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Rezensionen von cosmea:
Der Stock steht über allem
Die Honeys (Erstauflage mit gestaltetem Farbschnitt): Ein queerer Mystery-Thriller für Fans von Pretty Little Liars von Ryan La Sala
Die Zwillinge Mars und Caroline waren einander als Kinder sehr nahe. Die Sommer verbrachten sie zusammen in der Sommer-Akademie in Aspen, wo die Reichen ihre Kinder hinschicken, damit sie ein abwechslungsreiches Leben in der Gemeinschaft kennenlernen und Aspens Werte – Tradition, Charakter, Geist - verinnerlichen.
Der genderfluide Mars wird jedoch schikaniert und nach einem nicht einmal von ihm verschuldeten Vorfall nach Hause geschickt. Die Geschwister haben seitdem keinen engen Kontakt mehr. Jahre später kommt Caroline überraschend und völlig verändert nach Hause und stirbt unter tragischen Umständen. Mars empfindet große Trauer und besteht darauf, ihren Platz im Camp einzunehmen, um herauszufinden, was dort passiert ist. Bei der Trauerfeier hat er ihre Freundinnen, die wunderschönen Honeys kennengelernt. Von ihnen erhofft er sich die Antworten auf all seine Fragen. Der Leser begleitet Mars bei seinen Versuchen, ein Teil der Gemeinschaft zu werden und sich trotzdem als der zu behaupten, der er ist. Er freundet sich mit den Honeys an, die sich weit von allen anderen entfernt am anderen Ufer des Sees um die Bienenzucht und Honiggewinnung kümmern. Die meisten jugendlichen Teilnehmer des Camps begegnen ihm jedoch feindselig. Mars entdeckt Geheimnisse, die von der Leitung des Camps geleugnet und vertuscht werden.
In der zweiten Hälfte des Romans nehmen Fantasy- und Horrorelemente zu, und nicht nur der Protagonist weiß nicht, ob das, was er zu sehen meint, real ist. Er hat Alpträume und bewegt sich in die Vergangenheit und Zukunft. Mehrmals gerät er selbst in große Gefahr. Am Schluss steht die Erkenntnis, dass es den Mächtigen und Reichen, die die Akademie betreiben, um die Erhaltung ihres Rufs und um den größtmöglichen Profit beim Verkauf des legendären Schattenhonigs geht.
Ryan La Salas Roman ist dem Genre Young Adult Horror zuzuordnen. Obwohl das Buch eine Vielzahl von Themen in guter sprachlicher Qualität behandelt, wie zum Beispiel Genderfluidität, Selbstfindung, Trauer und Verlust, bin ich nicht begeistert, weil mir dieses Genre nicht gefällt.
Mord im Emsland
Vor der Stille von Anna Johannsen
Im dritten Fall der Serie werden Kommissarin Hanna Will und Kriminalpsychologe Jan de Bruyn ins Emsland geschickt, um die Polizisten vor Ort bei der Aufklärung des Mordes an der jungen Lisa Kramer zu unterstützen, da diese bei den Ermittlungen nicht weiterkommen. Lisas Leiche wurde aus dem Fluss geborgen.
Die Obduktion ergibt aber schon bald, dass das Wasser in ihrer Lunge aus ihrer eigenen Badewanne stammt. Es gibt mehrere Verdächtige, aber keine Beweise und vor allem kein Motiv. Schon bald stellt sich heraus, dass Lisa ihren Lebensunterhalt mit Online-Prostitution verdiente, indem sie Bilder und Videos ohne direkten Kontakt mit den Kunden ins Netz stellt. Ihr Freund Dennis Schlömer war zugleich ihr „Manager“ oder treffender formuliert ihr E-Zuhälter. Ihre Kunden zahlten viel Geld für Abos und Sonderwünsche. Das Motiv für den Mord könnte Erpressung sein, denn niemand will, dass solche Aktivitäten ans Licht kommen und ist bereit, viel Geld dafür zu bezahlen, damit das nicht geschieht.
