Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Gertie G.:
Steiler Aufstieg - tiefer Fall
Benkos Luftschloss von Margret Hucko; Martin Noé
Chronik eines steilen Höhenfluges und tiefen Falls
Margret Hucko und Martin Noé, beides erfahrene Wirtschaftsjournalisten liefern eine fundierte und detaillierte Analyse jener Ereignisse, die den steilen Aufstieg eines Schulabbrechers, der mit den Schönen und Reichen auf gleicher Höhe stehen wollte bis hin zu seinem nicht minderen tiefen Fall.
Längst sind nicht alle Verstrickungen und Malversationen bekannt, denn derjenige, der das undurchsichtige Firmenkonglomerat erschaffen hat, hüllt sich in Schweigen und leidet an einem selektiven Gedächtnisverlust, der ausgerechnet diese Details betrifft. Die Rede ist von René Benko und seiner Signa-Gruppe, deren Insolvenz nicht nur in Österreich sondern weltweit Baufirmen und Geldgeber zittern. Der stets verwendete Satz „Für ihn gilt die Unschuldsvermutung“ mag angesichts des Schadens, den Benko angerichtet hat, zynisch klingen.
Das in 22 Kapitel aufgeteilte Buch, beleuchtet zu Beginn den kometenhaften Aufstieg des Selfmade-Mannes aus Tirol. Dazu werden (ehemalige) Freunde und Weggefährten befragt.
Es ist erstaunlich, wie viele gewiefte Geschäftsleute, wie Bauunternehmer Hans-Peter Haselsteiner, Unternehmer Klaus-Michael Kühne oder Torsten Toeller auf diesen Scharlatan hereinfallen konnten. War es die Gier nach noch mehr Rendite? Und welche Rolle spiel(t)en die Wirtschaftsprüfer? So unabhängig wie man glaubt sind die ja doch nicht, denn sie werden von der zu prüfenden Firma beauftragt....
Vieles ist noch ungeklärt, vor allem wo das Geld geblieben ist, was mit den Immobilien und Baustellen passiert und wie es sein kann, dass eine derartige Firmenkonstruktion, in der lauter Kleinfirmen, die keine Bilanzen legen müssen, unter dem Radar der Finanz laufen konnte. Vieles wird vor Gericht geklärt werden müssen. Der einzige, der hier Licht ins Dunkel bringen könnte, ist René Benko. Doch der schweigt eisern.
Eines ist jedenfalls klar: zahlreiche Unternehmer und Kommunen haben sehr viel Geld verloren und emotionalen Niederlagen erlitten. Vielleicht werden sie in Zukunft ein weniger vorsichtig agieren, wenn es darum geht, ihr Vermögen zu investieren.
Meine Meinung:
Das Autoren-Duo versteht es ausgezeichnet, die komplexen wirtschaftlichen und rechtlichen Aspekte der Signa-Insolvenz so aufzubereiten, dass sie auch für Laien verständlich und spannend sind.
An manchen Stellen scheint das Buch sehr detailliert auf die juristischen und finanziellen Aspekte der Insolvenz einzugehen. Das könnte auf den einen oder anderen Leser etwas trocken wirken. Andererseits sind diese diese Details für das Gesamtverständnis des Insolvenz der Signa-Holding notwendig.
Die Autoren schaffen es, die komplexen Sachverhalte rund um die Insolvenz der Signa-Gruppe so darzustellen, dass sie auch für Leser ohne wirtschaftlichen Hintergrund gut nachvollziehbar sind. Gleichzeitig gelingt es ihnen, die dramatischen Entwicklungen mitreißend zu schildern, sodass man das Buch kaum aus der Hand legen möchte. Noch ist nicht abzuschätzen, welche Langzeitfolgen diese Pleite haben wird.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Buch, das den steilen Aufstieg und tiefen Fall des Selfmademan René Benko beleuchtet, 5 Sterne.
Eine gelungene Fortsetzung
Hinterm Horizont geht's weiter von Lars Haider
Als die Zeitung Hamburg News einen neuen Chefredakteur bekommt, brechen für alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen neue und harte Zeiten an. Ein Großteil von ihnen wird per email gekündigt, auch wenn sie schon 20 oder mehr Jahre in dem Unternehmen gearbeitet haben. Einige fallen daher in ein tiefes Loch, zumal von der Eigentümerseite keinerlei Unterstützung zu erwarten ist.
Dort hat man nur die Dividende im Kopf. Auch die Ressorts werden neu zugeteilt und die Zeitung driftet vom Qualitätsjournalismus in die Richtung eines Krawallblattes.
Lukas Hammerstein, der zahlreiche Prominente der Hamburger High Society kennt, soll eine Reihe von Homestories schreiben. Freude kommt hier keine auf. Dabei geht es ihm noch besser als seiner Kollegin, der Polizeireporterin Kaja, die ab sofort nur mehr über Hauben-Köche und solche die es werden wollen berichten soll.
Sowohl Lukas als auch Kaja gehen ziemlich unwillig an ihre neuen Aufgaben heran, bis, ja bis sie erfahren, dass der eine oder andere von Lukas‘ Gastgebern einem schnöden Haushaltsunfall zum Opfer gefallen ist. Ein Millionär der selbst Glühbirnen tauscht? Oder einer, der in seiner Küche einen Topf mit siedend heißem Wasser fällt? Klingt ein wenig unwahrscheinlich. Daher beginnen Lukas und Kaja heimlich zu ermitteln.
