichten im kleinen fiktiven Dorf Marienkirchen in die Handlung eingeflochten. Neben der Wachau, dem wunderschönen Gebiet neben der Donau, wo seit Jahrhunderten auf den in Terrassen angelegten Rieden köstliche Weißweine gekeltert werden, spielen auch Südtirols Weingärten mit ihren vollmundigen Rotweinen eine Rolle. Ob Riesling, Sylvaner oder Vernatsch - wir lernen hier einiges über den Weinbau und die Möglichkeit, sich kriminelle Machenschaften zu verstricken. Im Anhang gibt es eine kurze Auflistung der bekanntesten Weinsorten.
Diejenigen, die gerne ihre Krimis in diverse Sub-Genres einteilen, können diesen Reihenauftakt getrost in die Kategorie „kulinarischer Krimi“ einordnen. Denn neben Wein, erfahren wir einiges über andere lokale Spezialitäten. Die bekannteste davon, die Wachauer Marille wird Star des nächsten Krimis mit dem Titel „Tödliche Marillenzeit“ sein, der im September 2024 erscheinen wird.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem gelungenen Reihenauftakt 5 Sterne.
Ein gelungener Krimi
Die Tote von Nikosia von Hannah Essing
Die Sonneninsel Zypern ist Schauplatz dieses Krimis, der die komplexen bürokratischen Verhältnisse des seit 1974 geteiltem Landes sehr gut wiedergibt, als man in der UN-Pufferzone, also im Übergangsbereich zwischen dem von den Türken annektierten und dem zypriotischen Teil der Insel, die Leiche einer jungen Frau findet.
Die politischen Machtstrukturen spiegeln sich unter den Ermittlern wieder, die sich aus Mitgliedern der UN-Truppe, der türkischen und der zypriotischen Polizei zusammensetzt. Zusätzlich unterstützt Monika Marx, eine pensionierte Ermittlerin aus Deutschland, die zypriotische Polizei als Beraterin. Es entbrennt ein Machtkampf, bei dem kaum jemand gewinnen kann und jeder dem anderen einen Täter unterjubeln will. Es scheint, als ginge es gar nicht darum, den Mörder einer jungen Frau zu fassen, sondern die politischen Eitelkeiten zu befriedigen.
Das wird von Monika Marx durchkreuzt, die mit ihrer Art nicht nur einmal ordentlich aneckt, sondern auch für Schmunzeln und manchmal auch für Kopfschütteln sorgt.
Meine Meinung:
Hannha Essing hat hier einen interessanten Krimi geschrieben, der die Lebensumstände auf der von Touristen beliebten Insel beschreibt. Er zeigt, dass man sich zwar 50 Jahre nach der widerrechtlichen Annexion von Nordzypern durch die Türkei mit dem Status Quo pragmatisch arrangiert hat, aber die Spannungen durchaus vorhanden sind. Schlimmeres kann durch die UNO-Truppen meistens verhindert werden. Allein die nervige Tatsache, dass die Ermittler mehrmals täglich, wenn sich ausweisen müssen, wenn sie von einem Ende der Insel zum anderen fahren müssen. Monika Marx erledigt das im sogenannten kleinen Dienstweg.
Viel Augenmerk legt sie auf das Kompetenzgerangel zwischen den Ermittlern. Monika Marx kann als Beraterin einiges übergehen. Dass sie den jungen Journalisten Noah zu den Ermittlungen mitschleppt ist ein wenig unglaubwürdig. Doch auf Zypern scheinen solche Extratouren niemanden aufzuregen.
Die Charaktere haben alle ihre Ecken und Kanten. Besonders Monika Marx ist eine vom Leben gebeutelte Person. Einerseits hat sie auf Grund ihrer Krankheit dauernd Schmerzen, nimmt Tabletten und frönt dennoch einem sehr ungesunden Lebensstil, zu dem neben üppigen Mahlzeiten auch ordentliche Mengen Alkohol gehören. Damit ist sie nicht unbedingt eine Sympathieträgerin, genauso wenig wie das Opfer, das intrigant und selbstsüchtig daherkommt.
Der Plot ist durchaus spannend und endet nach zahlreichen ermittlungstechnischen Sackgassen mit einer unerwartete Auflösung, die trotzdem stimmig ist.