Lange tappen alle beteiligten Ermittler im Dunkeln. Die Beamten vom LKA stoßen auf weitere Verdächtige und lösen schließlich den Fall. Der Leser verfolgt die konfliktreiche, schlecht funktionierende Zusammenarbeit der LKA-Ermittler mit der örtlichen Polizei und ihre sich langsam entwickelnde Beziehungsgeschichte, die sie auf eine gemeinsame Reise führen wird. Besonders spannend ist das alles nicht. Ich habe oft erlebt, dass Krimihandlung und Liebesgeschichte schlecht zusammenpassen und letztlich nur einen mittelmäßigen Roman ergeben. Neben der fehlenden Spannung stört mich auch die schlechte sprachliche Qualität des Romans. Es gibt jede Menge Fehler und ausgesprochen unübliche Formulierungen. Insgesamt bin ich etwas enttäuscht von dem Buch.
Familie ist kompliziert
Intermezzo von Sally Rooney
In Sally Rooneys neuem Roman “Intermezzo“ geht es um die Brüder Peter und Yvan, deren Vater kurz zuvor an Krebs gestorben ist. Sie trauern, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Zu Beginn der Geschichte ist Peter Anfang 30, Yvan knapp 23. Als Yvan ein Junge war, hatten sie ein sehr gutes Verhältnis.
Inzwischen haben sie sich auseinandergelebt. Der Jüngere hasst den Älteren, denn dieser spielt mit großer Arroganz seine Überlegenheit aus. Er ist Menschenrechtsanwalt, während Ivan seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs wie Datenanalyse verdient. Schon als Junge war er ein sehr guter Schachspieler, aber in den letzten beiden Jahren ist sein Ranking immer schlechter geworden. Peter wirkt nur nach außen sehr erfolgreich, befindet sich aber tatsächlich in einer tiefen Krise, die er nur mit Medikamenten, sehr viel Alkohol und Drogen übersteht. Er sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben, denkt immer häufiger an Selbstmord. Vor Jahren hat sich Sylvia, die Liebe seines Lebens von ihm getrennt, als sie durch einen Unfall schwer verletzt wurde und seitdem unter unerträglichen Schmerzen leidet. Sie wollte nicht bemitleidet werden und Peter eine normale Beziehung mit einer neuen Partnerin ermöglichen. Peter hat sich in die 23jährige Studentin Naomi verliebt, kann aber Sylvia nicht aufgeben. Er will mit beiden in enger Verbindung bleiben. Bei einem Simultanschachturnier lernt Ivan Margaret, die Leiterin des Kulturamts kennen. Die beiden beginnen eine Beziehung mit einander, die sie nur kurze Zeit geheim halten können. Margaret hat sich kürzlich von ihrem Mann getrennt und ist mit 36 deutlich älter als ihr Partner. Sie fürchtet, nun Zielscheibe von Klatsch und Verachtung zu werden.
Rooney erzählt die Geschichte aus Peters, Ivans und Margarets Perspektive. Es geht um Liebe und Trennung, Verlust und Trauer und vor allem um die Komplexität von familiären Beziehungen. Da ist nicht nur die Entfremdung zwischen den Brüdern, alle haben auch ein sehr schwieriges Verhältnis zu ihren Müttern. Neben dem Thema Familie geht es auch um andere Dinge z.B., dass die Beziehung eines Mannes zu einer deutlich jüngeren Frau problemlos akzeptiert wird, während im umgekehrten Fall der Ruf der Frau ruiniert ist. Der umfangreiche Roman liest sich nicht leicht, vor allem wegen des besonderen Stils der Autorin. Sie kennzeichnet nicht nur wörtliche Rede nicht durch die Interpunktion, sondern reiht auch seitenlang ohne Absätze Gedanken und Empfindungen in einer Art Bewusstseinsstrom aneinander, was manchmal künstlich und überstrapaziert wirkt. Das betrifft vor allem die Kapitel, in denen es um Peter geht. Wenn man sich daran gewöhnt hat, ist der Roman trotzdem lesenswert.
Der Wunsch nach ewiger Jugend
Bis in alle Endlichkeit von James Kestrel
Privatdetektiv Lee Crowe entdeckt eines Tages auf dem Dach eines Rolls Royce die Leiche einer attraktiven jungen Frau. Sie muss aus großer Höhe gestürzt sein, um das Auto dermaßen zu beschädigen. Der Gerichtsmediziner und die Polizei glauben an einen Suizid und ermitteln nicht ernsthaft. Ihre Mutter, die einflussreiche und sehr wohlhabende Olivia Gravesend glaubt nicht daran und engagiert Crowe, um den Tod ihrer Tochter aufzuklären.