Als der Chefredakteur vom Ableben der reichen Männer erfährt, konstruiert er daraus einen Serienmörder. Zusätzlich erhält Lukas von ihm eine Liste von Personen, die er interviewen soll. Sind das nun potentielle Opfer?
Es dauert eine geraume Weile bis Lukas und Kaja herausfinden, was die Toten, die nun auch die Hamburger Polizei in Atem halten, verbindet.
Meine Meinung:
Dieser Krimi ist der dritte aus Lars Haiders Feder, wobei mir der zweite irgendwie durch die Lappen gegangen ist.
Geschickt führt uns der Autor in die Welt des Finanzadels der Hanseaten ein.
Wie schon in den anderen Teilen dieser Reihe spielen Dackelin Finchen und Udo Lindenberg eine tragende Rolle.
Die Reihe punktet durch die Auftritte von Udo Lindenberg, diesmal ein wenig seriöser, sowie durch die Kulisse der Hansestadt. Ich bin ja ein Fan von beiden, daher vielleicht ein wenig befangen, was mein Urteil angeht.
Der Krimi liest sich leicht und locker, hat aber mit seinem Einblick in die Welt der Zeitungen einen ernsten Hintergrund. Man hört immer wieder von Zeitungen, die ihre Chefredakteure austauschen, die dann eine radikale Umstrukturierung vornehmen. Welche Dramen sich dahinter verbergen wird oft nicht bekannt.
Auch der Titel dieses nun mehr dritten Krimis stammt aus einem Song von Udo Lindenberg, diesmal „Horizont“.
Fazit:
Ein lockerer Krimi, der uns hinter die Kulissen von Hamburgs Reichen und Mächtigen blicken lässt. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.
Ein gelungener Überblick
111 Orte, die von deutscher Geschichte erzählen von Ralf Nestmeyer
Ralf Nestmeyer, den meisten von uns als Autor von Reiseberichten und Krimis bekannt, stellt uns in Rahmen der 111er-Reihe aus dem Verlag Emons 111 Orte vor, die deutsche Geschichte schrieben. Ein Überblick, der natürlich nicht vollständig sein kann und will.
Es ist nicht leicht, aus der langen Geschichte Deutschlands „nur“ 111 Meilensteine auszusuchen.
Die Auswahl ist natürlich subjektiv. Ich hätte ein paar andere gewählt, da ich als Österreicherin naturgemäß einen anderen Blick auf Deutschland habe.
Ralf Nestmeyer ordnet seine ausgewählten Orte chronologisch, soweit dies möglich ist.
Den Anfang macht die Schlacht im Teutoburger Wald (9 nach Christus), in der die Germanen unter Arminius den römischen Feldherrn Varus vernichtend geschlagen haben. Sein letzter, „Das Berghain“ in Berlin, der Mythos der Berliner Kultszene. Dazwischen liegen 2.000 Jahre Krieg und Frieden sowie Kultur und Subkultur. Dass Berlin mit 14 Nennungen ein Schwergewicht ist, liegt an der wechselvollen und interessanten Geschichte der ehemals geteilten Stadt
Es gibt auch fünf Orte an denen deutsche Geschichte geschrieben worden ist, die nicht in Deutschland liegen: Verdun (F/49), Auschwitz (PL/62), Bern (CH/71), Warschau (PL/91) und Prag (CZ/104).
Die meisten der vorgestellten Orte habe ich auf meinen literarischen Reisen bereits besucht. Gorleben (97) und Hoyerswerda (109) sowie Marktl (108) noch nicht. Ich denke, daran wird sich auch in Zukunft wenig ändern.
Zahlreiche andere unter diesen 111 habe ich schon persönlich besucht, da ich mich als Deutschland-Reisende oute. Augsburg, Berlin, Bremen und Bremerhaven (erst vor kurzem), Hamburg (immer wieder), Lübeck, Dresden, Nürnberg, Erfurt, Weimar, Köln und Dortmund.
Sehr beeindruckt hat mich die Führung in der alten Synagoge in Erfurt (5) oder die Stadt Weimar mit ihren Sehenswürdigkeiten wie das Goethe-Haus (20).
Jedenfalls bleiben noch zahlreiche andere Orte in Deutschland übrig, die ich demnächst besuchen werde.
Meine Meinung:
Ralf Nestmeyers Schreibstil macht Lust. die Koffer zu packen und an einen der angeführten Orte zu reisen. Wer abseits der ausgetretenen Touristenpfade wandeln möchte, dem seien die zahlreichen anderen Reiseziele der 111er-Reihe empfohlen.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Buch, das einen Überblick über ausgewählte 111 Orte, in denen deutsche Geschichte geschrieben worden ist, 5 Sterne.
Spannende Lesestunden
Über Leben und Tod von Florian Klenk
Journalist Florian Klenk und Gerichtsmediziner Dr. Christian Reiter kennen einander schon sehr lange. Gemeinsam betreiben sie seit längerer Zeit einen Podcast, den ich persönlich noch (?) nicht kenne. Das Buch macht Lust, den Podcast zu hören.
Worum geht’s?
Um nicht mehr oder weniger, als um die Arbeit eines Gerichtsmediziners, der nicht nur nach der Todesursache forscht sondern auch Gerichtsgutachten abgibt, wenn es darum geht, Gewaltopfern vor Gericht Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, was oft ander mangelnden Dokumentation durch nur unzureichend geschultes Personal in Polizeidienststellen und Notaufnahmen sehr schwierig ist.