Der Krimi lässt sich sehr gut lesen und bietet Einblick in die Geschichte und den Alltag auf der geteilten Insel.
Fazit:
Gerne gebe ich hier 4 Sterne.
Penibel recherchiert und gekonnt erzählt
Keine Schonzeit für Mörder von Franz Preitler
Es ist Anfang Mai des Jahres 1914. Noch weiß niemand, dass dieses Jahr die Welt in den Abgrund stürzen wird. Einen kleinen Vorgeschmack bekommt die Gegend um Mürzzuschlag als Alois Birnstingl, Kommandant der Gendarmerie, und der junge Revierjäger Johann Freidl einen Wilderer im Wald stellen. Wenig später sind zwei der drei Männer tot.
Birnstingl vom Wilderer erschossen, der Wilderer durch zwei Stiche ins Herz vom Aufsichtsjäger in Notwehr - wie er behauptet - getötet. Einigen Dorfbewohnern kommt die Geschichte nicht geheuer vor und der Freispruch des jungen Revierjägers beim nachfolgenden Prozess, spaltet das Dorf.
Doch die weltpolitischen Ereignisse, also der Mord an Thronfolger Franz Ferdinand und seiner Frau und der daraufhin folgende Ausbruch des Großen Krieges, sowie die Kriegsbegeisterung der Bevölkerung übertüncht zunächst das lokale Ereignis.
Erst als der Nachfolger des getöteten Birnstingl sich der Sache annimmt, kommen die Intrigen innerhalb der Dorfgemeinschaft ans Tageslicht.
Meine Meinung:
In seinem dritten Krimi, der in der Gegend rund um Mürzzuschlag spielt, hat Autor Franz Preitler wieder zahlreiche historische Fakten mit fiktiven Elementen kombiniert. Er nimmt seine Leser in eine vielschichtige Dorfgemeinschaft mit. Zahlreiche verdeckt und offen geführte Fehden bestimmen den Alltag. Auch das Thema Fortschritt versus Tradition finden ebenso Platz wie die verbotene Liebe zwischen zwei Männern und die Herabwürdigung der Töchter als Spielball zur Vermehrung des Besitzes der Väter.
Sehr gut ist die Stimmung im Dorf beschrieben. Manch einer sympathisiert mit dem Wilderer, denn der verbotenen Abschuss des Wildes gilt bei manchen als Mutprobe und dient anderen zum Überleben.
Geschickt integriert Franz Preitler historische Persönlichkeiten in seine Geschichte. So darf der Dichter Peter Rossegger (1843-1918) wieder auftreten und setzt dessen Freund, dem Fotografen Franz Josef Böhm (1874-1938), der das Heimatmuseum in Mürzzuschlag gegründet hat, ein Denkmal. Auch das fiktive Postwirtsehepaar Pfandl hat mit Sophie (1873-1963) und Toni Schruf (1863-1932) ein reales Vorbild.
Fazit:
„Keine Schonzeit für Mörder“ ist ein eindringlicher historischer Kriminalroman, der gekonnt Fakten mit Fiktion verquickt. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.
Turbulent und humorvoll
Eintunkt von Martina Parker
In ihrem 5. Gartenkrimi entführt uns Martina Parker nach Bildein, einem 350-Seelen-Dorf im nordöstlichsten Zipfel des burgenländischen Bezirks Güssing. der nur wenige hundert Meter von der ungarischen Grenze entfernt ist. Bekannt ist Bildein durch das Musikfestival „picture on“, das seit 2000 alljährlich Anfang August stattfindet.
Und dieses Musikfestival bildet auch den Hintergrund für diesen Krimi, der wie alle seine Vorgänger durch die Beschreibung von Land und Leute, die durchaus schrullig sein dürfen, Tipps und Tricks für den Garten sowie für humorige Einlagen, die immer wieder im tiefsten burgenländischen Dialekt von sich gegeben werden, punktet. Keine Sorge, die Dialektpassagen werden in Fußnoten gleich übersetzt, sodass auch Leser aus anderen Regionen keine Mühe haben, das Gesagte zu verstehen.