Für den Detektiv wird es schnell gefährlich. Als er Claires Wohnung in Boston untersuchen will, versucht ein Unbekannter ihn zu ermorden. In einer weiteren Unterkunft von Claire trifft er auf eine junge Frau, die der Toten zum Verwechseln ähnlich sieht. Auch sie hat die seltsamen kreisrunden Narben entlang der Wirbelsäule. Crowe stößt auf eine geheime Gruppe, die sich über Möglichkeiten, für viel Geld ewige Jugend zu erlangen informiert. Wie das geschehen soll, wird im Laufe der Geschichte beschrieben. Lee Crowe entdeckt bei seinen Ermittlungen, dass der Anwalt Jim Gardner, der ihm nach seinem tätlichen Angriff auf den Partner seiner Ex-Frau, einen Richter am kalifornischen Supreme Court, der das Ende seiner eigenen Karriere als Anwalt bedeutete, Aufträge verschafft, selbst in sehr zweifelhafte Machenschaften verwickelt ist.
Ich hatte nach der Lektüre des Romans “Fünf Winter“ von James Kestrel sehr hohe Erwartungen an dieses Buch und bin etwas enttäuscht. Es liest sich nicht schlecht, aber es enthält zu viele unrealistische Elemente, und mir fehlt der historische Kontext, der “Fünf Winter“ diese überragende Qualität verleiht. Tatsächlich handelt es sich hier ja auch nicht um den Nachfolger des vielfach ausgezeichneten Romans, sondern um ein Buch, das vorher nicht unter dem Pseudonym James Kestrel, sondern unter dem Namen des Autors Jonathan Moore erschienen ist. Am Ende des vorliegenden Titels wird Crowe von einer Figur des Romans ein neuer Fall angeboten, so dass mit einer Fortsetzung zu rechnen ist.
Die Vergangenheit holt Annika ein
Tage mit Milena von Katrin Burseg
Die Mitfünfzigerin Annika Oelkers lebt mit ihrem Mann Hendrik in Lübeck. Dort führt sie den Papierwarenladen ihres Schwiegervaters und verkauft edle Papiersorten und Grußkarten, die sie zum Teil selbst entwirft, während ihr Mann auf einem Feld pestizidfreie Blumen zieht und die Sträuße dann auf dem Markt verkauft.
Eines Tages kauft die 17jährige Klimaaktivistin Luzie bei Annika Sekundenkleber und klebt sich wenig später bei einer Demo der Klimaaktivisten auf der Straße fest. Sofort denkt Annika an über 30 Jahre zurückliegende Ereignisse, als sie mit ihrer besten Freundin Milena und dem gemeinsamen Freund Matti in der Hamburger Hausbesetzerszene aktiv war. Damals starb Milena, und Annika hat sich immer mitschuldig an ihrem Tod gefühlt. Seitdem hat sie diese traumatische Erfahrung und andere Ereignisse verdrängt und nicht einmal ihrem Mann alles erzählt. Sie will nun Luzie retten und von der Teilnahme an gefährlichen Aktionen abhalten, doch Luzie beharrt zunächst auf ihrem Engagement. Bei den aktuellen Demos trifft Annika den alten Bekannten Guido wieder, der einiges völlig anders darstellt, als Annika es in Erinnerung hat. Unter anderem erfährt sie, dass die Gruppe damals den Kontakt zu ihr abgebrochen hat, weil man sie für einen Polizeispitzel hielt. Zusammen mit Luzie macht sie sich auf den Weg nach Italien, um Matti zu finden und endlich die Wahrheit über die damaligen Ereignisse zu erfahren und mit der Vergangenheit abzuschließen.
Burseg erzählt eine gut recherchierte Geschichte auf zwei Zeitebenen, die die damaligen Vorgänge in Hamburg mit den aktuellen Themen rund um den Klimawandel verbindet. Dadurch erfährt der Leser im Detail, was in den 80er Jahren in Hamburg geschah, als die alten Häuser in der Hafenstraße zugunsten von hässlichen modernen Bauten abgerissen werden sollten und die Hundertschaften der Polizei mit illegalen, unfassbar brutalen Maßnahmen gegen die Hausbesetzer vorgingen, so dass sich schließlich auch Menschen aus gutbürgerlichen Verhältnissen mit den Aktivisten solidarisierten. Das ist interessant und informativ, aber nicht durchweg spannend. Erst am Ende wird es zunehmend spannender, als Annika endlich auch ihren Mann über ihre Vergangenheit informiert und Hendrik dabei manches erfährt, was ihn auch selbst betrifft. Ich hatte keine Schwierigkeiten, den beiden Erzählsträngen auf den ständig wechselnden Zeitebenen zu folgen und fand den Roman auch sprachlich überzeugend.