Hier beklagt Dr. Reiter, dass aus Einsparungsgründen nur mehr wenige Autopsien vorgenommen werden, was zur Folge hat, dass der eine oder andere nicht natürliche Todesfall unentdeckt bleibt. So wie es beinahe bei einem seiner spektakulären Fällen gewesen wäre: Elfriede Blauensteiner, die ihre betagten Opfer mittels Medikamenten sediert und dann Kälte ausgesetzt hat, so dass der Eindruck eines Todes an Lungenentzündung entstanden ist.
Daneben erfahren wir einiges über historische Kriminalfälle, gestohlene Köpfe und besuchen Dr. Reiter sowohl in öffentlichen als auch in seinem privaten Museen.
Natürlich darf auch der Werdegang des Doyen der Gerichtsmedizin Österreichs nicht fehlen. Wie er selbst launig erzählt, wollte seine Mutter nicht, dass er Veterinärmedizin studiert, denn „die Landtierärzte saufen alle“. So gesehen ein Glück für die Gerichtsmedizin.
Ein traumatisches Erlebnis ist für ihn die Arbeit in Bangkok, wo Reiter bei der Identifizierung jener Menschen, die beim Absturz der LaudaAir Maschine ums Leben gekommen sind, hilft. Die Selektion in nichtasiatische und asiatische Opfer (schwarzhaarig oder nicht) führt dazu, dass zahlreiche Tote nicht identifiziert werden und ein einem Massengrab bestattet werden. Auch das Abnehmen von Zahnabdrücken bleibt nur nichtasiatischen Opfern vorbehalten.
Dr. Reiter macht hier ganz profan auf die Schwierigkeiten der Hinterbliebenen aufmerksam, die nicht sicher sein können, dass ein Angehöriger wirklich tot und identifiziert ist.
Meine Meinung:
Das Buch ist sehr gut gegliedert, wenn auch nicht unbedingt chronologisch. An manchen Stellen wirkt es wie eine zwanglose Plauderei aus dem Nähkästchen, was wohl dem Format Podcast geschuldet ist. Das hat mir gut gefallen, denn so kann der Laie die Arbeit eines Gerichtsmediziners leichter verstehen und auch annehmen. Viele Angehörige wollen ja, warum auch immer, nicht, dass ihre toten Lieben aufgeschnitten und untersucht werden. Florian Klenk versteht es, die Informationen gut verständlich und ohne Voyeurismus, der manchen seiner Journalistenkollegen zu eigen ist, darzulegen.
Zahlreiche eingestreute Anekdoten über bekannte historische Todesfälle ergänzen das Buch. So bringt Reiter den Nachweis, dass einzelne Haare, die man Beethoven zuschreibt, doch nicht dessen Kopf geziert haben.
Sehr gut hat mir der Ausflug in die Medizingeschichte gefallen. Schmunzeln musste ich über das Kapitel „Herr der Fliegen“.
Ich hätte mir ein wenig mehr über die Arbeit und technische Details zur Ursachenforschung gewünscht. Aber das ist Meckern auf höchstem Niveau.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Buch, das eine gute Mischung aus Medizingeschichte, Biografie sowie der Arbeit eines Gerichtsmediziners ist, 5 Sterne.
Ein komplexer historischer Krimi
Kalt fließt die Mosel von Petra Reategui
Petra Reategui nimmt uns in ihrem historischen Krimi an die Mosel, kurz nach der Kapitulation von Nazi-Deutschland und der Besetzung durch die Alliierten, mit. Waren es zunächst die Amerikaner, die das Moseltal verwaltet haben, so sind es nun die Franzosen, die nun das Sagen haben. Das deutsch/französische Verhältnis ist seit Jahrhunderten angespannt und dass die Besatzer alles, was einen Wert haben könnte als Reparationsleistung an sich nehmen, fördert das Zusammenleben nicht wirklich.
Zudem ist man auf der Suche nach Nazis, Deserteuren aller Armeen und versucht eine Ordnung aufrecht zu erhalten. Soweit das historische Umfeld, in der dieser Krimi spielt. Geografisch befinden wir uns zwischen Hunsrück und Maiental.
Eine junge hochschwangere, zunächst unbekannte Frau wird sterbend am Fuße eines Abhang gefunden. Während das Kind, ein Mädchen, gerettet werden kann, stirbt die junge Mutter in den Armen der Hebamme Eleonore „Ello“ Wiesrath. Ello kümmert sich um das Neugeborene, das die Verstorbene im Tagebuch „Hummelchen“ nennt, und entdeckt an seinem Popo, blaue Flecken, die sie der Sturzgeburt zuordnet.
Wenig später wird bekannt, dass ein Mann im nahen Steinbruch erschossen worden ist. Zufall?
Der französische Besatzungssoldat Jean-Paul Gourriérec und der ehemalige Wasserbauer Max Buchheim, der nun als Hilfsgendarm Dienst tut, beginnen mit den Ermittlungen sowohl was die tote Frau als auch die Leiche vom Steinbruch betrifft.
Im nahegelegenen Kloster erfährt Ello den Namen der toten Frau, Ida Rempin, und erhält ihre Habseligkeiten, ein Tagebuch und Babysachen. Das heißt, Selbstmord kann ausgeschlossen werden. Als sich dann noch Zeugen finden, die Ida mit einem Mann streiten haben sehen, liegt nahe, dass hier jemand nachgeholfen hat. Nur wer? Der Ehemann? Ein Geliebter? Der vermeintliche Kindesvater?