Herzlich lachen musste ich nicht nur über „Gut gebettet mit Betty“, dem Werbeslogan des Bestattungsunternehmens, sondern auch über die illustre Schar der Gartenfreundinnen.
Über den Inhalt verrate ich nichts, sonst ginge die Spannung flöten.
Dass wir jetzt bis 2026 (!) auf die Fortsetzung mit dem Titel „Anbandelt“ warten müssen, ist betrüblich, doch Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.
Das Cover passt zu den Vorgängern.
Fazit:
Eine perfekte Fortsetzung dieser Reihe, die hoffentlich noch lange weitergehen wird. Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung. Ein heißer Tipp: unbedingt bei Band 1 („Zuagroast“) beginnen.
Carpe diem!
Der geheime Wert der Zeit von Thomas Erle
Autor Thomas Erle hat mit diesem Buch, eine sehr ruhige Geschichte rund um den Wert der Zeit geschrieben.
Friedrich Karmann ist ein Eigenbrötler und Müßiggänger. Sein Vermögen gestattet es ihm, jedem Luxus zu frönen. Doch am liebsten beschäftigt er sich mit alten, kostbaren Uhren. Er hat kaum Freunde und die letzte Frau an seiner Seite hat ihn verlassen.
Allerdings scheint er menschliche Gesellschaft nicht wirklich zu vermissen.
Friedrich Karmann ist auf dem Weg zum Begräbnis seines Vaters und kommt zu spät, was angesichts seiner Leidenschaft für Uhren ein Anachronismus ist, aber zu ihm, der sich von seiner Familie losgesagt hat, sehr gut passt.
Mehr als der Tod des Vaters beschäftigt ihn, dass im tiefsten Schwarzwald eine Uhr existiert, die als die älteste der Welt gilt. Friedrich macht sich auf, den Eigentümer aufzusuchen und zum Verkauf zu überreden. Doch Johann Thoma, ein alter Bauer, hat so seine eigenen Vorstellungen. Er stellt Friedrich drei Aufgaben, die er zu lösen hat.
Beinahe gleichzeitig wird er bei der Testamentseröffnung von der Existenz seiner Halbschwester Margarethe überrascht. Die Frau erscheint ihm interessant. Ein näheres Kennenlernen wird auf später verschoben, muss er sich doch mit den Lösungen der Aufgaben beschäftigen, um die kostbare Uhr zu erhalten.
Als Friedrich wenig später dann doch Zeit findet, sich mit Margarethe zu treffen, erleidet sie hoch oben auf dem Glockenturm des Münsters von Freiburg einen Herzinfarkt und stirbt ein paar Tage später.
Erstmals scheinen in Friedrich so etwas wie Gewissensbisse aufzukeimen, statt seine Zeit mit Margarethe verbracht zu haben, mit der Jagd nach der Uhr verplempert zu haben, zumal er an den Aufgaben gescheitert ist.
Fazit:
Diese poetische Parabel auf den Lauf der Zeit, den man, trotz Reichtums nicht anhalten kann, hat mir sehr gut gefallen. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.
Krimi aus dem Berlin im Juli 1944
Stürzende Feuer von Ben Pastor
Autorin Ben Pastor entführt ihre Leser in den Juli des Jahres 1944. Die Niederlage des NS-Regimes ist nach der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 absehbar, auch wenn es die Machthaber nicht wahrhaben wollen.
Oberstleutnant Martin Bora, im Zivilberuf Detektiv, kehrt für eine Woche Heimaturlaub von der italienischen Front nach Berlin zurück, um am Begräbnis seines Onkels, Prof.
Dr. Alfred Reinhardt-Thoma, teilzunehmen. Neben der von alliierten Bomben teilweise zerstörten und demoralisierten Stadt, entdeckt er einige Ungereimtheiten beim Tod seines Onkels, der ein Gegner der Euthanasie durch das NS-Regime war. Doch bevor er sich damit näher beschäftigen kann, erhält er vom Chef der Kriminalpolizei Arthur Nebe (1894-1945) den Auftrag bis zu seiner Rückkehr an die italienische Front, den Mord an einer schillernden Persönlichkeit, dem Magier Walter Niemeyer, den auch zahlreiche Nazi-Bonzen „konsultieren“, aufzuklären. Dazu erhält er eine Liste mit den Namen von vier Verdächtigen, ein Auto und einen erfahrenen Kriminalbeamten namens Grimm als Chauffeur und Aufpasser.