Elisabeth Brugger passiert das Leben
Nur nachts ist es hell von Judith W. Taschler
Im Jahr 1972 mit fast 80 beschließt Elisabeth, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Sie wendet sich dabei an ein zunächst nicht identifiziertes Du. Später erfährt der Leser, dass es sich um Christina, die Enkelin eines ihrer zwölf Jahre älteren Zwillingsbrüder handelt. Elisabeth hat drei ältere Geschwister, außer den Zwillingen Carl und Eugen noch den fünf Jahre älteren Bruder Gustav, der im 1.
Weltkrieg stirbt. Elisabeth heiratet seinen besten Freund Georg Tichy, Sohn eines Arztes, der den Krieg überlebt, aber einen Arm verliert. Während des Krieges arbeitet Elisabeth als Lazarettschwester und setzt sich danach gegen alle Widerstände mit ihrem Wunsch durch, Medizin zu studieren, absolut ungewöhnlich für eine Frau zur damaligen Zeit. Sie führt mit ihrem Mann zusammen eine Praxis, wo sie auch mit vielen traurigen Schicksalen konfrontiert wird – schwer verletzten Frauen, die wegen der verbotenen Abtreibung bei einer Engelmacherin Hilfe gesucht haben und häufig nicht überleben. Elisabeth erzählt, was den Mitgliedern ihrer vielköpfigen Familie in zwei Kriegen widerfuhr, wie sie den Nationalsozialismus in Österreich überstanden und irgendwie überlebt haben oder auch nicht. Dabei erfährt der Leser von Familiengeheimnissen und allen Arten von Konflikten. Die Geschichte liest sich nicht mühelos, weil Elisabeth nicht chronologisch berichtet und man immer wieder den Stammbaum am Ende konsultieren muss, um die Personen richtig zuordnen zu können. Elisabeth blickt auf ein ereignisreiches Leben mit Erfolgen, aber auch mit Fehlschlägen zurück. Sie hat vielen Menschen geholfen, weiß aber, dass sie keine besonders gute Ehefrau und Mutter war. Sie fragt ihre beste Freundin Franzi eines Tages: „Ach Franzi, was ist uns passiert?“ „Das Leben!“ antwortet sie ihr (S. 293).
Mir hat Judith W. Taschlers neuer Roman wieder gut gefallen und wird sicher nicht mein letztes Buch dieser Autorin bleiben.
Soll man Erinnerungen vergessen oder festhalten?
Das Pfauengemälde von Maria Bidian
Die Protagonistin von Maria Bidians Debütroman “Das Pfauengemälde“ ist eine hübsche junge Frau namens Ana. Zwei Jahre vor der Erzählgegenwart ist ihr Vater plötzlich verstorben, und sie empfindet noch immer tiefe Trauer. Außerdem macht sie sich Vorwürfe, dass sie ihn damals allein von Deutschland in die rumänische Heimat hat reisen lassen.
Jetzt fährt Ana mit dem Zug nach Rumänien, weil ihre Familie wie viele andere, die zur Zeit des Kommunismus enteignet wurden, ihr Eigentum zurückbekommt. Im Fall von Anas Familie ist es das Rumänische Haus, geplündert und heruntergekommen, das für einen Teil der Verwandtschaft einen hohen ideellen Wert hat, für andere dagegen eher ein Spekulationsobjekt darstellt, mit dem sich vielleicht eine Menge Geld verdienen lässt. Außerdem will Ana endlich das berühmte Pfauengemälde sehen, das ihr Vater ihr vermachen wollte. Durch Ana lernt der Leser nicht nur eine riesige, schier unüberschaubare Familie kennen, sondern wird zugleich in ein Jahrhundert wechselvoller rumänischer Geschichte eingeführt, wobei der Ära Ceaucescu mit ihrer berüchtigten Geheimpolizei Securitate eine besondere Bedeutung zukommt. Auch Anas Vater Nicu saß im Gefängnis und wurde gefoltert. Ana sieht immer wieder ihren Vater vor sich und erlebt erneut viele Begebenheiten, die sie nie vergessen hat. Träume, Erinnerungen und reales Geschehen gehen dabei in der Erzählung übergangslos in einander über, so dass die zeitliche Zuordnung für den Leser oft schwierig ist. Sie hat einen freundschaftlichen Kontakt zu zwei jungen Leuten namens Raluca und Viorel, mit denen sie in einer Episode ausgelassen feiert und lernt Elise, die erste Frau ihres Vaters kennen, die ihr wertvolle Informationen vermittelt, u.a. was es mit dem Pfauengemälde eigentlich auf sich hat.