Dann gibt es noch eine Nebenhandlung, die im französischen Kriegsgefangenenlager spielt. Hier soll Sanan, ein kalmückischer Kriegsgefangener, an die UdSSR ausgeliefert werden, weil er in der deutschen Wehrmacht gekämpft hat.
Der französische Lagerarzt, der mit der Geschichte der Kalmücken vertraut ist, händigt Sanan falsche Papiere aus und lässt ihn nach Koblenz überstellen, wo er als Simon auf ein paar andere Kalmücken trifft.
Wenig später treffen Max, Jean Paul und Ello dort ein, da der Tote aus dem Steinbruch vermutlich ein russischer Zwangsarbeiter war. Nun ist Simon/Sanan als Dolmetscher gefragt. Während die Männer sich besprechen, sieht Ello ein Kleinkind, das nur mit einem Hemdchen bekleidet ist und auf dessen Po blaue Flecken zu sehen sind und erinnert sich an einen Vortrag in der Hebammenschule: Blaue Flecken am Steiß sind sogenannte Mongolenflecke, eine Pigmentveränderung, die vornehmlich Asiaten besitzen.
Meine Meinung:
Ich habe diesen historischen Krimi mit großem Interesse gelesen. Zunächst bedeutet ja das Ende der NS-Herrschaft für viele ein Aufatmen. Doch im Sommer 1945 benützen einige die Tage des Machtvakuums, um ihre persönlichen Rechnungen zu begleichen. Das Zusammenspiel zwischen den französischen Militärbehörden und den neu eingesetzten deutschen Hilfskräften wird hier ziemlich harmonisch dargestellt. Ob das wirklich überall so war?
Sehr gut ist die Geschichte der Kalmücken in den Krimi eingearbeitet. Ich habe dazu auch noch ein bisschen recherchiert. Die Kalmücken (eigentlich Oiraten) sind ein ursprünglich mongolisches und buddhistisches Nomadenvolk. In der Stalin-Ära wurden ihre Priester verfolgt, getötet und die Tempel zerstört. Während der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft wurden die Kalmücken so wie andere Nomadenvölker gewaltsam in Städten und Dörfern zur Sesshaftigkeit gezwungen. Im Zweiten Weltkriegs erobert die deutsche Wehrmacht das kalmückische Gebiet. Einige tausend Männer kämpften anschließend an der Seite von NS-Deutschland gegen die Sowjetunion. Da sie Nachfahren von Dschingis Khan sind und daher, nach der Diktion der NS-Rassenlehre, keine russischen oder slawischen Untermenschen waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg bezichtigte Stalin das gesamte Volk der Kollaboration und ließ die Menschen nach Sibirien deportieren.
Über den Mongolenfleck auf Hummelchens Popo musste ich sehr schmunzeln. Ich habe nämlich auch einen, der sogar in den medizinischen Geburtsbericht Eingang gefunden hat. Inzwischen ist er schon ziemlich verblasst. wenn man weiß, wo man suchen muss, kann man ihn erahnen. Gerüchten in meiner Familie zu Folge gibt es in der väterlichen, in Kärnten lebenden Zweig eine mongolische Urururgroßmutter.
Der Krimi ist komplex und in meinem Kopf ist ein mehrdimensionales Gebilde entstanden. Die Charaktere sind ausgefeilt und wirken glaubhaft in ihren Aktionen.
Gut gefällt mir, dass die Dorfbewohner so reden dürfen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Eine Übersetzung der Dialektpassagen findet sich im Anhang. Ebenso sind hier die jenen wenigen Dokumente und Quellen über die Kalmücken, die Petra Reategui ausfindig machen hat können, aufgelistet.
Ob es eine Fortsetzung gebe wird? Ich bin überzeugt, dass mehrere LeserInnen wissen wollen, wie es mit Ello, Hummelchen, Max und Sanan weitergeht.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem vielschichtigen Krimi aus der Nachkriegszeit 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Ist Gesundheit eine Frage des Geschlechts?
Diagnose: Frau von Christina Pingel
„Ist Gesundheit eine Frage des Geschlechts?“
Christina Pingel stellt diese provokante Frage und erzählt ihre Geschichte.
Sie ist ist neun Jahre alt, als ihre Mutter durch ein nicht vollständig behandeltes Herzleiden klinisch tot aufgefunden wird. Die Reanimation ist erfolgreich, doch auf Grund des Herzstillstands ist sie schwerbehindert.
Da der Ehemann mit der Pflege daheim überfordert ist, überstellt man sie in ein Pflegeheim, in dem sie einige Jahre später stirbt.
Wie sich wenig später zeigen wird, ist die Geschichte von Christinas Mutter auch Christinas Geschichte, selbst wenn die Ärzte das Gegenteil behaupten.
Denn als Christina bei sich ähnliche Symptome feststellt, wird sie als hysterisch hingestellt. Sie sei zu jung, für eine Herzerkrankung. Die Vorgeschichte ihrer Mutter wird nicht ernst genommen. Nach rund zehn Jahren, zahlreichen Panikattacken und einem inkompetenten jungen Mediziner in der Notaufnahme, lässt sie sich freiwillig für zwölf Wochen in die Psychiatrie einweisen. Bei einem Therapiegesprächsrunde, bei dem zahlreiche Ärzte hospitieren, ist jener Mann dabei. Sie erzählt von dem Vorfall in der Notaufnahme, was unter der Kollegen für Empörung sorgt. Diesmal wird eine PTBS festgestellt.