Gemeinsam arbeiten sie die Liste der Verdächtigen ab und Martin Bora (und die Leser) können sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Täter ohnehin schon feststeht, egal ob er Niemeyer tatsächlich getötet hat oder nicht.
Bora gerät in ein dichtes Netz von Lügen und Halbwahrheiten aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt, zumal sich Gerüchte eines Umsturzversuchs hartnäckig in Berlin halten, weshalb er Kontakt zu Oberst Stauffenberg aufnimmt. Man ist sich, obwohl ähnlich versehrt (Bora fehlt nach einem Partisanenangriff die linke Hand), nicht sonderlich sympathisch.
Meine Meinung:
80 Jahre nach dem Umsturzversuch durch die Gruppe rund um Graf Stauffenberg auf Hitler bringt der Unionsverlag diesen zeitgeschichtlichen Kriminalroman, der der 7. Band einer bislang 11-teiligen Krimi-Reihe von Ben Pastor ist, heraus. Ben Pastor ist das Pseudonym der italienischen Autorin Maria Verbena Volpi. Bislang sind erst drei Krimis mit Martin Bora ins Deutsche übersetzt worden. Der hier vorliegende sowie „Tod der Äbtissin“ und „Kaputt Mondi“.
Ben Pastor hat mit Martin Bora, der 1913 als Martin-Heinz Douglas Baron von Bora geboren worden ist, eine interessante und mitunter ambivalent erscheinende Figur erschaffen. Er ist Wehrmachtssoldat, Detektiv sowie Nachfahre von Martin Luthers Ehefrau Katharina von Bora. Als adeliger Gutsbesitzer in Ostpreußen sind ihm Verantwortungsbewusstsein und Umsicht in die Wiege gelegt. Daher erscheint es manchmal unverständlich, dass er im NS-Unrechtsregime, anders als Onkel Prof. Dr. Alfred Reinhardt-Thoma, bisher überlebt hat.
Während seines Aufenthaltes in Berlin residiert er standesgemäß im Hotel Adlon, auch wenn das inzwischen auf Grund der kriegsbedingten Mangelwirtschaft an Qualität eingebüßt hat, und auch von zahlreichen Nazis frequentiert wird.
Der Auftrag, den Bora von Nebe erhält, lässt vermuten, dass Bora, der aus seiner Zeit bei der Abwehr unter Admiral Wilhelm Canaris über einige Verbindungen verfügt, eine Falle gestellt werden könnte. Oder dass Nebe es mit einer möglicher Beteiligung am Umsturzversuch ernst gemeint hat. Arthur Nebe wird jedenfalls wie Wilhelm Canaris wegen Hochverrat im März bzw. April 1945 zum Tode verurteilt und gehenkt.
Geschickt werden Fakten und Fiktion miteinander verknüpft.
Ben Pastor (und ihrer Übersetzerin Hella Reese) ist es sehr gut gelungen, die eigenartige Stimmung, die in Berlin herrscht, einzufangen. Man kann niemandem mehr trauen, manchmal auch sich selbst nicht. Wir dürfen an den Gedanken von Martin Bora teilhaben. Wie immer, finde ich die Widersprüche, die sich in der Doktrin des NS-Regime auftun, sehr interessant.
Man kann diesen Krimi sehr gut ohne Kenntnis der anderen lesen. Ich werde mir jedenfalls die beiden, die auf Deutsch erhältlich sind, besorgen, da mich die Entwicklung der Protagonisten immer interessiert.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem zeitgeschichtlichen Krimi rund um Martin Bora 5 Sterne.