Mir hat der Roman gut gefallen, obwohl man bei der Personenvielfalt öfter den Überblick verliert. Er ist eine Mischung aus Familiengeschichte und historischer Aufarbeitung und lässt den Leser an Anas Weg der Selbstfindung teilhaben. Mir haben auch die poetische Sprache und die eingefügten Gedichtzeilen gut gefallen. Insgesamt ist es ein bemerkenswertes Debüt mit kleinen Schwächen, das ich nur empfehlen kann.
Eine obsessive Liebe
Mein Mann von Maud Ventura
In Maud Venturas Debütroman “Mein Mann“ beschreibt eine namenlose 40jährige eine Woche aus ihrem Leben. Sie liebt ihren Mann seit 15 Jahren und immer noch wie am ersten Tag. Das Paar hatte keinen einfachen Start, denn während der Ehemann aus einer gutsituierten bürgerlichen Familie kommt, stammt seine Frau aus sehr einfachen Verhältnissen.
Sie musste vieles anhand von Büchern lernen, zum Beispiel gutes Benehmen und das richtige Auftreten bei gesellschaftlichen Anlässen. Das Paar hat zwei Kinder, einen Sohn, 9 und eine Tochter, 8. Die Ich-Erzählerin behauptet, ihre Kinder zu lieben, ist aber keine gute Mutter. Zu sehr stört es sie, dass die Kinder so viel Zeit und Aufmerksamkeit beanspruchen und – je älter sie werden – die abends allein mit ihrem Mann verbrachte Zeit immer weniger wird. Die Ehefrau will Beweise dafür, dass ihr Mann sie genauso liebt wie sie ihn und fordert, dass er seine Liebe immer wieder mit Liebeserklärungen und Zärtlichkeiten demonstriert. Tut er das nicht, wird er nach einem speziell von ihr ausgearbeitetem Katalog bestraft. Zum Beispiel geht sie erst beim dritten Mal ans Telefon, wenn er sie anruft. Im schlimmsten Fall betrügt sie ihn mit irgendeiner Zufallsbekanntschaft. Mit ihrer obsessiven Liebe und ihrem exzessiven Kontrollverhalten gefährdet sie ihre Beziehung und denkt auch im Erzählzeitraum ständig daran, dass ihr Mann sie verlassen wird, obwohl es dafür bisher keine Anzeichen gibt. Die ungewöhnliche Geschichte einer Ehe liest sich sehr gut und hat einen überraschenden Schluss, mit dem ich nicht gerechnet hätte. Es gibt unendlich viele Romane über das Thema Liebe, aber “Mein Mann“ ist anders als alles, was ich kenne, weil es hier um einen psychisch gestörten Kontrollfreak geht, eine Frau, die nicht begreift, dass ihr gesamtes Verhalten nichts mit Liebe zu tun hat. Sehr empfehlenswert.
Was macht eine Familie aus?
Juli, August, September von Olga Grjasnowa
Olga Grjasnowas neuer Roman “Juli, August, September“ ist den Monaten im Titel entsprechend in drei Abschnitte unterteilt. Im ersten berichtet Ich-Erzählerin Ludmilla genannt Lou über ihr Leben in Berlin. Sie ist in zweiter Ehe mit dem Pianisten Sergej verheiratet, der wegen der zahlreichen Konzerte nur wenig Zeit zu Hause mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter Rosa verbringt.