Um es kurz zu machen, nach einer schier endlosen Odyssee durch zahlreiche Ordinationen, gerät sie endlich an eine Kardiologin, die sie und ihre Beschwerden erstens ernst nimmt, und zweitens die richtige Diagnose stellt: Eine undichte Herzklappe, was zugegeben für Frauen Mitte dreißig eher selten ist.
Warum hat man den Herzklappenfehler, der vermutlich bereits seit ihrer Geburt besteht, nicht früher erkannt?
Wie wenig man sich mit dem jungen weiblichen Körper beschäftigt, merkt man auch, dass niemand fragt, in welchen Stadium ihres Monatszyklus‘ Christina sich am Vorabend der Operation befindet. Prompt wird sie wieder nach Hause geschickt. Erst im dritten Anlauf kann die Operation stattfinden, weil zuvor noch eines der wichtige Geräte defekt ist.
Auf ihrer langen Odyssee beschäftigt sich Christina Pingel vermehrt mit Gender Medizin, bzw. viel mehr mit dem Fehlen derselben. Medikament wurden und werden fast ausschließlich an Männern getestet.
Die eingangs gestellte Frage, ob Gesundheit eine Frage des Geschlechts ist, muss leider mit JA beantwortet werden.
Gender Medizin hat nichts mit Binnen-I oder Gender*Sternchen zu tun, sondern konzentriert sich auf die geschlechtsspezifische Erforschung und Behandlung von Krankheiten. Durch zahlreiche Studien ist inzwischen belegt, dass koronare Erkrankungen bei (jungen) Frauen nicht oder zu spät erkannt werden, wie es eben bei Christina Pingel und ihrer Mutter geschehen ist. Bei Männern hingegen werden psychische Erkrankungen zu wenig in Betracht gezogen.
Wie viel Arbeit hier noch zu tun ist, dass erst seit 2003 in der Berliner Charité Gender Medizin gelehrt wird. In Österreich gibt es seit 2010 einen Lehrstuhl für Gender Medizin in an der MedUni Wien und seit 2014 einen an der MedUni Innsbruck.
Fazit:
Diesem Buch, mit Christina Pingel aufrüttelt und Betroffenen klar macht, dass entsprechende medizinische Hilfe für alle da sein muss, gebe ich gerne 5 Sterne.
Erinnerungen an die Kindheit in den 1970er-Jahren
Wenn die Welt nach Sommer riecht von Herbert Dutzler
In diesem Roman begegnen wir Siegfried „Sigi“ und seiner Familie nach „Die Welt war eine Murmel“ und „Die Welt war voller Fragen“ ein drittes Mal. Er schließt nahtlos an die Vorgänger an. Doch lassen sich alle drei Bücher auch völlig unabhängig voneinander lesen, ohne dass man zuvor einen früheren Band gelesen haben muss.
Allerdings brächte man sich um einige köstliche Lesestunden, vor allem dann, wenn man selbst ein Kind der Sechziger-Jahre ist.
Zwar lassen sich nicht alle Erinnerungen des 13-jährigen Sigi, der auf dem Land aufwächst, auf Stadtkinder wie mich übertragen, doch teile ich zahlreiche Rückblicke, wie das ständige Rauchen der Erwachsenen. Meine Eltern haben jeweils zwei Packerl Zigaretten geraucht und ich musste meinen Lehrerinnen (reines Mädchengymnasium) immer erklären, dass ich selbst nicht rauche.
Sigi beginnt sich langsam für mehr als nur für die Apollo-Mission und Karl May zu interessieren. Mädchen rücken in seinen Fokus. Er erlebt die erste Zigarette und die erste vom Alkohol verursachte Übelkeit. Die Rivalität zwischen seiner Schwester und ihm wird stärker.
In der Schule, nunmehr vierte Klasse Gymnasium, stellt er nach wie vor neugierige Fragen, die ihm als ungebührliche Kritik ausgelegt werden. Die Erkenntnis, dass nach wie vor zahlreiche alte Nazis in den Schulen unterrichten, führt auch in seiner Schule zu Schülerprotesten, die es, in unterschiedlichen Ausprägungen, überall gegeben hat.
Auch die damaligen gesellschaftlichen Einstellungen innerhalb der Familie, ob Mütter und Ehefrauen „Nur-Hausfrauen“ zu sein haben, oder auch einer Berufstätigkeit nachgehen dürfen, wird an Hand von Sigis Familie sehr gut dargestellt. Sigis Mutter arbeitet Teilzeit in der dörflichen Apotheke, was ihr Mann äußerst argwöhnisch beobachtet. Denn er sieht seine Rolle als „Herr im Haus“ gefährdet, zumal der Apotheker ein allein stehender Mann ist. Sigis Vater greift immer häufiger zur Flasche und fürchtet um seine eigene Bequemlichkeit, wenn er sich das Bier oder die Jause selbst aus der Küche holen muss. Ja, das kenne ich auch aus meiner eigenen Familie sehr gut!
Schmunzeln musste ich an die Versuche, Zimmer zu vermieten. Hier kann Sigi erstmals seine Englisch-Kenntnisse und Kochkünste an englisch sprechenden Feriengästen ausprobieren, als die ein englisches Frühstück wollen.