Ein kurzer geschichtlicher Überblick über 5 Epochen
Was war denn da los?! von Felix Melching; David Neuhäuser
Herausgeber Stefan Bergmann geht der Frage nach, warum sich Menschen für Geschichte interessieren. Dazu bieten sie drei Lösungen an:
Eine hoch motivierte Lehrkraft hat unsere Begeisterung im Alter von 14 oder 15 Jahren geweckt
Oder familiäre Betroffenheit durch Flucht und Migration in einer der letzten Generationen
Oder das eine oder andere historische Ereignis, das sich in unserem Gedächtnis fest verankert hat
Was auch immer der Anlass ist, sich mit Geschichte zu beschäftigen, die beiden Historiker Felix Melching und David Neuhäuser stellen in diesem Buch dreißig ausgewählte Ereignisse aus fünf Epochen vor, die sie zuvor in ihrem Podcast präsentiert haben.
Der QR-Code am Ende jeden Textes führt zum entsprechenden Podcast.
Die fünf Epochen sind:
Antike
Mittelalter
Neuzeit
19. Jahrhundert
Gegenwart (20. Jahrhundert)
Die Auswahl für dieses Buch ist natürlich höchst subjektiv und leider sind unter den 30 ausgewählten Beiträgen nur 7 in denen Frauen die Hauptrolle spielten. Nun ja, Geschlechterparität sieht anders aus. Vielleicht wäre es doch möglich gewesen, hier halbe/halbe zu machen?
Die Autoren führen in leicht verständlichem Plauderton durch ihre Beiträge. Aber lasst euch selbst von der Antike bis zum Falklandkrieg entführen. Tiefer gehende Analysen darf man hier nicht erwarten, aber vielleicht reichen die Streifzüge durch die jeweilige Epoche, um sich näher mit den Ereignissen zu beschäftigen.
Ich persönlich habe nicht wirklich etwas Neues erfahren.
Fazit:
Ein schneller Überblick über fünf Epochen in dreißig Ereignissen, dem ich 3 Sterne gebe.
Interessante Lektüre
Die Gräfin von Irma Nelles
Als der englische Pilot John Philipp Gunter im August 1944 mit seinem Flugzeug über der kleinen nordfriesischen Hallig Südfall abstürzt, weiß er noch nicht, dass er von einer interessanten Frau, der achtzigjährigen Hallig-Gräfin, gerettet wird.
Die Hallig-Gräfin, mit vollem Namen Diana Henriette Adelaide Charlotte Gräfin von Reventlow-Criminil, lebt seit dreißig Jahren abseits der funkelnden High Society an der nordfriesischen Küste.
Sie gilt als Blaustrumpf, ja fast als schwarzes Schaf der weit verzweigten Familie der Reventlows, die in jeder Generation Sonderlinge hervorgebracht hat.
John verbringt sechs Tage auf der Hallig, immer in Gefahr von Gestapo-Schnüfflern entdeckt zu werden, bis sich die Gelegenheit ergibt, nach Dänemark zu fliehen.
Meine Meinung:
Dieser autofiktionale Roman beschreibt einige Tage im Leben der Hallig-Gräfin Diana von Reventlow-Criminil. Dafür greift die Autorin auf ein wahres Erlebnis zurück: Ein englischer Pilot stürzte mit seiner Maschine in der Nähe ihrer Hallig ab und wurde von ihr und ihren Helfern vor Ort gesund gepflegt.
Der historische Roman, der das Debüt der 80-jährigen Autorin Irma Nelles ist, beschäftigt sich mit dem mühseligen Leben auf einer Hallig. Da braucht es weder Gestapo-Schnüffler noch den Zweiten Weltkrieg, um den täglichen Kampf auszufechten, die Naturgewalten machen den Bewohnern das Leben ohnehin schwer genug.
Der Roman ist atmosphärisch, da vieles nur angedeutet und geheimnisvoll bleiben wird. Trotzdem entwickelt er einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann.
Der leider nur knapp 175 Seiten lange Roman ist sprachlich hervorragend verfasst. Dass einige Charaktere nordfriesischen Dialekt sprechen, macht dieses Werk authentisch.
Das blassrosa Cover, das den Strand und eine Reiterin zeigt, passt wunderbar zu der Geschichte
Fazit:
Gerne gebe ich diesem anspruchsvollen Roman 5 Sterne.