Das Ehepaar hat jüdische Wurzeln, aber die Religion spielt in ihrem Leben keine große Rolle. In erster Ehe war sie für kurze Zeit mit David verheiratet, der sie dann plötzlich verließ, weil er die Religion für sich entdeckt und nach Israel ausgewandert war. Lous weitverzweigte Familie stammte aus der ehemaligen Sowjetunion und wanderte zum großen Teil nach Israel aus. Man kennt und versteht sich nicht sehr gut. Deshalb zögert Lou zunächst, als ihre Mutter vorschlägt, an einem großen Familientreffen auf Gran Canaria teilzunehmen. Maya, die jüngere Schwester von Lous verstorbener Großmutter Rosa, will dort ihren 90. Geburtstag feiern. Über dieses Treffen berichtet Lou im zweiten Abschnitt. Die Begegnung der Familienmitglieder verläuft alles andere als harmonisch. Maya erfindet ihre eigene Version der Vergangenheit, in der sie sich besonders vorteilhaft präsentiert. Lou ist schnell klar, dass hier viele Lügen erzählt werden. Sie will die Wahrheit wissen und stellt viele Fragen, bekommt aber längst nicht immer eine Antwort. Was genau hat Großmutter Rosa erlebt, und warum musste Urgroßvater Boris sterben? Weil ihr all das keine Ruhe lässt, fliegt Lou im dritten Teil nach Israel, fragt erneut die widerstrebende Maya aus und besucht eine Gedenkstätte. Bei ihrer Rückkehr muss sie sich um eine Annäherung an ihren Mann bemühen, der offensichtlich gerade eine Krise durchlebt.
Grjasnowas Roman liest sich gut und gefällt mir aus verschiedenen Gründen. Er gewährt einen Einblick in jüdisches Leben in Vergangenheit und Gegenwart, vor allem beschäftigt er sich mit der Frage, was Familie ausmacht und wie sich die eigene Identität definiert. Auch sprachlich hat mich das Buch überzeugt. Deshalb spreche ich eine unbedingte Empfehlung aus.
Ein Wassertropfen reist durch die Zeit und um die Welt
Am Himmel die Flüsse von Elif Shafak
In Elif Shafaks neuem Buch “Am Himmel die Flüsse“ geht es um drei wichtige Personen auf verschiedenen Zeitebenen und das zentrale Element Wasser. Das 9jährige ezidische Mädchen Narin soll 2014 am Tigris in der Türkei nach traditionellen Riten im Fluss getauft werden. Die Wasserforscherin Zaleekha betreibt ihre Forschungen 2018, und ein armer Engländer namens Arthur, "König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere", lebt Mitte des 19.
Jahrhunderts in äußerster Armut am Ufer der Themse. Sein Grab findet Narin in der Nähe der Grabstätte ihrer Ururgroßmutter Leila. Auch Assurbanipal, ein mächtiger, grausamer König von Mesopotamien in der Urzeit spielt eine Rolle ebenso wie das Gilgamesch-Epos, verfasst vor rund 5000 Jahren und eine der ältesten Dichtungen der Welt. Das Element, das sie alle verbinden soll, ist Wasser, genauer gesagt ein Wassertropfen, der immer wieder neue Erscheinungsformen annimmt, in dieser Geschichte fast personifiziert wirkt. Es geht um Vergangenheit und Gegenwart, um die Folgen uralter Konflikte und Geheimnisse, die noch nicht aufgedeckt wurden.
Shafaks Geschichte ist nicht leicht zu lesen. Der Roman ist sehr umfangreich, sehr detailliert, und mich stören sprachliche Manierismen. Die Wortwahl wirkt auf mich teilweise merkwürdig versponnen, die Ausdrucksweise ein wenig gestelzt. Dennoch ist das Werk schon beeindruckend und empfehlenswert, vor allem weil es Massaker zur Sprache bringt, die nicht nur in vergangenen Jahrhunderten begangen wurden, sondern zum Beispiel noch 2014 unbeachtet vor den Augen der Welt stattfanden. Die Autorin thematisiert außerdem immer wieder die Frage, welches Recht europäische Länder hatten und haben, bei Ausgrabungen entdeckte Kunstschätze außer Landes zu schaffen, in Museen auszustellen oder für große Summen an reiche Sammler zu verkaufen. Insgesamt ist "Am Himmel die Flüsse" eine lohnende Lektüre, aber man braucht ein wenig Ausdauer.