Auch die Bezeichnung „Gammler“ für jene Studenten, die keinen militärisch kurzen Haarschnitt getragen haben, habe ich noch im Ohr. Darüber haben sich vor allem meine Großeltern ziemlich aufgeregt.
Fazit:
Gerne bin ich mit Sigi in die 1970er-Jahre eingetaucht, auch, wenn die eine oder andere Erinnerung für mich persönlich nicht so angenehm gewesen ist. Aber, das ist eine andere Geschichte. Für die von Sigi gibt es jedenfalls 5 Sterne.
Fesselnd bis zur letzten Seite
Die Gewalt des Sturms von Anna Johannsen; Elke Bergsma
Dem Ziel ihres geheimen Auftrags, den Maulwurf in der Auricher Dienststelle ausfindung zu machen und ihm das Handwerk zu legen, ist KHK Lina Lübbers noch nicht wirklich näher gekommen. Sie hat zwar die Dossiers über alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erhalten, trotzdem fällt es ihr schwer, einen konkreten Verdacht zu finden.
Noch kann sie niemanden ausschließen. Mitten in ihre Überlegungen platz der gewaltsame Tod des örtlichen Notars, der in seiner Kanzlei an einen Stuhl gefesselt gefunden worden ist. Der Tresor ist aufgebrochen und das Büro durchsucht worden.
Nahezu gleichzeitig wird der Inhaber einer kleinen Spedition beim Joggen auf einem Feldweg von einem Auto angefahren und tödlich verletzt liegen gelassen. Um die Aufklärung dieses Tötungsdelikts kümmert sich die interimistische Leiterin des Kommissariats Kea Siefken.
Bei ihren Recherchen stoßen sie auf eine Verbindung zwischen den beiden Toten. Diese Spur führt sie zu jenem niederländischen Clan, der seit längerem versucht, seine Drogengeschäfte in Ostfriesland zu etablieren.
Meine Meinung:
Diese Fortsetzung, der als Trilogie angelegten Mini-Serie hat mir gut gefallen. Ich habe das Buch in einer Nacht gelesen.
Die interessante Schreibweise hat das Autorinnen-Duo beibehalten: Die Handlung wird abwechselnd aus Keas und Linas Perspektive, jeweils in der Ich-Form, geschildert. Eine geschickte, wenn auch zu Beginn irritierende Idee! Nicht immer ist ganz eindeutig, in wessen Haut wir Leser nun stecken. Da ist aufmerksames Lesen notwendig, zumal es noch unausgesprochene Gedanken gibt, die in kursiver Schrift eingeschoben sind. Da ist das eine oder andere Blitzlicht über die oder den Kollegen auch amüsant, weil mitunter fehlinterpretiert.
Die Charaktere sind ausgefeilt und wirken recht authentisch. Die beiden Kommissarinnen sind „g’standene Frauen“, d.h. sie arbeiten doppelt soviel wie ihre männlichen Kollegen und sind sich in manchen Dingen ähnlicher als ihnen lieb ist, bzw. sie ahnen. Allerdings haben beide ihre persönlichen Schicksalspäckchen zu tragen. Die eine, alleinerziehend mit einer pubertierenden Tochter und einem etwas jüngeren Sohn, die sich auf den Ex- Mann und Kindesvater nicht immer verlassen kann und die andere, die ihre jüngere Schwester den Drogentod sterben hat sehen.
Ob die beiden Frauen dem De-Jong-Clan das Handwerk legen können, erfahren wir hoffentlich recht bald. Bis Jahresende soll ja Band drei („Die Kraft der Ebbe“) erscheinen, auf die ich mich sehr freue.
Fazit:
Eine gelungene Fortsetzung dieser Krimi-Reihe, der ich gerne 5 Sterne gebe.
Eine gelungene Fortsetzung
Eine Corsa in Triest von Christian Klinger
In seinem dritten Krimi rund um Gaetano Lamprecht erleben wir hautnah mit, wie es mit jenen Menschen weitergeht, die nun in Gebieten leben, die nach der Niederlage und dem Zerfall des Habsburgerreiches einem der Siegerstaaten zugesprochen worden sind. Die Hafenstadt Triest ist nun Teil Italiens obwohl auch der neu geschaffene SHS-Staat Jugoslawien Anspruch auf Triest erhebt.
Wie häufig, wird die Vergangenheit, auch wenn sie, wie im Fall Triests, mehrere Jahrhunderte Wohlstand gebracht hat, fanatisch ausgelöscht. Die Straßen und Plätze werden umbenannten, alle Insignien der Habsburger vernichtet, die deutsche Sprache verboten und die ehemaligen österreichischen Familien stehen ohne Arbeit und Staatsbürgerschaft da.
Auch die Familien Lamprecht ist davon betroffen. Franz Lamprecht, Monarchist bis in die Knochen, verliert seine Arbeit und man lebt recht und schlecht von den Ersparnissen, die nach der Währungsreform nur mehr einen Bruchteil des Wertes ausmachen als Gaetano 1919 gezeichnet aus dem Krieg zurückkommt. Die Welt in die Gaetano zurückkehrt, ist eine andere. Einzig sein Bianchi, sein Rennrad, ist wie zuvor.