Fesselnd bis zur letzten Seite
Königinnensonntag von Jill Kaltenborn
Nachdem dem Tod eines Patienten kehrt die junge Ärztin Nina Wedemeyer für einige Wochen, wie sie glaubt, in ihr Elternhaus in der Heide zurück, um sich über ihre berufliche und auch private Zukunft klar zu werden. Dabei wollte sie nie, nie wieder in das Dorf Lopauthal zurück, denn vor genau zwanzig Jahren sind in der Nacht zum Königinnensonntag zwei Frauen, Frederika Petersen und Ingrid Johanning, ermordet worden.
Der Täter konnte damals nicht ermittelt werden.
Unmittelbar vor Ninas Rückkehr taucht Frederikas verschollenes Tagebuch auf und Albert Johanning, Ingrids Ehemann und ehemaliger Schulleiter, gerät unter Mordverdacht, denn Frederika schreibt immer wieder über einen „Jo“. Auf die Idee, vorab alle Männer, deren Vorname mit Jo beginnt zu befragen, kommen weder der örtliche Polizist Harald Ulrich noch die beiden Kollegen von der Cold-Case-Abteilung. Als dann noch die mögliche Tatwaffe, eine Statue, die Albert gehört, buchstäblich auftaucht, ist für die Polizei alles klar: Albert Johanning ist der Täter.
Während das ganze Dorf abermals von der Polizei befragt wird, glaubt Nina nicht, dass Albert der Täter ist und beginnt auf eigene Faust Recherchen anzustellen. Dazu zapft sie unter anderem auch ihren Freund und Pathologen Stefan um die Obduktionsbefunde der toten Frauen an.
Je tiefer Nina in die Vergangenheit eindringt, desto mehr Zweifel an ihr eigenes Erinnerungsvermögen an die Nach des 15. August 1999 tauchen auf. Sie findet sich in einem Geflecht von Lügen, Halbwahrheiten und Intrigen wieder, das das Dorf seit jener Nacht gesponnen hat. Fast jeder und jede haben seinen bzw. ihren Anteil an dem Geheimnis rund um die toten Frauen.
Meine Meinung:
Dieser Krimi ist das Debüt von Jill Kaltenborn und gleichzeitig Auftakt zu einer neuen Krimi-Reihe rund um Nina Wedemeyer.
Dass Nicht-Polizisten Ermittlungen anstellen ist ja seit Jahren mit unterschiedlichem Erfolg sehr beliebt. Da gibt es Hausfrauen, Omas und Opas, Journalisten, Lehrkräfte, Adelige und PolitikerInnen und sogar diverse Haustiere, die Verbrecher jagen und oft mehr schlecht als recht die Verbrechen aufklären. Mit der Ärztin Nina Wedemeyer bekommen wir es mit einer analytisch denkenden Frau zu tun, die Weg-Zeit-Diagramme erstellt (was der Dorfpolizist z.B. nicht tut). Ermittlungen in einem verschworenen Dorf, in dem man sich untereinander zwar spinnefeind ist, aber gegen einen quasi äußerlichen Feind, zusammenhält, sind nie einfach. Daher wundert es mich, dass der Polizist Harald Ulrich vor zwanzig Jahren in seinem eigenen „Mikrokosmos“ ermitteln durfte.
Jedenfalls deckt Nina in ihren persönlichen Gesprächen und auch an Hand des Tagebuchs die Abgründe so mancher Dorfbewohner auf und löst das Rätsel, wer der ominöse Jo ist. Dabei gerät sie in einem fulminanten Showdown letztlich in akute Lebensgefahr.
Der Plot ist gelungen und der Schreibstil steigert die Spannung von Seite zu Seite. Ich habe recht bald zwei mögliche Täter in die engere Wahl genommen, wobei sich dann der eine Name bestätigt hat. Nur das Motiv hat sich mir zunächst nicht schlüssig genug dargestellt. Aber, wer weiß denn schon, was im Kopf eines anderen vorgeht?
Selten hat mich ein Krimi-Debüt so gefesselt. Ich bin schon neugierig, ob Nina den Arztberuf an den Nagel hängt oder als Pathologin arbeiten oder vielleicht als Ermittlerin ganz in den Polizeidienst eintreten wird. Jedenfalls freue ich mich, wenn es eine Fortsetzung gäbe.
Fazit:
Ein Krimi-Debüt, das bis zur letzten Seite fesselt und daher von mir 5 Sterne erhält.