Seine Arbeit als Polizist hat er verloren. Neu eingestellt werden nur noch Italiener. Schweren Herzens und zum Ärger des Vaters nimmt Gaetano die italienische Staatsbürgerschaft an. Seine Verdienste vor dem Krieg zählen nicht, so dass er als einfacher Agente ganz unten beginnen muss. Als Italiener kann er nun Federica, die Tochter seiner letzten Geliebten Alessia Pironi, die wie Tausende andere an der Spanischen Grippe gestorben ist, aus dem Waisenhaus holen und adoptieren. Auch das trägt zu Spannungen innerhalb der Familie Lamprecht bei.
Das politische Klima ist explosiv, denn sowohl die faschistischen Schwarzhemden als auch die Nationalisten versuchen die Herrschaft zu übernehmen. Natürlich werden dabei auch alte Rechnungen beglichen. Wie schon in den Vorgängern subtil beschrieben, ist auch die Polizei von beiden Gruppen unterwandert, was in der Verfolgung von Verbrechern natürlich auswirkt.
Als innerhalb der Schwarzhemden ein Streit ausbricht, der mit Waffengewalt ausgetragen wird, gerät Gaetano zwischen die rivalisierenden Gruppen und wird, kaum dass er mit seiner Suche nach dem vermissten Erfinder Walter Kinski begonnen hat, wieder vom Dienst suspendiert.
Doch nicht nur die Kollegen haben sich verändert. Auch in der Familie Lamprecht liegen die Nerven blank. Franz Lamprecht fühlt sich gedemütigt, weil er keine Einkünfte mehr hat. Adina, Gaetanos Schwester und Vertraute arbeitet, gegen den Willen des Vaters, seit kurzem in einem Architekturbüro. Dort lernt sie ihren Mann kennen, der mit den Faschisten sympathisiert. Als dann noch sein Bruder Ladislaus, der nach dem Tod seiner Frau häufig in Frauenkleidern zu sehen ist, Selbstmord begeht, steht für Franz Lamprecht fest, dass er, wie so viele österreichische Familien, mit seiner Frau Elodie Triest verlassen wird.
Meine Meinung:
Christian Klinger zeichnet in diesem dritten Band ein düsteres Bild der Hafenstadt Triest. Die alte Ordnung der Habsburger ist passé, eine neue hat sich noch nicht etabliert. Ein idealer Nährboden für allerlei Defraudanten und Verbrecher. Wir begegnen Gabriele D’Annunzio, der in der Stadt Fiume (heute Rijeka in Kroatien) seine eigene Herrschaft ausgerufen hat oder Camillo Castiglioni (1879-1957), einem Industriellen und Börsenspekulanten der dem (fiktiven) Walter Kinski Kapital zur Weiterentwicklung des Elektroautos geben soll. Dass er die Konstruktionspläne eines gewissen Ferdinand Porsche gestohlen hat, tut dem Erfindergeist keinen Abbruch. Geld wird Kinski trotz der gewonnenen Wettfahrt („Corsa“) mit Gaetano am Beifahrersitz, nicht erhalten. Der Elektromotor verliert den Kampf gegen die Verbrennermotoren, unter anderem auch deshalb, weil die Öllobby die Welt mit einem Tankstellennetz überzieht und die Reichweite des Verbrenners weit über jener des Elektromotors liegt.
Wie der technikbegeisterte Gaetano dazu kommt, mit Kinksi die Corsa in Triest zu fahren, müsst ihr selbst lesen.
Wie schon in den anderen Gaetano-Lamprecht-Krimis beschreibt Autor Christian Klinger das Leben in der Hafenstadt. Doch nun, 1919/20 ist die Stadt nicht nur den Bewohnern, sondern auch uns Lesern ein wenig fremd geworden. Die Stimmung ist trist und aufgeheizt zugleich. Alle Nicht-Italiener, seien es Österreicher oder Slowenen müssen um ihre Sicherheit bangen. Die Vorboten der Faschisten, die unter Mussolini wenige Jahre später die Macht ergreifen, hinterlassen deutliche Spuren. Deshalb tritt die Krimihandlung ein wenig zu Gunsten eines historischen Romans zurück.
Der verlorene Weltkrieg und seine Folgen hat bei Gaetano deutliche Spuren hinterlassen. Nicht nur, dass er deutlich sichtbare Narben an seinem Körper trägt, ist er manchmal gezwungen, seine Schmerzen mit Morphium zu betäuben. Die Erlebnisse im Krieg haben ihn seine Unbekümmertheit verlieren und ihn reifen lassen. Er ist nicht mehr der Frauenschwarm wie zuvor.
Geschickt verknüpft Autor Christian Klinger, dessen Wahlheimat Triest geworden ist, Fakten und Fiktion. Ich mag den unaufgeregten Schreibstil des Autors, der das Lebensgefühl einer längst vergangenen Epoche wieder auferstehen lässt.
Wie es mit Gaetano in Triest weitergehen wird? Wird er sich den neuen politischen Gegebenheiten anpassen oder wieder anecken? Wie wird Gaetanos Zusammenleben mit Adina und ihrem Mann verlaufen?
Fazit:
Gerne gebe ich diesem historischen Krimi, der die Geschichte einer altösterreichischen Familie im nunmehr italienischen Triest, sehr gut erzählt, 5 Sterne.
Penibel recherchiert und gekonnt erzählt
Schwestern im Geiste von Marie Pierre
Mit dieser historischen Roman tauchen wir abermals in das Reichsland Elsass - Lothringen, genauer in das Städtchen Thionville oder, wie es jetzt auf Deutsch heißt: Diedenhofen ein.
Die eine oder andere Schülerin hat hat das Pensionat an der Mosel verlassen und doch hat Schulleiterin Pauline Martin mit den elf verbliebenen Mädchen jede Menge zu tun.
Manchmal ist sie überzeugt,
„dass es wesentlich einfacher sein musste, einen ganz Sack Flöhe zu hüten, als ein knappes Dutzend halbwüchsiger Backfische. Besonders, wenn gerade der Frühling vor der Tür stand...“
Auch bei den Lehrkräften bahnt sich ein Wechsel an, so dass die augenblickliche Aufregung durchaus legitim ist: Rhona O’Meally kommt als neue Lehrerin für Englisch und Musik ins Institut. Mit ihr zieht nicht nur frischer Wind in Sachen englischer Literatur durch die Schule, sondern auch etwas Geheimnisvolles. Zunächst zeigt sie bei der Vorstellungsrunde, dass auch ungehörigen Bemerkungen, wie jenen von Charlotte, geschickt zu parieren weiß:
„...Wir Iren sind aus hartem Holz geschnitzt. Da bedarf es weitaus mehr als der ungezogenen Bemerkung eines unreifen Görs, um mich zu treffen...“
Und Charlotte wird diejenige sein, die für Unruhen im Pensionat sorgt. So spielt plötzlich die jüdische Herkunft von Esther ebenso eine Rolle wie die Tatsache, dass Louises Vater ein Sozialist ist.
Als dann noch antipreußische Parolen unter anderem auf den Flohturm geschmiert werden und Charlottes Kette sowie Geld verschwindet, sieht sich der unsympathische Polizist Wachtmeister Schrotherr bemüßigt, in der Schule zu ermitteln und Pauline mit der Schließung der Schule zu drohen. Allerdings gelingt es Hauptmann Erich von Pliesnitz, der im ersten Teil noch als „Häuptling Gnadenlos“ verschrien war, gemeinsam mit dem Gärtner Vincent Lehmann, den er eigentlich als Konkurrenten um Pauline sieht, das Schlimmste abwenden. Das geht sogar soweit, dass er seinen Burschen Franzl dazu abstellt, die Schule zu beobachten.
Meine Meinung:
Die Autorin hat hier eine großartige Fortsetzung geschrieben, die mehr als ein Geheimnis enthält, die letztlich enthüllt werden. Doch bis dahin müssen wir mit den Protagonisten bangen, ob sich alles zum Guten wendet. Marie Pierre hat, wie sie im Nachwort schreibt, sehr viel Recherche betrieben, um ihren Roman in ein historisch korrektes Umfeld einzubetten. So mag ich das! Nichts finde ich peinlicher als Recherchefehler und sprachliche Ausrutscher in eine moderne Ausdrucksweise.
Der Schreibstil ist ausgefeilt und ich durfte so herrlich altmodische Wörter wie kujonieren wieder lesen. Die in französisch und Thionviller Platt eingestreuten Redewendungen machen das Buch authentisch. Keine Angst! In einem ausführlichen Glossar werden diese Ausdrücke übersetzt. Die meisten lassen sich aus dem Zusammenhang allerdings gut nachvollziehen.
Einer meiner Lieblingssätze ist folgender:
„..Jemanden wie Charlotte traue ich nur so weit, wie man ein Klavier werfen kann, und das ist nicht besonders weit...“
Sehr gut gefällt mir, weil vortrefflich gelungen, wie sich das „Stammpersonal“, also jene Figuren wie Pauline, Esther, Louise, Charlotte und Lisbeth sowie die Erich von Pliesnitz, Vincent oder auch Thomas entwickeln. Nicht immer zu ihrem Vorteil, aber das braucht eine abwechslungsreiche Geschichte, um ihre Leserinnen zu fesseln. Mit Rhona O’Meally hat die Autorin eine interessante neue Figur eingeführt, die einiges mit Pauline gemeinsam hat, sich aber dennoch deutlich von ihr unterscheidet. Schade, dass ihr Auftritt nur auf diesen zweiten Band beschränkt ist. Er wird nicht mehr lange dauern, dass sich ihr prophetischer Satz bewahrheitet.
"...Irgendwann wird ein großer Krieg wie ein Brand durch die Welt laufen und die alte Ordnung zerstören..."
Erich von Pliesnitz macht die größte Entwicklung durch, auch wenn er manchmal nach wie vor der Meinung ist, dass Weibsbilder immer für Unruhe sorgen. Aber, man weiß ja, dass die Preußen nicht so schnell schießen. Lassen wir Hauptmann von Pliesnitz jene Zeit, um sich zu verändern. Da er den Karneval und das Gedöns, das darum gemacht, wird nicht leiden kann, hat er meine volle Sympathie.
Im Nachwort geht die Autorin nochmals ausführlich auf die Themen Freiheitskampf in Irland, Antisemitismus und die Präsenz des Deutschen Militärs im Reichsland Elsass – Lothringen ein.
Ein Personenverzeichnis gleich zu Beginn, historische Fotos auf der inneren vorderer Umschlagseite, das bereits erwähnte Glossar sowie eine Karte von Diedenhofen im Anhang des Buches ergänzen den zweiten Teil der Trilogie. Ich freue mich schon auf den dritten Teil, der im Februar 2025 erscheinen wird.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem penibel recherchierten und opulent erzählten historischen Roman 5 Sterne und eine Leseempfehlung.











